22. November 2020

Schinden, Schund, geschunden

Mit der Bundesliga-Saison im Herbst ist es immer so eine Sache: sie beginnt nicht immer mit dem ersten Spiel, obwohl natürlich von Anfang an die Punkte gezählt werden. Das Ende der Transferperiode, die vielen Länderspielpausen, immer hat man irgendwie das Gefühl, noch so halb provisorisch zu spielen. Bei Hertha kommt noch dazu, dass die Projekt-Rhetorik, die beste Ausrede bei Unklarheiten, gerade wieder einmal besonders zieht.

Das Abendspiel gegen den BVB gestern stand auch in diesem Zeichen. Gehört es schon zu der nun ja definitiv beginnenden Saison 2020/21? Oder gehört es noch zu der letzten Unterbrechung in diesem Jahr, mit langen Reisen für viele Spieler? Passenderweise entschied sich Hertha für ein Spiel, das in zwei Teile zerfiel, mit einer schon quasi poetischen Logik, denn Halbzeit eins konnte man so sehen, dass vielleicht endlich etwas ein bisschen begann, Halbzeit zwei brachte dann aber das jähe Ende des zarten Beginnens. Nämlich einen Systemausfall, der dann gleich auch wieder fragen lässt, ob es davor ein System gegeben hatte.

Hertha steht nach acht Spielen bei 18 Gegentoren und sieben Punkten. Ein einfacher initiativer Lauf von Emre Can auf dem rechten Flügel ließ kurz nach der Pause gegen den BVB die kompakte Mannschaftsleistung aus Halbzeit eins und den Führungstreffer durch Cunha obsolet werden. Plattenhardt und Stark waren beide auf Reus konzentriert, ohne dessen eleganter Weiterleitung auch nur intellektuell, geschweige denn physisch etwas entgegenzusetzen (um des Unheils zu wehren, muss man es ahnen, es ging aber zu schnell selbst für Ahnung, dabei lief der Spielzug durchaus langsam). Cans Hereingabe ließ Boyata, Schwolow und Alderete perplex zurück, denn Haaland war dort, wo ein Mittelstürmer sein muss, der weiß, wo das Tor steht.

Haaland hat etwas von einer Naturgewalt, die mit feinen Pinselstrichen malt. Bei Treffer zwei bot er Brandt einen Pass an, den dieser auch erkannte. Bei Treffer drei kam der Pass von Marvin Plattenhardt, Haaland bot dabei nichts an, sondern machte einfach den Unterschied zwischen einem mittelmäßigen (auch energetisch mittelmäßigen) Bundesliga-Legionär und einem aufstrebenden Weltsuperstar deutlich. Alderete machte Anstalten, an den Ball zu kommen, Haaland wollte mit Macht an den Ball kommen.

Dass Guerreiro dann noch ein Tor im Sitzen erzielte, dass Guendouzi für Hertha einen Elfer schund (da musste ich jetzt nachschauen, aber so lautet tatsächlich das Präteritum von schinden), und dass Haaland noch einen Treffer in der Manier erzielte, die eigentlich Hertha als Methode gewählt hatte (irgendwie durch die Mitte nudeln), das waren dann nur noch Garnierungen eines Spiels, das zumindest eines deutlich machte: wenn nächste Woche für Hertha die Saison nicht endlich beginnt, mit einem erkennbaren Plan, dann beginnt die Saison gleich als Abstiegskampf.

Gestern bestand der Plan offenkundig darin, Piatek durch Stillegung der rechten Seite bei unproduktiver Überladung der linken Seite verhungern zu lassen. Selbst Darida wollte Kreisel mit Guendouzi und Platte bilden, vermutlich sollte leerer Raum geschaffen werden, den drüben Lukebakio für seine Pfeilschnelligkeit braucht. Genau genommen ist der Plan von Hertha aber schon eine Weile nur noch Cunha. Er macht Hertha ein bisschen unberechenbarer, allerdings weniger für die Gegner, als für sich selbst. Es gibt viel zu tun. Möge die Saison bald  beginnen.

Eingestellt von marxelinho am 22. November 2020.

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