12. Juli 2021

Unentschieden nach Elfmetern

Dieser Fußballsommer begann mit dem perfekten Elfmeterschießen, und er endete mit einem katastrophalen.

Das perfekte fand am 26. Mai in Danzig im Finale der Europa Leageu statt. Nach 120 Minuten stand es zwischen Villareal und Manchester United 0:0. Die Penalties mussten also entscheiden. Bei Villareal stand Geronimo Rulli im Tor, bei Manchester United David de Gea. Die Perfektion sehe ich in der Schönheit der Reißverschlussform, die sich daraus ergab, dass einerseits bei so einem Elfmeterschießen immer mindestens einmal der Torwart "gewinnen" muss. In diesem Fall war es aber eben so, dass von den zehn Feldspielern, die zu diesem Zeitpunkt noch "im Spiel waren", auf beiden Seiten alle trafen, mit schöner, metronomischer Regelmäßigkeit und Sicherheit. Die Entscheidung brachte das direkte Duell der beiden Torhüter selbst: beide mussten auch als "Schützen" antreten. Zuerst Rulli, er traf, danach de Gea, er vergab. Wäre die ganze Sache weitergegangen, hätte es die Schönheit zerstört: es musste der 22. Elfmeter sein, der die Entscheidung brachte, nur so bekamen wir diese Figur einer perfekten, schließlich aber unausweichlich gebrochenen Symmetrie.

Beim EM-Finale gestern war ich für England, und ich hatte auch noch spezielle Emotionen: ich bin Arsenal-Fan, und Bukayo Saka hat uns in einer schwierigen Situation sehr oft rausgehauen. Je länger ich darüber nachdenke, desto deutlicher wird, wie sehr sich Southgate vertan hat. Es werden wahrscheinlich noch große und tolle Texte geschrieben werden über diese Überlagerung, die unweigerlich durch seine eigene Vorgeschichte entstand: seinen vergebenen (entscheidenden) Elfmeter gegen Deutschland bei der EM 1996.

Dass England gestern aus 10 Feldspielern nur zwei (!) Schützen fand, hatte wohl auch damit zu tun, dass Southgate das Momentum des Spiels brach - durch die beiden Einwechslungen von Sancho und Rashford, die er noch dazu so lange hinauszögerte, dass allen, auch den beiden Spielern, deutlich wurde, dass sie wirklich nur für diesen einen Schuss vorgesehen waren. Ich hatte eigentlich vermutet, er würde Saka wieder auswechseln, wie er auch im Halbfinale den eingewechselten Grealish in der Verlängerung wieder ersetzt hatte. Aber er nahm Walker aus dem Spiel (ich hätte ihn für einen potentiellen Schützen gehalten), und Jordan Henderson.

Die Arbeit von Southgate als englischer Nationaltrainer stand von Beginn an im Zeichen seines "Traumas". Schon bei der WM 2018 ging es häufig um Penalties, und um die Frage, wie man der Psychologie entkommen kann. Sancho und Rashford gingen für meine Begriffe gestern auf eine "technokratische" Überlegung zurück: zwei junge, als cool geltende Spieler, die vollkommen ausgeruht, ohne Sauerstoffdefizite, mit einem einzigen Schuss zu Helden werden konnten. Ich finde, dass die dahinter stehende Überlegung nicht unplausibel ist. Sie ging aber nicht auf. Rashford war geradezu zu klar im Kopf, er vergab mit dem geläufigen überperfekten Schuss, der dann eben zehn Zentimeter auf der falschen Seite der Innenstange landete.

Bei Sancho war die Sache komplexer. Wenn man will, kann man in seinen Anlauf und in seinen Schuss eine Ambivalenz hineinlesen, die aus seiner Rolle während des Turniers kam: kaum berücksichtigt, von den Medien oft gefordert, von Southgate de facto klar gekränkt. Das kann man alles in Interviews und anderen Momenten gut rationalisieren, in einem so kritischen Moment vor einem Wembley, das die Luft anhält, kann sich die Ambivalenz nur als Selbstschädigung äußern, die dann auch auf Southgate zurückfällt.

Bukayo Saka war dann in einer Rolle, die für einen 19-Jährigen nur zu groß sein kann: seine beiden jugendlichen Vorgänger verschossen, die Sache im Grunde schon entschieden, dann holt Pickford (übrigens einer der Helden dieser englischen Mannschaft) den Elfer von Jorginho, und von Saka hängt trotzdem alles ab. Er schoss zaghaft. Ein Aspekt, den ich dabei am Rande erwähnen möchte, ist das mangelnde Augenmerk, das bei Arsenal den Standards gilt: es gibt wenige Mannschaften in England, die mit Freistößen, Eckbällen, allgemein dem ruhenden Ball weniger anzufangen wissen. Saka gilt dort als Freistoßschütze, aus Gründen, die sich nicht erschließen, außer, dass er klein ist und im Strafraum nichts ausrichtet. Auch das war gestern in seinem Körpergedächtnis.

Die EM war in vielerlei Hinsicht kontrovers. Als Fußball-Ereignis aber war sie groß. Die alles überstrahlenden Spanier mit ihrem Flow gegen Italien scheiterten an ihrem "Italiener": Alvaro Morata. Auch das ein Indiz dafür, dass nicht nur der Sieg zählen sollte. Sondern die vielen wunderbaren Ideen, die sich in den Spielen ergaben. Das ist Fußball. Elferschießen ist etwas anderes. Es gehört zum Fußball, aber es verzerrt ihn auch. Für mich endete die EM 2021 mit einem Unentschieden zwischen Spanien, England, Dänemark und Italien.

Geschrieben von marxelinho am 12. Juli 2021.

0 Kommentare

Kommentieren

10. Juli 2021

Alles drin

Diese Woche wurde bekannt, dass gegen Firmen von Lars Windhorst wegen einer Strafanzeige ermittelt wird. Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht sah offensichtlich ausreichende Gründe für eine Untersuchung, die nun von der Generalstaatsanwaltschaft in Berlin betrieben wird. Es geht um einen Kredit, den die Firma Tennor von der Luxemburger Gesellschaft Evergreen Funding bekommen haben soll - beide gehören Windhorst.

Ich nehme diese Nachrichten zum Anlass für ein paar Beobachtungen zu der Medienpräsenz von Windhorst. Mich interessiert, wie man sich als Laie ein Bild von seinen Geschäften machen kann. Gibt es irgendwo jemand, der die verschlungenen Unternehmungen durchschaut? Recherchiert ihm jemand hinterher, oder werden allenfalls ab und zu Bruchstücke öffentlich?

Noch vor der Neuigkeit über die Strafanzeige erschien am 2. Juli in der Wirtschaftswoche ein sechsseitiger Bericht über Windhorst mit dem Titel "Sein Endspiel" (ich habe die Ausgabe im ikiosk gekauft, man braucht kein Abo). Darin wird der ehrgeizige Versuch unternommen, sich einen Überblick über die gesamten (!) Aktivitäten von Windhorst zu verschaffen. Das "Wirtschaften am Abgrund" ist laut WiWo das Geschäftsmodell von Windhorst. Das Endspiel besteht darin, dass er endlich reinen Tisch mit der französischen Gesellschaft H2O machen will, die 2,5 Milliarden Euro in seine Geschäfte steckte, und dabei offensichtlich so schlechte Erträge sah, dass nun eine Milliarde abgeschrieben wird und Windhorst nur 1,5 Milliarden aufbringen muss, um Ordnung in die Sache zu bringen. Dies soll mit Hilfe einer neuen Anleihe geschehen, mit der er "all in" geht (WiWo). Er hat da eine Milliarde vernichtet.

Bei einem einfachen Bankkunden würde man sagen: da bezahlt jemand Schulden mit Schulden. In der internationalen Welt der Finanz spricht man in so einem Fall von Restrukturierungen. Der Bericht in der WiWo hatte nebenbei auch Aspekte einer Reportage, schildert den Kunstmäzen Windhorst, der sich mit dem Bundespräsidenten und dem Kanzlerkandidaten der CDU öffentlich zeigt. Und es geht natürlich auch um das Investment bei Hertha, dessen (vorerst?) vorletzte Rate schließlich Anfang Juli überwiesen wurde. Die kleinen Pünktlichkeitsprobleme würde man normalerweise auch für ein Indiz dafür halten, dass jemand finanziell sehr auf Kante arbeitet. Aber das gehört ja wiederum zum Image von Windhorst: er gilt als "waghalsig".

Die Neuigkeit von den staatsanwaltlichen Ermittlungen brachte dann die Financial Times. Dort wurde im Lauf der Jahre über Windhorsts Firmen immer wieder berichtet und auch ausführlicher recherchiert. Die abenteuerliche Gebarung seiner Firma Sapinda muss man sich aus dem Archiv zusammensuchen (ich habe ein Abo und damit Zugang zu allen Artikeln). Aus Sapinda wurde Tennor, das Geld für Hertha kam von einer Firma Peil Investment, eingetragen in den Niederlanden, einem - für europäische Verhältnisse - "Steuerparadies". Die FT hat ganz andere Ressourcen als deutsche Zeitungen, und ist deswegen die relevante Quelle für journalistische Recherchen zum Thema. Ich hoffe, sie nehmen die aktuellen Ereignisse zum Anlass, weiter nachzuforschen.

Ein Armutszeugnis für den Journalismus in Deutschland hingegen war zum Beispiel der Artikel, den Uwe Ritzer am 7. Juli im Wirtschaftsteil der SZ brachte. Unter dem Titel "Der ewige Seiltänzer" ging es da vor allem um den Twitter-Account von Lars Windhorst, dann wurden ausführlich die alten Geschichten von Kohls Wunderkind nacherzählt, schließlich in einem Absatz die Geschichte aus der WiWo abgeschrieben bzw. zusammengefasst. Am Ende wird kurz die H20-Sache dargestellt. Ein Bericht ohne auch nur eine Zeile, die auf eigener Recherche beruht. Die SZ hat zweifellos ihre Verdienste, wenn es um den investigativen Journalismus geht, mal sehen, ob sie sich in dieser Angelegenheit noch zeigt.

Mein Eindruck ist: Windhorst richtet seine Geschäfte danach aus, dass nationale Medien und nationale Behörden zumeist überfordert sind mit der Verschlungenheit seiner Aktivitäten. Er operiert bewusst in dem Graubereich aus schwacher Regulierung, Standortkonkurrenz, und unterfinanzierter Presse. Hertha BSC könnte es natürlich im Grunde egal sein, ob der Mehrheitseigentümer seriös ist oder nicht. Hauptsache, er schiebt das Geld rüber. Der Geschäftsführer Finanzen, Ingo Schiller, lässt seine Position diesbezüglich mit seinem Twitter-Namen ohnehin deutlich erkennen: die Mafia-Assoziationen von DondeBerlin sollen zwar wohl "ironisch" gelesen werden, warum er auf diese Ironie aber überhaupt Wert legt, ist eher nicht komisch.

Mal sehen also, wie die Sache weitergeht. Wenn das "Endspiel" von Windhorst nicht aufgeht, dann ist Hertha vielleicht irgendwann zu zwei Dritteln Teil einer Konkursmasse. Die Wirtschaftswoche ist zumindest skeptisch: "eindeutige Erfolgsgeschichten sind nur schwer auszumachen in Windhorsts Firmen-Sammelsurium".

Geschrieben von marxelinho am 10. Juli 2021.

1 Kommentare

Kommentieren

von Marxelinho1892 (am 10. Juli 2021)
Der befreundete Herthaner Brehmchen vom Exilherthaner Podcast hat hinterfragt, ob es angemessen ist, von Hertha BSC als einer denkbaren "Konkursmasse" zu sprechen. Ich habe dieses Wort bewusst verwendet, weil ich die Umschreibungen und Schönredereien der Managementsprache nach Möglichkeit vermeiden will. Konkursmasse entsteht aber natürlich nur dort, wo jemand bankrott geht. Ob das bei Windhorst eine realistische Gefahr ist, kann ich nicht einschätzen. Erstens operiert er mit einer Vielzahl von Gesellschaften oder Vehikeln, zweitens gibt es auch Beispiele dafür, dass Wirtschaftstreibende über viele Jahre Milliarden an Schulden vor sich her schieben und nie hinfallen (Trump ist ein prominenter Fall). Viele leben davon, dass die Wirtschaft so komplex geworden ist, dass Behörden und Medien nicht mehr durchsteigen. Andererseits ist es aber doch auch ein deutliches Indiz, wenn er einen Termin wie den mit der Rate bei Hertha versäumt (wenn auch nur geringfügig). Ist ja auch egal, wir werden es wissen, wenn es etwas zu wissen gibt. Ich glaube allerdings, die Sache nicht falsch zu deuten, wenn ich meine, dass die Anteile, die Peil BV an der Gesellschaft hält, die Hertha BSC gegründet hat, um Probleme mit der 50+1-Regel zu vermeiden, im Falle eines Falles nicht einfach an Hertha zurückfallen würden. Die wären dann eben Verhandlungsmasse. Sollten Ansprüche gegen Tennor/Peil entstehen, wäre Hertha einer der Bestände auf der Habenseite, die Windhorst dann geltend machen müsste. Der e.V. Hertha BSC ist selbstverständlich nicht betroffen. Den könnten allenfalls wir gemeinsam ruinieren, was wir nicht tun werden.
03. Juli 2021

Berliner Philosophie

Gestern hat mich eine Email erreicht, gerichtet an alle Mitglieder von Hertha BSC. Sie enthielt einen Link zu einem Video, in dem Carsten Schmidt, Fredi Bobic und Ingo Schiller den Goldelse-Prozess erläutern. Mit "externer Hilfe" und in Form eines "strukturierten Vorgehens" sind in den vergangen Monaten bei Hertha BSC "Potenziale identifiziert" worden. Auf gut Deutsch: Hertha hatte anscheinend ein paar Consulter im Haus. Die Mitglieder werden darum gebeten, das Video vertrauilich zu behandeln. Da es jedoch heute in allen Zeitungen ausführlich besprochen wird, kann ich mir vielleicht auch ein paar Gedanken dazu machen.

Sechs Handlungsfelder wurden identifiziert, 40 Initiativen gestartet. Die wichtigste bisher erkennbare Konsequenz: Hertha BSC hat nun auch auf Management-Sprech umgestellt. Der Verein soll nun keine "Marke" mehr sein, sondern eine "Identität".

Fredi Bobic hat das dann für den sportlichen Bereich ausbuchstabiert. Jedenfalls so weit das geht. Er versprach eine "Berliner Spielphilosophie". Die gab es zwar bisher auch schon, nicht zuletzt unter Pal Dardai. Fans fanden dafür den nicht eben höflichen Begriff der Hintenrumscheiße. Sie definierten damit eine undefinierte Berliner Spielphilosophie, die sich durch Mangel an Mustern auszeichnete, und auf Fehlervermeidung mangels strukturierter Handlungsoptionen beruhte.

Wie könnte denn eine Berliner Spielphilosophie aussehen? Die Behauptung zielt ja darauf ab, dass es einem einzelnen Club gelingen könnte, Fußball auf eine so spezifisch identifizierbare Weise zu spielen, dass alle anderen sich daran orientieren können - durch Imitation, durch einen Gegenentwurf, durch Adaption. In den gut 20 Jahren, in denen ich Hertha nun verfolge, gab es sicher keine Berliner Spielphilosophie, es gab aber auch international eigentlich nur zwei Ansätze zu einer solchen. Sehr vereinfacht: Das Kurzpassspiel von Barcelona wurde von Guardiola in München und danach in Manchester zu einem Dominanzspiel weiterentwickelt, das tendenziell immer mehr in des Gegners Hälfte stattfindet, weil dessen Spieleröffnung sehr früh unter Druck gesetzt wird.

Dieses System funktioniert nur mit technisch wie taktisch sehr agilen Spielern, ist durchaus konteranfällig, aber bei guter Umsetzung häufiger erfolgreich. Und es lässt sich situativ adaptieren. Die meisten Mannschaften laufen heute unterschiedlich hoch an, gute Teams finden zu einer großen Elastizität, und vereinen im Grunde alle Philosophien in sich - zum Beispiel die zu Recht bestaunte italienische Nationalmannschaft dieser EM, die vom Catenaccio über den dynamischen Außendecker (der arme Spinazzola) bis zum klassischen Wusler (Insigne, Barella) alles parat hat, alle können tendenziell alles, alles greift bestens ineinander, selbst das Hintenrum ist nicht scheiße.

Eine Berliner Spielphilosophie ist vor diesem Hintergrund ungefähr so einzuschätzen wie die "Philosophie" eines bestimmten Duschbads, das im Regal neben vielen ähnlichen steht, und naturgemäß so tun muss, als wäre es etwas Besonderes. Mit einem Wort: das ist Marketing-Sprech. Immerhin hat Bobic sie aber mit der Absicht verknüpft, künftig auch "Trainer am liebsten selber auszubilden", und Talenten aus der eigenen Ausbildung eine (größere?) Chance zu geben. Das war aber immer schon so, scheiterte dann aber gerade jüngst zum Beispiel daran, dass lieber eingekauft wurde (Tousart/Maier).

Ein Blick auf die Tabelle der abgelaufenen Bundesliga-Saison verrät, worin die Aufgabe von Hertha tatsächlich bestehen wird (jetzt, wo wieder einmal alles von vorn losgehen soll): Es gibt für meine Begriffe sieben halbwegs konsolidierte Anwärter für die vorderen Plätze (Bayern, Leipzig, Dortmund tendenziell vorne, dazu Leverkusen, Wolfsburg, Gladbach und Frankfurt). Aufgabe wäre es, in diese Gruppe aufzusteigen, die dann die ersten sechs (noch nicht zu reden von den ersten vier) Plätzen unter sich ausmacht. Dieses Ziel hat aber auch der VfB Stuttgart, der auch Standortvorteile hat, dazu kommen professionell geführte Clubs wie Hoffenheim, und jedes Jahr zwei, drei Überperformer, die ihre eigenen Möglichkeiten überbieten, wie zuletzt Union oder sogar mit einer gewissen Verlässlichkeit Jahr für Jahr Freiburg.

Mit einem Wort (und wir wissen das alle lange gut genug): die Bundesliga hat eine flache Hierarchie, und der Preis dafür, sich in diesem Umfeld auf Dauer sicher durchzusetzen, wäre deutlich höher als 300 oder 400 Millionen, die Hertha jetzt noch dazu in Teilen gebraucht hat, um die Coronafolgen zu bewältigen. Man kann es aber auch mit der Berliner Philosophie versuchen, es kommt auf das Gleiche hinaus: Hertha ist bisher ein schwach definiertes Duschbad in einem voll bestückten Regal, und weil alle Hersteller schon alle Duftformeln hundertmal leicht adaptiert haben, geht halt viel in das Marketing.

Carsten Schmidt hat zum Ende der Goldelse-Vorstellung dann auch vor der ultimativen Tautologie nicht zurückgeschreckt. Er hat ein "klares Bekenntnis zu Berlin abgegeben" (mit einem Bekenntnis zu Frankfurt an der Oder oder zu Rothenburg ob der Tauber hatte auch eigentlich niemand gerechnet). Hertha möchte "die Mentalität aus Berlin widerspiegeln". Auch das ist leeres Gerede. Berlin ist eine Großstadt, deren großer Vorzug darin besteht, dass sich hier alle ihre Mentalität selber machen. Hertha hat bisher nicht in Ansätzen eine Mentalität erkennen lassen, mit der sich dauerhaft etwas erreichen hätte lassen können: die Erfolge unter Dieter Hoeneß waren betriebswirtschaftlich nicht nachhaltig, die kurze Blüte unter Lucien Favre beruhte auf einer Upsetter- oder Underdog-Spielphilosophie mit leichten Anzeichen von kreativer Struktur, die kurze Blüte unter dem frühen Pal wurde von diesem selbst einkassiert.

Jetzt soll wieder einmal ein "Prozess" beginnen. Wir können nur hoffen, dass die Professionalisierung, die Fredi Bobic vorschwebt, spannende Ergebnisse bringt. Seine Arbeit findet in einem Umfeld statt, das Ingo Schiller deutlich benannt hat: Hertha BSC soll als Firma "überproportional" wachsen, das heißt: "schneller als der Markt". Hertha soll also eine Cash Cow werden, oder ein Goldesel, bezahlen sollen das die Fans im "Fanshop der Zukunft", der dann immerhin online einen "optimalen Checkout-Prozess" anbieten wird.

Ich gehe seit 20 Jahren zu Hertha, und meine, in diesen Jahre zumindest eines begriffen zu haben: Mit so einer Sprache trifft man die Mentalität von Berlin nicht. Weder das Berlin der Hipster noch das Berlin der Ostkurve, nicht einmal das Berlin der Startups und Grownups, an das sich "der Prozess" anbiedert. Wirtschaft wie Sport bestehen in hohem Maß aus Erwartungsmanagement, aber die beiden Bereiche unterscheiden sich dabei stark: Im Geschäftsleben reicht es tatsächlich manchmal schon, die Erwartungen zu schüren, und man kommt oft überraschend weit auf Blasen von Erwartung. Im Sport aber gibt es den wöchentlichen Ergebnis-Abgleich, deswegen macht es Sinn, Erwartungen klug zu moderieren. Ansprüche sind übrigens etwas anderes als Erwartungen.

Fredi Bobic hat als wichtigstes Element der Berliner Philosophie benannt, Hertha soll "eine Pokalmannschaft werden". Das ist in etwa so aussagekräftig wie das Bekenntnis zu Berlin. Am ehesten ließe sich das so übersetzen: Im Pokal gibt es kein Unentschieden. Hertha war viele Jahre geradezu programmatisch unentschieden. Die für meine Begriffe beste Phase der letzten 20 Jahre, die Saisonen 2014 bis 2016 (das Kadermanagement von Preetz, der Aufschwung des frühen Pal), blieb Fragment. Die Pokalmannschaft Hertha will sich von allen anderen Mannschaften dadurch unterscheiden, dass sie ihnen gleicht: Sie soll immer auf Sieg spielen, Niederlagen können aber nicht ausgeschlossen werden. Manchmal greift der Fußballgott zu dem Duschbad, manchmal zu einem anderen. Mit Goldelse bietet ihm Hertha einen hübschen Checkout-Prozess.

Geschrieben von marxelinho am 03. Juli 2021.

1 Kommentare

Kommentieren

von Dd. (am 05. Juli 2021)
Eine Betrachtung die den Namen auch verdient. Danke! "(mit einem Bekenntnis zu Frankfurt an der Oder oder zu Rothenburg ob der Tauber hatte auch eigentlich niemand gerechnet)" Köstlich. Dass interessante (und zerrissene dieser Stadt wiederspiegelnd?) ist ja, vielleicht nicht mal schlecht es trotzdem so zu sagen. Wie auch immer, vielen Dank. ????
23. Mai 2021

Das Jahr zum Vergessen

Fast auf den Tag genau vor sechs Jahren hat Hertha auch schon einmal ein Saisonfinale in Hoffenheim gespielt und mit 2:1 verloren. Damals ging es noch um alles, die knappe Niederlage reichte für den Klassenerhalt. Ich war zu dem Spiel mitgefahren, und zwei Tage später hielt ich ein "vorsichtiges Ja zu Pal Dardai" in der Trainerfrage für begründet. Er war ja als "Feuerwehrmann" gekommen, es folgte dann eine Saison, in der es phasenweise zu einer regelrechten Euphorie um den ungarischen Super-Berliner kam.

Nun steht die gleiche Frage wieder im Raum: Soll Hertha mit Pal Dardai weitermachen? Vor einer Woche wurde der Klassenerhalt mit Bildern gefeiert, die eher an einen Titel als an eine Platzierung knapp über dem Strich denken ließen. Aber das hatte wohl auch mit den besonderen Umständen dieses Finales zu tun, das Dardai nach der Quarantäne gut moderierte. Letztlich war es aber ein einzelner guter Move von Ngankam gegen Schalke, der Dardai und Hertha vor größerem Stress bewahrte.

Jede Analyse dieser Saison steht unter vielen Vorbehalten. Denn eigentlich hatte Michael Preetz, der im Sommer 2019 den bundesligaweit richtungsweisenden Moment für das seitherige Trainerkarrussel versäumt hatte (indem er sich für Covic entschied, also für eine, wie sich leider erwies, untaugliche Lösung), ja im Sommer 2020 noch einmal eine strategische Lösung im Auge. Corona machte das hinfällig, Labbadia wurde vom Aushelfer zum Verwalter des kräftig aufgerüsteteten Kaders, und kam mit seinen (wenigen) Ideen nicht weit.

Nun steht Hertha vor der Entscheidung, mit dem Sympathieträger Pal Dardai weiterzumachen, oder die neuen Leute Bobic und Dufner auch mit einem neuen Trainer antreten zu lassen. Ich würde in diesem Moment für ein Nein zu Pal Dardai plädieren. Denn was er in diesem Frühling geschafft hat, war eben gerade gut genug für Platz 14, punktegleich mit Arminia Bielefeld.

Zugutehalten muss man ihm, dass er in vielen Spielen genau die richtige Dosis Pragmatismus gefunden hat, um Punkte und Resultate zu erzielen. Hertha hat aber auch viele Spiele, in denen individuell durchaus Klasse erkennbar war, verdient verloren, weil das Mittelfeld eigentlich die ganze Saison hindurch nicht funktioniert hat, und die Spielgestaltung häufig in Richtung einer Kreativität tendierte, der mit knochentrockener Kompaktheit leicht beizukommen war.

Im Endeffekt reichte es, dass ein paar Spieler sich schließlich zumindest ein bisschen dem Leistungsniveau annäherten, das ursprünglich von ihnen erwartet worden war: Ascacibar, Radonjic, Piatek, sogar Plattenhardt lieferte wieder einmal einen Assist aus einem ruhenden Ball.

Die interessanteste Personalie hat leider einen Beigeschmack: Marton Dardai ist eine Entdeckung, Pech ist halt, dass er auf seiner Position mit einem Spieler konkurriert, den ich nach wie vor für einen der spannendsten Herthaner der letzten Jahre halte. Wie es mit Jordan Torunarigha weitergeht, wird mich besonders interessieren, wie auch mit Arne Maier. Seinetwegen habe ich mir in den vergangenen Wochen häufig die Arminia angeschaut. Unter Frank Kramer war er (anders als unter Neuhaus) gesetzt, er ragte nie heraus, aber er war für meine Begriffe ein wichtiger Faktor für die Homogenität des Teams. Ich sehe in ihm nach wie vor einen defensiven Mittelfeldspieler mit strategischem Potential, und bin gespannt, wie Bobic/Dufner ihn sehen.

Ich hatte in diesem Jahr große Schwierigkeiten mit meiner Identifikation mit Hertha. Gerade auch die Ereignisse rund um die Super League haben für meine Begriffe wieder deutlich gemacht, wie verheerend sich der Kapitalismus auf den Fußball auswirkt. Und Hertha gehört nun einmal zu zwei Dritteln einer Black Box dieses Kapitalismus, einer intransparenten Firma, die uns keinerlei Einblick gewährt, woher das Geld tatsächlich kommt, das Windhorst in Berlin investiert. Das verleidet mir die Sache auf eine sehr grundsätzliche Weise. Andererseits sind die Beträge, mit denen Tennor/Peil angetreten sind, im Vergleich auch Erdnüsse, und es bleibt Hertha auch mit Anschub kein anderer Weg, als es mit guter Arbeit zu versuchen.

Geschrieben von marxelinho am 23. Mai 2021.

2 Kommentare

Kommentieren

von Jörg (am 26. Mai 2021)
Die Super League hätte ich vollkommen uninteressant gefunden, schon die Champions League ist derzeit ohne Zuschauer und ohne Hertha kaum interessant für mich. Und damals nach dem Abstiegsschmerz fand ich die Zeit von Hertha in der zweiten Liga auch ganz gut, muss ich sagen. Weil die zweite Liga eben nicht so überhitzt und gehyped ist. Würdest Du noch einen Unterschied machen zwischen Lars Windhorst, Stan Kroenke und Daniel Ek, der sich ja als Arsenal-Käufer angeboten hatte? Und: warum verheert der Kapitalismus den Fußball? Weil der Fußball seine bestimmende Eigenschaft verliert, nämlich Spiel zu sein?
von Marxelinho (am 03. Juli 2021)
Der wesentliche Unterschied, den ich zwischen Windhorst, Kroenke und Ek sehe, besteht darin, dass Tennor BV sich bewusst in einem sehr schlecht regulierten Feld bewegt, niemand weiß dadurch wirklich, mit welchem Geld Windhorst eigentlich operiert.
14. April 2021

Langer Pfosten

Morgen spielt der Arsenal FC auswärts gegen Slavia Prag um den Einzug in das Halbfinale der Europa League 2021. Das Hinspiel in London endete 1:1. Arsenal braucht also ein Tor, hat aber auch den - in meinen Augen - Vorteil, dass Slavia kein weiteres Auswärtstor mehr erzielen kann. Die Umstände des einen, das vergangenen Donnerstag sehr spät fiel, will ich hier wieder einmal in einem Sekundenprotokoll aufschreiben.

Diese Form erscheint mir besonders geeignet, meine derzeitige Erfahrung mit dem Fußball zu dokumentieren. Ich sehe nämlich zunehmend mehr das Chaotische, das Zufällige, das absolut Willkürliche an diesem Spiel. Alle Bemühungen, Spiele zu entziffern und Ergebnisse aus implizite Rationalität hin zu analysieren, finden nach wie vor mein Interesse und meinen Respekt. Aber ich finde, dass gerade in einer Zeit, in der die Sender zum Beispiel den Faktor Expected Goals zunehmend einbeziehen, auch deutlicher wird, dass Fußball ein Spiel des Unerwartbaren und Unableitbaren ist. Wobei bei Arsenal durchaus auch eine Kultur des erwartbaren Versagens zu erkennen ist.

Das Protokoll geht so: Arsenal ist spät in der 86. Minute durch Pepe in Führung gegangen. Das 1:0 wäre eine gute Ausgangsposition für das Rückspiel in Prag. Arsenal sollte jetzt vor allem kein Gegentor bekommen.

88:00 Arsenal wechselt: Dani Ceballes kommt für Smith Rose. Defensiver für offensiven Mittelfeldspieler.

88:20 Torabstoß Bernd Leno

88:43 Arsenal presst den Keeper von Slavia Prag

89:00 Foul an Ceballos im Mittelfeld

88:33 Elneny spielt den Freistoß kurz zu Bellerin (das Foul hat mehr als eine halbe Minute gebracht)

87:57 Slavia hat einen Einwurf auf der linken Offensivseite

90:00 Die Nachspielzeit wird angezeigt: 4 Minuten

90:10 Slavia flankt von links, Bah köpft über das Tor (keine große Gefahr)

91:04 Torabstoß Bernd Leno (fast eine Minute ist vergangen, Leno kommt mit einer Ermahnung davon)

91:17 Arsenal presst, der Ball verlässt auf der rechten Offensivseite das Feld

91:34 Bellerin wirft ein, es kommt zu einem Hin und Her, Xhaka spielt einen steilen, vertikalen Rückpass, den Gabriel Magalhaes aber gut erreicht, er spielt den Ball nach links zu Cedric Soares

92:00 Cedric Soares sieht keine Option für einen offensiven Pass, und spielt zurück zu Gabriel. Dieser Moment erweist sich als entscheidend: Ausschlaggebend ist auch, dass Cedric Soares (Ersatz für den verletzten Tierney) keinen linken Fuß "hat". Wäre er wie Tierney ein Linker, hätte er vielleicht mit dem freien Raum vor sich etwas angefangen. Den Rückpass verarbeitet Gabriel unsauber. Slavia bekommt einen Einwurf rechts offensiv.

92:24 Aus dieser Situation entsteht, auch aufgrund eines unglücklichen Pressballs von Martinelli, eine Riesenchance für Slavia durch Provod. Leno lenkt den Ball an den Pfosten. Eckball.

92:57 Den gut getretenen Corner verlängert Pepe unglücklich mit dem Oberschenkel zum langen Pfosten, wo Holes sich gegen Cedric durchsetzt. Gegentor.

Man sieht am Beispiel dieser Minuten sehr gut, wieviel leere Zeit da vergeht, während im Grunde eine einzige Verdichtung von Kleinigkeiten reicht, um eine entscheidene Wendung zu bringen. Das Tor für Slavia war keineswegs folgerichtig. Aber Arsenal war im Vorjahr durch ein spätes Tor von Olimpiacos früh aus der Europa League ausgeschieden, hatte also auch etwas im Kopf in Sachen Nachspielzeit.

Am Sonntag gab es dann gegen Sheffield United ein Kombinationstor erster Güte (man könnte fast sagen: ein Stück Wengerball, hätte Arsene Wenger nicht seinen eigenen Mythos durch mindestens drei Spielzeiten zuviel bei Arsenal selbst beschädigt). Lacazette erweist sich in diesem Jahr als der eigentliche Leader der Mannschaft. Deswegen bin ich auch für morgen immer noch optimistisch.

Geschrieben von marxelinho am 14. April 2021.

0 Kommentare

Kommentieren

22. Februar 2021

Der Führer war kein Fan

Hertha BSC in der Weltliteratur

Das heutige Fundstück stammt aus Olympia, dem neuen Roman von Volker Kutscher, der die Serie über Gereon Rath schreibt. Krimis mit Schauplatz Berlin in den Jahren 1929 bis 1936. Die Fernsehserie Babylon Berlin beruht auf den Figuren und Geschichten von Kutscher, ist aber chronologisch noch einige Jahre hinterher.

In dem neuen Buch wird ein Fall rund um die Olympischen Spiele im Jahr 1936 erzählt. Dabei geht Charlotte Ritter, die Partnerin von Gereon Rath, einmal zu einem Fußballspiel zwischen Deutschland und Norwegen im Poststadion. Es war ein Viertelfinale des Olympischen Turniers.

Überraschenderweise lässt Hitler sich dort sehen. ""Das waren Deutschlands Fußballfreunde nicht gewohnt, Adolf Hitler besuchte für gewöhnlich keine Fußballspiele, er konnte mit dem Proletensport nicht viel anfangen." Und dann setzt Kutscher fort: "Anders als Charly. Die Leidenschaft für Fußball (und Hertha BSC) hatte sie von ihrem Vater geerbt, der sie schon früh mit in die Plumpe oder ins Poststadion genommen hatte. Reichstrainer Otto Nerz hatte zwar keinen einzigen Herthaspieler, ja nicht einmal einen Berliner, in seinem Olympiakader, dennoch freute sich Charly auf das Spiel."

Über Otto Nerz, den Vorgänger von Sepp Herberger, gibt es bei Wikipedia einen gründlichen Eintrag. Olympia von Volker Kutscher gefällt mir gut, ich kann das Buch empfehlen. Und dass Charlotte Ritter blauweiß dachte und fühlte, darf uns freuen. Auf der Ehrentribüne der erfundenen Hertha-Fans sitzt sie ganz vorn.

Volker Kutscher: Olympia. Der achte Rath-Roman, Piper 2020

Geschrieben von marxelinho am 22. Februar 2021.

2 Kommentare

Kommentieren

von Roland Koberg (am 23. Februar 2021)
Aber war nicht das Problem auch, dass Deutschland dieses Spiel gegen Norwegen verlor und deshalb an der Endrunde gar nicht teilnehmen durfte?! Hitler hatte sich angeblich widerwillig breitschlagen lassen, das Olympiastadion (für das er bessere Verwendungsmöglichkeiten sah) für die Finalspiele herzugeben, unter der natürlichen Annahme, dass Deutschland da dabei sein werde. Und dann das. Wie sollst du da zum Fan werden?
von Jörg (am 12. März 2021)
Danke für dieses weitere Puzzle-Stück, um Hertha in der großen weiten Welt einzuordnen. Das ist auch dieses Mal wieder hilfreich. Was ich jetzt auch bräuchte, ist eine Einordnung der aktuellen Situation bei Hertha. Carsten Schmidt fängt langsam an, nach außen wirksam zu werden. Tatsächlich war er bei Sky verantwortlich für Babylon Berlin. Was ist von Projekt Goldelse zu halten? Hertha ist so etwas wie eine liebgewonnene Wunde für mich, eine bitter-süße Tragödien-Farce. Hertha hat dem deutschen Fußball gezeigt, dass Geld doch keine Tore schießt. Und ich würde mit Dardai auch absteigen. Und ich glaube, habe immer geglaubt, dass Dardai das Zeug zu einem großen Trainer hat. Ist Hertha nach erfolgreichem Abschluss des Projekts Goldelse noch unsere Hertha? Kann Hertha einen Abstieg in die zweite Liga überhaupt überleben?
29. Januar 2021

Wunder und Zauber

Fünf Jahre ist es jetzt her, da war die Welt für Hertha BSC ausnahmsweise einmal sehr in Ordnung. Rang 3 in der Tabelle, Pal Dardai gab im Aktuellen Sportstudio den Charmeur, der Hauptstadtclub schien auf einem guten Weg. Auch Michael Preetz konnte sich breiter Zustimmung sicher sein, vom Kicker war er im Herbst 2015 zum Einkäufer des Jahres gewählt worden. Aus Freiburg war vor der Saison Darida gekommen (3,8 Millionen), aus Nürnberg Niklas Stark (3 Millionen), ablösefrei von den Bayern kam Mitchell Weiser (von dem damals niemand ahnen konnte, dass er bei Hertha seine beste Zeit haben würde), aus Stuttgart wurde Vedad Ibisevic ausgeliehen.

Hertha arbeitete solide, hatte eine Kader mit Perspektive (auch in finanzieller Hinsicht). Die Saison endete mit einem leichten Dämpfer zum Ende auf Platz 7, hinter Mainz (!), Tordifferenz plusminus Null. 2016/2017 lief auch noch einmal gut, 2017/2018 fiel Hertha ins Mittelmaß zurück, und auch Pal Dardai schien mit seinem Latin (ungarisch für Latein) am Ende zu sein. Die eindeutig erkennbare spielerische Entwicklung unter seiner Anleitung war einer von außen unerklärlichen Apathie gewichen. Hertha BSC langweilte sich auf den Plätzen öffentlich mit sich selbst.

Es gab damals das eine oder andere Indiz, dass es zwischen Preetz und Dardai irgendwann nicht mehr rund lief. Genaueres werden wir wahrscheinlich nie erfahren, aber auch so ist der springende Punkt für diese rätselhafte Entwicklung wohl in dieser Konstellation zu suchen: Dardai war ein Trainer-Debütant, aus dem eigenen Haus. Es war damit zu rechnen, dass seine Methoden irgendwann auch an Grenzen stoßen würden. Das Management Sport hatte die Aufgabe, diesen Prozess so zu moderieren, dass das Ausnahmetalent Dardai gut durch diese Phase finden hätte können, vielleicht sogar an den Herausforderungen gewachsen wäre. Das ist offenkundig nicht gelungen. Die schließliche Ablöse war richtig. Aber inzwischen sehen wir, dass sie Michael Preetz mit einer Beschädigung hinterließ, die er nicht mehr wegarbeiten konnte.

Nun ist Pal Dardai wieder da. Ich halte die Entscheidung für die beste derzeit mögliche, und in Sachen Witz ist er bereits wieder ganz in seinem Element. Im klassischen Deutsch meint Witz ja viel mehr als nur, jemand zum Lachen zu bringen: wer Witz hat, hat einen elastischen Geist, kann mit Herausforderungen gut umgehen, denkt frei und mutig. Ein Trainer ohne Witz ist arm dran, und wenn er dann noch mit magischen Textilien arbeitet (mi dispiace, Bruno Labbadia), ist im Grunde schon alles klar.

Witz ist aber nicht alles. Es gibt vermutlich nicht viele Berufe, die komplexer sind als die Funktion eines Cheftrainers bei einem Bundesligisten. Das zeigt sich ja auch daran, dass das diesbezügliche Personal nicht einmal für die 18 Erstligaclubs ausreicht. Und herausragende Trainerbegabungen, also Erfolgsgaranten wie Klopp, sind weltweit Raritäten. Pal Dardai mochte man vor fünf Jahren zutrauen, sich zu einem besonderen Trainer zu entwickeln. Stattdessen geriet er in eine Phase der Stagnation, aus der er sich nicht mehr zu befreien vermochte.

Dass er trotz dieser Enttäuschung bei Hertha blieb, ist eine bemerkenswerte Entscheidung, und macht nun umso neugieriger auf seinen zweiten Versuch. Unumgänglich wird es aber nun sein, das gesamte sportliche Umfeld auf den Prüfstand zu stellen: er braucht von der Spielanalyse bis zur Gegnerbeobachtung, von der Sportmedizin bis zur Trainingsmethodik ein Team, das seinen Vorstellungen entspricht, das ihn aber auch aus Engführungen befreit. (Wir erinnern uns zum Beispiel: Belastungssteuerung war ein Aspekt, der ihm sehr wichtig war, der aber nicht wirklich gut zu funktionieren schien, denn seine Hertha war schließlich nicht gerade die agilste Mannschaft.)

Dardai braucht ein Umfeld, das ihm erlaubt, zu einem großen Trainer zu reifen (wenn er es drauf hat, was auch noch nicht ausgemacht hat). Die Trennung von Michael Preetz war dafür ein notwendiger Schritt, aber auch so ist eine gute Dosis Skepsis angebracht: Hertha hat vom Präsidenten abwärts zuletzt eher durch bemühte Flapsigkeit als durch Souveränität auf sich aufmerksam gemacht, und vor allem die Moderation des chaotischen Transferwinters vor einem Jahr steckt dem Club immer noch in den Knochen.

Es spricht alles für einen sportlichen Neustart im Sommer. Vielleicht ist Pal Dardai dann ja wieder in einer Phase, in der wir gute Gründe haben, ihm Größeres zuzutrauen. Denn prinzipiell gilt: Erfolg haben macht Spaß, aber Erfolg mit Pal Dardai macht noch ein bisschen mehr Spaß.

Geschrieben von marxelinho am 29. Januar 2021.

0 Kommentare

Kommentieren

20. Januar 2021

Miami Blues

Was die Trikotfarbe anlangt, kam die TSG 1899 Hoffenheim gestern mit einem "absoluten Hingucker im stylishen Miami-Look". Da zu dem optischen Ereignis auch noch drei Tore im Auswärtsspiel in Berlin dazu kamen, während das Heimteam torlos blieb, hat Hertha nun den Miami Blues. 17 Punkte aus siebzehn Spielen ergeben eine enttäuschende Hinrunde, der 16. Platz ist bedenklich unweit entfernt.

Man muss dazusagen, dass mit nur ein paar kleinen Launen des Schicksals der Punktestand auch anders lauten könnte. Denn gegen Köln war auch ein Sieg drin, und gestern hatte Piatek schon früh die Chance, Hertha mit einem Elfmeter in Führung zu bringen. Sechs Punkte aus den letzten beiden Spielen, und Hertha stünde bei 22, damit dann immerhin im zuletzt meist angestammten Terrain, im Niemandsland der Tabelle.

Nun aber ist Abstiegskampf, und zwar unter verschärften Bedingungen. Denn das Leben und Trainieren in den Corona-Blasen macht alles noch schwieriger, aber auch da gibt es Mannschaften, die besser damit umgehen als andere (nämlich zum Beispiel Hoffenheim, wie sich gestern erwies).

Die Beurteilung der aktuellen Lage hängt stark davon ab, womit man sie vergleichen will oder woran man sie messen will. Naheliegend ist, alles an den Millionen zu messen, die Lars Windhorst in den Verein gebracht hat, aber wir wissen natürlich auch, dass davon gar nicht so viel in neues Personal gehen konnte, wie eigentlich ideal gewesen wäre. Zudem ist doch deutlich zu sehen, dass die Transferaktivitäten seit dem Winter 2019/20 sich sogar eher als disruptiv herausgestellt haben. Ich jedenfalls sehe nicht viel Verstärkung.

Ich messe die aktuelle Situation auch lieber an einer Phase, mit der Hertha-Fans in den letzten Jahren am ehesten Freude haben konnten: es gab unter Pal Dardai immer wieder Spiele, in denen Hertha Ansätze zu interessantem Ballbesitzfußball zeigte. Wir wissen alles, dass das nicht weiterentwickelt wurde, und ich setze auch nicht auf ein Comeback von Pal Dardai als Cheftrainer.

Aber damals war, bevor die Mannschaft dann ein wenig unerklärlich vollkommen den Geist aufgab und zu einem apathischen Hintenrumensemble wurde, vieles in einem guten Gleichgewicht: Preetz fand interessante junge Spieler, Transfersummen und Gehälter waren realistisch, aus dem eigenen Nachwuchs kamen gute Leute.

Heute ist von allem dem nicht mehr viel zu sehen. Spielerische Armut ist die Großüberschrift über der absolvierten Hinrunde. Gerade das Mittelfeld, in das viel investiert wurde, erweist sich kontinuierlich als unproduktiv. Zudem reicht eine einzige Verletzung (Dilrosun), und Hertha muss das Flügelspiel weitgehend einstellen. Von einer Integration der Mannschaftsteile, die zu variantenreichem Aufbauspiel führen könnte, wollen wir gar nicht reden.

Unter Labbadia hat sich bisher auch kein Spieler individuell profiliert. Cunha arbeitet ausschließlich mit seinem beträchtlichen Talent und seinen Skills, bringt aber wenig für ein planvolles Spiel. Lukebakio zeigte von Beginn an viele Anzeichen für einen Fehleinkauf, und kann diesen Eindruck selten widerlegen. Mittelstädt wirkte lange wie ein zwar nicht übermäßig begabter, aber intelligenter und lernbegieriger Profi, dieses Jahr wirkt er, als hätte er seinen Plafond erreicht. Niklas Stark ist Kapitän, Führungsspieler und erster Erklärer (er stellt sich immer zum Interview), er steht aber eben auch für die radikale Mittelmäßigkeit, in die sich alles einpendelt bei Hertha.

Die Stimmung scheint insgesamt von einer seltsamen Mischung aus Ungeduld und Trägheit bestimmt zu sein. Jordan Torunarigha schlägt einmal blöd über den Ball, und schon hat er wieder einen Stammplatz auf der Bank. Lukas Klünter hatte bei Labbadia nie einen Auftrag, und soll abgegeben werden. Pekarik spielt bei Labbadia immer, ist sicher auch ein guter Mann, aber wird dann doch oft gegen Zeefuik ausgetauscht, der manchmal ein bisschen etwas andeutet, selten aber etwas bringt, was Klünter nicht auch schon einmal angedeutet hatte.

Was hinter diesen kurzatmigen Manövern unmöglich wird, ist die Entwicklung einer Mannschaft, die eine Identität hat, in der sie sich wiedererkennen kann. Dazu braucht es ein Gespür für Charaktere, auch ein Gespür für Kommunikationsprozesse, und eine Vorstellung von Perspektive. Arne Maier hatte unter Dardai eine wirklich interessante Saison, und hätte das Zeug zu einer Identifikationsfigur, wurde aber im Covic-Klinsmann-Nouri-Labbadia-Chaos allein gelassen.

Eine Hertha mit Torunarigha, Boyata, Stark (im DM oder in einer Dreierkette) und Maier, alle mit einem Vertrauensvorschuss ausgestattet, aber auch mit einer klaren individuellen Leistungsanleitung, hätte einen erkennbaren Teamkern, eine Identität, auch eine Kontinuität ergeben. 17 Punkte hätte sie in dieser Halbserie sicher auch hingekriegt, ich bin mir sicher, kann es aber natürlich nicht beweisen, dass es deutlich mehr gewesen wären. Stattdessen fremdeln im DM zwei Franzosen miteinander (hat jemand zwischen Guendouzi und Tousart auf dem Feld schon einmal ein Kommunikationssignal bemerkt?), versucht Darida die Defizite in der Spielanlage zuzulaufen, und irrt Lukebakio durch Aufgabenstellungen, die nicht einmal dem großen Innovator Klinsmann eingefallen wären.

Hertha ist im Jahr zwei seit Tennor in einem paradoxen Zustand: Seit dem Investment ist alles anders, nämlich so, wie es meistens war, also unklar, nur mit mehr Personal auf der Bank. Michael Preetz ist nun die bervorzugte Hassfigur vieler Fans. Viele hoffen auch auf die nächste Tranche von Tennor. Die Unverdrossensten hoffen auf Luca Netz. Labbadia sucht nach Ansatzpunkten, findet aber keine. Gegen Werder am Samstag geht alles wieder von vorne los.

Geschrieben von marxelinho am 20. Januar 2021.

0 Kommentare

Kommentieren

15. Januar 2021

Über den Pass zum Lauf

In einem winterlichen Auswärtsspiel bei West Bromwich Albion hat Arsenal neulich eines der Tore des Jahres erzielt: eine fließende Doppelpass- und Laufwegverknotung, bei der drei Angreifer sechs Verteidiger hilflos dastehen ließen: Smith Rowe auf Saka auf Lacazette auf Smith Rowe auf Saka. Es war ein kleines Kunstwerk an Teamarbeit, ausgelöst von dem kreativen Jungstar Smith Rowe, der meistens mit einem Pass auch einen Lauf ansetzt. So müsste es theoretisch immer sein, dass Spieler den Ball abgeben und im selben Atemzug auch schon die nächste Position suchen, in der sie für das Spiel interessant sein können. Oft sind sie aber erst einmal damit beschäftigt, dem Spiel ein Weilchen zuzusehen, bis sie sich wieder involviert fühlen.

Beim Heimspiel gegen Crystal Palace gestern Abend blieben die wenigen Ansätze zu einem vergleichbaren Flow in der robusten Defensive hängen. Smith Rowe fand auch gestern einige gute Räume, er war aber nicht ganz so präsent wie zuletzt. Saka war nicht ganz so explosiv, Xhaka war wieder einmal eher die hölzerne Ausgabe. Kieran Tierney fehlte ganz und konnte durch Maitland-Niles nicht ersetzt werden. Schließlich brachte Arteta noch Pepe und zog Saka nach links hinten, auch das brachte nichts. Palace hatte sogar die besseren Chancen auf ein Siegtor.

Schon am Wochenende hatte Arsenal im FA Cup 120 Minuten gebraucht, um Newcastle zu knacken - auch da war es eine Pass/Lauf-Kombination von Smith Rowe, die sich als entscheidend erwies. Arsenal hatte zum Jahreswechsel drei Mal in Serie gewonnen. Bedeutsam für den neuen Schwung waren vor allem vier Personalien: Saka löste das Problem auf rechtsaußen, wo weder Pepe noch Willian taugliche Optionen sind. Smith Rowe besetzt nun die lange Zeit vakante Position im zentralen offensiven Mittelfeld (die Özil-Position). Tierney zeigt sich mehr und mehr als Führungsspieler von hinten (wurde aber wohl überbeansprucht, gestern war von Muskelproblemen die Rede). Und Lacazette führt von vorn, als Mann für den letzten Pass oder auch den Abschluss. (Aubameyang kommt jetzt wieder von links, bleibt aber weiterhin eher marginal.)

Arsenal hat in dieser Formation wieder Balance und Inspiration. Allerdings wirkte gestern die ganze Mannschaft müde. Und das Spiel gegen einen Gegner wie Crystal Palace lässt die Müdigkeit eher wachsen: ein völlig unnötiger Ballverlust im offensiven Mittelfeld löst da gern einmal eine Phase vor vier, fünf Minuten aus, die Arsenal braucht, um mit dem Ball wieder das Heft in die Hand zu bekommen: Einwurf, Eckball, vielleicht auch einmal ein Freistoß, das muss alles verarbeitet werden, dabei wäre doch die eigentliche Aufgabe, Palace vor Probleme zu stellen. So schwindet allmählich die Inspiration, und es wird immer mühsamer, das Spiel in Gang zu bringen, geschweige denn es mit Begeisterung zu erfüllen.

Insofern war der Punkt gestern sogar noch ein Erfolg. Am Montag geht es dann auswärts gegen Newcastle, das dürfte ähnlich mühsam werden. Immerhin ist Partey wieder da, seine Zeit bei Arsenal beginnt nun erst so richtig. Insgesamt wird das aber  noch eine sehr lange Saison für Arsenal angesichts der Tatsache, dass der Kader gerade einmal eine gute Stammelf hergibt, jeder Ausfall aber sofort für Probleme sorgt. Denn Druck von der Bank gibt es im Moment kaum, damit auch keine wirklich sinnvolle Rotation, dafür aber Spiele ohne Ende.

Geschrieben von marxelinho am 15. Januar 2021.

0 Kommentare

Kommentieren

12. Januar 2021

Investitionsoffensivplan

Lars Windhorst denkt gern groß. So sieht er auch die Verpflichtungen, die Hertha BSC im Transferfenster vor einem Jahr getätigt hat. "Die Transferoffensive im Winter. Das war der größte Investititionsoffensivplan, der umgesetzt wurde von allen Clubs in der Welt." So zu hören in der ZDF-Doku über das Investment von Tennor bei Hertha BSC.

Der größte Investitionsoffensivplan von Welt lohnt noch einmal einen Blick, gerade auch angesichts des Spiels in Bielefeld am vergangenen Sonntag. Aber auch einfach, um sich zu vergegenwärtigen, wie Erfolg im Fußball planbar sein könnte, und woran es dann konkret bei Hertha auch immer wieder scheitert.

In Bielefeld war wieder, wie so oft, eine phlegmatische Hertha zu sehen, die nicht in die Gänge kommt, und bei der es vor allem im zentralen Mittelfeld sehr hapert. Das ist aber genau der Bereich, der im Januar 2020 adressiert wurde. Zur Erinnerung: Trainer war damals Jürgen Klinsmann, das Corona-Virus betätigte sich noch diskret in Wuhan, Hertha stand vor den erstern Schritten zum Big City Club.

Verpflichtet wurden damals Tousart (25 Millionen), Piatek (24 Millionen, Ascacibar (10 Millionen und Cunha (18 Millionen). 77 Millionen gab damals kein anderer Club aus. Was hat es gebracht?

Cunha ist zweifellos eine Bereicherung, allerdings zeigt sich auch, dass er für ein planvolles Aufbauspiel nicht unbedingt der beste Partner ist. Er ist eben in hohem Maß Individualist, und sucht auch die entsprechenden Lösungen. Das ergibt manchmal schöne Überraschungen, oft aber auch viele Anregungen, die niemand aufgreift.

Piatek ist ein guter Stürmer, wurde aber ein halbes Jahr später durch Cordoba ersetzt, von dem man sich anscheinend erwartete, dass mit ihm ein direkteres Spiel möglich wäre, Stichwort: Ballbehaupter bei spekulativen Bällen in die Spitze. Heißt auch: latente Abkehr von einem planvollen Aufbauspiel, das davor Piatek zu selten erreicht hatte.

Damit kommen wir zum zentralen Mittelfeld, derzeit meist in einer Dreierkombination mit 6 und Doppel-8, weil es Hertha an Flügelspielern mangelt! Sonst häufig in einer Duo-Formation mit 6 und 8. Tousart blieb noch eine Halbserie in Frankreich und kam erst im (Corona-)Sommer. Ascasibar war ganz kurz so etwas wie ein Stammspieler, damals wirkte er wie ein bescheidenerer Skjelbred. Grujic war damals auch noch da, empfahl sich aber nicht für eine größere Investititon. Löwen war damals ausgeliehen, kam im Sommer aber wieder zurück, eine richtige Chance, sich über einen gewissen Zeitraum zu bewähren, bekam er nie. Arne Maier war damals auch die ganze Zeit da, spielte aus den unterschiedlichsten Gründen aber selten.

Im Sommer wurde mit Matteo Guendouzi ein neuer Mann für das Mittelfeld geholt, er zeigte einige gute Ansätze, gegen Bielefeld war von seinem Mentalitätsspiel auch nicht viel zu sehen. Niklas Stark spielte in dieser Saison eine Weile als Sechser, konnte diese Rolle aber auch nicht prägend besetzen.

Arne Maier ist derzeit in Bielefeld und hat dort offensichtlich bei Uwe Neuhaus keine Karten. Ich habe zuletzt mehrfach getwittert: Arne Maier fehlt sehr. Das war immer nur halb ironisch gemeint. Denn ich bin tatsächlich der Meinung, dass unter den derzeitigen Optionen für das zentrale Mittelfeld der billigste Spieler, der bei Hertha ausgebildete Arne Maier, die beste Option wäre. Er hat es immerhin schon bewiesen, damals war er noch sehr jung, und es ist schon länger her - unter Pal Dardai. Danach hat ihn sein nationaler Ehrgeiz (U21) wohl dazu verleitet, sich zuviel zuzumuten, und es kam zu einer Verkettung, die für Fußballspieler leider Alltag ist: Verletzungsproblem, ungeduldige Trainer. Dass er bei Labbadia nie wirklich eine Chance bekam, wie auch schon bei Klinsmann, kann man durchaus behaupten.

Natürlich kann ich nicht beweisen, dass Hertha zum Beispiel mit dem defensiven Zentrum Torunarigha - Boyata - Stark - Maier besser wäre als derzeit mit Alderete - Stark - Tousart - Guendouzi. Aber es ist doch deutlich, dass der Investitionsoffensivplan wenig bis gar nichts gebracht hat. Tousart ist ein Fremdkörper. Und Ascacibar?

Im Sommer ging der Investitionsoffensivplan weiter. Zeefuik fiel bisher vor allem durch seine Stutzen auf. Alderete schlägt auch ab und zu über den Ball, trotzdem hat Labbadia Torunarigha schon wieder das Vertrauen entzogen. Tousart wird vielleicht einmal ein großer Herthaner, bisher sieht es nicht danach aus.

Ohnehin hängt alles an Labbadia, der eigentlich nur bis Saisonende aushelfen sollte, der aber wegen Corona dann doch "richtiger" Cheftrainer wurde. Eine Handschrift ist nicht zu erkennen. Ein "Projekt" nur dann und nur als Vorwand, wenn es wieder einmal einen Rückschlag gibt.

Das ist also der Alltag bei Hertha BSC. Eine für meine Begriffe bis Sommer 2019 plausible und perspektivisch interessante Kaderplanung wurde durch unüberlegte Zukäufe keineswegs verbessert, sondern es wurde halt einfach Geld ausgegeben. Der neuralgische Moment bleibt für mich der Sommer 2019, also noch vor Tennor, als Michael Preetz es versäumte, einen überzeugenden Nachfolger für Pal Dardai zu finden. Er wählte (wohl auch notgedrungen, denn de facto stand Hertha damals finanziell nach der Auszahlung von KKR sehr fragil da) die billige Lösung Ante Covic.

Preetz ist in dieser schwierigen Situation das schwächste Glied. Auch viele Fans machen ihn zum Sündenbock. Tatsächlich spricht vieles dafür, dass bei Hertha BSC eine Kultur herrscht, die sportlichen Erfolg behindert. Diese prägt allerdings den ganzen Club vom Präsidenten abwärts, und sie wird durch einen Investor, der mit leuchtenden Augen Ausgabenrekorde als Mittel der Wahl feiert, nur bestärkt. Mir wäre lieber, Tennor würde die dritte Rate behalten, Hertha würde das 50+1 einhalten, und Preetz würde einen spannenden Trainer für die Rückrunde finden, der aus dem zweifellos vorhandenen Potential im Kader etwas macht. Das wäre ein realistisches Programm. Saisonziel wäre dann halt wieder der Platz im Mittelfeld, den Hertha derzeit sowieso zu verfehlen droht.

Und wir sollten Arne Maier aus Bielefeld zurückholen. Das wäre mein Investitionsoffensivplan im Winter 2021.

Geschrieben von marxelinho am 12. Januar 2021.

0 Kommentare

Kommentieren