01. Dezember 2019

Unfeindliche Übernahme

Jürgen Klinsmann hat gestern versucht, die Hymne von Hertha BSC abzufilmen - es war nicht ganz klar, ob das ein "scripted move" war oder tatsächlich spontan. Besser wäre es wahrscheinlich gewesen, er hätte einfach zugehört. Hertha BSC ist an dieses Nur nach Hause geraten wie jemand, der dazu verurteilt ist, für alle Zeiten die speckige Jacke zu tragen, die er in schlechteren Zeiten von einem Wühltisch erstanden hat.

Frank Zanders "lyrics" stehen heute vor allem für den Spalt, der den Klub prägt: Die Fans halten aus Gründen daran fest, die unverbrüchlich zu den Tücken von Identität gehören (man kann mit ihr auch gestraft sein), das Management hat einmal ungeschickt versucht, eine Hymne vorzuschlagen, von der vielleicht auch Energie ausgehen könnte. Das ging so richtig schief.

Klinsmann war sicher aufgeregt, eines Tages wird er dann aber auch noch im Detail bemerken, dass Hertha immer zu einem Song auf den Platz geht, der nicht nur musikalisch die Wirkung von Treibsand hat, sondern der auch inhaltlich ausdrücklich von Erfolglosigkeit erzählt - "heute wollen wir gewinnen, für das blauweiße Trikot, sowieso, oo oo". Nur nach Hause bringen wir den Sieg nicht. Er bleibt immer auf der Strecke in die Kneipe.

Es war ein wegweisender Tag gestern, die Klasse von 1997 (bestehend aus Michael Preetz in nobler Einsamkeit) wurde von der Klasse von 2006 (Klinsmann und Arne Friedrich, der sich von dem peinlichen Turnier, das er damals spielte, bestens erholt hat) abgelöst. Der neue Blick auf den Kader ergab eine wenig überraschende Formation, an der nur auffiel, dass der neue Kotrainer Nouri und sein Boss wohl noch nicht Zeit hatten, sich über die gegenwärtigen Probleme von Hertha ins Bild zu setzen.

Sonst hätten sie zumindest versuchen können, an der Abstimmung zwischen dem defensiven Mittelfeld und der Dreierkette zu arbeiten. Hertha lief zwar deutlich höher und intensiver an als gewohnt, ließ aber hinten vor allem zentral alle Lücken für Pässe in die intensiven Läufe der Schwarzgelben. Zum Glück schaltete der BVB nach dem 2:0 deutlich zurück, und Hertha arbeitete sich hinein in das Spiel.

Der springende Punkt war sicher das knappe Abseits von Davie Selke beim vermeintlichen 2:2 kurz nach der Pause. Danach hing alles davon ab, ob die Betreuer den nummerischen Vorteil nach dem Ausschluss von Hummels durch geschickte Wechsel in Überlegenheit ummünzen konnten. Nachdem ich eine Nacht darüber geschlafen habe, würde ich sogar sagen, dass Klinsmann/Nouri das Momentum selber einkassierten - alle Wechsel gingen daneben.

Sie nahmen Lukebakio aus dem Spiel, brachten Ibisevic für ein Sturmzentrum, in dem Selke gestern eine Menge bewegte. Wichtiger aber war, dass sie nichts dafür taten, das Spiel von hinten heraus zu gestalten. Die Auflösung der Dreierkette war schon ab Minute 55 fällig, ich fand, man hätte vor allem Rekik erlösen müssen, der in Halbzeit zwei ein paar katastrophal schlampige Pässe spielte - bei einem könnte ich, glaube ich, in einer Videoanalyse nachweisen, dass er Hertha insgesamt fast zehn Minuten Offensivspiel gekostet hat.

Außerdem wäre es dringend gewesen (vorbehaltlich jener Fitnessaspekte, über die wir natürlich im Detail nichts wissen), Maier für Skjelbred zu bringen. Auch der Norweger war fahrig in der Spieleröffnung. Grujic hingegen, die neue Hassfigur vieler Fans, kam allmählich immerhin ein bisschen ins Spiel.

Ist aber im Grunde alles egal, denn das war gestern eine Show, die nicht darüber hinwegtäuschen konnte, dass bei Hertha gerade Chaos herrscht. Das war mehr als ein Trainerwechsel, das war eine Art Putsch, und naturgemäß wird es jetzt ein bisschen dauern, bis sich die Strukturen neu (und anders) verfestigen.

Für den nächsten Besuch des Investors bei einem Hertha-Spiel wünsche ich mir dann vom übertragenden Unternehmen eine Großaufnahme von dem Gesicht, das Windhorst macht, wenn Frank Zander sein Wiegenlied für stille Zecher singt. Ich könnte mir vorstellen, dass da eine leichte Säuerlichkeit in der Miene erkennbar werden könnte, ein Anflug von Erkenntnis vielleicht sogar, dass das spannendste Fußballprojekt Europas einen Takt

Eingestellt von marxelinho am 1. Dezember 2019.

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