18. August 2018

An den Wühltischen der Liga

Neulich war ich in Neukölln unterwegs. Ich kam dabei auch an einem Geschäft vorbei, das mir etwas Überraschendes bewusst machte: Ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt eigentlich nicht gewusst, was Tedi ist. Dabei handelt sich bei dieser Marke immerhin um den neuen Hauptsponsor von Hertha BSC. Ein Diskontladen mit undefiniertem Sortiment, Markenzeichen in erster Linie: billig.

Ich will da nicht zuviel hineinlesen. Aber es besteht doch ein gewisses Missverhältnis zwischen den neueren Standortaspekten von Berlin und der Marke, an die sich der größte Fußballclub der Stadt mit seinem Hauptsponsorenvertrag gebunden hat. Nichts gegen Tedi, und schon gar nichts gegen dessen Kundschaft: Hertha geht damit in die Kieze, von den überregionalen, gar internationalen kommunikativen Potentialen der Hauptstadt hält man sich damit hingegen fern.

Deswegen passt dieses Bild ganz gut zu den paar Überlegungen, die ich an diesem Wochenende anlässlich des Saisonstarts anstelle: Montag geht es mit dem DFB-Pokalspiel in Braunschweig los. Hertha geht in die vielleicht wichtigste Saison seit langem.

Wirtschaftlich ist Hertha inzwischen in der zweiten Hälfte der Periode, die durch den KKR-Deal 2014 definiert wurde. Seither muss man ja immer das Jahr 2021 mitdenken, dann wird nämlich mit den Equitisten abgerechnet. In diesem Zusammenhang ist sicher nicht uninteressant, dass Ingo Schiller dieser Tage in einem Interview deutlich erkennen ließ, dass Hertha eigentlich gegen die 50+1-Regelung ist, die im deutschen Ligabetrieb in den ersten beiden Spielklassen gilt.

Das ist auch kaum verwunderlich: schließlich muss man davon ausgehen, dass KKR am Ende ein Drittel des Clubs gehören wird, und das muss dann entweder abgelöst werden, oder KKR muss zu einer Verlängerung des Engagements gewonnen werden. Eine Ablösung muss sich für KKR rechnen, da ist man schnell bei einem Betrag über 50 Millionen, und von diesem Geld sieht Hertha dann nichts. Bleiben also für einen eventuellen Zweitsponsor nur rund 15 Prozent, das sind Preisklassen (sehr grob über den Daumen) von 20-30 Millionen. Phantasie kommt da also nur hinein, wenn man auch die zweite Anteilshälfte einsetzen könnte.

Natürlich habe ich das jetzt abzüglich spekulativer Aspekte überschlagen. Man kann vielleicht Geldgeber (aus China?) finden, die eine ordentlichen Phantasieaufschlag zahlen. In jedem Fall wird diese Frage angesichts der beiden Fristen (2021: KKR, 2025: Stadion) nun monatlich an Brisanz gewinnen.

Vor diesem Hintergrund ist es noch wichtiger, wie Hertha sich sportlich entwickelt. Der Zuschauerschwund bei den Heimatspielen, den man anders nicht nennen kann, hat ganz sicher auch mit dem Umstand zu tun, dass Hertha sich letztes Jahr unter Pal Dardai sportlich eben überhaupt nicht entwickelt hat. Für den Trainer, den ich weiterhin als Sympathieträger sehe, steht das wichtigste Jahr seiner bisherigen Karriere bevor: wenn Hertha dieses Jahr weiterhin die eklatanten Mängel in Sachen Mentalität und Spielanlage aufweist, die 2017/2018 charakterisiert haben, dann ist eine ideale Konstellation verspielt worden. Denn Dardai wäre als Parade-Herthaner natürlich großartig als Langzeitbetreuer, aber das allein reicht halt nicht.

Hat er für größere Ambitionen einen entsprechenden Kader? Die Ambitionen müssten sich in erster Linie auf das Auftreten der Mannschaft beziehen. Das Saisonziel würde ich bewusst nicht mit einem Tabellenplatz beziffern, sondern es anders formulieren: Hertha BSC will in dieser Spielzeit aktiv zu einer spannenden und international konkurrenzfähigen Liga beitragen. Das ist ein höchst anspruchsvolles Ziel, denn es verbietet im Grunde den Malschauenmodus, mit dem Hertha so große Teile der abgelaufenen Saison bestritten hat.

Personell fällt auf, dass Hertha vermutlich versuchen wird, ohne "Königstransfer" auszukommen. Bei den vergleichsweise winzigen Summen, die damit gemeint sind, bedeutet das in erster Linie: Mitchell Weiser wird nicht ersetzt, sondern der Verlust soll kollektiv aufgefangen werden. Probleme sehe ich im Angriff, wo Davie Selke im Grunde nicht ausfallen darf, und im defensiven Mittelfeld, wo Sebastian Rudy gut hinpassen würde, der aber deutlich außerhalb der Möglichkeiten liegt. Sagen wir es ganz deutlich: Hertha wird und kann in dieser Transferperiode nicht investieren.

Dass Michael Preetz selbst nach dem Deadline Day in England Marvin Plattenhardt noch einmal in die Auslage gestellt hat, spricht ja fast Bände. Pal Dardai wird also vieles besser machen müssen, auch individuelle Spieler, denn außer Plattenhardt und Selke enthält der Kader derzeit Phantasie erst wieder am ganz jungen Ende, dort, wo die Akademiker in großer Zahl kooptiert werden. Dieser Aspekt verleiht der kommenden Saison sicher eine romantische Note. Vielleicht zeigt sich Dennis Jastrzembski ja als der bessere Serge Gnabry, und bestätigt sich Arne Maier als der Berliner Aaron Ramsey. Dafür brauchen sie aber ein ambitioniertes Umfeld. Ausreden sollte es von nun an keine mehr geben, denn Hertha gehört nicht an die Wühltische der Liga.


Eingestellt von marxelinho am 18. August 2018.
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