10. Oktober 2018

Ein Herbstbild


Vor drei Wochen habe ich anlässlich eines Klassentreffens den Fußballplatz wiedergesehen, auf dem wir in der Schulzeit gespielt haben. Der damalige Sandplatz ist heute ein wenig überwachsen. Ich war nie ein besonderer Fußballspieler, erstens als Brillenträger sowieso schlecht disponiert, es gab damals aber auch eine triviale Spannung, die ich erst später als sinnlos durchschaut habe: als Bücherwurm (blödes Wort, aber trifft in dieser Blödheit etwas) nahm ich am Fußballspiel nur vom Rande her teil.

Ich erinnere mich aber auch ganz genau, dass ich vor allem beim Spiel in der Halle auch Momente hatte, in denen mir schon klar war, dass Fußball etwas mit einer speziellen Intelligenz zu tun hatte. Ich hätte das damals natürlich niemals begriffen, aber ich verstehe es jetzt in der Rückschau: die Bewegung im Raum, das Vermögen, im richtigen Moment an der richtigen Stelle zu sein, das zeigt sich beim Hallenspiel ja noch viel stärker. Ich meine, einen Winter lang fast ein ziemlicher Stürmerstar gewesen zu sein.

Dann entschied ich mich aber endgültig für die Antikarriere eines der Klassenintellekuellen. Eines meiner einprägsamsten Erinnerungsbilder dieser Zeit hat mit dem Platz direkt zu tun: Während 1978 Österreich in Cordoba gegen Deutschland gewann, war ich unten auf dem Sand und langweilte mich mit einem Ball. Ich hatte wohl auch Heimweh, mein erstes Jahr im Internat ging zu Ende, ich fremdelte - und konnte mich deswegen auch an diesem Sieg nicht freuen. Durch die geöffneten Fenster hörte ich aus den oberen Stockwerken des herrschaftlichen Gebäudes den Jubel, der mir anscheinend nichts bedeutete.

Dabei hatte ich vorher noch leidenschaftlich die Bilder gesammelt, die aus der Kronenzeitung herausfielen, wo jeden Tag ein Spieler des österreichischen WM-Aufgebots mit einem Farbdruck vorgestellt wurde: Koncilia. Breitenberger. Obermayer. Persidis. Oberacher. Und natürlich mein Idol dieser Zeit, Kurt Jara mit der Nummer 11, den langen Haaren und dem heraushängenden Leiberl.

Interessant, wie sich gerade in diesem Herbst einiges aus meiner Geschichte mit dem Fußball zusammenfügt: der LASK spielt wieder relevant, bei Rapid wird Didi Kühbauer Trainer, Liverpool (die mich zur Premier League brachten, auch wenn ich dann Arsenal-Fan wurde) ist wieder eine Macht, und Hertha BSC deutet an, sich nicht mehr nur an den unruhigen Jahren um die zwei Abstiege, sondern auch an den starken Jahren nach dem wegweisenden Aufstieg 1997 messen zu wollen.

Der Herbst war für mich immer eine Jahreszeit des Aufbruchs, auch wenn er sich anders anfühlt: die Schule beginnt, die Uni, die Fußballsaison nimmt Fahrt auf. Auf dem Platz im Petrinum wächst das Gras. Niemand ist (mehr) am Sand.

Eingestellt von marxelinho am 10. Oktober 2018.

2 Kommentare

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von Jörg (am 11. Oktober 2018)
Den Zusammenhang von Fussball und Autobiographie finde ich einleuchtend, Dein Fragment habe ich gern gelesen. Wonach ich suche, das sind vielleicht Fragmente einer Poetik der Fußball-Erfahrung, wo sicher auch fussball-autobiographische Fragmente ihren Platz haben, wenn auch möglicherweise eher am Rande. Es gibt zwar so etwas wie z.B. Gebauers Poetik des Fussballs, aber momentan würde ich nicht die Zeit aufbringen wollen, das zu lesen. Hast Du? Der Abstraktionsgrad solcher Texte steht für mich zu sehr im Gegensatz zum Fan-Dasein. Es könnte also sein, dass ich im Grunde genommen hinter einer nicht verallgemeinerbaren Poetik der Fussball-Erfahrung des Hertha-Fans her bin, gern fragmentarisch und gern sehr zeitbezogen, mit geringer Halbwertszeit.
von marxelinho (am 14. Oktober 2018)
Das Buch von Gebauer habe ich nie gelesen. Aber der Zusammenhang von Fanerinnerung und Autobiographie liegt natürlich auf der Hand, und interessiert mich sehr. Auch und gerade, was das Leben in Berlin anlangt.