15. Dezember 2019

Entlastungssteuerung

Die drei Punkte gestern gegen Freiburg kann man so sehen: Hertha hat damit den FC Köln auf Distanz gehalten, der den Abstiegskampf mit einem Sieg über Leverkusen um drei Punkte nach oben gehievt hat. Platz 17 steht nun bei elf Punkten, Hertha hat vier Punkte Vorsprung, stünde andernfalls ziemlich tief im Schlamassel.

Hertha hat gestern auch den Rückstand auf Union um zwei Punkte verringert. Davon kann sich zwar niemand etwas kaufen, aber es ist doch so, dass dieses Jahr in der Liga auch ein undeklariertes Duell läuft, wie die Hauptstadt im deutschen Fußball vertreten ist. Bisher hat Hertha, das unerklärlichste Fußballprojekt Europas, auf die Herausforderung aus Köpenick mit einer Betonung des einzigen wirklichen Alleinstellungsmerkmals reagiert: die Mannschaft zeigte auch unter Covic keine erkennbaren Eigenschaften.

Wird sich das unter Klinsmann ändern? Bisher ist noch alles Notprogramm. Auch der Arbeitssieg gegen Freiburg, bei unwirtlichen Verhältnissen, taugt weder für Exegesen noch für Schlussfolgerungen. Die Formation war nominell "mutig", wurde aber zaghaft interpretiert: das 4-2-4 (oder 4-2-2-2) mit Ibisevic und Selke sowie Lukebakio und Dilrosun hätte sich eigentlich für ein höheres Pressing empfohlen.

Hertha wartete aber zumeist hinter der Mittellinie, stand also tief, und kam selten wirklich zu Spielzügen. Immerhin kann man das einzige Tor auch zu einem gewissen Grad der Taktik gutschreiben: Darida spielte im gestrigen System weiter hinten als sonst meist, kam also aus der Tiefe, und fand in Ibisevic einen Partner für einen Doppelpass, der wohl weniger Raum gehabt hätte, wäre nicht mit Selke noch ein Faktor (passiv) involviert gewesen. Vor zwei Jahren hat Darida einmal gegen Deutschland in einem Länderspiel ein vergleichbares Tor geschossen, einen unhaltbaren Weitschuss.

Jetzt sind es noch zwei Spiele bis Weihnachten, und damit zwei Spiele bis zu einer Transferperiode, die bei Hertha vieles auf den Kopf stellen könnte, was die letzten Jahre eigentlich positiv war: der von vielen irrational abgelehnte Manager hat einen guten Kader (für einen evolutionär konzipierten Bundesligisten) zusammengestellt, er hat den Spielern aber keinen wirklich gestaltenden Coach gegenübergestellt. Damit wurde Hertha zu einer Blase, in der jegliche Ambition verkümmerte.

In dieser Hinrunde fielen bisher nur wenige Spieler ins Auge, auf die man für eine stärkere zweite Saisonhälfte setzen würde. Darida aufgrund seines Engagements. Boyata in Ansätzen, obwohl auch er gestern zu Beginn extrem nervös wirkte. Zwei der größten Talente spielen bisher, aus unterschiedlichen Gründen, keine Rolle: Maier und Torunarigha wären Identitätsspieler, wenn sie nicht bald integriert werden, sind sie für Hertha wahrscheinlich vergeudet.

Gegen Leverkusen wird sich vielleicht zeigen, ob Klinsmann & Stab ein spezifischeres taktisches Verständnis haben, als sie es gestern zeigten. Gestern war die Formation eher ein Signal, gespielt wurde der alte Stiefel, mit minimalen Versuchen von Konstruktivität. Letztlich war das Ergebnis eher glücklich: Hertha hatte defensiv nicht ganz so viele brenzlige Momente wie gegen Frankfurt, der Kopfball von Koch war aber auf jeden Fall ein Zeichen des Fußballgottes, dass an der Verteidigung von Eckbällen zu arbeiten ist.

Dass nun offensichtlich gestreut wurde, die Spieler wären konditionell nicht auf der Höhe, ist übrigens ein Indiz dafür, dass der Trainerwechsel mehr war als ein Trainerwechsel: Hertha hat ein neues Regime, und in den zwei Spielen bis Weihnachten geht es wohl auch schon darum, wieviel Michael Preetz in der Winterpause noch zu sagen hat. Es sieht derzeit viel danach aus, dass es auch die Ruinen von Pal Dardais stets entlastender "Belastungssteuerung" sind, vor denen wir gerade stehen. Die englische Woche ist eine gute Gelegenheit, vor dem Fest ausnahmsweise einmal höhere Ansprüche (an sich) zu stellen.

Eingestellt von marxelinho am 15. Dezember 2019.

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