20. Oktober 2019

Der Stempel in der Schublade

Hertha BSC kam gestern mit einem Punkt und einer üblen Nachrede aus Bremen zurück. Die Mannschaft hätte "nichts für das Spiel getan", behauptete ein enttäuschter Gegner. Er meinte mit einigem Recht, dass Werder den Sieg verdient gehabt hätte. Hertha hatte aber auch den Punkt verdient, und sehr wohl eine Menge für das Spiel getan. Nimmt man noch eine kontroverse Szene dazu, in der Ibisevic wohl schon bald nach dem frühen Gegentor einen Elfer hätte bekommen können, hätte das auch ein ganz anderes Spiel werden können.

Es ging nämlich nicht so sehr darum, welche Mannschaft wieviel vom Spiel macht - in dieser Hinsicht war es ein relativ ausgeglichenes Spiel mit Vorteilen für die Heimmannschaft. Es ging um "impact". Wie kann man einem Spiel den Stempel aufdrücken? Die beiden Teams mussten sich ihre Anteile mit einem Schiedsrichter teilen, der sich durch Unsichtbarkeit stark in den Vordergrund drängte: Brych war gestern ein Exempel für eine Spielleitung, bei der er deutlich zu viel durch- und weiterwinkte - auch so kann man sich wichtigmachen.

Das Gegentor kam früh, und hatte mit schulgemäßer Bespielung von Zwischenräumen zu tun. Ein prächtiger Diagonalpass aus der letzten Reihe in den Raum vor Herthas letzter Linie, Sargent ist ganz allein vor Rekik oder hinter Grujic, leitet den Ball auf außen weiter und bekommt ihn prompt zurück - er ist immer noch allein, weil das alles zu schnell für Hertha geht. Das Bein, das man gerade noch notdürftig in den Schuss bringt, sorgt dann für die Ablenkung in die Unhaltbarkeit. Bremen hatte später noch ein paar ähnliche Momente, so richtig bekam Hertha die agilen Läufe und geschickten Rückgaben an die Strafraumgrenze nie in den Griff. Rashica bekam auch noch zwei mustergültige Hereingaben an den Fünfer, die eigentlich das Spiel hätten entscheiden müssen.

Dann griff Ante Covic zu seinem Stempel. Er heißt Lukebakio, er ersetzte Dilrosun, der bis auf einen schönen Zwischenlinienlauf von rechts wenig ins Spiel fand. Lukebakio führte sich so ein, wie er zuletzt gelegentlich Zweifel an seiner generellen Qualifikation aufblitzen ließ. Er lief blindlings in einen Pulk, und hatte Schwierigkeiten bei der Ballverarbeitung. Dann aber bekam er eine Möglichkeit auf links, die genau für seine Athletik gemacht war, ein eigentlich schon verunglückter Move, bei dem er auch noch ausrutschte, er befreite sich aber mit einem sehr schönen Manöver, gegen alle Fliehkräfte, und hatte damit den Ball perfekt in der Schussbahn. Das war der Moment, den Hertha bis dahin vergeblich gesucht hatte: Wirkung.

Für einen Sieg in Bremen fehlte es gestern bei allen Spielern an Wirksamkeit. Wolf begann stark, war dann aber kaum mehr zu sehen. Grujic ist defensiv sowieso oft ein wenig zu neutral, und suchte nach offensiven Momenten. Ibisevic erlebte, wie sich ein Spiel für Selke oft anfühlt. Mittelstädt und Klünter kamen nach vorn wenig zur Geltung und ließen hinten doch häufig Lücken. Aber Hertha spielte mit, kombinierte, ansatzweise sogar sehenswert - es war ein spannendes, auch taktisches, aber lebendiges Bundesligaspiel.

Ein PS zu der Elfmeterszene: Der normale Ablauf wäre hier, dass Brych auf Strafstoß entscheidet, denn mit freiem Auge sah alles danach aus, und dass dann unter Umständen der VAR sieht, dass Pavlenka den Ball minimal berührt. Ibisevic sprach danach von einer Schublade, in der die Referees ihn haben. Man muss fairerweise sagen, dass er zum Innenausbau dieser Schublade seit Jahren wesentlich beiträgt - nicht weil er ein unfairer Spieler wäre, aber wegen seiner starken Emotionalität. Gestern ließ vor allem eine Szene in Halbzeit zwei, ein offensichtliches Foul gegen ihn im Mittelfeld, erkennen, dass Brych wohl tatsächlich ein Vorurteil gegen ihn hat: in dieser Szene hätte er niemals weiterlaufen lassen dürfen.

Aber auch das war bloß ein Aspekt in einem Spiel, in dem am Ende die Bemühungen größer waren als die Wirkungen.

Eingestellt von marxelinho am 20. Oktober 2019.

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