01. September 2018

Aufleuchten und Heimleuchten

Das torlose Remis gestern Abend zwischen Hannover 96 und dem BVB war hoffentlich noch kein Omen für die gerade gestartete Bundesligasaison. Es passt allerdings deutlich in einen Trend: die Neutralisierungsbemühungen werden immer noch kompetenter, und selbst ein einstmaliges Jagd- und Kreativteam wie die große Borussia beginnt unter Lucien Favre erst einmal mit der Konsolidierung von hinten heraus. Hätte Favre den unproduktiven Delaney durch Götze ersetzt, vielleicht wäre ein wenig mehr Bewegung in die Sache gekommen. Aber auf den Gedanken ist er vermutlich gar nicht gekommen.

Beim Auswärtsspiel in Gelsenkirchen wird Hertha morgen den zweiten Fingerzeig geben, wie sich der Haupstadtclub in diesem Bewerb einzubringen gedenkt. Der Kader wurde diese Woche noch um einen weiteren Leihspieler ergänzt: Derrick Luckassen wurde für ein Jahr von PSV Eindhoven ausgeliehen. In dem Organigramm, mit dem Michael Preetz arbeitet, war er die letzte Planstelle: ein Mann, der Niklas Stark durch Konkurrenz inspirieren und zugleich andere Optionen bieten soll, zum Beispiel rechts oder im defensiven Mittelfeld, wo es für Skjelbred und auch Lustenberger allmählich doch sehr deutlich nach Abschiedssaison aussieht.

Die Frage ist, was Hertha aus diesem hochinteressanten Angebot an Perspektivspielern macht. Nach dem Spiel gegen Nürnberg war ich sehr positiv gestimmt, peripheres Nachdenken während der Woche hat die Sache dann ein wenig zurechtgerückt. Es wird ganz entscheidend darauf ankommen, ob Pal Dardai dieses Jahr ein wenig von seinem Porzellankistendenken abrückt. Wenn nicht alles täuscht, war aber schon die zweiten Halbzeit gegen Nürnberg ein Hinweis darauf, dass er weiterhin eher auf Abwarten setzt.

Nun erwartet niemand, dass Hertha mit fliegenden Fahnen ins Verderben läuft. Hannover hat nicht nur gestern, schon in der Vorsaison gezeigt, dass die Liga nicht nur in der Tabelle, sondern nicht zuletzt auf dem Platz extrem eng geworden ist. Es kommt also darauf an, wie und in welchen Momenten Teams ins Risiko gehen können, ohne dabei die Defensive zu entblößen.

Die neue Formation auf Grundlage einer Dreierkette, mit zwei zentralen Umschaltspielern vor der Abwehr und mit zwei gut abgestimmten Außenlinienpaaren (aus denen jeweils einer in den Halbräumen für Anknüpfungen sorgt) bietet für ein sorgfältiges Offensivspiel exzellente Möglichkeiten. Aber auch da kommt es sehr darauf an, die Möglichkeiten zu erspüren - immerhin hat die Mannschaft vor allem in der ersten Halbzeit gegen Nürnberg angedeutet, dass sie Spielzüge auf Lager hat.

Hertha wird aber nur dann eine gute Saison spielen können, wenn mehrere Spieler sich individuell steigern können. Im Vorjahr gelang der 10. Platz, obwohl es nur ganz wenige solcher Entwicklungen gab: Arne Maier, weil er bei Null begann, Kalou, weil von ihm eigentlich nicht mehr so viel zu erwarten war, Selke, weil er aus einem gebrauchten Jahr bei Leipzig und nach schwierigen Verletzungen immer wieder zurückkam.

In diesem Jahr gibt es Kandidaten, die für Leistungssteigerungen designiert sind: unter den Neuen könnte vor allem Grujic interessant werden, er konkurriert allerdings mit Duda, und irgendwann vielleicht auch wieder mit Darida, dessen Karriere bei Hertha allmählich tragische Züge bekommt. Auf dem linken Flügel ist Maxi Mittelstädt bisher noch eher ein Konsolidierungsspieler, manchmal frage ich mich, ob es nicht von vornherein gescheiter wäre, Plattenhardt vor ihm spielen zu lassen - als den eigentlichen Winger. Aktuell ist die heißeste Kapitalanlage von Hertha allerdings verletzt, es könnte gut sein, dass Pal Dardai für Sonntag zu einer Viererkette zurückkehrt.

Jastrzmembski könnte sich näher an der ersten Elf etablieren, als sein Alter es annehmen lassen würde. Bei all dem wird es aber immer davon abhängen, ob der Coach ein bisschen mehr will als nur irgendwie durch das Jahr zu kommen. Hertha hat das Personal für eine spielende Mannschaft - im Zweifelsfall ist Ballbesitz ja auch die bessere Kompaktheit. Die Arbeit von Favre in Dortmund deutet darauf hin, dass die Ligateams einander immer noch ähnlicher werden, umso stärker kommt es darauf an, Individualitäten zu kultivieren, also Spieler aus dem Sicherheitsbedenken zu befreien, indem man ihnen gute Absicherung, aber auch gute Optionen für ihre Ideen gibt.

Die Art und Weise, wie Michael Preetz den Kader gestaltet hat, weist eigentlich genau in diese Richtung. Kein einziger Neuzugang ist ein Gamechanger, aber alle sind intensiv vernetzbar - es leuchten gleichsam, wie bei diesem Brettspiel Elektrokontakt, die möglichen Verbindungslinien auf, und es ist nun an den Betreuern, aus Hertha ein Team zu machen, das mit kleinen, klugen Bewegungen für Räume sorgt. Vermutlich werden Kontertore noch seltener werden, Führungstreffer werden noch wichtiger werden, das sind alles Tendenzen, die der Kader von Manager Preetz im Ansatz schon berücksichtigt, wie mir scheinen will.

Weil es dadurch immer noch wichtiger wird, wie einzelne Spieler einzelne Situationen lösen, wie sich die Zweikampfwüsten wieder begrünen (beblauweißen) lassen, die sich in der Bundesliga ausbreiten, liegt die Aufgabe von Pal Dardai nicht zuletzt im mentalen Bereich. Er darf, ich wiederhole mich, keine Kultur der Ausrede zulassen. Im Vorjahr war er selber der Vorsprecher dieser Kultur. In diesem Jahr sollte er zum Verfechter einer Courage werden, die zur Absicherung nichts anderes braucht als eine Mannschaft, die ihren eigenen Mut besonnen verteidigt.


Eingestellt von marxelinho am 1. September 2018.
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