25. November 2020

Diego Maradona (1960-2020)

Diego Maradona ist tot. Seine große WM war die, bei der ich das für meine Begriffe beste Länderspiel aller Zeiten gesehen habe: Frankreich-Brasilien 1986. Es gibt einen großartigen Film über ihn, von Asif Kapadia, er ist überall leicht zu kriegen. Hier ein Text, den ich über dieses Porträt geschrieben habe.

Die ärmste Stadt Italiens kauft den teuersten Fußballer der Welt: Mit diesen Worten verkündete ein Nachrichtensprecher im Juli 1984 den Transfer des argentinischen Stars Diego Maradona vom FC Barcelona zum SSC Neapel. Gleich bei der ersten Pressekonferenz kam es zu einem Eklat. Ein Journalist fragte: „Weiß Maradona, was die Camorra ist, und welchen Einfluss sie in Neapel hat?“

Natürlich ist das nicht an den Fußballer gerichtet, sondern an die Politiker und Unternehmer der Stadt. In diesem Moment zeigen die verwaschenen Videovilder, die von dieser Pressekonferenz überliefert sind, einen Sportler und Künstler, der alles mitbringt, um dieses große Spiel zu prägen. Aber das ganze Drumherum des Fußballs ist noch ein bisschen größer und gewaltiger, und ein kleiner Junge aus einem Armenviertel aus Buenos Aires ist nicht der beste Kandidat, um zwischen diesen Kräften zu bestehen.

In Grundzügen ist wohl zumindest den meisten Fans des Fußballsports bekannt, welche Höhepunkte und Rückschläge in der Karriere von Diega Maradona zu verzeichnen waren: der Weltmeistertitel mit Argentinien im Jahr 1986, die Meisterschaft mit Neapel im Jahr darauf, das Spiel zwischen Italien und Argentinien bei der WM 1990, bei dem Maradona – ausgerechnet im Stadio San Paolo in Neapel – den entscheidenden Elfmeter für Argentinien verwandelte. Danach kamen die Skandale: Drogensucht, Sex mit Prostituierten, Mafiakontakte, Sperren, Fettsucht. Als lebende Legende tauchte er immer wieder auf, und machte dabei nicht immer die allerbeste Figur.

Man könnte dieses Leben als eine Fallstudie über eine grausame Unterhaltungsindustrie erzählen. Aber Asif Kapadia will mit seinem Dokumentarfilm Diego Maradona weder auf Kulturkritik noch auf Moral hinaus. Er sucht nach den Spuren, die der Mensch Maradona in den Archiven einer Mediengesellschaft hinterlassen hat, die scheinbar alles aufzeichnet. Und er findet dabei nicht nur großartiges Material, er findet tatsächlich eine Figur, die man für eine plausible Version des „wahren“ Maradona halten kann.

Die Zeit in Neapel steht dabei im Mittelpunkt, auch deswegen, weil es aus diesen Jahren das spannendste Material gibt. Schon die ersten Bilder von einem Autokonvoi, der durch die Stadt zum Sao Paolo fährt, deuten an, welchen Stellenwert Maradona hatte: man könnte an die Paparazzi denken, die hinter Prinzessin Diana her waren, allerdings sind in Neapel anno 1984 die Autos ein wenig alltäglicher. Um nicht zu sagen, armseliger.

Asif Kapadia erzählt in der Manier, in der er schon Senna (den Formel-1-Piloten Ayrton Senna) und Amy (die Sängerin Amy Winehouse) porträtiert hatte, von einem grellen, verrückten Leben, mit spannendem Bild- und Tonmaterial, und genau der richtigen Balance zwischen Sympathie und Distanz. Er konnte dabei auf über 500 Stunden Material zurückgreifen, und beleuchtet dabei auch durchaus intime Details: die jahrzehntelange Verleugnung eines außereheliches Sohns zum Beispiel. Trauriger Höhepunkt ist wohl ein Tondokument, das aus einer Abhöraktion der italienischen Polizei stammt: Diego bestellt da Drogen „und zwei Mädchen“, und man hört keinerlei Glamour dabei heraus, sondern nur noch Sucht und Einsamkeit.

Kapadia hat sich inzwischen ein Renommee erarbeitet, das ihm erlaubt, es mit globalen Identifikationsfiguren auf der Höhe des audiovisuellen Materials aufzunehmen: Sein Blick auf Diego Maradona ist auch ein Blick auf eine Figur, wie es sie heute nicht mehr geben würde. Denn inzwischen sind Instagram und andere soziale Medien zu Schutzwänden geworden, hinter denen sich die Stars verstecken, indem sie genau steuern (lassen), was nach außen dringen darf. Maradona war in dieser Hinsicht noch naiv und unberaten, nur so konnten überhaupt all die Dokumente entstehen, die Kapadia nun souverän arrangiert hat, und die er nicht, wie es die verlogene Regenbogenpresse immer wieder tut, gegen ihren Helden verwendet. Sondern um ihn inmitten der Bildgewitter zu schützen.

Geschrieben von marxelinho am 25. November 2020.

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03. November 2015

Der Weg führt immer durch eine Tür

Am Samstag hat nun auch Hertha seine Erfahrung mit dem Lauf von André Schubert und Borussia Mönchengladbach gemacht. Raffael hat in einem Zitat, das ich im Kicker gelesen habe, eine relativ einfache Erklärung für die eklatante Leistungssteigerung gegeben - es war aber auch mit freiem Auge erkennbar gewesen: Mutigeres und frühes Pressing, dazu Flexibilität in den offensiven Laufwegen.

Ich habe die Begegnung vom Wochenende und das Spiel von Gladbach heute in der Champion's Leage gegen Juve zum Anlass genommen, mir Aljoscha Pauses Film Trainer! noch einmal anzuschauen. Dort ist André Schubert einer der Protagonisten, neben Stephan und Frank Schmidt, der eine ein Berliner Junge, der jetzt aber die U16 von Gelsenkirchen trainiert. Frank Schmidt wiederum hat den FC Heidenheim in die 2. Liga geführt, und ist vertraglich bis 2020 gebunden, also eine Ewigkeit, wenn man die Verhältnisse im Trainergeschäft so anschaut.

Die zentralen Protagonisten von Trainer! arbeiteten in der Saison 2012/2013, als die Dreharbeiten stattfanden, in der 2. und der 3. Liga, aus der obersten Spielklasse gibt es nur Interviews (mit Jürgen Klopp zum Beispiel), aber keinen Zugang in die Clubräume, die Kabinen und zum Training, wie das bei Heidenheim oder Paderborn der Fall ist. Schubert arbeitete damals beim FC St. Pauli, seine Freistellung ist eines der markanten Ereignisse des Films.

Es geht sowohl um die primären wie um die sekundären Herausforderungen in diesem "Traumberuf", wobei sich da sicher nicht so leicht eine Unterscheidung vornehmen lässt. Ich meine einerseits die konkrete Arbeit mir dem Team, andererseits die Öffentlichkeitsarbeit, wobei in diesem zweiteren Fall sehr schön ersichtlich wird, dass selbst ein Film wie Trainer! wie eine Bühne benützt wird: Trainer sprechen immer auch als Vermarkter ihrer selbst, auf eine Zukunft gemünzt, in der sie irgendwann wieder auf dem Markt sein könnten.

Tatsächlich habe ich mich unwilllkürlich gefragt, ob man Stephan Schmidt schon abschreiben soll. Er sagt im Film den starken Satz: "Ich werde in der ersten Liga trainieren, das ist Fakt." Inzwischen hat Paderborn aber mit einem anderen Coach die erste Liga erreicht, und auch schon wieder verlassen, und nun hat mit Stefan Effenberg ein Abenteurer die Übungsleitung übernommen. Von Übungsleitung schreiben Journalisten immer dann, wenn sie die Bedeutung des Trainerberufs ein wenig auf die leichte Schulter genommen sehen wollen. Ich ironisiere diesen ironischen Sprachgebrauch hier aus Respekt für das harte Amt.

Besonders viel bekommt man in Trainer! von Frank Schmidt mit, der seine "Ansprache" immer mit den Worten "Und dann bleiben die drei Punkte hier" schließt, als wären die Punkte so was wie Nomaden, die man mit einer überzeugenden Leistung zum Sesshaftwerden bewegen müsste: "Wanderer, kommst du nach Heidenheim." Die vielleicht interessanteste Erkenntnis aus dem Film ist zugleich diejenige, die er am deutlichsten implizit abbildet: dass die Autorität heute auf vielfachen Rückkopplungen beruht, dass sie eben nicht mehr nur aus Amtsgewalt (früher) oder "kerzengerader Haltung" (ergänzt sich mit dem Trainingsanzug zu einem Habitus) besteht, sondern aus einem permanenten halböffentlichen Selbstmanagement, bei dem einen unterschiedlich intelligente Spieler genauestens beobachten, während sie vom Trainer beobachtet werden.

In mancherlei Hinsicht ist das auch ein Werbefilm für die reformierte Trainerausbildung des DFB (die DFB Kulturstiftung Theo Zwanziger war filmfördernd tätig), wobei Frank Wormuth aber eine überzeugende Figur abgibt. Zwischendurch taucht auch Marc Kosicke auf, das ist einer der spannendsten Momente, denn hier sieht man einen Mann im Hintergrund (den Berater von Klopp, in seiner wichtigsten Funktion), wie er André Schubert unter seine Fittiche nimmt, um ihn später, zu einem geeigneten Zeitpunkt, zu lancieren.

Fußball ist nicht zuletzt ein großes Sprachspiel. Das macht Trainer!, in dem dauernd gesprochen wird, auf einer Ebene spannend, die vielen Fans vielleicht egal ist. Zwischen Verbissenheitsabbau und Intensitätsaufbau wird hier versucht, ein wenig Kontrolle über ein letztlich beschränkt berechenbares Spiel zu gewinnen. Es gibt für diesen Beruf auch eine spezifische Begabung. Das hebt Jürgen Klopp hervor, der diese Begabung zugleich besonders gut verkörpert. In der Verkörperung liegt schon ganz wesentlich was, denn auch Trainer! handelt ja nicht von Funktionsteams, sondern von Individuen.

Ausgeprägte Individuen sind im Fußball "Typen". Sie werden gesucht, sollen es aber nicht übertreiben. André Schubert kam damals bei St. Pauli mit Deniz Naki nicht zurecht, der dann eine Weile bei Paderborn als Hoffnungsträger galt, inzwischen in der dritten türkischen Liga spielt. Da wurde Schubert also von der Geschichte bestätigt, und den Rest hat Max Eberl in diesem Herbst getan, indem er den beim Verbissenheitsabbau offensichtlich gut vorangekommenen Schubert zum Interimstrainer (bisher) "ohne Vertrag" gemacht hat.

Für ihn hat sich eine Tür geöffnet. Stephan Schmidt muss vorläufig "gucken, durch welche Tür man geht". Immerhin muss es nicht mehr die Tür zum Hotel Residenz in Paderborn sein. Ich werde auf seine Karriere jetzt achten, da hat mich Trainer! doch neugierig gemacht, mit dieser Ansage, die als selbst erfüllende Prophezeiung bisher nicht funktioniert hat. Das ist Fakt, aber eben immer nur für den Moment. Bin gespannt, wie lange der Moment von André Schubert dauert, derzeit ist es ja eher ein Momentum.

Trainer! (2013) von Aljoscha Pause ist als DVD bei Mindjazz Pictures erschienen. Im Bonusmaterial findet sich das erste Fernsehinterview mit dem damals 17jährigen Mesut Özil

Geschrieben von marxelinho am 03. November 2015.

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04. April 2014

Konkurrenzbeobachtung

Diese Woche kam ein Dokumentarfilm über Fans des 1. FC Union Berlin ins Kino: Union fürs Leben. Der Begriff Leben enthält die entscheidende Information: Die Beziehung zum Fußballverein ist häufig dauerhafter als die zum Lebensmenschen, der sich oft als Lebensabschnittsmensch erweist. Selten trifft man hingegen Menschen, die ihren Verein mit dem Lebensabschnitt wechseln. Kaum einmal wird jemand mit der Übersiedlung nach Berlin zum Hertha-Fan, wenn davor schon eine Fanbindung vorhanden war.

Union ist nun aber ein Club, der mindestens zwei Leben hatte. Darauf gehen Rouven Rech und Frank Marten Pfeiffer nur flüchtig ein, denn das wäre ein anderer Film geworden. Aber es zeigt sich auch in den Lebensgeschichten mindestens eines Fans, der von sich sagt: "Ja, ick hab auch vor der Wende eine Biographie." Er war Mauerpolizist, stand also in einem anderen Verhältnis zur DDR als die meisten Union-Fans, denen man damals eine "ablehnende Haltung zum Staat" zuschrieb.

So konnte es vorkommen, dass ein Bub auf dem Heimweg von einem Union-Spiel sein erstes Bild von Randale zu sehen bekommt: "Da lag eine Straßenbahn quer", erinnert sich Mario Czaja, heute ist er Politiker und fragt Menschen über den Gartenzaun, wo der Schuh drückt.

Das ist generell einer der Schwerpunkte des Films, der offensichtlich in enger Zusammenarbeit mit dem Sozialarbeiter-Verein Gangway entstand. Die berührendste Geschichte ist die von einem jungen Fan, der zwischendurch nicht einmal genug Geld hat, um sich Eintrittskarten zu leisten, und der auch ganz andere Sorgen hat, weil nämlich sein Vater abgängig ist. Dessen Alkoholkrankheit gibt Grund zur Sorge, für lange, bedrückende Momente ist der Fußball weit weg.

Die meisten Unioner, die sich in dem Film äußern, weisen jede Ostalgie zurück und beharren darauf, dass Union einfach ein Berliner Verein ist. Das bedeutet natürlich auch, dass "das große Spiel gegen die alte Dame" der Höhepunkt der Saison ist. Und auch des Films, denn das Derby in der vergangenen Zweitliga-Saison von Hertha taucht an zentraler Stelle auf. Rech und Pfeiffer hatten dabei dramaturgisch einiges Glück, denn der Spieler, den sie als eisernen Unioner auch immer wieder getroffen haben, spielte damals eine wichtige Rolle: Christopher Quiring egalisierte einen Führungstreffer durch Sandro Wagner, später gab es einen dieser berühmten Freistöße von Ronny, und es kam zu der größten denkbaren Schmach: "dass die in unserem Stadion jubeln" (Quiring).

Für Herthaner war es einer der größten denkbaren Triumphe, vermutlich fast so groß wie ein Sieg in der Arena auf Gazpomp. Ich merke an diesen Szenen, dass ich als Fan doch so etwas wie ein Quereinsteiger, ein Zugezogener bin und bleibe. Oder mehr noch: ich bin als Fan insgesamt anders strukturiert. Ich wurde Hertha-Fan noch in Österreich, und zwar hauptsächlich, weil ich Berlin mochte, weil ich es mir ausmalte, wie es wäre, in dieser Stadt zu leben. Und dazu gehörte nun einmal auch ein Fußballverein, der damals zwischen 1998 und 2000 mit einer guten Generation (Sixten Veit!) viele Anschlussmöglichkeiten bot.

Damals war es keine Frage, dass Hertha in Kontakt mit dem modernen Fußball insgesamt stand. Diese Sicherheit ging in den nuller Jahren mehrfach verloren, diese Saison begann mit einer emphatischen Bekräftigung, dass dieses Projekt wieder auf der Agenda steht. Jetzt geht es gerade durch eine Phase der Anpassung an die Realitäten. Aber es ist für meine Begriffe weiter aufrecht.

Union ist zweifellos auch in Kontakt mit dem modernen Fußball. Aber die Fans haben ein anderes Projekt, bezeichnenderweise fällt in dem Film von Rouven Rech und Frank Marten Pfeiffer kein einziger Satz, in dem es um Fußball geht. Stattdessen sehen wir als Rahmung ein Kerzenmeer: Unioner singen mit eisernem Tränenschimmer in den Augen davon, dass der Menschheit ein Retter geboren worden ist. Sie feiern Weihnachten in der Alten Försterei. Es ist die beste Szene des Films, denn sie zeigt, welch kuriose Formen von Zugehörigkeit in modernen Gesellschaften entstehen. Es ist aber auch die Szene, die für mich persönlich deutlich zu weit geht.

Da bin ich dann doch lieber Fan eines Großclubs, dem es egal ist, wie (oder ob) ich Weihnachten feiere, und dessen Rituale sich auf Fußball beschränken.

An diesem Wochenende steht die jährliche Premier-League-Reise an, die ich mir gönne. Ich fahre nach Liverpool, werden Arsenal im Goodison Park gegen Everton sehen. Hertha gegen Hoffenheim muss ich Sonntagabend aus der Konserve nachholen.

Geschrieben von marxelinho am 04. April 2014.

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