25. Oktober 2020

Grauzone graue Zelle

Fußball ist ein Gedächtnissport. Wenn Hertha gegen Leipzig spielt, dann habe ich im Kopf, wie Davie Selke und Arne Maier einmal einen frühen Ausschluss von Jordan Torunarigha wettgemacht haben. Der Weihnachtssieg von anno 2017 war eine große Stunde auch für Fabian Lustenberger und Pal Dardai. Wenn Hertha gegen Leipzig spielt, habe ich auch im Kopf, wie das Heimspiel im November 2019 verpfiffen wurde, als ein klares Foul im Strafraum gegen Stark auch von VAR nicht beachtet wurde.

Die Niederlage gestern in Leipzig müssen wir nicht dem Schiedsrichter Tobias Stieler zurechnen. Die entscheidende Aktion kam nun einmal von Cordona, und auch da spielt der Faktor Gedächtnis eine Rolle: in allen bisherigen Einsätzen bisher fiel der neue Angreifer von Hertha durch schlecht dosiertes Zweikampfverhalten auf, er hätte einmal in meinen Augen auf Gelb-Rot verdient gehabt, damals (ich müsste nachsehen, welches Spiel ich meine) hatte ein Schiri das berühmte Fingerspitzengefühl.

Tobias Stieler hat das nicht, das sah man an der unverhohlenen Befriedigung, mit der er Jessic Ngankam eine direkte rote Karte zeigte. Das Foul sah schon hart aus, keine Frage, erst in der Zeitlupe war zu erkennen, dass Ngankam dabei wegrutschte. Das Spiel war da schon entschieden. Um die 70. Minute war es noch sehr offen, Hertha war zwar einen Mann weniger nach einer harten, aber nicht unvertretbaren gelb-roten Karte gegen Zeefuik, es gab aber ab und zu ganz gute Entlastungen. Ein Schiedsrichter, der ein Spiel wirklich ausgeglichen und fair zu lesen versucht, hätte in diesem Moment auch einmal ein unscheinbares, aber fieses taktisches Foul von Upamecano an Cordoba mit gelb ahnden können. Es wäre auch Gelb-Rot gewesen.

Taktische Fouls sind in manchen Situation schlimmer als wilde Sensen (sofern sich dabei niemand verletzt). Sie werden aber viel seltener konsequent geahndet. Das ist eine der vielen Grauzonen im Fußball, in der Referees weitgehend willkürlich arbeiten, natürlich ist da auch die Definition strittig. Aber wenn Hertha sich in Unterzahl aus dem eigenen Sechzehner befreit, Cunha links ganz frei ist, und Cordoba sich auf den Weg macht, reicht auch ein kleiner Rempler in meinen Augen für Gelb.

Stieler ist für meine Begriffe schon öfter eine Zumutung gewesen. Gestern war er vermutlich sogar spielentscheidend. Trotzdem ist es natürlich so, dass Hertha schon ein bisschen weiter sein könnte, als es gestern zu sehen war: mehr als eine lupenreine Außenseitertaktik war nicht drin. Immerhin deutete Tousart an, dass er das Fehlen von Arne Maier gut kompensieren könnte. Er hatte einige gute Läufe und Pässe. Auf ihn wird viel ankommen in den nächsten Wochen.

Bisher kann Hertha die Saison unter "merde, alors" abhaken. Nächsten Sonntag muss sie gegen Wolfsburg aber endlich beginnen. Wenigstens dürfte die Formationsfrage im wesentlichen geklärt sein: Hertha wird die Saison vor allem mit einem 4-3-3 bestreiten, so legt es das Personal nahe. Mittelstädt hat sich gestern konsolidiert, auch Boyata (bei dem ich nie wirklich ruhig sein kann, wenn ich ihm zuschaue) hat auf der angestammten Position wieder Zeichen von Stärke ausgesendet, rechts hinten bleibt eine Sorgenposition. Da hatten wir ja auch einmal einen Hoffnungsträger namens Klünter. Ist er wirklich schon abzuschreiben?

Acht Spiele soll es in diesem zunehmend bedrohlicher wirkenden Herbst vor Weihnachten noch geben. Und dann eine lange Saison, die gleich im neuen Jahr beginnt. Hätten wir uns auch nicht gesagt, dass die alte Phrase, dass man immer nur von Spiel zu Spiel denken kann, sich einmal so unangenehm konkret bestätigen würde. Die Infektionen mit Corona steigen bedrohlich, wir können nur hoffen, dass die Politik einen vernünftigen Weg finden wird: differenzierte Maßnahmen machen mehr Sinn als ein kompletter Lockdown, meine ich. Aber da spricht wohl auch die Erinnerung an ein paar Monate im Frühling aus mir, als der Fußball in unserem Leben vollkommen fehlte.

Eingestellt von marxelinho am 25. Oktober 2020.

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