08. März 2019

Punkt und Komma

Der Arsenal FC steht vor zwei wegweisenden Spielen: am Sonntag geht es in der Premier League gegen Manchester United um Platz 4 oder sogar noch um Platz 3, und am Donnerstag darauf gilt es, im Heimspiel gegen Stade Rennes in der Europa League ein 1:3 aufzuholen.

Zwei Elfmeter kann man dazu als Kontext nehmen. Am Mittwoch bekam Marcus Rashford in Paris in der letzten Minute die Gelegenheit, entscheidend gegen PSG vom Punkt zu treffen. Es war ein umstrittener Elfer wegen Handspiel, ich denke, man konnte ihn geben. Marcus Rashford ist 21 Jahre alt, seine Mannschaft hatte mit dem letzten Aufgebot irgendwie zwei Tore gemacht (nach einem 0:2 im Heimspiel), mit dem dritten konnte ManU eine Runde weiterkommen - in jeder Hinsicht eine Sensation. Sie hing von Rashford ab, der gegen Buffon nicht den Funken eines Zweifels erkennen ließ, und souverän verwandelte.

Am Samstag davor hatte Pierre-Emerick Aubameyang in der Schlussphase des Derbys zwischen Tottenham und Arsenal ebenfalls eine Gelegenheit vom Punkt. Arsenal hatte nicht schlecht gespielt, führte lange 1:0, der Ausgleich hätte wegen einer Abseitsstellung nicht zählen dürfen, der Elfer für Arsenal war auch eher dubios, egal: Aubameyang hatte einen wichtigen Sieg vor sich. Er schoss schwach, Loris hielt ohne Probleme.

Der Mann mit den auffälligsten Frisuren im internationalen Fußball passt in mentaler Hinsicht gut zu Arsenal. Und Rashford steht für etwas an ManU, was auch in den Übergangsjahren nach Ferguson nicht ganz verschüttet wurde: es gibt dafür nur so unbefriedigende Hilfsausdrücke wie Siegeswille, Durchsetzungskraft, Entschlossenheit. Das sind, wie wir nur zu gut wissen, auch alles Themen, die bei Hertha BSC eine große (oder eine zu kleine) Rolle spielen.

Im Spiel gegen Tottenham war Arsenal insgesamt ziemlich gut aufgetreten, sieht man einmal von der Notlösung mit Mustafi auf der rechten Außendeckerposition ab. Iwobi und Mikhitaryan sind gute Winger, für sie vor allem hatte Emery eine eher konservative Viererkette (mit Monreal statt Kolasinac und eben Mustafi) aufgeboten. Die Mischung zwischen Kompaktheit und Offensivpressing stimmte weitgehend. Ein Sieg wäre knapp verdient gewesen, Aubameyang vergab ihn.

Gestern Abend spielte Arsenal in Rennes in der Bretagne. Es war ein Spiel, das ich sehr gern live gesehen hätte - es muss ein begeisternder Abend für das Heimpublikum gewesen sein. Anfangs lief alles locker, schon nach vier Minuten führte Arsenal durch Iwobi. Dann begann Stade Rennes, sich in das Spiel hineinzuarbeiten. So ein Prozess hat Logiken: Fouls und Standardsituationen sind dabei ganz entscheidend, gelbe Karten gegen labile Schlüsselspieler wie Sokratis oder Xhaka sind essentiell.

Der Ausgleich vor der Pause war dann allerdings kontrovers, denn für meine Begriffe war das Duell zwischen Sokratis und Sarr eher ein Gerangel, und ganz eindeutig zieht Sarr auch eine Show ab. Trotzdem darf so eine Situation kurz vor dem Sechzehner nicht passieren, und Sokratis hatte schon davor eine Bewerbung um eine zweite gelbe Karte abgegeben. Der Freistoß brachte dann auch noch den Ausgleich.

In der zweiten Halbzeit hätte Arsenal mit einem Mann weniger vernünftigerweise auf Schadensbegrenzung spielen müssen, aber aus unerklärlichen Gründen verzichtete Emery auf den naheliegenden Defensivwechsel: Maitland-Niles blieb bis zum Ende auf der Bank. Stattdessen kam Guendouzi für Iwobi. Der junge Franzose, an sich ein herausragendes Talent, spielte katastrophal - vor allem beim späten 1:3 ist seine Rückwärtsbewegung geradezu grotesk desinteressiert. Dieses Tor durch den hochinteressanten Ismaila Sarr macht die Aufgabe im Rückspiel nun schon einigermaßen schwierig, trotz dem Auswärtstores.

Unübersehbar ist, dass Arsenal im Sommer die Defensive komplett neu aufstellen muss. Sokratis wurde nach dem Derby gegen Tottenham zum Man of the Match gekürt, und von Emery auch ausdrücklich gelobt. Nichtsdestoweniger ist er kein Mann für die Champions League, und gestern hat man gesehen, nicht einmal für die Europa League. Koscielny ist ein wackerer Veteran, um den man aber keine Formation mehr bauen kann. Zu Mustafi ist alles gesagt.

Arsenal bräuchte im Idealfall eine vollständig neue Defensivraute: Leno ist ein guter Keeper, aber weit weg von der Weltklasse. Beide Innenverteidigerstellen sind vakant, wobei man mit Holding eventuell arbeiten kann, er ist aber besser in einer Dreierzentrale. Xhaka sollte auch ersetzt werden, durch einen Spieler, der defensiv ruhiger und intelligenter spielt.

Das ist aber natürlich Wunschdenken. Arsenal wird mit einem Gutteil des Kaders weitermachen müssen. Und es gibt ja auch gute Ansätze. Es fehlt vor allem etwas, was schwer zu entwickeln ist: auch dafür gibt es einen strapazierten Begriff, man spricht dann von Abgeklärtheit. Es gibt Menschen, die werden ruhig, wenn es hektisch wird, und die verwandeln auch einen Elfmeter, bei dem fast allen anderen die Nerven versagen würden. Im Kader von Arsenal sind diese Qualitäten schwach vertreten. Deswegen geht es mit dieser Mannschaft immer ziemlich hin und her. Am Sonntag gegen Manchester United hoffentlich dann doch wieder hin - zu einem wichtigen Heimsieg.

Eingestellt von marxelinho am 8. März 2019.

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