21. Oktober 2018

Die Farben des Geldes

Am Savignyplatz habe ich neulich diese kleine Spur von Hertha BSC im Stadtbild gesehen - gleichsam ein Anti-Keuter, keine implementierte Kampagne, sondern ein beiläufiges Zeugnis von Fankultur, was ja nicht (jedenfalls nicht ganz) das Gleiche ist wie Markenwirksamkeit.

Heute kommt der SC Freiburg in die Stadt, und trifft auf eine Mannschaft, die aufgrund der bisherigen Saisonergebnisse zu favorisieren ist, die allerdings wegen mehrerer Ausfälle auch ein wenig schwer einzuschätzen ist. Dazu kommt die Länderspielpause, nach der man erst wieder Momentum finden muss. Immerhin hat Bremen gestern bestätigt, dass die bisher einzige Niederlage von Hertha (in Bremen) in ein größeres Bild passt, das die Liga in dieser Phase ergibt.

Mit einem Sieg gegen Freiburg könnte Hertha sich in dem Pulk bestätigen, könnte sich damit auch an der Seite von Bremen bestätigen, die mit einem 2:0 auf Schalke den kleinen Upset durch Hertha vor ein paar Wochen in der Arena wiederholen konnten. Die Analogie könnte immerhin erlauben, von verschiedenen Typen von Traditionsclubs zu sprechen, wobei sich Hertha dann in die Reihe zweier wirklich prägender Clubs stellen könnte, denn Werder und Gladbach haben zu der Bundesliga im Lauf der Jahrzehnte doch mehr beigetragen als der Club, der wie die Hauptstadt auch im Grunde erst vor 20 Jahren neu mit der Traditionsbildung beginnen musste.

Dieser Saison kommt offensichtlich eine Schlüsselrolle dabei zu. Denn in der Vorwoche wurde uns durch die Berichte über eine neue, umfangreiche Hertha-Anleihe deutlich vor Augen geführt, dass die neue Spielkultur, die Pal Dardai auf eine lange, strategische Vorbereitung zurückführt, auch ein firmenstrategisches Motiv hat: Hertha konnte auch aus wirtschaftlichen Gründen nicht so weiter machen wie im Vorjahr, als die Talente alle stagnierten, und die "stillen Reserven" begannen, an Wert zu verlieren. Die "lauteste" Reserve Marvin Plattenhardt wurde schließlich auch von den Märkten eher schnöde vorläufig zum Schweigen gebracht.

Wir begreifen nun auch besser, warum Hertha so geduldig auf Ondrej Duda gewartet hat. Der Verein kann es sich einfach nicht leisten, eine Aktie, die sich zwei Jahre ungünstig entwickelt hat, mit Verlust abzustoßen, solange noch irgendeine Hoffnung besteht, sie könnte noch durchstarten. Die ganze finanzielle Situation von Hertha ist durch KKR kapitalistisch geworden, das heißt, es geht nicht einfach um eine solide Transferbilanz, sondern es geht um ein rundherum investives Klima.

Da muss dann für Spieler wie Dilrosun, der zu Beginn der Saison ein paar spektakuläre Fantasien in den Raum setzte, ein Umfeld geschaffen werden, in dem er sich sportlich - und in dem sich sein Marktwert - entwickeln kann. Die öden Minimalauskömmlichkeiten, mit denen Hertha sich im Vorjahr im Mittelfeld der Liga hielt, passten da nicht dazu.

Es spricht für Pal Dardai, aber auch für Michael Preetz und das gesamte Vereinsmanagement, dass im Sommer offensichtlich viele Schritte zu einer investierenden Hertha gemacht wurden, und da meine ich jetzt auch konkret die Mannschaft. Es gibt diese Redensart ja auch tatsächlich: der Gegner hat mehr investiert. Hertha muss darauf achten, immer dieser Gegner zu sein, dies allerdings auf der Grundlage eines schon erstellten Portfolios: eine gestaltende Spielanlage mit permanenten Anspielmöglichkeiten, technischer Sicherheit und guter Handlungsschnelligkeit. Interessanterweise zeigt nicht zuletzt der Kapitän, was eine gute Vorbereitung bewirken kann.

Die vielen Verletzungen ergeben nun aber schon heute einen ernsten Test für die Rückversicherungen, die Michael Preetz eingebaut hat. Bei allen Hoffnungen, die man vor einem Heimspiel gegen Freiburg haben darf, würde ich heute eher von einem Übergangsspiel sprechen. Hertha wird in dieser Saison erst wieder so richtig spannend werden, wenn Jordan Torunarigha zurückkehrt, der nicht nur eines der spannendsten Assets ist, sondern von dem auch die Spielanlage abhängt, mit der Hertha so interessant begonnen hat: mit einer flachen, elastischen Zwei in der Zentrale, und mit einer Fünferzange als umgreifender Ordnung. Es wäre schade, wenn dieses Konzept, wieder in Vergessenheit geriete.

Allerdings stehen im Mittelfeld nun mit Darida und bald wieder Grujic auch Optionen zur Verfügung, sodass die Spiele von Hertha nun auch permanent so etwas wie eine Roadshow ergeben: seht her, das haben wir in Berlin an Werten, um eine möglicherweise hochspekulative Gebarung abzusichern. Geld schießt Tore, sagt man immer wieder. Hertha muss in dieser Saison den Beweis antreten, dass künftiges Geld (also Fantasie) sogar noch mehr Tore schießen kann.

Eingestellt von marxelinho am 21. Oktober 2018.

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