19. Februar 2017

Von Pol zu Pol

Ein Spiel wie das von Hertha gestern gegen den FC Bayern lässt man am besten einen Tag liegen, bevor man sich dazu äußert. Denn es hatte ein paar "talking points". Vor allem einen "big (talking) point". Denn Hertha lag bis nach der 95. Minute mit 1:0 in Führung, dann fiel aber doch noch der Ausgleich, und von drei "big points" für die Tabelle blieb nur einer.

Dass zu diesem Zeitpunkt noch gespielt wurde, hatte mit einer unterschiedlich interpretierbaren Anzahl von Unterbrechungen zu tun, und diese hatten wiederum mit der guten Leistung von Hertha zu tun. Ganz anders als gegen Schalke präsentierte sich die Mannschaft höchst lebendig, das Konzept beruhte keineswegs nur auf Einbunkerung, sondern man hat Hertha lange nicht so aktiv spielen gesehen. Die ersten zehn Minuten machte die Mannschaft geradezu das Spiel.

In anderen Fällen kann man ja oft den Eindruck gewinnen, dass das Spielfeld für Hertha von einem eigentümlichen Magnetismus geprägt ist: die Bälle finden mehr oder weniger von selbst immer zu Jarstein und den beiden Innenverteidigern, die gesamte innere Ausrichtung des Spiels geht nach hinten. Dieses Mal aber wusste Hertha, wo das Tor steht. Die zentrale Formation war auch entsprechend ein wenig verändert, Skjelbred spielte weiter vorn als gewohnt, Stark sicherte hinter ihm ab, tauchte aber auch manchmal am Sechzehner auf. Darida komplettierte ein sehr variables Dreieck.

Der Führungstreffer beruhte auf einem Freistoß, bei dem selbst die Zeitlupen nicht genau erkennen ließen, ob Plattenhardt wirklich gefoult worden war. Er brachte den Ball dann vom Punkt so gefährlich an den ersten Pfosten, dass Ibisevic ihn in Manier eines echten Topstürmers verwerten konnte. Der Kapitän arbeitete mit einer Aufopferung, dass man ihm eigentlich abnehmen könnte, dass er schon nach einer Stunde einen Krampf hatte. Es war die erste von zwei einschlägigen Unterbrechungen, die schließlich zu fünf Minuten angezeigter Nachspielzeit führten.

Ich hätte auf vier Minuten getippt, und zwar deswegen, weil Hertha über diese Konzessionen an das enorm strapaziöse Spiel hinaus eigentlich nicht groß auf Zeitgewinn spielte. All die kleinen Tricks, die in solchen Situationen zur Routine gehören, unterblieben, das Spiel war die meiste Zeit höchst lebendig.

Es war toll, wie John Brooks in so einem großen Spiel auch einmal die Herausforderung annahm und sich als künftiger möglicher Kapitän zeigte (oder am Beginn einer internationalen Karriere). Stark hat seinen Vertrag verlängert, er könnte gemeinsam mit Weiser und Plattenhardt, mit dem hoffentlich bis ins Dino-Zoff-Alter spielenden Jarstein, mit Darida und ein paar künftigen Entdeckungen eine Hertha-Generation prägen - wenn das Team nicht nächste Woche wieder in den Trott zurückfällt und sich dem Magnetismus überlässt.

Die Nachspielzeit wurde also mit fünf Minuten angezeigt. Der Coach hatte sich für diese Minuten etwas aufgespart, er hatte zuvor schon Ibisevic den verdienten vorzeitigen Abgang gegeben, nun warteten noch zwei Reservisten. Es ist allerdings bekannt, dass Schiedsrichter dieser bewährten Methode, Zeit von der Uhr zu nehmen, häufig begegnen, indem sie weitere Zeit auf die Uhr laden. Das Foul von Pekarik an Coman geschah just zu Beginn der Nachspielzeit der Nachspielzeit. Kaum ein Referee auf der Welt hätte danach den Freistoß nicht mehr ausführen lassen.

Und da merkte man dann halt doch, dass die Köpfe schon fast leer waren. Nicht nur dem BVB-Boss Watzke, der sich im ZDF entsprechend äußerte, war aufgefallen, dass Robben doch mehr oder weniger unübersehbar da hinter dem Elfer lauerte. Nur von Herthas Spielern auf dem Platz sah es niemand. Das war die eine Naivität, die der großartige Kampf davor mit sich gebracht hatte. Die Bayern feierten einen Last-Minute-Punkt wie einen Sieg - auch darauf kann Hertha stolz sein.

Mit diesem Spiel kann die Rückrunde nun eigentlich so richtig beginnen. Jetzt kommen die Gegner, bei denen es zählt, wie Hertha auftritt und was die Mannschaft herausholt. Es soll auch ein neuer Rasen kommen. Das würde sicher nicht schaden, dann von nun an wird Hertha wieder häufiger das Spiel machen müssen. Dass sie das auch gegen den FC Bayern phasenweise gezeigt hat, dürfen wir als Zeichen für vorsichtigen Optimismus nehmen. Und dieser Punkt könnte am Ende noch einmal viel wert sein.



Eingestellt von marxelinho am 19. Februar 2017.
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16. Februar 2017

Das schwächste Glied sitzt auf der Bank

Gestern habe ich wieder einmal eine Regel verletzt, die ich mir vor einem Jahr verordnet habe: no second screen. Soll heißen: während ich ein Fußballspiel schaue, habe ich kein Telefon bei der Hand, lese ich keinen Twitter-Feed mit, und vor allem schicke ich auch keine Botschaften in die Welt hinaus. Das Debakel von Arsenal vom FC Bayern hat mich aber so mitgenommen, dass ich doch einen Vorschlag loswerden wollte: ich wäre sehr dafür, Arsène Wenger zu feuern. Das ist zwar absolut undenkbar, und wäre auch ein sehr unrühmliches Ende seiner großen Karriere bei Arsenal.

Aber wäre es nicht doch eine Überlegung wert angesichts des Umstands, dass Arsenal zum Ende von Wengers langem Niedergang (er begann für meine Begriffe 2008 oder, in einer gewissen Optik, auch schon 2006 mit dem CL-Finale gegen Barcelona) Gefahr läuft, sämtliche Saisonziele zu verfehlen - also auch die Teilnahme an der nächsten CL. Dieses Jahr ist nach dem 1:5 von gestern ja wieder einmal im März Schluss.

In der Allianz-Arena kam alles zusammen, was sich über viele Monate kurzfristig und über viele Jahre langfristig entwickelt hat: Arsenal ist in keinerlei Hinsicht mit der Elite konkurrenzfähig. Die Gegentore waren so etwas wie ein Katalog der Nachlässigkeiten, mit denen Wenger sich seit langem arrangiert hat: Robben zieht nach innen, Coquelin spekuliert auf dessen rechten Fuß, und öffnet ihm die Bahn für den linken, der bekanntlich eine Waffe ist. Coquelin ist so etwas wie Wengers Müller: Coquelin spielt immer. Allerdings aus den falschen Gründen.

Es ist natürlich hart, einen durchschnittlichen Fußballer, den die konzeptuelle Trägheit von Wenger zu einem Stammspieler auf einer neuralgischen Position werden ließ, mit Patrick Vieira oder auch nur Arturo Vidal zu vergleichen, aber gestern schien Wenger ja selber eine Ahnung von den Defiziten zu haben. Anders ist kaum zu erklären, dass Oxlade-Chamberlain den Auftrag hatte, defensiv mit Coquelin und Xhaka eine Dreierkette zu bilden. Das führte ganz spät zu der Situation, dass der Ox vor dem eigenen Strafraum einen Ball nicht verarbeiten konnte, was zum 1:5 führte.

Es brachte aber auch mit sich, dass die gesamte Defensivarbeit von Arsenal aus dem Lot war, ohne dass Thiago im überladenen Zentrum dadurch gestört worden wäre oder auch nur Xabi Alonso, der den Pass vor dem 1:3 spielte. Die Flügel gehörten sowieso den Bayern, wobei der linke nicht so auffiel, weil rechts halt die Post abging. Alex Iwobi schätze ich sehr, aber er bräuchte längst eine Pause. Sanchez ist viel besser, wenn er von außen kommt, aber Wenger weigert sich schon das ganze Jahr hindurch, mit einem Mittelstürmer zu spielen. Dabei steht derzeit auch der famose Danny Welbeck wieder zur Verfügung.

Der Kader von Arsenal enthält viel Qualität, allerdings mangelt es an entscheidenden Stellen: Shkodran Mustafi, der eine Menge Geld gekostet hat, ist just another BFG, der sich pro Spiel gerade die zwei, drei Mal abkochen lässt, die dann meistens den negativen Unterschied ausmachen. Koscielny, der einzige Klassemann für die Innenverteidigung, schied gegen Bayern nach der Pause verletzt aus, danach begann das Desaster erst so richtig desaströs zu werden.

Wenn man gesehen hat, wie absolut ratlos Arsenal erst neulich gegen Chelsea war, sie sehr die Mannschaft in der Liga an Autorität eingebüßt hat (ohne drei skandalöse, spielentscheidende Fehlentscheidungen jeweils in der Nachspielzeit stünde Arsenal auf Platz 7), dann kann man sich nur wunder darübern, dass Wenger neulich ein neuer Zweijahresvertrag angeboten wurde.

Und damit komme ich zu der Bilanz des gestrigen Abends: Arsenal spielt schon lange so, dass ich mich im Grunde über Siege nicht mehr freuen kann, weil sie den Blick auf die Wirklichkeit verstellen. Der Club ist auf allen Ebenen von massiven Dysfunktionalitäten geprägt. Allerdings ist er erst dieses Jahr in eine Situation geraten, in der die exzellenten Voraussetzungen (die in den nuller Jahren geschaffen wurden) so richtig in großem Stil verspielt werden könnten. Die Niederlage gegen Bayern, die nichts anderes war als ein Offenbarungseid, sollte nun zumindest darüber Klarheit geschaffen haben, dass es nicht einfach so weitergehen kann.

Der depressive Mesut Özil und der zornige Alexis Sanchez werden sich das jedenfalls nicht mehr lange anschauen. Aber das Board wird vermutlich Wenger das Vertrauen aussprechen, dass er rund um Coquelin eine neue, junge Mannschaft entwerfen kann.


Eingestellt von marxelinho am 16. Februar 2017.
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11. Februar 2017

Das Team ohne Eigenschaften

Halten wir kurz einmal inne: Hertha BSC wird kommende Saison nach menschlichem Ermessen wohl wieder in der ersten Liga spielen. Das wäre die fünfte Spielzeit in Folge in der obersten Klasse. Das ist nicht gering einzuschätzen nach dem Chaosjahren, die auf das Scheitern von Lucie Favre folgten.

Warum aber bedarf es dieser Rationalisierung? Weil Hertha derzeit vermutlich den schlechtesten, sicher aber den langweiligsten Fußball in dieser Liga spielt (Wolfsburg und Augsburg vielleicht einmal ausgenommen, aber will man sich wirklich auf dieses Niveau begeben?). Auch gegen Schalke 04 war es, selbst wenn man die schweren Beine aus dem Cupspiel einrechnet, ein würdeloser Auftritt, der mit einer vollkommen verdienten Niederlage endete.

Damit ist die Liste der dürftigen Spiele jetzt schon einigermaßen lang. Und die Ursachenforschung wird nicht einfacher dadurch, dass die Defizite sich sehr gleichmäßig über die gesamte Elf mit Ausnahme des Torhüters verteilen. In der Arena von Gelsenkirchen war die Absicht über weite Strecken der ersten Halbzeit klar zu sehen: Die Mannschaft hatte den Auftrag, über Antifußball ins Spiel zu kommen. Ungefähr drei Umschaltsituationen wurden angenommen, der Rest war Spielvermeidung, mit dem Problem, dass Schalke trotzdem zu viele Räume hatte.

Das Verhalten bei sogenannten zweiten Bällen ist bezeichnend. Hertha weigert sich, in solchen Situationen ins Risiko zu gehen. Damit werden natürlich die Situationen seltener, in denen überhaupt etwas passieren kann. Dass Kalou vor dem ersten Gegentor schläft, ist ärgerlich, aber wichtiger ist vielleicht, dass er offensiv schon lange an keinem Gegner mehr vorbeikommt - das gilt allerdings für Haraguchi gleichermaßen.

Im Zentrum scheint es derzeit egal zu sein, wer spielt - es kommt immer ein anonymer Auftritt heraus, wobei Lustenbergers Probleme mit Goretzka nur die Kehrseite seines schwachen Positionsspiels bei Ballbesitz sind. Dass Allan nicht mehr der nächste Dahoud wird, ist klar, dass er aber seit der Winterpause gar keine Rolle mehr spielt, erschließt sich angesichts der schwachen Konkurrenz nicht.

Es ist wohl vor allem Zeit, mit einem Irrtum aufzuräumen: Hertha ist nicht kompakt. Das 1:1 im Pokal in Dortmund war trügerisch. Der BVB hat schon die ganze Saison große Probleme, Tore zu schießen. Hertha aber bekommt mit großer Verlässlichkeit welche, mit der Ausnahme von Ingolstadt, und auch das war ein weniger souveräner Auftritt, als es das Ergebnis verrät.

Das Problem dürfte mit dem Selbstverständnis der Mannschaft zu tun haben. Sie hat offensichtlich keines. Wie oft habe ich das schon geschrieben? Es ist fast so etwas wie der Hertha-Refrain. Das Team ohne Eigenschaften. Man kann nicht mit einer Konzeption, die eher nach Darmstadt gehört, nach den Qualitäten suchen, die RB Leipzig gerade verloren gehen. Es braucht einen integrierten Ansatz, man kann nicht jedesmal abwarten, wie sich das Spiel denn so entwickelt, und ob man irgendwie hineinfindet. Die Betonung liegt auf irgendwie.

Natürlich ist die Rückrunde noch jung, und es kann schon sein, dass mit Weiser und Duda (sollten sie noch einmal eine größere Rolle spielen dieses Jahr) ein wenig Spielkultur zurückkehrt. Im Moment aber ist es peinlich, dass Hertha sich selbst mit dem Europacup in Verbindung gebracht hat. Das ist kein Bewerb, in den man sich mogeln kann. Deswegen kann die Devise für die nächsten Spiele nur sein: Niederlagen können passieren, aber Respekt kann man sich auch in solchen Spielen verdienen. Dann kommt vielleicht irgendwann die Qualität. Derzeit spielt Hertha so, dass man sich nur genieren kann.



Eingestellt von marxelinho am 11. Februar 2017.
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Harald Schuster
meint um 12. Februar 2017 12:52:05

Danke für den Kommentar. Insbesondere die Betonung der Peinlichkeit der fussballerischen Auftritte der Mannschaft findet meine Zustimmung. Wenn Kalou schon immer als der Spieler herhalten muss, der sooo!technisch versiert und spielintelligent ist, dann kann man nur bedauernd den Kopf schütteln. Die Vermutung das er in keiner anderen Bundesliga Mannschaft, die unter den ersten 10-12 stehen einen Stammplatz hätte, ist nicht vermessen. Aber viel wesentlicher ist für mich, daß Dardai und Widmayer das Team, bei allen möglichen vorhandenen Defiziten nicht weiter entwickeln bzw. keine zukunftweisende Spielidee realisieren können. Die Statements Dardais in der Öffentlichkeit sind bei allem Verständis für seine Verantwortung gegenüber seiner Mannschaft ausgesprochen dünn. Immer nur den Männersport zu betonen ist nicht hilfreich und nicht klug. Ich nehme an, daß wir, wie in all den vergangenen Jahren am Ende der Saison wieder einmal eine Mannschaft erlebt haben werden, die aus lauter Angst vor dem Gewinnen, auch noch vergißt Fussball zu spielen.

Valdano
meint um 13. Februar 2017 20:59:11

Wer ist Duda? Was die Frage nach sich zieht: Wer hat ihn gekauft, nach dem Medizintest? Es ist, abgesehen von der latenten Überschätzung Dardais, vielleicht doch mal wieder die Frage wert, was denn eigentlich der Manager, der Sportdirektor, der ewige Preetz tut. Schalke war noch nicht einmal zwingend, auch diese Mannschaft fühlt sich gar nicht wohl, wenn sie Dominanz ausüben muss, das war gegen Ingolstadt und Frankfurt zu sehen. Hertha hat aus diesen Schalker Heimspielerfahrungen offenbar nichts mitgenommen, obgleich einem jede Videoanalyse gezeigt hätte, wie leicht Schalke im eigenen Stadion verwundet werden kann. Das wiederum, ganz ohne Preetz' Beitrag, hätte Dardai aufarbeiten müssen. Goretzka war zwar sehr stark, aber wenn man die Entstehungsgeschichte der beiden Tore ansieht, waren die Hertha-Fehler und Schlampigkeit gravierender und ausschlaggebender als die Klasse von Goretzka bzw. Burgstaller. Gruß von Valdano

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09. Februar 2017

Vom Punkt nicht auf den Punkt gekommen

Wenn es im Fußball ein stehendes K.O. gibt, dann war es am Mittwochabend bei Borussia Dortmund gegen Hertha im Pokal-Achtelfinale zu erleben. Es war allerdings so, dass irgendwie beide Mannschaften bedient waren. 120 Minuten dauerte der Kampf, die letzten zwanzig waren nur noch geprägt von dem Bemühen, über die Zeit zu kommen. So kann Hertha sich immerhin auf die pure Fahne schreiben, eine deutlich hochkarätigere Mannschaft an den Rand der Erschöpfung, und darüber hinaus, getrieben zu haben. Für mehr reichte die Qualität (und die Konzentration) dann allerdings nicht.

Fünf schwache Elfmeter ließen schließlich doch den Favoriten weiterkommen - in ein Viertelfinale gegen die Sportfreunde Lotte. Lustenberger an die Querlatte, Darida in die Ecke, die Bürki aus Freiburg kannte, Esswein zentral und brachial, geht sich gerade so aus, Allagui auf Bürki, der Ball kullert aber über die Linie, und schließlich Kalou: er trifft das Tor nicht. Da waren die enormen Anstrengungen des Bollwerkens dann doch nicht mehr zu kaschieren.

Der Coach hatte das Team an einer Stelle verändert: Stark für Lustenberger im zentralen Mittelfeld, Darida rückte wieder nach vorn auf die Position, die ihm am besten entspricht. Hinten fehlten außen zwei prägende Spieler des Jahrgangs: Weiser und Plattenhardt. Der BVB war in der ersten Halbzeit nicht zwingend, und Hertha bekam Gelegenheiten - in einem Spiel, in dem es endlich wieder einmal vollkommen zulässig war, das Vorgehen ganz und gar auf das auszurichten, was der Gegner so anbietet.

Nach dem Führungstreffer durch Kalou (Vorbereitung durch Stark) war die entscheidende Phase dann die gleich nach der Pause. Da hatte Hertha zehn, fünfzehn Minuten lang Glück, dass ihr das Spiel nicht um die Ohren flog, so phänomenal waren da Passspiel und Laufwege beim BVB. In dieser Phase fehlte es an Geistesgegenwart, besonders deutlich beim (zu) schnellen Ausgleich, als die Schwarzgelben eine ganze Armada am Elferpunkt stehen hatten, aus der Pulisic sich einen aussuchen konnte: es war Reus.

Der Treffer hat eine lange Vorgeschichte, denn bei Hertha gibt es immer wieder Szenen, in denen im Strafraum einfach nicht konsequent genug verteidigt wird, sodass es zu Gegentreffern im zweiten, dritten Ansetzen kommt (vergleiche das Tor von Toprak gegen Leverkusen).

Schieber kam früh, nämlich schon nach einer Stunde, für Ibisevic, bei dem die Reporter inzwischen die torlosen Minuten zu zählen beginnen. Es sind das aber die Minuten der ganzen Mannschaft, die den Mittelstürmer zwingt, sich viel weiter hinten einzubringen, als es seinen Intuitionen und seine Physis zuträglich sein kann. Er zeigt zwar immer wieder ein kluges Kombinationsspiel (in den Ansätzen, auf die Hertha sich derzeit insgesamt beschränkt), aber er kommt kaum in Situationen, in denen er seinen "Riecher" gebrauchen kann.

Bleibt als Ergebnis aus Dortmund die Kompaktheit. Selbst Kalou trug bis zum Ende sein Bestmögliches dazu bei, mit dem Ergebnis, dass ihm beim Elfmeter ein paar Hunderstelpromille Sauerstoff im Hirn gefehlt haben werden. Hertha kann das Gefühl haben, gestärkt in den Ligabetrieb zurückzukehren, auch wenn gegen Schalke die Beine sicher noch tonnenschwer sein werden.

Blauweißer Mann des Spiels: John Brooks. Fiel schon mit dem Kopfball vor der großen Chance von Ibisevic auf, wurde mit jeder Minute sicherer, zum Ende hin der berühmte Turm in der Schlacht.

Stilmittel des Spiels: die Bartra-Pässe. Der Begriff des Packings hatte ja nur ein Turnier lang Konjunktur, gestern zeigte der Spanier, was er kann, wenn er sich konzentriert. Er überwindet immer wieder zwei Linien mit einer Idee. Brooks, Langkamp, Stark, aber vor allem auch die potentiellen Empfänger solcher Pässe (die ja entsprechend irgendwo einlaufen müssen) sollten das studieren. Denn Hertha wird bald wieder auf Gegner treffen, die ihr eine andere Rolle zuweisen als der BVB.



Eingestellt von marxelinho am 09. Februar 2017.
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05. Februar 2017

Komische Fragen

Die Freitagspiele der Bundesliga sind eine nützliche Angelegenheit. Ich bekomme da immer wieder Mannschaften zu sehen, von denen ich nicht so viel weiß, und es gibt auch immer wieder einen Eindruck davon, wo die Liga insgesamt gerade so steht. Vorgestern hatte HSV-Leverkusen laufen, ohne Ton, was den chaotischen Gesamteindruck noch verstärkte. Ein wildes Gegurke, das aber doch irgendwie ein richtiges Ende fand, mit einem ebenso zufälligen wie folgerichtigen Kopfballtor nach einer zweimal angesetzten, hoch spekulativen Flanke.

Warum erzähle ich das? Weil Pal Dardai am Samstag in der Pressekonferenz nach dem 1:0-Heimsieg gegen Ingolstadt etwas Bedeutsames gesagt hat: das Gegurke, die langen Bälle, das Umgehen des Spiels zugunsten permanenten Gestochers und eines langen Zweikampfgewimmels, all das ist nicht Stil von Hertha BSC. Hertha steht für Passpiel. Der Rasen im Olympiastadion gibt das zur Zeit nicht her. Die Spieler haben zwar "hervorragend geackert", allerdings nicht in dem Sinn, wie der HSV das am Freitagabend getan hat. Sie haben im Acker ein Spiel gesucht, wie in dem Gleichnis aus dem Matthäus-Evangelium.

Der Hintergrund zu dieser kleinen Erörterung der Bodenverhältnisse liegt in dem Umstand, dass der Sieg gegen die Schanzer die Situation nicht geklärt hat. Das Tor fiel schon in der 2. Minute, und danach verfestigte sich immer mehr der Eindruck, dass das auch die einzige Möglichkeit war. So handelt es sich bei diesem Ergebnis wohl um ein "0:0, das sich als 1:0 verkleidet hat" (in Abwandlung von Thomas Tuchels Statement über ein 4:0 des BVB gegen Leipzig gestern, das sich auch als 1:0 verkleidet hat).

Das erste Heimspiel in der Rückrunde sollte ein wenig Klarheit bringen über die Möglichkeiten von Hertha in dem kommenden Halbjahr. Es gibt deutliche Mangelerscheinungen zu bemerken, die an trüben Tagen (Berlin zeigte sich gestern insgesamt von seiner unangenehmsten Seite) leicht als Krise durchgehen.

Der Sieg gegen Ingolstadt war schon das absolute Minimum, das eine Mannschaft von sich verlangen muss, die offiziell nach Europa will. Es wurde dann aber auch noch extra minimalistisch erreicht. Unsicher erscheint nun zusehends, ob Hertha unter Dardai eigentlich schon einmal mehr vom Spiel wusste als derzeit. Das ist eindeutig der Fall. Fragt sich also, ob die derzeitig Spielschwäche einfach mit individuellen Formkurven (Darida) oder mit einem ungenügenden Konzept zu tun hat.

Am ehesten scheint es mit einer allgemeinen Einstellung zu tun zu haben. Viele Hertha-Spieler machen den Eindruck einer gewissen Genügsamkeit, jedenfall sind sie nicht "hungrig", wie man das von großen Sportlern oft sagt. Die Mannschaft will nichts falsch machen, kommt so aber kaum einmal zum Richtigen. Auch nicht in einer Formation mit Darida auf der 8 und Stocker auf der 10.

Dahinter steht vielleicht diese Idee, dass die Spiele hinten hinaus mehr hergeben, man sie also nur solange herunterkühlen muss, bis sich am Ende ein Fenster der Gelegenheit ergibt. Zuletzt war Hertha zu diesem Zeitpunkt aber immer schon zwei Tore zurück.

Pal Dardai sprach von "komischen Fragen", als jemand von ihm wissen wollte, warum Hertha nach dem frühen Führungstor gegen Ingolstadt nicht befreit aufgespielt habe. Von einer Befreiung war das Spiel tatsächlich weit entfernt. Die Fragen aber sind in der Sache berechtigt. Sie müsste am ehesten so gestellt werden: Wie will eine Mannschaft mit einem Konzept radikaler Durchschnittlichkeit sich im ersten Drittel behaupten? Das ist die Krise, die man natürlich jederzeit beenden kann, indem man Platz 9 als das neue Saisonziel ausgibt. Man kann sie aber auch beenden, indem man sich mit dieser Mediokrität (sie prägt Hertha derzeit fundamental) nicht zufriedengibt.

Das Spiel gegen Ingolstadt war dazu nicht die beste Gelegenheit. Das Spiel auf Schalke hingegen wird eine ideale Gelegenheit. (Und das Pokalspiel gegen den BVB kann Energien freisetzen.)


Eingestellt von marxelinho am 05. Februar 2017.
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Natalie Keil
meint um 5. Februar 2017 15:44:05

Wird Dardai dünnhäutiger? Irgendwas ist jedenfalls, er hat sonst immer locker reagiert und zuletzt fühlte er sich mehrmals angegriffen. Was ich mich in der ganzen Situation frage ist, was ist da Widmeyers Part? Dardai ist doch eigentlich der Motivator, das gelang doch auch schon. Wir reden ja von denselben Spielern. Dardai ist doch nicht der Typ für Genügsamkeit im Team. Dagegen spricht auch das Saisonziel. Dennoch bleibt die Frage, was los ist. Ich finde das auch so diffus, wie die Frage allgemein ist.

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30. Januar 2017

Schrott ist ein Rohstoff

Drei Punkte aus drei Spielen hat Pal Dardai angeblich für den Auftakt im neuen Jahr eingeplant. Das ist also mit dem Heimspiel gegen Ingolstadt am kommenden Wochenende immer noch drin. Allerdings wirkt die Ansage doch seltsam defensiv, und sie passt nicht zu dem Projekt, dieses Jahr eine direkte Qualifikation für Europa zu erreichen. Hat der Trainer dieses Projekt also schon ad acta gelegt?

Es lohnt sich, auf die Zwischentöne der beiden Trainer in der Pressekonferenz zu hören. Christian Streich weiß ja auch, dass das "kein Leckerbissen" war. Freiburg hat allerdings den eigenen Matchplan durchgesetzt, Hertha hingegen sah schlecht aus, jedenfalls, wenn man die Ansprüche und die Tabellenposition mitbedenkt.

Sonst könnte man nämlich einfach sagen: Nun gut, das ist eben der Alltag der Liga, zwei Teams, die sich irgendwie über Wasser halten wollen, haben sich auf niedrigem Niveau miteinander auseinandergesetzt. Manchmal schlägt eine Mannschaft der anderen ein Schnippchen (Frankfurt am Freitagabend auf Schalke, ein furchtbares Spiel). Manchmal setzt sich dann doch die geringfügig bessere Mannschaft durch. So war es am Sonntagnachmittag in Freiburg.

Hertha war eindeutig die schlechtere Mannschaft. Mit der Aufgabe, das Spiel zu machen, war sie fast vollständig überfordert. Der Unterschied war nicht allzu groß, er lässt sich noch kleinreden, aber de facto ist er enorm. Freiburg spielte vollkommen im Einklang mit seinem Projekt. Hertha spielte diametral im Missklang mit ihrem Projekt. Da man aber Projekte nicht dauernd neu definieren kann (auch wenn Pal Dardai es heimlich schon tut), muss man schauen, woran das spielerische Unvermögen liegt.

Hertha hat eigentlich den ganzen Herbst hindurch noch tendenziell auch eher Spielverderberfußball gespielt, wie ihn Eintracht Frankfurt spielt, und wie ihn auch Freiburg spielt (bei allerdings nicht unbeträchtlicher Kompetenz im Detail). Die erste Halbzeit im Breisgau ergab dann allerdings eine eindeutige Rollenverteilung. Hertha hatte den Ball, kam damit aber nicht weit.

Das wichtigste Problem ist schon lange offensichtlich, es wird derzeit nur durch die schwache Form von Darida verschärft: das Zentrum ist steril. Skjelbred und Lustenberger sind inzwischen nahezu identische Spieler, beide denken strikt nach hinten (auch wenn Skjelbred dieses Mal sogar einmal auf das Tor schoss), sie spielen fast vollständig mit dem Rücken zum gegnerischen Tor.

In einem engen Spiel kommt es aber darauf an, die wenigen Gelegenheiten zu nützen, in denen einmal Unordnung herrscht, in denen aus einem zweiten Ball vielleicht ein dritter oder vierter wird, und dann müsste mal jemand einen interessanten Pass spielen. Dazu muss man sich aber auch herausfordern, indem man die Sicherheitsablage nach hinten nicht zum prägenden Stilmittel macht.

Pal Dardai wechselte gestern einmal die ganze Flügelformation aus, eigentlich aber braucht er einen neuen 6er und 8er, die Variante mit Stark kann er gegen Ingolstadt schon einmal vergessen.

Wie kommt eine Mannschaft ins Spiel? Das ist das große Rätsel, vor dem gerade die Bundesliga steht, die mit vielen grundkompetenten, aber weitgehend biederen Mannschaften ein Mittelmaß erzeugt, dem Hertha sich allmählich entziehen wollte. Es scheint, dass dafür das Personal nicht vorhanden ist. Mitchell Weisers Dynamik konnte phasenweise die ganze Formation mitreißen, es ist bestürzend, dass er so sehr fehlt.

Mangelnde Laufbereitschaft ist sicher ein Faktor, auch gegen Freiburg blieb Hertha im untersten Bereich, auf jeden Fall war das Engagement insgesamt vor allem in der ersten Halbzeit bescheiden. Die Spieler verstecken sich miteinander voreinander.

Hertha wäre zu nett, hieß es die ganze letzte Woche. Das geht am Problem vorbei. Hertha hat eine Identitätskrise. Eine Weile hatten wir schon gehofft, dass Pal Dardai diese Krise lösen kann. Und die Möglichkeit besteht ja auch nach wie vor. Nur zur Zeit strahlt auch er eher Ratlosigkeit aus. Immerhin habe die Mannschaft keinen "Schrott" gespielt. Man muss ihm wiedersprachen. Es war Schrott. Aber auch daraus kann man etwas machen.


Eingestellt von marxelinho am 30. Januar 2017.
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Natalie Keil
meint um 30. Januar 2017 19:09:22

Komplett Deiner Meinung. Und das DM, lustig, habe heute genau dasselbe gesagt. PS und FL, das ist dasselbe. Ach, ich habe gehofft, es wird bessser und fühle mich vom Murmeltier gegrüßt. Das Phlegma macht mich fertig.

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23. Januar 2017

Quatsch mit Sauce

Hertha kann keine Rückrunde. Dieser Verdacht taucht in diesem neuen Jahr schon nach dem ersten Spiel auf, das nominell sogar noch zur Vorrunde zu zählen ist. 1:3 gegen Leverkusen, in jeder Hinsicht verdient, auch wenn der Trainer das anders sieht. Pal Dardai möchte arbeiten, aber zum Fußball gehört es nun einmal leider auch, dass man nicht nur gegen Mannschaften spielt, sondern auch gegen Geschichten. Im günstigen Fall, wenn man die Geschichte(n) auf seiner Seite hat, kann einen das weit tragen.


Der Club hat für dieses Halbjahr von sich aus die Themenführerschaft übernommen. Es wurde ein Saisonziel ausgegeben: Europa. Zwei von den drei Plätzen, die allenfalls verloren werden dürfen, sind schon nach diesem ersten Spieltag weg. Trotzdem war es sicher richtig, nicht blöd herumzutun. Eine Mannschaft, die zwei Jahre hintereinander auf Platz 3 überwintert, muss sich auch ihren Möglichkeiten stellen.

Sie muss das allerdings deutlich anders tun als in Leverkusen, in einem von beiden Seiten bescheidenen Bundesligaspiel, bei dem Hertha auch mit der Teamlaufleistung eine seltsame Passivität dokumentierte: 110,5 Kilometer. Das ist ein Einstand, bei dem noch das Prosit der Gemütlichkeit nachhallt.

Pal Dardai muss natürlich das Beste aus der Situation machen. Kommenden Sonntag beginnt die Rückrunde mit einem schweren Auswärtsspiel bei Freiburg, das am Freitag gegen den FC Bayern eine beeindruckende Leistung zeigte. Viel wichtiger als die Ansage mit dem Saisonziel wird ohnehin sein, ob es Hertha in dieser Halbserie gelingt, die immer noch aufällige Undefiniertheit loszuwerden.

Um es ein wenig zuzuspitzen: Das Spiel gegen Leverkusen war gar keines. Das war eher nur eine Art Routineveranstaltung mit den Grundtugenden des Fußballs, eine lange Zweikampfeinheit. Alles, was darüber hinausgeht, also da, wo das Spiel eigentlich anfängt, fand fast nicht statt. Hertha hat am Sonntag nicht Fußball gespielt, sondern nur gearbeitet.

Einer der ganz wenigen gelungenen Spielzüge hätte ja in der zweiten Halbzeit sogar fast das 2:2 gebracht. Darauf vor allem begründete der Coach danach seine gelassene Einschätzung der Leistung. Die insgesamt äußerst dürftige Gesamtleistung ließ er aus guten Gründen unerwähnt. Man müsste sonst fragen, was mit Vladimir Darida los ist, der nicht einmal mehr Eckbälle kann. Man müsste fragen, wie man aus Esswein einen brauchbaren Spieler machen kann, der nicht ständig zwischen tollen Momenten und (häufigerem) Unvermögen schwankt. Man müsste fragen, wie man das absolut sterile zentrale Mittelfeld beleben könnte. Man müsste fragen, ob sich nicht die ganze Mannschaft zu sehr nach hinten orientiert, mit dem Rückpass als der deutlich zu häufig gewählten Sicherheitsvariante.

Aber gut, das sind nur Momentaufnahmen von einer Standortbestimmung. Nach der Winterpause müssen alle erst sehen, wo es lang geht. Der Verdacht, dass Hertha für die aktuelle Tabellenposition und die damit verbundenen Ansprüche eigentlich zu wenig Fußball spielt, hat allerdings schon die Hinrunde begleitet. Er war wohl auch ein Thema, als man Duda verpflichtet hat, bei dem man sich fragen muss, was eigentlich bei der medizinischen Untersuchung vor Vertragsunterzeichnung überprüft wurde.

Das Saisonziel, das Hertha sich eigentlich gesetzt hat, ist dabei immer noch plausibel: Die Aspiration auf Europa bedeutet ja nichts anderes, als dass man der Rückrunde die Form einer Lernkurve geben möchte. Die Mannschaft muss sich entwickeln, um die Aura einer überbewerteten Aktie loszuwerden. Das geht nur, indem man Fantasie ins Spiel bringt. Kompaktheit, mit der es de facto sowieso nie so weit her war, ist auch ein Fluch. Man muss ihn bannen - durch Spiel.


Eingestellt von marxelinho am 23. Januar 2017.
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Natalie Keil
meint um 23. Januar 2017 23:24:47

Danke dafür, wie Du weißt, fand ich es ein unterirdisches "Nicht-Spiel", nicht, weil ich etwas Zählbares erwartet hätte, sondern weil ich während des Spiels oft dachte, unsere Mannschaft tut so, als spielte sie das erste Mal zusammen. Zu Darida hatte ich dieselben Fragen, auch, weshalb nun auch unsere junge IV dieses Hintengeschiebe passioniert betreibt. Ich kann mich an erste Brooks- und vor allem Stark-Auftritte erinnern, da hat mir vor allem das Dynamische ihres Spiels gefallen im Gegensatz zu Langkamps Interpretation. Inzwischen ist es aber so, daß beide mittlerweile Schlampigkeiten zeigen, daß dann eher der humorlose, aber konstante Langkamp die Nase vorn hat. Aber das ist eigentlich nicht das, was ich mir für unser Spiel gewünscht habe. Stocker war der Einzige, der auf Messers Schneide motiviert war (Schade, daß er diesen einen Moment keinen Marcelinho-Geniestreich im Kopf hatte. Aber das wäre am Sonntag wahrscheinlich zu exotisch für uns gewesen.). Ansonsten waren wir moderaten Gegnern echt in jedem Punkt unterlegen: körperlich und geistig viel zu langsam. Ich möchte manchmal verstehen, was da in solchen Spielen los ist. Naja, und 4 Auswärtsspiele von 5 ersten in 2017 sind nach diesen Eindrücken echt ein Brett.

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09. Januar 2017

Der Weltstar und die Vertrauensfrage

Mesut Özil hat dem Kicker ein Interview gegeben, in dem er sich einmal mehr als Musterprofi zeigt. Die kleine Kontroverse, die das Fachblatt aus Franken nebenbei um seinen Status als Weltklassespieler inszeniert hat, mit Lothar Matthäus als Advokat des Teufels, können wir getrost beiseite lassen. Mich interessiert natürlich in erster Linie, was Özil über seine Pläne verlauten lässt: Will er bei Arsenal verlängern?

Die Antwort hat es in sich. Sie enthält nämlich eine sogenannte Junktimierung. Özil kann sich vorstellen, auch nach der Sommerpause 2018 für Arsenal zu spielen. Allerdings unter einer Voraussetzung: dass Arsène Wenger auch dann noch sein Trainer ist. Dessen Vertrag läuft aber nur noch bis zum Ende dieser Saison, und der Elsässer ist narzisstisch genug, sich bisher nicht zu erklären. Die Führungsspitze bei Arsenal (soweit man von einer solchen sprechen kann) wartet ihrerseits ab.

Özil war es vermutlich nicht bewusst, dass er dem Verein, der ihn halten will, damit das ohnehin auch so schon kaum lösbare Dilemma vor Augen führt, das der langjährige Trainer verkörpert. Er ist ja längst mehr als das: eine Symbolfigur, ein Mythos, auf den zwar in der Regel nur noch mäßig informierte Fernsehkommentatoren etwas geben, aber eben auch jemand, von dem jemand wie Özil das "Vertrauen" bekommen kann, das er so braucht. Er braucht wohl auch, als Weltstar, eine große Persönlichkeit als Gegenüber.

Könnte Mesut Özil von außen auf den Fußball von Arsenal schauen, dann würde er alerdings vielleicht erkennen, dass die Probleme auch dieser Saison wieder sehr viel mit Wenger zu tun haben. Dass der längst mehr ist als ein Trainer, nämlich mehr eine Art Botschafter, hat ja auch eine Kehrseite: Ist er überhaupt in ausreichendem Maß ein Trainer? Also ein Übungsleiter, der Spieler individuell und in Formation besser macht, der eine Mannschaft auf Gegner einstellt, der situativ reagiert?

Man kann mit guten Gründen sagen: Das alles ist Arsène Wenger nicht, jedenfalls nicht in hinreichendem Maß. Zahlreiche Indizien aus der aktuellen Situation zeigen dies deutlich.

Da ist schon einmal seine Einkaufspolitik. Arsenal hat sich vor allem mit Shkodran Mustafi, Granit Xhaka und Lucas Perez verstärkt. Der deutsche Innenverteidiger gilt allgemein als guter Kauf, er hat aber meiner Einschätzung nach ungefähr die Qualität von Gabriel Paulista, ist also keine nennenswerte Verstärkung, sondern eher eine Absicherung auf mittlerem Niveau. Die Talente Holding und Chambers (den man eigentlich bereits abschreiben muss) bleiben auf Distanz zum Team.

Lucas Perez, der wohl vor allem wegen seines Torinstinkts geholt wurde, zeigt sich als mäßige Verstärkung, es fehlt ihm am Dynamik, auch wenn er immer wieder gute Szenen hat. Sie bleiben aber vereinzelt, zumal Wenger ihn erratisch einsetzt.

Das größte Defizit ist aber bei Granit Xhaka zu erkennen. Er sollte ja das jahrelange Manko im zentralen Mittelfeld beheben, wo in der nominellen ersten Elf der Platz hinter Aaron Ramsey vakant war - also eine 6 hinter einer 8. Wenger hat Xhaka aber von Beginn an unter Vorbehalt gestellt, hat fast immer Coquelin neben ihm spielen lassen, und bringt den Schweizer bis heute eher auf der 8, lässt ihn also, um es polemisch zu sagen, von einem eigenen Spieler manndecken. Xhaka wirkt einerseits verunsichert, andererseits auch naiv, seine Standards sind lamentabel, da hilft es kaum, dass er zuletzt mehrfach seine Ballverteilerqualitäten angedeutet hat. Mit Xhaka muss man arbeiten, aber so etwas kann Wenger eindeutig nicht.

Über die Jahre lassen sich die Probleme von Arsenal so deutlich erkennen, dass man sie fast schon mit einem Charakterprofil von Arsène Wenger verbinden kann: die Mannschaft ist in entscheidenden Situationen naiv, es fehlt ihr an alternativen Möglichkeiten, sie spielt seit Jahren das gleiche System (allerdings in diesem Jahr zu häufig ohne Mittelstürmer), kann immer öfter nicht einmal mehr ihre Ballbesitzphilosophie durchsetzen. Ich spreche natürlich von Problemen auf einem hohen Niveau, denn zur Spitzengruppe in der Premier League gehört Arsenal weiterhin. Allerdings ist die Gruppe inzwischen auf fünf oder sechs Mitglieder angewachsen.

Von einer Vertragsverlängerung von Mesut Özil (und Alexis Sanchez) hängt momentan im Grunde ab, ob Arsenal ein Weltclub bleiben kann und will. Für die Trainerfrage bedeutet das nichts Gutes. Ein Neuanfang ist schon lange mehr als überfällig, birgt aber eben enorme Risiken. Jemand wie Lucien Favre, an den ich gelegentlich dachte, wäre vielleicht der extremen Beanspruchung nicht gewachsen. Und das Naturtalent Jürgen Klopp ließ sich Arsenal entgehen.

Eine naheliegende Lösung für das Dilemma kann man wohl ausschließen. Arsène Wenger, der in jeder anderen Hinsicht außer der sportlichen nach wie vor der ideale Arsenal-Trainer ist, müsste seinen eigenen Nachfolger aufbauen. Das ist aber nicht in Sicht. Die Strukturen bei Arsenal, so weit sie von außen durchschaubar sind, sind monolithisch, und bei großen Egos sind konstruktive Lösungen selten.

So haben wir für das kommende Halbjahr eine sehr spannende Konstellation: Özil will Arsenal mit Wenger. Arsenal täte gut daran, endlich die Trainerfrage durch eine Ablöse zu klären. Wenger will niemand wissen lassen, was er will. Ein "recipe for desaster", würde ich meinen. Vielleicht wird Wenger aber auch noch zu einem Münchhausen, und verschafft sich einen starken Abgang. Mit oder ohne Titel, die Situation ist meiner Meinung nach vollkommen klar: Er muss weg. Nicht unbedingt aus dem Club, aber von der Mannschaft.


Eingestellt von marxelinho am 09. Januar 2017.
1 Kommentare

Valdano
meint um 13. Januar 2017 15:47:32

Was für eine tödliche Diagnose: "in jeder anderen Hinsicht außer der sportlichen nach wie vor der ideale Arsenal-Trainer" Gruß von Valdano

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07. Januar 2017

Season's Greetings

Normalerweise kommen die Weihnachtskarten vor dem Fest. Hier kommt eine am Ende der ganzen Feierlichkeiten und Feiertage. Saisongrüße sind es auch so. Eine Zeichnung von meiner Nichte: Meine Wenigkeit, der Onkel Berti, als Spieler des FC Arsenal (für Hertha BSC muss ich sie erst begeistern, sie lebt in Wien, ihr fehlt der Bezug). Einmal von vorn, einmal von hinten. Red Army. Hahohe.


Eingestellt von marxelinho am 07. Januar 2017.
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22. Dezember 2016

Gedächtniskirchentag

Als Hertha BSC vor etwas mehr als einem Jahr den Vertrag mit Marvin Plattenhardt bis 2020 verlängert hat, habe ich das eher gelassen zur Kenntnis genommen. Inzwischen zeigt sich aber mehr und mehr, dass diesem Detail eine gute Einschätzung zugrunde lag. Der jetzt schon deutlich beste Linksverteidiger, den Hertha in all den Jahren seit 1997 hatte, spielt sich gerade wieder einmal in den Fokus einer breiteren Öffentlichkeit. Und er akzentuiert seine meist anständigen bis guten Leistungen ab und zu mit Freistoßtoren, auf die eine spielerisch derzeit recht limitiert wirkende Mannschaft sehr angewiesen ist.

Das Heimspiel gegen Darmstadt wenige Tage vor Weihnachten stand natürlich im Zeichen des Anschlags von Montag. Aber die genaue Natur des Zusammenhangs wird niemand herausfinden. Wären ohne die Todesfahrt vom Breitscheidplatz mehr als die knapp 32.000 Zuschauer gekommen? (Ich fiel wegen einer Erkältung aus, und von einer der stärksten Hertha-Seelen weiß ich aus sozialen Netzwerken, dass sie von Madeira aus zusah, also zweimal bei der Angabe der Gründe für Abwesenheit: andere.) Hat während des Spiels irgendjemand sich von der schwierigen Weltlage, auf die später am Abend dann sogar Carlo Ancellotti noch verwies, bedrücken lassen?

Hertha hatte am Nachmittag vor dem Spiel noch einen Kranz am Breitscheidplatz niedergelegt und dies auch digital geteilt. Es war eine bewegende Geste, zumal man mit dem Fanshop im Europacenter ja auch Anrainer ist, aber die Gesetze der Mediengesellschaft machen daraus unweigerlich auch einen Marketingauftritt. Hätte man es unterlassen sollen? Ich weiß es nicht. Das Bild selbst, mit der Gedächtniskirche und dem Christbaum im Hintergrund und dem Talisman Nello di Martino im Zentrum, hält auf jeden Fall einen besonderen Moment fest. Und Hertha (alle zwei Wochen für eine höchst sicherheitsrelevante Großveranstaltung verantwortlich) ist da wohl doch ein bisschen mit der Stadt zusammengewachsen. Nimmt man das als den tieferen Sinn, dann war das wohl ein guter Move.

Über das Spiel gegen Darmstadt muss man vielleicht gar nicht so viel sagen. Vor einem halben Jahr hat Hertha das gleiche Heimspiel, bei besten Bedingungen und intakten Chancen auf einen brillanten Saisonabschluss, verloren. Dieses Mal gab es einen Pflichtsieg, der abgesehen von ein paar Minuten vor der Pause nie gefährdet war, dem aber auch wenig Strahlkraft eignet. Weil viele andere Mannschaften unentschieden spielten, steht Hertha nun bis zum Hinrundenfinale am Beginn der Rückrunde auf Platz 3.

Marvin Plattenhardt war während dieses ersten Halbjahrs auch einmal kurz verletzt, aber er ist stark zurückgekommen. Im neuen Jahr wird es eine Herausforderung für die Betreuer darstellen, den idealen Partner für ihn zu finden - sofern nicht auch Hertha dazu übergeht, die Außenbahn nur noch mit einem Vielläufer zu besetzen, wie es ja ein gewisser Trend zu sein scheint. Jedenfalls war zuletzt deutlich, dass Hertha einen wirklich starken linken Winger nicht hat, der mit Plattenhardt ein starkes Duo abgeben könnte.

Salomon Kalou hat zwar gegen Darmstadt ein Tor erzielt (das allerdings wegen eines Michael-Ballack-Gedenkschubsers von Ibisevic nicht zählen hätte dürfen), aber es war doch deutlich erkennbar, dass er Schwierigkeiten hat, mit seinem fragilen Spiel (zumal auf einem desolaten Rasen) etwas zu erreichen außer viele Ballverluste.

Rechts stellt sich die Angelegenheit ähnlich dar, auch wenn Valentin Stocker ein relativ gutes Spiel gemacht hat. Es bleibt als vorläufiger Eindruck aus den ersten 16 Spielen, dass der Höhenflug weniger exzentrisch wirkt, dass Hertha aber in einer Bringschuld bleibt: Eine Mannschaft, die auf einem Champions-League-Platz steht, muss eigentlich in den großen Spielen anders auftreten.

30 Punkte sind die perfekte Grundlage für eine Vorbereitung, die Akzente in diese Richtung setzen kann. Und Marvin Plattenhardt ist zum Glück langfristig gebunden. Es wäre nicht verwunderlich, wenn schon in dieser Wintertransferperiode die eine oder andere Anfrage hereinschneien würde. Ich hoffe, er bleibt noch so lange, bis alle Erinnerungen an Michael Hartmann oder Malik Fathi endgültig in einem schönen Sepiaton der Sympathie verstaut werden können. Und ich hoffe, dass er sich von dem unausweichlichen Codewort "Nationalteam" nicht noch einmal so aus der Form bringen lässt, wie letztes Jahr.

Frohe - und besinnliche - Weihnachten. Meine Stadt - mein Verein. Hertha BSC.


Eingestellt von marxelinho am 22. Dezember 2016.
1 Kommentare

Natalie Keil
meint um 22. Dezember 2016 20:23:05

Danke, mein Lieber, für die ehrenvolle Erwähnung. Ich traf auch einen engen Freund von Dir hier auf Madeira. Vergnügen in jeder Hinsicht. Frohe Weihnachten!

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