29. September 2018

Somebody to Love

Der gestrige Tag stand bei mir im Zeichen von Freddie Mercury. Am Vormittag gab es eine Pressevorführung von Bohemian Rhapsody, dem Film über das Leben des Sängers von Queen. Ich gehöre auch zu der Altersgruppe, die mit den Hits der englischen Band groß geworden sind, und so hatte ich dann den ganzen Tag hindurch noch die ganzen Songs im Kopf. We Will Rock You!

Bevor ich dann am Abend ins Olympiastadion aufbrach, wollte ich noch eins konzentriert hören, ich entschied mich für Somebody to Love, und mit dieser großen Nummer im Ohr kam ich dann zum Spiel gegen den FC Bayern. Das Freitagabendspiel ließ sich schon vor dem Anpiff gut an, das Dicke B läuft jetzt vor der Verlautbarung der Aufstellung (passt dort auch besser hin), die letzten Minuten vor Spielbeginn gehören jetzt wieder der ollen Hertha-Hymne, von der man eines auf jeden Fall sagen kann: sie ist eines der Alleinstellungsmerkmale von Hertha. Dass es sich um einen verschlurften Hadern handelt, für den Freddie Mercury sich vermutlich geniert hätte, ist im Lauf der Jahre zu einer eigenen Pointe geworden.

Dann kam das Spiel, und das hatte auch einige Pointen. Die schönste setzte Ondrej Duda nach Vorarbeit von Lazaro und Kalou und der halben restlichen Mannschaft kurz vor der Pause, mit einem sehenswerten Treffer. An dem damit erreichten Spielstand von 2:0 änderte sich bis zum Ende nichts mehr, für eine überlange Nachspielzeit gab es keinen Anlass, Hertha verteidigte den verdienten Vorsprung in Halbzeit zwei geschickt und mit ein bisschen Glück.

Schon bei der Aufstellung hatte ich ein gutes Gefühl. Dass Mittelstädt für Plattenhardt kam, zeugt an einer weiteren wichtigen Stelle von der flachen Hierarchie im Kader. Die linke Seite war dann gestern deutlich die konservativere, das machte die rechte aber gut wett.

Thomas Kraft vertrat Rune Jarstein einwandfrei - auch das eigentlich eine eigene Geschichte wert, denn Kraft hätte eigentlich Gründe, mit seiner Rolle zu hadern, dann braucht man ihn aber einmal, und er spielt nicht nur souverän, sondern gibt hinterher auch noch ein tolles Interview.

Skjelbred kam für Lustenberger (oder für Grujic, aber diese Lesart würde eben einen Spieler hervorheben, der es zwar sicherlich verdient, aber im besten Sinne vertreten werden kann). Schon im Vorjahr zeigte sich mehrfach, dass Skjelbred mit Maier gut kann, die beiden harmonierten gestern sehr gut.

Das hat sicher auch mit Duda zu tun, der individuell der bisher auffälligste Herthaner in dieser Saison ist, der aber vor allem in seiner taktischen Rolle ein Schlüssel zu den schönen Erlebnissen dieses Herbsts ist. Vorderster Verteidiger, umsichtiger Schließer von Lücken, und (vor dem 1:0 in einer Bewegung zum Ausschneiden) Umschalter und Vertikalisierer.

Die Betreuer verzichteten auch auf eine Pause für den Kapitän, der in diesen Wochen fit und formstark und spielstark wirkt - nach einer Stunde kam dann Selke. Die beiden Oldies Ibisevic und Kalou zahlen Vertrauen derzeit in riesigen Tranchen zurück und gehen auf teils unnachahmliche Weise voran.

Die Bayern waren gestern überwindlich, sie hatten sehr gute Chancen, aber man hatte nie das Gefühl, dass sie Hertha irgendwann anpieksen würden, und dann wäre die Berliner Luft sofort draußen. Lazaro wurde zum Beispiel mehrfach gefährlich überlaufen, aber seine offensiven Beteiligungen überwogen diese Probleme bei weitem - auch deswegen, weil die Innenverteidigung extrem konzentriert arbeitet.

Das gilt auf eine erstaunliche Weise für den ganzen Verein. Hertha hat sich in diesem langen Sommer ein bisschen neu erfunden, dabei aber tatsächlich nur auf die Arbeit dreier Jahre einige entscheidende Facetten draufgesetzt. Pal Dardai erzählt das selbst so, es ist aber gedeckt durch das, was wir auf dem Feld sehen. Meine Leitmetapher habe ich schon neulich einmal gebraucht: Hertha ist im besten Sinn elastisch, die Mannschaft hat Spannkraft, individuell wie als Formation, sie verarbeitet Druck in Bewegung.

Das Ergebnis des perfekten Hahohe-Abends könnte sein, dass Hertha morgen auf Platz 5 in der Tabelle zu einer extrem dichten Spitzengruppe gehört. Zu einer spannenden Liga gehört, dass möglichst viele Teams sich nicht verstecken. Hertha hat in dieser Saison schon bewiesen, dass sie Verantwortung übernimmt - in erster Linie natürlich für sich selbst, aber in weiterer Folge dann auch für einen Spielbetrieb, der in vielerlei Hinsicht unter Druck steht. Wir können ohne Weiteres die Kneipe im Dorf lassen, und doch behaupten: In dem, was Hertha gestern und schon seit August gezeigt hat, steckt eine Menge von dem, was Fußball so großartig macht.

Eingestellt von marxelinho am 29. September 2018.

1 Kommentare

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von Jörg (am 30. September 2018)
Gegen Bremen hat man gesehen, wie die neue Hertha spielt, wenn sie schlecht spielt. Unkonzentriert, fehlerträchtig, mit zu wenig Zug, nachlässig. Das Besondere der neuen Hertha ist zum einen, dass es in jeder Situation viele nach vorn orientierte Anspielmöglichkeiten in der neuen taktischen Variabilität gibt, dass die offensiven Spielzüge einigermaßen sitzen sowie schließlich die neue individuelle Klasse. Gegen Bremen hat das eine Tor von Dilrosun jedoch gezeigt, dass nur die individuelle Klasse allein nicht genügt. Bremen stand besser und ist nicht nur mehr sondern auch besser gelaufen. Um Anspielmöglichkeiten und danach Chancen zu generieren, muss Hertha viel laufen. So wie gegen Bayern. Mit dem Anstoß war ich beeindruckt, als sich die ganzen großen Bayern-Namen mit ihrer für mich auch beeindruckenden Physis wie eine Panzerfront auf den Pfiff hin gemeinsam in Bewegung setzte. Umso glücklicher war ich, als Hertha ganz unbeeindruckt, wie eine Fahrradkavallerie durch die Bayernpanzer hindurch radelte und immer wieder offensive Spielzüge spielen konnte. Am meisten Angst hatte ich um Mittelstädt und Lazaro in der Außenverteidigung. Für mich war das nur eine Frage der Zeit, dass Robben seinen One-Trick-Pony-Trick ansetzt und Mittelstädt düpiert. Oder dass der Ganzmuskelmann Ribery Lazaro ein weiteres Mal überläuft, und dann doch noch jemand eine Lücke in der überragenden Innenverteidigung findet. Aber das Mittelfeld war so gut, dass Bayern am Ende nicht oft genug gefährlich durchkam. Selten habe ich in einem Spiel so häufig ungläubig den Kopf geschüttelt, und ich kann mich nicht erinnern, jemals bei Hertha so eine gute Halbzeit wie die erste gegen Bayern gesehen zu haben.