26. August 2018

Schach und Rorschach

Bei einem Fußballspiel sieht jeder etwas anderes. Das liegt in der Natur der menschlichen Wahrnehmung, aber auch an der Komplexität des Spiels, die selbst bei einer durchschnittlichen Bundesligabegegnung wie der zwischen Hertha und dem FC Nürnberg gestern noch gegeben ist. Es war dann aber doch erstaunlich, wie unterschiedlich die Wahrnehmungen waren. Valentino Lazaro entschuldigte sich im Interview gleich nach Abpfiff bei Sky fast dafür, dass Nürnberg die bessere Mannschaft gewesen war.

Dabei hatte Hertha doch 1:0 gewonnen, und die meiste Zeit alles gut unter Kontrolle gehabt. Auch Pal Dardai hatte das Spiel ein bisschen anders gesehen als ich. Er war mit der ersten Halbzeit nicht so zufrieden, mit der zweiten Halbzeit dann eher. In der Pause hatte er etwas korrigiert. Im Detail fiel mir das nicht auf, in der Tendenz war es aber doch zu erkennen: Hertha ließ Nürnberg zunehmend mehr ein wenig kommen. Von da her kam dann wohl auch der Eindruck von Lazaro.


Ich habe in dieser Saison meinen Beobachterposten geringfügig, aber geschickt um ungefähr zwei Meter verlagert und sitze nun im Block 26.1. statt 26.2. Das hat vor allem damit zu tun, dass ich da nicht so oft aufstehen muss, weil rechts von mir nur noch gut ein dutzend Plätze sind. Ich bin ja in mancherlei Hinsicht ein untypischer Fan: Ich komme nur wegen des Zuschauens, Bratwurst und Bier stehen nicht auf meinem Menü, mir ist an einem ungestörten Blick auf das Feld gelegen. Mit der neuen Dauerkarte bin ich auch einer Gruppe von Tschecheranten ausgewichen, die dauernd aufs Klo und zur Abfüllung mussten.

Das sind so die Kleinigkeiten, wenn man sich um 350 Euro für 17 Spiele bindet. Ich war dann gestern aber nicht nur wegen meines neuen Platzes, sondern auch wegen des Spiels von Hertha eine Halbzeit lang recht zufrieden. Es war aber vor allem die erste Halbzeit, die mir gefiel. Das hatte mit der Aufstellung zu tun: die selbe wie gegen Braunschweig, die selbe Formation mit Maier und Duda im Zentrum auf der Doppelsechsacht.

Da Pal Dardai das Bild vom Schach gebrauchte: Maier und Duda sind die beiden Springer im System von Hertha. Und zwar an dem neuralgischen Punkt im Spiel, in der Mitte, wo Lustenberger und Skjelbred zuletzt vor allem wie Bauern agiert haben. Das 3-4-3 hat das zentrale Problem von Hertha aus den letzten Jahren behoben, nämlich die Sterilität in der Zentrale. Die Vielfalt von Möglichkeiten, die so entsteht, zeigte sich paradigmatisch beim Führungstreffer, der von einer Rückgabe von Maier auf Stark ausging. Der Verteidiger fand in Kalou einen Partner für einen vertikalen Pass, den Hertha im Vorjahr so nur in Ausnahmefällen spielte, den Stark gestern aber Minuten davor schon geprobt hatte.

Kalou spielte nach außen auf Lazaro, der an der Grundlinie einen Nürnberger düpierte, und Ibisevic stand dort, wo ein Goalgetter in so einem Moment stehen muss. Das Tor war Ausdruck eines flexiblen Systems, es war Bestätigung des 3-4-3, es entsprach den Umständen. Es verdeutlichte etwas, das nun aber hoffentlich nicht falsch verstanden werden sollte.

Denn Hertha zeigte in der zweiten Halbzeit auch wieder ein bekanntes Gesicht. Die Mannschaft konnte von sich aus die Spannung nicht halten, ließ Nürnberg zunehmend ein bisschen ins Spiel (gefährlich wurde es nicht wirklich), und dann passierte eben das, was in solchen Situationen so oft passiert: eine Kleinigkeit ging schief, Rekik bekam einen blöden Ball blöd an die Hand, bei Hausverstand war das kein absichtliches, schon gar kein irgendwie wirksames Handspiel, aber das spielt ja keine Rolle. Jarstein hielt den Elfmeter und rettete Hertha zwei Punkte von dreien, die es für den Auftaktsieg gibt.

Es steht nun stark zu hoffen, dass Mannschaft und Betreuer diese tolle Konzeption, mit der die Saison beginnt, auch gewinnbringend weiterentwickeln. Das 3-4-3, das de facto immer wieder auch ein schiefes 4-4-2 war (mit Plattenhardt in der Kette, und Stark de facto ein halber Pekarik), ist so enorm vielversprechend, weil verschiedene Aspekte dabei zusammenkommen: Torunarigha gehört in die Mannschaft, das wurde gestern ganz klar, er spielte abgeklärt, setzte aber auch Akzente nach vorn. Rekik ist als Libero sehr gut, und Stark kommt endlich wieder zum Spielaufbau.

Davor wird es gleich noch interessanter: Maier und Duda sind ja eine Zweierbesetzung aus einer Vierergruppe, die da agieren kann (wenn man Lusti und Skjelbred mitzählt, was ich unbewusst schon gar nicht mehr tue, sind es sechs). Darida ist verletzt, aber Neuzugang Grujic kam zum Ende hin zu seinem Debüt und deutete sofort an, dass er auch ins Team gehört. Damit stellen sich schon brisante Selektionsfragen: denn Duda war nicht schlecht, Maier auch nicht, vor allem aber gaben die beiden mit ihrer Flexibilität dem weisen Kalou die schönsten Möglichkeiten, und Lazaro viele Räume. Links funktionierte das nicht ganz so gut, aber insgesamt war das eine Hertha mit enorm viel Potential. Bei weitem nicht alle Aktionen (einzeln, wie bei Duda oder Kalou) gingen auf, aber zum ersten Mal hatte man das Gefühl, dass Pal Dardai etwas in der Hinterhand hat, wenn er von Offensivtrainingsarbeit spricht.

Er möchte Fußball wie Schach spielen lassen. Lazaro setzt den Gegner mit einem Pass ins Schach, und von Ibisevic kommt der letzte Zug. Wenn es bloß so einfach wäre! Da facto sehen wir selbst an diesem Spiel - ein mittelmäßig konsolidierter Bundesligist gegen eine Mannschaft, die nach langer Durststrecke in der zweiten Liga zum ersten Mal wieder in der höchsten Spielklasse antritt und sich gut schlägt -, dass Fußball eben viel mehr kann als Schachzüge.

Fußball ist ein Rorschach-Test für die Wahrnehmung, man kann viel hineinlesen, am besten sind aber Mannschaften, die auch viel herauslesen lassen. Die also etwas anbieten. Hertha hat gestern etwas Faszinierendes angeboten. Spannend wird die Sache aber nur, wenn sie selber ihr eigenes Angebot annimmt, und es nicht hinter Sicherheitsbedenken und Phlegma versteckt. Diese Gefahr war in der zweiten Halbzeit zu erkennen, dann kamen aber Grujic, Jastrzembski und Palko D., und man konnte weit in eine Zukunft blicken, die aber natürlich vorerst einmal nur am kommenden Sonntag in Gelsenkirchen stattfindet.

Ich spitze es noch ein bisschen zu: gestern sahen wir eine neue Hertha, und zugleich auch noch die alte. Die neue kann Fußball spielen, die alte meint, dafür wäre es immer noch zu früh. Guter Fußball ist aber nichts anderes, als die produktive Auflösung dieser Blockade: mit einer Formation, die nach vorne und nach hinten so elastisch und klug agiert, wie es gestern ein einigen Phasen in Andeutungen der Fall war. Ich bin sehr gespannt.


Eingestellt von marxelinho am 26. August 2018.
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