28. Januar 2020

Häutungsprozess

Fünfeinhalb Wochen und neun Spiele ist Mikel Arteta nun Cheftrainer bei Arsenal. Die Bilanz deutet bisher auf keinen Trainereffekt hin: fünf Unentschieden und je ein Sieg und eine Niederlage in der Liga sowie zwei Siege im FA-Cup. Auf dem Platz ist der Trainereffekt allerdings unübersehbar.

Arteta übernahm die Mannschaft unmittelbar vor Weihnachten, also zu einem schwierigen Zeitpunkt. Er begann mit einem torlosen Remis gegen Everton und einem 1:1 auswärts bei Bournemouth. Gestern gab es im Cup erneut ein Auswärtsspiel in Bournemouth, und dieses Mal war der Unterschied bereits erkennbar. Arsenal trat zwar mit einer jungen Formation an, spielte aber wie der Favorit, und gewann verdient 2:1.

Der Widerstand war zwar nicht so hartnäckig, wie man es aus der Premier League gewohnt ist, andererseits war das Offensivspiel zumindest in der ersten Halbzeit durchaus beeindruckend. Arteta musste in seinen ersten Wochen eine Menge verkraften: Verletzungen (links hinten zuerst Tierney, dann auch noch Kolasinac); rote Karten gegen Aubameyang und David Luiz. Und doch war in allen Spielen deutlich erkennbar, dass sich nicht nur die Einstellung der Mannschaft massiv verändert hat gegenüber der Zeit unter Emery - man muss rückblickend wohl annehmen, dass die Spieler damals tatsächlich gegen den Trainer gespielt haben.

Arteta hat die Spieler auch kompetenter gemacht. Sie wissen jetzt wieder, was sie zu tun haben. Xhaka ist ein gutes Beispiel. Er spielt nun nicht mehr den alleinigen Sechser, sondern eine sehr spezielle Rolle auf der linken Seite einer Zweierreihe (meist neben Torreira, gestern neben Guendouzi). Wenn Arsenal den Ball hat, lässt Xhaka sich sogar noch weiter nach links hinten fallen, und ermöglicht damit dem jungen Bukayo Saka, sich nach vorne einzuschalten.

Saka, 18 Jahre alt, ist eine der Figuren dieser ersten Wochen unter Arteta. Er ist nominell ein Angreifer, vorgesehen für den linken Flügel. Unter Arteta spielte dort aber Aubameyang, weil Lacazette für das Sturmzentrum gesetzt ist (de facto ist er dort auch erster Verteidiger). Dazu kam im Sommer mit dem ebenfalls erst 18 Jahre alten Brasilianer Gabriel Martinelli ein Talent, das schon jetzt in dem Dimensionen eines Jadon Sancho spielt. Saka ist auch sehr gut, aber auf seiner Position hat er momentan schlechte Karten.

Arsenal fehlt aber seit Wochen ein Linksverteidiger, und diese Rolle hat Saka mit Bravour übernommen, unterstützt auch von dem taktischen Geschick von Arteta. Saka und Martinelli bilden nun eine Achse, ein Jugendprojekt in dem größeren Zusammenhang von Artetas Aufbauarbeit. Gestern blieben die großen Stars (Özil, Lacazette, Torreira) auf der Bank, stattdessen spielten Willock (auffällig) und Nketiah (ein Tor, nach Vorlage von Saka!).

Vor einer Woche spielte Arsenal in der Liga an der Stamford Bridge, und es sah wieder einmal alles noch der typischen Mischung aus Pech und Unvermögen aus: Mustafi (Ersatzmann für den erkrankten Sokratis) spielt einen schlechten Rückpass, Luiz foult im Strafraum, also Elfmeter, dazu rote Karte (auch der VAR sieht nicht, dass Luiz nicht letzter Mann war, ich vereinfache die entsprechende Regel). Arsenal ist nach einer halben Stunde ein Tor im Rückstand und hat einen Spieler weniger.

Arteta macht Rob Holding bereit, um Luiz zu ersetzen, wartet dann aber noch ein wenig, zieht Xhaka in die Viererkette zurück, und lässt der Mannschaft ein wenig Zeit, um sich wieder zurechtzufinden. Am Ende stand es 2:2, nach einem spektakulären Kontertor durch Martinelli, den er ursprünglich wohl auswechseln wollte. Er folgte dann aber einer Intuititon, die das Team bestätigte. Das ist Coaching im besten Sinn.

Natürlich muss Arsenal jetzt dringend punkten, Platz 10 in der Liga ist aber eher Ausweis der Häutung, die Unai Emery notwendig gemacht hat. Arteta hat bisher schon eine Menge dafür getan, mit einem fragilen Kader etwas zu bewirken. Gestern wurde Mustafi verletzt ausgewechselt, es könnte also durchaus sein, dass noch ein Innenverteidiger kommt diese Woche. Aber groß investieren kann Arsenal derzeit ohnehin nicht, und es wäre sogar schade, jemandem wie Willock, Reiss Nelson (derzeit verletzt), Maitland-Niles (derzeit wieder Ersatz, weil Bellerin - als Kapitän - zurück ist), oder eben Saka und Martinelli einen teuren Konkurrenten vorzusetzen.

Unter Arsene Wenger war Arsenal lange Zeit eine Spitzenmannschaft, die sich dabei immer noch als Projekt vermarkten konnte. Irgendwann war dann die Projekt-Mythologie so stark, dass nicht so richtig auffiel, wie wenig Wenger der Mannschaft noch vermitteln konnte. Seit Mikel Arteta da ist, kann man wieder den Eindruck haben, sich am Anfang von etwas zu befinden. Was immer dieses "etwas" dann sein wird, es wird hoffentlich mit dieser spannenden Generation zu tun haben, die gestern im Regen in Bournemouth ein kleines Reifezeugnis einholte.

Eingestellt von marxelinho am 28. Januar 2020.

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