09. November 2019

Berichtspflichten

Diese Woche haben neue Zeiten bei Hertha BSC begonnen. Mit der Nominierung von Jürgen Klinsmann in den Aufsichtsrat der KGaA endet die Periode, in der die Dreierkonstellation aus Michael Preetz, Ingo Schiller und Werner Gegenbauer sich mit gefügigen Gremien alles untereinander ausmachen konnte. Mit dem nunmehrigen Hälfteeigentümer Tennor BV wachsen sicher auch die Berichtspflichten.

Der erste, der das zu spüren bekommen wird, ist Michael Preetz. Er hat mit Ante Covic zum zweiten Mal in Folge einen Eigenbautrainer eingesetzt. Passenderweise beginnen heute mit einem Spiel gegen Leipzig die Herausforderungen. Denn bisher hat Covic zwar in Ansätzen erkennen lassen, dass er mehr will als sein Vorgänger, der letztendlich eine Mannschaft geformt hatte, die alles verweigerte, was über das Notwendigste hinaus ging.

Aber im Ergebnis steht Covic mehr oder weniger da, wo Hertha schon unter Dardai meist stand. Ohne die drei Pflichtsiege gegen die schwächsten Teams der Liga wäre Hertha tief im Abstiegskampf. In allen Spielen, die dieses Jahr mit Niederlagen endeten, gab es Phasen, in denen Covics Team erkennen ließ, dass mehr möglich wäre - umso ärgerlicher sind diese Niederlagen, die alle unnötig, im Endeffekt aber dann halt doch verdient waren.

Gegen Union hat Hertha einmal mehr eine erste Halbzeit verschwendet, und die zweite dann auch nicht wirklich genützt. Es war auffällig, dass das Pressing die Mannschaft überfordert hat. Dabei ging Union damit ja auch bis zu einem gewissen Grad ins Risiko. Wenn es Hertha gelungen wäre, ruhig und interessant gegen diese frühe Störung anzugehen, wenn alle daran mitgearbeitet hätten, den Ball über die erste Linie von Union hinweg zu bringen, wäre das genau der Ballbesitzfußball gewesen, von dem Covic zu Beginn des Jahres sprach. Es kam nicht dazu, aus einer Mischung aus Lethargie und Nervosität, wie es den Anschein hatte.

In diesem Zusammenhang legt sich noch einmal ein Wort zu dem leidigen Thema der Laufarbeit nahe. An der Spitze der Liga steht derzeit mit Gladbach ein laufintensives Team. Hertha hat meist mittelmäßige Werte, und man sieht es bei den Spielen mit freiem Auge. Es fehlen nicht nur viele intensive Läufe, es fehlen vor allem die kleinen Läufe, manchmal sind es nur Schritte, mit denen auch ballferne Spieler sich ständig auf den Ball beziehen. Im Idealfall sind gerade auch bei Ballbesitz in der hintersten Linie alle Feldspieler in Bewegung, um eine bewegliche Formation zu erzeugen, die viele Möglichkeiten schafft - vertikale Bälle in den Raum vor der gegnerischen Defensivkette sind besonders spannend.

Ich habe ein wenig den Eindruck, dass Covic sich zu viel von den individuellen Fähigkeiten von Grujic erwartet, der ja tatsächlich unter Druck manchmal ganz gut einen Gegner hinter sich lassen kann. Er wirkte aber zuletzt häufig überfordert, vielleicht auch mental, und über seine Defensivqualitäten müssen wir nicht mehr viel sagen - sie sind wohl der Grund, dass er auch dieses Jahr in Berlin spielt und nicht an der Anfield Road mit Naby Keita um einen Platz im Kader der Reds rittert.

Neben der Laufarbeit fällt auch noch ein Detail auf. Hertha hat Eckbälle dieses Jahr zum Teil schwach verteidigt, zwei Niederlagen gehen direkt darauf zurück. Hertha schießt aber auch die eigenen Ecken auffällig oft schwach (notabene Lukebakio). Da gibt es also eine Negativ-Negativ-Korrelation, die eigentlich leicht zu korrigieren wäre, aber dafür nimmt sich anscheinend niemand die Zeit.

Insgesamt wirkt die Mannschaft auf dem Platz unstrukturiert, auch in Bezug auf die innere Hierarchie. Es gibt keine Spieler, an denen sich andere aufrichten können. Ibisevic ist ein zweifelhafter Kapitän, weil er meistens mit sich selbst und seinen Leidenschaften beschäftigt ist. Unter den Jüngeren hat Hertha inzwischen eine ganze Reihe von Halbroutiniers, die Ansprüchen eher nicht gerecht werden: Nach Plattenhardt deutet derzeit Stark an, dass er sich wohl nicht zu einem Spieler von richtigem Format entwickeln wird.

Ante Covic muss neben der taktischen Formation auch so etwas wie eine dynamische Formation finden, die nicht von Spielern dominiert wird, die gerade einmal eben so ihre Minimallegitimation für ihre Position erbringen. Ich bin nach wie vor der Meinung, dass im Zweifelsfall Torunarigha spielen sollte, weil sein Potential offensichtlich am größten ist, und auch Selke statt Ibisevic.

Gegen Leipzig wird es heute eine Riesenleistung brauchen, um nicht neuerlich unterzugehen. Ich könnte mir folgende Formation vorstellen: Jarstein. Mittelstädt - Torunarigha - Boyata - Wolf. Löwen - Grujic - Darida. Lukebakio - Selke - Dilrosun.

Eingestellt von marxelinho am 9. November 2019.

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