27. April 2018

Ärenbemessungsgrundlagen

Der Rücktritt von Arsene Wenger hat ihm viele Sympathien eingebracht. Jetzt sieht man plötzlich überall Indizien dafür, wie schwer die Trennung von einem Mann fällt, der in den letzten Jahren eigentlich nur noch von Nimbus gelebt hat. Die Europa League wird nun in den letzten Wochen mit dem "allwissenden" Manager zu einer Standortbestimmung: Bleibt von der Ära Wenger vielleicht tatsächlich noch etwas anderes als der Umstand, dass sie eine Ära war, also lange gedauert hat?

Nach dem Hinspiel gegen Atletico Madrid sieht vieles danach aus, dass Wenger ohne einen großen Titel Abschied nehmen muss. Das 1:1 macht die Aufgabe im Auswärtsspiel jedenfalls sehr schwierig. Die Mannschaft von Diego Simeone zählt nach wie vor zu den interessantesten in Europa. Sie hat so viel Erfahrung, dass sie selbst eine frühe gelb-rote Karte gegen den rechten Außendecker Vrsjalko wettmachen konnte.

Spielverlauf und Ergebnis sind auch so etwas wie ein Sinnbild für die Probleme, die Arsenal in den letzten Jahren oft hatte: offensiv fehlt es gegen die schwierigen Gegner an Produktivität, und defensiv lässt sich die Mannschaft oft überrumpeln. Die Leistung gegen Atleti erinnerte mich an das diesjährige Heimspiel gegen Manchester United in der Premier League, in dem Arsenal drückend und begeisternd überlegen war, aber mit 1:3 verlor (wobei Mourinho inzwischen vor allem eine öde Kopie des immer interessanten Simeonismus im Sinn hat).

Abgesehen von dem verletzten Mkhitaryan und dem nicht spielberechtigten Aubameyang war das weitgehend die beste Elf, die Arsenal gegen Atletico aufbot: mit Lacazette im Zentrum, Welbeck auf dem Flügel, mit zwei extrem hohen Außendeckern (Monreal und Bellerin), sowie Ramsey, Wilshere und Özil vor Xhaka. Dahinter waren dann nur noch Koscielny und Mustafi, die beide spät noch eine wichtige Rolle spielten.

Nach einer Stunde gelang Arsenal ein Treffer: Wilshere bediente Lacazette mit einer schönen Flanke, Oblak hatte gegen den Kopfball keine Chance. Danach hätte vermutlich jeder vernünftige Trainer ein bisschen zur Vorsicht gerufen, aber Arsenal spielte mit Hurra auf ein zweites, und stand schließlich in der 82. Minute unnötig hoch, als Welbeck einen Ball verlor. Koscielny bewachte Griezmann an der Mittellinie.

Man kann in der Wiederholung sehen, dass der Stürmer einen Moment schneller reagiert, er suggeriert den langen Ball mit einer Bewegung, mit einem Umschalten im Kleinen, und Koscielny kommt zwar im Laufduell fast noch einmal zurück, hat dann aber Pech bei der Klärung. Ospina wehrt ab, aber der Ball bleibt im Spiel, und dass Mustafi dann ausrutscht (es "plattelt ihn auf", würden wir in Österreich sagen), passt als Symbolszene für eine ganze Saison.

Natürlich kann Arsenal auch in Madrid ein Tor erzielen oder zwei. Aber die jüngere Auswärtsbilanz macht skeptisch. Es sieht derzeit stark danach aus, als würde die Ära Arsene Wenger keinen krönenden Abschluss finden, sondern einen bezeichnenden.


Eingestellt von marxelinho am 27. April 2018.

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