19. August 2018

Erbsubstanzverlust

Der Fehlstart des Arsenal FC in die Ära nach Arsene Wenger ist perfekt: Mit zwei Niederlagen gegen Manchester City und gestern gegen Chelsea ist es zwar vorerst nur ein kleiner Fehlstart im Rahmen des Bisherigen, denn Arsenal hatte schon jahrelang gegen die unmittelbare Konkurrenz um die Top 4 wenig zu bestellen. Doch das Spiel am kommenden Samstag gegen West Ham United steht jetzt schon unter einigem Druck.

Unai Emery hatte die Mannschaft für das Auswärtsspiel an der Stamford Bridge plausibel adaptiert. Er hielt an Cech im Tor fest, und er brachte erneut den 19 Jahre alten Guendouzi im defensiven Mittelfeld, neben Xhaka. Özil bekam seine Lieblingsposition im Zentrum, das bedeutete für Ramsey die Bank. Links bekam Iwobi eine Chance, rechts blieb Mkhitaryan drin, vorne Aubameyang.

Chelsea führte schnell 2:0. Beim zweiten Tor stand Arsenal mit der Viererkette an der Mittellinie, dabei waren doch schon davor ständig lange Bälle über die Kette hinweg gekommen, und gefährliche Läufe zwischen Mustafi und Sokratis hätten eine Warnung sein können. Morata versetzte Mustafi nach einem Antritt aus der Chelsea-Hälfte. Das war das 0:2, beim 0:1 hatte Mkhitaryan sich wie schon im ersten Spiel gegen City als dürftiger Defensivfaktor gezeigt.

Der Armenier hatte aber auch wesentlichen Anteil am Comeback: das 1:2 erzielte er selbst, nachdem er im Zentrum eine Schusschance bekam. Einen ähnlich harten, technisch sauberen Flachschuss wird man nicht leicht finden, da ist Mkhitaryan schon eine Klasse für sich. Das 2:2 bereitete er rechts von der Grundlinie aus vor, nachdem Arsenal den Ball flink von der einen Seite zur anderen gebracht hatte, über den Verbinder Guendouzi. Iwobi verwertete.

Zur Pause kam schon Torreira für den nach eineinhalb Spielen überdeutlich angezählten Xhaka. Nun versuchten beide Teams, ein wenig mehr Kontrolle ins Spiel zu bringen. Arsenal wurde passiv. Chelsea hatte aber noch einen Spieler ins Spiel zu bringen: Eden Hazard. Für den Treffer zum Sieg brauchte es aber trotzdem einen katastrophalen Pass von Lacazette in die falsche Richtung, der erst das Tempo in einen Move brachte, der die gesamte Arsenal-Defensive überforderte (notabene Bellerin): den Treffer erzielte Marco Alonso, der linke Außendecker von Chelsea, der Zeit hatte, sich im Arsenal-Fünfmeterraum zu betätigen.

Offen bleibt nach den zwei Spielen, ob es ein System von Unai Emery überhaupt gibt. Es gibt Ansätze zu hohem Pressing, allerdings ist nicht ganz klar, zu welchem Zweck. Denn auch die aktuelle Mannschaft von Arsenal hat eigentlich immer noch die Substanz der frühen Wenger-Jahre in sich: und das bedeutet nun einmal, dass Situationen in erster Linie aus Ballbesitz heraus entwickelt werden. Den will Emery aber nicht unbedingt. Er scheint an Guendouzi deswegen so großen Gefallen zu haben, weil der nach Balleroberung die besten öffnenden Pässe spielen kann (gegen City war das deutlicher).

Umgekehrt hat Maurizio Sarri Chelsea schon deutlich auf seine Linie gebracht: Die Mannschaft, die unter Mourinho und Conte lange sehr pragmatisch auf eine Art Kick and Rush 2.0 (rush only Diego Costa) gesetzt hatte, kombiniert nun intensiv. Immer wieder zu intensiv für Arsenal, das mit Mustafi und Sokratis zwei eher altmodische Recken in der Innenverteidigung hat.

Wäre Wenger mit diesen beiden in die Saison gegangen (Koscielny wird zurückkommen, ist aber inzwischen angejahrt), er hätte wohl jetzt schon höhnische Kritik zu gewärtigen. Sowohl auf den Seiten (Bellerin-Mkhitaryan vor allem) wie auch in der Mitte (Mustafi-Guendouzi-Xhaka-Sokratis) passt die Abstimmung nicht, wobei das flexible Spiel von Chelsea auch einige Ansprüche stellte.

Für Unai Emery beginnt die Saison nun nicht bei Null, aber bei null Punkten und 2:5 Toren. Er muss im Grunde die Spielkonzeption von hinten heraus neu aufbauen, nicht von vorn, wie es ihm vorzuschweben scheint. Arsenal braucht Strukturen der Rückwärtsbewegung, und eine vernünftige Balance. Derzeit sieht vieles nach einem Grundmissverständnis aus: Emery ignoriert die DNA des Teams. Die Probleme der Wenger-Zeit sind nun noch deutlicher, die Qualitäten von damals greifen nicht mehr so richtig.

Allzu viel kann man nach zwei Spielen natürlich noch nicht sagen, allerdings haben beide Niederlage deutlich prinzipielle Aspekte. Es könnte durchaus sein, dass Arsenal mit Unai Emery etwas Ähnliches erlebt wie Manchester United anno 2013 mit David Moyes. Den Unterschied macht die Ausgangslage: Moyes übernahm United damals als eine Topmannschaft, und scheiterte dabei, diese Position zu halten. Emery soll Arsenal wieder konkurrenzfähig(er) machen - im Moment ist noch nicht ganz klar, wo er dabei ansetzen will.

Ein Wort zu Mesut Özil: Er wurde für seine Verhältnisse früh ausgewechselt und durch Ramsey ersetzt. Man sieht, wie es sich in die Pressingformation einbringt, aber für seine Qualitäten ist das Spiel von Arsenal zu wenig konstruktiv. Körpersprache bleibt ein Faktor. Ob Emery unbedingt auf ihn setzt, wird sich erst weisen.


Eingestellt von marxelinho am 19. August 2018.
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