10. März 2018

Reaktives Potential

Das Heimspiel gegen den SC Freiburg markiert heute für Hertha BSC den Scheitelpunkt der Rückrunde. Das lädt zu ein paar Zahlenspielen ein. Zuerst einmal zu einem Vergleich der bisherigen drei Saisonviertel. Zum vergleichbaren Zeitpunkt der Hinrunde hatte Hertha 9 Punkte und eine Tordifferenz von 8:10 - im Vergleich jetzt: 7 Punkte und 4:6. Die Trefferausbeute hat sich also halbiert und ist auf einen sehr bedenklichen Stand gesunken.

In den restlichen neun Spielen der Hinrunde hat Hertha dann 15 Punkte geholt, konnte dabei die Trefferbilanz auf 26 erhöhen und ging sogar mit einem Torverhältnis von +1 in die Winterpause (man könnte zugespitzt sagen: es war das eine Tor, das die Mannschaft mit ihrem starken Auftritt in Leipzig ertrotzt hatte). Und bei diesen 15 Punkten muss man sogar noch unnötige Niederlagen wie die daheim gegen Eintracht Frankfurt und bis zu einem gewissen Grad auch Gladbach sowie ein chaotisches 3:3 in Wolfsburg einrechnen. In allen drei Spielen war mehr möglich gewesen.

Das gilt nun auch für die restlichen neun Spiele. Hertha müsste 17 Punkte machen, um das Saldo der Hinrunde zu erreichen - dabei ist durchaus zu berücksichtigen, dass die zweite Hälfte der Hinrunde keineswegs von einem Momentum geprägt waren, vor dem zwei Siegen zum Schluss gab es ein ganz schwaches Auswärtsspiel in Augsburg und davor die Heimpleite gegen Frankfurt.

Nach dem letzten Wochenende habe ich die Probleme von Hertha vor allem mit der Einstellung der Mannschaft zu begründen versucht, und mit der (mangelnden) Einstellung durch Pal Dardai. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Crux der gesamten drei Jahre von Pal Dardai als Cheftrainer hier zu finden ist. Es fehlt an einem konstruktiven Selbstverständnis. Es wird überschattet von Logiken des Abwartens, des Absicherns, des Ausweichens.

Niemand erwartet von Hertha BSC zu diesem Zeitpunkt große Dinge. Und es wäre natürlich Unsinn, sich zu erwarten, dass die Mannschaft in diesem Jahr den Europacup, der ihr im Vorjahr mehr oder weniger fast kampflos zufiel (und mit dem sie außer Nachwuchsintegration wenig anfangen konnte), selbstbewusst ins Auge fasst. Aber mehr als das unentschlossene, noch dazu poröse Sicherheitsspiel, auf das sie sich so oft zurückzieht, wäre bei diesem keineswegs unklug zusammengestellten Kader eindeutig möglich.

Eine kleine Gegentrefferanatomie kann einen springenden Punkt verdeutlichen, auf den viele Hertha-Beobachter schon lange verweisen: die Arbeit im zentralen Mittelfeld. Das entscheidende Tor letzte Woche auf Schalke wurde in der Kernzone des Spiels geduldig vorbereitet. Meyer und Bentaleb boten sich nicht nur einander immer wieder an (mit viel detaillierter Laufarbeit), die Spitzen von Schalke ließen sich auch sinnvoll fallen (Pjaca zog auf diese Weise Stark einmal aus der Linie, womit vielleicht die Konfusion ein wenig ihren Anfang nahm, die den rechten Innenverteidiger von Hertha wenig später am linken Fünfereck vor Rekik ankommen ließ). Man könne sagen: Meyer und Bentaleb beschäftigten Hertha.

Und dann sieht es fast so aus, als würde Bentaleb den langen Ball auf den Flügel zu Caligiuri ohne prüfenden Blick schlagen - "no look". Das war nur möglich, weil er wissen konnte, dass Caligiuri diesen Raum anbieten würde. In diesem Moment hatte sich auch Schalkes taktische Aufstellung als überlegen erwiesen, denn das Spiel hatte danach keine weiteren entscheidenden Szenen. Selke und Plattenhardt nehmen die Situation nicht ernst, Stark folgt Di Santo ins Niemandsland, und Lustenberger, dem Stark noch den "Auftrag" gibt, sich um Pjaca zu kümmern, orientiert sich zur Mitte. Damit ist Pjaca vor Pekarik in optimaler Position, und Di Santo trägt sogar noch mit einem Assist dazu bei. Ein brillantes, weil durch und durch konzipiertes Tor, das aber von einer konzentrierten Mannschaft ohne Weiteres zu verteidigen gewesen wäre.

Hertha ließ sich ein wenig einschläfern, merkte nicht, dass die Mittelfeldkontrolle entglitten war, und Caligiuri nützte perfekt den Raum zwischen Selke und Plattenhardt, der übrigens exakt der Raum ist, den eine Formation mit Dreierkette im Idealfall schafft, mit einem Außenlinienspieler, dem in der gegnerischen Viererkette nicht direkt jemand entspricht. Tedescos Schalke ist sicher alles andere als eine begeisternde Mannschaft, letztes Wochenende hatte sie aber gerade das an Intelligenz und Initiative gegenüber Hertha voraus, das zu einem Arbeitssieg reichte.

Arne Maier, der letztes Wochenende wohl noch nicht vollständig fit war, hat in das Hertha-Mittelfeld ein bisschen von dieser Variabilität und Vertikalität gebracht, die in der konservativen Anordnung mit zwei vor allem nach rückwärts orientierten Spielern (Skjelbred-Lustenberger) fast immer gefehlt hat. Die Formation mit Lazaro und Maier vor Lustenberger war gegen Schalke eigentlich sogar die richtige Lösung, sie griff nur eben einmal nicht, und sie war umgekehrt für den Rest des Spiels nach Rückstand zu wenig produktiv.

Gegen Freiburg hate Pal Dardai personell alle Möglichkeiten: "So viele gesunde Spieler haben wir selten." Vielleicht probiert es ja sogar eine Variante, die ich gern einmal sehen würde: Maier als Ankerspieler hinter Darida und Duda. Dazu könnte Weiser in die Mannschaft zurückkehren, der hoffentlich in diese Saison noch hineinfindet. In jedem Fall ist heute (neuer Rasen, "Ende der Ausreden") Gelegenheit, an der Balance zwischen reaktivem und kreativem Potential zu arbeiten.

Eingestellt von marxelinho am 10. März 2018.

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