03. November 2019

Hineinlesen und Herauslesen

Es fällt schwer, etwas zu der Niederlage von Hertha gestern bei Union zu bemerken. Es war ein restlos enttäuschendes Spiel, das zudem durch für meine Begriffe indiskutables Fanverhalten überschattet wurde.

Ante Covic war in der PK nach dem Spiel bemerkenswert schmallippig, und ließ sich am Ende zu einer Formulierung hinreißen, die gar nicht zu seiner meist relativ eleganten Rhetorik passte: "Wir sind in der Tabelle immer noch vor Union." Das stimmt. Der Unterschied beträgt einen Punkt.

Wenn das jetzt das neue Saisonziel ist (sich von den Eisernen nicht überholen lassen), dann könnte man sogar die Taktik gestern plausibel finden: Hertha hätte dann einfach konsequent auf ein torloses Remis gespielt, wurde am Ende aber von Boyata (oder vom Schiedsrichter) um die Früchte dieser Arbeit gebracht. Ich fürchte, den Elfer konnte man geben.

Damit liegen am Ende einer turbulenten Woche, mit einem unnötig dramatischen Pokalspiel und zwei nicht minder unnötigen Niederlagen in der Liga, einige Einordnungen nahe. Hertha hatte gestern gegen Union nicht nur keine spielerischen Mittel (auf Grundlage fehlenden Engagements blieben die Skills unproduktiv), sondern auch keine Erzählung. Es war die bestens bekannte, schwach definierte, ins Anonyme tendierende Mannschaft aus West-Berlin, die in Köpenick versuchte, mit unterkühltem Leerlauf ein hoch aufgeladenes Spiel zu entschärfen. Der Versuch war von Erfolg gekrönt - so kann es allerdings nicht gemeint gewesen sein.

Ante Covic muss nun wieder von vorn damit beginnen, von Pal Dardai unterscheidbar zu werden. Gestern war das ein absoluter Pal-Auftritt, ein kümmerlicher Versuch, ein Spiel so lange nicht anzunehmen, bis es eventuell aus Versehen auf die eigene Seite fällt. Nun wartet nächste Woche Leipzig, normalerweise müsste man von einem Angstgegner sprechen, allerdings kennt Hertha keine Angst. Dazu ist die Mannschaft tendenziell zu apathisch.

Zehn, fünfzehn Minuten in Halbzeit zwei kann man vielleicht ausnehmen, da hätte das Spiel eine andere Dynamik bekommen können. Die blauweißen Brandstifter auf den Rängen haben ihrer Mannschaft vermutlich auch in dieser Hinsicht geschadet, denn die zweite Halbzeit bekam auch deswegen kaum einen Rhythmus, weil die Unterbrechung alles unter Vorbehalt setzte. Es gewann dann die Mannschaft, die etwas (von sich) zu erzählen hat, gegen die Mannschaft, von der man gestern den Eindruck bekommen konnte, dass sie sich auch für ihren eigenen Trainer unlesbar macht. Was bleibt ihm also, als verzweifelt aus der Tabelle ein Pünktchen Berechtigung herauszulesen?

Eingestellt von marxelinho am 3. November 2019.

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