18. Januar 2020

Jacht mit Gemüse

Mit den Ereignissen aus dem Sommer 2019 werden künftige Hertha-Historiker noch irgendwann gut zu tun haben. Denn damals kamen zwei Vorgänge zusammen, deren Vertaktung noch aufzuklären ist. Die Frage ist in etwa die: ab wann wusste man bei Hertha, dass der Einstieg von Tennor BV eine seriöse Option war, ab wann konnte man also gegebenenfalls hinter den Kulissen schon damit argumentieren?

Ante Covic wurde am 12. Mai als Cheftrainer bestellt. Sechs Woche später präsentierte Hertha das Investment. In den Monaten April, Mai und Juni gab es in der Bundesliga drei signifikante Trainer-Verpflichtungen: im April Marco Rose (Gladbach) und Oliver Glasner (Wolfsburg), im Mai dann David Wagner (Schalke). Wenn man vor Begin der Rückrunde auf die Tabelle schaut, sieht es zumindest so aus, als hätten diese drei Clubs von ihren neuen Trainern (teilweise stark) profitiert.

Rose, Glasner und Wagner wären auch für Hertha in Frage gekommen - bei Wagner gab es sogar Berichte über Gespräche, Glasner hingegen hat Michael Preetz anscheinend nie wirklich in Betracht gezogen. Er sprach angeblich auch mit Erik ten Hag, was darauf hindeutet, dass er im Mai zumindest in vertraulichen Gesprächen schon andeuten konnte, dass sich bei Hertha bald etwas ändern würde.

Das wäre dann eben Aufgabe der Historiker. Denn das Ergebnis kennen wir ja: Hertha entschied sich, mit Ante Covic in die Saison zu gehen. Erfolg und Versagen liegen im Fußball oft sehr nahe beisammen, in seinem Fall würde ich das Lepizig-Spiel als Beispiel nehmen, das Hertha auch gewinnen hätte können, allerdings profitierte der derzeitige Tabellenführer damals von einer eklatanten Fehlleistung der Referees. Trotzdem bleibt als Bilanz von Ante Covic, dass er den interessanten Kader niemals auch nur in die Nähe einer erkennbaren Entwicklung und zu Ansätzen einer belastbaren Leistungskontinuität brachte.

Michael Preetz hat also im Sommer nur die Hälfte seiner Aufgabe gut hingekriegt. Der Kader wurde gut verstärkt, er fand aber keinen passenden Trainer. (Für mich bleibt er trotzdem der derzeit beste Mann für diese Aufgabe bei Hertha.) Das Ergebnis kennen wir: Vor der Winterpause kamen neue Leute, von denen Jürgen Klinsmann (Chefcoach) und Arne Friedrich (Performance Manager!) zuletzt auch noch einmal kräftig das Phrasenschwein fütterten: Hertha geht mit der Hypothek einiger profund lächerlicher Zielvorgaben in die Rückrunde.

Dabei können wir noch von Glück sagen, dass neo- oder besser retrofeudales Geprotze wie die Verschiffung der Mannschaft auf das Boot von Lars Windhorst vor Florida keine öffentlichen Spuren in Bildmedien hinterlassen hat. Die B.Z. schrieb von einem Geheimtreffen mit Steak und Gemüse, ich sehe da nur eine Möchtegern-Abramowitschade. Denn eines ist doch klar: mit den 225 Millionen Euro, die Tennor BV aus undurchsichtigen globalen Finanzströmen auf Hertha umleitet, lässt sich nicht einmal die Bundesliga aufrollen, geschweige denn die Champions League.

Windhorst hat Hertha damit erstens die Lizenz gerettet, denn nach dem Rückkauf der KKR-Anteile stand Hertha finanziell ganz schön fragil da. Und jetzt bleibt noch ein bisschen Geld, das man für meine Begriffe besser bis zum Sommer aufheben sollte, wenn dann klarer ist, mit welchem Trainer und unter welchen Voraussetzungen (Erstligafußball, wollen wir doch stark hoffen) Hertha in die neue Saison geht.

Bei Hertha BSC gibt es nun zwei Lager, auch wenn beide Lager das natürlich bestreiten. Entstanden sind sie aus dem Umstand, dass Preetz im Sommer die Trainerentscheidung missglückt ist. Er ist nun in der Defensive, und wenn wir Pech haben, wird Hertha bald in größerem Stil zur Beute einer Suggestionsfraktion, die meint, man könnte Erfolg herbeireden. Mit Größenwahn hat aber noch nie jemand etwas gewonnen, während sich nicht wenige Katastrophen darauf zurückführen lassen.

Zum Sportlichen: Bei den Transferaktivitäten und Gerüchten seit Neujahr erstaunt mich vor allem, dass nie von einem Stürmer die Rede ist. Ich halte viel von Davie Selke, und ich meine auch, dass es eher systemische als individuelle Ursachen hat, dass er seit längerer Zeit kaum trifft. Ich bin also sehr dafür, mit ihm als erstem Anwärter auf einen Stammplatz in die Rückrunde zu gehen. Es ist aber doch deutlich, dass er sich steigern muss. Mario Götze ist keine Alternative, dass müsste auch dem Klinsmann-Team klar sein. Köpke auch nicht. Der Vedator aus vielen Gründen auch nicht (mehr). Salomon Kalou auch nicht.

Bei den beiden Oldies geht es nun vor allem darum, dass sie mit Hertha einen guten Abschluss finden, denn in beiden Fällen wäre es großartig, sie auch in ihrer zweiten oder dritten Karriere mit Berlin und dem blauweißen Hauptstadtclub assoziiert zu sehen.

Morgen kommen die Bayern. Der größte Club in Deutschland, und gewiss nicht frei von Größenwahn. Bei den Bayern kann man gut sehen, dass selbst ein Club, der dauernd gewinnt, sich immer wieder lächerlich machen kann. Erfolg ist eben eine komplizierte Übung: er muss nicht nur sportlich verdient, sondern auch stilistisch überzeugend sein, damit er wirklich Freude macht. Hertha weiß von solchen Erfolgen noch nicht viel, und es wäre sehr zu hoffen, dass sie sich damit in Form von Lernprozessen vertraut macht - und nicht durch Injektionen.

Eingestellt von marxelinho am 18. Januar 2020.

1 Kommentare

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von Natalie (am 19. Januar 2020)
Trotzdem bleibt als Bilanz von Ante Covic, dass er den interessanten Kader niemals auch nur in die Nähe einer erkennbaren Entwicklung und zu Ansätzen einer belastbaren Leistungskontinuität brachte. Brillant, mein Lieber! Mir gefällt sehr, daß Du Dich in Deiner Analyse, wie zumeist im Übrigen, auch dem Überbau des eigentlichen Themas annimmst. Eben, für mich ist auch sehr die stilistische Umsetzung der ganzen Zukunftspläne wichtig. Ich wünsche mir freche Eleganz. Eleganz bedeutet das Stilsichere gespickt mit Frechheit und die meint meinetwegen ganz explizit den Berliner Großkotz. In meiner modernen Lieblingsballade zur Hertha hat Daniel Rimkus das sehr genau und charmant eingefangen: "Arrogant war'n wa schon imma, dit liegt uns im Blut" "Wir sind einfach geiler, denn wir sind Blau-weiß" In diesem Sinne: Warum? Darum! PS: Klinsmann ist seit langem der erste, der der Berliner Medienlandschaft gewachsen ist. Und er scheint zu wissen, was er tut. Das kann uns nur weiterbringen.