04. März 2018

Vorwürfe durch die Hintertür

Seit gestern bin ich mir ziemlich sicher, dass Hertha BSC mit Pal Dardai nicht viel erreichen wird. Das ist schade, denn Erfolg ist ja nicht gleich Erfolg, und die hausgemachte Konstellation, die gerade am Werk ist, ist in vielerlei Hinsicht etwas, was man sich im heutigen Fußball wünscht. Es fehlt allerdings der Erfolg. Das 0:1 auf Schalke muss man nicht dramatisieren, aber es war halt eindeutig: Hertha hat gespielt wie eine Mannschaft, die nie an etwas geglaubt hat.

Meine Skepsis gegenüber Pal Dardai bezieht sich deswegen vor allem auf seine Einstellung, und auf die, die er der Mannschaft vermittelt: Er kann ihr wieder einmal keinen Vorwurf machen. Da würde ich ihm sogar beipflichten, obwohl man über das Gegentor und die verschenkte erste Viertelstunde nach der Pause natürlich reden muss. Es geht nicht um Vorwürfe, sondern um Ansprüche. Es geht darum, ob er dieser Mannschaft, die personell nicht viel schlechter ist als Schalke, irgendwann klarmacht, dass sie etwas vom Spiel wollen kann.

Und zwar mehr als ab und zu einen Sieg, der vom Baum fällt wie ein später Apfel, oder ein langweiliges Remis gegen träge Bayern. Das heroische Spiel in Leipzig hat keinerlei Spuren in der Haltung der Mannschaft hinterlassen. Und so hat Hertha gestern auf Schalke zwar gut mitgespielt, hatte in der ersten Halbzeit sogar die besseren Chancen, hat aber die Kleinigkeiten vermissen lassen, von denen man bald sehen konnte, dass sie dieses Spiel entscheiden würden.

Der Spielzug beim Gegentor hat etwas offengelegt, was schon lange deutlich ist: Hertha hat Konzentrationsprobleme. Viele Spieler schalten immer wieder einmal für ein Weilchen ab. Das ist an sich verständlich, wenn man sieht, wie intensiv da gestern zwei Mannschaften einander belaufen haben. Hertha sogar mit einer klugen Formation, einem ungewöhnlichen Mittelfelddreieck mit Arne Maier und Lazaro vor Lustenberger. Wie schon gegen Mainz war es ein langer Ball, dieses Mal auf den Flügel, der Verwirrung stiftete. Der Ball war schon im Tor, da hatte sich die Viererkette immer noch nicht sortiert.

Schalke reichte in der zweiten Halbzeit Beamtenfußball, und es war für die Verhältnisse des heutigen Teflon-Sprechs in der Liga fast schon höhnisch, dass Tedesco danach sagen konnte, seine Mannschaft habe "intelligent" gespielt. Hertha löst ganz offensichtlich keine Nervosität durch Ballbesitz aus. Und zu Recht. Die zweite Kardinaltatsache dieser Rückrunde neben den Konzentrationslücken, die die Mannschaft sich selbst in ihre Kompaktheit reißt, ist das Offensivproblem. (Vier Tore aus acht Spielen, oder: deutlicher, zwei Tore aus sieben - wenn man Leverkusen als eine Ausnahme sieht.)

Dass es nicht gelingt, Davie Selke in das Spiel zu bringen, liegt weniger an dem Mittelstürmer selbst, als an der Einstellung zum Spiel. Die Mannschaft lässt erkennen, dass sie nicht an sich glaubt. Sie traut es sich nicht zu, einen Gegner auch einmal wirklich unter Druck zu setzen. Willensleistungen oder späte Tore, gar einmal ein dramatisches Comeback - alles nicht im Repertoire. Alle Lösungsversuche haben eines gemeinsam: sie sind verhalten.

Das hat alles offensichtlich damit zu tun, dass Pal Dardai als der junge Trainer, der er nicht mehr ist, die Ansprüche bewusst niedrig hält. Er schützt damit sich selbst. Aber es ist halt nur der Mindestschutz. Diese Mannschaft kann mehr, als sie zeigt. Das ist klar zu sehen, sie muss jetzt aber auch Ziele gesetzt bekommen, und sie muss lernen, dass Spiele sich nicht durch die Hintertür gewinnen lassen, wie Hertha das inzwischen schon allzulange mit gerade mal so akzeptablem Erfolg macht.


Eingestellt von marxelinho am 4. März 2018.
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