01. Februar 2018

Zweiter Bildungsweg

Wer in den letzten Tagen den Instagram-Account von Mesut Özil im Auge hatte, konnte schon das eine oder andere Indiz für eine Vertragsverlängerung beim Arsenal FC erkennen. Jedenfalls zeigte er sich dort als versierter Londoner, der auch vor der Tube nicht zurückschreckt. An der Niederlage in Swansea am Dienstagabend (1:3 nach einem schweren Fehler von Petr Cech) konnte aber weder Özil noch der erste Auftritt von Henrikh Mkhitaryan für die Gunners etwas ändern.

Man muss die Veränderungen vom Mittwoch (vom Deadline Day mit der Verpflichtung von Aubameyang und der Bekanntgabe der Vertragsverlängerung von Özil zu Rekordbedingungen bis 2021) auf jeden Fall in Zusammenhang mit der ernüchternden Situation in der Liga sehen: Arsenal hat sechs Punkte Rückstand auf Platz 5 (Tottenham) und acht auf Platz 4 (Chelsea). Der jahrelang "angestammte" Platz, der zumindest für die Qualifikationsrunde für die CL berechtigt, liegt in weiter Ferne. Bleibt als Weg in die Königsklasse noch die Europa League - auf diese Weise erst wurde es möglich, dass dieses Jahr noch fünf (!) Teams aus der Premier League im Achtelfinale der Champions League dabei sind.

Dass Özil anders als Alexis Sanchez sich für Arsenal entschieden hat, wird viele Gründe haben, die ich natürlich nur erahnen kann. Es fiel allerdings auf, dass er zuletzt immer deutlicher eine Führungsrolle in der Mannschaft reklamiert hat - oft wirkt er auf dem Platz ja eher introvertiert, nun zeigt er sich auch gestisch mehr, beinahe könnte man meinen, dass er sich ohne den Alphaspieler Sanchez bei Arsenal wohler fühlt.

Trotzdem hat ein Transfer wie der von Aubameyang auch Auswirkungen auf die Verlängerung mit Özil. Arsenal zeigt mit diesem Neuzugang nicht so sehr eine bessere Kaderplanung, vielmehr geht es einfach darum, überhaupt noch Potenz erkennbar zu machen. De facto ist Aubameyang inzwischen ein zweifelhafter Spieler, von dem erst noch geklärt werden muss, ob er noch einmal eine professionelle Phase hinbekommt. Sven Mislintat, der vom BVB verpflichtete neue Chefscout bei Arsenal, scheint daran zu glauben.

Özil hat immer gesagt, dass die sportliche Perspektive für ihn das wichtigste Argument für einen Verbleib bei Arsenal ist. Bei Aubameyang könnte man nun fragen, ob da nicht sportliche Perspektive mit einem großen (vor einem halben Jahr für Arsenal noch zu großen) Namen verwechselt wird. Im Sommer hat Arsenal für auch nicht wenig Geld aus Frankreich Alexandre Lacazette verpflichtet, der ein sehr gutes erstes Saisondrittel hatte, seither aber schwächelt.

Nun zeichnet sich nominell eine potentiell hochkarätige Offensivformation ab, mit Özil und Mkhitaryan hinter Aubameyang, und mit Jack Wilshere als Verbindung zu Xhaka oder Ramsey im defensiveren Mittelfeld. Als Sechser firmierte zuletzt vor allem Elneny, der aber dafür noch nicht der Weisheit letzter Schluss sein kann (immerhin ist Coquelin endlich weitergezogen). Manche spekulieren darauf, dass Ainsley Maitland-Niles, die Nachwuchsentdeckung dieser Saison, endlich der seit Ewigkeiten ersehnte neue Vieira werden könnte - derzeit scheut Wenger noch davor zurück, ihn zentral einmal auszuprobieren.

Ramsey, Iwobi, Welbeck, Lacazette wären alle nicht erste Wahl, es sei denn, Ramsey (bisher eher immer ein Achterzehner) würde nach hinten rücken. Die Verteidigung ist bis auf Bellerin eine Baustelle - selbst Koscielny sieht dieses Jahr oft alt aus (zum Beispiel beim ersten Treffer von Swansea am Dienstag). Wojciech Sczeszny, den Wenger weggeschickt hat, ist inzwischen bei Juve zu einem Spitzenkeeper gereift, während Arsenal hinter Cech niemand hat. Die Defensive muss also runderneuert werden.

Die alles entscheidende Frage betrifft aber natürlich den Trainer. Es ist schwer zu sagen, wie weit Wenger derzeit noch das Heft in der Hand hat. Jedenfalls ist deutlich, dass er von viel mehr Leuten umgeben ist als früher, die Entscheidungsprozesse sind nicht einfacher geworden - früher (nach dem Abgang von David Dein) hat er alles einsam entschieden, jetzt schwirren zwischen ihm und CEO Ivan Gazidis jede Menge Leute herum. Erstaunlich bleibt dabei, dass er mit Steve Bould nach wie vor einen sehr altmodischen Cotrainer neben sich hat  - hier sehe ich am ehesten Potential für eine innovative Neuverpflichtung.

Es spricht alles dafür, dass Arsenal versuchen wird, den Weg von Manchester United aus dem Vorjahr zu gehen - mit der Europa League würde man nicht nur einen Titel, sondern auch den Zugang zur Champions League gewinnen. Dazu sind allerdings noch fünf Runden zu gewinnen, und Gegner wie Atletico Madrid, Neapel und, na ja, der BVB sind auch noch dabei. Selbst wenn dieser Coup gelingen sollte, bliebe immer noch das Abschneiden in der Liga als der eigentliche Index für die Entwicklung. Da sieht es momentan trübe aus. Aber am Samstag gegen Everton könnte schon ein anderes Arsenal zu sehen sein.


Eingestellt von marxelinho am 1. Februar 2018.
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