17. März 2019

Finessen und Petitessen

"Es liegt an nichts." Mit dieser zugespitzen Formulierung hat Lucien Favre gestern den Sieg seiner Mannschaft in einem spannenden Spiel analysiert. Ein paar Minuten später in derselben Pressekonferenz war er dann ein wenig präziser: "Es lag an nicht viel." Der BVB gewann vor ausverkauftem Haus mit 3:2 durch einen Treffer von Sancho/Reus in fast allerletzter Minute.

Die Liga sollte sich bei Hertha bedanken, und zwar aus zwei Gründen: Die Meisterschaft bleibt spannend, und das Topspiel an diesem Samstagabend wurde diesem Label gerecht. Hertha hat keinen Autobus vor dem Tor von Rune Jarstein geparkt, sondern ein offenes Spiel angeboten, und ist schließlich knapp, wenn auch verdient unterlegen.

Vor ein paar Wochen hatte ich noch gehofft, Hertha könnte sich aus dem Titelrennen nobel heraushalten durch einen Sieg gegen die Bayern und gegen den BVB. Nun wurden es zwei Niederlagen, aber mit deutlich unterschiedlicher Charakteristik. In München wäre etwas drinnen gewesen, da war der Matchplan letztlich zu vorsichtig. Gestern war auch viel drin, aber am Ende hatte der BVB so viele Kleinigkeiten auf seiner Seite, dass die zweite Halbzeit zunehmend einseitiger wurde.

Zu den Kleinigkeiten mit bedeutender Wirkung würde ich zählen: Lazaro war nach seiner kurzen Verletzungspause noch nicht wieder voll da; Grujic hatte zwar in der zweiten Halbzeit eine neuerliche Führung auf dem Fuß, war aber defensiv nicht immer auf der Höhe; zwischen Torunarigha und Mittelstädt klappte die Abstimmung nicht immer ideal, Wolf wurde zunehmend gefährlicher.

Viel wurde über die Szene geredet, in der Duda vielleicht im Strafraum gefoult wurde. Kann man geben, muss man aber nicht - und so wäre es auch gewesen, wenn der VAR eine Überprüfung der Szene vorgeschlagen hätte. Ich würde sogar meinen, dass die Videobilder den Schiedsrichter wohl eher dazu bewogen hätten, bei seiner ersten Entscheidung zu bleiben. Die Schlüsselszene in der zweiten Halbzeit war der Pfostenschuss von Grujic. Da hatte Hertha einfach ein paar Zentimeter Pech.

Meine Lieblingsszene in dem ganzen Spiel hatte mit einem Tor nichts zu tun, dafür aber mit möglichen Entwicklungen der Mannschaft: es war in der 24. Minute, meine ich, Hertha war auf dem rechten Flügel unterwegs, brach dann aber ab, der Ball ging hinten herum, kam zu Torunarigha, und der hätte nun orthodox den Hintenrum-Move vollenden können und nach links hinaus spielen können - wo Hertha sich wohl wieder festgespielt hätte. Torunarigha aber sah, dass Maier vertikal auf den Sechzehner los startete, in einen extrem interessanten Raum. Er spielte den Pass dann zu hart, Maier kam nicht dran. Trotzdem war das ein Moment, in dem sich eine initiativere Hertha zeigte. Eine potentiell großartige Hertha.

Bei Torunarighas Aussschluss wird man vor allem über das erste Foul sprechen müssen: diese gelbe Karte hätte er vermeiden können, mit der Attacke war nichts gewonnen bzw. auch nur vermieden, sie kam wohl, so deute ich das, aus seinem großen Selbstbewusstsein: mit seiner privilegierten Physis ist er einer der besten Tackler, in diesem Fall aber ging er zu weit. Er wird der Mannschaft fehlen, schon jetzt ist er ein absoluter Schlüsselspieler.

Arne Maier ebenso. Die gestrige Konzeption, die Grujic meistens hinter Maier und Duda vorsah (bei aller Flexibilität je nach Dortmunder Gewusel), ergab einige tolle offensive Läufe von Maier - überhaupt war das gestern ein Spiel, in dem beide Mannschaften kombinierten, es war wieder etwas von dieser Inspiration zu sehen, und von den Mustern, mit denen Hertha die Saison begann.

Der BVB ist in diesem Jahr die beste Mannschaft in Deutschland. Ob sie das in drei Wochen in München bestätigen oder nicht, muss uns nicht kümmern - ich persönlich sympathisiere mit Schwarzgelb, auch wegen Lucien Favre. Aber wichtiger ist mir, dass auch Hertha sich gestern als Spitzenmannschaft gezeigt hat, eine Mannschaft der erweiterten Ligaspitze. Dieser Kader hat großes Potential, die Angebote werden dem Club im Sommer um die Ohren fliegen (Selke, Stark, Lazaro, Maier, Torunarigha, alles noch halbe Schnäppchen, selbst Mittelstädt, der offensichtlich an seinem rechten Fuß arbeitet und den ehemaligen 26-Millionen-Kandidaten Plattenhardt überflügelt hat, könnte ein neuer Nico Schulz werden).

Acht Spiele bleiben nun noch, um die Bedingungen für den absehbaren Umbruch im Sommer so gut wie möglich selbst setzen zu können: um ein Projekt in Berlin zu skizzieren, das sich auch in Spielen im Alltag der Liga als begeisternd erweist.

Eingestellt von marxelinho am 17. März 2019.

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