06. August 2020

Prahlrechte

Die Verpflichtung von Alexander Schwolow durch Hertha BSC kann man naturgemäß so oder so sehen. Die einen freuen sich über eine vielversprechende neue Nummer 1 im besten Alter. Die anderen ärgern sich, dass ein vielversprechender Tormann im besten Alter nicht bei dem wichtigsten Verein der Welt unterschrieben hat (ihrem), sondern bei einem Konkurrenten, der im Moment finanziell und vielleicht sogar sportlich (ein bisschen) besser dasteht.

In meinem Twitter-Feed tauchten jedenfalls neulich ein paar unhöfliche Bemerkungen über Hertha und das Geld auf, dann wurde ich von einem Schalke-Fan blockiert, dem ich eigentlich gar nicht folgen wollte. Ich hatte mich zu einer Replik hinreißen lassen, die tatsächlich nicht ganz adäquat war: ich hatte darauf hingewiesen, dass Schalke seit 2007 von Gazprom gesponsert wird, was meiner Meinung nach Kritik an dem Investment von Windhorst bei Hertha zumindest zum Teil aufwiegt.

Ich möchte allerdings gar nichts aufwiegen. Mich interessiert, wie Erfolg zustandekommt, und ich freue mich über Erfolge mehr, die auch den Ansprüche genügen, die man in anderer als bloß sportlicher Hinsicht haben könnten. Da passt es leider derzeit weder bei Hertha noch bei Schalke optimal.

Schalke hat sich schon 2007 nicht zuletzt über Vermittlung des Tierschlachtungsindustriellen Tönnies mit Gazprom eingelassen, einem staatsnahen Unternehmen aus einem Staat, der in den Jahren danach intensiv daran gearbeitet hat, die auch in besseren Zeiten notdürftige "regelbasierte Ordnung" (Angela Merkel) der Staatengemeinschaft auszuhöhlen und zu verlassen. Russland ist heute ein destruktiver Pariastaat, und Gazprom hilft auch auf den Trikots von Schalke dabei, das zu beschönigen.

Hertha BSC wiederum hat die Umgehung der auch in besseren Zeiten notdürftigen 50+1-Regel für Clubs in der deutschen Bundesliga umgangen, indem man inzwischen 66,6 Prozent der KGaA an eine Gesellschaft veräußert hat, von der man nicht viel mehr weiß, als dass ein gewisser Lars Windhorst sie öffentlich vertritt. Das Problem dabei ist meiner Meinung nach, dass unklar ist, welches Geld Windhorst hier eigentlich investiert. Seine Geschäftstätigkeit ist, jedenfalls sieht das für Laien so aus, maximal darauf ausgerichtet, die Herkunft der eingesetzten Summen zu verdunkeln. Das ist, angesichts der gigantischen Summen an (ich sags mit einer vorsichtigen Verallgemeinerung:) abgezweigtem Geld in der ganzen Welt, keine Kleinigkeit.

Ich würde mir wünschen, dass Hertha BSC Geschäfte nur mit Partnern macht, die höchsten Ansprüchen an Transparenz genügen. Das ist ein frommer Wunsch, und Herrn Schiller sicher nicht zu vermitteln.

Das Engagement von Windhorst bei Hertha erweitert nun deutlich die Möglichkeiten von Hertha BSC in sportlicher Hinsicht, schränkt allerdings ein wenig die "Legitimität" ein. Hertha ist jetzt auch ein angeschobener Club, die Fans könnten nun gegen Hopp oder die Dosen nur noch singen, wenn sie einen Selbstwiderspruch in Kauf nehmen. Mir ist an moralischer Oberhoheit nicht gelegen, mir wäre nur lieber, Hertha hätte einen besseren Weg gefunden als dem Ausverkauf der Bundesliga an die zweifelhafteren Bereiche des internationalen Kapitalismus die Tür ein Stück weiter zu öffnen.

Als Fan freue ich mich über die Verpflichtung von Schwolow. Das Video anlässlich seiner Verpflichtung zeigt ihn mit Michael Preetz, das offizielle Signing-Foto auf Twitter zeigt den Geschäftsführer Sport gemeinsam mit dem Sportdirektor Arne Friedrich - ein subtiler Hinweis darauf, dass die 66,6 % aus der KGaA zumindest nicht ganz ohne Einfluss auf die nominell hundertprozentig unabhängige Tätigkeit der GmBH sein dürften. Wobei die Photo Opportunity mit Friedrich wahrscheinlich eher eine symbolische Konzession ist, denn der Schwolow-Transfer hat doch ganz die Anmutung eines klassischen Preetz-Moves: Fakten schaffen statt Gerüchte streuen.

In England spricht man von "bragging rights", wenn Fans von rivalisierenden Clubs aufeinander treffen. Wenn Arsenal ein Derby gegen Tottenham gewinnt, dann sind die Prahlrechte für eine Weile in Islington daheim. Das Wort sagt viel über die seltsame Existenz, die wir als Fußballfans führen: intensiv teilnehmend an etwas, was wir nur sehr beschränkt beeinflussen können. Derzeit ist auch das letzte Band gekappt: die physische Anwesenheit bei Spielen. Der Schalke-Fan, der mich auf Twitter blockiert hat, hat damit in etwa auch den Handlungsspielraum umrissen, den der moderne Fußball seinen Anhängern lässt.

Eingestellt von marxelinho am 6. August 2020.

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