14. Januar 2018

Das Reingemachte und das Eingemachte

Pal Dardai konnte der Mannschaft mal wieder keinen Vorwurf machen. Hertha hatte gerade 1:0 in Stuttgart verloren, hatte das Spiel eigentlich dominiert und war durch ein sehr blödes Tor leer ausgegangen. Man muss da jetzt wirklich nicht mit Vorwürfen kommen, aber vielleicht mit Ansprüchen? Denn es war doch deutlich zu sehen, dass etwas fehlte. Und in einer so engen Liga kommt es auf Gelegenheiten wie diese an: auf Spiele, die da sind "for the taking", die darauf warten, dass man sie sich nimmt. Wenn man sie sich nimmt, beginnt man sich selbst besser zu verstehen. Wenn man sie abgibt, bleibt man schwächer definiert. Zu schwach definiert für Ansprüche.

Hertha fehlte es vor allem an Konzentration. Nominell war das fast die erste Elf, die ich für die Rückrunde erkennen kann. Lustenberger vertrat Rekik, Stark hatte vor Langkamp den Vorzug bekommen. Ansonsten alles nach Plan, das heißt auch: Arne Maier ist Stammspieler. Selke besetzt allein das Sturmzentrum. Kalou, Leckie, Lazaro und mit Einschränkungen Weiser tauschen flexibel die Positionen.

Hertha machte das Spiel, allerdings ohne den allergrößten Nachdruck. Es schien einen Matchplan zu geben, der die Höhepunkte weiter hinten in der Erzählung bringen sollte. Bis auf ein Kopfballduell, das Gomez aus naheliegenden Gründen gegen Weiser deutlich für sich entschied, hatte Hertha den VfB unter Kontrolle. Im letzten Drittel gab es aber viel Leerlauf. Vor allem Kalou und Leckie, aber auch Lazaro, wirkten fahrig, vertändelten Bälle, zu Selke kam das Spiel kaum einmal. Die berühmten Laufwege waren eher eine Sache der Improvisation.

Zweimal tauchte Hertha gut im Strafraum auf, die beste Kombination lief über Arne Maier, der technisch sehenswert beide Füße benützte (hintereinander natürlich, zuerst den rechten, dann den linken), um Kalou einen Kopfball aufzulegen, der über das Tor ging. Vor ein paar Tagen ist Arne Maier 19 geworden, er war für meine Begriffe bester Herthaner am Samstag, man kann nur staunen über die Autorität, die er bereits hat. Wenn man da nicht bald einmal etwas hört über eine Vertragsverlängerung, sehe ich für den Sommer eine Riesenenttäuschung (jedenfalls ein paar dann schon nicht mehr unmoralische Angebote) auf uns zukommen.

Im Fußball gibt es eine große Diskrepanz zwischen Ansätzen und Ergebnissen. Das macht den Sport so spannend, weil es sonst weniger Ergebnisse gegen den Spielverlauf geben würde. Hertha hat also gestern in Ansätzen gewonnen, und zwar zum Teil wirklich interessant: es gab Momente, da schalteten sich in das Dominanzspiel sogar die beiden Innenverteidiger ein, die das Spiel nicht nur zu eröffnen, sondern tatsächlich zu öffnen versuchten, indem sie ihre Linie bei Ballbesitz verließen und vorstießen - da war eine flexible Grundordnung zu erkennen, die neugierig macht. Leider brachte Stark dann aber gefühlt keinen einzigen Pass an einen eigenen Mann.

Um ein solches Spiel zu gewinnen, müsste Hertha letztlich doch ein bisschen mehr riskieren. Ein eleganter, insgesamt aber inkonsequenter Vortrag, der noch dazu durch eigene Zerstreutheiten beeinträchtigt wird, reicht auch gegen einen mäßigen Gegner wie den VfB nicht. Hertha hat zu wenig versucht, Stuttgart zu Fehlern zu zwingen. Hertha hat abwartend dominiert - die ganze Zeit hatte man das Gefühl, dass nicht notwendigerweise etwas Entscheidendes passieren muss. Dann passierte das Entscheidende eben anders, nämlich auf der für uns falschen Seite und auf die allervertrackteste Weise (Abwehr eines drohenden Elfmeters durch ein Eigentor?).

Von Ansprüchen zu Vorwürfen führt ein direkter Weg über Enttäuschungen. Niemand macht der Mannschaft heute einen Vorwurf. Aber sie hat doch gezeigt, dass sie Ansprüche an sich stellt. Sie hat nur versäumt, sie geltend zu machen. Daran wird zu arbeiten sein. Denn da geht es auch an mentale Faktoren, die bisher nicht gerade das Spezialgebiet von Hertha sind. Da geht es an das Eingemachte einer Mannschaft. Hertha hat da einfach insgesamt noch nicht viel eingemacht, und gestern auch keinen reingemacht. Deswegen bleibt sie in diesem Jahr weiterhin insgesamt doch eher unbestimmt.

Geschrieben von marxelinho am 14. Januar 2018.

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12. Januar 2018

Ausbildungsvereinsroman

Gestern lief auf Sky noch einmal eine Wiederholung des Spiels von Hertha in Leipzig kurz vor Weihnachten. Da ich damals vor Ort war, war das jetzt die erste Sichtung in der Konserve. Das trug ein bisschen zur Beruhigung bei, denn die Euphorie dieses außergewöhnlichen Abends hielt bei mir so lange an, dass sich selbst noch bei meinem Besuch beim Damenwahl Podcast im neuen Jahr ziemlich erwartungsvoll über die Rückrunde gesprochen habe.

Natürlich muss man den Sieg bei RB Leipzig relativieren. Aber auch die Aufzeichnung hat mir noch einmal viele Details gezeigt, die mich derzeit eher optimistisch sein lassen. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass die Mannschaft nicht ähnlich auf die Erfahrungen von Leipzig reagiert - und Erfahrungen waren es tatsächlich in einem Sinn, dass aus ihnen etwas hervorgehen kann: eine Geschichte eben, die man als Gruppe schreiben kann.

Die (in meinen Augen berechtigte) frühe rote Karte gegen Torunarigah ist natürlich die Bedingung für alles, dazu kommt als weiteres erzählerisches Element die Verletzung von Pekarik durch Keita, wodurch die Mannschaft eine zweite Umstellung vornehmen musste: zuerst ging Lustenberger in die Innenverteidigung, wo er ein starkes Spiel machte, dann ging Lazaro nach rechts hinten, und auch er blieb klar und konstruktiv.

Es gibt ein paar weniger besungene Helden dieses Sonntagabends wie zum Beispiel Esswein, der mehrfach geschickt agierte, Zeit gewann, der den Freistoß von Lazaro vor dem 2:0 herausholte, oder auch Kalou, und natürlich Arne Maier, der sich in wenigen Wochen in den engsten Kreis von Hertha BSC gespielt hat.

All das wäre aber vermutlich Stückwerk geblieben, wenn da nicht in Davie Selke - ausgerechnet bei seinem Ex-Club, der ihn loswerden wollte - ein Stürmer sichtbar geworden wäre, der das Potential für sehr viel mehr hat. Seit er seine Verletzung auskuriert hatte, hatte er immer wieder angedeutet, was er alles kann - aber erst in Leipzig wurden fast alle seine Qualitäten sichtbar.

Den Führungstreffer leitete er selbst mit einer Beschleunigung ein, die Kalou nicht mitmachte - trotzdem kam der Ball über Esswein wieder zu Selke, dieser Abschluss war einfach, hatte aber schon Torjägerappeal. Stark dann aber auch, wie er in der ersten Halbzeit zweimal durch Antritte im Mittelfeld taktische Fouls provozierte, die als solche nicht geahndet wurden (beim ersten war Dardai zu Recht wütend), die aber Zeit brachten und Souveränität demonstrierten - denn da war der Weg noch sehr weit.

Die beiden Konter zum 3:0 und 4:0 (beide Tore fielen nicht, das dritte allerdings dann doch noch, aber anders) waren Aspekte seines Könnens: sein Tempo mit dem Ball (die Mitnahme mit dem Kopf in der eigenen Hälfte vor der Riesenchance auf das 4:0 ist brillant), sein Zug, seine Ruhe unter Druck. Selke hat Skillz, die Hertha an einen neuen, jüngeren Fußball heranführen - vor allem aber arbeitet hinter ihm eine Mannschaft, die nun mehr in der Lage ist, mit ihm und für ihn zu spielen.

Die Funktion des Kapitäns wird also eine der großen Fragen der Rückrunde. Die Doppelspitze hat sich für meine Begriffe nur für Notfälle bewährt, wir werden also sehen, wie Pal Dardai die Personalie Ibisevic moderiert, und wie der Vedator mit seiner absehbaren Altersteilzeit umgeht (wir sprechen immer unter der hypothetischen Voraussetzung, dass Selke sich nicht verletzt).

Hertha hat eine mäßige Hinrunde gespielt und es geschafft, zum Ende hin noch etwas anderes anzudeuten. Die Position in der Tabelle lässt alle Möglichkeiten. Der Sieg in Leipzig macht noch keine Tendenz, aber manche Faktoren machen eine Tendenz: der Kader musste sich erst entfalten, nun haben wir ihn mit allen seinen Potentialen vor uns, es ist eine hochinteressante Mischung aus Erfahrung und gar nicht mehr "stillen" Reserven.

Hertha könnte nun tatsächlich ein Ausbildungsverein in dem Sinn werden, in dem dieses Wort nicht mehr Ausrede und Hinhalte ist, sondern Programm für einen Bildungsroman, zu dem das kollektiv errungene 3:2 in Leipzig ein exzellenter Prolog sein kann. Nun aber kommen die normalen Schwierigkeiten: einen guten ersten Satz finden (in Stuttgart), und dann mit Inspiration vorankommen. Wir Fans lesen (und schreiben) gerne mit.

Geschrieben von marxelinho am 12. Januar 2018.

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04. Januar 2018

Bilanz mit drei Posten

Fünf hinter 4 - das ist die Bilanz des Arsenal FC nach den Merry Matchdays in England, wie sie heuer genannt wurden. Aus den vier Spielen gegen Liverpool, Crystal Palace, Westbromwich Albion und gestern gegen Chelsea hat Arsenal sechs Punkte geholt - das bedeutet nach 22 von 38 Runden den Tabellenplatz 6 mit 39 Punkten. Liverpool hat 44 und steht auf dem Platz, der für die Qualifikation zur Champions League berechtigt.

Die vier Spiele rund um Weihnachten haben Arsene Wenger auch zum Rekordcoach in der Premier League gemacht. Er hat nun die meisten Spiele in diesem Bewerb betreut. Dabei bleibt weiterhin die Frage, ob es nicht schon deutlich ein paar zu viel sind. Das ließe sich aber nur beantworten, wenn jemand mit Arsenal konkrete Ziele hätte. Die Rückkehr in die Champions League ist das naheliegende, aber gerade dafür braucht es in England mit der nun etablierten Konstellation einer Top 6-Formation eine Menge. Arsenal ist in diesem Pulk tendenziell an letzter oder vorletzter Stelle, je nachdem, wie sich Tottenham dieses Jahr noch schlägt.

Die Weihnachtsspiele waren nicht zuletzt überschattet von Personalfragen. Das ging bis zu Analysen der Jubeltrauben nach Torerfolgen. Mesut Özil und Alexis Sanchez kommen da, wenn nicht selbst direkt am Tor beteiligt, gern einmal als letzte dazu, auch damit drücken sie Standing aus. Sanchez kam zuletzt manchmal gar nicht mehr dazu, umgekehrt haben ihm zu einem Tor gegen Palace nicht alle Kollegen gratuliert. Das sind Petitessen, auf die ich aber auch achte.

Das Spiel gegen Chelsea war spannend, war aber von den Unsicherheiten einer defensiven Notformation geprägt. Nach dem Ausfall von Koscielny musste Wenger eine Dreierkette aufstellen, wie wie ein Bilanzzettel seiner Einkaufspolitik der letzten Jahre wirken musste: Calum Chambers kam 2014 für immerhin 20 Millionen Euro von Southampton, Shkodran Mustafi 2016 für 41 Millionen aus Spanien, und Rob Holding im selben Jahr als Schnäppchen von den Bolton Wanderers (drei Millionen). Keinen von ihnen würde man als Säule bezeichnen, eher müsste man von dringendem Personalbedarf in der Defensive sprechen.

Taktisch war das Derby gegen Chelsea vor allem deswegen interessant, weil es so offen geführt wurde. Das 2:1 für Chelsea (nachdem Hazard eine Führung durch Wilshere egalisiert hatte, indem er einen Elfmeter verwandelte, den Bellerin verursacht hatte) erzielte Marcos Alonso, der im Fünfermittelfeld von Conte eigentlich nominell der Gegenspieler von Özil war, aber kaum einmal auf den Deutschen traf. Stattdessen hatte Alonso es mehrfach mit Chambers zu tun, so weit vorn war er tätig (hinter Bellerin, der seinerseits eher offensiv agierte). Mehrfach fehlte es Chambers und Holding an Geistesgegenwart.

Die Fünferoffensive mit Xhaka, Wilshere, Sanchez, Lacazette und Özil (der gegen Westbrom durch Iwobi ersetzt werden musste) zählt, ergänzt durch Bellerin und Maitland-Niles (bzw. Kolasinac) auf jeden Fall zum Besten, was die Premier League zu bieten hat (sie kann sich auch mit den Fab Four aus Liverpool messen, die aber doch zehn Tore mehr haben). Allerdings war Lacazette zuletzt nicht ganz so präsent, und auch Özil glänzte gegen Chelsea eher 50 als 90 Minuten.

Entscheidend war aber, dass Arsenal in den Tagen, in denen es in England darauf ankommt, praktisch keine Bank (mehr) hatte. Gegen Westbrom, als alles schon nach einem erschöpften 0:0 aussah, wollte Wenger seine Alternativen Walcott und Welbeck anscheinend am liebsten gar nicht bringen. Ramsey und Giroud sind verletzt. Ein tiefer Kader, gar ein strategisch durchdachter, sieht anders aus. Mit seinen Patchwork-Lösungen (Maitland-Niles ist seine aktuelle Entdeckung) kommt Wenger immer noch halbwegs über die Runden, aber der seit Langem alles überwiegende Gesamteindruck ist doch kaum von der Hand zu weisen: Arsenal wird immer durchschnittlicher. Man muss nun gespannt sein, wie sich dieser Befund auf die Transfers im Winter auswirkt.

Geschrieben von marxelinho am 04. Januar 2018.

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23. Dezember 2017

Es hat sich heut' eröffnet das himmlische Tor

Weihnachten begann für mich dieses Jahr schon gestern, mit dem ersten Premier League-Spiel im festtäglichen Zyklus: Arsenal gegen Liverpool. Man mag von dieser englischen Anomalie der eng getakteten Spiele zwischen Christbaum umd Silvester halten, was man will - ein Segen für das Publikum ist es allemal.

Für Arsenal war es das Rückspiel zu dem deprimierenden 0:4 in Anfield zu Beginn der Saison. Es ging also auch darum, sich als seriöser Bewerber um einen Champions League-Platz zu bewähren. Liverpool lag vor dem Spiel einen Punkt vor Arsenal auf Platz 4, und das 3:3 vom Freitagabend hat für die Tabelle vor allem die Konsequenz, dass Burnley (die Überraschungsmannschaft) und Tottenham heute Abend unter sich ausspielen können, wer Arsenal gegebenenfalls auf Platz 6 verdrängen kann.

Arsenal und Liverpool schießen gegeneinander gern Tore, unübertroffen bleibt natürlich das 4:4 aus dem Jahr 2009, von dem man sich jederzeit wieder einmal eine Zusammenfassung anschauen kann:


Im Vergleich dazu war die Dramatik gestern geradezu harmlos. Eine Stunde lang war Arsenal deutlich unterlegen, wichtig war dann, dass auf das 0:2 ein prompter Anschlusstreffer gelang, und dann folgten zwei bemerkenswerte Tore innerhalb kürzester Zeit: ein sagenhafter Weitschuss von Xhaka, und dann eine Kombination von Lacazette und Özil, die der Arsenal-Stratege elegant abschloss - und ekstatisch feierte.

Einer Analyse im engeren Sinn entzieht sich das Spiel, dazu war es auch zu chaotisch. Aber die englischen Medien haben diese schöne Tradition, immer ein paar Talking Points hervorzuheben (hier die des Independent zum gestrigen Match). Und das wären meine zu besprechenden Punkte:

a) Granit Xhaka: Sein Tor erinnerte an eine der Stärken, die vor eineinhalb Jahren eine Rolle gespielt haben dürften, als er für viel Geld von Gladbach geholt wurde. Er sollte endlich die Lücke schließen, die Patrick Vieira hinterlassen hatte, nachdem Arsene Wenger diese Position über Jahre vernachlässigt oder deren aktuelle Verwalter schlecht (weil zu optimistisch) eingeschätzt hatte (Coquelin!). Gestern gab es weitere Indizien dafür, dass Xhaka der großen Verantwortung nicht wirklich gerecht wird. Seine größten Schwächen liegen im defensiven Bereich: beim 0:1 bremst er beim Zurücklaufen in dem Moment ab, in dem es darauf angekommen wäre, auf alle Eventualitäten gefasst zu sein (in ähnlicher Form fehlte es ihm neulich beim 1:3 gegen Manchester United beim entscheidenden dritten Gegentor an Geistesgegenwart). Mein unwissenschaftlicher Eindruck: Xhaka wirkt immer noch "grün hinter den Ohren", er hat kaum Autorität entwickelt, seine Qualitäten (seine eleganten Offensivpässe) kommen zu selten nachdrücklich zur Geltung. Optionen: man kann darauf hoffen, dass er sich entwickelt. Ich zweifle inzwischen stark daran, dass er gut genug für einen Titelkandidaten in der Premier League ist. Damit passt er aber natürlich wieder gut zu Arsenal.

b) Ainsley Maitland-Niles: Den hat Wenger seit einigen Wochen aus dem Zauberhut der Nachwuchsarbeit der Gunners geholt. Gestern bekam er den Vorzug vor Kolasinac (!), mit dem Argument, dass sein Tempo gegen Salah gebraucht wird und das seine mangelnde Erfahrung aufwiegt. Kolasinac ist aber selbst gar nicht langsam. Defensiv gab es durchaus Konzentrationsprobleme, vor allem vor dem ersten Gegentor verirrte Maitland-Niles sich kurz. Aber offensiv und mit seiner Ballbehandlung deutet sich da ein bemerkenswerter Spieler an.

c) Mesut Özil: Es ist wirklich schade, dass Arsenal dem genialen deutschen Nationalspieler in dieser vielleicht wichtigsten Phase seiner Karriere nicht mehr zu bieten hat, als einen Top 6-Club in England. Während die ungeklärte Zukunft bei Sanchez immer wieder zu gemischten Leistungen führt, präsentiert Özil sich seit Wochen vor allem in wichtigen Spielen (gegen ManU hatte er eines sehr besten ever) als unersetzlich. Er macht den Eindruck, dass er drei, vier brillante Jahre vor sich haben könnte - mit einer deutlich besser ausgeglichenen Fitness, mit einer ganz anderen Mentalität. Alles wird natürlich davon abhängen, welche Bühne sich ihm künftig bietet, und welche er wählen wird. Es ist für mich eine der Geschichten dieses Jahres.

Arsenal hat nun bis Silvester noch zwei Auswärtsspiele: gegen Crystal Palace und Westbromwich Albion. Und dann gibt es am 3.1. das Rückspiel gegen Chelsea. All das immer unter dem Vorzeichen, dass die Top 4 nicht außer Reichweite sind, aber dass Arsenal insgesamt auf Platz 5 oder 6 am besten einzureihen ist. Das ist das Ergebnis der Vertragsverlängerung mit Arsene Wenger.

Geschrieben von marxelinho am 23. Dezember 2017.

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18. Dezember 2017

Zieht den Dosen die Aluhosen aus!

"Das sieht irgendwie nach Kismet aus", habe ich gestern Mitte der ersten Halbzeit zu dem Freund gesagt, der mit seinem Sohn mit nach Leipzig zum Auswärtsspiel gegen den Retortenclub gefahren war. Ich meinte damit in etwa: nach 25 Minuten, zwei Toren und einer roten Karte, vor allem aber nach vielen markant gewonnenen Zweikämpfen begann allmählich das Gefühl zu wachsen, dass Hertha vielleicht an diesem Abend mit dem Schicksal im Bunde stehen könnte - oder anders gesagt: dass vielleicht tatsächlich gut ausgehen könnte, was nach ein paar Minuten schon fast unmöglich schien.

Denn da musste Jordan Torunarigha vom Platz. Notbremse gegen Werner, ein Foul, das man so und so sehen kann vor allem hinsichtlich seiner Intentionalität, aber das zählt ja bekanntlich nicht. Der Schock war umso größer, als Hertha da schon führte, nach einer schönen Bewegung über rechts, wo dieses Mal Esswein tätig war. Für Davie Selke begann mit diesem Treffer ein denkwürdiger Abend.

Achtzig Minuten in Unterzahl eine knappe Führung verteidigen - selten wird ein Spiel für Hertha-Fans länger gewesen sein, und es wurde paradoxerweise immer noch länger, weil Hertha nicht aufhörte, Tore zu erzielen. Das 2:0 durch Kalou nach einem Freistoß von Lazaro reichte zur Pause, und damit war der Einsatz schon deutlich erhöht. Denn nun würde es noch schmerzvoller werden, wenn das eigentlich Unausweichliche eintraf, nämlich dass Leipzig sich das Spiel zurückholte.

Stattdessen machte Hertha das dritte. Und zwar auf dramatische Weise, nach einem Konter, den Arne Maier nicht abschließen konnte, weil er im Fünfer der Leipziger ausrutschte. Es gab einen Eckball, der Selke die Gelegenheit zu seinem zweiten Treffer bot. Nun ging es noch eine halbe Stunde, wir dachten natürlich auch an die irren Ergebnisse und späten Tore an diesem Wochenende - während wir im Zug saßen, endete das Spiel zwischen Leverkusen und Hannover 4:4. Hertha führte jetzt 3:0, der Ballbesitzwert sank wie der Börsenkurs einer Fluglinie, von der Lufthansa nur die Slots will.

Dann kam der nächste große Moment von Selke: einen Konter, den er sich selbst mit einer brillanten Ballmitnahme zurechtgelegt hatte, schloss er elegant und präzise ab - an die Stange. Jetzt stand es Spitz auf Knopf, Aufholjagd für die Dosen oder Sieg der Mentalität für Blauweiß. Zwei Tore gelangen Leipzig noch, aber Hertha gab das Spiel nicht mehr aus der Hand. Kismet, Mentalität, Talent, ein ausgelaugter Gegner - der Sieg hat viele Väter, das wird nicht der letzte Eintrag dazu sein.

Ich kann mich an keine bessere Auswärtsfahrt mit Hertha erinnern. Das beginnt schon damit, dass das Zentralstadion in Leipzig wirklich einen Besuch wert ist. Wir saßen ideal, so, wie man es sich von einem Fußballstadion erwarten würde: nahe dran, aber hoch genug, um das ganze Spiel auch in seiner taktischen Konstellation erfassen zu können. Ich hatte den Eindruck einer idealen Proportion zwischen Attraktion und Reflexion. (Wir saßen Block 38, Reihe 21). Die Konter in der zweiten Halbzeit rissen uns von den Sitzen, so direkt hatten wir sie vor dem Auge.

Vor allem aber war das eine gigantische Leistung der Mannschaft - ich übertreibe nicht. Es war das dritte Spiel von Hertha BSC gegen RB Leipzig, zweimal war Hertha ohne Chance gewesen, und nun, an diesem so wichtigen Moment vor der kurzen Winterpause, war ein vergleichsweise junges Team voll da, reagierte es auf den numerische Dezimierung mit einer exzellent balancierten, kollektiven Abwehrleistung und großartigen Entlastungsmanövern.

Zwei Spieler stachen besonders heraus: Davie Selke hat seit der Überwindung seiner Verletzung kontinuierlich an Qualität hinzugewonnen, er ist schon jetzt ein kompletter Stürmer, der vor allem mit seinen Tempowechseln in Ballbesitz, mit seinen winzigen Verzögerungen und unwiderstehlichen Antritten, so viel für seine Mitspieler tut - das "clinical finishing" war ihm wohl immer schon gegeben. Der Moment seiner Auswechslung war ein Triumph nicht nur für ihn, sondern auch für Berlin, denn an diesem Abend war Selke schon die 30 Millionen oder mehr wert, die Hertha eines Tages (ich fürchte: eher bald) für ihn aufrufen wird können.

Arne Maier war für mich der Mann des Abends. Es war schon ein sehr gutes Zeichen, dass der Coach ihm einmal mehr das Vertrauen für die Startelf gab. Und vor allem in der zweiten Halbzeit, als er nach der Einwechslung von Skjelbred nach vorne rückte, machte er ein immenses Spiel, er war laufstärkster Herthaner, er war bei der einen oder anderen Entlastung vielleicht nicht cool genug, suchte auch da noch den finalen Pass statt der Entlastung durch ein bisschen Ballbesitz, aber insgesamt war das überragend - wobei er als erster Anläufer eben auch pointiert aus der Formation herausstach.

Man könnte auch Lazaro nennen, der in der zweiten Halbzeit Pekarik vertrat (und zwar so selbstverständlich, dass mir das einschlägige Wort Polyvalenz, das bekanntlich Dieter Hoeneß in die Bundesliga geholt hat, erst heute dazu einfällt), oder Lustenberger, der nach dem Ausschluss von Torunarigha nach hinten an die Seite von Stark rückte. Es war eine Mannschaftsleistung, die schließlich so homogen war, dass sogar die im ersten Moment nicht leicht verständlich Einwechslung von Ibisevic für Selke (der Kapitän fiel zuerst einmal durch eine gelbe Karte auf) einen Sinn bekam: die Gemeinschaft, die sich da am Sonntagabend vor Weihnachten fand, darf ihren Leader nicht außen vor lassen, auch wenn er wohl demnächst verstärkt von der Bank führen wird müssen.

Anders als die leidenschaftlichen Blauweißen im Block bin ich nicht der Meinung, dass alle Bullen Schweine (oder alle Sachsen Nazis)  sind. Im Gegenteil, ich hatte auf dem Rückweg noch ein gutes Gespräch mit einem bürgerlichen Anhänger von RB, und insgesamt hatte ich den Eindruck, dass die Stimmung zwischen den Fangruppen sehr in Ordnung war, jedenfalls dort, wo ich unterwegs war. Das 3:2 war nicht zuletzt ein Hinweis darauf, dass RB Leipzig auch als massiv angeschobener Club für einen intelligenten und leidenschaftlichen Gegner keine unüberwindliche Aufgabe darstellen muss. Gestern war Hertha dieser Gegner, und wir waren stolz wie Bolle.


Geschrieben von marxelinho am 18. Dezember 2017.

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Natalie Keil (am 18. Dezember 2017)

Bin auch immer noch begeistert. Ich finde so bemerkenswert, daß wir wirklich in jedem Meßwert der Spielstatistik teils deutlichst unterlegen waren und dennoch das Spiel gewonnen haben. Ein sensationeller, brustschwellender Sieg für alle Blau-weißen aufm Rasen. Es hat sich doch wieder angedeutet/ erkennen lassen, wie gut zusammengestellt, ausbalanciert und spielpfiffig das Team in Zukunft sein kann. Ich denke, wir werden noch sehr viel Spaß mit dieser Mannschaft haben. Und obendrein hat Selke ziemlich was in der Birne!
14. Dezember 2017

An Niedersachsen wachsen

Den 3:1-Heimsieg gegen Hannover 96 können wir trotz einer schwierigen zweiten Halbzeit als ein gutes Zeichen nehmen. Bisher vier Punkte aus einer englischen Woche ergeben für das Jahresfinale am Sonntag bei den Dosen eine ansprechende Ausgangsposition: die Mannschaft kann relativ unbelastet schauen, was geht.

Mit der Aufstellung am Mittwoch haben die Betreuer jedenfalls zweierlei demonstriert: der Kader enthält tatsächlich Reserven, und die Entwicklungsarbeit wird nicht sofort beim ersten Widerstand zugunsten einer öden Seniorität oder Autorität unterbrochen. Die Formation gegen Hannover überzeugte in jeder Hinsicht: Ibisevic blieb auf der Bank und machte Platz für den zunehmend systemrelevanten Lazaro. Kalou brachte dem Team etwas von dem Charisma, beinahe würde ich sagen: Karma, zurück, das er an guten Tagen nun einmal hat.

Zudem erwies sich Pekarik als zweiter Mann des Abends neben dem doppelten Torschützen Kalou. Mit ihm und Weiser davor hatte Hertha in der ersten Halbzeit endlich wieder ein funktionierendes Spiel zumindest auf einer Seite, zudem mit Lazaro einen Mann, der den Seitenwechsel organisieren kann.

Das gilt auch für Arne Maier, der neben Lustenberger in der Zentrale spielte. Nach der Niederlage gegen Frankfurt, als er und Mittelstädt nach einer Stunde ausgewechselt wurden, musste man schon befürchten, dass Maier ein Opfer des größeren Drucks wird, unter dem auch die Betreuer zunehmend stehen. Hannover war ein wegweisendes Spiel, umso wichtiger ist, dass der hochinteressante Nachwuchsspieler gerade in so einer Situation das Vertrauen bekam - er spielte gut, wurde ein paar Mal auch hart gefoult, weil seine Wendigkeit im Mittelfeld eine große Bereicherung darstellt.

Dass Hannover schon in der ersten Halbzeit zahlreiche Eckbälle und auch Torchancen hatte, zeugte in diesem Fall von der Qualität des Gegners und nicht so sehr von Problemen in der Rückwärtsbewegung von Hertha - insgesamt verteidigte die Mannschaft dieses Mal ziemlich konzentriert, und Jarstein, der Unauffällige, konnte sich ein paar Mal auszeichnen. In der zweiten Halbzeit hätte das Spiel kippen können, aber auch mit Torunarigha (für den angeschlagenen Rekik) konnte der Schaden auf einen Gegentreffer begrenzt werden.

Die Formation von Mittwoch war wohl auch auf Balleroberung in der gegnerischen Hälfte hin konzipiert. Das Pressing von Hertha wirkt immer noch ein wenig unklar, aber mit Lazaro und Maier (und Weiser vor Pekarik) hat es doch eine ganz andere Qualität. Was die Spielgestaltung anlangt, deutete sich auch dieses Mal wieder an, dass Hertha sich latent als technisches Ensemble sieht: leider ist der tiefe Winter nicht die beste Jahreszeit für den eleganten Kombinationsfußball, der irgendwo in der Blau(weiß)pause dieses Spiels verborgen liegt, aber schon durchscheint.

3:1 gegen Hannover mit einer ziemlich jungen Formation (im Grunde nur vier Routiniers), das verschafft Hertha genau so viel Luft, um vielleicht noch eine Andeutung vor der Winterpause zu machen. Für die knapp 30.000 Zuschauer war es ein Abend unter widrigen Bedingungen. Aber mit den nun 21 Punkten im Gepäck kann man sich auch am Sonntag in Leipzig sehen lassen. Ich werde Teil einer austro-charlottenburgischen Fangruppe sein.


Geschrieben von marxelinho am 14. Dezember 2017.

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11. Dezember 2017

Werke und Tage

Vor eineinhalb Jahren hatte ich einmal ein spezielles Saisonziel für Hertha BSC ausgegeben: im Frühjahr 2017 vor dem FC Augsburg zu stehen. Das gelang auch, mehr noch, Hertha qualifizierte sich für die Europa League. Beim gestrigen Auswärtsspiel war allerdings zu sehen, dass der Vorsprung schon wieder weg ist - tabellarisch wie qualitativ.

Der Vergleich mit dem FCA macht in vielerlei Hinsicht Sinn. Die bayerischen Schwaben spielen jetzt die siebente Erstligasaison in Folge, bei Hertha ist es die fünfte. Augsburg hat im Grunde ständig Übergangsjahre, hält sich dafür aber erstaunlich gut. Vor allem aber ist Hertha von den Standortfaktoren her eigentlich in einer ganz anderen Liga, bekommt es de facto aber trotzdem nicht hin, sich von dem Provinzclub allmählich abzusetzen. Im Gegenteil.

Mein langfristiger Direktvergleich mit dem FCA hatte auch ein kleines, ironisches Motiv: Die Spiele zwischen Hertha und Augsburg waren oft eine Qual, sie machten besonders deutlich werden, woran diese Liga, in der so wenige Clubs Verantwortung übernehmen wollen, krankt.

Gestern war das anders. Augsburg zeigte eine plausible Leistung für ein Heimspiel. Hertha präsentierte sich schwach und hätte verdient 0:1 verloren, wenn es nicht ganz spät noch eine Verkettung von Umständen gegeben hätte, die dann einige Entscheidungen der Betreuer in ein besseres Licht rückte.

Derzeit setzt Pal Dardai bevorzugt auf die Doppelspitze mit Ibisevic und Selke. Ich habe das neulich einmal als eine Hauruck-Formatione bezeichnet. Mittelstädt verdankt seinen aktuellen Stammplatz sicher auch vor allem den scharfen Hereingaben, zu denen er in der Lage ist. Das spielerische Loch in der Gesamtkonzeption kann man - nicht zuletzt angesichts derzeit holpriger Plätze - vielleicht eine Weile in Kauf nehmen.

In der WWK-Arena gab es allerdings zwei grundlegende Probleme: beide Außenduos waren schwach, vor allem Weiser (unkonzentriert) und Leckie (überhaupt nicht im Spiel) ließen aus, ein dynamisches Spiel über die Flügel gab es auch links nicht. Hertha war defensiv beschäftigt, und versuchte bei den seltenen Entlastungen dann ausgerechnet ein anspruchsvolles Kombinationsspiel (gefühlt hat allerdings kein einziger Doppelpass funktioniert).

Augsburg spielte geradliniger und klarer, bis Hertha nach einer Stunde die logische Konsequenz zog und Esswein und Lazaro für Ibisevic und Leckie brachte. Darauf folgten fünf gute Minuten, dann kehrte die Passivität zurück, und Caiuby, der davor zweimal bei einem Eckball seine Visitenkarte abgegeben hatte, wurde weiterhin nicht beachtet und traf zur Augsburger Führung. Hertha verteidigt bei Eckbällen im Raum, bei Caiuby hätte sich zu diesem Zeitpunkt längst eine Manndeckung empfohlen.

Der späte Ausgleich war eine Koproduktion von Selke, Esswein, Stark und Kalou - also im Grunde eine Skizze der nach einer Stunde überarbeiteten taktischen Konzeption: Selke nun allein vorn und dort präsenter, Esswein zuerst rechts, nach dem Eckball links wach, Stark im Strafraum per Kopf, und Kalou (spät als Joker gebracht) als Joker zur Stelle. Da ging etwas auf, gerade noch mal so eben.

Noch ein Wort zu Esswein: wenn er bei seiner großen Chance gleich nach der Einwechslung den Ball mit ein bisschen mehr Intensität annimmt, wenn er sich also nicht ein wenig nach außen abdriften lässt, dann hat er ideal die Möglichkeit, noch ein bisschen zu gehen, und besser abzuschließen. Man sieht bei den Spielern von Hertha häufig (besonders deutlich bei Langkamp), dass beim Warten auf die Ballannahme komplizierte Denkprozesse ablaufen, wodurch sie manchmal bessere Positionen vergeuden. Esswein ist eigentlich einer mit kurzen Denkwegen, aber auch er hat in dieser Situation ein bisschen (und charakteristisch) gezögert.

Das sind winzige Indizien für einen insgesamt nicht schwer zu durchschauenden Gesamtbefund: die Mannschaft und auch die Betreuer brauchen dringend Zeit, sich zu reorganisieren. Pal Dardai spricht auffällig häufig von "Tagesform", da hört man auch eine Einsicht durch, dass er nicht immer genau versteht, was vor sich geht. Gestern hat er das dann auch ganz ausdrücklich so geäußert in dem Interview gleich nach dem Spiel. Die Mannschaft ist ihm (und sich) in mancherlei Hinsicht ein Rätsel. Für die Lösung bleibt wenig Zeit, vorerst reichen aber auch schon Ansätze wie in den letzten Minuten gegen den FC Augsburg.

Geschrieben von marxelinho am 11. Dezember 2017.

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10. Dezember 2017

Lammfromm gegen die Heiligen

An einem Sonntagmittag im Dezember, wenn in England der Wind an der Cornerfahne zieht und das nasskalte Wetter an der Laune, an so einem Sonntagmittag im Dezember muss in der Premier League auch jemand Fußball spielen. Anders gibt es die Rekordeinnahmen aus den Fernsehverträgen nun einmal nicht. Heute Mittag traf es Southampton und Arsenal. (In Deutschland musste in Köln sogar Schnee geschaufelt werden.)

Arsenal hatte vergangene Woche das Spitzenspiel (bei einem doch inzwischen deutlich erweiterten Begriff von Spitze) gegen Manchester United mit 1:3 verloren. Es war ein seltsames Spiel, weil Arsenal offensiv Glanzpunkte setzte, defensiv aber mehrmals markante Aussetzer hatte. Von Mesut Özil war es eines seiner besten Spiele überhaupt. Immer mehr gewinnt man bei ihm den Eindruck, dass sein künftiger Verein seine beste Karrierephase abbekommen wird.

Arsenal wird das aller Wahrscheinlichkeit nicht sein, und zwar gerade auch deswegen, weil dann halt immer wieder Spiele wie gegen Southampton kommen, in denen die ganze Mannschaft wie gelähmt wirkt. Ein frühes Gegentor hätte heute beinahe zu einer weiteren Auswärtsniederlage gereicht (nach Stoke, Liverpool, Watford und ManCity wäre es die fünfte gewesen). Ein Lupfer von Sanchez auf den spät eingewechselten Giroud brachte immerhin noch einen Punkt.

Arsenal spielt seit einem Dreivierteljahr meistens mit einer Dreierkette. Heute war Mertesacker der zentrale letzte Mann, er lieferte keine Argumente für eine dauerhafte Rückkehr in die Stammelf - nominell vertrat er Mustafi. Den Treffer durch Charlie Austin leitete Mertesacker mit einem Fehlpass im Aufbauspiel ein. Arsenal ist eine brillante Kontermannschaft, lässt sich aber vor allem auch sehr oft auskontern. Oft reichen dafür auch dreißig, vierzig Meter im finalen Drittel und ein, zwei dafte Pässe oder auch nur Ablagen.

Özil war in den restlichen 85 Minuten nicht schlecht, fand aber in Sanchez und Lacazette (beide waren gegen ManU herausragend) keine Partner, und auch Ramsey und der seltsam neutral spielende Xhaka blieben blass. Dazu zwei zerstreute Außenspieler, Kolasinac und Bellerin, und man hat eine leblose Mannschaft.

Southampton verdient aber auch Anerkennung. Ich habe Arsenal schon oft bei den Saints gesehen, sehr oft haben sie sich sehr schwer getan. Seltener besungene Helden wie James Ward-Prowse oder Maya Yoshida (an Virgil van Dijk haben einige Topclubs Interesse) fügen sich in eine super homogene Mannschaft, von der Hertha einiges lernen könnte, vor allem, was die Ruhe beim Herausspielen anlangt. Auch einen sehr geschickten Pragmatismus im Passspiel, denn Sicherheit geht natürlich vor, und doch bricht Southampton viel seltener eine Ballbesitzbewegung nach hinten ab.

Bei Arsenal setzt sich die lange bekannte Tendenz fort, dass man auch aus Unausgeglichenheit ein "same old, same old" machen kann. Bis Anfang Jänner geht es jetzt mit einem extrem anspruchsvollen Programm weiter - so richtig tief ist der Kader dafür nicht. Im Transferfenster wird sich dann vermutlich ohnehin eine Menge tun.

Der Abstand auf Platz 4 beträgt nur drei Punkte, aber die Zeichen sind doch deutlich: Arsenal ist eine Europa League-Mannschaft geworden, die immer noch ab und zu mit einer zweiten Mannschaft 6:0 über Bate Baryssau hinwegfegen und in Bestform Manchester United immerhin ins Schwitzen bringen kann. Aber für die Ligaspitze (oder auch nur für eine unangenehmen Sonntagnachmittag an der Küste) fehlt es doch deutlich an allem: an Einstellung, an Konzentration, an einem Plan und an Lösungen.

Geschrieben von marxelinho am 10. Dezember 2017.

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08. Dezember 2017

In dubio Junior

Das war es also mit Hertha BSC und Europa, jedenfalls für die aktuelle Spielzeit, und wenn man der übergeordneten Saisontendenz glauben darf, dann auch für die eine oder andere kommende, denn schließlich wurde ja gerade das Saisonziel revidiert: alles, was nicht tiefer Abstiegskampf ist, gilt als ausreichend.

Die Mannschaft, die sich mit einem 1:1 gegen Östersund konkret verabschiedete, hatte mit der Mannschaft, die aus drei Spielen vor dem Jahreswechsel noch vier Punkte holen soll, nicht viel gemein. Pal Dardai hatte eine Mischung aus "rejects" (Aussortierte) und "projects" (Einzusortierende) aufgestellt. Die prominentesten Rejects waren Haraguchi, Duda und Esswein, das prominenteste Project war der Filius des Cheftrainers: Palko Dardai spielte auffällig, und leitete mit einem dudaesken Pass auch den Treffer von Hertha ein.

Das Spiel sorgte für versöhnliche Stimmung, zeigte aber auch auf, warum die erste Wiederbegegnung mit dem internationalen Fußball seit der Abstiegssaison 2009/2010 von so wenig Erfolg gekrönt war. Hertha fehlt es in jeder Formation, ob mit den nominell besten oder mit einer Probiergruppe wie gestern, an Autorität. Alle Spiele bergen negative Überraschungen, die Mannschaft kann sich geradezu darauf verlassen, dass sie sich an der einen oder anderen Stelle übertölpeln lässt.

Sicher haben in dieser Europa-League-Gruppe auch die Leistungen der Unparteiischen eine Rolle gespielt. Dass die Uefa sich gerade mit dem Torlinienrichtern immer wieder lächerlich macht, kann für niemand ein Trost sein. Hätte Jonathan Klinsmann nicht in der Schlussphase gegen Östersund noch einen unberechtigten Elfmeter entschärft, hätte es gegen eine Halbamateurmannschaft aus Schweden null Punkte aus zwei Spielen gegeben. Und auch wenn Mittelstädt in dieser Situation kein Foul begangen hat, war er doch in einer heiklen Situation in einen Zweikampf geraten, in dem er nicht Herr der Lage war.

Offensiv galt am Donnerstagabend bei widrigen Bodenverhältnissen ein Prinzip des überhasteten Abschlusses. Haraguchi wollte vor allem sich selbst in Szene setzen, Esswein war wie so häufig ein bisschen konfus, Mittelstädt flankte meistens dann, wenn in der Mitte niemand war, und Duda war eben so, wie er vermutlich nie Stammspieler wird: mit hübschen Kleinigkeiten und einem schönen Lochpass in der ersten Hälfte, aber auch mit langen Pausen. Bleiben zu erwähnen Lazaro, der aus dem defensiven Mittelfeld heraus agierte, und Palko Dardai, der insgesamt die besten Szene hatte.

Hertha hat interessante junge Spieler, und wenn es in dieser Saison gelingt, ein paar von ihnen an die Stammelf heranzuführen, ist das vielleicht den einen oder anderen durchwachsenen Gesamtvortrag wert. Aber gerade für die Talente ist es wichtig, dass sie in gute Strukturen kommen, und von solchen hat Hertha im Dezember 2017 zu wenig. Das Augenmerk liegt nun ganz auf den Betreuern: Pal Dardai muss zeigen, ob er in der Lage ist, das Spiel von Hertha insgesamt zu entwickeln. Bisher gab es dafür allenfalls Ansätze, die noch dazu zunehmend sporadischer werden.

Den Bonus eines Trainerneulings hat Dardai im Grunde schon aufgebraucht. Nun gibt es noch den Bonus des Ideal-Herthaners: Ich würde mir auch, wie wahrscheinlich die meisten Fans, wünschen, dass es in dieser Konstellation, mit einem Trainer aus dem Verein, weitergeht. Den Europa-Bonus hat Hertha verbraucht, ohne groß etwas daraus zu machen. Palko Dardai wird das anders sehen. Er muss das seinem Vater nicht beim Gulasch erklären. Er hat es auf dem Platz getan.

Geschrieben von marxelinho am 08. Dezember 2017.

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Harald Schuster (am 09. Dezember 2017)

Hertha hat viele junge vielversprechende Talente, aber nicht den Trainer, der sie abgesehen von sporadischen,halbherzigen Einsätzen in der ersten Elf, voranbringen kann und wird. Ich beziehe diese Einschätzung ausdrücklich auf beide Trainer....
04. Dezember 2017

Die Tiefe der Bodenlosigkeit

Wie schon gegen Gladbach vor zwei Wochen gab es am Sonntag im Olympiastadion gegen Eintracht Frankfurt zwei Spiele in einem zu sehen (ich war aus beruflichen Gründen unterwegs und musste mich per Stream zuschalten): Eine knappe halbe Stunde wurde Fußball gespielt, danach gab es noch eine Stunde Gemurkse. Den Unterschied machte unter anderem der Platz. Pal Dardai nannte nach dem Spiel sogar eine genaue Zeitangabe: der winterlich beeinträchtigte Rasen reichte für zwanzig Minuten. Dieses Spiel gewann Hertha mit 1:0, das andere verlor sie mit 0:2, macht in Summe eine Heimniederlage mit 1:2.

Der Trainer reagierte, indem er das Saisonziel revidierte: Drei, vier Punkte möchte er noch aus drei Spielen gegen Augsburg, Hannover und Leipzig. Übersetzt bedeutet das: alles, was nicht direkter Abstiegskampf ist, geht in Ordnung. Nach Augsburg fährt Hertha im Grunde als Außenseiter, denn dort findet tatsächlich "Ausbildung" statt, dort entwickelt sich eine Mannschaft, während in Berlin nach dem Frankfurt-Spiel nicht einmal mehr die üblichen Floskeln zu hören waren. Die Niederlage war einfach zu demütigend, weil einmal mehr unnötig und doch folgerichtig. So gehen auch irgendwann die Aushilfserzählungen aus.

Das erste Spiel lief gut, dauerte aber nicht lange genug. Die aktuelle Königsidee mit der Doppelspitze Ibisevic und Selke, die von links mit Flanken und von der technisch wie taktisch ein wenig versierteren rechten Seite mit Lochpässen und Durchsteckern bedient wird, erwies sich als brauchbar. Selke traf nach Vorarbeit von Leckie, Ibisevic hatte auch Chancen.

Nach einer halben Stunde gab es einen Ausgleich, den man zu diesem Zeitpunkt noch als "gegen den Spielverlauf" (nicht aber gegen den blauweißen Saisontrend grassierender Blauäugigkeit) etikettieren konnte. Danach gab es aber auch keinen Spielverlauf mehr. Die zweite Halbzeit war zum Vergessen. Die Spieler suchten auf dem tiefen Boden nach einem Ball, der ihnen nicht in die eleganten Manöver folgen wollte, mit denen Hertha den Schlüssel zu dem nun mühsamen Spiel suchte. Eleganz, die im Ansatz stecken bleibt, wirkt aber oft umso unbeholfener.

Der Trainer reagierte nach einer Stunde, indem er die Nachwuchsspieler Maier und Mittelstaedt durch Lustenberger und Lazaro ersetzte. Gerade an Arne Maier kann man ganz gut sehen, wie  nivellierend die Mannschaft insgesamt zu wirken scheint. Er wurde innerhalb weniger Wochen von einem auffälligen Talent zu einem fehleranfälligen Routinier und ist derzeit von Skjelbred nicht mehr so deutlich zu unterscheiden, wie es wünschenswert wäre.

Natürlich ist es nicht angebracht, dass Pal Dardai öffentlich sieben Punkte aus den letzten drei Spielen der Hinrunde erwartet. Aber intern muss das der Anspruch sein, denn bisher ist die Saison eine große Enttäuschung. Man gewinnt aber ein wenig den Eindruck, dass die Verantwortlichen nun vor allem auf eine zweite Saisonvorbereitung nach Weihnachten und einen Neustart in der Rückrunde setzen. Befreit von den zusätzlichen Belastungen, um die man nie wirklich gekämpft hat, und die man nun auch endlich wieder los ist.

Stand der Dinge ist jedenfalls, dass man gegen Gegner wie Augsburg und Hannover derzeit kein gutes Gefühl hat, weil Hertha vor allem eines nicht ist: in irgendeiner Form gefestigt. Mit Widerständen (tiefer Boden, unklare Schiedsrichterleistungen, clevere und aufsässige Gegner) kann die Mannschaft nicht umgehen, geschweige denn, dass sie einmal auch ein Zeichen gegen den Trend setzt. Das sind alles langfristige Tendenzen, an denen Pal Dardai letztendlich vor allem zu messen ist. Und da sieht seine Bilanz nur dann akzeptabel aus, wenn man die Ansprüche sukzessive reduziert - wie es in dieser Hinrunde gar nicht klammheimlich geschehen ist.

Um es noch einmal deutlich zu sagen: Vier Punkte als Ziel aus den letzten drei Spielen sind eine Vorgabe an ein letztes Aufgebot. Hertha hat aber bis auf Darida den gesamten Kader mit allen "stillen Reserven" zur Verfügung, und müsste nun, um nicht zu einer der negativen Erzählungen dieses Halbjahres zu werden, zumindest intern nach einer Taktik und einem Schlüssel suchen, um in Augsburg für eine Überraschung zu sorgen. Das de facto Testspiel gegen Östersund stört da natürlich, aber nachdem Hertha schon das ganze halbe Jahr hindurch drei Bewerbe nie so richtig angenommen hat, wird sich dafür schon genügend Personal finden, um daneben eine volle Trainingswoche mit präziser Vorbereitung auf das nächste Ligaspiel zu ermöglichen.

Das Wort Krise hat Pal Dardai gerade mal so wieder aus dem Verkehr gebracht im November, aber de facto hat Hertha schon seit ziemlich langer Zeit eine besonders gefährliche Krise: eine schleichende, oft wieder wegdiskutierbare Krise, die aber doch sehr deutlich ist. Es ist mehr als unklar, ob Pal Dardai der Trainer ist, mit dem Hertha nach inzwischen auch schon wieder nicht wenigen "Übergangsjahren" und neuerdings als "Ausbildungsverein" belastbare Schritte nach vorn machen kann. 21 Punkte nach 17 Spielen (wenn sie denn überhaupt erreicht werden) wären jedenfalls auch statistisch ein Rückschritt, und eine stramme Vorgabe für das nächste Halbjahr. Leider wirkt die Mannschaft nicht so, als würde sie an Aufgaben wachsen.

Geschrieben von marxelinho am 04. Dezember 2017.

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