27. Juni 2018

Markenrechte und Starkenrechte

Unter den individuellen Geschichten bei dieser WM beschäftigt mich derzeit am meisten die von Mo Salah. Der ägyptische Superstar soll Probleme mit seinem nationalen Verband haben. Auslöser waren Fototermine mit dem tschetschenischen Diktator und Starkmann Kadyrow, an denen Salah allem Anschein nach gut gelaunt teilnahm. Nachträglich hat er aber offensichtlich das Gefühl, dass er benutzt wurde.

Der Sache ist schwer auf den Grund zu kommen, weil die meisten Zeitungen nur voneinander abschreiben. Im Kern ist es wohl so, dass es schon vor Wochen einen Termin mit Salah in Grosny gab. Plausibel wirkt auch das Detail, dass Kadyrow selbst Salah zu einem Training bringen ließ, an dem der Spieler wegen seiner Rekonvaleszenz eigentlich noch nicht teilnehmen hätte sollen. Verbürgt ist, dass Salah bei einem Bankett vor der Abreise der ägyptischen Delegation zum Ehrenbürger Tschetscheniens ernannt wurde.

Bei allen diesen Fotogelegenheiten sieht man Salah nicht an, dass er ein Problem mit Kadyrow hat. Es ist auch müßig, darüber zu spekulieren, welche politischen Ansichten er hat. In der FAZ gab es kürzlich immerhin einen sehr interessanten Text über die diffizile Positionierung von Salah gegenüber dem ägyptischen Diktator Sisi.

Salah ist ein Volksheld. Die Natur seines Heldentums wird aber zum Beispiel aus einem seiner Tweets deutlich: er beruft sich immer wieder auf die 100 Millionen Ägypter, für die er auch den Elfmeter verwandelt hat, der die Teilnahme an der WM in Russland gesichert hat. Für diese 100 Millionen hält er aber auch ausdrücklich seine Schuhe in die Kamera: I wear those for 100 Million Egyptians.

Der Werbewert eines sympathischen Muslims für die gesamte arabische Welt ist tatsächlich kaum zu überschätzen, und so wird man wahrscheinlich nicht ganz verkehrt liegen, wenn man vermutet, dass nicht zuletzt Konzerne wie Adidas wenig Freude daran haben, wenn Salah sich mit einem Extremisten wie Kadyrow zeigt. Was von Salah gebraucht wird, ist ein integrativer Islam: da treffen sich politische und ökonomische Interessen einmal tatsächlich in einem (wirtschafts)liberalen Sinn.

Wir würden Salah gern als einen ganz normalen Menschen sehen, als einen sympathischen jungen Mann "aus dem Volk", der er wohl auch ist (hier habe ich Bilder von seiner Hochzeit gefunden, allein darüber könnte man Abhandlungen schreiben). Wir haben aber nur einen sehr ungefähren Begriff von den Interessen, die an ihm zerren - die Andeutungen aus dem ägyptischen WM-Camp lassen in Ansätzen etwas erkennen. Schon vor der WM gab es ja einen anderen Sponsorenkonflikt, in dem Salah mit einem individuellen Vertrag gegen den des Verbands stand.

Ein englischer Experte zieht aus der ganzen Sache einen radikalen Schluss. Liverpool sollte Salah so schnell wie möglich verkaufen. In wenigen Wochen werden wir ihn wieder Clubfußball spielen sehen. Da kann er dann wieder ganz normal von Europa aus Strahlkraft entwickeln und Märkte zusammenführen. Eine Weltmeisterschaft nationaler Verbände aber führt fast notwendigerweise zu Konflikten wie dem angedeuteten: nationale Markenbildung (zumal von Ländern mit Unrechtsherrschern) steht eben manchmal gegen individuelle und geschäftliche.

Die Spieler sind "Botschafter" in vielerlei Hinsicht. Manchmal ist es wohl leichter, einen alles entscheidenden Elfmeter in der Nachspielzeit zu verwandeln, als in allen diesen Angelegenheiten eine gute Position zu finden. Die FIFA behauptet, bei der WM ginge es um Fußball, und nur um Fußball. Auch ich falle darauf immer wieder hinein, jedenfalls für die 90 Minuten. Darüber hinaus aber bin ich dem Weltverband fast dankbar, denn diese WM ist wirklich ein Lehrstück für die Geopolitik unseres Lieblingssports. Kein erbauliches, aber ein erhellendes.

Geschrieben von marxelinho am 27. Juni 2018.

0 Kommentare

Kommentieren

01. Februar 2014

Grashüpfer

Die Verantwortlichen bei Hertha haben sich den Zeitpunkt, zu dem sie am Freitag die Nachricht vom Einstieg eines Investors verkündeten, gut überlegt. Die Meldung ging zu einem Zeitpunkt raus, da zum Recherchieren für die Samstagszeitungen nicht mehr viel Zeit blieb. So steht heute mehr oder weniger überall das, was die Troika (Gegenbauer, Preetz, Schiller) die Welt wissen lassen wollte.

Die Eckdaten: Die Private Equity Firma KKR steigt mit 9,8 Prozent bei Hertha (in die Kommanditgesellschaft auf Aktien) ein, die investierte Summe wird mit 61,8 Millionen Euro beziffert, der Zeitraum des Investments auf sieben Jahre veranschlagt. Die derzeitigen Schulden von 36,8 Millionen (darin nicht enthalten: die Zuschüsse des anonymen Investors) sollen abgelöst werden.

Wie wir das von der Geschäftsführung Finanzen gewöhnt sind (und wie das aus Gründen der Geschäftsfähigkeit leider manchmal auch wohl nicht anders geht, denn die Alternative wäre ja gelegentlich das nackte Grausen gewesen), sind die Informationen äußerst dürftig und beziehen sich wirklich nur auf die Rahmendaten. Deswegen hier noch ein paar Anmerkungen, die der Hausverstand gebietet.

KKR ist eine Private-Equity-Firma, die an einem "return on investment" interessiert ist. Und zwar in der Regel an keinem geringen. Dieser erfolgt entweder in Form jährlicher Ausschüttungen aus einem Gewinnanteil oder, häufiger, durch Weiterverkauf der entsprechenden Firma oder der Anteile daran nach einer bestimmten Zeit. Ist Hertha BSC dafür ein geeignetes Objekt?

Ja und nein. Ja, weil der Hauptstadtclub tatsächlich deutlich hinter den Standortfaktoren einherwurstelt, weil also eine Menge Potential da ist, dies alles allerdings vorbehaltlich eines eben schwer planbaren sportlichen Erfolgs. Ja bis zu einem gewissen Grad auch besonders unter den aktuellen Gegebenheiten, da es in der Hinrunde gelungen ist, sich sehr positiv darzustellen - gute Ergebnisse, ein sympathischer und professioneller Trainer, insgesamt eine gelungene Konturierung des Hertha-Images.

Die Neins überwiegen aber deutlich - das heißt, dass das Engagement von KKR schwer nachzuvollziehen ist oder auf Faktoren beruht, deren Kenntnis sich uns entzieht. Gehen wir von fünf Prozent aus, die KKR durchschnittlich als Profit aus der Investititon erwartet. Das würde bei einer Investitionssumme von 60 Millionen jährlich drei Millionen bedeuten, oder nach sieben Jahren deutlich über 20 Millionen, also weit über 80 Millionen, die der knapp zehnprozentige Anteil dann wert wäre.

Es spricht viel dafür, dass in der Vereinbarung von vornherein eher von einer Beteiligung von einem Drittel gesprochen wurde, als von den nun genannten knapp 10 Prozent. Hertha wäre, wenn man diese Rechnung zugrunde legt, 600 Millionen Euro wert - das ist absurd. Die 180 Millionen, die bei einer Drittelbeteiligung herauskämen, treffen es wohl eher. Der Quantensprung, von dem Manager Preetz spricht, liegt also wohl eher darin, dass eine Private Equity Firma zu einem Drittel bei Hertha einsteigt, dass man das allerdings nicht gleich von Beginn an groß vermelden wollte. Von den Satzungen der DFL spräche ja nicht einmal etwas dagegen, wenn KKR bis knapp unter 50 Prozent einsteigen würde.

Ist das nun etwas anderes als die berüchtigten Schechter-Anleihen, mit denen sich Schalke herumplagt? Ja, denn KKR geht ein größeres Risiko. Angenommen, Hertha steigt in vier Jahren (JLu und alle Parzen mögen das verhüten) wieder einmal in die zweite Liga ab, dann steigen die KKR-Anteile mit ab, werden also entsprechend an Wert und Ansprüchen verlieren. Dagegen gibt es keine Rückversicherung. KKR muss also an den sportlichen Erfolg glauben, auf dem der wirtschaftliche nun einmal beruht. Allerdings haben sie da keine größeren Gewissheiten als wir Fans auch.

Ich würde insgesamt folgende erste Einschätzung zusammenfassen: Der Deal ist in Ordnung (und jedenfalls besser als jeder oligarchische Wunderwuzzi), wenn daraus, wie Manager Preetz es auch schon kundgetan hat, resultiert, dass auf die konservative Weise weitergearbeitet wird, die wir zuletzt gesehen haben. Das heißt, auf dem Transfermarkt vorsichtig und investiv zu agieren, und nicht darauf zu hoffen, man könnte sportliche Wunder einkaufen.

Es wird spannend, das alles zu beobachten. Und es ist natürlich nicht ohne Ironie, dass Berlin, die Stadt, die derzeit von den globalen Geldströmen an manchen Stellen nachgerade umgestülpt wird (Kreuzkölln!), nun plötzlih auch mit seinem ewig verschlafenen, am Tropf eines stadtbekannten "anonymen Investors" hängenden, die letzten Jahre genau genommen de facto abenteurlich bilanzierenden Fußballclubs in solche Bereiche katapultiert wird. Hertha gehört nun einer Heuschrecke, soll aber ein Grashüpfer bleiben.

Geschrieben von marxelinho am 01. Februar 2014.

0 Kommentare

Kommentieren