13. Mai 2019

Hausberufung

Schlechte Nachrichten für Zecke Neuendorf: Wenn das mit Ante Covic schiefgeht, dann wird Hertha es nicht noch einmal mit einer Hausberufung probieren können. Für den derzeitigen Trainer der U15 haben sich also heute die Perspektiven verschlechtert, dass er irgendwann Chefcoach wird. Natürlich ist das der nebensächlichste Aspekt, und man könnte das Gleiche über Michael Hartmann sagen.

In jedem Fall machte Hertha BSC heute eine deutliche Aussage: Es muss sich etwas ändern, ohne dass sich viel ändern soll. Nächste Woche wird es bei der Mitgliederversammlung auch einen Bericht der Geschäftsführung Finanzen geben müssen - ich vermute, dass Geld auch eine Rolle gespielt hat bei der Entscheidung für Ante Covic als neuen Cheftrainer. Hertha kann sich die meisten derzeit interessanten Trainer wohl schlicht nicht leisten. Und bei Oliver Glasner (geht vom LASK in Österreich zu Wolfsburg) hat man geschlafen, das wäre allerdings auch ein riskanter Move gewesen.

Die Sache mit Ante Covic hat verschiedene Aspekte. Der erste betrifft die Ansage: Hertha macht damit keine. Es wird nicht viel übrig bleiben, als wieder tiefzustapeln. Das muss nicht verkehrt sein, und kann sich im Falle eines guten Saisonstarts schnell ändern. Für den Sommer aber und für die individuellen Ambitionen der Spieler wird es erst einmal danach aussehen, dass sie in Berlin nicht unbedingt einen attraktiven Arbeitsplatz mit spannenden Profilierungsmöglichkeiten vorfinden. Covic geht auf dieser Ebene mit einer Hypothek an die Arbeit. So einen Kader, wie Pal Dardai ihn dieses Jahr hatte, wird er vermutlich nicht mehr haben.

Der Kader war aber auch häufig dezimiert. Das führt zu einem weiteren Aspekt. Bei Hertha gab es dieses Jahr ein dichtes Bündel unspezifischer Probleme. Die Einstellung in vielen Spielen, in denen die Spieler als "Mentalitätszwerge" (um Jürgen Klopps Begriff von den "Mentalitätsgiganten" zu variieren) auftraten, war nur ein Aspekt; zahlreiche Verletzungen und insgesamt wenig überzeugende Physis nötigen zumindest zu einer Nachfrage, ob es mit der von Pal Dardai so gern beschworenen Wissenschaftlichkeit bei der Belastungssteuerung wirklich so weit her ist; dazu kommen taktische Defizite, denn abgesehen von einigen guten offenen Spielen und einem gut aufgegangenen Matchplan gegen Gladbach in der Rückrunde waren die Strategien von Hertha selten klar erkennbar. Die anfängliche Innovation der Dreierfünferkette wurde bald zu einer Belastung, gerade dann aber hielt Pal Dardai stur daran fest.

Mit einem Wort: Die ganze Betreuung muss auf den Prüfstand. Ob Ante Covic dazu die nötige Vision mitbringt? Immerhin soll es noch einen zweiten Co-Trainer geben, das darf dann auf keinen Fall eine Alibi-Personalie werden, sondern da muss Hertha sich am besten eine wirklich innovative Fachkraft holen - und zwar am besten wirklich von außen.

Im Umgang mit dem Nachwuchs wird es darauf ankommen, den Kardinalfehler von Pal Dardai zu vermeiden: er hat viele junge Spieler an die erste Mannschaft herangeführt, hat dann aber die ganze erste Mannschaft so behandelt, als wäre sie noch zu schonen, weil sie ja "noch nicht so weit" ist. Damit hat er auch den Jungen die Entwicklung teilweise verbaut. Bei anderen Clubs sind die 19- und 20-Jährigen teilweise deutlich weiter.

Michael Preetz ist mit dieser Entscheidung mächtiger denn je bei Hertha - damit aber auch so angreifbar wie schon lange nicht mehr. Jetzt ist noch einmal deutlicher geworden, was für eine großartige Gelegenheit sich in dieser Saison bot, mit spannendem Personal ein "statement of intent" abzugeben. Die Gelegenheit wurde vertan. Ante Covic muss nun versuchen, ohne große Veränderungen große Veränderungen zu bewirken. Vielleicht ist er ja tatsächlich dafür genau der richtige Mann.

Eingestellt von marxelinho am 13. Mai 2019.

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