25. Oktober 2018

Some Sexy Football

Vor zwei Tagen erschien im Guardian ein kleiner Text, mit dem noch vor vier oder fünf Wochen wohl niemand gerechnet hätte: Are Arsenal genuine contenders for the Premier League title? Die aktuellen Ziffern weisen jedenfalls in diese Richtung. Arsenal steht mit 21 Punkten auf Platz 4 in einem extrem engen Pulk von fünf Teams, getrennt nur durch zwei Punkte. Die Premier League hat schon länger diese kompakte Spitze von vier bis sechs Teams, die nur im Vorjahr einen Alleingang von Manchester City erlaubte, in der Regel aber spannende Bewerbe ergibt - in Deutschland könnte sich die Sache dieses Jahr ein bisschen in diese Richtung normalisieren, wenn es mehr als drei oder vier Mannschaften gelingt, die Bayern zu fordern.

Arsenal begann die neue Ära unter Unai Emery mit zwei Niederlagen gegen Manchester City und Chelsea. Seither hat die Mannschaft aber alles gewonnen, nicht immer überzeugend, auf 90 Minuten gesehen aber immer effektiv. Heute Abend steht mit Sporting Lissabon in der Europa League ein wichtiger Gradmesser an. Am Sonntag dann ein Auswärtsspiel bei Crystal Palace, und eine Woche später wird es richtig ernst: dann kommt Liverpool ins Emirates.

Hier sind einige Aspekte der positiven Entwicklung.

Das defensive Mittelfeld: Granit Xhaka ging in die dritte Saison seit seinem Wechsel bei Arsenal, nach wie vor ist er vor allen in seinem defensiven Verhalten nicht hundertprozentig überzeugend. Dazu kamen zwei Neue: Lucas Torreira, der durch seinen WM-Einsatz spät zur Mannschaft stieß, und der hochbegabte Matteo Guendouzi, ein 19 Jahre alter Franzose. Aaron Ramsey, bei dem es um die Frage der Vertragsverlängerung ging, hat Emery von Beginn an nicht für die 8er-Position neben und vor Xhaka in Betracht gezogen.

Anfangs spielte vor allem Guendouzi, seit einiger Zeit aber ist Torreira nun fester Teil der Mannschaft. Er ist ein großartiger Typ: Mit 1,68 nicht gerade der neue Patrick Vieira, aber ein Beißer, dabei im Passspiel durchaus umsichtig. Er hat Autorität, trotz seiner Körpergröße. Nach wie vor ist Arsenal defensiv keineswegs kompakt, aber derzeit wiegt das Offensivspiel das mehr als auf.

Der Sturm: Unai Emery hatte von dem späten Arsene Wenger ein Puzzle aufzulösen bekommen. Denn in der Winterpause kam ja mit Aubameyang ein Superstar, eine Transferperiode davor war aber mit Lacazette schon ein spannender Angreifer gekommen. Aubameyang war in vielerlei Hinsicht ein Panikkauf, mit dem eher das Prestige von Arsenal wiederhergestellt werden sollte, als dass eine präzise Überlegung erkennbar gewesen wäre. Emery hat das Puzzle gelöst, indem er häufig Lacazette und Aubameyang gemeinsam aufstellt. Tatsächlich war in vielen engeren Spielen der letzten Wochen der bulligere Lacazette der entscheidende Angreifer. Er ist spielintelligent, aber auch extrem cool im Abschluss.

Iwobi entwickelt sich unter Emery sehr gut, rechts gibt es die Option mit Mkhitaryan, und Özil ist nun, nachdem die Vertragsverhandlungen mit Ramsey ergebnislos blieben, im Zentrum unumstritten. Auch da hatte Emery durchaus ein wenig gezögert: eine Weile sah es so aus, als wollte er Ramsey als den neuen Özil installieren, und als würde er den deutschen Spitzenverdiener eher unter Druck setzen wollen. Gegen Leicester am Montag war Özil dann aber Kapitän, und wurde im Lauf des Spiels zum Dreh- und Angelpunkt einer extrem beweglichen Formation, die schließlich eines der Tore dieser Saison als absolutes kollektives Kunstwerk fabrizierte.

Bleibt als Problemzone die Defensive - die aber natürlich schon bei Mkhitaryan oder Iwobi beginnt. Im Tor hat Emery anfangs auf Cech gesetzt, der sich dann aber eine Muskelverletzung zuzog - ich denke nicht, dass Leno noch einmal ins zweite Glied rücken muss, denn er überzeugt bisher. Holding und Mustafi bilden eine vertretbare, aber natürlich keine felsenfeste Innenverteidigung, wobei beide derzeit durchaus Punkte sammeln. Links hinten musste gegen Leicester Lichtsteiner (und später Xhaka!) aushelfen, der Schweizer Routinier wurde danach von Emery ausdrücklich positiv hervorgehoben. Bellerin war zuletzt eher ein Sorgenkind, er wurde auch oft alleingelassen, zeigt aber vor allem offensiv zunehmend mehr.

Bei all dem geht Arsenal mit einem überraschend dünnen Kader durch die bisherige Saison. Maitland-Niles, Kolasinac und zuletzt auch Monreal sind verletzt, in der Defensive spielt Mavropanos (eine Wenger-Entdeckung) keine Rolle, offensiv ist allenfalls noch Danny Welbeck ein Faktor. Dann kommt schon ein Teenager wie der hochinteressante Smith Row. Man wird also auch sehen müssen, wie sehr die Mannschaft die Strapazen einer Saison mit vielen Begegnungen bewältigt. Derzeit wirken alle fit und spritzig.

Es wird aber alles von den direkten Duellen abhängen. Arsenal war zuletzt in den Top 6 kein Faktor, gegen Spitzenteams gab es immer wieder peinliche Niederlagen. Allerdings enthielten schon die beiden Spiele, die gegen City und Chelsea verloren wurden, durchaus einige Hinweise auf eine etwas bessere Wettbewerbsfähigkeit.

Bei all dem würde ich meinen, dass Unai Emery die Mannschaft stilistisch nur unwesentlich verändert hat. Es sind wohl eher andere Faktoren, die eine Rolle spielen: er scheint die Spieler wirklich anzusprechen, und nun wissen sie auch schon, dass sie Lösungen haben. Zudem wird im Detail durchaus klug rotiert: gegen Leicester begann Aubameyang auf der Bank, auch Welbeck ist jederzeit für einen Platz in der ersten Elf gut. Nur Xhaka, Bellerin und Mustafi spielen eigentlich immer.

Als Zwischenbilanz könnte man also sagen: der Mann, der das Wort "performance" so unverwechselbar Spanisch ausspricht und überhaupt ziemlich radebrecht, hat Arsenal gar nicht so schlecht auf Kurs gebracht. Die Spieler sind offensichtlich selbst beeindruckt von dem, was sie können: gegen Leicester gab es Momente, in denen wieder etwas von dem großartigen Esprit erkennbar war, für den Arsenal einmal stand. Das war aber eigentlich ein Zwischenspiel, denn davor stand Arsenal ja für öde Effizienz: "boring Arsenal". Nicht in diesen Tagen. Sogar die Sitze im Emirates, das zuletzt häufig ausverkauft, aber nie voll war, beginnen sich wieder zu füllen. Und Mesut Özil lässt sich von der aktuell guten Stimmung sogar dazu hinreißen, positive Signale nach Deutschland zu schicken. Ich würde es ihm wirklich wünschen, dass er seine Verächter noch einmal eines viel Besseren belehren könnte.

Eingestellt von marxelinho am 25. Oktober 2018.

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