12. September 2020

Weichkäse

Hertha BSC hat die neue Pflichtspielsaison mit einer Big-City-Ladung Absurdität eröffnet. In dem Pokalspiel bei Eintracht Braunschweig sah es lange Zeit so aus, als könnte eigentlich nichts schiefgehen, abgesehen davon, dass dauernd etwas schief ging. Während wir dann um die 60. Minute vor allem mit der Frage beschäftigt waren, wie Petr Pekarik in den gegnerischen Fünfer geraten war (er traf zum 3:3), zeigte sich gleich darauf auf der anderen Seite die fundamentale Tatsache des Spiels: Hertha hatte es nie unter Kontrolle.

Der dreifache Torschütze Kobylanski fand vor dem Sechzehner einen absurden Freiraum vor, in den er von seinem Kollegen Kaufmann (einseitiges Kopfballduell mit Plattenhardt) den Ball für einen sehenswerten Schuss geliefert bekam. Eine Art Verschärfung des Freistoßtreffers aus der 2. Minute, der auch schon nicht ohne war.

Kurz darauf folgte eine Szene, die vor allem zu Fragen inspiriert, an welchem Punkt die Karriere von Niklas Stark die falsche Abzweigung genommen hat. Wobei Braunschweig da die Freiräume im Zentrum schon zu Anwandlungen von einem gelben Ballett nützte: für die kokette Weiterleitung von Ben Balla auf Abdullahi hatte es ein paar Minuten davor schon eine Probe gegeben. Der neue Keeper Schwolow, der einen wenig erfreulichen Abend hatte, trug mit einer kurzen Unentschlossenheit beim Herauslaufen wahrscheinlich zu Starks unglücklicher Figur bei.

Am Ende war es die ganze Hertha, die in dieser Figur verewigt wird: das 4:5 ist nun ein Fall für die Geschichtsbücher. Selbst für die Verhältnisse des DFB-Pokals war das ein spektakuläres Spiel.

Es stand im Zeichen der Ungewissheit, die Hertha durch negative Ergebnisse in den Vorbereitungsspielen, durch kaum zu ignorierende Medienberichte und schließlich auch durch die Aussagen von Bruno Labbadia herauf beschworen hatte. Dass mit Stark (Zweikampfquote: 33 %) und Rekik (25%!) nicht die erste Innenverteidigung vor dem neuen Torhüter antreten musste, erwies sich dann tatsächlich als Problem. Spielentscheidend war aber das zentrale Mittelfeld. Dort hatte Hertha nie das Kommando.

An dem neuen Mann Lucas Tousart lief das Spiel für meine Begriffe weitgehend vorbei. Er war aber auch in einer originellen Formation aufgeboten worden, nominell neben Mittelstädt, der seine Aufgaben aber sehr freigeistig versah, vom Ballabholen zwischen Stark und Rekik bis zu Abschlüssen auf der anderen Seite. Da auch Darida sehr viel diagonal driftete, und Lukebakio, Cunha und der lange Zeit überraschend produktive Leckie originell in viele Räume gingen, sah Hertha offensiv immer ziemlich gut aus.

Braunschweig aber hatte dadurch eine Menge Räume, in die sie ihrerseits mit großem Geschick gingen. Das war schon eine sehr gute Leistung von der Mannschaft von Daniel Meyer, ermöglicht allerdings eben dadurch, dass Hertha ein absurdes Gegenteil von kompakt war. Porös? La ricotta?

Labbadia hat im Mittelfeld viele Optionen. Maier kam nur für ein paar Minuten, selbst Stark ist auf der 6 besser als in der Innenverteidigung. Tousart ist aber natürlich als Königstransfer gesetzt - wie er sich zurechtfindet, davon wird in den nächsten Wochen viel abhängen bei Hertha. Nach einer Autorität, an der sich ein labiler Defensivkomplex aufrichten kann, sah er noch nicht aus.

Ein kleiner Stecker ist der Saison gestern schon mal gezogen worden. Ich habe mich entschieden, sie nach Möglichkeit als normale Saison zu betrachten, obwohl davon natürlich im Grunde keine Rede sein kann. Andererseits war das, was gestern alles absurd war, alles strikt Fußball. Und das ist viel besser als kein Fußball.

Eingestellt von marxelinho am 12. September 2020.

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