23. Mai 2017

Magnaten und Granaten

Zwei "Big Fucking Germans" und ein schmächtiger Blonder aus dem Tal des Flusses Tame könnten am kommenden Samstag die Dreierkette des FC Arsenal im FA Cup-Finale gegen Manchester City bilden. Immer vorausgesetzt, Arsène Wenger bleibt bei seiner späten Entdeckung dieser taktischen Formation, dann könnten Rob Holding, Shkodran Mustafi und Per Mertesacker die defensive Kernarbeit übernehmen. Laurent Koscielny wird wegen einer Sperre nicht zur Verfügung stehen (er wurde am Sonntag beim 3:1 gegen Everton wegen einer groben Grätsche ausgeschlossen), Gabriel Paulista hat sich im selben Spiel verletzt.

Die gute Form auf der Zielgerade (sieben Siege aus acht Spielen seit der vorentscheidenden Niederlage gegen Crystal Palace) hat Arsenal nichts mehr genützt, denn die direkten Gegner haben am Sonntag ihre Aufgaben erledigt, sodass zum ersten Mal unter der gefühlt ewigen Herrschaft von Wenger die Qualifikation für die Champions League versäumt wurde. Arsenal spiel Europa League, wie hoffentlich auch Hertha. Ein direktes Duell wäre natürlich das Höchste für mich.

Welches Arsenal allerdings im Sommer dann die Tournee durch die kleineren Stadien antreten wird, das ist im Moment schwieriger abzusehen denn je. Die Entscheidung über (oder doch von?) Arsene Wenger ist nicht vor kommender Woche zu erwarten, dann beginnen auch die Verhandlungen über den Kader für die nächste Saison. Man geht wohl nicht fehl, wenn man die starke Ansage von Uli Hoeneß (das "Granaten"-Orakel) zum Beispiel auf Alexis Sanchez bezieht, der in London nur noch ein Jahr Vertrag hat.

Die sportliche Planung findet vor dem Hintergrund einer viel grundsätzlicheren Entscheidung statt: Wem soll der Arsenal FC überhaupt künftig gehören? Bisher ist die Eigentümerstruktur im Wesentlichen so: der amerikanische Magnat Stan Kroenke (mit seiner Beteiligungsfirma KSE UK) hält gut 67 Prozent der Anteile, während der russisch-usbekische Oligarch Alisher Usmanow bei 30 Prozent feststeckt - er würde aber sehr gern den ganzen Club übernehmen. Kroenke verkündet, er wolle langfristig investiert bleiben, also nicht verkaufen.

Für alle, die sich auch ein bisschen für die Herkunft von Reichtümern interessieren, ist eine aktuelle politische Auseinandersetzung in Russland von Interesse. Da hat Usmanov sich nämlich gerade wieder einmal positioniert, und zwar eindeutig auf der Seite der kleptokratischen Eliten, indem er für den Premierminister Medwedew Partei nahm. Der steht nach einem Video unter Druck, mit dem der Oppositionspolitiker Nawalny versucht hatte, ihm Besitztümer nachzuweisen, die er auf legitimem Wege nicht erworben haben könnte.

Anders als etwa Roman Abramowitsch, dem viel daran liegt, seinen nicht minder dubiosen Reichtum allmählich reinzuwaschen, steckt Usmanow tief in den Strukturen des postsowjetischen Staatsprivatismus (so nenne ich das mal, ein System der privaten - räuberischen, lateinisch: privare - Bereicherung durch Bewirtschaftung öffentlicher Ämter). Er verkörpert geradezu idealtypisch das Janusgesicht des osteuropäisch-zentralasiatischen Magnatentums, das im Westen gern wohltätig auftritt, in der Heimat aber Despoten unterhält.

Ironischerweise vertritt Usmanow für Arsenal eine Position der Vernunft. Wie er sich die "transition" vorstellt, das macht Sinn: "Es braucht eine gewisse Kontinuität. Ein Nachfolger für Arsène Wenger muss auf respektvolle Weise vorbereitet werden. Ich würde vorschlagen, dass Wenger selber einen Nachfolger aufbaut." Besser hätte man es nicht sagen können. Allerdings steht dem ein wichtiges Hindernis gegenüber: Arsène Wenger.

Seit das Arsenal-Board 2007 seinen Vertrauten David Dein vor die Tür gesetzt hat, ist Wenger mit seiner Machtfülle vollkommen allein. Und es deutet nichts darauf hin, dass er in der Lage oder willens wäre, irgendwie systemisch auf den schleichenden Niedergang bei Arsenal zu reagieren.

Usmanow biedert sich den Fans auch immer wieder damit an, dass er große Investititonen in den Kader verspricht für den Fall, dass man ihm den Club überließe. Dabei ist das Personal nicht das zentrale Problem. Arsenal hätte genügend Geld für kluge, strategische Verstärkungen, ohne deswegen in einen Wahnsinn wie Manchester United (Mourinho, Ibrahimovic, Pogba) zu verfallen. Das Problem ist nur, dass Wenger die Kaderplanung jedes Jahr nur halb erledigt hat. Er hat ja investiert, aber nie so, dass er dabei alle Probleme der Mannschaft im Zusammenhang gesehen hätte.

So hat er Özil zum Beispiel anfangs fast ein Jahr lang die zentrale Rolle verweigert, so hat er ewig keinen Sechser gekauft, bis er dann in dieser Saison Granit Xhaka holte, nur um ihn über mehrere Monate mit seinen Anpassungsschwierigkeiten vollkommen allein zu lassen. Lucas Perez ist ein interessanter Stürmertyp, aber er bekam gar keine Chance, weil Wenger sich dieses Jahr über viele Wochen hinweg einbildete, Sanchez müsste zentrale Spitze spielen.

Es gibt auf jeden Fall begründete Zweifel an den Fähigkeiten von Arsène Wenger, eine absolute Topmannschaft zu formen und zu führen. Für die erweiterte Spitze reicht es aber immer noch, und wenn man damit zufrieden ist unter den Verantwortlichen, dann sollte man seinen Vertrag verlängern. Wenn nicht, dann wäre vielleicht der Ratschlag von Usmanow zu beherzigen. Oder aber man macht einfach so weiter wie in den letzten paar Jahren. Irgendetwas wird auch so herauskommen, und Abstiegsgefahr droht allenfalls aus der erweiterten europäischen Elite.







Eingestellt von marxelinho am 23. Mai 2017.
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21. Mai 2017

Zwei linke Füße



Mir der zaghaftesten aller denkbaren Ehrenrunden hat Hertha BSC sich gestern von den Fans verabschiedet. Die Blamage gegen Leverkusen im letzten Heimspiel ist schwer zu verkraften, auch wenn man vielleicht in einer Woche schon sagen darf: Ziel erreicht. Dazu muss nur Dortmund das Pokalfinale gewinnen, dann wäre Hertha nach Platz 6 in der Endtabelle direkt für die Europa League (Gruppenphase) qualifiziert.

Aber was war das für ein Ausklang! Sechs Gegentore, fünf davon gründlich selbst verschuldet, eines packte der Schiedsrichter obendrauf, als er Torunarigha ein Foul an Bailey unterschob. Das erste fiel schon nach fünf Minuten, das letzte in der 90., durch einen Kopfballtreffer gegen eine zu diesem Zeitpunkt schon resignierte Formation.

Mit der Unverdrossenheit eines Fans, der in allem das Gute sucht, könnte ich behaupten: Das ist jetzt vielleicht gar nicht so schlecht, das war noch einmal ein Hinweis darauf, dass Hertha insgesamt keine sehr gute Saison gespielt hat, schon gar keine gute Rückrunde. Aber wieviel mehr hätten wir uns doch gewünscht, dass ein anständiges Finale gelingt - wir hätten uns auch so keine Illusionen über den Stand der Dinge gemacht.

Die hohe Niederlage hatte für meine Begriffe einen strukturellen Aspekt, und einen speziellen. Der strukturelle ist der wichtigere. Hertha hat gestern in der Mitte verloren, dort, wo schon die ganze Saison hindurch ein großes Manko zu erkennen war. Das defensive Mittelfeld war in der Hinrunde wenigstens noch defensiv halbwegs kompakt, zuletzt auch das nicht mehr. Konkret hatte der Coach am Samstag die Wahl zwischen Skjelbred und Allan. Stark sollte offensichtlich geschont werden, er ist derzeit der einzige plausible Spieler für die Sechserposition bei Hertha. Allan und Skjelbred durften sich beide versuchen, der junge Brasilianer hatte eine katastrophale erste Halbzeit, nach der Pause sorgte Skjelbred mit einigen Fehlpässen, davon den vorentscheidenden zum vierten Gegentor, für weitere Konfusion.

Der spezielle Aspekt an der Niederlage hatte mit dem Idealismus von Pal Dardai zu tun. Er wollte offensichtlich Torunarigha für seine gute Leistung gegen Darmstadt belohnen, behielt ihn im Team und stellte Brooks dafür auf die rechte Seite der Innenverteidigung. Damit hatte Hertha hinten zentral zwei linke Füße, die Abstimmung war nicht gut, beide hatten ungeschickte Momente. Brooks hatte mit einem Ballverlust vor dem dritten Gegentor vor der Pause den wahrscheinlich wichtigsten, er musste in der Kabine bleiben. Eine harte Sanktion, mit der der Trainer im Grunde auch die eigene taktische Maßnahme abstrafte.

Hertha hatte durchaus Chancen, das Offensivspiel war nicht uninteressant, es gab sogar ein paar wirklich flüssige Bewegungen. Aber Leverkusen war individuell wie taktisch (Havertz!) deutlich besser. Man konnte deutlich sehen, dass Hertha für das kommende Jahr maximal eine halbe Stammformation hat, mit anderen Worten: es fehlt an allen Ecken und Ende (etwas).

An einem denkwürdigen Tag für die Liga (mit Massenszenen in Köln und in Hamburg) hat Hertha auch über das Spiel hinaus gezeigt, dass der Weg (wenn es denn einen gibt) noch weit ist. Trotz guter äußerer Bedingungen kamen nur 55.000 Zuschauer. Man hat fast den Eindruck, dass in den Zweitligajahren mehr Zuspruch da war, damals stiegen die Mitgliederzahlen, und zum Finale hin kamen die Leute in Scharen. Man könnte meinen, dass "der Berliner" lieber einen kleinen Titel feiert, als die Zulassung zum schnöden Europapokal (die, die sich erinnern können, denken dabei vielleicht noch an torlose Frostspiele gegen einen RC Lens oder so).

Hertha hat keinen Hype entfacht, und selbst bei einem Sieg gestern und bei Platz 5 wäre die Stadt nicht in Begeisterung ausgebrochen. Das ist natürlich prinzipiell ein gutes Zeichen, denn eine Weltstadt hat mehr zu tun als einen Sportclub aus den westlichen Bezirken für seine wankelmütigen Bemühungen zu feiern. Aber ein bisschen war es schon verwunderlich, wie lakonisch das gestern alles abging - es passte aber zur Saison. Hertha hat etwas erreicht, aber selten begeistert.

Das hat viele Gründe, über die wir nun in aller Ruhe nachdenken können, während viele Spieler zu allen möglichen Turnieren reisen und andere in den Urlaub. Bei der Mitgliederversammlung in einer Woche werden wir dann schon wissen, wie der Terminkalender im Sommer aussehen wird.


Eingestellt von marxelinho am 21. Mai 2017.
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20. Mai 2017

Jedem Endspiel wohnt ein Anfang inne

Einen kleinen Wunsch hätte ich jetzt noch, liebe Bundesligasaison. Hertha BSC soll mit einer positiven Tordifferenz abschließen. Das geht nur dann, wenn das Spiel gegen Bayer 04 mit einem Sieg endet. Runde 34, Heimspiel gegen die zweitschlechteste Mannschaft der Rückrunde. Gute Chancen auf Europa. Das wäre doch mal was, wenn Hertha da was daraus machen würde.

In die Vorfreude mischt sich eine Skepsis, die ich fast als genetisch empfinde, die ich aber bei genauerem Hinsehen gar nicht mehr so leicht wiederfinde. Sie hat mit zwei markanten Saisonfinals zu tun, mehr waren es gar nicht, aber es waren zwei richtungsweisende, jedes Mal hat Hertha am Ende versagt.

An das Heimspiel gegen Hannover 2005 erinnere ich mich fast noch körperlich. Dass es so lange her ist, hat mich jetzt aber doch erschreckt. Ein dutzend Jahre. Erforderlich waren drei Punkte, es wurde ein bleiernes Nullnull.

Die Ereignisse von 2009 gehören auch schon deutlich stärker der Vergangenheit als der erweiterten Gegenwart an. Das 0:4 in Karlsruhe wirkt aber vor allem wie ein Moment aus einer ganz anderen Liga, und das war die Bundesliga damals wohl auch noch.

Heute trifft Hertha auf eine Mannschaft, die allgemein und von den finanziellen Voraussetzungen her eigentlich eher um Platz 5 spielen sollte. Aber Bayer 04 hatte eine Saison zum Vergessen, Hertha könnte sie sogar noch geradezu memorabel vergessenswert machen.

Dass Mitchell Weiser wieder zur Verfügung steht, lässt ein ähnliches System wie gegen Darmstadt erwarten. Also vermutlich mit Darida einen Posten weiter hinten, zuletzt hat er ja gezeigt, dass er mit dem mittleren Drittel des Felds etwas anfangen kann.

Vielleicht überrascht der Trainer aber auch mit Weiser auf der 10, und lässt Kalou über den Flügel kommen - dagegen spricht, dass Leverkusen mit Brandt einen Winger hat, der intensiver Betreuung bedarf, da braucht Pekarik wohl einen starken Partner. Das könnte aber auch Haraguchi sein, von dem man ohnehin überlegen könnte, ob er nicht allmählich als Außendecker besser zu gebrauchen wäre.

Bei Hertha gegen Leverkusen stellt sich die Frage, wer das Spiel machen muss, eher nicht. Wir können ein offenes Spiel erwarten, das hat Hertha (vor allem gegen den BVB) jeweils gut zu nützen gewusst. Die Mannschaft kann heute auch noch einmal eine Teilantwort auf das Mentalitätsrätsel geben, das sie vielfach in dieser Saison gestellt hat: oft hat sie einfach sehr desinteressiert gewirkt (war sicher ein Missverständnis, aber auch als solches bedarf es der Aufklärung).

Platz 5 ist sogar mit einer Niederlage möglich, aber es wäre nicht das richtige Signal. In einer Saison, in der wenige Mannschaften das Interesse an einer Europacup-Teilnahme auch positiv unterstreichen wollten, soll Hertha sich nicht in den Bewerb schubsen lassen wollen. Ein Sieg gegen Leverkusen (oder jedenfalls eine Leistung, die Ambition auf einen solchen erkennen lässt) würde die ablaufende schon mit der kommenden verknüpfen.

Der Sommer wird richtungsweisend. Das Vereinsjubiläum, die Stadiondebatte, die Angebote, die es vermutlich für den einen oder anderen Spieler geben wird, dazu ein nach wie vor überschaubares Investitionsbudget. Das alles kann Hertha heute schon in ein bestimmtes Licht setzen. In ein positives. Mit einem überzeugenden Saisonfinale. Dann könnte man sogar sagen, dass Hertha auch Rückrunde kann (so halbwegs jedenfalls), und dass Pal Dardai mit seinem Team die zweite komplette Spielzeit gut genützt hat, obwohl sie im Detail fast schwieriger war als die vorangegangene.

Genug der Eventualitäten. In sechs Stunden beginnt ein Endspiel, das keines ist. Es ist nur das letzte Spiel einer Saison. Es ist Teil einer Addition. Und doch ist es mehr. Hoffen wir, dass sich die Mannschaft davon positiv inspirieren lässt.




Eingestellt von marxelinho am 20. Mai 2017.
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19. Mai 2017

Platz da

Von Zeit zu Zeit ergibt es sich, dass eine Person des öffentlichen Interesses das Olympiastadion beehrt (vergleiche zum Beispiel dieses Weltereignis aus dem Jahr 2012). Hier haben wir es mit dem schwedischen Filmemacher Ruben Östlund (Foto: Verleih) zu tun, der im vergangenen Jahr unter anderem in Berlin seinen neuen Film gedreht hat. An diesem Wochenende hat The Square (Der Platz) nun in Cannes Premiere. Da wollen wir gern das C in Ha Ho He Hertha BSC einmal kurz für cinéma stehen lassen!


Eingestellt von marxelinho am 19. Mai 2017.
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14. Mai 2017

(Berliner) Luft Jordan

Große Veränderungen hatte Pal Dardai für das letzte Auswärtsspiel dieser Saison angekündigt. Der Auftritt gegen den Absteiger Darmstadt bot die Möglichkeit, eine bedenkliche Auswärtsbilanz (neun Niederlagen en suite) zu beenden. Zugleich ging es um die Ausgangsposition für den letzten Spieltag, den Hertha in Berlin bestreiten kann. Nach dem 2:0 gegen Darmstadt besteht nun die Möglichkeit auf einen sehr guten Saisonabschluss.

Interessanterweise hat Hertha in den beiden Erstligajahren, die die Lilien absolviert haben, jeweils am vorletzten Spieltag gegen sie gespielt. Und im Vorjahr gab es eine Runde vor Schluss bekanntlich daheim diese Niederlage, die so deutlich gemacht hat, wie sehr Hertha damals am Zahnfleisch ging.

Dieses Mal war alles anders, wobei man das mit den großen Veränderungen nicht übertreiben muss: es war ja schon die ganze Zeit so, dass man das Gefühl haben konnte, dass es eigentlich nur kleiner, aber relevanter Veränderungen bedarf, um die Mannschaft aus der Lethargie zu holen.

Systemisch war die wichtigste Veränderung eine Doppelspitze, mit Kalou neben Ibisevic, was auch mit der Verletzung von Skjelbred zu tun gehabt haben mag. Darida rückte dadurch ein wenig nach hinten, an die Seite von Allan.

Noch weiter hinten spielte Torunarigha neben Stark in der Innenverteidigung. Sehr schnell haben wir uns an ihn gewöhnt, er könnte der nächste Brooks werden.

Die entscheidende Szene des Spiels muss man gar nicht groß auseinandernehmen, sie ließ jedenfalls fast alles erkennen, woran es Hertha dieses Jahr so oft mangelte, und was möglich ist, wenn man etwas erreichen will. Darida kam halbrechts an den Ball. In vergleichbaren Situationen hat Hertha in diesem Jahr in 90 bis 95 Prozent der Fälle erst mal nach hinten abgelegt, in diesem Fall also zu Pekarik.

Doch dieses Mal löste Darida die Situation anders, er entledigte sich des Gegenspielers durch ein rasches, offensives Manöver, das ihn auch in Windeseile in eine Position brachte, die er zu einer tollen Flanke nützte. Kalou profitierte von der Doppelspitze und traf per Kopf. Das wäre alles nie passiert, wenn Darida im gewohnten Trott gespielt hätte. Man muss es wirklich so hart sagen: Hertha hat einen nicht geringen Teil der Saison mit langweiligem Sicherheitsfußball bestritten. Immerhin brach Darida diesen Bann in einem wichtigen Moment.

Den zweiten Treffer steuerte Torunarigha nach einem Freistoß von Plattenhardt bei. Diese Standards haben Qualität, das ist bekannt, man kann nur hoffen, dass der beste Leftback, den Hertha seit der neuen Zeitrechnung (ich meine den Aufstieg 1997) hatte, in Berlin bleibt.

Darmstadt hatte durchaus Möglichkeiten, aber der Sieg ging schon in Ordnung so. Manchmal macht ein einziges Manöver alles klar. Das war in diesem Fall der Offensivdrang von Vladi Darida, der die Gelegenheit zu einer Beschleunigung begriff und ergriff.

Pal Dardai hat danach ungewöhnlich offen über den Auftrag an die Mannschaft gesprochen. De facto war die Taktik nicht besonders raffiniert, er wollte ja nicht viel mehr als die Kräfte schonen, die viele Mannschaften in ein deutlich höheres Ablaufen investieren, um dann in günstigen Momenten schnell zu agieren. Dafür braucht es Spieler, die Verantwortung übernehmen, die sich was trauen, die auch etwas Überraschendes tun. All das war bei Hertha in diesem Jahr meist Mangelware, auch gegen Darmstadt gab es davon kein Überangebot, aber es hat gereicht. Darida hat mit seiner individuellen Umschaltbewegung gezeigt, wo es hin gehen sollte.

Hier noch das Interview mit "Air Jordan" (der Witz liegt nahe) - ganz hinten hängt dann noch eines mit dem Propheten Mitch-Elijah, bei dem man fast den Eindruck gewinnen könnte, dass der Hoffnungsträger mit dem Kopf schon ganz wo anders ist. Wollen wir mal nicht überinterpretieren!






Eingestellt von marxelinho am 14. Mai 2017.
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11. Mai 2017

RSN WNGR (Ich bin der, der ich sein werde)

War es das Arsenal-Logo, auf das Alexis Sanchez am Mittwochabend seine Faust schlug, oder war es einfach seine linke Brust? Vermutlich hat der chilenische Stürmer in der Freude über sein 1:0 gegen Southampton einfach vergessen, dass ganz Europa darauf schaut, wo er kommende Saison spielen will. Arsenal dürfte es nicht sein, auch wenn es nach zwei Siegen in Folge sogar so aussieht, als wäre die "Wenger-Trophy" nicht ganz abzuschreiben: Platz 4 ist noch drin.

Es ist in hohem Maß seltsam, und andererseits eben auch wieder typisch für den Fußball, wie derzeit bei Arsenal schon wieder so etwas wie Routine einkehrt. Die souveräne Leistung, mit der ein unangenehmer Gegner wie Southamptom aus dem Weg geräumt wurde, ließ fast schon wieder an ältere Zeiten denken. Selbst das neue System mit der Dreierkette, über das Barney Ronay neulich noch eine herrlich gehässige Kolumne geschrieben hatte, richtete zumindest keinen Schaden an - im Gegenteil kam Southampton dadurch zu zahlreichen Flanken, für die es aber in der Mitte keinen Abnehmer gab.

Der Führungstreffer kam nach einer Stunde, durch eine schöne Kombination von Özil mit Sanchez, der sich im Sechzehner mit einer tollen Verlagerung Platz schaffte für den Torschuss. Giroud besorgte gegen Ende mit einem Kopfball die Entscheidung, die Vorlage kam von Ramsey, die entscheidende Vorlage zu der Vorlage kam von Sanchez, der einen dieser gefühlvollen Heber spielte, die so halbe Flanken sind, und die er gern von der Sechzehnerlinie aus spielt. Auch das ist eines seiner Talente.

Arsenal nähert sich allmählich wieder einem "business as usual". Die Niederlage gegen Tottenham verblasst, der Sieg gegen eine fast schon peinlich desinteressierte Mannschaft von Manchester United macht sich mindestens in der Statistik gut, der Sieg gegen Southampton war sogar überzeugend. Nun wartet am Wochenende ein Gegner, der oft schon Ernüchterung brachte: Stoke City.

Derweil fragt sich weiter fast alle Welt, wie es weitergehen soll. Mit Wenger oder ohne ihn, mit veränderten Strukturen (CEO Ivan Gazidis will die Saison zumindest als "Auslöser für Veränderung" begreifen) oder mit der gefährlichen Drohung, die Wenger gerade gebrauchte: "I am who I am." Er meinte damit wohl den erfahrenen Fußballtrainer, der verlässlich die "Wenger-Trophy" holt. Er meinte sicher nicht den Betreuer eines Teams, das verlässlich gegen Topteams verliert, in der Champions League ohne Chance ist, und Jahr für Jahr eine lange Phase der Desorientierung hat, bevor es zum Ende hin wieder ein bisschen besser wird.

Wenger weiß nicht, was ein Sportdirektor ist. Da hat er ja recht, so genau weiß das niemand, denn das hängt von den Personen und von den konkreten Strukturen ab. Er könnte sich ja einmal das Arbeitsverhältnis zwischen Jupp Heynckes und Matthias Sammer 2013 anschauen, obwohl man darüber en detail nichts erfährt - es wirkte aber jedenfalls so, dass die Bayern von der Zusammenarbeit enorm profitierten.

Von einem beratungsresistenten Alleinentscheider, der den Kader verlässlich immer nur so weit ergänzt (und nützt), dass es für die Wenger-Trophy reicht, wird man aber Interesse für einen anderen Blick auf die Dinge nicht erwarten dürfen. Man muss sich das ja zwischendurch immer wieder einmal klar machen: Bei Arsenal ist Wenger das, was Zorc und Tuchel beim BVB sind, was Reschke und Gerland und Ancellotti (und die anderen Italiener) beim FC Bayern sind, was Michael Preetz und Pal Dardai bei Hertha sind. Er ist das jeweils in einer, in seiner (selbstherrlichen) Person.

Natürlich bin ich jetzt auch hin und her gerissen. Eigentlich denke ich mir, Stoke sollte nach Möglichkeit am Samstag die Sache klar machen und Arsenal in die Europa League oder ganz aus den internationalen Bewerben schießen. Nur so ist die Disruption denkbar, die Arsenal dringend benötigt. Aber das süße Gift des Gewohnten wirkt auch bei mir. Wie sollte es auch nicht? Als Fan denke ich nicht konzeptuell. Ich möchte Özil und Sanchez, Xhaka und Welbeck kombinieren und abschließen sehen, und ich möchte, dass Mustafi für seine Grätschen den BFG-Award bekommt. Ich möchte, dass Rob Holding, der junge Verteidiger, zu einem neuen Tony Adams heranreift, auch wenn er bisher eher aussieht wie einer der typischen Wenger Boys.

Ich möchte, ich träume, ich überlege, und zum Glück ist schon am Samstag wieder ein Spiel. Dann wissen wir wieder ein bisschen mehr, oder vielleicht sogar sehr viel mehr, weil Wenger ja eventuell die gerade kurzfristig günstige Stunde nützen könnte, um sich zu erklären. Wahrscheinlicher aber genießt er seinen Status als Orakel in eigener Sache: He is who he is. Da kann ich gut pythisch nur raten: Gnothi seauton! Und lernen Sie Golf, Sire!


Eingestellt von marxelinho am 11. Mai 2017.
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08. Mai 2017

Berliner Grabtuch

Die naheliegende Metapher für das Heimspiel gegen RB Leipzig am Samstag hat die Ostkurve vor dem Spiel geliefert: Hertha hat sich nämlich, anders als es die Polemik der besonders engagierten Fans suggeriert, das Grab selbst geschaufelt. 1:4 lautet das Ergebnis, es war in dieser Deutlichkeit berechtigt, auch wenn zwei Treffer ganz spät fielen, als es sogar noch einmal Hoffnungen nach einem Anschlusstreffer gab.

Die Ostkurve sah sich an diesem perfekten Fußballnachmittag nicht nur mit einem sportlich starken Gegner konfrontiert. RV Leipzig mag als strategischer Ableger einer Marketingabteilung nur kurze Fußballtradition haben, der Anhang ließ davon allerdings wenig merken und machte gute Stimmung im OIympiastadion (dass eine der Melodien von den Bayern entlehnt ist, ist da fast schon so etwas wie eine Pointe).

Dieter Mateschitz und Dietmar Hopp sind sicher nicht die Totengräber des Fußballs, auch der "Kaiser" spielt da eine eher geringe Rolle. Sepp Blatter verdient diesen Titel schon eher, war aber vor allem für die Nationalteams zuständig, also für einen Bereich des Fußballs, dem man schon lange aus vielfachen Gründen die Gefolgschaft verweigern sollte. Bleibt Michel Platini als Erfinder eines höchst dehnbaren Financial Fair Play, von dem RB Leipzig auch profitieren wird, allerdings in einem weit geringeren Maß als Manchester City oder Paris St. Germain.

Der Fußball ist nicht tot, er ist nicht einmal schwer krank, und wenn es aktuell Individuen gibt, vor denen man ihn schützen muss, dann würde ich Gianni Infantino nennen, den FIFA-Präsidenten, Vladimir Putin und seine korrupten Funktionäre, und ich würde den neuen Uefa-General Ceferin auf jeden Fall unter erhöhte Beobachtung stellen. DFB-Präsident Grindel verdient ebenfalls allerhöchstes Misstrauen.

Die kommunikative Aktion der Ostkurve war also attraktiv, aber auch naiv. Und ganz ähnlich ging Hertha es dann auch sportlich an gegen RB Leipzig: Es hätte einer gereiften Spielanlage bedurft, um sich gegen den Druck zur Wehr zu setzen, den die "Bullen" aufbauten (das Wort "Bullensch***ne" ist mir viel zu assonant zu einem der geläufigsten Nazihasswörter, als dass ich es jemals in den Mund nehmen würde).

Trotzdem war die erste Halbzeit nach einem frühen Führungstor durch Werner (per Kopf!) halbwegs offen, und man durfte einigermaßen gespannt auf das Kommende sein. Es war dann ein symptomatischer Moment, der die Vorentscheidung brachte: Hertha, die Mannschaft die "hinten herum" nach Europa will, machte sich hinten lächerlich. Das begann mit einem Rückpass von Alex Esswein, und endete mit einem Ausrutscher von Rune Jarstein.

Damit eine Mannschaft ins Spiel kommt, muss sie erkennen, wann sie ins Risiko gehen soll und wann es besser ist, eine sichere Variante zu spielen. Bei Hertha lassen die entscheidenden Spieler häufig den Sinn für Initiative vermissen. Deswegen landet der Ball so häufig bei Jarstein, wobei Leipzig natürlich mit dem hohen Pressing auch speziell dafür sorgte, dass ein Chaot wie Esswein in heikle Situationen kam. Jarstein ist sicher eine absolut entscheidende Entdeckung geworden, aber es ist doch kein Zufall, dass er an markanten Gegentoren immer wieder beteiligt ist.

Im ZDF-Sportstudio war später ein riesiges Fragezeichen dort zu sehen, wo bei Hertha seit langer Zeit der konzeptuelle blinde Fleck liegt: im zentralen Mittelfeld. Konkret bedeutet da ja nichts anderes, als dass der Mannschaft der wichtigste Umschaltpunkt fehlt, weil die Positionen 6 und 8 jeweils zu wenig miteinander arbeiten, stattdessen eine unverständliche Arbeitsteilung pflegen (wenn einer sich zeigt, sucht der andere den Deckungsschatten).

Hertha fehlt im Spiel hinten heraus immer mindestens ein Mann, deswegen führt das Spiel hinten heraus so oft nicht nach vorn, sondern nach hinten. Nach Europa sollte man so nicht kommen, aber in einer Liga, in der nun ein Team mit einer Tordifferenz von minus 15 auf Platz 5 liegt, ist alles möglich.

Das Spiel gegen Leipzig hat klar gemacht, was man ohnehin wusste: Ausreden sind unzulässig. Der Erfolg von RB ist sicher durch die Unterstützung der Dosenfirma bedingt, aber die Konkurrenz ist dadurch nicht so verzerrt, dass es sportlich nichts zu bewerkstelligen gäbe. Zumal von einem Club wie Hertha, der exzellente Standortfaktoren hätte, und der ebenfalls beträchtlichen Kapitalzufluss hatte. Allerdings brauchte Hertha das Geld, um Boden unter den Füßen zu finden, nach einem Jahrzehnt der Volatilität.

Hertha hat am Samstag gegen eine Mannschaft verloren, gegen die mit ein bisschen mehr Intelligenz etwas möglich gewesen wäre. Der Abstand ist nicht unüberwindbar, es bedarf allerdings exzellenter Arbeit, um ihn zu verringern. Darf man selbstbewusst behaupten, dass diese Arbeit in Berlin geleistet wird? Mit Sicherheit nicht. Es ist eine fehlerhafte Saison mit vielen Diskussionspunkten, die in zwei Wochen zu Ende gehen wird. Kein einziger Bereich (Kaderplanung, sportliche Betreuung, medizinische Betreuung, und die beiden Fitnesstrainer) steht außer Frage.

Das ist der Alltag des Fußballs. Die Welt ist nicht gerecht, die Liga ist es auch nicht. Man kann letztendlich nur so gut wie möglich arbeiten, zu den Bedingungen, die sich einem bieten. Und da darf Berlin sich am allerwenigsten beschweren. Deswegen war das Berliner Grabtuch am Samstag zwar toll anzusehen, aber doch die falsche Botschaft.


Eingestellt von marxelinho am 08. Mai 2017.
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03. Mai 2017

Der Spezialist

Eine halbe Ewigkeit ist es schon wieder her, da wollte Arsène Wenger sich nach der Länderspielpause erklären. Die Pleiten gegen Chelsea, Liverpool und Bayern waren noch frisch im Gedächtnis, und eigentlich wäre derzeit wenig wichtiger für den FC Arsenal als ein Signal, wie es mit dem Club und dem Manager weitergeht. Es kommt nur nicht. Weder von Wenger noch von Arsenal ist auch nur ein Mucks zu vernehmen, wie es weitergehen soll.

Derweil neigt sich die Saison dem Ende zu, und die Gelegenheiten werden weniger, anlässlich derer sich eine Vertragsverlängerung mit Wenger noch halbwegs verkaufen ließe. Der Heimsieg gegen Leicester war zu dürftig, um daraus irgendwelche Ansprüche ableiten zu können, und schon wenige Tage darauf folgte mit der Niederlage im Derby gegen Tottenham Hotspur die relevante Standortbestimmung. Arsenal war nicht konkurrenzfähig.

Es fällt immer schwerer, das hartnäckige Gerücht zu glauben, dass Wenger in Wahrheit seinen Vertrag schon um zwei Jahren verlängert habe. Es wäre jedenfalls schwer zu vermitteln. Die Mannschaft spielt wie unter Vorbehalt, egal, ob man sie in irgendeiner Form in irgendetwas eingeweiht hat oder - was wahrscheinlicher ist - dass sie auch nichts weiß.

Arsenal stehen nun noch zwei Termine bevor, mit denen Klärungen einher gehen: in drei Wochen endet die Liga, dann steht fest, ob zum ersten Mal unter Wenger die Qualifikation für die Champions League verfehlt wurde. Platz 4 ist noch nicht vollständig abzuschreiben, das hat aber vor allem damit zu tun, dass die beiden Clubs aus Manchester eine schwache Saison spielen. Beide kann man natürlich auch als ein Indiz dafür sehen, dass ein Trainerwechsel eine Menge durcheinander bringen kann.

Ende Mai spielt Arsenal dann im FA Cup-Finale gegen Chelsea. Wenn bis dorthin alles offen bleibt, dann wird das in jeder Hinsicht ein Münzwurfmoment: Wenger könnte einen Sieg sowohl zum Anlass nehmen, die Fortsetzung seiner Arbeit in Angriff zu nehmen, als auch zu einem Abgang in Würde. In jedem Fall wäre das dann schon reichlich spät für eine Weichenstellung für die neue Saison.

Die deutliche Niederlage von Atletico Madrid im Semifinalhinspiel gestern gegen Real Madrid sehe ich dabei in einem Zusammenhang, in den auch Arsenal gehört. Denn für Diego Simeone deutet sich damit doch an, dass sein Vorhaben mit Atleti an einen markanten Punkt gelangt ist: er kann nun entweder einen neuen Zyklus ins Visier nehmen (bei Wenger sagte man immer, und nur bei ihm, glaube ich: eine neue Mannschaft aufbauen). Oder er kann zu einem anderen Club gehen.

Ich sage nicht, dass das Arsenal sein muss. Aber es wird doch ein unüblich interessanter Sommer werden, was die Toppositionen in Europa anlangt. Barcelona ist vakant, beim FC Bayern könnte durchaus etwas passieren, Arsenal sollte etwas Neues versuchen. Die denkbaren Revirements hängen alle miteinander zusammen. Aber nur für Arsenal geht es dabei darum, dass der Club überhaupt das Standing bewahrt, das ihn für Toptrainer zu einer interessanten Adresse macht.

Die finanziellen Bedingungen und die Standortfaktoren (die Liga, die Stadt, das Stadion, die globale Fanbase) sind eigentlich exzellent - auch vor diesem Hintergrund muss man die Stagnation unter Wenger sehen, die inzwischen deutlich ein Niedergang geworden ist. Als er seinerzeit geholt wurde, war er eine Wildcard. Inzwischen ist die Trainerfrage für Topclubs zu einem fast unlösbaren Rätsel geworden. Das sieht man am Beispiel der Bayern, die mit Ancellotti alles richtig gemacht haben, und doch ging die Sache schief.

Aber auch vor diesem Hintergrund kann man nicht übersehen, dass das Modell Wenger bei Arsenal auch über die Person des Managers hinaus unzeitgemäß geworden ist. Ein derartiges Maß an Monopolisierung von Kompetenz (ich verwende das Wort hier strikt im formalen Sinn) ist eigentlich ein Wahnsinn. Allerdings wäre der Fußball viel weniger interessant, wenn er nicht gerade auch auf der Topebene von solchen grotesken Dysfunktionalitäten geprägt wäre, wie sie derzeit eben leider vor allem Arsenal zeigt.

Am Sonntag trifft Arsenal auf Manchester United, und damit auf einen Trainer, der Wenger einmal bescheinigt hat, er wäre ein "Experte im Versagen" ("specialist in failure"). Der Spezialist ist in Wirklichkeit natürlich ein Generalist des Versagens, denn er prägt inzwischen den Niedergang Arsenals auf so vielen Ebenen, dass man ihn de facto gleich mehrfach kündigen müsste. Das macht aber umgekehrt die Aufgabe einer Neuaufstellung von Arsenal so groß, dass am Ende sogar die schlechteste Lösung kommen könnte: mehr vom Selben.



Eingestellt von marxelinho am 03. Mai 2017.
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29. April 2017

Halbe Sache, doppelt gemoppelt

Auch in Bremen hat Hertha BSC konsequent an einem Dualismus gearbeitet, der allmählich leicht pathologische Züge annimmt. Die beiden bekannten binären Logiken (Heim- und Auswärtsspiele, Hin- und Rückrunde) erhalten nun endgültig Gesellschaft von der dritten, mit der wir auch schon Bekanntschaft geschlossen hatten: erste Halbzeit gegen zweiten Halbzeit. In Summe bedeutet dass, dass Hertha mit halber Kraft durch die Liga taumelt - ein Riese, der sich selbst fesselt, oder doch eher, wofür mehr spricht, ein Zwerg, dessen zwischendurch breiter Brust allmählich die Luft ausgeht?

Das Spiel gegen die Mannschaft mit dem Lauf (in ein paar Monaten aus dem Abstiegskampf nach Europa) stand im Zeichen einer beträchtlichen Personalkrise. Brooks, Plattenhardt, Weiser und Stark fehlten, damit also fast die ganze Riege der Schaufensterspieler, die am ehesten mit Angeboten im Sommer rechnen können. Torunarigha und Mittelstädt bildeten das linke Element einer fluktuierenden Defensivformation - insgesamt war es doch eher eine orthodoxe Viererkette.

Schon nach einer Viertelstunde stand es 0:2. Das erste Tor verdankte sich einem sehr schönen Pass von Kruse, der begriffen hatte, dass Herthas gesamte Defensive nach einem Standard noch weit vorn war. Der arme Allan Souza konnte gegen Fin Bartels nichts mehr ausrichten.

So richtig wütend wäre ich als Trainer über das zweite Tor, allerdings gar nicht so sehr gegen Jarstein, der natürlich den fatalen Pass gespielt hatte. Es war eine Situation, die es so ähnlich schon mehrfach gegeben hat, ich erinnere mich an Gegentore aus der vergangenen Saison. Hertha hat den Ball, der Gegner stellt mit drei Mann den Raum zu. Ein Herthaner lässt sich fallen, das ist in diesem Fall Allan. Entscheidend für die sukzessive Reduktion der Optionen, die zu Jarsteins Panik führte, ist aber etwas, was man bei Hertha in diesen Momenten sehr oft sehen kann: Skjelbred schaltet ab, er fühlt sich für nichts zuständig, er wartet darauf, dass das Spiel irgendwie in einen Bereich kommt, in dem er es wieder auf sich zukommen lassen kann. Jarstein spielt auf Torunarigha, der Pass wird abgefangen, und Hertha hat dem unnötigsten Auswärtsrückstand seit Jahren.

Danach passierte lange Zeit nicht viel, bevor Hertha in der zweiten Halbzeit begann, Ansätze zu entwickeln. Hier einmal ein guter Pass von Allan, da eine Flanke von Esswein (der aber für einen Stammspieler einfach zu chaotisch ist), ein Moment von Kalou, und schließlich ein Foul an Ibisevic am Strafraum, bei dem es Elfmeter geben hätte müssen - zehn Minuten plus Nachspielzeit vor Schluss. Das wäre eine spannende Phase geworden. Ich vermute, dass Ittrich sich nicht ganz sicher war, ob Ibisevics Balleroberung regelkonform war, und deswegen neutral entschied. Ein Fehler von dem Mann, der gegen Bayern für meine Begriffe plausibel entschieden hatte - die Nachspielzeit wurde damals von außen um eine Minute zu umfangreich errechnet, die Überziehung der Nachspielzeit war korrekt.

Auf den Ansätzen der zweiten Halbzeit kann man durchaus aufbauen. Allerdings hapert es insgesamt doch an vielen Dingen, vor allem an Handlungsschnelligkeit (Langkamp), taktischer Intelligenz (Skjelbred), Klarheit (Kalou und Darida schaffen immer wieder kleine Räume, in denen sie sich kleinklein verrennen), und insgesamt an einer Einstellung zum Spiel, die nicht erst allmählich aus Ansätzen zusammengesucht wird.

Die eigentümliche Passivität, mit der Hertha so oft beginnt, mag mit unklaren Hierarchien in der Mannschaft zu tun haben. Die konkrete Spieleröffnung bei Ballbesitz bringt es an den Tag. Es fehlen die Dreiecke, die aus den engen Gassen an der Seitenlinie befreien. Es fehlen die kleinen, initiativen Läufe und Pässe, die für Verknüpfungen im Spiel sorgen. Darida will Verantwortung übernehmen, ihm fehlt es an Optionen von den beiden Hinterleuten. Allan war allerdings gar nicht so schlecht.

Macht ingesamt einen simplen Befund: Hertha ist desintegriert. Klare halbe Sachen in fast allen Bereichen, dazu ein genereller Mangel an Intuition, wo es lohnt, ins Risiko zu gehen. Die drei restlichen Spiele werden schwer genug, eine Prognose macht keinen Sinn, aber es könnte gut sein, dass Hertha die Saison mit einer Pointe beendet: mit zwei Heimniederlagen und einem Auswärtssieg. Wäre damit die Schizophrenie überwunden? Nein, damit wäre nur das Rätsel komplett, mit dem wir uns konfrontiert sehen.



Eingestellt von marxelinho am 29. April 2017.
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23. April 2017

Es werde Werder

Unvermutet kommt es kommendes Wochenende zu einem Topspiel in der Liga, von dem allerdings noch nicht ganz klar ist, ob man es nicht vielleicht mit einem Duell gegen den Abstieg verwechseln könnte: Hertha auswärts gegen Bremen, ein Spiel um Platz 5, das ohne Weiteres die Charakteristika eines Spiels gegen Platz 16 haben kann.

Hertha hat gegen Wolfsburg eine schon etwas in Vergessenheit geratene Tugend ausgepackt: Effizienz. Das 1:0 reicht, um Platz 5 zu festigen. Bremen hingegen hat in Ingolstadt eines dieser wogenden Duelle gewonnen, wie sie für die entscheidenden Wochen im Kampf um das Klassenerhalt typisch sind. Und plötzlich steht die Mannschaft auf einem europäischen Platz. Wir erinnern uns dabei natürlich daran, dass Bremen es war, die in dieser Saison zum ersten Mal die Festung Olympiastadion geknackt haben.

Der Sieg gegen Wolfsburg war in zweifacher Hinsicht verdient: der Gegner stellte sich nämlich einigermaßen dumm an, und Hertha steigerte sich nach gewohnt mäßiger erster Halbzeit immerhin so weit, dass derr einzige Treffer durch Ibisevic eine zumindest minimale Folgerichtigkeit hatte.

Der entscheidende Faktor, der ein insgesamt schwaches Spiel prägte, war für meine Begriffe der engagierte Auftritt von Darida. Zum ersten Mal seit längerer Zeit deutete er wieder einmal an, dass er ein idealer Umschaltspieler ist. Wenn Darida in Form ist (was er seit Ewigkeiten nicht war), dann wird aus Herthas zentralem Mittelfeld ein Faktor für das Spiel (und nicht bloß bestenfalls eine neutraliserte Zone).

Allerdings hätte es zu diesem Zeitpunkt nach ungefähr zwei Dritteln schon mehrere Tore für Wolfsburg geben müssen, weil vor allem John Brooks zu Beginn eher lässig in Feldherrenmanier Laufaufträge an Nebenspieler signalisierte, obwohl ganz eindeutig er selbst für den Zweikampf zuständig war. Die letzte Linie war in der ersten Phase eher ein Spalier, durch das die grünen Männchen beflissen gewunken wurden.

Sehr allmählich ließ Hertha sich auf dieses Spiel ein. Dann allerdings war sogar so etwas wie die taktische Grundkonzeption dieser Mannschaft erkennbar. Sie ist ja auch nicht superoriginell, denn sie beruht auf einem konsequenten Flügelspiel, das allerdings selten zustandekommt, weil es dazu Tempo braucht - was der Gegner in der Regel verhindert.

Mitchell Weisers Faktor für das Spiel von Hertha hat sehr viel mit dieser Fähigkeit zu tun, von der offensiven (oder sogar besser noch: von der defensiven) Außenposition in Richtung Sechzehnereck zu gehen (Esswein probiert das auch manchmal, mit weniger Erfolg). Das stiftet manchmal ausreichend Verwirrung für interessante Manöver. Gegen Wolfsburg musste hingegen eine klassische Flanke reichen, die Esswein in die Mitte brachte. Schießen und flanken kann er eindeutig. Da hat er Haraguchi etwas voraus.

Hertha hat in der zweiten Halbzeit nur das Allernötigste getan, was eine spielende Mannschaft tun muss, um Platz 5 in der Liga auch irgendwie durch Qualität und Initiative zu legimieren. Aber das immerhin war zu sehen. Da Gomez noch eine weitere Riesenchance vergab, reichte der eine Treffer von Ibisevic.

Der Sieg nimmt enorm viel Druck aus der Saison. Denn so schlecht wie im Vorjahr kann die Rückrunde nun nicht mehr enden. Hertha kann auch Spiele nach Ostern gewinnen. Nun kommt ein Gegner, der vieles ist, aber sicher nicht übermächtig. Hertha war in dieser Saison am besten meist in offenen Spielen. Und dann kommen die Dosen ins Olympiastadion, wie sie von Freunden spöttisch genannt werden.

Das wird dann ein Spiel, in dem Hertha sich wirklich positionieren kann, über die Tabelle hinaus. Denn die Tabelle, seien wir ehrlich, lügt zwar nicht, aber sie erzählt nicht die Geschichten dieser Saison, in der die Topdivision einer des wichtigsten Fußballländer der Welt auf einen kollektiven Selbstfindungstrip gegangen ist.

Mit seinem mustergültigen Tor, bei dem niemals zu klären sein wird, ob es herausgespielt oder bloß erkontert wurde, hat Vedad Ibisevic Hertha einen wichtigen Hinweis auf die wünschenswerte Identität gegeben: eine Fußballmannschaft ist ein Verband von Spielern, die gemeinsam Tore erzielen wollen. Zur Not reicht eines, aber irgendwann sollte doch ein wenig besser erkennbar werden, dass man Fußball auch mit Begeisterung spielen kann, und zwar ohne deswegen die elementaren Tugenden zu vernachlässigen.

Bis dahin lassen wir die schnöden Arbeitssiege von Hertha eben als Andeutung gelten.


Eingestellt von marxelinho am 23. April 2017.
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