16. September 2018

Blödness und Cleverheit

Drei Spiele ist die neue Bundesligasaison alt, dreimal hat Hertha schon einen Elfmeter verursacht. In Wolfsburg riss dann auch die noch sehr kleine Serie von Rune Jarstein: gegen Malli fand er zwar die richtige Ecke, hatte aber keine Chance.

Alle drei Elfmeter waren "weich", aber letztlich keine Fehlentscheidungen. Der gegen Wolfburg (und gegen Arne Maier) hatte noch dazu eine Facette, die das videoassistierte Refereeing so kontrovers macht: es wirkt manchmal übermäßig gerecht, denn im Grunde war der Einsatz von Arne Maier mit einem Freistoß genau richtig sanktioniert. Weil er aber exakt auf der Linie stattfand, fiel er gleichsam auf die andere Seite - und das war dann eben eine drakonische Sanktion. Man hatte übrigens den Eindruck, dass Köln (so die gängige Chiffe für die transzendente Instanz) erst durch den Sky-Kommentator aufmerksam wurde, der sich nach mehreren Zeitlupen immer mehr für den Fall interessierte. Sehen die dort das Spiel mit oder ohne Ton? Und mit welchem?

Maximilian Arnold sprach danach von "Cleverness und Blödheit", und zwar in einer eindeutigen Verteilung: Maier sprang blöd auf ihn ein, er fiel clever hin. Da Hertha sich aber in dem Spiel nicht wirklich dumm angestellt hatte, würde ich das insgesamt ein wenig mehr verteilen: das Ergebnis beruhte auf einer Mischung aus Blödness und Cleverheit auf beiden Seiten. Am Ende fielen innerhalb kurzer Zeit drei Tore, da geriet dann das ganze Spiel noch in den Cocktail-Shaker, wobei der Mixer ein salomonisches Temperament hatte. Er ließ ein Spiel, das keinen Sieger nahegelegt hatte, unentschieden ausgehen.

Hertha hätte von der Schlussphase her sicher auch gern drei Punkte mitgenommen. Die erste Halbzeit war aber nicht sonderlich überzeugend gewesen, da fehlte es deutlich an Spielkontrolle, da waren die Rollen zu ungleich verteilt. Wolfsburg war eindeutig die bestimmende Mannschaft, vor allem diagonale Spielzüge fanden bei Hertha nicht immer die nötige Geistesgegenwart. Aber schon in dieser Phase war auch viel von der großartigen Elastizität zu sehen, die in dieser Mannschaft steckt.

Sie wird vor allem durch Grujic verstärkt, der über ein beeindruckendes Register verfügt: er legt sich den Ball auf engem Raum geschickt zurecht, er hat einen bemerkenswerten Antritt, manchmal hat man freilich das Gefühl, dass seine körperliche Stärke (und seine Größe) ihm schneller als Foulspiel ausgelegt wird als bei anderen.

In der zweiten Halbzeit übernahm Hertha dann auch mehr Verantwortung für das eher nur numerische Spitzenspiel. Der Führungstreffer war dann schon verdient, denn Wolfsburg war nicht mehr so dominant. Dilrosun hatte lange gebraucht, bis er in das Spiel fand, sobald es aber einen Raum für ihn gab, nützte er ihn beeindruckend.

Als man schon mit einem 1:1 rechnen mochte, gab es noch zwei Gesprächspunkte. Den ersten setzte Ondrej Duda. Er spielte bei einem Freistoß nämlich mit seinem eigenen Kunstwerk aus der Vorwoche über die Bande. Gegen Schalke hatte er einen Ball aus sehr ähnlicher Lage über die Mauer gezirkelt. Er konnte als damit rechnen, dass die Mauer des VfL Wolfsburg mit einer Wiederholung des Versuchs rechnen würde. So war es dann auch, alle sprangen hoch, Duda schob flach darunter ein. Wenn es Absicht war, und es sah alles danach aus, dann war das ein 100 Prozent cleveres Manöver.

Das Drunter (Duda) und Drüber (Maier) setzte sich dann noch fort. Quasi aus der blauweißen Jubeltraube heraus kam dann noch eine Wolfsburger Flanke in den Hertha-Strafraum, und da setzte sich ausgerechnet Jay Brooks (drüber) gegen Stark (drunter) durch, wodurch Mehmedi gegen Lustenberger zum Zug kam. Da fehlten vielleicht die langen Beine von Jordan Torunarigha, der verletzt ausgeschieden war.

Über 90 Minuten hinweg hatte Hertha aber nicht genug für einen Sieg getan, und so waren schließlich alle zufrieden. Bis auf Arne Maier, der über seinen Mangel an Cleverheit noch ein wenig nachdenken wollte. Nicht zu lange, denn das wäre Blödness. Hertha hat alle Möglichkeiten, sich gedeihlich weiterzuentwickeln. Und wer danach noch Gladbach gegen Schalke sah, weiß nun, dass Hertha am kommenden Samstag schon wieder ein Spitzenspiel bevorsteht.

Eingestellt von marxelinho am 16. September 2018.

2 Kommentare

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von Jörg (am 16. September 2018)
Das Spiel hatte eine großartige und auch pädagogische Dramatik. Anfangs waren die Wolfsburger stärker, auch wenn es für mich so schien, als könne Hertha dem Druck durchaus standhalten. Zudem gab es immer wieder gute Ansätze für Konter, obwohl Wolfsburg gerade einen Lauf hat. In der zweiten Halbzeit wurde Hertha stärker. Torunarigha hat ein großartiges Spiel gemacht. In einer Szene gewann er einen Zweikampf gegen seinen "großen Bruder" Brooks und leitete direkt danach einen Konter ein (auch wenn sein Pass dann nicht zum Mannschaftskollegen kam). Auch das 1:0 durch Dilrosun war großartig, zum Glück hat Hertha einen langfristigen Vertrag mit ihm abgeschlossen. Dass Hertha individuelle Klasse als Stilmittel wieder neu entdecken könnte (wie zu Zeiten eines Deisler, Marcelinho, Pantelic), das wage ich noch kaum zu hoffen, wenn ich Dilrosun sehe. Nach dem langsamen Aufbau der Dramatik ging es dann Schlag auf Schlag. Arnold ist für mich ein sehr guter Spieler, ich würde mir von ihm da aber mehr Fairness als Cleverness wünschen. Selten hat mich ein Tor mehr zum Lachen gebracht als Dudas 2:1 in der direkten Antwort. Die Wolfsburger Mauer löste sich durch ihren kollektiven Sprung in Luft auf, die Schussgeschwindigkeit war gerade schnell genug, um Casteels keine Chance zu lassen, und langsam genug für einen komischen Zeitlupen-Effekt. In diesen Moment des höchsten Amüsements kam dann der ernüchternde Kontrapunkt, wie ein pädagogischer Nachsatz.
von Natalie (am 16. September 2018)
Torunarigha ist für unser Spiel wichtig, wie kaum ein anderer. Mit ihm gewinnen wir Spiele, die wir sonst vielleicht nur nicht verlieren. Grundsätzlich ist die Mannschaft eine große Freude. Duda hat schon in 2 Spielen vergnüglich alles wett gemacht, was er bis dahin nicht gezeigt hat. PS: Einfach gleich zu Beginn einen Elfer geben lassen, dann haben wir das schon mal aus dem Kopf.