21. Januar 2019

Warme Füße

Der FC Nürnberg hätte allen Grund, gegen Hertha eine Klage wegen Ungleichbehandlung einzubringen. In der Hinrunde durften Abstiegskandidaten nämlich berechtigt hoffen, aus Begegnungen mit dem Hauptstadtclub gestärkt oder jedenfalls kurzfristig belebt hervorzugehen. Zum Auftakt der Rückrunde machte Hertha aber keine Faxen und fuhr mit einem 3:1 nach Hause. Es bedurfte keiner berauschenden Leistung, einige Feinheiten und drei entschlossene Schüsse reichten gegen einen richtig schwachen Gegner.

Ich war per Übertragung dabei. Zu lebhaft waren noch die Erinnerungen an eine Auswärtsfahrt vor sieben Jahren (nicht acht, wie ich gestern versehentlich getwittert habe), als ich mir in Nürnberg kalte Füße holte, und Hertha sich auf den Weg in Richtung Abstieg machte. Im Vergleich dazu steht Hertha derzeit doch ziemlich gut da, mit Position sieben in der Tabelle sogar richtig erfreulich.

Den Sieg in Nürnberg darf sich auch Pal Dardai zuschreiben. Er hat klug aufgestellt. Im Sommer zu Ligabeginn fiel ja auf, wie sehr Hertha von der Formation mit Dreierkette profitiert hatte. Dieses Mal war die innere Statik wegen des Fehlens von Flügelspielern wie Dilrosun eine deutlich andere: vor der absichernden Fünferklammer (oder der linkslastigen Viererkette) arbeitete ein Dreieck, und ganz vorn gaben Ibisevic und Selke eine Doppelspitze. Der Weg führte eher durch das Zentrum zu zwei Zielspielern, die gute Richtungen vorgaben.

Wäre der Pfostentreffer von Selke ein Tor gewesen, wäre die Formation auch in Ziffern schön symmetrisch aufgegangen: denn beide Stürmer glänzten auch als Vorbereiter. Davie Selke zeigt sich als Musterprofi, dem aber auch von Experten (Didi Hamann bei Sky am Sonntagnachmittag ist sowieso gut) die entsprechende Wertschätzung widerfährt.

Damals im Hinspiel war der verblüffende Effekt der neuen Formation, dass wir eine überraschend elastische Hertha sahen, die nicht mehr auf das Spiel über die Außenbahn limitiert war. Wir erinnern uns aber auch an einen Elfmeter und an Dusel gegen Ende. Dieses Mal blieb der Pfiff gegen Stark wegen Handspiels im Strafraum aus, und die bessere Mannschaft setzte sich durch.

Es war ein Pflichtsieg für eine Mannschaft, die um die europäischen Plätze so lange wie möglich mitspielen möchte - das ist eine alternative Formulierung für das offizielle Saisonziel. Die Saisonzieldebatte ist müßig, keine Frage, aber man kommt ihr nicht aus. Hertha möchte zur oberen Hälfte der Liga gehören, und von den entsprechenden Platzierungen reichen sechs oder sieben für Europa. Nicht einmal der vorsichtige Pal Dardai wird sich darauf versteifen, dass Hertha unbedingt auf Platz 8 landen muss.

Eingestellt von marxelinho am 21. Januar 2019.

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