19. März 2017

Chronisch mäßige Tagesform

Pal Dardai hat zuletzt häufig von der Tagesform gesprochen. Man kann das als Ausdruck der Tatsache sehen, dass Hertha keine Kontinuität in das Schaffen bringt. Nach dem guten Auftritt gegen den BVB folgte am Samstag wieder ein schwacher in Köln: 2:4 in einem Spiel, in dem deutlich mehr drin war. Tagesform ist im Fußball meistens eine Wochenform, zumindest für eine Mannschaft, die nicht international spielt. Offensichtlich ist es auch eine Ortsform: Hertha zeigt auswärts Leistungen, die einer designierten Spitzenmannschaft nicht würdig sind. Und dieser Anspruch ist nun einmal offiziell: Platz 6 oder besser ist das Saisonziel.

Das lässt sich zur Not auch mit einer exzellenten Heimbilanz und einem gelegentlich in der Fremde erknauserten Pünktchen schaffen, wäre allerdings ein Armutszeichen für die Liga. Woran liegt es, dass Hertha vor allem die ersten Halbzeiten so sträflich ignoriert?

Gegen Köln war die Sache recht deutlich: Die Heimmannschaft konnte mustergültig ihr Programm durchziehen, das zufällig das Programm ist, das für Hertha ein ehemaliges ist. Denn Hertha ist schon einen Schritt weiter, das ist aber auswärts fast immer der Schritt zurück. Der Schritt weiter wäre, das Spiel gestaltend anzunehmen, und sich gleichzeitig kompakt gegen die Umschaltbemühungen der Gegner abzusichern. Hertha tut das aber immer nur zögernd, es stimmt weder hinten und vorne. Gegen Köln fehlte es massiv an Konzentration und Intensität.

Eine banale Tatsache ist auch statistisch offensichtlich, sie zeigt sich aber vor allem, wenn man ein wenig genauer hinsieht: Hertha läuft zu wenig. Dazu muss man keine aufwändige Videoanalyse betreiben, es reicht die einfachste Übung für den nicht mehr ganz naiven Fan: man muss versuchen, das Auge vom Ball zu nehmen (der peripher im Blick bleibt), und auf die Bewegung der Kollegen zu achten. Dann wird man sofort feststellen, dass Hertha die Einladung, über die Seite zu eröffnen, auch deswegen so oft annimmt, weil sich im Zentrum niemand zuständig fühlt.

Oder genauer genommen, immer nur der eine, der sich gelegentlich fallen lässt. Die Unbeteiligtheit, mit der in diesem Moment jemand wie Niklas Stark im Deckungsschatten herumsteht und nicht einmal Andeutungen macht, er könnte Teil des übernächsten Passes werden, gilt auch für fast alle Kollegen. Hertha denkt als Mannschaft immer nur einen Pass voraus, es sollten aber drei oder vier (mögliche) Pässe sein.

Das würde auch den neunmalklugen Einwand entkräften, dass es auf die Qualität der Laufarbeit ankommt. Völlig richtig, ich gehöre nicht zu den Fans, die einfach aus Prinzip sehen wollen, wie sich die Spieler das Beuschel aus dem Leib rennen. Hier geht es um eine gar nicht so intensive Laufarbeit, denn sie hat vor allem mit kleinen Bewegungen zu tun, bei denen der Spieler der Mannschaft mit dem Ball noch dazu den Vorteil hat, dass er die Initiative besitzt.

Ich habe, wie gesagt, Niklas Stark beim Spiel gegen Dortmund genau dabei zugeschaut, mit welcher Konzentration und Unnachgiebigkeit er sich dem immer wieder abschwirrenden Kagawa gewidmet hat. Es war eine Topleistung, die mich umso mehr staunen lässt, dass derselbe Spieler gegen Köln häufig im Niemandsland verschwand. Das galt dann auch defensiv. Selten hat Hertha so viele "Schnittstellen" offen gelassen.

Der Coach sprach hinterher halb im Ernst davon, künftig erst am Spieltag zu Auswärtsspielen anzureisen. Irgendwie muss er an diese Mentalitätssache kommen, dass Hertha so oft die ersten 45 Minuten abschenkt. Es ist aber auch eine Konzeptionssache. Hertha ist zu zögerlich in der Wahl der Mittel. Gegen Köln wollte die Mannschaft eindeutig Verantwortung für das Spiel übernehmen, aber nicht zu sehr. Aus dem Gestus des vorsichtig offensiven Abwartens entstanden die Räume, die Osako und Modeste so brillant nützten.

Die Zwischenräume und die Schnittstellen, die schon seit einer Weile unsere Fußballsprache bereichern, sind gewissermaßen auch die Heimat von Hertha in der Liga. Die Mannschaft ist, seit sie sich auf Distanz zu den Abstiegsplätzen konsolidiert hat, in einem Limbo, den sie als Diskrepanz zwischen Effizienz in Heimspielen (die Leistungen sind auch im Olympiastadion oft dürftig) und zu großer Passivität in Auswärtsspielen auslebt.

Die Saison bietet noch hinreichend Möglichkeiten, in dieser Hinsicht Lernprozesse einzuleiten. Die zweite Halbzeit in Köln hat angedeutet, dass irgendwo in den Synpasen der Spieler auch schon die Konzeptionen für eine integriertere, beweglichere Hertha vorhanden sind. Sie werden nur kaum (hier stimmt das Wort fast) "abgerufen". In der zweiten Halbzeit war nämlich auch die Mittelfeldlücke besonders eklatant.

Häufig braucht es in solchen Fällen von Unentschiedenheit oder Unentschlossenheit einen katalytischen Spieler, einen, der die ganze Mannschaft unter Spannung setzen kann. Mitchell Weiser ist so ein Spieler. Hertha braucht aber noch mehr, es wird viel darauf ankommen, dass jemand wie Niklas Stark sich auch in diese Richtung entwickelt. Auch John Brooks hat Potential in diese Richtung. Darida hingegen hat viel von seinem Nimbus verloren, er war im Vorjahr so ein Spieler, bringt heute aber in der Hälfte der Fälle nicht einmal die Eckbälle in den Strafraum. Das sind so die Mysterien des Fußballs.

Nun ist Länderspielpause, danach beginnt die Phase der Saison, in der Mannschaften im Idealfall von ihrem Rhythmus leben. Hertha muss erst einen finden.


Eingestellt von marxelinho am 19. März 2017.
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12. März 2017

Knoten sind nicht verboten



Gestern gab es im Olympiastadion etwas Erstaunliches zu erleben: ein Spitzenspiel der Bundesliga, an dem Hertha BSC als Spitzenmannschaft in jeder Hinsicht teilnahm, und das schließlich mit einem glücklichen, aber verdienten Sieg gegen Borussia Dortmund endete. Vor mehr als zehn Jahren war so etwas schon einmal Liganormalität gewesen, damals aber bei beiden Clubs auf Verhältnisse gebaut, die nicht zu halten waren. Inzwischen hat sich eine Menge geändert, vor allem hat sich die Liga insgesamt radikal verändert, für Hertha aber war das 2:1 am Samstag ein großer Schritt in Richtung einer Etablierung im erweiterten Establishment.

Es war ein schöner, noch kühler Frühlingsnachmittag mit einem tollen Licht. Ideale Bedingungen für Fußball. Der BVB trat nicht ganz mit der ersten Mannschaft an, es fehlte Reus verletzt, vor allem fehlten aber die beiden Superteens Dembele und Pulisic. Sie wurden geschont. Hertha spielte mit der Stammmannschaft der letzten Wochen, formiert allerdings im Bayernmodus, also eher in einem 4-1-4-1, mit Skjelbred ein wenig vor Stark. In den ersten fünf Minuten ging es schon hoch her, und der Eindruck bestätigte sich dann immer mehr: es war ein zugleich entfesseltes wie auch höchst diszipliniert geführtes Spiel.

Hertha spielte dabei jederzeit nach vorn, angeführt von dem extrem gut gelaunten Kalou, der dieses Mal wieder zeigte, dass er das Einszueins nach wie vor beherrscht, und dass er den Tanz mit den elastischen Beinen liebt. Es kam ihm entgegen, dass Dortmund im 3-4-1-2 dieses Mal mit Bartra auf seiner Seite spielte, eine ungewöhnliche Konstellation, die Hertha viele Räume bot.

Der Führungstreffer kam allerdings über die rechte Seite auf den Weg: Ibisevic stahl Ginter einen Ball, und verschaffte sich dann mit einer sehenswerten Beschleunigung-cum-Übersteiger-cum-Ball-auf-den-richtigen-Fuß-Legen die Möglichkeit, Kalou ideal zu bedienen. Zwei Weltklassestürmer, die gemeinsam 64 Jahre alt sind, spielten an diesem Nachmittag das alte Spiel "Knoten sind nicht verboten, solange es die Beine des Gegners anlangt". Mit der Führung wiederholte sich in etwa die Situation aus dem Pokalspiel von neulich, auch dieses Mal war der BVB vor allem in der zweiten Halbzeit eine Weile stark, Aubameyang glich aus.

Und dann brachte Pal Dardai seinen Joker: Mitchell Weiser für Ibisevic. Befremden auf den Rängen, aber es war ein kluger Schachzug, zumal das Zentrum nicht einfach neu besetzt, sondern zu einer offenen Zone erklärt wurde, in die Weiser dann einen seiner Läufe richten konnte. Er wurde knapp vor dem Strafraum gefoult. Mit dem Freistoß steigerte Marvin Plattenhardt seinen Marktwert weiter. Für ihn wird es im Sommer ganz sicher Angebote geben. Er ist jetzt schon der viel bessere Christian Fuchs.

Hertha gewann verdient, obwohl der BVB viel mehr Ballbesitz und auch eine Menge guter Chancen hatte. Aber die Defensivleistung war trotzdem herausragend (ich hatte vor allem oft ein Auge auf das Duell von Stark mit Kagawa, das häufig fast auf Manndeckung hinauslief, eine extreme Konzentrations- und Willensleistung und auch eine athletische von Niklas Stark, der auch bald ein Faktor auf dem Transfermarkt werden dürfte). Entscheidend war aber, dass die Mannschaft viel initiativer spielte, als wir es nach den meist lethargischen Auftritten der letzten Wochen erwarten durften.

Für den Coach war es fast schon ein kleiner Befreiungsschlag: Er hatte für meine Begriffe zu oft von Punkten gesprochen, bei denen es ihm egal zu sein schien, wie sie erwirtschaftet wurden (notfalls "dreckig", also ohne spielerische Legitimation). Diese drei Punkte aber wurden in jeder Hinsicht erspielt. Es geht bei Herthas Auftritten ja auch längst, wie ich mehrfach geschrieben habe, um Verantwortung für die Liga. Wer in Europa spielen will, darf sich nicht durch die Bundesliga mogeln wollen.

Das Ergebnis spiegelt sich auch deutlich in der Tabelle wieder. Hertha hat sich fünf Punkte von Platz 6 abgesetzt, und gehört jetzt fast wieder zu dem kleinen Pulk, der sich mit dem neuralgischen Platz 4 beschäftigen könnte. Und jetzt kommen die direkten Gegner um die Plätze 5 und 6: Köln, Hoffenheim, Gladbach. Der Sieg gegen Dortmund sollte als Grundlage für weitere mutige Auftritte dienen können.



Eingestellt von marxelinho am 12. März 2017.
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10. März 2017

Komischer Ballbesitz


Als ich jung war, da gab es noch einen Eisernen Vorhang, und dahinter eine Gruppe von Ländern, die unter der Knute des Kreml standen. Was im Kreml aber genau vor sich ging, das war so unklar, wie heute die Geschehnisse in der Kommunistischen Partei der Volksrepublik China. Es gab allerdings eine Geheimwissenschaft: Kremlinologie war eine Art höheres zwischen den Zeilen Lesen.

Auf einer etwas weniger bedeutsamen Ebene verhält es sich heute mit Fußballclubs ähnlich. Sie trachten danach, möglichst wenig nach außen dringen zu lassen. Man muss dann schon bei offiziellen Anlässen genau hinhören, um ein bisschen etwas von dem zu verstehen, was vor sich geht. Deswegen schaue ich mir nach Möglichkeit die Pressekonferenzen an, auch wenn es sich dabei deutlich um ein routiniertes Geschehen handelt, mit dem der kleine Kreis der ständigen Hertha-Beobachter gar nicht darüber hinwegzutäuschen versucht, dass die wahren Informationen anders zirkulieren.

Die Information, auf die es mir ankommt, lässt sich aber ohnehin nicht direkt erfragen: Ich horche Pal Dardai darauf hin aus, wie er die Mannschaft versteht. Er lässt da schon immer wieder etwas verlauten, was hellhörig macht. Zum Beispiel hat er bei der PK vor dem Dortmund-Spiel ein paar Sätze über Duda gesagt. Da war auch ein bisschen Kritik zu vernehmen, weil der Slowake nämlich Ballverluste produziert hatte. Und zwar nicht mit vertikalen Pässen, denn da ist das erlaubt.

Daraus resultieren zwei Fragen: Warum sucht die Mannschaft so selten den vertikalen Pass? Liegt es an der Adresse, also an einem Mangel an Spielern, die sich freilaufen und anbieten? Oder liegt es an den Absendern, denen die Intuition für den Raum und die gute Option fehlt, und vielleicht auch die Selbstverständlichkeit eingeübter Muster? Eine weitere Frage schließt sich da noch an: Wie geht die Mannschaft mit Ballverlusten nach vertikalen Pässen um? Das sind ja meistens die Gelegenheiten, bei denen man von Gegenpressing spricht - eine Möglichkeit, von der Hertha vergleichsweise wenig Gebrauch macht.

Duda war tatsächlich ein wenig zerstreut während seiner ersten halben Stunde, aber die ganze Mannschaft war nicht auf der Höhe. Der Coach spricht gern von Tagesform, und täuscht sich damit vielleicht auch ein wenig darüber hinweg, dass doch auffällig viele Tage mit mäßiger Form zu verzeichnen sind.

Das Zweite, was mir an der aktuellen Pressekonferenz auffiel, ist die neuerliche Betonung, dass Hertha keine Umschaltmannschaft ist. Dardai verband diese Feststellung mit einer Unterscheidung zwischen gutem und komischem Ballbesitz. Was ist komischer Ballbesitz? Genau hat er das nicht erklärt. Man könnte sagen: komischer Ballbesitz ist einer, mit dem eine Mannschaft nichts anfangen kann. Um dieses Problem zu vermeiden, setzen viele Mannschaften in der Bundesliga auf Umschaltspiel.

Es gilt als eine Art höhere Weihe, wenn eine Mannschaft von "Jagdfußball" (so hieß das damals unter Klopp beim BVB) auf Spielfußball umstellt. Es kann allerdings auch ein höherer Blödsinn herauskommen, wenn eine Mannschaft auf Ballbesitz setzt, wenn sie diesen nicht als komisch durchschaut. Bei Hertha ist häufig nicht so richtig klar, wann die Mannschaft das Spiel beruhigen möchte, um es dann gründlich und vorsichtig und überlegt und mit vielen sicheren Quer- und Rückpässen aufzubauen, und wann sie das Spiel wirklich spielen möchte.

Hertha BSC ist mit diesen Nöten keineswegs allein, sondern einfach ein spezieller Fall eines permanent durch Fragen des Selbstverständnisses behinderten Ligabetriebs. Gelingt einem Team einmal eine Weile etwas, wird es sofort auf neue Möglichkeiten des Selbstverständnisses hin getestet - von den Medien, aber auch von den Gegnern. Man könnte fast sagen: ein Team hat dann etwas erreicht, wenn es sich nicht selbst der größere Gegner ist als der Gegner.

Bei Pal Dardai ist noch nicht ganz heraußen (und wird es im Idealfall auch nie sein, denn er soll ja lernen), ob er eher ein Mentalitätstrainer ist oder ein Mannschaftsentwickler. So manche Äußerung der letzten Woche wies jedenfalls in eine eher bedenkliche Richtung: dass er beim HSV  so konsequent von einem "dreckigen" Sieg sprach, der ihm vorschwebte, stand eigentlich seiner Grundsatzmeinung entgegen, dass Hertha an der Veredelung von Ballbesitz arbeiten sollte - und sich das auch leisten kann, denn der Klassenerhalt ist so gut wie geschafft.

Wir sehen also doch recht deutlich, dass auch die Betreuer nicht ganz wissen, woran sie mit Hertha BSC sind. Das ist wohl bis zu einem gewissen Grad unvermeidlich. Gut sind Spiele dann, wenn sie klärend wirken, weil sie nicht nur komisch sind. Das wäre gegen den BVB schon einmal ein Anspruch.


Eingestellt von marxelinho am 10. März 2017.
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08. März 2017

Die Wolken des Nichtwissens

Am Ende hatte Arsène Wenger sogar noch einmal berechtigten Grund zur Klage: Das zweite 1:5 gegen den FC Bayern, im Rück- und Heimspiel im Achtelfinale der Champions League, fand unter irregulären Bedingungen statt. Den Elfmeter zum Ausgleich, die rote Karte gegen Koscielny hätte es nicht geben dürfen, weil Lewandowski sich vor dieser Aktion im Abseits befunden hatte. Es war zu Beginn der zweiten Halbzeit. Arsenal führte mit 1:0, Gesamt 2:5. Noch war nicht alle Hoffnung perdu, wie schon im Hinspiel ging dann ohne Koscielny alles den Bach hinunter.

2:10, eine Ziffer für die Geschichtsbücher, die man aber hoffentlich künftig vor allem mit einem Umstand in Zusammenhang sehen wird: das Ende der Ära Wenger bei Arsenal. Es ist überfällig, und zwar nicht erst seit einigen Wochen. Wenn man als Fan in ein Champions League-Viertelfinale geht, ohne sich an einen Strohhalm zu klammern, wie man das doch sonst immer tut, dann hat das eine Vorgeschichte.

Und die Vorgeschichte ist in diesem Fall der lange Niedergang von Arsene Wenger, konkret aber ist es für mich ein Spiel: Anfang Februar hatte Arsenal gegen Chelsea einen so kläglichen Auftritt, dass auch noch dem letzten Anhänger des "wissenden" Arsène klar gewesen sein müsste, dass das ein alter und nicht mehr tragbarer Hut geworden ist: Arsene knows nämlich nichts. Er weiß nicht mehr, wie man eine Mannschaft einstellt, er weiß nicht, was einen guten von einem mediokren Spieler unterscheidet, er weiß nicht, worauf es im modernen Fußball ankommt. Er lebt von seinem Mythos, und er lebt immer schlechter davon.

Es ist verständlich, dass ein großer Mann in Würde gehen will, und nachdem ihm bei Arsenal niemand die Entscheidung abnimmt, obwohl sie längst fällig wäre, müssen wir da eben noch durch, bis es nicht mehr anders geht. Das 2:10 sollte hoffentlich der Fingerzeig gewesen sein, dem sich niemand mehr verschließen kann bei einem zunehmend dysfunktionalen Club. Denn unter normalen Umständen müsste man jetzt über einen Trainerwechsel nachdenken, und nicht erst zum Saisonende, wenn vielleicht auch die Champions League-Teilnahme der kommenden Saison verspielt ist.

Arsenal befindet sich im Besitz zweier Magnaten, die einander nicht leiden können. Stan Kroenke hat bisher wenig Interesse an der sportlichen Seite des Betriebs gezeigt. Das dritte Drittel, mit dem er wenig bewegen kann, gehört Alischer Usmanow, einer der übelsten Figuren aus dem postsowjetischen Räubernetzwerk. Das sind Eigentumsverhältnisse, die einen ohnehin schon die ganze Zeit zu mächtigen Abstraktionsleistungen zwingen, dazu gehört ein englisches Gentlemen's-Board, dem man eher die Aufsicht über eine Dog Show anvertrauen würde als einen Fußballclub, der mit seinen Rahmenbedingungen eigentlich zur Weltspitze gehören sollte, der aber so geführt wird, dass er es schon lange nicht mehr unter die letzten 8 in der Champions League schafft.

Arsenal hat also nicht nur ein Trainerproblem, sondern ein episches Strukturproblem. Und auf dieser Ebene ist die Sache schon wieder spannend, denn vermutlich wird sogar ein Weiterkommen im FA Cup (gegen den Non League-Club Lincoln City am Samstag) schon wieder so viel Normalität in den Betrieb pumpen, dass man sich über das größere Ganze wieder Illusionen machen kann.

Wenger will sich angeblich nach der Länderspielpause erklären. Es ist zu hoffen, dass der FC Bayern ihm den Weg deutlich gewiesen hat. Da allerdings Starrsinn eine seiner auffälligsten Eigenschaften ist (und er bei Arsenal als absoluter Alleinherrscher auch in einer Blase lebt), könnte es genausogut sein, dass er versucht, sich an der Fehlentscheidung vom Dienstag wieder aufzurichten. Die viel gigantischere wäre es aber, wenn er Arsenal noch länger mit seiner vergeblichen Suche nach einem starken Abgang behindern würde. Den FA-Cup 2017 kann er ja trotzdem noch gewinnen. Es wäre nicht einmal ein Trostpreis angesichts der verlorenen Jahre.


Eingestellt von marxelinho am 08. März 2017.
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06. März 2017

Schlechte Avantgarde

Für Frühjahrsmüdigkeit ist es kalendarisch eigentlich noch zu früh, aber draußen fühlt es sich schon deutlich nicht mehr nach Winter an, und so kann man es sich vielleicht erklären, dass Hertha BSC das Spiel beim HSV am Sonntagabend mit mäßigem Engagement bestritten und folgerichtig auch mit 1:0 verloren hat. Es ist ein merkwürdiger Moment in der Saison, denn statistisch kann man immer noch darauf pochen, dass die sehr gute Heimbilanz die sehr schlechte Auswärtsbilanz aufwiegt (die Leistungen sind aber auch im Olympiastadion alles andere als bemerkenswert).

Der HSV steckt im Abstiegskampf, Hertha spielt nominell um Europa, de facto sind die Leistungen nicht danach, und zwar schon lange nicht. Die ganze aufbegehrende Traditionsformation, die im Herbst den etablierten Europäern die Plätze streitig gemacht hatte, schwächelt derzeit: die Eintracht, der FC Köln und Hertha lassen deutlich erkennen, dass sie eigentlich da vorn nichts zu suchen haben. Gladbach eilt auch mit Riesenschritten (und zum Beispiel viel größerer Teamlaufleistung als die behäbige Hertha) schon daher, damit wenigstens eine Entwicklungsgeschichte in der Liga ihre Berechtigung behält.

Hertha hingegen stagniert offensichtlich, und ich frage mich mehr und mehr, ob das nicht auch etwas mit dem Charakter der Liga als solcher zu tun hat. Der HSV hat das Spiel gewonnen, und das passt auch irgendwie, aber in erster Linie war es ein dürftiges Spiel von beiden Mannschaften (auf einem Terrain, das eigentlich verboten gehörte). Die Bundesliga hat sich in den letzten Jahren gern gebrüstet, sie wäre nun endlich die beste Liga der Welt. Davon kann aber keine Rede sein. Sie versinkt derzeit in einer Mittelmäßigkeit, aus der höchstens ein paar Clubs oben und unten ein bisschen herausragen.

Hertha trägt zu dieser Mittelmäßigkeit bei, weil die Mannschaft sich weigert, für ihre Ansprüche und für die Tabellenposition die Verantwortung zu übernehmen. Die regelmäßige Verweigerung, auch die ersten 45 Minuten schon ernst zu nehmen, und das überwiegende Bemühen, die erste Halbzeit nach Möglichkeit in einen neutralisierten Modus zu versetzen (irgendwann kommt noch der Ruf nach einem Safety Car!), ist dafür das deutlichste Indiz. Die gemütlichen Laufwerte sind ein anderes.

Im Winter haben die Verantwortlichen sich dafür entschieden, rhetorisch diese Verantwortung zu übernehmen, aber die Taktik und die Leistungen sind nicht danach. Es gab im Hamburg zwar Andeutungen, Per Skjelbred wurde zwei, drei Mal am gegnerischen Strafraum gesichtet, was natürlich ein Novum ist bei dem lange Zeit konservativsten Zerstörer der Liga. Aber zu einer integrierten Bemühung um ein produktives Aufbauspiel kann man das noch nicht zählen. Dazu bleibt alles noch zu sehr Stückwerk. Hertha hat keinen anderen Entwurf, als irgendwie in das letzte Drittel (das Spiels wie des Felds zu kommen), und dann irgendwie zu schauen, wie der Fußballgott die Münze wirft.

Gestern ließ er einen Schuss von Darida knapp am Pfosten vorbei streichen (die Abfälschung hätte auch anders ausgehen können), während dann eine Situation, die Plattenhardt durch einen Ballverlust hervorrief, auch danach noch Eingriffsmöglichkeiten bot - doch der HSV war da schon deutlich stärker engagiert, der Gegentreffer hatte seine Logik.

Die Betreuer setzten bald nach der Pause ein Zeichen, indem sie Duda für Stark brachten (der allerdings vor der Pause schon für Gelbrot fällig gewesen war, der Gnadenakt von Referee Brych war eine Fehlentscheidung). Der Slowake soll einmal der neue Spielmacher von Hertha werden, sein erster Auftritt ließ noch wenig davon erkennen - die handelsübliche Formulierung dafür ist: ihm fehlte es noch an Bindung zum Spiel. Ich habe mich vor allem für sein Positionsspiel interessiert, und genau geschaut, wie und ob er sich freiläuft, ob er diese Raumintelligenz zeigt, die Hertha insgesamt so deutlich fehlt. Na ja, es ist natürlich noch zu früh, um da etwas zu sagen.

Letztendlich ist es im Fußball immer zu früh, um etwas zu sagen, andererseits ist mit dem Ergebnis immer schon alles gesagt. In diese Lücke hinein kommentieren wir Fans, weil wir an den Fußball als Erzählung glauben - und nicht nur als wöchentliches Ereignis. Hertha ist derzeit eher schlechte Avantgarde - ein Formexperiment mit langweiligen Wiederholungen, ohne interessante Figuren, und wohl auch ohne einen überzeugenden Autor. Pal Dardai hat schon ein, zwei Mal gezeigt, dass er aus Krisen etwas lernen kann. Derzeit steckt er in der nächsten - und es ist keineswegs eine Krise "auf hohem Niveau", auch wenn man Platz 5 damit verwechseln wollte.



Eingestellt von marxelinho am 06. März 2017.
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26. Februar 2017

Ein Treffer für die Lehrbücher

War das ein Zeichen, das Schiedsrichter Stegemann am Samstagabend im Olympiastadion setzen wollte, als er Hertha gegen Eintracht Frankfurt mehr oder weniger sang- und klanglos nach 90 Minuten beendete? Gründe für eine ausführliche Nachspielzeit gab es hinreichend, nur das Gefühl, in diesem Spiel wäre noch irgendetwas drin, das hatte wohl niemand. Hertha hat mit einem 2:0 einen "Big Point" (Pal Dardai) gemacht. Die Mannschaft hat sich dabei auf eine ihrer wichtigsten Tugenden verlassen: sie hat aus ganz wenig eine Menge gemacht. Das nennt man Effizienz.

Das Bayern-Spiel hatte (für Hertha) zu lange gedauert, das Duell um Platz 5 hingegen war nach 82 Minuten entschieden, als Maximilian Mittelstädt, eingewechselt vor allem zur Absicherung eines knappen Vorsprungs, eine schöne Flanke in den Strafraum schickte. Sie fand Darida, der sich danach glücklich an den Kopf fasste. Glücklich, und auch ein wenig ungläubig.

Dieses Mal spielte es keine Rolle, dass Hertha wieder einmal eine weitgehend teilnahmslose erste Halbzeit gespielt hatte. Frankfurt hatte das bessere taktische Konzept, dazu auch die beste Torchance, es war einmal mehr Rune Jarstein, vielleicht die wichtigste Hertha-Entdeckung seit Jahren, der den torlosen Gleichstand wahrte.

Die Unterschiede, die Hertha von den noch schwächeren Spielen zum Rückrundenbeginn trennen, sind aber immerhin vorhanden. Einer ist Niklas Stark, der im zentralen Mittelfeld ein bisschen aktiver ist als Fabian Lustenberger. Stark spielte schließlich den schönen, vertikalen Pass (in Österreich sagte man früher dazu Lochpass, heute heißt das Schnittstellenpass) auf Kalou, der dadurch die Gelegenheit bekam, Chandler im Strafraum in einen Zweikampf zu involvieren. Ibisevic erzielte aus einem Abpraller einen Treffer, den die versammelten Sky-Experten dann erst mühsam entschlüsseln mussten.

Dass es Elfmeter hätte geben müssen, wurde erst relevant, als sich erwies, dass Kalou beim Schuss von Ibisevic im Abseits war, und Hradecky behinderte, und zwar wegen des Fouls. Immerhin kann Hertha nach einem ansonsten ereignisarmen Spiel von sich behaupten, ein Tor für die Lehrbücher erzielt zu haben.

Die Betreuer und auch die meisten Fans werden das 2:0 wohl mit Handkuss als das nehmen, was es in erster Linie bedeutet: einen wichtigen Schritt zu einer normalen Rückrunde eines durchschnittlichen Bundesligaaspiranten, der sich dem Thema Europa nicht verschließen will. Die Leistung wird am Ergebnis gemessen.

Man könnte allerdings ein paar Fragen stellen, die gar nicht einmal Hertha allein, sondern die Liga als solche betreffen: Das Spiel war immerhin das Topspiel, es lief in der internationalen Fernsehauslage, es war nur bloß kein richtiges Spiel. Es war eine Begegnung zweier Mannschaften, die überdeutlich signalisierten: eines Tages werden wir vielleicht Fußball spielen, noch aber sind wir nicht so weit, wir kommen ja von weiß Gott woher.

Die Bundesliga ist eine Liga des unendlichen Aufschubs: nur ganz wenige Vereine sind wirklich bereit, Verantwortung zu übernehmen. Der Rest spielt auch noch um Europa wie gegen den Abstieg, aber ohne die Dramatik, die der wirkliche Überlebenskampf dann doch immer wieder entfacht.

Die ersten zehn Minuten gegen den FC Bayern waren ein Hinweis darauf, dass Hertha es auch anders könnte: mutig, kreativ, leidenschaftlich und vor allem mit einer deutlichen Präferenz für das gegnerische Tor als Spielrichtung. Gegen Frankfurt war davon kaum mehr etwas zu sehen, sodass man zusammenfassend wohl sagen muss: big point, yet small performance.



Eingestellt von marxelinho am 26. Februar 2017.
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19. Februar 2017

Von Pol zu Pol

Ein Spiel wie das von Hertha gestern gegen den FC Bayern lässt man am besten einen Tag liegen, bevor man sich dazu äußert. Denn es hatte ein paar "talking points". Vor allem einen "big (talking) point". Denn Hertha lag bis nach der 95. Minute mit 1:0 in Führung, dann fiel aber doch noch der Ausgleich, und von drei "big points" für die Tabelle blieb nur einer.

Dass zu diesem Zeitpunkt noch gespielt wurde, hatte mit einer unterschiedlich interpretierbaren Anzahl von Unterbrechungen zu tun, und diese hatten wiederum mit der guten Leistung von Hertha zu tun. Ganz anders als gegen Schalke präsentierte sich die Mannschaft höchst lebendig, das Konzept beruhte keineswegs nur auf Einbunkerung, sondern man hat Hertha lange nicht so aktiv spielen gesehen. Die ersten zehn Minuten machte die Mannschaft geradezu das Spiel.

In anderen Fällen kann man ja oft den Eindruck gewinnen, dass das Spielfeld für Hertha von einem eigentümlichen Magnetismus geprägt ist: die Bälle finden mehr oder weniger von selbst immer zu Jarstein und den beiden Innenverteidigern, die gesamte innere Ausrichtung des Spiels geht nach hinten. Dieses Mal aber wusste Hertha, wo das Tor steht. Die zentrale Formation war auch entsprechend ein wenig verändert, Skjelbred spielte weiter vorn als gewohnt, Stark sicherte hinter ihm ab, tauchte aber auch manchmal am Sechzehner auf. Darida komplettierte ein sehr variables Dreieck.

Der Führungstreffer beruhte auf einem Freistoß, bei dem selbst die Zeitlupen nicht genau erkennen ließen, ob Plattenhardt wirklich gefoult worden war. Er brachte den Ball dann vom Punkt so gefährlich an den ersten Pfosten, dass Ibisevic ihn in Manier eines echten Topstürmers verwerten konnte. Der Kapitän arbeitete mit einer Aufopferung, dass man ihm eigentlich abnehmen könnte, dass er schon nach einer Stunde einen Krampf hatte. Es war die erste von zwei einschlägigen Unterbrechungen, die schließlich zu fünf Minuten angezeigter Nachspielzeit führten.

Ich hätte auf vier Minuten getippt, und zwar deswegen, weil Hertha über diese Konzessionen an das enorm strapaziöse Spiel hinaus eigentlich nicht groß auf Zeitgewinn spielte. All die kleinen Tricks, die in solchen Situationen zur Routine gehören, unterblieben, das Spiel war die meiste Zeit höchst lebendig.

Es war toll, wie John Brooks in so einem großen Spiel auch einmal die Herausforderung annahm und sich als künftiger möglicher Kapitän zeigte (oder am Beginn einer internationalen Karriere). Stark hat seinen Vertrag verlängert, er könnte gemeinsam mit Weiser und Plattenhardt, mit dem hoffentlich bis ins Dino-Zoff-Alter spielenden Jarstein, mit Darida und ein paar künftigen Entdeckungen eine Hertha-Generation prägen - wenn das Team nicht nächste Woche wieder in den Trott zurückfällt und sich dem Magnetismus überlässt.

Die Nachspielzeit wurde also mit fünf Minuten angezeigt. Der Coach hatte sich für diese Minuten etwas aufgespart, er hatte zuvor schon Ibisevic den verdienten vorzeitigen Abgang gegeben, nun warteten noch zwei Reservisten. Es ist allerdings bekannt, dass Schiedsrichter dieser bewährten Methode, Zeit von der Uhr zu nehmen, häufig begegnen, indem sie weitere Zeit auf die Uhr laden. Das Foul von Pekarik an Coman geschah just zu Beginn der Nachspielzeit der Nachspielzeit. Kaum ein Referee auf der Welt hätte danach den Freistoß nicht mehr ausführen lassen.

Und da merkte man dann halt doch, dass die Köpfe schon fast leer waren. Nicht nur dem BVB-Boss Watzke, der sich im ZDF entsprechend äußerte, war aufgefallen, dass Robben doch mehr oder weniger unübersehbar da hinter dem Elfer lauerte. Nur von Herthas Spielern auf dem Platz sah es niemand. Das war die eine Naivität, die der großartige Kampf davor mit sich gebracht hatte. Die Bayern feierten einen Last-Minute-Punkt wie einen Sieg - auch darauf kann Hertha stolz sein.

Mit diesem Spiel kann die Rückrunde nun eigentlich so richtig beginnen. Jetzt kommen die Gegner, bei denen es zählt, wie Hertha auftritt und was die Mannschaft herausholt. Es soll auch ein neuer Rasen kommen. Das würde sicher nicht schaden, dann von nun an wird Hertha wieder häufiger das Spiel machen müssen. Dass sie das auch gegen den FC Bayern phasenweise gezeigt hat, dürfen wir als Zeichen für vorsichtigen Optimismus nehmen. Und dieser Punkt könnte am Ende noch einmal viel wert sein.



Eingestellt von marxelinho am 19. Februar 2017.
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16. Februar 2017

Das schwächste Glied sitzt auf der Bank

Gestern habe ich wieder einmal eine Regel verletzt, die ich mir vor einem Jahr verordnet habe: no second screen. Soll heißen: während ich ein Fußballspiel schaue, habe ich kein Telefon bei der Hand, lese ich keinen Twitter-Feed mit, und vor allem schicke ich auch keine Botschaften in die Welt hinaus. Das Debakel von Arsenal vom FC Bayern hat mich aber so mitgenommen, dass ich doch einen Vorschlag loswerden wollte: ich wäre sehr dafür, Arsène Wenger zu feuern. Das ist zwar absolut undenkbar, und wäre auch ein sehr unrühmliches Ende seiner großen Karriere bei Arsenal.

Aber wäre es nicht doch eine Überlegung wert angesichts des Umstands, dass Arsenal zum Ende von Wengers langem Niedergang (er begann für meine Begriffe 2008 oder, in einer gewissen Optik, auch schon 2006 mit dem CL-Finale gegen Barcelona) Gefahr läuft, sämtliche Saisonziele zu verfehlen - also auch die Teilnahme an der nächsten CL. Dieses Jahr ist nach dem 1:5 von gestern ja wieder einmal im März Schluss.

In der Allianz-Arena kam alles zusammen, was sich über viele Monate kurzfristig und über viele Jahre langfristig entwickelt hat: Arsenal ist in keinerlei Hinsicht mit der Elite konkurrenzfähig. Die Gegentore waren so etwas wie ein Katalog der Nachlässigkeiten, mit denen Wenger sich seit langem arrangiert hat: Robben zieht nach innen, Coquelin spekuliert auf dessen rechten Fuß, und öffnet ihm die Bahn für den linken, der bekanntlich eine Waffe ist. Coquelin ist so etwas wie Wengers Müller: Coquelin spielt immer. Allerdings aus den falschen Gründen.

Es ist natürlich hart, einen durchschnittlichen Fußballer, den die konzeptuelle Trägheit von Wenger zu einem Stammspieler auf einer neuralgischen Position werden ließ, mit Patrick Vieira oder auch nur Arturo Vidal zu vergleichen, aber gestern schien Wenger ja selber eine Ahnung von den Defiziten zu haben. Anders ist kaum zu erklären, dass Oxlade-Chamberlain den Auftrag hatte, defensiv mit Coquelin und Xhaka eine Dreierkette zu bilden. Das führte ganz spät zu der Situation, dass der Ox vor dem eigenen Strafraum einen Ball nicht verarbeiten konnte, was zum 1:5 führte.

Es brachte aber auch mit sich, dass die gesamte Defensivarbeit von Arsenal aus dem Lot war, ohne dass Thiago im überladenen Zentrum dadurch gestört worden wäre oder auch nur Xabi Alonso, der den Pass vor dem 1:3 spielte. Die Flügel gehörten sowieso den Bayern, wobei der linke nicht so auffiel, weil rechts halt die Post abging. Alex Iwobi schätze ich sehr, aber er bräuchte längst eine Pause. Sanchez ist viel besser, wenn er von außen kommt, aber Wenger weigert sich schon das ganze Jahr hindurch, mit einem Mittelstürmer zu spielen. Dabei steht derzeit auch der famose Danny Welbeck wieder zur Verfügung.

Der Kader von Arsenal enthält viel Qualität, allerdings mangelt es an entscheidenden Stellen: Shkodran Mustafi, der eine Menge Geld gekostet hat, ist just another BFG, der sich pro Spiel gerade die zwei, drei Mal abkochen lässt, die dann meistens den negativen Unterschied ausmachen. Koscielny, der einzige Klassemann für die Innenverteidigung, schied gegen Bayern nach der Pause verletzt aus, danach begann das Desaster erst so richtig desaströs zu werden.

Wenn man gesehen hat, wie absolut ratlos Arsenal erst neulich gegen Chelsea war, sie sehr die Mannschaft in der Liga an Autorität eingebüßt hat (ohne drei skandalöse, spielentscheidende Fehlentscheidungen jeweils in der Nachspielzeit stünde Arsenal auf Platz 7), dann kann man sich nur wunder darübern, dass Wenger neulich ein neuer Zweijahresvertrag angeboten wurde.

Und damit komme ich zu der Bilanz des gestrigen Abends: Arsenal spielt schon lange so, dass ich mich im Grunde über Siege nicht mehr freuen kann, weil sie den Blick auf die Wirklichkeit verstellen. Der Club ist auf allen Ebenen von massiven Dysfunktionalitäten geprägt. Allerdings ist er erst dieses Jahr in eine Situation geraten, in der die exzellenten Voraussetzungen (die in den nuller Jahren geschaffen wurden) so richtig in großem Stil verspielt werden könnten. Die Niederlage gegen Bayern, die nichts anderes war als ein Offenbarungseid, sollte nun zumindest darüber Klarheit geschaffen haben, dass es nicht einfach so weitergehen kann.

Der depressive Mesut Özil und der zornige Alexis Sanchez werden sich das jedenfalls nicht mehr lange anschauen. Aber das Board wird vermutlich Wenger das Vertrauen aussprechen, dass er rund um Coquelin eine neue, junge Mannschaft entwerfen kann.


Eingestellt von marxelinho am 16. Februar 2017.
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11. Februar 2017

Das Team ohne Eigenschaften

Halten wir kurz einmal inne: Hertha BSC wird kommende Saison nach menschlichem Ermessen wohl wieder in der ersten Liga spielen. Das wäre die fünfte Spielzeit in Folge in der obersten Klasse. Das ist nicht gering einzuschätzen nach dem Chaosjahren, die auf das Scheitern von Lucie Favre folgten.

Warum aber bedarf es dieser Rationalisierung? Weil Hertha derzeit vermutlich den schlechtesten, sicher aber den langweiligsten Fußball in dieser Liga spielt (Wolfsburg und Augsburg vielleicht einmal ausgenommen, aber will man sich wirklich auf dieses Niveau begeben?). Auch gegen Schalke 04 war es, selbst wenn man die schweren Beine aus dem Cupspiel einrechnet, ein würdeloser Auftritt, der mit einer vollkommen verdienten Niederlage endete.

Damit ist die Liste der dürftigen Spiele jetzt schon einigermaßen lang. Und die Ursachenforschung wird nicht einfacher dadurch, dass die Defizite sich sehr gleichmäßig über die gesamte Elf mit Ausnahme des Torhüters verteilen. In der Arena von Gelsenkirchen war die Absicht über weite Strecken der ersten Halbzeit klar zu sehen: Die Mannschaft hatte den Auftrag, über Antifußball ins Spiel zu kommen. Ungefähr drei Umschaltsituationen wurden angenommen, der Rest war Spielvermeidung, mit dem Problem, dass Schalke trotzdem zu viele Räume hatte.

Das Verhalten bei sogenannten zweiten Bällen ist bezeichnend. Hertha weigert sich, in solchen Situationen ins Risiko zu gehen. Damit werden natürlich die Situationen seltener, in denen überhaupt etwas passieren kann. Dass Kalou vor dem ersten Gegentor schläft, ist ärgerlich, aber wichtiger ist vielleicht, dass er offensiv schon lange an keinem Gegner mehr vorbeikommt - das gilt allerdings für Haraguchi gleichermaßen.

Im Zentrum scheint es derzeit egal zu sein, wer spielt - es kommt immer ein anonymer Auftritt heraus, wobei Lustenbergers Probleme mit Goretzka nur die Kehrseite seines schwachen Positionsspiels bei Ballbesitz sind. Dass Allan nicht mehr der nächste Dahoud wird, ist klar, dass er aber seit der Winterpause gar keine Rolle mehr spielt, erschließt sich angesichts der schwachen Konkurrenz nicht.

Es ist wohl vor allem Zeit, mit einem Irrtum aufzuräumen: Hertha ist nicht kompakt. Das 1:1 im Pokal in Dortmund war trügerisch. Der BVB hat schon die ganze Saison große Probleme, Tore zu schießen. Hertha aber bekommt mit großer Verlässlichkeit welche, mit der Ausnahme von Ingolstadt, und auch das war ein weniger souveräner Auftritt, als es das Ergebnis verrät.

Das Problem dürfte mit dem Selbstverständnis der Mannschaft zu tun haben. Sie hat offensichtlich keines. Wie oft habe ich das schon geschrieben? Es ist fast so etwas wie der Hertha-Refrain. Das Team ohne Eigenschaften. Man kann nicht mit einer Konzeption, die eher nach Darmstadt gehört, nach den Qualitäten suchen, die RB Leipzig gerade verloren gehen. Es braucht einen integrierten Ansatz, man kann nicht jedesmal abwarten, wie sich das Spiel denn so entwickelt, und ob man irgendwie hineinfindet. Die Betonung liegt auf irgendwie.

Natürlich ist die Rückrunde noch jung, und es kann schon sein, dass mit Weiser und Duda (sollten sie noch einmal eine größere Rolle spielen dieses Jahr) ein wenig Spielkultur zurückkehrt. Im Moment aber ist es peinlich, dass Hertha sich selbst mit dem Europacup in Verbindung gebracht hat. Das ist kein Bewerb, in den man sich mogeln kann. Deswegen kann die Devise für die nächsten Spiele nur sein: Niederlagen können passieren, aber Respekt kann man sich auch in solchen Spielen verdienen. Dann kommt vielleicht irgendwann die Qualität. Derzeit spielt Hertha so, dass man sich nur genieren kann.



Eingestellt von marxelinho am 11. Februar 2017.
2 Kommentare

Harald Schuster
meint um 12. Februar 2017 12:52:05

Danke für den Kommentar. Insbesondere die Betonung der Peinlichkeit der fussballerischen Auftritte der Mannschaft findet meine Zustimmung. Wenn Kalou schon immer als der Spieler herhalten muss, der sooo!technisch versiert und spielintelligent ist, dann kann man nur bedauernd den Kopf schütteln. Die Vermutung das er in keiner anderen Bundesliga Mannschaft, die unter den ersten 10-12 stehen einen Stammplatz hätte, ist nicht vermessen. Aber viel wesentlicher ist für mich, daß Dardai und Widmayer das Team, bei allen möglichen vorhandenen Defiziten nicht weiter entwickeln bzw. keine zukunftweisende Spielidee realisieren können. Die Statements Dardais in der Öffentlichkeit sind bei allem Verständis für seine Verantwortung gegenüber seiner Mannschaft ausgesprochen dünn. Immer nur den Männersport zu betonen ist nicht hilfreich und nicht klug. Ich nehme an, daß wir, wie in all den vergangenen Jahren am Ende der Saison wieder einmal eine Mannschaft erlebt haben werden, die aus lauter Angst vor dem Gewinnen, auch noch vergißt Fussball zu spielen.

Valdano
meint um 13. Februar 2017 20:59:11

Wer ist Duda? Was die Frage nach sich zieht: Wer hat ihn gekauft, nach dem Medizintest? Es ist, abgesehen von der latenten Überschätzung Dardais, vielleicht doch mal wieder die Frage wert, was denn eigentlich der Manager, der Sportdirektor, der ewige Preetz tut. Schalke war noch nicht einmal zwingend, auch diese Mannschaft fühlt sich gar nicht wohl, wenn sie Dominanz ausüben muss, das war gegen Ingolstadt und Frankfurt zu sehen. Hertha hat aus diesen Schalker Heimspielerfahrungen offenbar nichts mitgenommen, obgleich einem jede Videoanalyse gezeigt hätte, wie leicht Schalke im eigenen Stadion verwundet werden kann. Das wiederum, ganz ohne Preetz' Beitrag, hätte Dardai aufarbeiten müssen. Goretzka war zwar sehr stark, aber wenn man die Entstehungsgeschichte der beiden Tore ansieht, waren die Hertha-Fehler und Schlampigkeit gravierender und ausschlaggebender als die Klasse von Goretzka bzw. Burgstaller. Gruß von Valdano

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09. Februar 2017

Vom Punkt nicht auf den Punkt gekommen

Wenn es im Fußball ein stehendes K.O. gibt, dann war es am Mittwochabend bei Borussia Dortmund gegen Hertha im Pokal-Achtelfinale zu erleben. Es war allerdings so, dass irgendwie beide Mannschaften bedient waren. 120 Minuten dauerte der Kampf, die letzten zwanzig waren nur noch geprägt von dem Bemühen, über die Zeit zu kommen. So kann Hertha sich immerhin auf die pure Fahne schreiben, eine deutlich hochkarätigere Mannschaft an den Rand der Erschöpfung, und darüber hinaus, getrieben zu haben. Für mehr reichte die Qualität (und die Konzentration) dann allerdings nicht.

Fünf schwache Elfmeter ließen schließlich doch den Favoriten weiterkommen - in ein Viertelfinale gegen die Sportfreunde Lotte. Lustenberger an die Querlatte, Darida in die Ecke, die Bürki aus Freiburg kannte, Esswein zentral und brachial, geht sich gerade so aus, Allagui auf Bürki, der Ball kullert aber über die Linie, und schließlich Kalou: er trifft das Tor nicht. Da waren die enormen Anstrengungen des Bollwerkens dann doch nicht mehr zu kaschieren.

Der Coach hatte das Team an einer Stelle verändert: Stark für Lustenberger im zentralen Mittelfeld, Darida rückte wieder nach vorn auf die Position, die ihm am besten entspricht. Hinten fehlten außen zwei prägende Spieler des Jahrgangs: Weiser und Plattenhardt. Der BVB war in der ersten Halbzeit nicht zwingend, und Hertha bekam Gelegenheiten - in einem Spiel, in dem es endlich wieder einmal vollkommen zulässig war, das Vorgehen ganz und gar auf das auszurichten, was der Gegner so anbietet.

Nach dem Führungstreffer durch Kalou (Vorbereitung durch Stark) war die entscheidende Phase dann die gleich nach der Pause. Da hatte Hertha zehn, fünfzehn Minuten lang Glück, dass ihr das Spiel nicht um die Ohren flog, so phänomenal waren da Passspiel und Laufwege beim BVB. In dieser Phase fehlte es an Geistesgegenwart, besonders deutlich beim (zu) schnellen Ausgleich, als die Schwarzgelben eine ganze Armada am Elferpunkt stehen hatten, aus der Pulisic sich einen aussuchen konnte: es war Reus.

Der Treffer hat eine lange Vorgeschichte, denn bei Hertha gibt es immer wieder Szenen, in denen im Strafraum einfach nicht konsequent genug verteidigt wird, sodass es zu Gegentreffern im zweiten, dritten Ansetzen kommt (vergleiche das Tor von Toprak gegen Leverkusen).

Schieber kam früh, nämlich schon nach einer Stunde, für Ibisevic, bei dem die Reporter inzwischen die torlosen Minuten zu zählen beginnen. Es sind das aber die Minuten der ganzen Mannschaft, die den Mittelstürmer zwingt, sich viel weiter hinten einzubringen, als es seinen Intuitionen und seine Physis zuträglich sein kann. Er zeigt zwar immer wieder ein kluges Kombinationsspiel (in den Ansätzen, auf die Hertha sich derzeit insgesamt beschränkt), aber er kommt kaum in Situationen, in denen er seinen "Riecher" gebrauchen kann.

Bleibt als Ergebnis aus Dortmund die Kompaktheit. Selbst Kalou trug bis zum Ende sein Bestmögliches dazu bei, mit dem Ergebnis, dass ihm beim Elfmeter ein paar Hunderstelpromille Sauerstoff im Hirn gefehlt haben werden. Hertha kann das Gefühl haben, gestärkt in den Ligabetrieb zurückzukehren, auch wenn gegen Schalke die Beine sicher noch tonnenschwer sein werden.

Blauweißer Mann des Spiels: John Brooks. Fiel schon mit dem Kopfball vor der großen Chance von Ibisevic auf, wurde mit jeder Minute sicherer, zum Ende hin der berühmte Turm in der Schlacht.

Stilmittel des Spiels: die Bartra-Pässe. Der Begriff des Packings hatte ja nur ein Turnier lang Konjunktur, gestern zeigte der Spanier, was er kann, wenn er sich konzentriert. Er überwindet immer wieder zwei Linien mit einer Idee. Brooks, Langkamp, Stark, aber vor allem auch die potentiellen Empfänger solcher Pässe (die ja entsprechend irgendwo einlaufen müssen) sollten das studieren. Denn Hertha wird bald wieder auf Gegner treffen, die ihr eine andere Rolle zuweisen als der BVB.



Eingestellt von marxelinho am 09. Februar 2017.
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