15. April 2018

Klassenrunterschied

Hertha macht erstaunlich konsequent mit dem Projekt weiter, in der Rückrunde eine möglichst vollständige Kopie der Hinrunde zu erstellen. Seit dem Spiel gegen Bremen, also seit dem 20. Spieltag ist die Punktausbeute aus beiden Runden identisch, und wenn dieses Gesetz bis zum Ende noch intakt bleibt, dann könnte man jetzt schon sagen, was herauskommt: Hertha würde dieses Jahr mit 47 Punkten beenden, das sind zwei weniger als im Jahr davor, als nach einem deutlich unausgeglicheneren Auftritt 49 Punkte zu Buche standen - und eine Europacup-Teilnahme.

Man könnte das Phänomen so auf den Punkt bringen: in den Jahren davor war Hertha sehr unausgeglichen, zwischen Hin- und Rückrunde gab es einen beträchtlichen Unterschied. In diesem Jahr kompensiert die Mannschaft diese Unausgeglichenheit durch extreme Ausgeglichenheit. Mit dem 2:1 gegen Köln steht das Torverhältnis jetzt wieder auf Null, und die Siege und Niederlagen (je neun) halten sich bei naturgemäß überwiegenden Unentschieden (zwölf) die Waage.

Nächste Woche böte sich zwar gegen Frankfurt möglicherweise ein Pflücksieg wie gegen Bayer 04 an (eine wackelnde Mannschaft nach englischer Woche), aber inzwischen könnten einen die statistischen Finessen dieses Jahres fast schon mehr interessieren als das, was die Saison sportlich noch in sich birgt. Ein würdiges Saisonfinale gegen Leipzig in jedem Fall. Davie Selke kann es schon riechen.

Der Sieg gegen Köln kam auf eine Weise zustande, dass man daraus nicht viel ableiten wird. Ein Klassenunterschied, wie er in der kommenden Saison wohl wieder bestehen wird, war nicht auszumachen. Hertha begann stark (zwei Minuten), danach war das ein mittelmäßig kompetenter, vergleichsweise offener Bundesligakick, an dem in Halbzeit eins vor allem eine Personalie interessant war: das Abschiedsspiel von Mitchell Weiser.

Er war in der Saison davor einer der Hoffnungsträger einer neuen, jüngeren Hertha. Seither ist irgendetwas passiert, Spekulationen verbieten sich und sind auch nicht nötig, aber es ist offensichtlich, dass er derzeit nicht (und wohl insgesamt nicht mehr) in die Mannschaft gehört. Wir erinnern uns: er kam mit der Euphorie des Junioren-EM-Titels im Sommer zurück. Für keinen der drei Helden lief die Saison danach gut, aber Niklas Stark arbeitet sich gerade auf konservative Weise wieder an ein gewisses Niveau heran, und Selke hatte gestern einen kleinen Aufbruch nach einer langen Durststrecke, an der das Team, die Betreuer und er selber wohl ungefähr in gleichen Teilen Aktien hatten.

Weiser war gegen Köln defensiv wie offensiv schwach. Einmal hielt er sich minutenlang hoch aufgerückt auf rechts parat, aber die Kollegen nahmen ihn gar nicht wahr und fummelten zentral herum. Der Wechsel zur Pause war eine konsequente Reaktion, allerdings setzte Pal Dardai ein Signal: er brachte nicht Pekarik, sondern Leckie. Damit rückte Lazaro nach hinten - eine Position, auf der beim Auswärtssieg in Leipzig vor Weihnachten berühmt (in Frankzanderland) geworden war.

Beide Hertha-Tore hatten mit diesem Wechsel zu tun, denn beide entstanden aus Seitenverlagerungen nach weiterem Gefummel auf rechts. Zweimal brachte Plattenhardt dann den Ball von links in die Mitte, wo Dardai eine Doppelspitze aufgeboten hatte. Zweimal passte es für Selke.

Vor dem zweiten Tor hatte sich vor allem Kalou noch gezeigt. Er ist bekanntlich nicht mehr 20, trotzdem probiert er noch vergleichsweise am häufigsten etwas aus, geht in direkte Duelle, bleibt oft hängen, aber er schafft auch manchmal Raum. In diesem Fall sah er den Raum für Plattenhardt, und er brachte den Ball tatsächlich nach einer relativ anspruchsvollen Drehung im Zentrum dort hinaus. Der Gegner war in beiden Fällen geistig noch bei der Hertha-Überladung auf rechts.

Köln hatte noch beste Chancen auf einen späten Ausgleich, und Hertha hätte sich über ein Remis nicht beschweren dürfen. Aber die drei Punkte blieben in Berlin. Man kann hier eigentlich seriöserweise nicht einmal mehr von einem Arbeitssieg sprechen, letztlich war es wohl einfach so, dass Ausgeglichenheit zwar nicht viele Tore schießt, der Mut der Verzweiflung (den Köln zeigte) aber noch seltener.

Hertha ist also auf dem besten Weg, das Saisonziel zu erreichen: einen Platz in den Top Ten. Von den zehn möglichen Positionen wird es im Endeffekt zwar eine am unteren Rand des Saisonziels, aber das unausgesprochene und überdeutliche ist jetzt schon erreicht: Hertha ist konsolidiert. Jetzt aber bitte nicht auf diesem Niveau einmauern.

PS Die merkwürdigen Einspielungen alle fünf Minuten (Jetzt wird jeackat und so Zeug) - was war das denn? Kam das von Hertha? Das hatte ja etwas von Hirnstalking!



Eingestellt von marxelinho am 15. April 2018.

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