11. Dezember 2017

Werke und Tage

Vor eineinhalb Jahren hatte ich einmal ein spezielles Saisonziel für Hertha BSC ausgegeben: im Frühjahr 2017 vor dem FC Augsburg zu stehen. Das gelang auch, mehr noch, Hertha qualifizierte sich für die Europa League. Beim gestrigen Auswärtsspiel war allerdings zu sehen, dass der Vorsprung schon wieder weg ist - tabellarisch wie qualitativ.

Der Vergleich mit dem FCA macht in vielerlei Hinsicht Sinn. Die bayerischen Schwaben spielen jetzt die siebente Erstligasaison in Folge, bei Hertha ist es die fünfte. Augsburg hat im Grunde ständig Übergangsjahre, hält sich dafür aber erstaunlich gut. Vor allem aber ist Hertha von den Standortfaktoren her eigentlich in einer ganz anderen Liga, bekommt es de facto aber trotzdem nicht hin, sich von dem Provinzclub allmählich abzusetzen. Im Gegenteil.

Mein langfristiger Direktvergleich mit dem FCA hatte auch ein kleines, ironisches Motiv: Die Spiele zwischen Hertha und Augsburg waren oft eine Qual, sie machten besonders deutlich werden, woran diese Liga, in der so wenige Clubs Verantwortung übernehmen wollen, krankt.

Gestern war das anders. Augsburg zeigte eine plausible Leistung für ein Heimspiel. Hertha präsentierte sich schwach und hätte verdient 0:1 verloren, wenn es nicht ganz spät noch eine Verkettung von Umständen gegeben hätte, die dann einige Entscheidungen der Betreuer in ein besseres Licht rückte.

Derzeit setzt Pal Dardai bevorzugt auf die Doppelspitze mit Ibisevic und Selke. Ich habe das neulich einmal als eine Hauruck-Formatione bezeichnet. Mittelstädt verdankt seinen aktuellen Stammplatz sicher auch vor allem den scharfen Hereingaben, zu denen er in der Lage ist. Das spielerische Loch in der Gesamtkonzeption kann man - nicht zuletzt angesichts derzeit holpriger Plätze - vielleicht eine Weile in Kauf nehmen.

In der WWK-Arena gab es allerdings zwei grundlegende Probleme: beide Außenduos waren schwach, vor allem Weiser (unkonzentriert) und Leckie (überhaupt nicht im Spiel) ließen aus, ein dynamisches Spiel über die Flügel gab es auch links nicht. Hertha war defensiv beschäftigt, und versuchte bei den seltenen Entlastungen dann ausgerechnet ein anspruchsvolles Kombinationsspiel (gefühlt hat allerdings kein einziger Doppelpass funktioniert).

Augsburg spielte geradliniger und klarer, bis Hertha nach einer Stunde die logische Konsequenz zog und Esswein und Lazaro für Ibisevic und Leckie brachte. Darauf folgten fünf gute Minuten, dann kehrte die Passivität zurück, und Caiuby, der davor zweimal bei einem Eckball seine Visitenkarte abgegeben hatte, wurde weiterhin nicht beachtet und traf zur Augsburger Führung. Hertha verteidigt bei Eckbällen im Raum, bei Caiuby hätte sich zu diesem Zeitpunkt längst eine Manndeckung empfohlen.

Der späte Ausgleich war eine Koproduktion von Selke, Esswein, Stark und Kalou - also im Grunde eine Skizze der nach einer Stunde überarbeiteten taktischen Konzeption: Selke nun allein vorn und dort präsenter, Esswein zuerst rechts, nach dem Eckball links wach, Stark im Strafraum per Kopf, und Kalou (spät als Joker gebracht) als Joker zur Stelle. Da ging etwas auf, gerade noch mal so eben.

Noch ein Wort zu Esswein: wenn er bei seiner großen Chance gleich nach der Einwechslung den Ball mit ein bisschen mehr Intensität annimmt, wenn er sich also nicht ein wenig nach außen abdriften lässt, dann hat er ideal die Möglichkeit, noch ein bisschen zu gehen, und besser abzuschließen. Man sieht bei den Spielern von Hertha häufig (besonders deutlich bei Langkamp), dass beim Warten auf die Ballannahme komplizierte Denkprozesse ablaufen, wodurch sie manchmal bessere Positionen vergeuden. Esswein ist eigentlich einer mit kurzen Denkwegen, aber auch er hat in dieser Situation ein bisschen (und charakteristisch) gezögert.

Das sind winzige Indizien für einen insgesamt nicht schwer zu durchschauenden Gesamtbefund: die Mannschaft und auch die Betreuer brauchen dringend Zeit, sich zu reorganisieren. Pal Dardai spricht auffällig häufig von "Tagesform", da hört man auch eine Einsicht durch, dass er nicht immer genau versteht, was vor sich geht. Gestern hat er das dann auch ganz ausdrücklich so geäußert in dem Interview gleich nach dem Spiel. Die Mannschaft ist ihm (und sich) in mancherlei Hinsicht ein Rätsel. Für die Lösung bleibt wenig Zeit, vorerst reichen aber auch schon Ansätze wie in den letzten Minuten gegen den FC Augsburg.

Geschrieben von marxelinho am 11. Dezember 2017.

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08. Dezember 2017

In dubio Junior

Das war es also mit Hertha BSC und Europa, jedenfalls für die aktuelle Spielzeit, und wenn man der übergeordneten Saisontendenz glauben darf, dann auch für die eine oder andere kommende, denn schließlich wurde ja gerade das Saisonziel revidiert: alles, was nicht tiefer Abstiegskampf ist, gilt als ausreichend.

Die Mannschaft, die sich mit einem 1:1 gegen Östersund konkret verabschiedete, hatte mit der Mannschaft, die aus drei Spielen vor dem Jahreswechsel noch vier Punkte holen soll, nicht viel gemein. Pal Dardai hatte eine Mischung aus "rejects" (Aussortierte) und "projects" (Einzusortierende) aufgestellt. Die prominentesten Rejects waren Haraguchi, Duda und Esswein, das prominenteste Project war der Filius des Cheftrainers: Palko Dardai spielte auffällig, und leitete mit einem dudaesken Pass auch den Treffer von Hertha ein.

Das Spiel sorgte für versöhnliche Stimmung, zeigte aber auch auf, warum die erste Wiederbegegnung mit dem internationalen Fußball seit der Abstiegssaison 2009/2010 von so wenig Erfolg gekrönt war. Hertha fehlt es in jeder Formation, ob mit den nominell besten oder mit einer Probiergruppe wie gestern, an Autorität. Alle Spiele bergen negative Überraschungen, die Mannschaft kann sich geradezu darauf verlassen, dass sie sich an der einen oder anderen Stelle übertölpeln lässt.

Sicher haben in dieser Europa-League-Gruppe auch die Leistungen der Unparteiischen eine Rolle gespielt. Dass die Uefa sich gerade mit dem Torlinienrichtern immer wieder lächerlich macht, kann für niemand ein Trost sein. Hätte Jonathan Klinsmann nicht in der Schlussphase gegen Östersund noch einen unberechtigten Elfmeter entschärft, hätte es gegen eine Halbamateurmannschaft aus Schweden null Punkte aus zwei Spielen gegeben. Und auch wenn Mittelstädt in dieser Situation kein Foul begangen hat, war er doch in einer heiklen Situation in einen Zweikampf geraten, in dem er nicht Herr der Lage war.

Offensiv galt am Donnerstagabend bei widrigen Bodenverhältnissen ein Prinzip des überhasteten Abschlusses. Haraguchi wollte vor allem sich selbst in Szene setzen, Esswein war wie so häufig ein bisschen konfus, Mittelstädt flankte meistens dann, wenn in der Mitte niemand war, und Duda war eben so, wie er vermutlich nie Stammspieler wird: mit hübschen Kleinigkeiten und einem schönen Lochpass in der ersten Hälfte, aber auch mit langen Pausen. Bleiben zu erwähnen Lazaro, der aus dem defensiven Mittelfeld heraus agierte, und Palko Dardai, der insgesamt die besten Szene hatte.

Hertha hat interessante junge Spieler, und wenn es in dieser Saison gelingt, ein paar von ihnen an die Stammelf heranzuführen, ist das vielleicht den einen oder anderen durchwachsenen Gesamtvortrag wert. Aber gerade für die Talente ist es wichtig, dass sie in gute Strukturen kommen, und von solchen hat Hertha im Dezember 2017 zu wenig. Das Augenmerk liegt nun ganz auf den Betreuern: Pal Dardai muss zeigen, ob er in der Lage ist, das Spiel von Hertha insgesamt zu entwickeln. Bisher gab es dafür allenfalls Ansätze, die noch dazu zunehmend sporadischer werden.

Den Bonus eines Trainerneulings hat Dardai im Grunde schon aufgebraucht. Nun gibt es noch den Bonus des Ideal-Herthaners: Ich würde mir auch, wie wahrscheinlich die meisten Fans, wünschen, dass es in dieser Konstellation, mit einem Trainer aus dem Verein, weitergeht. Den Europa-Bonus hat Hertha verbraucht, ohne groß etwas daraus zu machen. Palko Dardai wird das anders sehen. Er muss das seinem Vater nicht beim Gulasch erklären. Er hat es auf dem Platz getan.

Geschrieben von marxelinho am 08. Dezember 2017.

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04. Dezember 2017

Die Tiefe der Bodenlosigkeit

Wie schon gegen Gladbach vor zwei Wochen gab es am Sonntag im Olympiastadion gegen Eintracht Frankfurt zwei Spiele in einem zu sehen (ich war aus beruflichen Gründen unterwegs und musste mich per Stream zuschalten): Eine knappe halbe Stunde wurde Fußball gespielt, danach gab es noch eine Stunde Gemurkse. Den Unterschied machte unter anderem der Platz. Pal Dardai nannte nach dem Spiel sogar eine genaue Zeitangabe: der winterlich beeinträchtigte Rasen reichte für zwanzig Minuten. Dieses Spiel gewann Hertha mit 1:0, das andere verlor sie mit 0:2, macht in Summe eine Heimniederlage mit 1:2.

Der Trainer reagierte, indem er das Saisonziel revidierte: Drei, vier Punkte möchte er noch aus drei Spielen gegen Augsburg, Hannover und Leipzig. Übersetzt bedeutet das: alles, was nicht direkter Abstiegskampf ist, geht in Ordnung. Nach Augsburg fährt Hertha im Grunde als Außenseiter, denn dort findet tatsächlich "Ausbildung" statt, dort entwickelt sich eine Mannschaft, während in Berlin nach dem Frankfurt-Spiel nicht einmal mehr die üblichen Floskeln zu hören waren. Die Niederlage war einfach zu demütigend, weil einmal mehr unnötig und doch folgerichtig. So gehen auch irgendwann die Aushilfserzählungen aus.

Das erste Spiel lief gut, dauerte aber nicht lange genug. Die aktuelle Königsidee mit der Doppelspitze Ibisevic und Selke, die von links mit Flanken und von der technisch wie taktisch ein wenig versierteren rechten Seite mit Lochpässen und Durchsteckern bedient wird, erwies sich als brauchbar. Selke traf nach Vorarbeit von Leckie, Ibisevic hatte auch Chancen.

Nach einer halben Stunde gab es einen Ausgleich, den man zu diesem Zeitpunkt noch als "gegen den Spielverlauf" (nicht aber gegen den blauweißen Saisontrend grassierender Blauäugigkeit) etikettieren konnte. Danach gab es aber auch keinen Spielverlauf mehr. Die zweite Halbzeit war zum Vergessen. Die Spieler suchten auf dem tiefen Boden nach einem Ball, der ihnen nicht in die eleganten Manöver folgen wollte, mit denen Hertha den Schlüssel zu dem nun mühsamen Spiel suchte. Eleganz, die im Ansatz stecken bleibt, wirkt aber oft umso unbeholfener.

Der Trainer reagierte nach einer Stunde, indem er die Nachwuchsspieler Maier und Mittelstaedt durch Lustenberger und Lazaro ersetzte. Gerade an Arne Maier kann man ganz gut sehen, wie  nivellierend die Mannschaft insgesamt zu wirken scheint. Er wurde innerhalb weniger Wochen von einem auffälligen Talent zu einem fehleranfälligen Routinier und ist derzeit von Skjelbred nicht mehr so deutlich zu unterscheiden, wie es wünschenswert wäre.

Natürlich ist es nicht angebracht, dass Pal Dardai öffentlich sieben Punkte aus den letzten drei Spielen der Hinrunde erwartet. Aber intern muss das der Anspruch sein, denn bisher ist die Saison eine große Enttäuschung. Man gewinnt aber ein wenig den Eindruck, dass die Verantwortlichen nun vor allem auf eine zweite Saisonvorbereitung nach Weihnachten und einen Neustart in der Rückrunde setzen. Befreit von den zusätzlichen Belastungen, um die man nie wirklich gekämpft hat, und die man nun auch endlich wieder los ist.

Stand der Dinge ist jedenfalls, dass man gegen Gegner wie Augsburg und Hannover derzeit kein gutes Gefühl hat, weil Hertha vor allem eines nicht ist: in irgendeiner Form gefestigt. Mit Widerständen (tiefer Boden, unklare Schiedsrichterleistungen, clevere und aufsässige Gegner) kann die Mannschaft nicht umgehen, geschweige denn, dass sie einmal auch ein Zeichen gegen den Trend setzt. Das sind alles langfristige Tendenzen, an denen Pal Dardai letztendlich vor allem zu messen ist. Und da sieht seine Bilanz nur dann akzeptabel aus, wenn man die Ansprüche sukzessive reduziert - wie es in dieser Hinrunde gar nicht klammheimlich geschehen ist.

Um es noch einmal deutlich zu sagen: Vier Punkte als Ziel aus den letzten drei Spielen sind eine Vorgabe an ein letztes Aufgebot. Hertha hat aber bis auf Darida den gesamten Kader mit allen "stillen Reserven" zur Verfügung, und müsste nun, um nicht zu einer der negativen Erzählungen dieses Halbjahres zu werden, zumindest intern nach einer Taktik und einem Schlüssel suchen, um in Augsburg für eine Überraschung zu sorgen. Das de facto Testspiel gegen Östersund stört da natürlich, aber nachdem Hertha schon das ganze halbe Jahr hindurch drei Bewerbe nie so richtig angenommen hat, wird sich dafür schon genügend Personal finden, um daneben eine volle Trainingswoche mit präziser Vorbereitung auf das nächste Ligaspiel zu ermöglichen.

Das Wort Krise hat Pal Dardai gerade mal so wieder aus dem Verkehr gebracht im November, aber de facto hat Hertha schon seit ziemlich langer Zeit eine besonders gefährliche Krise: eine schleichende, oft wieder wegdiskutierbare Krise, die aber doch sehr deutlich ist. Es ist mehr als unklar, ob Pal Dardai der Trainer ist, mit dem Hertha nach inzwischen auch schon wieder nicht wenigen "Übergangsjahren" und neuerdings als "Ausbildungsverein" belastbare Schritte nach vorn machen kann. 21 Punkte nach 17 Spielen (wenn sie denn überhaupt erreicht werden) wären jedenfalls auch statistisch ein Rückschritt, und eine stramme Vorgabe für das nächste Halbjahr. Leider wirkt die Mannschaft nicht so, als würde sie an Aufgaben wachsen.

Geschrieben von marxelinho am 04. Dezember 2017.

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03. November 2017

Das Schattenkabinett tritt aus dem Schatten

Es war eine interessante Mischung aus Trotz und Kühnheit, mit der Pal Dardai das UEFA Europa League Heimspiel gegen FC Zorya Luhansk anging. Bei der Pressekonferenz vor dem Spiel gab er sich schlecht gelaunt, und man konnte fast schon den Eindruck bekommen, dass ihm an diesem Bewerb nicht mehr viel gelegen ist ("bald wird weniger Spiele geben", das klang nicht nach unbedingtem Willen, im Frühjahr noch im Bewerb zu sein).

Der relativ sichere 2:0-Sieg am Donnerstagabend war dann aber auch Ausweis eines sehr gescheiten Personalmanagements: Mit Torunarigha und Mittelstädt in der Viererkette, mit Maier als Skjelbred, und mit Selke als Goalgetter war das eine Formation, die nicht so sehr nach Rotation aussah, sondern nach einer Mischung aus Schattenkabinett und Dreijahresplan.

Ich sah das Spiel aus einer für mich ungewohnten Perspektive, weil ich eine Karte in der Ostkurve bekommen hatte. Es war ein großartiges Erlebnis, nicht nur wegen der Stimmung, sondern auch wegen der Perspektive: die Breite des Felds, und ein Spiel, das ständig auf dich zukommt - jedenfalls, wenn Hertha so offensiv spielt, wie es am Donnerstag war. In der zwoten Halbzeit kam dann auch das Spiel von Luhansk das eine oder andere Mal auf uns zu, vor dem zweiten Treffer hatte es auch eine seriöse Ausgleichschance gegeben.

Man konnte die Aufstellung so ein bisschen wie einen aktuellen Themenzettel bei Hertha lesen: das Comeback von Mittelstädt machte bewusst, dass auch Plattenhardt einen "understudy" braucht. Stocker im defensiven Mittelfeld schloss an eine Idee aus dem Sommer an, die vielleicht zu schnell zu den Akten gelegt worden war. Die Kombination Maier-Stocker-Duda erwies sich als variabler als das in der Liga meist deutlich konservativere Mittelfeldspiel. Selke ist immer noch auf dem Weg in die Stammformation, es ist aber offensichtlich ein guter Weg. Kalou, dem das Tempo schon fehlt für die wirklich entscheidenden Momente, ist ein Topmentor für so eine Mannschaft.

Eine kleine Extrabemerkung zu Jordan Torunarigha: Mit seiner Stilistik hat er das Zeug zu einem absoluten Kultspieler. Er bewegt sich ein bisschen so, als würde er sich über sein virtuelles Double lustig machen (ich spiele nie digital Fußball, aber ich nehme an, es gibt ihn dort schon). Auf ihn können wir auf jeden Fall sehr gespannt sein.

Mit diesem Sieg hat Hertha (oder Gertha, wie viele Fans von Luhansk sagen würde, die auch Gitler sagen, wenn sie Hitler meinen, und Lugansk, wenn sie sagen, dass sie aus Luhansk kommen) in der Gruppe noch Chancen. Es würde wohl einen Sieg in Bilbao brauchen, damit das abschließende Heimspiel gegen Östersund noch spannend sein kann. Aber da kann Hertha sich ein Vorbild bei dem gestrigen Gegner nehmen: Luhansk hat in Bilbao gewonnen, in Berlin gab es eine verdiente Niederlage. Ergibt nach Adam Riese, dass Hertha in Bilbao klarer Favorit ist.

Auch wenn der Fußball natürlich solche Logik ständig ad absurdum führt, hat der Abend mit dem 20000 Superfans im Oly gezeigt, dass der Bewerb es wert ist, dass man um ihn kämpft. Pal Dardai sieht die Europa League offensichtlich eher als eine Art Praktikum, aber gerade deswegen ist sie so wertvoll. Nach ein paar dürren Wochen, zu denen das HSV-Spiel durchaus noch zu zählen ist, ist nun das Jahresthema wieder da: einen tiefen Kader mit flacher Hierarchie zu schaffen, in dem Spieler einander positiv unter Druck setzen.

Jetzt kann man nur hoffen, dass sich die Energie vom Donnerstag nicht auf dem kurzen Weg in die Autostadt (und beim Wechsel zu einer weniger experimentellen Elf) wieder verflüchtigt, und der alte Trott zurückkehrt.


Geschrieben von marxelinho am 03. November 2017.

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29. Oktober 2017

Stabile Seitenlage

Fußball ist ein Sport, bei dem (halbwegs) organisierte Bewegung zu Zahlenreihen führt. Es bräuchte also im Grunde das Erzählen gar nicht, denn das, was auf dem Platz passiert, sieht man, und danach kann man die Tabelle lesen. Damit wäre der windige Samstagnachmittag in Berlin wahrscheinlich auch angemessen verhandelt: Hertha BSC - Hamburger SV 2:1 (Halbzeit 1:0). Das ergibt in der Summe der bisherigen Saison die ausgeglichen wirkende Bilanz von drei (Heim-)Siegen, vier Unentschieden und drei Niederlagen (gegen Dortmund, Schalke und Mainz), eine Tordifferenz von minus 1 (bei elf erzielten Toren), 13 Punkte und Platz 10 (der am Sonntag noch an Augsburg gehen könnte).

Hätte der HSV nicht in der zweiten Halbzeit noch einen Anschlusstreffer erzielt, wäre das alles ganz herrlich ausbalanciert, denn dann wäre mit einer Tordifferenz von 0 auch deutlich sichtbar gewesen, dass Hertha derzeit in beide Richtungen offen ist. Oder vielleicht sogar genauer: in beide Richtungen geschlossen. So halbwegs jedenfalls.

Denn in den Details lauern die Geschichten, und aus den kleinen Geschichten werden Erzählungen. Die Erzählung der vergangenen Woche war die einer (von außen) "hereingeredeten Krise" (Pal Dardai) oder einer "Negativspirale" (Sebastian Langkamp). Die Krise - über die man natürlich genauer sprechen muss - wurde durch zwei Kopfballtreffer von Stark und Rekik nach Eckbällen von Plattenhardt und Weiser abgewendet. Der Gegentreffer war dagegen eher noch Krisenmodus, denn einmal mehr ließ sich da die ganze Formation einen Ball in neuralgischen Zonen um die Ohren spielen.

Dem HSV reichte schließlich aber nicht einmal eine merkwürdig überproportionierte Nachspielzeit von vier Minuten für den Ausgleich, sodass wir uns ein bisschen entspannter der Frage zuwenden können, welcher Art die Krise von Hertha ist oder war - und ob sie abgewendet worden ist, nie existiert hat oder vielleicht immer noch besteht?

Ich neige zu der dritten Möglichkeit, würde dabei aber gern genauer fassen, um was für eine Krise es geht. Ich würde von einer Lernkrise sprechen. Pal Dardai greift ja selbst gern immer wieder auf den Topos von einem Ausbildungsverein zurück, zuletzt klang das aber schon manchmal nach einer Ausrede dafür, dass bei Hertha derzeit keine Fortschritte erkennbar sind. Und wenn ich neulich die Zwischenbilanz seines Wirkens bei Hertha mit dem Wort Stagnation benannt habe, dann liegt das an bestimmten einfachen Tatsachen, an denen sich nie wirklich etwas geändert hat, die aber grundlegend für die Schwierigkeiten der Mannschaft sind.

Hertha tut sich schwer, das (oder ein) Spiel zu machen. Das ist - im Kommentatorendeutsch - der Grundbefund. Aber warum ist das so? Ein Faktor ist sicher die individuelle Qualität der Spieler. So konnte man gegen den HSV sehen, dass Lazaro (derzeit noch?) in etwa die Qualität hat, die Haraguchi auch hat (und die ihn seinen Stammplatz gekostet hat). Defensiv würde ich Lazaro sogar als schwächer als Haraguchi einschätzen. Er ist aber nun einmal ein Neuzugang, und muss natürlich seine Chancen bekommen.

Lazaro war auch keineswegs der Schlüssel für die Schwierigkeiten, gegen den HSV ein Spiel zu machen - auch wenn es frustrierend ist, wenn die offensiven Spieler ihre raren Momente vergeuden. Der Schlüssel zu den Hertha-Problemen liegt im defensiven Mittelfeld - und zwar seit der Bestellung von Pal Dardai zum Cheftrainer (de facto noch viel länger, aber es macht keinen Sinn, hier noch einmal das Fass aufzumachen, in dem Niko Kovac lange der Berliner Diogenes war). In der Konstellation Skjelbred-Stark war die Doppelsechs im defensiven Mittelfeld am Samstag noch ein bisschen flacher als sonst. Vor allem aber lohnt es sich, den beiden zuzusehen, wenn Hertha von ganz hinten das Spiel eröffnen muss.

Dass von Langkamp und Rekik keine interessanten längeren Bälle kommen, damit kann man sich abfinden - auch wenn es dem Ziel einer integrierten Mannschaftsleistung und einer variablen Spielanlage nicht dienlich ist. Dass Skjelbred und Stark aber in dieser Situation in der Nähe eines Gegenspielers einfach herumstehen, weil sie ganz fest davon ausgehen, dass der Ball sowieso nach außen gehen muss, das ist eine der großen Merkwürdigkeiten, die aber bei Hertha (in unterschiedlichen personellen Besetzungen) ganz normal sind.

Zu Saisonbeginn gab es in so einer Situation oft noch eine Dreierreihe, weil sich einer aus der Doppelsechs zurückfallen ließ (dann schaltete der andere eben allein ab), diese Variante war aber nichts anderes als eine taktische Verstetigung des Umstands, dass Hertha nur über außen aufbauen will. Inzwischen ist man von dieser Variante mit Aufbaulibero auch wieder weitgehend abgekommen, weil sie nicht viel mehr ergab als das, was schon davor die Regel war - nämlich Spiel über die Seite. Die Seite hat bei Hertha selten eine zweite.

Wie könnte eine Spieleröffnung aussehen, mit der jenes Tempo entsteht, das den Gegner zu Fehler zwingt? Die Lösung ist so naheliegend, dass sie anscheinend niemandem einfällt. Es müssten sich einfach nur alle bewegen. Und zwar gar nicht hektisch und mit sinnlosen Sprints, sondern so, dass sich in dem Bereich, in den das Spiel geht, immer vier, fünf Spieler für die Situation zuständig fühlen, dass sie mit ihren Bewegungen Optionen anbieten und dem Gegner Dilemmata. Bei Hertha fühlen sich aber immer nur zwei bis drei Spieler in eine Situation einbezogen.

So kommt es fast nie zu der eigentlich logischen Variante, dass der Ball über die Außenposition in die Mitte geht (dort allerdings eine Reihe weiter vorn, wozu Plattenhardt allerdings auch einmal seinen rechten Fuß benützen müsste, nachdem nun allerdings sein linker so MAGISCH ist, sei ihm das halt erspart), und von dort in verschiedene Richtungen. Der alte Topos von den Dreiecken, über die man nach vorn kommt, gilt bei Hertha nicht, weil das zentrale Mittelfeld dafür keine Eckpunkte (Anspielmöglichkeiten) anbietet. (Arne Maier fällt deswegen auf, weil er das schon ein wenig anders macht.)

Ergo Plattenhardt oft wieder auf Rekik, und dann ein langer Ball (und analog auf der anderen Seite). Die "Krise" von Hertha liegt darin, dass die paar Halbzeiten, in denen sich dieses Jahr schon ein anderes Spiel angedeutet hat (Leverkusen, Hoffenheim), derzeit wieder vergessen scheinen. Das hat natürlich auch mit Integrationsfragen zu tun: Ibisevic muss mitgeführt werden, Selke herangeführt, Duda darf nicht jetzt schon abgeschrieben werden (auch wenn sein Stil ihn dafür zu prädestinieren scheint), Lazaro muss positionell erst einmal ausprobiert werden.

Der Sieg gegen den HSV hat wieder einmal gezeigt, dass eine Mannschaft wie Hertha wirklich bei jedem Standard maximale Konzentration braucht (in diesem Fall hat auch Weiser sie gezeigt). Der erste Treffer durch Stark war eigentlich ein Klassiker (Hertha hat solche Tore auch schon markant kassiert, ich denke an Gentner vom VfB Stuttgart). Das zweite war glücklicher, das kann man auch eigentlich nicht verteidigen, denn ein exzellent getretener Eckball kommt einfach irgendwo dort an, wo der Keeper nicht hinkommt, und wo sich auf einer Linie vier, fünf Köpfe bereithalten, die nicht bis ins letzte Detail reagieren können. Bei Rekik passte es dann genau, Ibisevic war knapp dran, und doch hatte er keine Chance auf diesen Ball.

Krisen sind immer auch Anpassungskrisen. Bei Hertha sind wir es gewöhnt, die Ansprüche ständig anzupassen. Derzeit zum Beispiel den Anspruch, dass das Wort vom "Ausbildungsverein" nicht im Sinne einer Ausrede gebraucht wird. Wenn schon, dann auch Lernerfolge. Lernen ist immer Detailarbeit. Und von diesen Details ist derzeit eher wenig zu sehen. Das ist die Krise. Der Heimsieg gegen den HSV hat sie nur numerisch behoben. Sie ist nicht dramatisch, aber man sollte ihr doch abhelfen.

Geschrieben von marxelinho am 29. Oktober 2017.

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Jörg (am 29. Oktober 2017)

Was ich beim Spiel gegen Köln als besonders frustrierend empfand, das war, dass Hertha etwa 30 Minuten gut gespielt hat, gut und dynamisch stand, so dass ich den Eindruck hatte, es ist nur eine Frage der Zeit, bis das erste Tor für Blau-Weiß fällt. Dann kam eine Kombination von Fehlern, die der Gegenmannschaft das erste Tor ermöglichte. Daraufhin wurde Hertha immer unruhiger und verzweifelter, bis es am Ende ein Fiasko wurde, nicht unbedingt vom Ergebnis, sondern von der Spielweise. Mehrfach war man im Angriff so unkoordiniert, dass man sich entweder auf den Füßen stand oder gar beide Stürmer dem jeweils anderen den Vortritt lassen wollten (vor allem Selke sah nicht gut aus). Vor dem gestrigen Spiel hätte ich nicht gewußt, wie man darauf reagieren soll. Von der Taktik der Aufstellung gegen Hamburg war ich dann auch überrascht. Es stand wieder sehr viel Erfahrung auf dem Platz. Langkamp, Kalou, Ibisevic, Pekarik. Und nicht nur das, die Spielanlage war auch so, wie ich sie von vor etwa einem oder zwei Jahren bei Hertha kannte. Zwischendurch glaubte ich auch ein leicht verschobenes 4-3-3 erkennen zu können. Und gleichzeitig habe ich Stark und Lazaro als sehr gut empfunden (Lazaro vielleicht nur im Vergleich zu Kalou und Ibisevic). Für mich sah das gestern gegen den HSV also aus wie ein Rückgriff auf Altbewährtes mit Einsprengseln von Neuem. Hoffentlich war das nicht der Anfang des Verzichts auf die neue Idee der Spielanlage, wie ich sie gegen Leverkusen noch so bewundert habe. Hoffentlich war das nur der Erweis, dass Hertha inzwischen sehr unterschiedliche Spielstrategien für unterschiedliche Anforderungen im Repertoire hat.
15. Oktober 2017

Eine Frage der Abstände

Von einem Schlüsselspiel hatte der Trainer vor dem Aufeinandertreffen mit Schalke 04 gesprochen. Er wurde dann leider am Samstag auf eine Weise bestätigt, die er nicht gemeint haben wird. Hertha traf auf eine der Mannschaften, die im Vorjahr nicht in der Lage waren, Ambitionen auf Europa geltend zu machen. Hertha traf damit auf eine der Mannschaften, die jene Lücke gelassen hatten, in die sie selbst ("halb zog sie hin, halb sank sie hin") gestoßen war. Für die neue Saison ist noch offen, ob es diese Lücke wieder geben wird - oder ob Hertha inzwischen selbst über die Qualität verfügt, internationale Ambitionen aktiv und mit Nachdruck geltend zu machen.

Das Ergebnis (und die Erkenntnis) war ein wenig ernüchternd: 0:2, eine knappe, insgesamt aber verdiente Niederlage in einem Spiel, das in der Berichterstattung bisher zu schlecht wegkommt. Ich empfand es als ungeheuer spannend, allerdings vor allem in den Details.

Die erste Halbzeit war jedenfalls Rasenschach auf höherem Niveau. Hertha brauchte eine Weile, bis die Mannschaft sich auf das System von Domenico Tedesco eingestellt hatte. Insgesamt muss man wohl auch von einem Sieg der Taktik oder der Formation oder der Konzeption sprechen. Denn gegen das sehr variable 3-4-3 oder 3-1-4-2 gelang es nie, das Heft des Handelns in die Hand zu bekommen. Es war alles eine Frage der Abstände.

Hertha war sehr damit beschäftigt, nicht nur konkret die Lücken zuzulaufen, sondern auch die zwischen einer Schalker Formation, die viel häufiger zwischen die berühmten Linien kam, und der eigenen 4-5-1-Orthodoxie. Meyer auf der Sechs und der junge Harit waren viel wirksamer als Skjelbred und Darida, die kaum einmal Momentum bekamen - und wenn, dann spielte S04 einfach ein Foul. Insgesamt waren es 20, aber alle waren besser dosiert als das eine, mit dem Haraguchi sich kurz vor der Pause aus dem Spiel verabschiedete: glatt Rot wegen einer impulsiven Grätsche.

Die Betreuer opferten in der Pause Duda (der mir weiterhin vielversprechend erscheint, es hätte auch seine zweite Halbzeit werden können) und Kalou, der als Mittelstürmer keinen Auftrag hatte. Bald danach nützte Harit den zusätzlichen Raum für einen klugen Lauf in den Strafraum, und Darida war ungeschickt genug, ihm ein Bein anzubieten. Den Elfmeter verwertete Goretzka sicher, obwohl Jarstein sogar noch an den Ball kam.

Darida vergeudete später, kurz vor dem 0:2, auch noch einen vielversprechenden Freistoß, den er sinnlos ins Nirgendwo schoss - also doch ein markant missglückter Nachmittag für einen Schlüsselspieler. Das Siegel auf die Niederlage kam von Rekik, der im eigenen Strafraum an den Ball kam, ihn dann aber eine gefühlte Ewigkeit lang nicht los wurde (werden wollte), sodass Burgstaller ihn von hinten wegspitzeln konnte - Naldo spielte ihn elegant gleich wieder in die Gasse des Stürmers, der ohne Umstände verwertete. So was nennt man vielleicht einen Rebound.

Ohne die Dummheit von Haraguchi wäre vielleicht etwas drinnen gewesen für Hertha, denn die Tendenz sah zu diesem Zeitpunkt doch danach aus, dass das Spiel zunehmend ausgeglichener schien - allerdings fast ausschließlich zwischen den Strafräumen. So aber hat es mit diesem Ergebnis seine Richtigkeit. Es ist eine Richtigkeit, durch die sich Tedesco zum ersten Mal deutlich bestätigt sehen kann - und bei Schalke sieht es nun deutlich danach aus, dass der mit Fleisch- und Ölmillionen gemästete Traditionsclub zum ersten Drittel der Liga aufgeschlossen hat (im Übrigen mit einer Mannschaft, die durchaus "schlank" und hausgemacht ist und keineswegs zusammengekauft).

Hertha aber steht zwei Punkte über dem Relegationsplatz und spielt kommenden Sonntag in Freiburg auch gegen die Tendenz, endgültig in den Abstiegskampf hineinzurutschen - noch sind die Abstände in der Liga zu klein, um davon zu sprechen, aber vor allem die zwei versäumten Punkte gegen Werder (in einem unerklärlich untermotivierten Auftritt) fehlen doch deutlich. In den ersten acht Spielen hat Hertha nun gegen vier aus den designierten Top 6 gespielt, das spielt eine Rolle - allerdings ist unter diesen Top 6 auch noch (mindestens) ein Platz frei.

In der eigenen Preisklasse (Rest der Liga) muss die Mannschaft aber nun zeigen, dass sie sich durchzusetzen vermag. Anzeichen für Qualität sind da, es müssen aber wirklich alle Elf jederzeit topkonzentriert sein, zerstreute Standards (Darida) oder unkontrollierte Emotionen (Haraguchi machte dieses Mal den Ibisevic) müssen vermieden werden, denn es ist alles ungeheuer eng in diesem Bewerb.

Jetzt kommt aber erst einmal die Runde 3 in der kurios auf den Kopf gestellten Europa League-Gruppe. Ich wäre natürlich gern nach Lemberg gefahren, es geht aber leider nicht, und weil ich ja schon einmal dort war, lässt sich das auch verschmerzen.


Geschrieben von marxelinho am 15. Oktober 2017.

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Jörg (am 15. Oktober 2017)

Mich hat besonders die Einwechslung von Davie Selke gefreut. Er war häufig für hohe Bälle aus der eigenen Hälfte anspielbar und hat diese Bälle per Kopf weiterleiten können. Das war zum Teil noch ungenau, zum Teil kam es beim Mitspieler an, und nie entstand daraus eine wirklich gefährliche Situation. Dennoch hatte ich das Gefühl, dass dem Hertha-Spiel damit eine neue Variante hinzugefügt wurde, die ab jetzt ausgebaut und verfeinert werden kann. Unterm Strich hat Hertha im Sturm immer noch zu wenig Optionen. Kalou hatte gestern nicht unbedingt die Form für die Startaufstellung, Selke muss langsam an den Betrieb wieder herangeführt werden. Warum gibt es keine Stürmer aus der U23, die in dieser Situation in die Mannschaft nachrücken können? Man sieht schon sehr deutlich, dass die Mannschaft derzeit etwas überspielt ist.
Natalie Keil (am 15. Oktober 2017)

Ja, Gelsenkirchens Matchplan ist aufgegangen. Letztlich hat sich Haraguchi provozieren lassen. Mich hat ziemlich geärgert, daß der Unparteiische nicht 3-4x Gelb dem Gegner zeigte. Das hätte das Spiel insgesamt etwas beruhigt und ggf auch nicht zu unserer Roten geführt. Ob wir dann was geholt hätten, läßt sich nicht mehr erfahren. So richtig sah es nicht danach aus. Dardais Matchplan hat jedenfalls versagt. Nach gestern bin ich mir auch sicher, daß Haraguchi kein St(amm)artelf-Spieler ist. Jeder vermeintliche Durchbruch zu Konstanz bleibt am Ende doch bloß wieder ein singuläres Ereignis. Meine Hoffnung auf mehr bei ihm hat sich zerschlagen. Duda hätte ich gerne auf dem Platz belassen. Zweikämpfer wie Leckie hätte ich gerne viel eher gesehen, auch Selke, der ist echt ein Koffer und war schon durch seine bloße Physis eine Bereicherung. Naja. An dem Spieltag haben wir erstmal Plätze gelassen. Schade.
07. August 2017

Der Himmel über Kapfenberg

Die kleine Stadtgemeinde Schladming in der Steiermark (oder, wie fiese Österreicher gern sagen, in der Sankt Eiermark) liegt gar nicht so weit entfernt von dem Ort in Öberösterreich, aus dem ich komme. Man muss nur einmal über den Pyhrnpass (oder unten durch den Bosrucktunnel) und dann ein wenig in westlicher Richtung durch das Ennstal - schon ist man in Schladming. Als gebürtiger Österreicher denke ich dabei in erster Linie an Wintersport, nun denke ich natürlich an Hertha BSC.



Am Samstag habe ich in Windischgarsten, wo die TSG 1899 Hoffenheim diesen Sommer trainiert hat, einen Zug nach Bruckmur bestiegen (Bruck an der Mur, Bahnknotenpunkt in der Mur-Mürz-Furche, einer seinerzeit bedeutenden österreichischen Industrieregion). Von dort nahm ich ein Taxi nach Kapfenberg, wo um 18 Uhr im Franz-Fekete-Stadion ein Freundschaftsspiel zwischen Hertha BSC und Galatasaray Istanbul angesetzt war.

Bei dem Stichwort Kapfenberg denkt in Österreich jeder sofort an einen berühmten Satz von Helmut Qualtingers Kunstfigur Travnicek, der außerhalb der engeren Heimat nichts gelten lassen mag, und der sich deswegen auch geringschätzig über die spanischen Stierkämpfe äußert. Er hat von Spektakel ganz andere Vorstellungen. "Simmering-Kapfenberg, das nenn i Brutalität."

Eine Begegnung zwischen Simmering und Kapfenberg ist derzeit im regulären Spielbetrieb nicht möglich, denn der KSV 1919 (Kapfenberger Sportverein) spielt in Österreich immerhin Erste Liga (d.h. zweite Liga), während der 1. Simmeringer SC in der zweiten Wiener Landesliga herumgrundelt, wie man in Österreich sagt. Bemerkenswert ist für einen Herthaner das Gründungsjahr des Vereins aus Simmering: 1892!

Das Heimstadion des KSV 1919, benannt nach einem sozialdemokratischen Langzeitbürgermeister mit ungarischer Verwandtschaft, war also am Samstagabend Austragungsort des letzten Testspiels von Hertha BSC in diesem Sommer. Die Fans des türkischen Spitzenclubs saßen auf der Haupttribüne, die zahlenmäßig deutlich unterlegenen Fans von Hertha auf der Murauer Tribüne. Wir hatten eindeutig den besseren Blick, denn neben dem Spiel gab es auch die ganze Zeit beeindruckende Himmelserscheinungen. Das Gewitter blieb aber in der Ferne, es zeigte sich nur in immer neuen Wolkenformationen.



Hertha gewann das Spiel nicht unverdient mit 2:1, wobei die Formation in vielerlei Hinsicht (Pekarik/Weiser, Skjelbred/Darida, Ibisevic/Esswein/Duda) noch nicht wie der Weisheit letzter Schluss aussah. Deutlich erkennbar war jedenfalls, dass die Systemalternative zwischen Dreier- bis Fünferkette sich in diesem Jahr vermutlich für die meisten Teams erledigen wird - sie werden, wie Hertha das auch angedeutet hat, alle diese Möglichkeiten situationsbedingt in einem Spiel verwenden.

Das wird zum Beispiel Salomon Kalou zugutekommen, der bei Spieleröffnung Hertha ein Stück nach innen geht, weil Plattenhardt dann im Grunde an der Mittellinie steht. Skjelbred (später hoffentlich bald Stark) lässt sich auf die  Beckenbauerposition fallen. Insgesamt war ein Bemühen um ein schnelleres, trickreicheres Spiel zu erkennen. Vor allem in Halbzeit zwei gab es aber auch zahlreiche Chancen für Galatasary.

Die Fahrt nach Kapfenberg habe ich als Vorgeschmack auf dieses Jahr genommen. Denn in der Europa League könnte es ja durchaus ein paar eher entlegene Reiseziele geben. Dafür muss ich dann vielleicht doch irgendwann eine etwas bessere Kamera kaufen, denn mit meinem 100-Euro-Touristenapparat komme ich nicht weit. Immerhin aber habe ich dieses Mal von beiden Toren entscheidende Momente eingefangen: den Kopfball von Rekik, und den schnell ausgeführten Freistoß, mit dem Mitchell Weiser den Siegestreffer vorbereitete.






Aus dem vielversprechenden Anlass habe ich auch eine Tradition wieder aufgenommen, die ich längere Zeit vernachlässigt habe: das Selbstporträt "auf fremden Pfaden". Marxelinho war im Franz-Fekete-Stadion. Es war super.


Geschrieben von marxelinho am 07. August 2017.

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23. April 2017

Es werde Werder

Unvermutet kommt es kommendes Wochenende zu einem Topspiel in der Liga, von dem allerdings noch nicht ganz klar ist, ob man es nicht vielleicht mit einem Duell gegen den Abstieg verwechseln könnte: Hertha auswärts gegen Bremen, ein Spiel um Platz 5, das ohne Weiteres die Charakteristika eines Spiels gegen Platz 16 haben kann.

Hertha hat gegen Wolfsburg eine schon etwas in Vergessenheit geratene Tugend ausgepackt: Effizienz. Das 1:0 reicht, um Platz 5 zu festigen. Bremen hingegen hat in Ingolstadt eines dieser wogenden Duelle gewonnen, wie sie für die entscheidenden Wochen im Kampf um das Klassenerhalt typisch sind. Und plötzlich steht die Mannschaft auf einem europäischen Platz. Wir erinnern uns dabei natürlich daran, dass Bremen es war, die in dieser Saison zum ersten Mal die Festung Olympiastadion geknackt haben.

Der Sieg gegen Wolfsburg war in zweifacher Hinsicht verdient: der Gegner stellte sich nämlich einigermaßen dumm an, und Hertha steigerte sich nach gewohnt mäßiger erster Halbzeit immerhin so weit, dass derr einzige Treffer durch Ibisevic eine zumindest minimale Folgerichtigkeit hatte.

Der entscheidende Faktor, der ein insgesamt schwaches Spiel prägte, war für meine Begriffe der engagierte Auftritt von Darida. Zum ersten Mal seit längerer Zeit deutete er wieder einmal an, dass er ein idealer Umschaltspieler ist. Wenn Darida in Form ist (was er seit Ewigkeiten nicht war), dann wird aus Herthas zentralem Mittelfeld ein Faktor für das Spiel (und nicht bloß bestenfalls eine neutraliserte Zone).

Allerdings hätte es zu diesem Zeitpunkt nach ungefähr zwei Dritteln schon mehrere Tore für Wolfsburg geben müssen, weil vor allem John Brooks zu Beginn eher lässig in Feldherrenmanier Laufaufträge an Nebenspieler signalisierte, obwohl ganz eindeutig er selbst für den Zweikampf zuständig war. Die letzte Linie war in der ersten Phase eher ein Spalier, durch das die grünen Männchen beflissen gewunken wurden.

Sehr allmählich ließ Hertha sich auf dieses Spiel ein. Dann allerdings war sogar so etwas wie die taktische Grundkonzeption dieser Mannschaft erkennbar. Sie ist ja auch nicht superoriginell, denn sie beruht auf einem konsequenten Flügelspiel, das allerdings selten zustandekommt, weil es dazu Tempo braucht - was der Gegner in der Regel verhindert.

Mitchell Weisers Faktor für das Spiel von Hertha hat sehr viel mit dieser Fähigkeit zu tun, von der offensiven (oder sogar besser noch: von der defensiven) Außenposition in Richtung Sechzehnereck zu gehen (Esswein probiert das auch manchmal, mit weniger Erfolg). Das stiftet manchmal ausreichend Verwirrung für interessante Manöver. Gegen Wolfsburg musste hingegen eine klassische Flanke reichen, die Esswein in die Mitte brachte. Schießen und flanken kann er eindeutig. Da hat er Haraguchi etwas voraus.

Hertha hat in der zweiten Halbzeit nur das Allernötigste getan, was eine spielende Mannschaft tun muss, um Platz 5 in der Liga auch irgendwie durch Qualität und Initiative zu legimieren. Aber das immerhin war zu sehen. Da Gomez noch eine weitere Riesenchance vergab, reichte der eine Treffer von Ibisevic.

Der Sieg nimmt enorm viel Druck aus der Saison. Denn so schlecht wie im Vorjahr kann die Rückrunde nun nicht mehr enden. Hertha kann auch Spiele nach Ostern gewinnen. Nun kommt ein Gegner, der vieles ist, aber sicher nicht übermächtig. Hertha war in dieser Saison am besten meist in offenen Spielen. Und dann kommen die Dosen ins Olympiastadion, wie sie von Freunden spöttisch genannt werden.

Das wird dann ein Spiel, in dem Hertha sich wirklich positionieren kann, über die Tabelle hinaus. Denn die Tabelle, seien wir ehrlich, lügt zwar nicht, aber sie erzählt nicht die Geschichten dieser Saison, in der die Topdivision einer des wichtigsten Fußballländer der Welt auf einen kollektiven Selbstfindungstrip gegangen ist.

Mit seinem mustergültigen Tor, bei dem niemals zu klären sein wird, ob es herausgespielt oder bloß erkontert wurde, hat Vedad Ibisevic Hertha einen wichtigen Hinweis auf die wünschenswerte Identität gegeben: eine Fußballmannschaft ist ein Verband von Spielern, die gemeinsam Tore erzielen wollen. Zur Not reicht eines, aber irgendwann sollte doch ein wenig besser erkennbar werden, dass man Fußball auch mit Begeisterung spielen kann, und zwar ohne deswegen die elementaren Tugenden zu vernachlässigen.

Bis dahin lassen wir die schnöden Arbeitssiege von Hertha eben als Andeutung gelten.

Geschrieben von marxelinho am 23. April 2017.

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01. April 2017

Junge, Junge

Maximilian Mittelstädt bleibt nach diesem Freitagabend eigentlich gar nichts anderes übrig, als eine große Karriere zu haben. Denn in seinem ersten großen Ligaspiel mit richtig Verantwortung war er der Pechvogel par excellence, alle Szenen, die entscheidend zum 1:3 von Hertha gegen Hoffenheim beitrugen, hatten mit ihm zu tun. Und doch kann man ihm nicht wirklich viel vorwerfen, denn hoch verdiente, erfahrene Profis wie der Kapitän Vedad Ibisevic begingen vergleichbare Fehler.

Das Heimspiel gegen Hoffenheim war in vielerlei Hinsicht von besonderer Bedeutung. Hertha hatte eine stolze Heimbilanz zu verteidigen, ein Sieg hätte bedeutet, Hoffenheim in Reichweite zu halten und im Grunde sogar noch um die Champions League-Qualifikation mitspielen zu können. Zudem begann am Freitag nach der Länderspielpause die dichteste Phase des Jahres. Von nun an ist Endspurt.

Und Hertha begann gut. Auffällig weit vorn nahm sie das Spiel an, suchte nach der Balleroberung schon im ersten Drittel des Gegners. Hoffenheim zeigte, dass die Tabellenposition kein Zufall ist. Die erste halbe Stunde war ein intensives, taktisch geprägtes Duell auf Augenhöhe, mit konzentrierter Defensive auf beiden Seiten - zwei hoch integrierte Mannschaften bearbeiteten sich nach allen Regeln des Raumraubs und des abgesicherten Zweikampfs.

Der Führungstreffer hatte mit der Spielanlage zu tun. Per Skjelbred, sonst oft ein reiner Zerstörer, neben Niklas Stark nun aber mit (nicht vielen) offensiven Akzenten, bekam im Mittelfeld den Ball - und er ging nach vorn. Der Pass auf Kalou kam im rechten Moment, dessen flache Hereingabe kam exzellent zu Esswein, der übernahm volley, traf aber den Ball nicht, jedenfalls fast nicht. Der Abpraller fiel perfekt für Pekarik, der mit einem satten Schuss ins kurze Eck abschloss.

Der Jubel des Torschützen, der solche Situationen kaum kennt, die innige Freude des Coaches, das alles hätte einem tollen Abend den Weg bereiten können. Aber dann kam bald darauf die Szene im eigenen Strafraum, in der Mittelstädt den Ball an die Hand bekam. Gegen den Elfmeter hatte Jarstein keine Chance, aber selbst diese hätte er beinahe genützt. (Dieser Satz ist grammatikalisch Unsinn, gebe ich zu.)

Der Ausgleich vor der Pause knockte Hertha schwer an. Ibisevic hätte eigentlich vom Platz gemusst, der Kapitän war heiß, er ging wütend in die Zweikämpfe, eine erste gelbe Karte bekam er wegen einer aufbrausenden Reaktion auf eine Zweikampfbewertung (Foul, zu Recht), die zweite ersparte ihm der Schiedsrichter, obwohl auch dieses Foul eindeutig zu einer Verwarnung hätte führen müssen.

Maximilian Mittelstädt hatte seine erste gelbe Karte für das Handspiel bekommen, die zweite gab es dann nach knapp einer Stunde. Sie war wieder unglücklich, denn der junge Herthaner traf den Ball, rutschte mit dem Ball blöd aus, Amiri wand sich vor Schmerzen. Wie sagt man zu so einer Situation? "So darf man in so einer Situation nicht hineingehen." Pech, Unerfahrenheit, gebrauchter Tag. Mittelstädt hatte eine eigentlich ein gutes Spiel gemacht.

Hertha hat (noch) keine Mannschaft, die in einem Spiel über sich hinauswachsen kann, die auch einmal etwas gegen den Trend schaffen kann. Für einen "uphill struggle" fehlt es ihr an vielem, vor allem aber wohl an positiven Erfahrungen. Dieses Team hat einfach noch zu wenige Spiele gedreht, hat kaum Erinnerung an heroische Fights mit 10 gegen 11. Wenn Hertha gewinnt, dass meistens schmucklos und ohne große Story.

Das merkte man dann auch gegen Hoffenheim in der letzten halben Stunde, als ein Sieg schon recht unwahrscheinlich schien, und eher die Frage war, ob vielleicht ein Punkt zu retten wäre. Der naturgewaltige Niklas Süle, der zu diesem Zeitpunkt schon einen halben Stürmer spielte, weil Ibisevic ausgewechselt war, sorgte mit einer Granate aus 25 Metern für die Entscheidung.

Hertha musste also abreißen lassen. Hoffenheim hat jetzt acht Punkte Vorsprung. Damit ist die Sache klar, und zwar im Sinne des deklarierten Saisonziels: Platz 5 oder 6 ist bei seriöser Leistung in den letzten acht Spielen eine reelle Möglichkeit. Die erste Halbzeit gegen Hoffenheim war jedenfalls ausgeglichen, und zwar auf einem anderen als einem rein taktischen Niveau. Hertha hat Fußball gespielt.

Der Kader gibt allerdings Grund zur Sorge. Es fehlt ein bisschen an Alternativen. Esswein konnte sich nicht wirklich für weitere Auftritte in der Startelf empfehlen. Darida spielt seit Wochen auf eine rätselhafte Weise anonym. Ibisevic ist gegen Gladbach gesperrt, da muss dann wohl Allagui ran. Na ja. Immerhin hatte Torunarigha seinen ersten richtigen Auftritt für die erste Mannschaft (nach einer Schnupperminute gegen Ingolstadt). Und das Dreieck Brooks - Stark - Langkamp könnte noch einmal richtig berühmt werden. Das steckt Kult drin, auch wenn Stark es war, der gegen Süle zu spät kam.

Marvin Plattenhardt sah sich die Sache von der Tribüne aus an. Er ist einer der wenige Spieler bei Hertha, die den Unterschied ausmachen können. Maxi Mittelstädt hat am Freitag leider den Unterschied in die andere Richtung ausgemacht. Aber in diesem wie in fast allen anderen Fällen gilt: der Einzelne ist immer so angreifbar wie die Mannschaft. Die Mannschaft wird zurückkommen, und mit ihr auch die Nummer 34.

Geschrieben von marxelinho am 01. April 2017.

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19. März 2017

Chronisch mäßige Tagesform

Pal Dardai hat zuletzt häufig von der Tagesform gesprochen. Man kann das als Ausdruck der Tatsache sehen, dass Hertha keine Kontinuität in das Schaffen bringt. Nach dem guten Auftritt gegen den BVB folgte am Samstag wieder ein schwacher in Köln: 2:4 in einem Spiel, in dem deutlich mehr drin war. Tagesform ist im Fußball meistens eine Wochenform, zumindest für eine Mannschaft, die nicht international spielt. Offensichtlich ist es auch eine Ortsform: Hertha zeigt auswärts Leistungen, die einer designierten Spitzenmannschaft nicht würdig sind. Und dieser Anspruch ist nun einmal offiziell: Platz 6 oder besser ist das Saisonziel.

Das lässt sich zur Not auch mit einer exzellenten Heimbilanz und einem gelegentlich in der Fremde erknauserten Pünktchen schaffen, wäre allerdings ein Armutszeichen für die Liga. Woran liegt es, dass Hertha vor allem die ersten Halbzeiten so sträflich ignoriert?

Gegen Köln war die Sache recht deutlich: Die Heimmannschaft konnte mustergültig ihr Programm durchziehen, das zufällig das Programm ist, das für Hertha ein ehemaliges ist. Denn Hertha ist schon einen Schritt weiter, das ist aber auswärts fast immer der Schritt zurück. Der Schritt weiter wäre, das Spiel gestaltend anzunehmen, und sich gleichzeitig kompakt gegen die Umschaltbemühungen der Gegner abzusichern. Hertha tut das aber immer nur zögernd, es stimmt weder hinten und vorne. Gegen Köln fehlte es massiv an Konzentration und Intensität.

Eine banale Tatsache ist auch statistisch offensichtlich, sie zeigt sich aber vor allem, wenn man ein wenig genauer hinsieht: Hertha läuft zu wenig. Dazu muss man keine aufwändige Videoanalyse betreiben, es reicht die einfachste Übung für den nicht mehr ganz naiven Fan: man muss versuchen, das Auge vom Ball zu nehmen (der peripher im Blick bleibt), und auf die Bewegung der Kollegen zu achten. Dann wird man sofort feststellen, dass Hertha die Einladung, über die Seite zu eröffnen, auch deswegen so oft annimmt, weil sich im Zentrum niemand zuständig fühlt.

Oder genauer genommen, immer nur der eine, der sich gelegentlich fallen lässt. Die Unbeteiligtheit, mit der in diesem Moment jemand wie Niklas Stark im Deckungsschatten herumsteht und nicht einmal Andeutungen macht, er könnte Teil des übernächsten Passes werden, gilt auch für fast alle Kollegen. Hertha denkt als Mannschaft immer nur einen Pass voraus, es sollten aber drei oder vier (mögliche) Pässe sein.

Das würde auch den neunmalklugen Einwand entkräften, dass es auf die Qualität der Laufarbeit ankommt. Völlig richtig, ich gehöre nicht zu den Fans, die einfach aus Prinzip sehen wollen, wie sich die Spieler das Beuschel aus dem Leib rennen. Hier geht es um eine gar nicht so intensive Laufarbeit, denn sie hat vor allem mit kleinen Bewegungen zu tun, bei denen der Spieler der Mannschaft mit dem Ball noch dazu den Vorteil hat, dass er die Initiative besitzt.

Ich habe, wie gesagt, Niklas Stark beim Spiel gegen Dortmund genau dabei zugeschaut, mit welcher Konzentration und Unnachgiebigkeit er sich dem immer wieder abschwirrenden Kagawa gewidmet hat. Es war eine Topleistung, die mich umso mehr staunen lässt, dass derselbe Spieler gegen Köln häufig im Niemandsland verschwand. Das galt dann auch defensiv. Selten hat Hertha so viele "Schnittstellen" offen gelassen.

Der Coach sprach hinterher halb im Ernst davon, künftig erst am Spieltag zu Auswärtsspielen anzureisen. Irgendwie muss er an diese Mentalitätssache kommen, dass Hertha so oft die ersten 45 Minuten abschenkt. Es ist aber auch eine Konzeptionssache. Hertha ist zu zögerlich in der Wahl der Mittel. Gegen Köln wollte die Mannschaft eindeutig Verantwortung für das Spiel übernehmen, aber nicht zu sehr. Aus dem Gestus des vorsichtig offensiven Abwartens entstanden die Räume, die Osako und Modeste so brillant nützten.

Die Zwischenräume und die Schnittstellen, die schon seit einer Weile unsere Fußballsprache bereichern, sind gewissermaßen auch die Heimat von Hertha in der Liga. Die Mannschaft ist, seit sie sich auf Distanz zu den Abstiegsplätzen konsolidiert hat, in einem Limbo, den sie als Diskrepanz zwischen Effizienz in Heimspielen (die Leistungen sind auch im Olympiastadion oft dürftig) und zu großer Passivität in Auswärtsspielen auslebt.

Die Saison bietet noch hinreichend Möglichkeiten, in dieser Hinsicht Lernprozesse einzuleiten. Die zweite Halbzeit in Köln hat angedeutet, dass irgendwo in den Synpasen der Spieler auch schon die Konzeptionen für eine integriertere, beweglichere Hertha vorhanden sind. Sie werden nur kaum (hier stimmt das Wort fast) "abgerufen". In der zweiten Halbzeit war nämlich auch die Mittelfeldlücke besonders eklatant.

Häufig braucht es in solchen Fällen von Unentschiedenheit oder Unentschlossenheit einen katalytischen Spieler, einen, der die ganze Mannschaft unter Spannung setzen kann. Mitchell Weiser ist so ein Spieler. Hertha braucht aber noch mehr, es wird viel darauf ankommen, dass jemand wie Niklas Stark sich auch in diese Richtung entwickelt. Auch John Brooks hat Potential in diese Richtung. Darida hingegen hat viel von seinem Nimbus verloren, er war im Vorjahr so ein Spieler, bringt heute aber in der Hälfte der Fälle nicht einmal die Eckbälle in den Strafraum. Das sind so die Mysterien des Fußballs.

Nun ist Länderspielpause, danach beginnt die Phase der Saison, in der Mannschaften im Idealfall von ihrem Rhythmus leben. Hertha muss erst einen finden.

Geschrieben von marxelinho am 19. März 2017.

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12. März 2017

Knoten sind nicht verboten



Gestern gab es im Olympiastadion etwas Erstaunliches zu erleben: ein Spitzenspiel der Bundesliga, an dem Hertha BSC als Spitzenmannschaft in jeder Hinsicht teilnahm, und das schließlich mit einem glücklichen, aber verdienten Sieg gegen Borussia Dortmund endete. Vor mehr als zehn Jahren war so etwas schon einmal Liganormalität gewesen, damals aber bei beiden Clubs auf Verhältnisse gebaut, die nicht zu halten waren. Inzwischen hat sich eine Menge geändert, vor allem hat sich die Liga insgesamt radikal verändert, für Hertha aber war das 2:1 am Samstag ein großer Schritt in Richtung einer Etablierung im erweiterten Establishment.

Es war ein schöner, noch kühler Frühlingsnachmittag mit einem tollen Licht. Ideale Bedingungen für Fußball. Der BVB trat nicht ganz mit der ersten Mannschaft an, es fehlte Reus verletzt, vor allem fehlten aber die beiden Superteens Dembele und Pulisic. Sie wurden geschont. Hertha spielte mit der Stammmannschaft der letzten Wochen, formiert allerdings im Bayernmodus, also eher in einem 4-1-4-1, mit Skjelbred ein wenig vor Stark. In den ersten fünf Minuten ging es schon hoch her, und der Eindruck bestätigte sich dann immer mehr: es war ein zugleich entfesseltes wie auch höchst diszipliniert geführtes Spiel.

Hertha spielte dabei jederzeit nach vorn, angeführt von dem extrem gut gelaunten Kalou, der dieses Mal wieder zeigte, dass er das Einszueins nach wie vor beherrscht, und dass er den Tanz mit den elastischen Beinen liebt. Es kam ihm entgegen, dass Dortmund im 3-4-1-2 dieses Mal mit Bartra auf seiner Seite spielte, eine ungewöhnliche Konstellation, die Hertha viele Räume bot.

Der Führungstreffer kam allerdings über die rechte Seite auf den Weg: Ibisevic stahl Ginter einen Ball, und verschaffte sich dann mit einer sehenswerten Beschleunigung-cum-Übersteiger-cum-Ball-auf-den-richtigen-Fuß-Legen die Möglichkeit, Kalou ideal zu bedienen. Zwei Weltklassestürmer, die gemeinsam 64 Jahre alt sind, spielten an diesem Nachmittag das alte Spiel "Knoten sind nicht verboten, solange es die Beine des Gegners anlangt". Mit der Führung wiederholte sich in etwa die Situation aus dem Pokalspiel von neulich, auch dieses Mal war der BVB vor allem in der zweiten Halbzeit eine Weile stark, Aubameyang glich aus.

Und dann brachte Pal Dardai seinen Joker: Mitchell Weiser für Ibisevic. Befremden auf den Rängen, aber es war ein kluger Schachzug, zumal das Zentrum nicht einfach neu besetzt, sondern zu einer offenen Zone erklärt wurde, in die Weiser dann einen seiner Läufe richten konnte. Er wurde knapp vor dem Strafraum gefoult. Mit dem Freistoß steigerte Marvin Plattenhardt seinen Marktwert weiter. Für ihn wird es im Sommer ganz sicher Angebote geben. Er ist jetzt schon der viel bessere Christian Fuchs.

Hertha gewann verdient, obwohl der BVB viel mehr Ballbesitz und auch eine Menge guter Chancen hatte. Aber die Defensivleistung war trotzdem herausragend (ich hatte vor allem oft ein Auge auf das Duell von Stark mit Kagawa, das häufig fast auf Manndeckung hinauslief, eine extreme Konzentrations- und Willensleistung und auch eine athletische von Niklas Stark, der auch bald ein Faktor auf dem Transfermarkt werden dürfte). Entscheidend war aber, dass die Mannschaft viel initiativer spielte, als wir es nach den meist lethargischen Auftritten der letzten Wochen erwarten durften.

Für den Coach war es fast schon ein kleiner Befreiungsschlag: Er hatte für meine Begriffe zu oft von Punkten gesprochen, bei denen es ihm egal zu sein schien, wie sie erwirtschaftet wurden (notfalls "dreckig", also ohne spielerische Legitimation). Diese drei Punkte aber wurden in jeder Hinsicht erspielt. Es geht bei Herthas Auftritten ja auch längst, wie ich mehrfach geschrieben habe, um Verantwortung für die Liga. Wer in Europa spielen will, darf sich nicht durch die Bundesliga mogeln wollen.

Das Ergebnis spiegelt sich auch deutlich in der Tabelle wieder. Hertha hat sich fünf Punkte von Platz 6 abgesetzt, und gehört jetzt fast wieder zu dem kleinen Pulk, der sich mit dem neuralgischen Platz 4 beschäftigen könnte. Und jetzt kommen die direkten Gegner um die Plätze 5 und 6: Köln, Hoffenheim, Gladbach. Der Sieg gegen Dortmund sollte als Grundlage für weitere mutige Auftritte dienen können.


Geschrieben von marxelinho am 12. März 2017.

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10. März 2017

Komischer Ballbesitz


Als ich jung war, da gab es noch einen Eisernen Vorhang, und dahinter eine Gruppe von Ländern, die unter der Knute des Kreml standen. Was im Kreml aber genau vor sich ging, das war so unklar, wie heute die Geschehnisse in der Kommunistischen Partei der Volksrepublik China. Es gab allerdings eine Geheimwissenschaft: Kremlinologie war eine Art höheres zwischen den Zeilen Lesen.

Auf einer etwas weniger bedeutsamen Ebene verhält es sich heute mit Fußballclubs ähnlich. Sie trachten danach, möglichst wenig nach außen dringen zu lassen. Man muss dann schon bei offiziellen Anlässen genau hinhören, um ein bisschen etwas von dem zu verstehen, was vor sich geht. Deswegen schaue ich mir nach Möglichkeit die Pressekonferenzen an, auch wenn es sich dabei deutlich um ein routiniertes Geschehen handelt, mit dem der kleine Kreis der ständigen Hertha-Beobachter gar nicht darüber hinwegzutäuschen versucht, dass die wahren Informationen anders zirkulieren.

Die Information, auf die es mir ankommt, lässt sich aber ohnehin nicht direkt erfragen: Ich horche Pal Dardai darauf hin aus, wie er die Mannschaft versteht. Er lässt da schon immer wieder etwas verlauten, was hellhörig macht. Zum Beispiel hat er bei der PK vor dem Dortmund-Spiel ein paar Sätze über Duda gesagt. Da war auch ein bisschen Kritik zu vernehmen, weil der Slowake nämlich Ballverluste produziert hatte. Und zwar nicht mit vertikalen Pässen, denn da ist das erlaubt.

Daraus resultieren zwei Fragen: Warum sucht die Mannschaft so selten den vertikalen Pass? Liegt es an der Adresse, also an einem Mangel an Spielern, die sich freilaufen und anbieten? Oder liegt es an den Absendern, denen die Intuition für den Raum und die gute Option fehlt, und vielleicht auch die Selbstverständlichkeit eingeübter Muster? Eine weitere Frage schließt sich da noch an: Wie geht die Mannschaft mit Ballverlusten nach vertikalen Pässen um? Das sind ja meistens die Gelegenheiten, bei denen man von Gegenpressing spricht - eine Möglichkeit, von der Hertha vergleichsweise wenig Gebrauch macht.

Duda war tatsächlich ein wenig zerstreut während seiner ersten halben Stunde, aber die ganze Mannschaft war nicht auf der Höhe. Der Coach spricht gern von Tagesform, und täuscht sich damit vielleicht auch ein wenig darüber hinweg, dass doch auffällig viele Tage mit mäßiger Form zu verzeichnen sind.

Das Zweite, was mir an der aktuellen Pressekonferenz auffiel, ist die neuerliche Betonung, dass Hertha keine Umschaltmannschaft ist. Dardai verband diese Feststellung mit einer Unterscheidung zwischen gutem und komischem Ballbesitz. Was ist komischer Ballbesitz? Genau hat er das nicht erklärt. Man könnte sagen: komischer Ballbesitz ist einer, mit dem eine Mannschaft nichts anfangen kann. Um dieses Problem zu vermeiden, setzen viele Mannschaften in der Bundesliga auf Umschaltspiel.

Es gilt als eine Art höhere Weihe, wenn eine Mannschaft von "Jagdfußball" (so hieß das damals unter Klopp beim BVB) auf Spielfußball umstellt. Es kann allerdings auch ein höherer Blödsinn herauskommen, wenn eine Mannschaft auf Ballbesitz setzt, wenn sie diesen nicht als komisch durchschaut. Bei Hertha ist häufig nicht so richtig klar, wann die Mannschaft das Spiel beruhigen möchte, um es dann gründlich und vorsichtig und überlegt und mit vielen sicheren Quer- und Rückpässen aufzubauen, und wann sie das Spiel wirklich spielen möchte.

Hertha BSC ist mit diesen Nöten keineswegs allein, sondern einfach ein spezieller Fall eines permanent durch Fragen des Selbstverständnisses behinderten Ligabetriebs. Gelingt einem Team einmal eine Weile etwas, wird es sofort auf neue Möglichkeiten des Selbstverständnisses hin getestet - von den Medien, aber auch von den Gegnern. Man könnte fast sagen: ein Team hat dann etwas erreicht, wenn es sich nicht selbst der größere Gegner ist als der Gegner.

Bei Pal Dardai ist noch nicht ganz heraußen (und wird es im Idealfall auch nie sein, denn er soll ja lernen), ob er eher ein Mentalitätstrainer ist oder ein Mannschaftsentwickler. So manche Äußerung der letzten Woche wies jedenfalls in eine eher bedenkliche Richtung: dass er beim HSV  so konsequent von einem "dreckigen" Sieg sprach, der ihm vorschwebte, stand eigentlich seiner Grundsatzmeinung entgegen, dass Hertha an der Veredelung von Ballbesitz arbeiten sollte - und sich das auch leisten kann, denn der Klassenerhalt ist so gut wie geschafft.

Wir sehen also doch recht deutlich, dass auch die Betreuer nicht ganz wissen, woran sie mit Hertha BSC sind. Das ist wohl bis zu einem gewissen Grad unvermeidlich. Gut sind Spiele dann, wenn sie klärend wirken, weil sie nicht nur komisch sind. Das wäre gegen den BVB schon einmal ein Anspruch.

Geschrieben von marxelinho am 10. März 2017.

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06. März 2017

Schlechte Avantgarde

Für Frühjahrsmüdigkeit ist es kalendarisch eigentlich noch zu früh, aber draußen fühlt es sich schon deutlich nicht mehr nach Winter an, und so kann man es sich vielleicht erklären, dass Hertha BSC das Spiel beim HSV am Sonntagabend mit mäßigem Engagement bestritten und folgerichtig auch mit 1:0 verloren hat. Es ist ein merkwürdiger Moment in der Saison, denn statistisch kann man immer noch darauf pochen, dass die sehr gute Heimbilanz die sehr schlechte Auswärtsbilanz aufwiegt (die Leistungen sind aber auch im Olympiastadion alles andere als bemerkenswert).

Der HSV steckt im Abstiegskampf, Hertha spielt nominell um Europa, de facto sind die Leistungen nicht danach, und zwar schon lange nicht. Die ganze aufbegehrende Traditionsformation, die im Herbst den etablierten Europäern die Plätze streitig gemacht hatte, schwächelt derzeit: die Eintracht, der FC Köln und Hertha lassen deutlich erkennen, dass sie eigentlich da vorn nichts zu suchen haben. Gladbach eilt auch mit Riesenschritten (und zum Beispiel viel größerer Teamlaufleistung als die behäbige Hertha) schon daher, damit wenigstens eine Entwicklungsgeschichte in der Liga ihre Berechtigung behält.

Hertha hingegen stagniert offensichtlich, und ich frage mich mehr und mehr, ob das nicht auch etwas mit dem Charakter der Liga als solcher zu tun hat. Der HSV hat das Spiel gewonnen, und das passt auch irgendwie, aber in erster Linie war es ein dürftiges Spiel von beiden Mannschaften (auf einem Terrain, das eigentlich verboten gehörte). Die Bundesliga hat sich in den letzten Jahren gern gebrüstet, sie wäre nun endlich die beste Liga der Welt. Davon kann aber keine Rede sein. Sie versinkt derzeit in einer Mittelmäßigkeit, aus der höchstens ein paar Clubs oben und unten ein bisschen herausragen.

Hertha trägt zu dieser Mittelmäßigkeit bei, weil die Mannschaft sich weigert, für ihre Ansprüche und für die Tabellenposition die Verantwortung zu übernehmen. Die regelmäßige Verweigerung, auch die ersten 45 Minuten schon ernst zu nehmen, und das überwiegende Bemühen, die erste Halbzeit nach Möglichkeit in einen neutralisierten Modus zu versetzen (irgendwann kommt noch der Ruf nach einem Safety Car!), ist dafür das deutlichste Indiz. Die gemütlichen Laufwerte sind ein anderes.

Im Winter haben die Verantwortlichen sich dafür entschieden, rhetorisch diese Verantwortung zu übernehmen, aber die Taktik und die Leistungen sind nicht danach. Es gab im Hamburg zwar Andeutungen, Per Skjelbred wurde zwei, drei Mal am gegnerischen Strafraum gesichtet, was natürlich ein Novum ist bei dem lange Zeit konservativsten Zerstörer der Liga. Aber zu einer integrierten Bemühung um ein produktives Aufbauspiel kann man das noch nicht zählen. Dazu bleibt alles noch zu sehr Stückwerk. Hertha hat keinen anderen Entwurf, als irgendwie in das letzte Drittel (das Spiels wie des Felds zu kommen), und dann irgendwie zu schauen, wie der Fußballgott die Münze wirft.

Gestern ließ er einen Schuss von Darida knapp am Pfosten vorbei streichen (die Abfälschung hätte auch anders ausgehen können), während dann eine Situation, die Plattenhardt durch einen Ballverlust hervorrief, auch danach noch Eingriffsmöglichkeiten bot - doch der HSV war da schon deutlich stärker engagiert, der Gegentreffer hatte seine Logik.

Die Betreuer setzten bald nach der Pause ein Zeichen, indem sie Duda für Stark brachten (der allerdings vor der Pause schon für Gelbrot fällig gewesen war, der Gnadenakt von Referee Brych war eine Fehlentscheidung). Der Slowake soll einmal der neue Spielmacher von Hertha werden, sein erster Auftritt ließ noch wenig davon erkennen - die handelsübliche Formulierung dafür ist: ihm fehlte es noch an Bindung zum Spiel. Ich habe mich vor allem für sein Positionsspiel interessiert, und genau geschaut, wie und ob er sich freiläuft, ob er diese Raumintelligenz zeigt, die Hertha insgesamt so deutlich fehlt. Na ja, es ist natürlich noch zu früh, um da etwas zu sagen.

Letztendlich ist es im Fußball immer zu früh, um etwas zu sagen, andererseits ist mit dem Ergebnis immer schon alles gesagt. In diese Lücke hinein kommentieren wir Fans, weil wir an den Fußball als Erzählung glauben - und nicht nur als wöchentliches Ereignis. Hertha ist derzeit eher schlechte Avantgarde - ein Formexperiment mit langweiligen Wiederholungen, ohne interessante Figuren, und wohl auch ohne einen überzeugenden Autor. Pal Dardai hat schon ein, zwei Mal gezeigt, dass er aus Krisen etwas lernen kann. Derzeit steckt er in der nächsten - und es ist keineswegs eine Krise "auf hohem Niveau", auch wenn man Platz 5 damit verwechseln wollte.


Geschrieben von marxelinho am 06. März 2017.

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26. Februar 2017

Ein Treffer für die Lehrbücher

War das ein Zeichen, das Schiedsrichter Stegemann am Samstagabend im Olympiastadion setzen wollte, als er Hertha gegen Eintracht Frankfurt mehr oder weniger sang- und klanglos nach 90 Minuten beendete? Gründe für eine ausführliche Nachspielzeit gab es hinreichend, nur das Gefühl, in diesem Spiel wäre noch irgendetwas drin, das hatte wohl niemand. Hertha hat mit einem 2:0 einen "Big Point" (Pal Dardai) gemacht. Die Mannschaft hat sich dabei auf eine ihrer wichtigsten Tugenden verlassen: sie hat aus ganz wenig eine Menge gemacht. Das nennt man Effizienz.

Das Bayern-Spiel hatte (für Hertha) zu lange gedauert, das Duell um Platz 5 hingegen war nach 82 Minuten entschieden, als Maximilian Mittelstädt, eingewechselt vor allem zur Absicherung eines knappen Vorsprungs, eine schöne Flanke in den Strafraum schickte. Sie fand Darida, der sich danach glücklich an den Kopf fasste. Glücklich, und auch ein wenig ungläubig.

Dieses Mal spielte es keine Rolle, dass Hertha wieder einmal eine weitgehend teilnahmslose erste Halbzeit gespielt hatte. Frankfurt hatte das bessere taktische Konzept, dazu auch die beste Torchance, es war einmal mehr Rune Jarstein, vielleicht die wichtigste Hertha-Entdeckung seit Jahren, der den torlosen Gleichstand wahrte.

Die Unterschiede, die Hertha von den noch schwächeren Spielen zum Rückrundenbeginn trennen, sind aber immerhin vorhanden. Einer ist Niklas Stark, der im zentralen Mittelfeld ein bisschen aktiver ist als Fabian Lustenberger. Stark spielte schließlich den schönen, vertikalen Pass (in Österreich sagte man früher dazu Lochpass, heute heißt das Schnittstellenpass) auf Kalou, der dadurch die Gelegenheit bekam, Chandler im Strafraum in einen Zweikampf zu involvieren. Ibisevic erzielte aus einem Abpraller einen Treffer, den die versammelten Sky-Experten dann erst mühsam entschlüsseln mussten.

Dass es Elfmeter hätte geben müssen, wurde erst relevant, als sich erwies, dass Kalou beim Schuss von Ibisevic im Abseits war, und Hradecky behinderte, und zwar wegen des Fouls. Immerhin kann Hertha nach einem ansonsten ereignisarmen Spiel von sich behaupten, ein Tor für die Lehrbücher erzielt zu haben.

Die Betreuer und auch die meisten Fans werden das 2:0 wohl mit Handkuss als das nehmen, was es in erster Linie bedeutet: einen wichtigen Schritt zu einer normalen Rückrunde eines durchschnittlichen Bundesligaaspiranten, der sich dem Thema Europa nicht verschließen will. Die Leistung wird am Ergebnis gemessen.

Man könnte allerdings ein paar Fragen stellen, die gar nicht einmal Hertha allein, sondern die Liga als solche betreffen: Das Spiel war immerhin das Topspiel, es lief in der internationalen Fernsehauslage, es war nur bloß kein richtiges Spiel. Es war eine Begegnung zweier Mannschaften, die überdeutlich signalisierten: eines Tages werden wir vielleicht Fußball spielen, noch aber sind wir nicht so weit, wir kommen ja von weiß Gott woher.

Die Bundesliga ist eine Liga des unendlichen Aufschubs: nur ganz wenige Vereine sind wirklich bereit, Verantwortung zu übernehmen. Der Rest spielt auch noch um Europa wie gegen den Abstieg, aber ohne die Dramatik, die der wirkliche Überlebenskampf dann doch immer wieder entfacht.

Die ersten zehn Minuten gegen den FC Bayern waren ein Hinweis darauf, dass Hertha es auch anders könnte: mutig, kreativ, leidenschaftlich und vor allem mit einer deutlichen Präferenz für das gegnerische Tor als Spielrichtung. Gegen Frankfurt war davon kaum mehr etwas zu sehen, sodass man zusammenfassend wohl sagen muss: big point, yet small performance.


Geschrieben von marxelinho am 26. Februar 2017.

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19. Februar 2017

Von Pol zu Pol

Ein Spiel wie das von Hertha gestern gegen den FC Bayern lässt man am besten einen Tag liegen, bevor man sich dazu äußert. Denn es hatte ein paar "talking points". Vor allem einen "big (talking) point". Denn Hertha lag bis nach der 95. Minute mit 1:0 in Führung, dann fiel aber doch noch der Ausgleich, und von drei "big points" für die Tabelle blieb nur einer.

Dass zu diesem Zeitpunkt noch gespielt wurde, hatte mit einer unterschiedlich interpretierbaren Anzahl von Unterbrechungen zu tun, und diese hatten wiederum mit der guten Leistung von Hertha zu tun. Ganz anders als gegen Schalke präsentierte sich die Mannschaft höchst lebendig, das Konzept beruhte keineswegs nur auf Einbunkerung, sondern man hat Hertha lange nicht so aktiv spielen gesehen. Die ersten zehn Minuten machte die Mannschaft geradezu das Spiel.

In anderen Fällen kann man ja oft den Eindruck gewinnen, dass das Spielfeld für Hertha von einem eigentümlichen Magnetismus geprägt ist: die Bälle finden mehr oder weniger von selbst immer zu Jarstein und den beiden Innenverteidigern, die gesamte innere Ausrichtung des Spiels geht nach hinten. Dieses Mal aber wusste Hertha, wo das Tor steht. Die zentrale Formation war auch entsprechend ein wenig verändert, Skjelbred spielte weiter vorn als gewohnt, Stark sicherte hinter ihm ab, tauchte aber auch manchmal am Sechzehner auf. Darida komplettierte ein sehr variables Dreieck.

Der Führungstreffer beruhte auf einem Freistoß, bei dem selbst die Zeitlupen nicht genau erkennen ließen, ob Plattenhardt wirklich gefoult worden war. Er brachte den Ball dann vom Punkt so gefährlich an den ersten Pfosten, dass Ibisevic ihn in Manier eines echten Topstürmers verwerten konnte. Der Kapitän arbeitete mit einer Aufopferung, dass man ihm eigentlich abnehmen könnte, dass er schon nach einer Stunde einen Krampf hatte. Es war die erste von zwei einschlägigen Unterbrechungen, die schließlich zu fünf Minuten angezeigter Nachspielzeit führten.

Ich hätte auf vier Minuten getippt, und zwar deswegen, weil Hertha über diese Konzessionen an das enorm strapaziöse Spiel hinaus eigentlich nicht groß auf Zeitgewinn spielte. All die kleinen Tricks, die in solchen Situationen zur Routine gehören, unterblieben, das Spiel war die meiste Zeit höchst lebendig.

Es war toll, wie John Brooks in so einem großen Spiel auch einmal die Herausforderung annahm und sich als künftiger möglicher Kapitän zeigte (oder am Beginn einer internationalen Karriere). Stark hat seinen Vertrag verlängert, er könnte gemeinsam mit Weiser und Plattenhardt, mit dem hoffentlich bis ins Dino-Zoff-Alter spielenden Jarstein, mit Darida und ein paar künftigen Entdeckungen eine Hertha-Generation prägen - wenn das Team nicht nächste Woche wieder in den Trott zurückfällt und sich dem Magnetismus überlässt.

Die Nachspielzeit wurde also mit fünf Minuten angezeigt. Der Coach hatte sich für diese Minuten etwas aufgespart, er hatte zuvor schon Ibisevic den verdienten vorzeitigen Abgang gegeben, nun warteten noch zwei Reservisten. Es ist allerdings bekannt, dass Schiedsrichter dieser bewährten Methode, Zeit von der Uhr zu nehmen, häufig begegnen, indem sie weitere Zeit auf die Uhr laden. Das Foul von Pekarik an Coman geschah just zu Beginn der Nachspielzeit der Nachspielzeit. Kaum ein Referee auf der Welt hätte danach den Freistoß nicht mehr ausführen lassen.

Und da merkte man dann halt doch, dass die Köpfe schon fast leer waren. Nicht nur dem BVB-Boss Watzke, der sich im ZDF entsprechend äußerte, war aufgefallen, dass Robben doch mehr oder weniger unübersehbar da hinter dem Elfer lauerte. Nur von Herthas Spielern auf dem Platz sah es niemand. Das war die eine Naivität, die der großartige Kampf davor mit sich gebracht hatte. Die Bayern feierten einen Last-Minute-Punkt wie einen Sieg - auch darauf kann Hertha stolz sein.

Mit diesem Spiel kann die Rückrunde nun eigentlich so richtig beginnen. Jetzt kommen die Gegner, bei denen es zählt, wie Hertha auftritt und was die Mannschaft herausholt. Es soll auch ein neuer Rasen kommen. Das würde sicher nicht schaden, dann von nun an wird Hertha wieder häufiger das Spiel machen müssen. Dass sie das auch gegen den FC Bayern phasenweise gezeigt hat, dürfen wir als Zeichen für vorsichtigen Optimismus nehmen. Und dieser Punkt könnte am Ende noch einmal viel wert sein.


Geschrieben von marxelinho am 19. Februar 2017.

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11. Februar 2017

Das Team ohne Eigenschaften

Halten wir kurz einmal inne: Hertha BSC wird kommende Saison nach menschlichem Ermessen wohl wieder in der ersten Liga spielen. Das wäre die fünfte Spielzeit in Folge in der obersten Klasse. Das ist nicht gering einzuschätzen nach dem Chaosjahren, die auf das Scheitern von Lucie Favre folgten.

Warum aber bedarf es dieser Rationalisierung? Weil Hertha derzeit vermutlich den schlechtesten, sicher aber den langweiligsten Fußball in dieser Liga spielt (Wolfsburg und Augsburg vielleicht einmal ausgenommen, aber will man sich wirklich auf dieses Niveau begeben?). Auch gegen Schalke 04 war es, selbst wenn man die schweren Beine aus dem Cupspiel einrechnet, ein würdeloser Auftritt, der mit einer vollkommen verdienten Niederlage endete.

Damit ist die Liste der dürftigen Spiele jetzt schon einigermaßen lang. Und die Ursachenforschung wird nicht einfacher dadurch, dass die Defizite sich sehr gleichmäßig über die gesamte Elf mit Ausnahme des Torhüters verteilen. In der Arena von Gelsenkirchen war die Absicht über weite Strecken der ersten Halbzeit klar zu sehen: Die Mannschaft hatte den Auftrag, über Antifußball ins Spiel zu kommen. Ungefähr drei Umschaltsituationen wurden angenommen, der Rest war Spielvermeidung, mit dem Problem, dass Schalke trotzdem zu viele Räume hatte.

Das Verhalten bei sogenannten zweiten Bällen ist bezeichnend. Hertha weigert sich, in solchen Situationen ins Risiko zu gehen. Damit werden natürlich die Situationen seltener, in denen überhaupt etwas passieren kann. Dass Kalou vor dem ersten Gegentor schläft, ist ärgerlich, aber wichtiger ist vielleicht, dass er offensiv schon lange an keinem Gegner mehr vorbeikommt - das gilt allerdings für Haraguchi gleichermaßen.

Im Zentrum scheint es derzeit egal zu sein, wer spielt - es kommt immer ein anonymer Auftritt heraus, wobei Lustenbergers Probleme mit Goretzka nur die Kehrseite seines schwachen Positionsspiels bei Ballbesitz sind. Dass Allan nicht mehr der nächste Dahoud wird, ist klar, dass er aber seit der Winterpause gar keine Rolle mehr spielt, erschließt sich angesichts der schwachen Konkurrenz nicht.

Es ist wohl vor allem Zeit, mit einem Irrtum aufzuräumen: Hertha ist nicht kompakt. Das 1:1 im Pokal in Dortmund war trügerisch. Der BVB hat schon die ganze Saison große Probleme, Tore zu schießen. Hertha aber bekommt mit großer Verlässlichkeit welche, mit der Ausnahme von Ingolstadt, und auch das war ein weniger souveräner Auftritt, als es das Ergebnis verrät.

Das Problem dürfte mit dem Selbstverständnis der Mannschaft zu tun haben. Sie hat offensichtlich keines. Wie oft habe ich das schon geschrieben? Es ist fast so etwas wie der Hertha-Refrain. Das Team ohne Eigenschaften. Man kann nicht mit einer Konzeption, die eher nach Darmstadt gehört, nach den Qualitäten suchen, die RB Leipzig gerade verloren gehen. Es braucht einen integrierten Ansatz, man kann nicht jedesmal abwarten, wie sich das Spiel denn so entwickelt, und ob man irgendwie hineinfindet. Die Betonung liegt auf irgendwie.

Natürlich ist die Rückrunde noch jung, und es kann schon sein, dass mit Weiser und Duda (sollten sie noch einmal eine größere Rolle spielen dieses Jahr) ein wenig Spielkultur zurückkehrt. Im Moment aber ist es peinlich, dass Hertha sich selbst mit dem Europacup in Verbindung gebracht hat. Das ist kein Bewerb, in den man sich mogeln kann. Deswegen kann die Devise für die nächsten Spiele nur sein: Niederlagen können passieren, aber Respekt kann man sich auch in solchen Spielen verdienen. Dann kommt vielleicht irgendwann die Qualität. Derzeit spielt Hertha so, dass man sich nur genieren kann.


Geschrieben von marxelinho am 11. Februar 2017.

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Harald Schuster (am 12. Februar 2017)

Danke für den Kommentar. Insbesondere die Betonung der Peinlichkeit der fussballerischen Auftritte der Mannschaft findet meine Zustimmung. Wenn Kalou schon immer als der Spieler herhalten muss, der sooo!technisch versiert und spielintelligent ist, dann kann man nur bedauernd den Kopf schütteln. Die Vermutung das er in keiner anderen Bundesliga Mannschaft, die unter den ersten 10-12 stehen einen Stammplatz hätte, ist nicht vermessen. Aber viel wesentlicher ist für mich, daß Dardai und Widmayer das Team, bei allen möglichen vorhandenen Defiziten nicht weiter entwickeln bzw. keine zukunftweisende Spielidee realisieren können. Die Statements Dardais in der Öffentlichkeit sind bei allem Verständis für seine Verantwortung gegenüber seiner Mannschaft ausgesprochen dünn. Immer nur den Männersport zu betonen ist nicht hilfreich und nicht klug. Ich nehme an, daß wir, wie in all den vergangenen Jahren am Ende der Saison wieder einmal eine Mannschaft erlebt haben werden, die aus lauter Angst vor dem Gewinnen, auch noch vergißt Fussball zu spielen.
Valdano (am 13. Februar 2017)

Wer ist Duda? Was die Frage nach sich zieht: Wer hat ihn gekauft, nach dem Medizintest? Es ist, abgesehen von der latenten Überschätzung Dardais, vielleicht doch mal wieder die Frage wert, was denn eigentlich der Manager, der Sportdirektor, der ewige Preetz tut. Schalke war noch nicht einmal zwingend, auch diese Mannschaft fühlt sich gar nicht wohl, wenn sie Dominanz ausüben muss, das war gegen Ingolstadt und Frankfurt zu sehen. Hertha hat aus diesen Schalker Heimspielerfahrungen offenbar nichts mitgenommen, obgleich einem jede Videoanalyse gezeigt hätte, wie leicht Schalke im eigenen Stadion verwundet werden kann. Das wiederum, ganz ohne Preetz' Beitrag, hätte Dardai aufarbeiten müssen. Goretzka war zwar sehr stark, aber wenn man die Entstehungsgeschichte der beiden Tore ansieht, waren die Hertha-Fehler und Schlampigkeit gravierender und ausschlaggebender als die Klasse von Goretzka bzw. Burgstaller. Gruß von Valdano
09. Februar 2017

Vom Punkt nicht auf den Punkt gekommen

Wenn es im Fußball ein stehendes K.O. gibt, dann war es am Mittwochabend bei Borussia Dortmund gegen Hertha im Pokal-Achtelfinale zu erleben. Es war allerdings so, dass irgendwie beide Mannschaften bedient waren. 120 Minuten dauerte der Kampf, die letzten zwanzig waren nur noch geprägt von dem Bemühen, über die Zeit zu kommen. So kann Hertha sich immerhin auf die pure Fahne schreiben, eine deutlich hochkarätigere Mannschaft an den Rand der Erschöpfung, und darüber hinaus, getrieben zu haben. Für mehr reichte die Qualität (und die Konzentration) dann allerdings nicht.

Fünf schwache Elfmeter ließen schließlich doch den Favoriten weiterkommen - in ein Viertelfinale gegen die Sportfreunde Lotte. Lustenberger an die Querlatte, Darida in die Ecke, die Bürki aus Freiburg kannte, Esswein zentral und brachial, geht sich gerade so aus, Allagui auf Bürki, der Ball kullert aber über die Linie, und schließlich Kalou: er trifft das Tor nicht. Da waren die enormen Anstrengungen des Bollwerkens dann doch nicht mehr zu kaschieren.

Der Coach hatte das Team an einer Stelle verändert: Stark für Lustenberger im zentralen Mittelfeld, Darida rückte wieder nach vorn auf die Position, die ihm am besten entspricht. Hinten fehlten außen zwei prägende Spieler des Jahrgangs: Weiser und Plattenhardt. Der BVB war in der ersten Halbzeit nicht zwingend, und Hertha bekam Gelegenheiten - in einem Spiel, in dem es endlich wieder einmal vollkommen zulässig war, das Vorgehen ganz und gar auf das auszurichten, was der Gegner so anbietet.

Nach dem Führungstreffer durch Kalou (Vorbereitung durch Stark) war die entscheidende Phase dann die gleich nach der Pause. Da hatte Hertha zehn, fünfzehn Minuten lang Glück, dass ihr das Spiel nicht um die Ohren flog, so phänomenal waren da Passspiel und Laufwege beim BVB. In dieser Phase fehlte es an Geistesgegenwart, besonders deutlich beim (zu) schnellen Ausgleich, als die Schwarzgelben eine ganze Armada am Elferpunkt stehen hatten, aus der Pulisic sich einen aussuchen konnte: es war Reus.

Der Treffer hat eine lange Vorgeschichte, denn bei Hertha gibt es immer wieder Szenen, in denen im Strafraum einfach nicht konsequent genug verteidigt wird, sodass es zu Gegentreffern im zweiten, dritten Ansetzen kommt (vergleiche das Tor von Toprak gegen Leverkusen).

Schieber kam früh, nämlich schon nach einer Stunde, für Ibisevic, bei dem die Reporter inzwischen die torlosen Minuten zu zählen beginnen. Es sind das aber die Minuten der ganzen Mannschaft, die den Mittelstürmer zwingt, sich viel weiter hinten einzubringen, als es seinen Intuitionen und seine Physis zuträglich sein kann. Er zeigt zwar immer wieder ein kluges Kombinationsspiel (in den Ansätzen, auf die Hertha sich derzeit insgesamt beschränkt), aber er kommt kaum in Situationen, in denen er seinen "Riecher" gebrauchen kann.

Bleibt als Ergebnis aus Dortmund die Kompaktheit. Selbst Kalou trug bis zum Ende sein Bestmögliches dazu bei, mit dem Ergebnis, dass ihm beim Elfmeter ein paar Hunderstelpromille Sauerstoff im Hirn gefehlt haben werden. Hertha kann das Gefühl haben, gestärkt in den Ligabetrieb zurückzukehren, auch wenn gegen Schalke die Beine sicher noch tonnenschwer sein werden.

Blauweißer Mann des Spiels: John Brooks. Fiel schon mit dem Kopfball vor der großen Chance von Ibisevic auf, wurde mit jeder Minute sicherer, zum Ende hin der berühmte Turm in der Schlacht.

Stilmittel des Spiels: die Bartra-Pässe. Der Begriff des Packings hatte ja nur ein Turnier lang Konjunktur, gestern zeigte der Spanier, was er kann, wenn er sich konzentriert. Er überwindet immer wieder zwei Linien mit einer Idee. Brooks, Langkamp, Stark, aber vor allem auch die potentiellen Empfänger solcher Pässe (die ja entsprechend irgendwo einlaufen müssen) sollten das studieren. Denn Hertha wird bald wieder auf Gegner treffen, die ihr eine andere Rolle zuweisen als der BVB.


Geschrieben von marxelinho am 09. Februar 2017.

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05. Februar 2017

Komische Fragen

Die Freitagspiele der Bundesliga sind eine nützliche Angelegenheit. Ich bekomme da immer wieder Mannschaften zu sehen, von denen ich nicht so viel weiß, und es gibt auch immer wieder einen Eindruck davon, wo die Liga insgesamt gerade so steht. Vorgestern hatte HSV-Leverkusen laufen, ohne Ton, was den chaotischen Gesamteindruck noch verstärkte. Ein wildes Gegurke, das aber doch irgendwie ein richtiges Ende fand, mit einem ebenso zufälligen wie folgerichtigen Kopfballtor nach einer zweimal angesetzten, hoch spekulativen Flanke.

Warum erzähle ich das? Weil Pal Dardai am Samstag in der Pressekonferenz nach dem 1:0-Heimsieg gegen Ingolstadt etwas Bedeutsames gesagt hat: das Gegurke, die langen Bälle, das Umgehen des Spiels zugunsten permanenten Gestochers und eines langen Zweikampfgewimmels, all das ist nicht Stil von Hertha BSC. Hertha steht für Passpiel. Der Rasen im Olympiastadion gibt das zur Zeit nicht her. Die Spieler haben zwar "hervorragend geackert", allerdings nicht in dem Sinn, wie der HSV das am Freitagabend getan hat. Sie haben im Acker ein Spiel gesucht, wie in dem Gleichnis aus dem Matthäus-Evangelium.

Der Hintergrund zu dieser kleinen Erörterung der Bodenverhältnisse liegt in dem Umstand, dass der Sieg gegen die Schanzer die Situation nicht geklärt hat. Das Tor fiel schon in der 2. Minute, und danach verfestigte sich immer mehr der Eindruck, dass das auch die einzige Möglichkeit war. So handelt es sich bei diesem Ergebnis wohl um ein "0:0, das sich als 1:0 verkleidet hat" (in Abwandlung von Thomas Tuchels Statement über ein 4:0 des BVB gegen Leipzig gestern, das sich auch als 1:0 verkleidet hat).

Das erste Heimspiel in der Rückrunde sollte ein wenig Klarheit bringen über die Möglichkeiten von Hertha in dem kommenden Halbjahr. Es gibt deutliche Mangelerscheinungen zu bemerken, die an trüben Tagen (Berlin zeigte sich gestern insgesamt von seiner unangenehmsten Seite) leicht als Krise durchgehen.

Der Sieg gegen Ingolstadt war schon das absolute Minimum, das eine Mannschaft von sich verlangen muss, die offiziell nach Europa will. Es wurde dann aber auch noch extra minimalistisch erreicht. Unsicher erscheint nun zusehends, ob Hertha unter Dardai eigentlich schon einmal mehr vom Spiel wusste als derzeit. Das ist eindeutig der Fall. Fragt sich also, ob die derzeitig Spielschwäche einfach mit individuellen Formkurven (Darida) oder mit einem ungenügenden Konzept zu tun hat.

Am ehesten scheint es mit einer allgemeinen Einstellung zu tun zu haben. Viele Hertha-Spieler machen den Eindruck einer gewissen Genügsamkeit, jedenfall sind sie nicht "hungrig", wie man das von großen Sportlern oft sagt. Die Mannschaft will nichts falsch machen, kommt so aber kaum einmal zum Richtigen. Auch nicht in einer Formation mit Darida auf der 8 und Stocker auf der 10.

Dahinter steht vielleicht diese Idee, dass die Spiele hinten hinaus mehr hergeben, man sie also nur solange herunterkühlen muss, bis sich am Ende ein Fenster der Gelegenheit ergibt. Zuletzt war Hertha zu diesem Zeitpunkt aber immer schon zwei Tore zurück.

Pal Dardai sprach von "komischen Fragen", als jemand von ihm wissen wollte, warum Hertha nach dem frühen Führungstor gegen Ingolstadt nicht befreit aufgespielt habe. Von einer Befreiung war das Spiel tatsächlich weit entfernt. Die Fragen aber sind in der Sache berechtigt. Sie müsste am ehesten so gestellt werden: Wie will eine Mannschaft mit einem Konzept radikaler Durchschnittlichkeit sich im ersten Drittel behaupten? Das ist die Krise, die man natürlich jederzeit beenden kann, indem man Platz 9 als das neue Saisonziel ausgibt. Man kann sie aber auch beenden, indem man sich mit dieser Mediokrität (sie prägt Hertha derzeit fundamental) nicht zufriedengibt.

Das Spiel gegen Ingolstadt war dazu nicht die beste Gelegenheit. Das Spiel auf Schalke hingegen wird eine ideale Gelegenheit. (Und das Pokalspiel gegen den BVB kann Energien freisetzen.)

Geschrieben von marxelinho am 05. Februar 2017.

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Natalie Keil (am 05. Februar 2017)

Wird Dardai dünnhäutiger? Irgendwas ist jedenfalls, er hat sonst immer locker reagiert und zuletzt fühlte er sich mehrmals angegriffen. Was ich mich in der ganzen Situation frage ist, was ist da Widmeyers Part? Dardai ist doch eigentlich der Motivator, das gelang doch auch schon. Wir reden ja von denselben Spielern. Dardai ist doch nicht der Typ für Genügsamkeit im Team. Dagegen spricht auch das Saisonziel. Dennoch bleibt die Frage, was los ist. Ich finde das auch so diffus, wie die Frage allgemein ist.
30. Januar 2017

Schrott ist ein Rohstoff

Drei Punkte aus drei Spielen hat Pal Dardai angeblich für den Auftakt im neuen Jahr eingeplant. Das ist also mit dem Heimspiel gegen Ingolstadt am kommenden Wochenende immer noch drin. Allerdings wirkt die Ansage doch seltsam defensiv, und sie passt nicht zu dem Projekt, dieses Jahr eine direkte Qualifikation für Europa zu erreichen. Hat der Trainer dieses Projekt also schon ad acta gelegt?

Es lohnt sich, auf die Zwischentöne der beiden Trainer in der Pressekonferenz zu hören. Christian Streich weiß ja auch, dass das "kein Leckerbissen" war. Freiburg hat allerdings den eigenen Matchplan durchgesetzt, Hertha hingegen sah schlecht aus, jedenfalls, wenn man die Ansprüche und die Tabellenposition mitbedenkt.

Sonst könnte man nämlich einfach sagen: Nun gut, das ist eben der Alltag der Liga, zwei Teams, die sich irgendwie über Wasser halten wollen, haben sich auf niedrigem Niveau miteinander auseinandergesetzt. Manchmal schlägt eine Mannschaft der anderen ein Schnippchen (Frankfurt am Freitagabend auf Schalke, ein furchtbares Spiel). Manchmal setzt sich dann doch die geringfügig bessere Mannschaft durch. So war es am Sonntagnachmittag in Freiburg.

Hertha war eindeutig die schlechtere Mannschaft. Mit der Aufgabe, das Spiel zu machen, war sie fast vollständig überfordert. Der Unterschied war nicht allzu groß, er lässt sich noch kleinreden, aber de facto ist er enorm. Freiburg spielte vollkommen im Einklang mit seinem Projekt. Hertha spielte diametral im Missklang mit ihrem Projekt. Da man aber Projekte nicht dauernd neu definieren kann (auch wenn Pal Dardai es heimlich schon tut), muss man schauen, woran das spielerische Unvermögen liegt.

Hertha hat eigentlich den ganzen Herbst hindurch noch tendenziell auch eher Spielverderberfußball gespielt, wie ihn Eintracht Frankfurt spielt, und wie ihn auch Freiburg spielt (bei allerdings nicht unbeträchtlicher Kompetenz im Detail). Die erste Halbzeit im Breisgau ergab dann allerdings eine eindeutige Rollenverteilung. Hertha hatte den Ball, kam damit aber nicht weit.

Das wichtigste Problem ist schon lange offensichtlich, es wird derzeit nur durch die schwache Form von Darida verschärft: das Zentrum ist steril. Skjelbred und Lustenberger sind inzwischen nahezu identische Spieler, beide denken strikt nach hinten (auch wenn Skjelbred dieses Mal sogar einmal auf das Tor schoss), sie spielen fast vollständig mit dem Rücken zum gegnerischen Tor.

In einem engen Spiel kommt es aber darauf an, die wenigen Gelegenheiten zu nützen, in denen einmal Unordnung herrscht, in denen aus einem zweiten Ball vielleicht ein dritter oder vierter wird, und dann müsste mal jemand einen interessanten Pass spielen. Dazu muss man sich aber auch herausfordern, indem man die Sicherheitsablage nach hinten nicht zum prägenden Stilmittel macht.

Pal Dardai wechselte gestern einmal die ganze Flügelformation aus, eigentlich aber braucht er einen neuen 6er und 8er, die Variante mit Stark kann er gegen Ingolstadt schon einmal vergessen.

Wie kommt eine Mannschaft ins Spiel? Das ist das große Rätsel, vor dem gerade die Bundesliga steht, die mit vielen grundkompetenten, aber weitgehend biederen Mannschaften ein Mittelmaß erzeugt, dem Hertha sich allmählich entziehen wollte. Es scheint, dass dafür das Personal nicht vorhanden ist. Mitchell Weisers Dynamik konnte phasenweise die ganze Formation mitreißen, es ist bestürzend, dass er so sehr fehlt.

Mangelnde Laufbereitschaft ist sicher ein Faktor, auch gegen Freiburg blieb Hertha im untersten Bereich, auf jeden Fall war das Engagement insgesamt vor allem in der ersten Halbzeit bescheiden. Die Spieler verstecken sich miteinander voreinander.

Hertha wäre zu nett, hieß es die ganze letzte Woche. Das geht am Problem vorbei. Hertha hat eine Identitätskrise. Eine Weile hatten wir schon gehofft, dass Pal Dardai diese Krise lösen kann. Und die Möglichkeit besteht ja auch nach wie vor. Nur zur Zeit strahlt auch er eher Ratlosigkeit aus. Immerhin habe die Mannschaft keinen "Schrott" gespielt. Man muss ihm wiedersprachen. Es war Schrott. Aber auch daraus kann man etwas machen.

Geschrieben von marxelinho am 30. Januar 2017.

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Natalie Keil (am 30. Januar 2017)

Komplett Deiner Meinung. Und das DM, lustig, habe heute genau dasselbe gesagt. PS und FL, das ist dasselbe. Ach, ich habe gehofft, es wird bessser und fühle mich vom Murmeltier gegrüßt. Das Phlegma macht mich fertig.
23. Januar 2017

Quatsch mit Sauce

Hertha kann keine Rückrunde. Dieser Verdacht taucht in diesem neuen Jahr schon nach dem ersten Spiel auf, das nominell sogar noch zur Vorrunde zu zählen ist. 1:3 gegen Leverkusen, in jeder Hinsicht verdient, auch wenn der Trainer das anders sieht. Pal Dardai möchte arbeiten, aber zum Fußball gehört es nun einmal leider auch, dass man nicht nur gegen Mannschaften spielt, sondern auch gegen Geschichten. Im günstigen Fall, wenn man die Geschichte(n) auf seiner Seite hat, kann einen das weit tragen.


Der Club hat für dieses Halbjahr von sich aus die Themenführerschaft übernommen. Es wurde ein Saisonziel ausgegeben: Europa. Zwei von den drei Plätzen, die allenfalls verloren werden dürfen, sind schon nach diesem ersten Spieltag weg. Trotzdem war es sicher richtig, nicht blöd herumzutun. Eine Mannschaft, die zwei Jahre hintereinander auf Platz 3 überwintert, muss sich auch ihren Möglichkeiten stellen.

Sie muss das allerdings deutlich anders tun als in Leverkusen, in einem von beiden Seiten bescheidenen Bundesligaspiel, bei dem Hertha auch mit der Teamlaufleistung eine seltsame Passivität dokumentierte: 110,5 Kilometer. Das ist ein Einstand, bei dem noch das Prosit der Gemütlichkeit nachhallt.

Pal Dardai muss natürlich das Beste aus der Situation machen. Kommenden Sonntag beginnt die Rückrunde mit einem schweren Auswärtsspiel bei Freiburg, das am Freitag gegen den FC Bayern eine beeindruckende Leistung zeigte. Viel wichtiger als die Ansage mit dem Saisonziel wird ohnehin sein, ob es Hertha in dieser Halbserie gelingt, die immer noch aufällige Undefiniertheit loszuwerden.

Um es ein wenig zuzuspitzen: Das Spiel gegen Leverkusen war gar keines. Das war eher nur eine Art Routineveranstaltung mit den Grundtugenden des Fußballs, eine lange Zweikampfeinheit. Alles, was darüber hinausgeht, also da, wo das Spiel eigentlich anfängt, fand fast nicht statt. Hertha hat am Sonntag nicht Fußball gespielt, sondern nur gearbeitet.

Einer der ganz wenigen gelungenen Spielzüge hätte ja in der zweiten Halbzeit sogar fast das 2:2 gebracht. Darauf vor allem begründete der Coach danach seine gelassene Einschätzung der Leistung. Die insgesamt äußerst dürftige Gesamtleistung ließ er aus guten Gründen unerwähnt. Man müsste sonst fragen, was mit Vladimir Darida los ist, der nicht einmal mehr Eckbälle kann. Man müsste fragen, wie man aus Esswein einen brauchbaren Spieler machen kann, der nicht ständig zwischen tollen Momenten und (häufigerem) Unvermögen schwankt. Man müsste fragen, wie man das absolut sterile zentrale Mittelfeld beleben könnte. Man müsste fragen, ob sich nicht die ganze Mannschaft zu sehr nach hinten orientiert, mit dem Rückpass als der deutlich zu häufig gewählten Sicherheitsvariante.

Aber gut, das sind nur Momentaufnahmen von einer Standortbestimmung. Nach der Winterpause müssen alle erst sehen, wo es lang geht. Der Verdacht, dass Hertha für die aktuelle Tabellenposition und die damit verbundenen Ansprüche eigentlich zu wenig Fußball spielt, hat allerdings schon die Hinrunde begleitet. Er war wohl auch ein Thema, als man Duda verpflichtet hat, bei dem man sich fragen muss, was eigentlich bei der medizinischen Untersuchung vor Vertragsunterzeichnung überprüft wurde.

Das Saisonziel, das Hertha sich eigentlich gesetzt hat, ist dabei immer noch plausibel: Die Aspiration auf Europa bedeutet ja nichts anderes, als dass man der Rückrunde die Form einer Lernkurve geben möchte. Die Mannschaft muss sich entwickeln, um die Aura einer überbewerteten Aktie loszuwerden. Das geht nur, indem man Fantasie ins Spiel bringt. Kompaktheit, mit der es de facto sowieso nie so weit her war, ist auch ein Fluch. Man muss ihn bannen - durch Spiel.

Geschrieben von marxelinho am 23. Januar 2017.

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Natalie Keil (am 23. Januar 2017)

Danke dafür, wie Du weißt, fand ich es ein unterirdisches "Nicht-Spiel", nicht, weil ich etwas Zählbares erwartet hätte, sondern weil ich während des Spiels oft dachte, unsere Mannschaft tut so, als spielte sie das erste Mal zusammen. Zu Darida hatte ich dieselben Fragen, auch, weshalb nun auch unsere junge IV dieses Hintengeschiebe passioniert betreibt. Ich kann mich an erste Brooks- und vor allem Stark-Auftritte erinnern, da hat mir vor allem das Dynamische ihres Spiels gefallen im Gegensatz zu Langkamps Interpretation. Inzwischen ist es aber so, daß beide mittlerweile Schlampigkeiten zeigen, daß dann eher der humorlose, aber konstante Langkamp die Nase vorn hat. Aber das ist eigentlich nicht das, was ich mir für unser Spiel gewünscht habe. Stocker war der Einzige, der auf Messers Schneide motiviert war (Schade, daß er diesen einen Moment keinen Marcelinho-Geniestreich im Kopf hatte. Aber das wäre am Sonntag wahrscheinlich zu exotisch für uns gewesen.). Ansonsten waren wir moderaten Gegnern echt in jedem Punkt unterlegen: körperlich und geistig viel zu langsam. Ich möchte manchmal verstehen, was da in solchen Spielen los ist. Naja, und 4 Auswärtsspiele von 5 ersten in 2017 sind nach diesen Eindrücken echt ein Brett.
22. Dezember 2016

Gedächtniskirchentag

Als Hertha BSC vor etwas mehr als einem Jahr den Vertrag mit Marvin Plattenhardt bis 2020 verlängert hat, habe ich das eher gelassen zur Kenntnis genommen. Inzwischen zeigt sich aber mehr und mehr, dass diesem Detail eine gute Einschätzung zugrunde lag. Der jetzt schon deutlich beste Linksverteidiger, den Hertha in all den Jahren seit 1997 hatte, spielt sich gerade wieder einmal in den Fokus einer breiteren Öffentlichkeit. Und er akzentuiert seine meist anständigen bis guten Leistungen ab und zu mit Freistoßtoren, auf die eine spielerisch derzeit recht limitiert wirkende Mannschaft sehr angewiesen ist.

Das Heimspiel gegen Darmstadt wenige Tage vor Weihnachten stand natürlich im Zeichen des Anschlags von Montag. Aber die genaue Natur des Zusammenhangs wird niemand herausfinden. Wären ohne die Todesfahrt vom Breitscheidplatz mehr als die knapp 32.000 Zuschauer gekommen? (Ich fiel wegen einer Erkältung aus, und von einer der stärksten Hertha-Seelen weiß ich aus sozialen Netzwerken, dass sie von Madeira aus zusah, also zweimal bei der Angabe der Gründe für Abwesenheit: andere.) Hat während des Spiels irgendjemand sich von der schwierigen Weltlage, auf die später am Abend dann sogar Carlo Ancellotti noch verwies, bedrücken lassen?

Hertha hatte am Nachmittag vor dem Spiel noch einen Kranz am Breitscheidplatz niedergelegt und dies auch digital geteilt. Es war eine bewegende Geste, zumal man mit dem Fanshop im Europacenter ja auch Anrainer ist, aber die Gesetze der Mediengesellschaft machen daraus unweigerlich auch einen Marketingauftritt. Hätte man es unterlassen sollen? Ich weiß es nicht. Das Bild selbst, mit der Gedächtniskirche und dem Christbaum im Hintergrund und dem Talisman Nello di Martino im Zentrum, hält auf jeden Fall einen besonderen Moment fest. Und Hertha (alle zwei Wochen für eine höchst sicherheitsrelevante Großveranstaltung verantwortlich) ist da wohl doch ein bisschen mit der Stadt zusammengewachsen. Nimmt man das als den tieferen Sinn, dann war das wohl ein guter Move.

Über das Spiel gegen Darmstadt muss man vielleicht gar nicht so viel sagen. Vor einem halben Jahr hat Hertha das gleiche Heimspiel, bei besten Bedingungen und intakten Chancen auf einen brillanten Saisonabschluss, verloren. Dieses Mal gab es einen Pflichtsieg, der abgesehen von ein paar Minuten vor der Pause nie gefährdet war, dem aber auch wenig Strahlkraft eignet. Weil viele andere Mannschaften unentschieden spielten, steht Hertha nun bis zum Hinrundenfinale am Beginn der Rückrunde auf Platz 3.

Marvin Plattenhardt war während dieses ersten Halbjahrs auch einmal kurz verletzt, aber er ist stark zurückgekommen. Im neuen Jahr wird es eine Herausforderung für die Betreuer darstellen, den idealen Partner für ihn zu finden - sofern nicht auch Hertha dazu übergeht, die Außenbahn nur noch mit einem Vielläufer zu besetzen, wie es ja ein gewisser Trend zu sein scheint. Jedenfalls war zuletzt deutlich, dass Hertha einen wirklich starken linken Winger nicht hat, der mit Plattenhardt ein starkes Duo abgeben könnte.

Salomon Kalou hat zwar gegen Darmstadt ein Tor erzielt (das allerdings wegen eines Michael-Ballack-Gedenkschubsers von Ibisevic nicht zählen hätte dürfen), aber es war doch deutlich erkennbar, dass er Schwierigkeiten hat, mit seinem fragilen Spiel (zumal auf einem desolaten Rasen) etwas zu erreichen außer viele Ballverluste.

Rechts stellt sich die Angelegenheit ähnlich dar, auch wenn Valentin Stocker ein relativ gutes Spiel gemacht hat. Es bleibt als vorläufiger Eindruck aus den ersten 16 Spielen, dass der Höhenflug weniger exzentrisch wirkt, dass Hertha aber in einer Bringschuld bleibt: Eine Mannschaft, die auf einem Champions-League-Platz steht, muss eigentlich in den großen Spielen anders auftreten.

30 Punkte sind die perfekte Grundlage für eine Vorbereitung, die Akzente in diese Richtung setzen kann. Und Marvin Plattenhardt ist zum Glück langfristig gebunden. Es wäre nicht verwunderlich, wenn schon in dieser Wintertransferperiode die eine oder andere Anfrage hereinschneien würde. Ich hoffe, er bleibt noch so lange, bis alle Erinnerungen an Michael Hartmann oder Malik Fathi endgültig in einem schönen Sepiaton der Sympathie verstaut werden können. Und ich hoffe, dass er sich von dem unausweichlichen Codewort "Nationalteam" nicht noch einmal so aus der Form bringen lässt, wie letztes Jahr.

Frohe - und besinnliche - Weihnachten. Meine Stadt - mein Verein. Hertha BSC.

Geschrieben von marxelinho am 22. Dezember 2016.

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Natalie Keil (am 22. Dezember 2016)

Danke, mein Lieber, für die ehrenvolle Erwähnung. Ich traf auch einen engen Freund von Dir hier auf Madeira. Vergnügen in jeder Hinsicht. Frohe Weihnachten!
18. Dezember 2016

Die Macht im Osten

Die Tabelle lügt nicht, aber auch das Spiel von RB Leipzig gegen Hertha ließ wenig Zweifel: Die Liga hat einen zweiten FC Bayern. Das 0:2 in der ersten Bundesligabegegnung von Hertha und den "Roten Bullen" (die zugleich ein erstes Derby war, von dem noch unklar ist, ob es einmal einen Klassikerstatus wie HSV-Bremen erreichen kann) verrät als Resultat nur in Andeutungen, dass es eine sehr, sehr klare Sache war.

Für Hertha, noch immer auf Kurs zu einer außergewöhnlichen Hinrunde (2008 unter Favre waren es 33 Punkte nach 17 Spielen, das ist theoretisch auch dieses Mal wieder möglich), war es eine ernüchternde Erfahrung, denn schon gegen den richtigen FCB war die Chancenlosigkeit eklatant gewesen. Und nun also auch gegen den Aufsteiger aus der Nachbarmetropole, zweifellos ein mächtig angeschobenes Team, aber eben auch ein ziemlich kompetentes. Die Mittel, mit denen Hertha in der ersten Halbzeit auseinander genommen wurde, erinnerten an den Dominanz- und Einschürungsfußball der Bayern unter Guardiola.

Es war ein Spiel prinzipieller Inkongruenz, weil Hertha versuchte, Räume dicht zu machen, die von Leipzig ständig in neue Zwischenräume zerlegt wurden. Man kann da nicht viel mehr als versuchen, aso lange wie möglich "drinzuhängen", kurz vor der Pause war es dann aber geschehen, nach einem 25-Millionen-Tor (Naby Keita, 15 Millionen, Zuspiel auf Timo Werner, 10 Millionen, in diesem Moment beide jeden Cent wert).

Der listenreiche Pal Dardai, der schon jetzt gelegentlich Vorgriffe auf den Elder Statesman andeutet, der er als Jungspund auf der Betreuerbank ja noch lange nicht sein kann, hatte eine Aufstellung gewählt, die man in viele Richtungen drehen und wenden kann. Nur einen Sieg oder auch nur ein achtbares Remis in Leipzig gab sie beim besten Willen nicht her.

Einerseits wirkte die Formation so, als wäre der Auftritt in Leipzig ein Freispiel, eben mal so ein wenig pflichtschuldig einzuschieben vor dem wirklich wichtigen Spiel gegen Darmstadt am Mittwoch. Dafür sprach die Aufstellung von Allan im Mittelfeld (auffälligste Szene: seine Passivität beim zweiten Gegentor), die von Hegeler in der Innenverteidigung. Andererseits schien der Coach etwas vorzuhaben, indem er Schieber gemeinsam mit Ibisevic brachte. Ein Spiel einerseits fast von vornherein abzuschenken, es dann aber durch die Hintertür (die im Fußball immer die Vordertür ist) doch noch gewinnen zu wollen, das geht selten gut. Die frühe Verletzung von Mitchell Weiser, dem besten Fußballer bei Hertha, war dann auch noch ein Rückschlag, weil damit eine zentrale Verbindung zwischen Defensive und Offensive ausfiel.

Herthas Plan hätte vielleicht aufgehen können, wenn die Null bis Pause gestanden hätte. Dazu hätten aber die offensiven Spieler mehr Bälle "festmachen" müssen. Das gelang jedoch überhaupt nicht. Kalou (zu Recht zur Pause raus), Schieber (ohne Grund nach der Pause noch im Spiel) und Haraguchi (seit Wochen schwach) ließen die nominell mutige Formation so stumpf werden wie ein Nähkissen, in dem die Nadeln ja bekanntlich nicht nach außen zeigen.

Der Leipziger Schwede Forsberg hingegen demonstrierte, was man sich in Berlin von dem einstmaligen Königstransfer Valentin Stocker einmal hätte erwarten können, und auch, wofür Salomon Kalou wohl inzwischen definitiv zu langsam ist.

Hertha ist in einer seltsamen Situation. Dem Auftrag der Liga, die Spitzenteams nicht davonziehen zu lassen, kann sie nicht entsprechen, obwohl es von der Tabellensituation her eindeutig zu den Pflichten gehören würde, eine seriöse Herausforderung zu probieren. Die Winterpause kommt bald wie gerufen, denn mit den vielen Verletzungen und den vielen unklaren Positions- und Formfragen (vor allem gruppiert um den auf Position 8 zuletzt schwachen Darida) tut eine Nachdenk- und Übungspause gut. Vorher gibt es aber noch eine Chance, ganz seriös einen Favoritensieg gegen Darmstadt zu realisieren.

Hertha hat die ganze Hinrunde hindurch versucht, sich dazwischen zu positionieren: weder als Außenseiter noch als Favorit zu gelten, sondern einfach ein Spiel zu machen, das auf eine gewisse Weise immer schwach definiert war - wenig explizites Pressing, nicht allzu viel Kreativität, viel Vertrauen auf Effizienz und Mentalität. Nach zwei Niederlagen hintereinander muss niemand ein Konzept hinterfragen, weil es es im Grunde keines gibt, das über die Basiskompetenzen des Fußballs hinaus geht.

Hertha wird sich irgendwann besser definieren müssen. Es fällt auf, dass sie in Topspielen klarere Defizite zeigt als andere Außenseiter, die nicht "auf der Rechnung" stehen. Das lässt erkennen, wie schwer es ist, einer Mannschaft ein plausibles Selbstverständnis zu geben, und dieses in Einklang mit der Tabellenposition zu bringen. Leipzig macht gerade beindruckend vor, wie es geht.


Geschrieben von marxelinho am 18. Dezember 2016.

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Natalie Keil (am 18. Dezember 2016)

Wie immer treffend. Am besten gefällt mir eigentlich die Beobachtung, daß wir in nominellen Underdog-Topspielen nie frech genug auftreten, andere durchaus. Was, warum schafft FCI etwas auf den Platz zu bringen und wir nicht, obwohl wir doch spielerisch besser anzusiedeln sind als jene?! Das kann man sicherlich sezieren oder einfach metaphysisch hinnehmen. Wir nun schon müde im Kopf (lt. Dardai) scheint mir zu früh, aber es ist wohl so. Hausaufgaben für die Winterpause sind klar: geistige Frische, das Spiel gestalten lernen. Sehne den Tag herbei, an dem der Ball nicht mehr minutenlang in der Abwehr pendeln muß... Ansonsten sehr zufrieden. Wenn alles gutgeht: Wie unterschiedlich doch 33 Hinrundenpunkte unter Favre und Dardai sein können (oder die 32 der letzten Saison) bzw. sich anfühlen. Spricht das nicht sogar mehr für Dardai, der doch erst am Anfang steht? Eine Frage, die man diskutieren könnte. Liebe Grüße
11. Dezember 2016

Ein Arbeitstag aus zweiter Hand

Es lohnt sich vielleicht, einmal kurz über die Formulierung vom "gebrauchten Tag" nachzudenken. Wenn eine Fußballmannschaft wie Hertha BSC einen gebrauchten Tag hat, dann bedeutet das wohl wörtlich, dass sie den gleichen Tag schon einmal benützt hat. Damals hat sie ihn für einen Sieg genützt, dieses Mal aber - im siebten Heimspiel der Saison, gegen Werder Bremen - war er leer wie eine Flasche, die schon ausgetrunken ist (wir erinnern uns an Giovanni Trappattoni).

Ein Grund war, um von der Sprachregelung von Michael Preetz zu der des Cheftrainers zu wechseln, dass sieben oder acht Spieler eine schlechte "Tagesform" hatten. Zusammengefasst hatten sie wohl eine "gebrauchte Tagesform" oder die "Form eines gebrauchten Tages". Es ist jetzt müßig, die drei oder vier Spieler zu suchen, die Normalform hatten. Ich habe sie jedenfalls nicht gesehen. Die Mannschaft war auf eine recht kompakte Weise schwach, jedenfalls zu schwach, um einen Gegner, der auch ein paar abgezockte Oldies hat, in Schwierigkeiten zu bringen.

Das vielleicht spielentscheidende Ereignis war die frühe Verletzung von Sebastian Langkamp. Der ZDF-Reporter schickte dem vom Platz humpelnden Innenverteidiger noch eine ominöse Bemerkung über gehäuftes Auftreten von Muskelverletzungen bei Hertha hinterher. Langkamp fehlte sicher in der Defensive, nachdem Brooks schon gleich gar nicht nominiert werden konnte.

Relevanter war aber, wie die Betreuer seinen Ausfall ersetzten: Es kam nicht Allan Souza, wie es auch denkbar gewesen wäre, sondern Stocker. Lustenberger spielte danach hinten neben Stark, und Darida ging neben Skjelbred auf die Position 8. Damit war Hertha so offensiv aufgestellt wie noch selten, allerdings verlor die Mannschaft dadurch entscheidend an Balance. Sie war zu frontlastig. So sah es jedenfalls bald aus, denn zum Zeitpunkt der Auswechslung fand ich das Manöver plausibel.

Der einzige Treffer des Spiels entstand aus einer Situation, die Hertha eigentlich kennt, die sie auch immer wieder provoziert, die auch schon zu blöden Gegentoren geführt hat: Das häufige Hintenrum führt irgendwann zu einer Verlegenheit, aus der sich Jarstein und Kollegen nicht mehr souverän befreien können. Die anlaufenden Bremer sind schon am Sechzehner, Jarstein spielt nicht mehr lupenrein nach links zu Stark, der macht eine doppelten technischen Fehler, zweimal legt er sich den Ball ein bisschen zu weit vor, während er eigentlich noch alle Zeit hat zumindest für einen unkontrollierten Abschlag. Kruse geht dazwischen. Fragen zu seinem Gewicht werden hier nicht gestellt. Für Werder Bremen hat er offensichtlich großes Gewicht.

Nächsten Samstag in Leipzig wird Hertha endlich wieder einmal Außenseiter sein. Die Mannschaft scheint sich danach zu sehnen. Die Mühsal eines Aufbauspiels, das nicht so recht in die Gänge kommen will, zieht sich durch die ganze Saison, und wurde erst in der zweiten Halbzeit ein wenig geringer, als das Spiel allerdings auf eine Weise offener wurde, die nur den Bremern gefallen konnte. Denn die deutlich besseren Momente hatte Werder, die dann ein lupenreines Umschaltspiel aufzogen.

Hertha ist trotz der Niederlage weiterhin auf Platz 3. Das erinnert ein wenig an die letzte Saison, wo die "Aktie" ungewöhnlich lang überbewertet blieb, erst gegen Ende erfolgte die Korrektur. Der Rückschlag gegen Werder könnte sich noch als produktiv erweisen, nämlich im Sinn eines ausgeglicheneren Saisonverlaufs. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass die Mannschaft künftig flexibler spielt und überraschende Momente schafft. Das ist eine Sache der individuellen Risikoabschätzung, aber auch der gemeinsamen Laufarbeit. Es ist auch eine Sache der Form. Wer suchet, der findet sie.


Geschrieben von marxelinho am 11. Dezember 2016.

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04. Dezember 2016

Allmählich ansteigendes Oberwasser

Wie es aussieht, steuert die Liga auf zwei Topspiele in den beiden Runden vor Weihnachten zu, in denen die Dosen aus Leipzig auf die direkte Konkurrenz treffen werden. Hertha hat dabei mit einem Auswärtsspiel den Vorteil, dass die außergewöhnliche Heimbilanz nicht zur Sache stehen kann - die vorher aber noch gegen Bremen zu bestätigen ist. Nach dem in vielerlei Hinsicht äußerst aussagekräftigen 3:2 am Samstag in Wolfsburg führt aber kaum noch ein Weg daran vorbei, dass es in zwei Wochen ein richtig besonderes Spiel geben wird. Und danach muss Leipzig ja bekanntlich nach München.

Gegen den VfL Wolfsburg gab es einen enorm befriedigenden Sieg - weil er so spät besiegelt wurde, weil er am Ende so folgerichtig erscheinen konnte, und weil er auf einem Umschwung beruhte, bei dem mentale Komponenten wohl eine große Rolle spielten.

In der ersten Phase des Spiels war die Mannschaft nämlich keineswegs gefestigt. Sie war ungefähr so kompakt wie ein Hühnerhaufen, um ein gebräuchliches Bild für eine ungeordnete Sozialformation zu bemühen. Dazu kam der nicht allzu häufige Umstand, dass Wolfsburg zwei Tore erzielte, die man wie konkrete Übersetzungen von taktischen Manövern ins Zählbare sehen kann.

Schon der frühe Führungstreffer durch Mayoral hatte ursächlich mit dem 3-5-2 zu tun, mit dem Trainer Ismael einen Akzent setzen wollte. Gerhardt, halb Außendecker, halb Flügelspieler, machte diese Doppelrolle gleichsam anschaulich, indem er zwischen Haraguchi und Pekarik einfach hindurch lief. Während die noch mit Abstimmungsproblemen beschäftigt waren, flankte Gerhardt, aus dem Trubel, den er auslöste, fiel das Tor.

Plattenhardt glich prompt durch einen bemerkenswerten Freistoß aus (Anlauf: eineinhalb Schritte, Banane über die Mauer, Krümmungslinie gerade noch EU-konform), doch dann kam das zweite Ismael-Tor, dieses Mal durch einen Mittelfelspieler. Notabene durch einen überzähligen, wie er bei einem 3-5-2 eben auftaucht. Lustenberger wäre am ehesten in der Verantwortung gewesen, da mitzudenken. Er ließ Seguin, dessen Lauf sich dem Fernsehzuschauer eine halbe Ewigkeit andeutete, den freien Raum.

Danach ging aber bei Wolfsburg nicht mehr viel, der taktische Vorteil half nur 20 Minuten, in der zweiten Halbzeit wurde das Spiel immer einseitiger, ohne dass Hertha wirklich einen Schlüssel gefunden hätte, um Schieber (der Ibisevic vertrat) in eine aussichtsreiche Position zu bringen. Der Mittelstürmer war in einer bedauerlichen Rolle - das Spiel kam selten zu ihm.

Bezeichnenderweise fiel auch das zweite Hertha-Tor von außerhalb des Strafraums, durch einen Flachschuss von Esswein (eingewechselt für den schwachen Haraguchi). Esswein ist ein etwas unsteter Spieler, aber er kann etwas, was bei Hertha nicht so häufig vorkommt: er kann besondere Momente. Sein Flachschuss war brillant. Danach wurden dann sogar noch die Kombinationen besser, Plattenhardt kam immer besser ins Spiel, er holte schließlich ganz spät noch einen Elfmeter heraus, den Kalou richtig cool verwandelte. Wenn man ihn mit dem vom Chicharito vergleicht, der ungefähr zur selben Zeit in Leverkusen ein jämmerliches Exempel darbot, dann war das sogar ein herausragender Treffer.

Er verdeutlicht, was es mit dieser Mannschaft wohl auf sich haben könnte. Am Ende war der Sieg verdient, es war auch ein Sieg des Selbstbewusstseins und der Geduld. Denn bis zum Ausgleich hatte Hertha nicht gut gespielt, sondern umständlich und uninspiriert, mit langwierigen Ballverarbeitungen und wenigen interessanten Läufen. Der einzige Effekt dieser wenig ansehnlichen Phase des Spiels: Wolfsburg lief sich müde (über die gesamte Spieldauer waren es fünf Kilometer mehr). Und dann schlug Hertha zu.

Wolfsburg ist in der Krise, keine Frage. Aber man muss auch in der Lage sein, so eine Krise zu nützen, zumal wenn der Gegner zweimal in Führung geht. Hertha hat noch eine Menge Arbeit auf dem Weg zu einer auch spielerisch erfreulichen Fußballmannschaft, aber für einen Arbeitssieg, der am Ende sogar noch Finesse bekommt, war das ein herausragendes Beispiel. Und damit eine gute Übung für das Duell in zwei Wochen, gegen eine Mannschaft, die mit dem Prinzip (Akkord-)Arbeitssieg derzeit die Liga rockt.

Nächste Woche kommt aber vorher noch Werder Bremen ins Olympiastadion. Da führt dann nichts daran vorbei, dass Hertha eindeutig als Favorit in die Begegnung geht. Die Mannschaft hat die Mittel, diese Rolle nicht nur anzunehmen, sondern sie auch interessant zu interpretieren.

Geschrieben von marxelinho am 04. Dezember 2016.

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28. November 2016

Irgendwie fühlt sich die Jagd nicht nach Jagd an

Im Fußball schaut man immer von Spiel zu Spiel. Manchmal schaut man aber auch drei Spiele voraus. Von den vier noch verbleibenden Begegnungen, die Hertha in dieser späten Phase des Jahres absolvieren muss, wird das Auswärtsspiel in Leipzig besondere Bedeutung haben. Es könnte sogar ein Topspiel werden, derzeit sind die Dosen, wie Ralph Hasenhüttels Mannschaft mit unverhohlener Geringschätzung für den mächtig anschiebenden Hauptsponsor auch von mir genannt wird, Tabellenführer, und Hertha jagt nach dem 2:1 gegen Mainz 05 den Jäger, die Bayern, die Bayern.

Einschränkend muss man sagen, dass die Leistung vom Sonntagabend eher auf eines der Abnützungsduelle hindeutete, mit denen Mannschaften in den hinteren Bereichen der Liga nach Luft strampeln. Hertha hatte zweimal Glück, und zweimal Ibisevic, der zwei Tore durch zwei gelbe Karten nicht aufwog. Die Tore zählten, der Platzverweis schwächte Hertha nicht mehr entscheidend.

Es war eines dieser Spiele, in denen die Mannschaft ihre neue Rolle erproben konnte, wie schon gegen Augsburg. Hertha wurde eingeladen, das Spiel zu machen. Die Einladung war unübersehbar, wurde allerdings durch einen Dreierriegel relativiert, mit dem Mainz die Spieleröffnung zu unterbinden versuchte. Brooks und Langkamp, dazwischen Stark, sie alle suchten nach Varianten für einen interessanten ersten Pass. Die vertikalen Bälle blieben dieses Mal weitgehend aus, eindeutig lag der Fokus auf kürzeren oder längeren Diagonalen, wobei sich aber letztlich nur Plattenhardt empfänglich zeigte.

Das Flügelspiel funktioniert zur Zeit nicht sonderlich gut, weil Haraguchi nicht besonders in Form ist, und Kalous Rezepte meistens zu kompliziert sind. Stocker, der im Zentrum aufgeboten wurde, blieb fast vollständig wirkungslos. Das galt eigentlich für die ganze Mannschaft. Es war der Tag für ein, zwei besondere Momente. Es reichte, dass Kalou einmal in den Strafraum eindringen und dort querlegen konnte - das gab Ibisevic die Gelegenheit zu einer klassischen Stürmerbewegung - Ball mitnehmen, Körper drehen, Schussposition ist erreicht, der Ball muss dann nicht einmal besonders scharf aufs Tor kommen, er ist doch unerreichbar.

Davor hatte Kalou mit einem Ballverlust auch zum unerwarteten Rückstand beigetragen. In der zweiten Halbzeit kam Darida ins Spiel, der Siegestreffer für Hertha hatte mit ihm zu tun, allerdings nicht in jenem ursächlichen Sinn, über den Trainer sich freuen können, weil sie auf ein herausgespieltes Tor verweisen können. Es war eher ein Irgendwie-Tor. Irgendwie kam der Ball zu Ibisevic, der ihn irgendwie über die Linie brachte.

Es war ein Treffer, der zu einer beeindruckenden Heimserie beitrug. Sechs Spiele, sechs Siege, 13:3 Tore. Diese Tabelle führt Hertha an. Die Serie ließe sich gegen Bremen und Darmstadt sogar noch ausbauen, das würde diese Hinrunde eindeutig historisch machen. Nicht in den Zahlen steht dagegen, dass Mitchell Weiser der Mannschaft mehr fehlt, als es den Verantwortlichen lieb sein kann. Dass Hertha von sich aus kein Tempo ins Spiel bringt. Wer aus solchen Spielen immer wieder Punkte mitnimmt, ist auch auf eine Weise ein Topteam.

Vier Spiele noch bis Weihnachten, schon jetzt eine respektable Ausbeute an Punkten - sportlich passt es weitgehend, dazu kommt dieser Trainer, der seine persönliche kleine Krise, die er zum Ende der letzten Saison eingestandener Weise hatte, sehr gut gemeistert hat: das sind alles Aspekte, die Hertha einen schönen Advent bescheren.

Zu der Stadion-Diskussion muss man vorläufig nichts sagen - das sind alles Vorgeplänkel, mit denen Hertha sich gegenüber dem Land Berlin in Stellung bringt. Interessant ist momentan allenfalls die Frage, ob es denn neben gmp (Gerkan, Marg und Partner: TXL, Hauptbahnhof, BER, Umbau Oly, Commerzbank-Arena, ...) noch andere Büros gibt, die sich da vielleicht mit Ideen einbringen können. Denn Hertha wird nur alle paar Jahrzehnte die Chance auf ein eigenes Stadion haben. Das sollte dann nicht einfach eine öde Funktionsarena werden. Da heißt es aufpassen, dass nicht mit einer Machbarkeitsstudie schon alle Weichen gestellt werden.

Geschrieben von marxelinho am 28. November 2016.

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20. November 2016

Anwärter und Abwärter

Nach der letzten Abstellungspause dieses Jahres kam der Clubfußball gestern mit einem Sugar Rush zurück. Sieben Stunden am Stück saß ich vor den Schirmen, es begann am frühen Nachmittag mit Arsenal in Old Trafford und endete abends mit Dortmund gegen Bayern. In der Mitte des Sandwiches die für mich wichtigste, allerdings auch die am wenigsten ersprießliche Begegnung: Augsburg gegen Hertha, das ist schon seit einer Weile so etwas wie das entropische Negativziel dieser Liga - entschleunigter Kontrollfußball zweier rechtschaffener Teams, die vor allem nichts falsch machen wollen.

Es war auch ein Test darauf, wie weit Hertha sich schon aus diesem Bereich emanzipieren kann. Das torlose Remis deutet an, dass zu einem echten Anwärter auf das obere Tabellendrittel noch das eine oder andere spielerische Element fehlt. Aber vielleicht kann man das auch einfach ohne großes Herumtun zu den Akten legen. Augsburg ist halt so etwas wie ein "bogey team" für Hertha. Die Begegnung mit fußballerischer Antimaterie ohne "warp effect".

Man kann den Auftritt ziemlich genau in zwei Teile teilen. Der erste dauerte ungefähr eine Stunde, der zweite dann den Rest des Spiels nach der Einwechslung von Schieber und Haraguchi. Das Schlussdrittel bestritt Hertha wie der deklarierte Favorit, da wurde dann auch kombiniert, es fehlte aber ein bisschen an Inspiration. Es fehlte übrigens auch konkret Mitchell Weiser, der schon so oft einen Unterschied gemacht hat. Er war kurzfristig wegen einer Blessur ausgefallen.

Taktisch interessanter waren die ersten beiden Drittel, in denen Hertha aus der Not heraus (Augsburgs gute Staffelung) vor allem ein Mittel wählte: den längeren, vertikalen Ball aus der Eröffnungslinie in das letzte Drittel. Das klappte aus zwei Gründen nicht gut. Erstens waren die Bälle von Brooks, Langkamp oder dem auf eine zentrale Quarterbackposition zurückgegangenen Stark selten präzise genug. Zweitens braucht der in diesem Fall angespielte Kollege eine Option, sofern er nicht Zeit hat, den Ball "festzumachen".

Mit dem langen vertikalen Ball soll im Idealfall ein kleines, gefinkeltes, schnelles Manöver eröffnet werden, das es erlaubt, hinter die letzte Linie zu kommen. Wenige Mannschaften lassen diese eröffnenden Pässe überhaupt zu. Augsburg dagegen schien förmlich dazu einzuladen, weil sie sich davon wohl Kontermöglichkeiten versprachen.

Hertha muss weiter an der Wendigkeit und Agilität des Spiels arbeiten. Immerhin sieht man, dass Skjelbred zum Beispiel sich allmählich auf diese Anforderungen einstellt, während umgekehrt die häufigen Wechsel auf den Außenbahnen, wo immer mal wieder jemand fehlt, die Entstehung von Mustern ("Automatismen") nicht begünstigen.

Am Abend trat dann das ein, worauf ich mit einem guten Teil der Fußballöffentlichkeit auch gehofft hatte: Der BVB schlug den FCB. Das bringt mit sich, dass Hertha nun in einem dichten Pulk aus europäischen Anwärtern steckt, die mit ihren jeweils 21 Punkten ganz unterschiedliche Geschichten verbinden: Für den BVB ist damit das Minimum aus dem ersten Saisondrittel markiert, für Köln und Berlin ist das eine sehr präsentable Ausbeute. Hoffenheim kann heute noch auf 23 kommen, damit wären auf dem "Stockerl" zwei "angeschobene" Teams, die aber aktuell zweifellos gute Arbeit leisten. Frankfurt kann sich noch zu Köln und Berlin gesellen.

Hertha steht also gut da, und zwar ungefähr dort, wo die letzte Saison endete, die einen Höhenflug enthielt. Heuer verläuft die Kurve flacher. Vielleicht wird es gar keine Kurve in dem Sinn. Vielleicht kann Hertha, auf Grundlage von Heimstärke und soliden Leistungen auswärts, eine andere Verlaufsform in die Saison bringen. Als Spitzenteam hat man sich in Augsburg nicht gezeigt. Das wäre aber auch viel verlangt gewesen. Und der eine oder andere Moment hat dann schon einen Unterschied erkennen lassen. Am Ende wollte Augsburg nur noch das 0:0, während für Hertha das Spiel gern noch zehn Minuten hätte dauern können.

Drei Spiele stehen nun an, in denen sich Hertha deutlich positionieren kann, weil es gegen drei Modelle in der Liga geht: solide Konstanz (Mainz), Identitätskrise eines (zu stark?) angeschobenen Teams (Wolfsburg), latente Dauerkrise (Bremen). Dann kommt der große Test: das Auswärtsspiel in Leipzig. Kann Hertha der Planwirtschaft der "Dosen" etwas entgegensetzen? Die Konstellation ist gut, denn anders als gestern wird Hertha dann keine Reisestrapazen hinter sich haben. Fünf Spiele insgesamt noch bis Weihnachten. Auch wenn der Moment nicht so viel zum Genießen hergibt, die Perspektive tut es allemal.


Geschrieben von marxelinho am 20. November 2016.

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05. November 2016

Salomonische Lösung

Hertha hat auf die leichten Irritationen nach der Niederlage in Sinsheim eine starke Antwort gegeben. Das 3:0 am Freitagabend gegen Gladbach war in jeder Hinsicht verdient, auch wenn der Gegner arges Pech hatte mit der Verletzung von Patrick Hermann. Aber die Tore waren das Ergebnis harter Arbeit, und es gelang in gewisser Weise eine Umkehrung der Verhältnisse von Sonntag. Da dominierte Hertha die erste Phase, und dann riss nach dem Gegentor in Hoffenheim der Faden. Dieses Mal spann die Mannschaft mit Geduld und Leidenschaft einen Faden, der über die ganze Distanz reichte, und auch über eine zähe Phase in der zweiten Halbzeit, in der Gladbach in Unterzahl sogar noch ein paar gute Chancen hatte.

Die großartige Lernkurve von Pal Dardai wurde schon im Interview vor dem Spiel wieder deutlich (ich habe mir heute Morgen die Aufzeichnung angesehen, es gab doch eine Menge im Detail nachzuschauen, was sich im Stadion nur sehr ungefähr mitgeteilt hatte). Der Coach hatte ja schon in der Vorsaison bei fast jedem Spiel mit einer kleinen Andeutung seine Arbeit sehr gut interpretiert. Er spricht über Fußball so, dass einerseits klar ist, dass das Spiel letztlich keine Geheimwissenschaft braucht, aber den einen oder anderen Schlüssel braucht es doch.

Für das Spiel gegen Gladbach (im Vorjahr der Angstgegner, Gesamttordifferenz 1:9) wurde Salomon Kalou zum Schlüssel, und das nicht nur wegen der drei Treffer. Dardai sprach davon, dass die Mannschaft den "Ball beruhigen" sollte, und von Kalous spielerischer Kompetenz erhoffte er sich, dass die Phasen nach der Balleroberung mit Überlegung gefüllt werden könnten.

Das hatte zur Voraussetzung, dass Hertha deutlich früher anlief, als es eigentlich zur Stilistik der Mannschaft gehört. Dieses Mal (und das war auch schon in Hoffenheim anfangs so) gingen alle früh drauf, Stark kam manchmal weit heraus, auch das hatte Dardai bedacht, als er Lustenberger mit dem dynamischen Jungstar die Positionen tauschen ließ.

Mittelstaedt links hinten war die Risikopersonalie, er spielte gegen Hermann, keine Ahnung, wie er über 90 Minuten gegen den agilen Winger bestanden hätte. Er fand aber zunehmend besser in seine Rolle, nachdem Gladbach anfangs durchaus mitgespielt hatte.

Der Führungstreffer, der dem Spiel die Richtung wies, verdankte sich einem Manöver, das die technische Weiterentwicklung der Mannschaft sehr schön erkennbar macht: der "flick", das meist elegant aussehende Ablegen eines Balls auf kurze Distanz in den Lauf eines Mitspielers. Es ist ein Mittel, das Ibisevic besonders gut beherrscht, nun gibt es überall Kollegen, die auf so etwas reagieren, und auch Pekarik kann es versuchen. Der schon seit einer Weile höchst erfreuliche Mitchell Weiser griff den Vorschlag auf, nahm den Ball mit, fand zuerst mit dem Blick und dann mit der Flanke Kalou, der mit einem perfekten Kopfball ins lange Eck verwertete.

Das war fast schon ein Konter. Der nächste wichtige Moment war dann die Verletzung von Hermann, Gladbach war einen Mann weniger, als Kalou erhöhte, und dann auch auf Dauer, nachdem Kramer eine berechtige zweite Verwarnung erhielt.

In der zweiten Halbzeit schaltete Hertha in den Verwaltungsmodus, was nicht wenige Kollegen bei uns auf dem Oberrang erboste. Sie wollten "was für die Tordifferenz" sehen, mussten sich dafür aber lange gedulden. Der Borussia-Fan, der den Platz neben mir gebucht hatte, war zu dieser zweiten Halbzeit nicht mehr erschienen. Hertha bestätigte die tolle Heimform, eigentlich sind 51.000 Zuschauer dafür an einem Freitagabend gegen ein Champions League-Team zu wenig, aber - um ein schönes Bild von Thomas Tuchel zu zitieren - "das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht".

Wir beobachten in diesem Herbst einen absolut erstaunlichen Reifungsprozess bei einem Trainer, der noch vor sechs Monaten ein wenig ratlos gewirkt hatte, und der nun souverän mit einem homogenen Kader arbeitet, aus dem kaum jemand groß herausragt, sondern mit dem gerade immer so viel Anpassung an konkrete Herausforderung möglich ist, dass die Mannschaft das Gefühl von Kontinuität haben kann. Gladbach hingegen sucht dieses Jahr genau danach. Womit auch klar sein dürfte, dass Hertha sich jederzeit in dieser anderen Position wiederfinden könnte.

Dagegen spricht allerdings, dass die Betreuer sehr gut auf die Stagnation reagiert haben, die übrigens im Frühjahr mit einer Auswärtsniederlage gegen Gladbach begann. Inzwischen läuft Hertha wieder, und die lange Pause für Darida oder Duda bedeutet ja auch, dass irgendwann wichtige, frische Spieler zu einer Mannschaft dazu stoßen werden, die schon jetzt flexibel genug auf die Herausforderungen eingestellt wird, um einen neuerlichen Burnout zu verhindern.

Geschrieben von marxelinho am 05. November 2016.

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23. Oktober 2016

Hopp oder Top

Mit meinem beiläufig ausgegebenen Nebensaisonziel, vor dem HSV zu bleiben, ist Hertha nach dem Heimsieg gegen Köln schon fünf Siege im Plus. Es sind genau die fünf Siege, die bisher gelangen, dazu die Unentschieden beim BVB und der Eintracht, und die Abfuhr beim FC Bayern. In der Tabelle ergibt das eine sehr interessante Konstellation, denn es ist nicht der andere Global Player, die Borussia aus Dortmund, die die Bayern jagt, sondern eine Vierergruppe, die sich je zur Hälfte aus Teams mit "Marktwert" und Teams mit Anschub zusammensetzt. Hertha und Köln gegen Hoffenheim und Leipzig.

Das Topspiel gegen Köln war auch ein Klassiker in the (re)making. Ein langjähriger Freund, der ursprünglich mal Fan des 1. FC war, seit vielen Jahren in Berlin lebt und in dieser Zeit unentschlossen auf Hertha geschaut hat, in der Hoffnung, sie würde einen klaren Blick erwidern, er kam gestern ins Stadion, um Hertha eine Chance zu geben. Hertha hat die Chance genützt.

Die Grundlagen für den 2:1-Sieg waren vielschichtig und lagen im Detail, denn in den Spieldaten lässt sich der Unterschied kaum festmachen (trotz einer auch numerisch besseren Zweikampfquote für Hertha, während die Laufleistung fast auf den Meter identisch ist, auch ein kleines Kunststück). Das Spiel hatte so seine Zyklen, die erste Halbzeit gehörte Hertha, die Periode nach der Pause ging an Köln, dann holten die Betreuer von Hertha mit einer Einwechslung die Initiative zurück: Schieber für den dieses Mal eher unproduktiven Esswein, was zur Folge hatte, dass der ein wenig schusslige Kalou das Zentrum freigab.

Der frühe Führungstreffer hatte die schöne Eigenschaft gehabt, eine Kopie eines Kölner Angriffs zu sein, der kurz davor noch ohne Folgen geblieben war. Ähnlicher können Spielzüge jedenfalls kaum sein als der, den Osako nicht verwertete, während Ibisevic die tolle Hereingabe von Weiser durch geschickte Bewegung am Elferpunkt herausragend in einen Treffer übersetzte.

Wie Weiser sich gegen Hector durchsetzte, das war für das ganze Spiel charakteristisch. Die Zweikämpfe der Herthaner sind nicht nur robust, sie haben auch Qualität, sie enden selten mit Fouls (das Spiel gegen den BVB war eine Anomalie), ich denke, man kann das als Anzeichen für exzellente Fitness und gute, intensive Trainingsarbeit nehmen. Langkamp zum Beispiel hatte in der zweiten Halbzeit einen prekären Moment mit Modeste im Strafraum - und fand die Lösung in einer spektakulären Grätsche.

Der Kölner Talisman kam trotzdem zu seinem Treffer, weil Köln es für eine Weile doch schaffte (und auch riskierte), mit viel Personal nach vorn zu kommen - so entstand diese Konstellation auf links, die schließlich Jarstein verblüffte, Brooks düpierte - nach einer Stunde war das Topspiel wieder unentschieden. Den neuerlichen Unterschied machten Schieber und Stark durch einen koproduzierten Kopfballtreffer, und dann noch das Glück, weil Zoller einmal an den Pfosten schoss.

Der Sieg war verdient, wenn auch knapp. Das Überraschende war eigentlich, dass das Topspiel den Titel verdiente. Köln ist keineswegs die langweilige Spielverderbertruppe, für die man sie letzte Saison noch halten mochte, sondern eine ziemlich komplette Mannschaft, die in Modeste einen Anker gefunden hat. Hertha allerdings hat den größeren Anker, und der hängt an der kürzeren Kette. Ibisevic ist mit dem Spiel besser verwachsen. Die Mannschaft ist ein starkes Kollektiv geworden, gerade deswegen, weil auch wieder konstruktive Aus- und Einwechslungen möglich sind.

Das alles ergibt in Summe gleich wieder ein Spitzenspiel am kommenden Wochenende. Es wird noch viele geben, wenn nicht alles täuscht, denn die enge Liga ist in dieser Saison in der Breite noch einmal dichter geworden - der Pulk reicht bis Platz 11, den Hertha heute morgen anführt. Das ergibt über den Daumen gerechnet bis zu 20 Topspiele pro Saison. Nehmen wir alles gerne mit. Hertha BSC trägt derzeit ganz wesentlich dazu bei, dass die Bundesliga eine Topliga ist. Brondby ist nur noch ein Name. Und wo spielt noch mal der FC St. Pauli? Bevor wir es vergessen: Am Dienstag gibt es schon wieder ein Topspiel.

Geschrieben von marxelinho am 23. Oktober 2016.

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15. Oktober 2016

Thesen, Tore, Turbulenzen

Vom Fußball sagt man häufig, dass es sich dabei um einen Kontaktsport handelt. Seit gestern haben wir ein schönes Exempel dafür, dass er auch ein Kommunikationssport ist. Worte schaffen Umstände, Umstände prägen Spiele, am Ende steht es 1:1 nach Toren und roten Karten.

Herthas Besuch bei Borussia Dortmund stand unter dem Label eines Spitzenspiels zwischen den beiden bis dahin fairsten Mannschaften der Liga. Beides wurde gleich in der ersten Halbzeit deutlich relativiert. Für ein Spitzenspiel fehlte es doch an konstruktiver Qualität auf beiden Seiten, dafür aber gab es zahlreiche Unterbrechungen wegen regelwidriger Zweikämpfe.

Das hatte natürlich nicht direkt mit der Klage von Thomas Tuchel über 21 Fouls zu tun, mit denen Bayer Leverkusen vor zwei Wochen ein 2:0 über den BVB gewürzt hatte. Im Kopf lief aber wohl vor allem beim Live-Publikum ein Zählwerk mit, das - ähnlich wie beim übertragenden Sender - nicht immer ganz präzise funktionierte. Das Spiel stand also ein bisschen unter Überdruck. Hertha blieb cool, der BVB konnte mit einer sehr jungen Mannschaft wenig bewegen.

In der zweiten Halbzeit lief dann fast alles für Berlin. Vor allem wegen eines herausragenden Führungstors, bei dem sich Vedad Ibisevic als Wandspieler betätigte: einen sehr weiten Einwurf konnte er so geschickt verarbeiten, dass Stocker eine Möglichkeit erkannte, die er Ibisevic durch einen Antritt signalisierte. Ein kraftvoller Fersler verblüffte sämtliche schwarzgelben Defensivkräfte, und der stets um Eleganz bemühte Schweizer verwertete mit dem rechten Fuß geradezu perfekt.

Stocker hätte später Mann des Tages werden können, da hatte der BVB in der Zwischenzeit einen Elfer verschossen, Dembele gebracht und durch Aubameyang ausgeglichen. Das Spiel ging dem Ende zu. Hertha hatte noch einmal einen sehr aussichtsreichen Konter, den Stocker durch einen schlechten Pass unterbrach. Er tat, trotz der späten Stunde, das, was ihm aufgetragen war: er schaltete um, in diesem Fall auf Spiel gegen den Ball. Der Ball war am Fuß von Ginter, irgendwie muss er Stocker erreichbar erschienen sein, das war allerdings ein Irrtum. Das Ergebnis war ein hartes Foul und eine direkte rote Karte.

Pal Dardai feierte das 1:1 wie einen Sieg, und er konnte auch tatsächlich eine Menge Positives berichten: Hertha war absolut konkurrenzfähig, es war ein "ausgeglichenes Spiel", das allerdings zunehmend "turbulent" wurde. Die erste Halbzeit gibt für die Analytiker mehr her: Da war das Spiel nämlich stärker konzeptionell bestimmt. Was an Hertha am meisten auffällt, ist ein großes Selbstbewusstsein in Hinsicht auf die technischen Möglichkeiten. Die Mannschaft ist ballsicher, probiert interessante kombinatorische Lösungen, und war an diesem Freitag sogar lange Zeit wirklich kompakt.

Weiter als bis auf den 5. Platz kann Hertha an diesem Wochenende nicht zurückfallen, doch ungeachtet der konkreten Platzierung kann man nun wohl feststellen, dass in einer dieses Jahr offensichtlich noch deutlich offeneren 17er-Liga die Mannschaft aus der Hauptstadt eines der interessanteren Modelle anzubieten hat: einen facettenreichen Fußball, der auch bei geringerem Ballbesitz immer noch wie der einer spielenden Mannschaft aussieht.

Aus einem Spiel, dessen vorgefertigte Dynamiken sich zunehmend "verselbständigten" (Rode), einen Punkt mitzunehmen, das zeugt von einer gewissen Klasse. Fast schon könnte man damit das Schönste tun, was im Fußball möglich ist: darauf aufbauen.


Geschrieben von marxelinho am 15. Oktober 2016.

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14. Oktober 2016

Archipel Gulasch

Die Saison ist noch zu jung, um echte Ironien mit sich zu bringen. Aber ein klein wenig Gegensinn steckt doch schon in dieser Auftaktbegegnung zur 7. Runde, in der Hertha zum BVB muss - als Tabellenzweiter und eine der aufstrebenden Mannschaften mit einem vernünftigen Gesamtpaket und moderatem Gesamtanspruch. Dortmund hingegen steht schon deutlich unter Druck, denn von den gewachsenen Ansprüchen her müsste der BVB dort stehen, wo Hertha gerade steht.

Vor allem aber gab es in den sechs Spielen schon zwei, in denen die Tuchel-Mannschaft auf Granit gebissen hat. Leipzig und Leverkusen (zwei Werksteams mit Störfaktorenmentalität) haben das Begabtenensemble jeweils geschickt in den Leerlauf versetzt. Und daran wird Hertha nun gemessen werden. Vermutlich wird der Coach die Mannschaft aber so einstellen, dass sie sich daran nicht messen lassen wird. Das bedeutet aber auch, dass Hertha trotz der Ausfälle, die Dortmund nach der Länderspielpause hat, einen schweren Stand haben dürfte.

Die letzte Begegnung fand nicht in der Liga statt, sondern im Pokal bei dem denkwürdigen Spiel im Frühling: die Atmosphäre war Weltklasse, die sportliche Erfahrung ernüchternd. Hertha war vollkommen chancenlos, es war ein schier unüberwindlicher Klassenunterschied zu erkennen. Der ist sicher nicht gewachsen über den Sommer, aber unter normalen Umständen gibt es daran doch wenig zu rütteln.

Das torlose Remis, das Hertha im Winter im Olympiastadion ertrotzt hat, ist allerdings auch nicht mehr ganz der Anspruch, auch wenn Pal Dardai das Resultat vermutlich unterschreiben würde. De facto wird das heute die erste Probe darauf, was Hertha in dieser Saison wirklich zustande bringen könnte. Der Sieg gegen Schalke muss die Richtschnur sein, die anderen Gegner waren nicht wirklich stark, und Hertha war gegen den HSV (gegen die Eintracht sowieso) deutlich zu verwundbar, als dass man sich der Kompaktheit sicher sein könnte, die ein wenig zu leichtfertig von der Fußballpresse als Hertha-Charakteristikum genannt wird.

Leipzig und Leverkusen haben den BVB mit einer Taktik entnervt, unter der auch Hertha schon gelitten hat - in dem neuralgischen Spiel gegen Gladbach in der vergangenen Rückrunde, im Grunde aber auch gegen Brondby. Es ist wiederum ein direkteres Pressing, zu dem Hertha selbst sich in der Intensität und Massiertheit selten versteht, und das wird wohl auch heute nicht der Fall sein.

Hertha arbeitet üblicherweise weiter hinten gegen den Ball, mit dem gewachsenen Vertrauen auf bestimmte offensive Möglichkeiten (Kurzpasskombinationen, aber auch die halbdiagonalen Läufe von Mitchell Weiser, oder der Lochpass in der Mitte), die besser funktionieren, wenn der Weg zum Tor ein bisschen weiter ist. Das erhöht allerdings auch das defensive Risiko.

Viel mehr kann man eigentlich nicht voraussagen, als dass es vermutlich ein offeneres Spiel wird als die beiden Niederlagen des BVB. Das ist aber auch schon wieder Beleg dafür, was Hertha mit dem gelungenen Saisonauftakt und mit der eigentlich komplett überraschenden Weiterentwicklung der Mannschaft geschafft hat.

Viele Spieler kommen mit Erfolgserlebnissen zurück. Alex Esswein war mit dem Hund am Strand. Salomon Kalou steht wieder zur Verfügung, aber es wird sehr spannend, ob er noch einmal in die Mannschaft findet - er hat den Effizienzfaktor von Hertha oft erhöht, aber es gibt da ja auch noch den Faktor Arbeit.

Eine Mannschaft besteht aus Zutaten, die Rezepte variieren, doch bei Pal Dardai kommt nie Gulasch heraus (allenfalls in die Spieler hinein), sondern zunehmend eine überzeugende Mischung. Wir dürfen im besten Sinn gespannt sein auf das heutige Spiel.



Geschrieben von marxelinho am 14. Oktober 2016.

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02. Oktober 2016

Die volle und die sichere Bank

Vor der Saison habe ich den HSV als eine "bench mark" für Hertha in dieser Saison genommen. Das Vergleichsmoment sehe ich in der Situation zweier Traditionsclubs mit großen Standortvorteilen in bedeutenden Städten, und in dem Umstand, dass beide zuletzt beträchtliche Mittel von "kapitalistischer" Seite erhielten.

Nach sechs Spielen und dem direkten Duell gestern im Olympiastadion sieht die Sache vorerst überraschend klar aus: Der HSV steht nach einem einzigen Remis und einem Trainerwechsel ganz unten. Hertha folgt auf Platz 2 direkt hinter den Bayern, von denen sie an Punkten nur durch die Niederlage im direkten Duell getrennt ist (und durch zehn Tore, von denen sechs im ersten Spiel der Bayern gegen den damals noch desolaten SV Werder Bremen fielen).

Das 2:0 von Hertha gegen den HSV war einseitig, aber keineswegs ungefährdet. Hertha ist in der Rückwärtsbewegung nicht immer souverän. Insgesamt ist das aber eine bemerkenswert reife Mannschaft, in die sich Neuzugänge (Esswein) und Rückkehrer (Stocker) so gut fügen, dass auch das lange Zeit so unproduktive Duo Lustenberger und Skjelbred gar nicht anders kann, als besser am Aufbauspiel teilzunehmen.

Und dann ist ja auch noch festzuhalten: Das läuft so gut weitgehend ohne zwei ganz wichtige Spieler, denn sowohl Duda, der das damals doch beträchtliche kreative Defizit auflösen sollte, wie auch Darida, der lange Zeit völlig unverzichtbar schien, sind derzeit nicht dabei, und auch John Brooks muss sich nach einer Pause wieder anstellen, um in die Mannschaft zu kommen. Bei Salomon Kalou gibt es besondere Umstände.

Die entscheidende Veränderung im Vergleich zur letzten Saison scheint mir eben diese zu sein: Die Betreuer haben Zutrauen zu ihrem Kader gefunden, lassen nicht mehr nur eine einzige Elf bis zur Erschöpfung schuften, sondern können variieren auf Basis einer funktionierenden Ordnung. Die Außenbahnen haben kontinuierlich an Qualität gewonnen, wobei sich bei Esswein abzeichnet, dass Michael Preetz vom "Einkäufer des Jahres" nicht sofort zum beliebigen Schnäppchenjäger zurückzustufen ist.

Esswein ist schon jetzt der wirksamste Hertha-Winger, er ist damit Herausforderung und Inspiration für Haraguchi, und in beiden Fällen funktioniert die Zusammenarbeit mit dem Partner aus der Viererkette sehr gut. Mitchell Weiser wäre früh beinahe eine Kopie seines Treffers gegen Schalke gelungen. Esswein bereitete dann auch den Führungstreffer vor, den Ibisevic erzielte: in Manier eines Topstürmers, nämlich mit dem unerwarteten Fuß.

Dass zur Absicherung des Vorsprungs dann später nicht Hegeler (nicht im Kader), sondern Allan Souza kam, das ist auch so ein kleines Indiz dafür, dass die Mannschaft durch Variabilität zusammenwächst. Der ausgeliehene Brasilianer deutet interessante Dinge an. Und wenn man sich jetzt einmal überlegt, wie die Mannschaft aussehen könnte, wenn alle da sind, dann sieht man auch, dass es eine relativ breite Grundlage für mögliche Entwicklungen gibt. Man kann auch sagen: eine intensive Konkurrenz um die Plätze.

Pal Dardai ist ein Trainer, von dem man glauben kann, dass er so etwas gut moderiert. Er hat sich erstaunlich verändert im Lauf der letzten Wochen. Aus dem phasenweise doch etwas ratlos wirkenden Jungtrainer, der er noch im April und Mai war, ist ein souveräner Betreuer geworden, von dem man nun das Gefühl haben kann, dass er auch weitere Herausforderungen durch Adpation bestehen kann. Zumal die Zusammenarbeit mit der sportlichen Leitung gut läuft.

Gladbach kann heute noch auf Platz 2 vorstoßen. Doch es deutet viel darauf hin, dass Hertha sich in diesem Jahr mit dem Traditionsklub aus dem Westen, der seit Jahren so exzellent gemanaget wird, besser messen kann. Das wäre dann schon eine ganz andere "bench mark".

Geschrieben von marxelinho am 02. Oktober 2016.

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25. September 2016

Gestern setzte es eine Tracht Tore


An diesem Wochenende fahre ich einmal quer durch Deutschland. Heute halte ich in Erlangen einen Vortrag über Sitcoms. Gestern aber war ich in Frankfurt, es war ein wunderbarer Herbsttag, und ich habe zum ersten Mal die Commerzbank-Arena besucht. Den mächtigen Hertha-Block hatte ich dabei gut im Blick, aber auch so wie ich saßen verstreut viele Blauweiße im Publikum, zum Teil in einträchtiger Freundschaft mit Anhängern von Eintracht Frankfurt.

Und dieses Einvernehmen zeigte sich schließlich auch auf dem Platz, wo die Mannschaften nach einem tollen Spiel mit 3:3 auseinandergingen. Schon zum zweiten Mal in dieser Saison bekam Hertha in letzter Minute ein Gegentor, danach war, anders als gegen Freiburg, nicht mehr Zeit genug, um noch einmal zuzuschlagen. De facto hatte Schieber kurz davor die Gelegenheit gehabt, alles klar zu machen. Er hudelte aber und schloss mit dem Kopf ab, kein Problem für Hradecky.

Frankfurt zählt, so viel kann man jetzt schon sagen, in dieser Hinrunde mit Köln und Berlin (und wohl auch Leipzig, aber das ist eine andere Geschichte und eine andere Baustelle), zu den Teams, die sich um Anwartschaft auf einen Platz im dichten Pulk der oberen Tabellenhälfte bemühen. Ich sage das bewusst so umständlich, weil in dieser Liga immer alles so vorläufig ist wie der Tabellenstand von heute.

Im Vergleich zu Frankfurt war Hertha gestern allerdings die reifere Mannschaft, nur haperte es mit der Konzentration am Ende einer englischen Woche, die zu zwei Dritteln in der Fremde stattfand. Die drei Tore waren jeweils gut herausgespielt, der Antritt von Stocker, der zu einem frühen Elfer führte, den Ibisevic verwandelte, war vielversprechend und zeigt, dass die Mannschaft in der Breite viel besser funktioniert als noch vor ein paar Monaten.

Dann ließ Hertha sich aber von einem Bilderbuchkonter überrumpeln, bei dem beide Außendecker nicht so gut aussahen. Bei Pekarik zog der Coach in der Pause die Konsequenz daraus, dass er insgesamt größere Probleme hatte, während Plattenhardt gegen Fabian beim Gegentreffer begriffsstutzig war. Esswein ersetzte in Halbzeit zwei Weiser, der zurück rückte - eine gelungene Veränderung. Da führte Frankfurt schon 2:1 nach einem Meier-Tor nach Eckball.

Die beiden Tore zur neuerlichen Führung waren sehenswertest. In beiden Fällen war Esswein beteiligt, der die Eintracht aufmischte, das zweite machte er selber. Doch dann kam ganz spät noch eine Flanke in den Strafraum ...

Die größere Reife von Hertha habe ich vor allem in der Spielanlage gesehen. Eintracht ist deutlich weniger strukturiert, aber eben sehr leidenschaftlich. Das Duell der beiden alten Talismänner gewann Ibisevic nicht nur nach Zahlen (zwei Treffer, davon das zweite spektakulär, im Stile eines Goalgetters), sondern auch in jeder Hinsicht. Meier hängt schon sehr viel einfach vorne rum und hofft auf die Glücksfee.

Es ist ganz großartig, sich in diesem Herbst mit Hertha zu beschäftigen. Ich habe viel Material von meinem Ausflug, und werde morgen noch einmal darauf zurückkommen. Jetzt aber schalte ich von diesem Blog zu Powerpoint.

Geschrieben von marxelinho am 25. September 2016.

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23. September 2016

Momente und Jahrzehnte

Als Überleitung zum Spiel in Frankfurt hier nur eine kleine Fotostrecke. Vom Spiel gegen Freiburg habe ich noch eine Aufnahme von dem Moment übrig, in dem Hertha das sehr späte Tor gegen Freiburg bejubelt - das sich ja seither, sieht man einmal vom Auftritt in München ab, als sehr richtungsweisend erwiesen hat. Und dann hat mir heute ein Freund aus Wien zwei Fotos geschickt, die er vor zehn Jahren gemacht hat, als er einmal mit mir im Stadion war. Morgen trifft die Hertha wieder auf Niko Kovac, der damals bei einem 4:2 gegen den HSV einen Treffer erzielte. Mehdi Mahdavikia wechselte ein Jahr darauf zur Frankfurter Eintracht. Drei Fotos, zwei Kameras (mit sehr unterschiedlichen Zoom), eine Hertha.




Geschrieben von marxelinho am 23. September 2016.

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22. September 2016

Ein paar Kleinigkeiten und der große Unterschied

Nichts ist es also geworden mit den Bayern in Unterwäsche, die Lederhose blieb dran. Hertha muss ohne entsprechende Trophäe nach Berlin zurückkehren, um gleich wieder nach Frankfurt aufzubrechen. Das Spitzenspiel ging mit 0:3 verloren, nun darf sich der FC Köln erster Verfolger des übermächtigen Clubs aus dem Süden nennen, vom Potential her ist aber allenfalls der BVB wohl in der Lage, halbwegs dran zu bleiben.

Das Ergebnis ist einerseits so deutlich, wie das Spiel nun einmal einseitig war. Andererseits gab es für das parteiliche Auge des Hertha-Fans auch viel Positives. Als Bilanz würde ich nämlich trotzdem sagen: Hertha ist ein Stück näher dran als im Vorjahr. Der Konzentrationsfehler von Allan Souza kam zu einem Zeitpunkt, als das Spiel fast schon in der Balance war, als Hertha begonnen hatte, die gegnerische Hälfte aufzuschließen, und als der FCB in den eher trägen Modus geschaltet hatte, den man bisher in dieser Saison gelegentlich an ihm beobachtet hatte. Diese Beobachtung natürlich immer unter dem Vorbehalt des enormen Gefälles zwischen den beiden Teams.

Das Pech war ein bisschen, dass Bayern im ersten Durchgang den Guardiola-Stil wieder ausgepackt hatte, während Hertha nicht in der Lage war, Markierungen zu setzen. Dabei war eines der Hoffnungszeichen, die ich diesem Spiel entnehme, die Formation: Allan statt Skjelbred, und Weiser auf der Zehn. Sehr gute Idee, die allerdings erst nach der Pause Wirkung zeigte. Allans Debüt fand ich vielversprechend. Er übernahm viel mehr Verantwortung für die Spieleröffnung als der Norweger, und spielte einige interessante, längere Pässe. Meistens war er aber natürlich damit beschäftigt, sich zwischen herumschwirrenden Bayern nach einem Gegner umzusehen, der einen Zweikampf anbot. Oft kam das Angebot nicht.

Das Gegentor machte interessanterweise den Matchplan noch gar nicht vollständig zu Makulatur, und nach der Pause war auch ein Ausgleich denkbar (wenngleich immer noch ein bisschen weniger wahrscheinlich als ein zweites Gegentor). Der Coach wechselte dann auch zweimal früh und für meine Begriffe konsequent: Schieber und Stocker hatten nicht mehr die Wirkung, die sie bei einem Stand von 0:1 hätten haben können.

Mir tut die Selbstironie immer ein wenig weh, mit der Teams derzeit die Außenseiterrolle gegen die Bayern "auf die Schippe nehmen". Mir kommt vor, dass das die Verhältnisse eher verhärtet. Aber zu der ganzen Außendarstellung von Hertha gestatte ich mir vielleicht einmal ein eigenes Kapitel. Auf dem Platz jedenfalls deutete sich gestern (ganz zart) vielleicht eine andere, normalere sportliche Beziehung zwischen der Übermacht und einer "kleinen, fleißigen Mannschaft" an. Das 0:3 durch Robben weist zwar in eine andere Richtung, das war aber nur noch ein Schnörkel auf einem Spiel, das durch zwei Tore in den ungünstigsten Momenten für Hertha entschieden worden war.

Die englische Woche, die noch nicht zu Ende ist, hat der Coach dazu genützt, die Mannschaft zu vergrößern. Das ist nach der Verletzung von Vladimir Darida auch notwendig. Hertha besteht nun aber, und das ist eine Neuerung zum letzten Jahr, aus mehr als nur einer Stammelf mit seltenen, punktuellen Alternativen.

Die Betreuer variieren heuer mehr. Allan sollte auf jeden Fall wiederkommen. Esswein hingegen muss erst integriert werden. Bei ihm ging offensiv wenig, in der Rückwärtsbewegung war er gelegentlich naiv: er lief eher dem Ball nach, statt Alaba im Auge zu behalten. Weiser ist der bessere Kalou, und er könnte auch der bessere Pekarik sein, sollte Stocker der bessere Esswein sein wollen, falls nicht sogar Kurt einmal der bessere Stocker sein möchte. Schieber hat auf jeden Fall das Zeug zum Ibisevic. Und dann gibt es ja noch einen Mann namens Duda, von dem niemand weiß (oder offiziell sagen möchte), wie es ihm geht. Aber das kann die Mannschaft verkraften.

Der BVB macht es vor. Kein Kader macht derzeit mehr Spaß in der Liga. Hertha kann nicht so wuchern mit Talent, aber es gibt Optionen. Niederlagen gegen Bayern haben schon mehr geschmerzt. Gegen die Frankfurter Eintracht, da wird sich die Tendenz dieser Saison deutlicher manifestieren.

Geschrieben von marxelinho am 22. September 2016.

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19. September 2016

Der Fleiß ist heiß

Jetzt stehen wir natürlich vor einer kniffligen Frage. War es das wert? Dass Hertha vor ein paar Wochen einigermaßen unnötig gegen Bröndby IF die Qualifikation für die Europa League verspielt hat, wurde ja schon im Vorfeld recht unverhohlen als Faktor für das Spiel gegen Schalke 04 benannt. Die haben letzte Woche dort gespielt. Deswegen fand das Ligaspiel am Sonntagabend statt, und Hertha BSC hat es gewonnen. Durch Tore in der zweiten Halbzeit. Da wurde Schalke nämlich endgültig müde.

Im Sinne einer gedeihlichen Entwicklung, auf die wir gerade wieder einmal zu hoffen beginnen, würde ich beinahe sagen: Ja, das war es wert. Leider waren nicht einmal 50000 Leute ins Olympiastadion gekommen, alle anderen waren also nicht live dabei, als die Mannschaft einen der schönsten Heimsiege seit Jahren erarbeitete.

Ich musste dabei nicht so sehr an das Spiel in vergangenen Frühling denken, sondern an eines vor fast genau zehn Jahren: damals gewann Hertha auch mit 2:0, durch zwei Treffer von Christian Gimenez. Spielmacher war damals Yildiray Bastürk, im Mittelfeld von Hertha spielte Pal Dardai neben Kevin-Prince Boateng, und die Gelsenkirchner wechselten nach einer Stunde einen jungen Star namens Mesut Özil ein. Damals war die Rede vom Umschalten noch nicht in aller Munde, es wurde aber genau das gespielt.

Damals galt Hertha auch noch relativ ungebrochen als eine Spitzenmannschaft in der Liga. Derzeit ist das eher unklar, trotz Platz 7 im Vorjahr. Jedes Spiel ist eine neue Standortbestimmung, wieder einmal geht es darum, sich zu etablieren mit einer "kleinen, fleißigen Mannschaft" (Pal Dardai). Tatsächlich kann man das Spiel von gestern auch von außen betrachten, nämlich unter dem Aspekt des großen Jahresthemas "Wird der FC Bayern jemals wieder seriöse Konkurrenz bekommen?". Diesbezüglich wird man selbstverständlich bei einer gewissen Skepsis bleiben.

Ein unbefangener Beobachter (neben mir saß ein Besucher aus Washington, DC) wird lange Zeit vor allem ein umkämpftes, kaum einmal aber spielerisch hochklassiges Match gesehen haben. Hertha hatte einen Matchplan, der nicht sonderlich spezifisch ist, sondern als ein Pal-Klassiker gelten kann: hinten hinaus wird bekanntlich der Platz größer, dann muss noch Kraft da sein.

Trotzdem hatte das natürlich schon echte Qualität, was die Mannschaft da hinein legte, mit Stark neben Langkamp, und mit Skjelbred wieder im Mittelfeld. Im Detail gab es auch Andeutungen feiner, technischer Lösungen. Und in der zweiten Halbzeit waren Pekarik und Skjelbred dann eben präsent, als sich Möglichkeiten boten, zwei Balleroberungen erbrachten zwei schnelle Manöver mit erfolgreichem Torabschluss.

Mitchell Weiser darf man hervorheben, mir gefiel vor allem, als ich spätnachts noch Fernsehbilder sah, der Moment, in dem er ganz kurz nach Stocker Ausschau hält, als er den Ball von Skelbred nach vorn gespielt bekommt, und dann schlägt er einen Traumpass, den der Schweizer gekonnt verwertete.

Das war eines dieser Tore, das einen vom Sitz reißt, weil sich da etwas entlädt: eine ganze Stunde hartnäckiger Gegnerbearbeitung in eine einzige Bewegung. Schon am Mittwoch geht Hertha im Süden auf Lederhosenjagd. Das wird dann eine weitere Momentaufnahme. Unabhängig davon aber gilt, dass es der Mannschaft und den Betreuern gelungen ist, der Saison früh einen positiven Akzent zu geben. Die Betonung der Fitness wissen wir aber natürlich auch als Warnsignal zu lesen. Im Vorjahr reichte der hervorragende physische Zustand nur für zwei Drittel der Saison.

Doch da wird sich das Wesentliche weisen, wenn es dran ist. Für jetzt gilt: Hertha BSC reitet auf einer Welle nach München.


Geschrieben von marxelinho am 19. September 2016.

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Valdano (am 20. September 2016)

War auch im Stadion, keinem der beiden Teams sonderlich zugeneigt, aber ein Spiel erwartend, das den Namen verdient. Die erste Halbzeit fand ich unterirdisch, viel zu viele leichte Fehler im Spielaufbau, auf beiden Seiten, Alibipässe, niedriges Niveau, kaum Chancen. Wurde dann nur unerheblich besser durch einen dieser dramaturgischen Twists, die es im Kino einfach nicht gibt: Als Schalke besseren Zugriff bekam, haben sie erst durch einen unnötigen Fehler - Stambouli war im Duell gegen Pekarik im Vorteil und verlor doch den Zweikampf - das 0:1 bekommen. Damit war die Richtung umgekehrt, in die das Match zu dem Zeitpunkt zu laufen begonnen hatte. Und weil außer Choupo-Moting kein Schalker die Einstellung erkennen ließ, die an einem solchen Wendepunkt zwingend erforderlich ist, war es auch kein Wunder, dass Bentaleb bei einem unnötigen Dribbling in der Vorwärtsbewegung den Ball verlor. Viel getan hat Hertha nicht für den Sieg, er wurde frei Haus serviert, ich habe erst nach dem 2:0 Situationen gesehen, in denen Hertha durch eigens Zutun dem Schalker Tor gefährlich wurde. Für mich sagen Schalkes 0 Punkte derzeit so wenig aus wie Herthas 9. Gruß von Valdano
18. September 2016

Halb volles Risiko

Seit bald zehn Jahren fahre ich Anfang September zum Filmfestival nach Toronto, und jedes Mal ist die Rückkehr mit einer euphorischen Vorfreude auf Fußball verbunden. DIe Liga kommt in die Gänge, die Champions League hat begonnen, es gibt viele Spiele, und die Saison dauert dann noch ewig. Selten allerdings war die Konstellation so perfekt wie dieses Mal: Heute Heimspiel von Hertha gegen Schalke, Mittwoch auswärts gegen Bayern, und Samstag schon in Frankfurt (wohin ich fahren werde).

Als ich gestern spät am Abend heimkam, warf ich gleich einmal den Beamer an (ein dringendes Bedürfnis nach zwei Wochen Fußball auf dem Laptop). Schon jetzt gibt es tolle Geschichten: der faszinierende Kader des BVB, das Drama um Viktor Skripnik, die bemerkenswerten Erfolge von Niko Kovac in Frankfurt. Ich bin Hertha-Fan, klare Sache, aber das, was Thomas Tuchel in Dortmund gerade veranstaltet, begeistert mich schon auch sehr, zumal Adrian Ramos dort spielt, den nicht zu mögen ich für schlicht unmöglich halten würde.

Der Kader von Hertha ist nicht ganz so voll mit Talenten wie der des BVB (von der U 21 Europas schrieb die SZ gestern), aber auch hier gibt es vor dem Spiel gegen Schalke interessante Varianten zu erwägen. Letzte Saison war das Heimspiel gegen die Gasprominenz vielleicht das beste Hertha-Match, bestimmt durch einen imponierenden Tolga Cigerci. In diesem Jahr kommt Gelsenkirchen früh nach Berlin, bisher noch ohne Punkte, aber mit einer Mannschaft, die sich im Spiel gegen die Bayern schon Respekt erarbeitet hat.

Hertha tritt mit dem Selbstbewusstsein zweier Siege zu Saisonbeginn an. Das Fehlen von Brooks und die Genesung von Skjelbred sorgen dafür, dass die Betreuer ein wenig am Gefüge basteln müssen - die starke Leistung von Stark gegen Ingolstadt wäre aber auch so zu berücksichtigen gewesen. Da Duda weiterhin auf sein Ligadebüt für Hertha warten muss, stellt sich die Frage, wie offensiv Hertha heute antreten soll. Das wird sich an der Position von Darida zeigen. Spielt er auf der 10 oder auf der 8?

Ich könnte mir vorstellen, und hielte das auch nach dem guten Auftritt von Lustenberger gegen Ingolstadt für plausibel, dass der Ex-Kapitän in die Viererkette zurückgeht. Dann bleibt aber immer noch die Frage, ob Skjelbred in die Mannschaft zurückkommen soll. Ich denke, dass Pal Dardai, von dem wir ja schon wissen, dass er beim Aufstellen ein konservatives Temperament hat, ihn wieder als Anker im Mittelfeld nominieren wird. Gegen das spielstarke Mittelfeld von Schalke empfiehlt sich wohl wirklich am ehesten ein Hertha-Dreieck aus Skelbred-Stark-Darida.

Dies aber vor allem deswegen, weil eine starke Option auf der Zehn fehlt: Kalou oder Schieber oder Stocker? Keiner erscheint in diesem vermutlich stark umkämpften Spiel für diese Aufgabe ideal geeignet. Deswegen ist es vermutlich ratsam, der offensiven Rhetorik von Pal Dardai eine eher pragmatische Formation folgen zu lassen. Und nicht von vornherein zum Beispiel mit zwei Stürmern das Mittelfeld zu offen werden zu lassen.

Haraguchi ist nach seinen guten Leistungen gesetzt. Rechts stellt sich irgendwann sicher die Frage, ob Weiser nicht doch wieder auf seine beste Position in der Viererkette zurückkehren sollte, auch wenn Pekarik bisher anständig gespielt hat (eigentlich begann seine gute Formkurve bei der EM, trotz mäßiger Erfolge seines Teams).

Hertha könnte sich heute eine sehr gute Ausgangsposition für eine super spannende Woche verschaffen. Dies alles an einem schönen Herbsttag in Berlin, an dem noch dazu über die politische Zukunft der Stadt abgestimmt wird. Zu diesem Thema kann ich nur so viel sagen: Berlin braucht keine Alternative (schon gar nicht eine für Deutschland), Berlin ist die Alternative.

Geschrieben von marxelinho am 18. September 2016.

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10. September 2016

Phasenweise gibt es schon Luft nach unten

Zum Auswärtsspiel von Hertha bei den "Schanzern" in Ingolstadt habe ich mich aus Toronto zugeschaltet, wo ich gerade wegen des Filmfestivals bin. Ich habe einen mustergültigen Arbeitssieg gesehen: 2:0 mit einem frühen und einem späten Tor. Das bedeutet sechs Punkte nach zwei Spielen, in Worte übersetzt: einen gelungenen Saisonstart.

Ingolstadt scheint Hertha irgendwie zu liegen, und man konnte sehen, warum: Auch der neue Trainer Kauczinski lässt einen halbwegs ambitionierten Fußball spielen, für den Ingolstadt aber nicht wirklich die spielerische Qualität hat. Hertha darf sich in diesen Spielen ausnahmsweise so zeigen, wie es im Fußball selten gestattet wird: cool, effizient und letztlich niemals ohne Kontrolle.

Im Detail war es eine beeindruckende kämpferische Leistung, vor allem auch von dem Duo im zentralen Mittelfeld: Stark ersetzte Skjelbred, und es war ein Unterschied zu bemerken. Lustenberger deutete mit einem frühen, dynamischen Vorstoß an, was möglich war, und bereitete dann mit einem Schlenker den Führungstreffer vor: der Ball kam zentral und unerwartet zu Haraguchi, der dadurch in die Lage versetzt wurde, einen lupenreinen Lochpass zu spielen.

Wie Ibisevic den dann allerdings mitnimmt, seitlich geht, damit er in einen guten Winkel gegenüber dem Keeper kommt, das zeigt den Vollblutstürmer, der er zweifellos ist - in diesem Fall für eineinhalb Halbzeiten, dann war er platt, und wurde durch Schieber ersetzt, der eine schöne Flanke von Haraguchi per Kopf zur Entscheidung verarbeitete.

Hertha ließ zwar viele Freistöße zu, aber die für ihre erfolgreichen Standardsituationen bekannten Schanzer konnten damit nicht viel anfangen. Ansonsten war der Sieg wirklich fast vollständig ungefährdet.

Wie ist das alles einzuordnen? Meine skeptische Grundeinstellung, die ich vor Beginn der Saison formuliert habe, wurde inzwischen schon in Teilen widerlegt. Hertha spielt durchaus ein Pressing, allerdings sehr situationsbezogen, man konnte aber erkennen, dass in bestimmten Momenten im letzten Drittel der Gegner durchaus unter Druck gesetzt wird.

Es ist eher die erste Hälfte des zweiten Drittels (ich erinnere mich an den legendären Römer Gaius Faulus: Erst fege ich mal die erste Hälfte der ersten Platte, dann verschnauf' ich ein Weilchen, dann fege ich die zweite Hälfte der ersten Platte, ...), also der Bereich vor der Mittellinie, in dem Hertha nicht wirklich anläuft. Dahinter war gegen Ingolstadt ausreichend Kompaktheit.

Die Mannschaft hat nun zwei Gegner, die sich als äußerst schlagbar zeigten, geschlagen. Freiburg mit Dusel, Ingolstadt aber überzeugend. Beide Siege waren in dieser Form absolut notwendig, wenn man frühzeitig auf Distanz zum Abstiegskampf gehen will. Dabei soll die Leistung keineswegs gering geschätzt werden, denn der Sieg von Freiburg über Gladbach, neulich noch Sieger über die Titelaspiranten von Bayer 04, hat heute auch schon gezeigt, wie eng die Liga auch heuer wieder sein wird.

Die Orientierungsphase macht aber auf jeden Fall Freude. Außer vielleicht Haraguchi und Darida muss man niemand hervorheben. Hertha gefällt als Kollektiv. Und das in einer nach wie vor eher auf Solidität gegründeten Gesamtkonzeption. Gegen Gelsenkirchen am kommenden Sonntag könnte das mit dem verdienten Selbstbewusstsein ein spannendes Spiel werden. Fast schon ein Topspiel.

Geschrieben von marxelinho am 10. September 2016.

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03. September 2016

Organisches und fatamorganisches Wachstum

Auf der Zielgerade der Transferperiode ist es für Hertha BSC noch einmal spannend geworden. Nicht, weil unbedingt noch ein Spieler her musste, sondern weil es noch zwei Wasserstandsmeldungen gab, was die Fantasie im Kader anlangt. Für Brooks und Darida gab es Angebote, jeweils um die zehn Millionen, allerdings von Clubs, bei denen die Versuchung für die Spieler nicht unüberwindlich war (Watford und Monaco).

Beide Spieler konnten gehalten werden. Damit geht Hertha mit einem Kader von 26 Spielern in die Hinrunde, darunter drei Talente (Körber, Mittelstädt, Kohls), in der Marktwerttabelle von Transfermarkt ergibt das den 10. Platz. Das ist gar nicht so schlecht, wenn man berücksichtigt, dass im Grunde nur zwei Teams weiter vorn liegen, bei denen dies vorwiegend auf gute Arbeit zurückzuführen ist: Gladbach und Mainz. Gladbach hat allerdings zusätzlich zu den sehr guten Voraussetzungen, die dort in Lauf der letzten Jahre geschaffen wurden, den Vorteil einer unschlagbaren Traditionsmarke.

Alle anderen in der oberen Hälfte der Marktwerttabelle sind entweder altes Establishment in der Bundesliga oder wurden durch Anschubfinanzierungen (Wolfsburg, Hoffenheim) nach oben befördert. Beim HSV trifft beides zugleich zu. Wir dürfen dabei aber nicht vergessen, dass Hertha einen Kühne-Effekt durch KKR auch schon hatte, der ging allerdings nahezu vollständig in Schuldenmanagement.

Die Marktwerttabelle ergibt auch ein spezifisches Mittelfeld: Hertha konkurriert mit Hamburg, Köln, Frankfurt und Bremen um die Positionen hinter dem ersten Drittel, die von Geldsackvereinen, zu denen auch Leipzig aufzuschließen im Begriff ist, aus unterschiedlichen Gründen gerade mal preisgegeben werden (der Fall Wolfsburg in der letzten Saison).

Wenn wir die Aktivitäten dieses Sommers richtig lesen, dann ist Hertha nach der "Sanierung" durch KKR allenfalls in eine Lage versetzt worden, mit den nun vorhandenen Werten vorsichtig zu arbeiten. Transferbilanzen müssen weitgehend ausgeglichen bleiben. Die inzwischen mehr oder weniger üblichen zehn Millionen für passable Spieler sind also nur denkbar bei Verkäufen in ähnlicher Größenordnung, oder bei neuen Kapitalzuflüssen.

Michael Preetz hat zwischendurch einmal die Möglichkeit eines weiteren Investors angedeutet. Es würde mich nicht wundern, wenn Hertha da die Szene irgendwann noch einmal so richtig überraschen würde - hoffentlich nicht mit einem Freak Investor aus einem Schwellenland. Ob Hertha da auch alle Handlungsfreiheit hat, wird man sehen müssen - es kann ja auch sein, dass KKR selbst mit einem Finanzier auftaucht, der es ihnen erlaubt, die Kasse zu machen, die nun einmal Unternehmenszweck ist. Nominell ist das zwar nicht vorgesehen, dass das so laufen kann, und 2021 ist auch noch ein Weilchen weg, aber schon manches langfristige Investment hat sich in dieser Welt als kurzlebiger als angekündigt erwiesen.

Wieviel Potential steckt also in dieser Gruppe von 26 Profis? Die Spieler mit Perspektive sind leicht zu identifizieren: Brooks und Darida wurden schon genannt, dazu kommt Mitchell Weiser (die Vertragsverlängerung bis 2020 war ein ganz wichtiger Schritt für Hertha), und natürlich Ondrej Duda, bei dessen Verpflichtung das Augenmerk auf den nächsten Schritt sicher eine große Rolle gespielt hat. Das ergibt, konservativ gedacht, vier Spieler von 26, die irgendwann Investititonsspielräume schaffen könnten - allerdings wird man sie dafür auch abgeben müssen.

Niklas Stark fällt wohl prinzipiell auch in diese Kategorie, er war gegen Freiburg nicht im Kader, weil er gesperrt war, unabhängig davon: klassischer Fall von momentan unklarem Verwendungszweck. Haraguchi würde ich eher vorsichtig einschätzen. Bei Sinan Kurt, um ein Beispiel aus den "long shots" zu nennen, ist aktuell nicht einmal ersichtlich, wie nahe er überhaupt am Spieltagskader ist.

Zu den vier Aushängeschildern kommen doch eine ganze Menge Profis, die man als verlässliche Sportler, wirtschaftlich aber unter Kleinkram einzuordnen hat. Dazu zählen auch frühere "Königstransfers" wie Valentin Stocker, während ein mäßig teurer Neuzugang wie Esswein unter Umständen noch einmal an Wert gewinnen kann. Dies alles auch vor dem Hintergrund, dass mit China ein neuer Faktor ins Spiel gekommen ist, der es auch (prinzipiell) erlaubt, gelegentlich unbrauchbare Spieler noch gewinnbringend zu veräußern. Bei Ronny hat das allerdings nicht geklappt.

Insgesamt ergibt dies eine keineswegs frustrierende Situation. Hertha befindet sich derzeit geradezu idealtypisch in einer Situation, in der man einerseits sportliche Integrität beanspruchen kann, andererseits aber auch (für die Liga) innovative Eigentümerverhältnisse schon ausprobiert hat. Ironischerweise scheinen die Fans einen "bail out" durch das internationale Finanzkapital eher zu akzeptieren, als wenn ein Krösus oder ein Konzern ein paar dutzend Millionen für einen De Bruyne auf den Tisch legt.

Hertha hat keinen berauschenden Kader, aber doch ein paar Spieler, auf die man beim ständig mitlaufenden inneren Managerspiel setzen kann, und eine insgesamt solide Personalstruktur, die gut zu dem latent konservativen Temperament von Pal Dardai passt. Hoffentlich schafft er es, dass ein paar Spieler besser werden.

Ein Saisonziel (von vielen) würde ich nach diesen Überlegungen nun auch definieren: Hertha sollte es auf jeden Fall schaffen, vor dem HSV zu landen. Das würde nämlich bedeuten, dass man mit organischem Kadermanagement weiter kommt als mit dem großen Wurf, den Kühne ermöglicht hat. Und das würde vermutlich bedeuten, dass Hertha auf einem guten Weg wäre. Denn 18. wird der HSV kaum werden.


Geschrieben von marxelinho am 03. September 2016.

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29. August 2016

Das Kampfgewicht ist immer subjektiv

Irgendwas ist da los drüben in Richtung Marathontor, was die Hertha-Verantwortlichen angespannt hinüberschauen lässt. Ach ja, eine Standardsituation für den SC Freiburg. In der Nachspielzeit. Ein Eckball, der dann auch tatsächlich die große Ernücherung bringt: Ausgleich durch Höfler. Ein Heimsieg, der sich als Inbegriff des Minimalismus immer noch mit dem Hinweis auf die extremen Temperaturen hätte rechtfertigen lassen, war damit in der 93. Minute vertan.

Es folgten dann allerdings noch zwei Minuten, die zu einem ganz anderen Heimsieg führten: einem inspirierenden, belebenden, man könnte fast schon sagen, einem kathartischen - aber dazu ist es in der ersten Runde einer langen Saison noch zu früh. Andererseits: wann, wenn nicht im ersten Spiel, wäre der beste Zeitpunkt für eine Injektion von Intensität?

Julian Schieber hat Hertha diese Injektion verabreicht. Davor hatte alles danach ausgesehen, als würde ein Treffer von Darida reichen, um die harmlosen Aufsteiger aus Freiburg mit null Punkten auf die Heimreise zu schicken. Der Coach wirkte so, als dächte er schon nur mehr darüber nach, wie er die drei möglichen Auswechslungen so gut wie möglich über die letzten 15 Minuten verteilen konnte. Hertha hatte die Sache im Griff, nur nicht bei diesem Eckball.

Danach waren noch zwei Minuten zu spielen, von denen es ungefähr 70 Sekunden lang nicht aussah, als könnte noch was passieren. Es war schließlich Haraguchi (Mann der Spiels beim Kicker), von dem der entscheidende Impuls ausging. Er ging in ein eigentlich sinnloses, zentrales Dribbling, blieb selbstverständlich im Gewühl stecken, allerdings konnte Freiburg den Ball nicht richtig klären, worauf Hegeler es mit Trick 17 versuchte (noch sinnloser, weil noch größeres Gewühl), wodurch der Ball aber in den Strafraum kam. Schieber sah dann am äußersten Rand des Gewühls eine Lücke, die sich auch erst in einem zweiten Versuch öffnete, und die durch ein Bein eines Freiburgers zusätzlich betont wurde. Man muss wohl Stürmer sein, um solche Lücken zu sehen. Es war ein Moment, der auch mich vom Sitz riss.

Solche Momente sind rar geworden in Berlin. Es tut gut, eine Saison so zu eröffnen. Pal Dardai sprach hinterher von Schiebers Gewicht (das Thema Speck beschäftigt ihn irgendwie kontinuierlich), wichtig war auf jeden Fall, dass er ihn brachte (für Ibisevic, der nicht viel mit dem Spiel zu tun hatte, aber den Treffer durch Darida mit vorbereitete). Eine konservative Hertha-Elf (mit der Achse Lustenberger-Skjelbred) hatte eine Halbzeit lang Sommerfußball gezeigt, in der zweiten Halbzeit dann die Bemühungen verstärkt, allerdings eben sehr, sehr dosiert.

Die Einwechslungen (zuerst das Debüt von Esswein, dann Schieber, und dann auch noch Hegeler) waren immerhin nominell offensiv, und brachten schließlich tatsächlich die Entscheidung. Da kann man auch von Fortune sprechen, wichtiger aber ist, dass Dardai nun Gründe hat, Schieber wieder mehr zu vertrauen. Denn der Vedator ist wichtig, braucht aber Konkurrenz und Entlastung gleichermaßen.

Kalou blieb auf der Bank, das war auch schon einmal ein Hinweis darauf, dass jetzt die Baumaßnahmen an der ersten Elf erst begonnen haben. Insgesamt war das Spiel ein Indiz dafür, dass Hertha sich auf den Status einer "etablierten" Mannschaft einlassen kann. Freiburg machte keinerlei Anstalten, das Spiel zu übernehmen, also spielte eben Hertha. Geduldig, gemächlich, aber eben doch wie eine Heimmannschaft, die weiß, was ihre Aufgabe ist. Das ist für den Start nicht wenig, das späte Tor aber ließ ganz andere Dimensionen aufblitzen: ein bisschen was von dem Glanz (und dem Irrsinn), den der Fußball in dieser hochprofessionalisierten Liga manchmal vermissen lässt.


Geschrieben von marxelinho am 29. August 2016.

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27. August 2016

Saisonziele haben immer Saison

Hertha-Fans müssen einen Tag länger auf den Saisonbeginn warten. Das hat mit einer Terminplanung zu tun, die damals noch mit Europacup-Spielen rechnete. Daraus wurde bekanntlich nichts, sodass wir uns nun voll und ganz auf die neue Bundesligasaison konzentrieren können - und ein Schmankerl im Pokal: auswärts bei Sankt Pauli Ende Oktober. Manche werden sich an eine unerfreuliche Stunde anno 2005 erinnern, als Hertha eine Führung durch Marcelinho in der Verlängerung noch verspielte und mit 3:4 ausschied, passenderweise ein paar Tage vor Weihnachten. Der junge Kevin-Prince Boateng kam damals für Ellery Cairo ins Spiel. Tempus fudschit.

Heute stellt sich aber in erster Linie die Frage, welches Saisonziel Hertha BSC für die Bundesliga 2016/17 haben kann. Ich fürchte, wir müssen da ziemlich bescheiden ansetzen. Es sieht viel danach aus, dass es vor allem darum gehen wird, die generelle Konkurrenzfähigkeit zu beweisen. Der Klassenerhalt ist das plausibelste Saisonziel, für alles andere gibt es im Moment keine Argumente.

Das hat nichts mit einer Katerstimmung nach dem Ausscheiden gegen Brondby oder einem insgesamt dürftigen Auftritt im Pokal in Regensburg zu tun. Das ist eher eine Schlussfolgerung aus dem stilistischen Defizit der Mannschaft. Es ist auch ein konzeptionelles Defizit, das den Betreuern zuzuschreiben ist. Hertha spielt von allen 18 Bundesligisten derzeit vielleicht den altmodischsten Fußball.

Das hat in erster Linie mit dem Spiel gegen den Ball zu tun. Ein strukturiertes Pressing oder auch nur Zustellen von Passwegen ist nicht erkennbar, in der Regel beginnt das defensive Arbeiten (das immer auch potentiell Umschaltarbeiten ist) erst in der eigenen Hälfte. Das mag personelle Gründe haben, die beiden Grauen Panther ganz vorne müssen sich ihre Energien einteilen. Aber das Defizit hat nicht nur mit den individuellen Spielern zu tun.

Dardai und Widmayer sehen Hertha wohl als eine spielende Mannschaft, das war ja auch der Stand zu Beginn der letzten Rückrunde. Danach wurde allerdings komplett vergessen, dass gerade die spielenden Teams (am radikalsten natürlich der FCB unter Guardiola) intensivstes Ballerobern spielen. Hertha hingegen versuchte sich lange, bevor auch das nicht mehr so richtig klappte, an einer massierten Kompaktheit in der eigenen Hälfte, und an einem selten wirklich zündenden schnellen Aufbauspiel.

Die häufigste Situation, die auf diese Weise entsteht, ist Ballbesitz in der Defensivlinie, mit einem zurückgefallenen Mittelffeldspieler als Verbinder, und der oft unlösbaren Frage, wie man auch nur drei Zusteller von Jahn Regensburg überwinden könnte.

Gegen die Sterilität des Zentrums wurde Duda geholt, der vorerst nicht spielen kann. Darida, im Vorjahr oft der einzige Anläufer, trägt in den ersten Wochen eine nicht unbeträchtliche Verantwortung für die Gestaltung. Den Verlust von Cigerci bedauere ich auch deswegen so sehr, weil er mit seiner (zugegeben: verletzungsanfälligen) Athletik jene Intensität in das Spiel gegen den Ball brachte, die erst gute Kontermomente schafft.

Er war eine Ausnahme von dem bedingungslosen Hintenrum, das Herthas Defensivformation prägt. Der Mannschaft fehlt ein Gespür, wann jemand ins Risiko gehen sollte. Mit der Verpflichtung von Esswein kommt ein weiterer Spieler in ein Puzzle, das aus zwei abgezockten Veteranen und einer Schar von Mitläufern besteht, die alle erst (wieder) zeigen müssen, ob sie diese Saison für Entwicklung nützen wollen. Mitchell Weiser würde ich ausnehmen, er hat auch gegen Regensburg gezeigt, dass er etwas vorhat. Er kämpft um einen Platz mit dem verlässlichen Pekarik, dessen Flügelspiel ansprechend ist.

Plattenhardt, Brooks, Langkamp, Skjelbred, Lustenberger, Stark, Haraguchi, Stocker aber müssen sich zeigen (dürfen), wenn sie sich nicht dem öden Mittelmaß ergeben wollen. Sie müssen also gegen den Trend arbeiten. Individuelle Ambition ist aber sinnlos, wenn die Mannschaft kein brauchbares Konzept hat. Pal Dardai und Rainer Widmayer werden um die Frage nicht herumkommen, wo für Hertha das Spiel beginnt: dort, wo der Ball ist, oder dort, wo sie eine Linie ziehen. Die Personalauswahl wird mit beiden Aspekten zu tun haben müssen: wer kann Tore schießen, wer kann Bälle holen, wer kann beides verbinden? Für Salomon Kalou, für den die Saisoneröffnung allerdings durch den Tod seines Vaters überschattet ist, zeichnet sich eine schwierige Saison ab.

Für die Betreuer ohnehin. Sie hatten eine unruhige Vorbereitung, es deutet wenig darauf hin, dass die Zeit für Verbesserungen der Spielanlage genützt werden konnte. Klassenerhalt muss das Ziel sein, ein einstelliger Tabellenplatz wäre eine echte Überraschung, zum Thema Europa hat Hertha vor drei Wochen selbst das Aktuelle gesagt. Wir können nur hoffen, dass der öffentliche Lernprozess, den wir mit Pal Dardai erleben, sich nicht auf Motivation und Anmache beschränkt, sondern auch auf die Spielanlage. Dardai verdient einen weiterhin großen Vertrauensvorschuss. Er hat selbst dafür gesorgt, dass wir Hertha wieder an anderen Ambitionen messen möchten als denen, bloß in der Liga zu bleiben.


Geschrieben von marxelinho am 27. August 2016.

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22. August 2016

Beim Elfer weiß jeder, wo das Tor steht

Fünf sehr professionelle Elfmeter trennten Hertha BSC gestern von einer weiteren Enttäuschung zu Saisonstart. Jahn Regensburg hatte die Mannschaft vor deutlich größere Probleme gestellt, als einem ambitionierten Bundesligisten eigentlich lieb sein kann. Doch als es darauf ankam, behielten Ibisevic, Darida, Weiser, Plattenhardt und schließlich Kalou die Ruhe. Der fünfte Schütze von Regensburg musste gar nicht mehr, es war zu spät, nachdem Jarstein den Elfer von Hofrath abgewehrt hatte.

Der Kader für das Spiel war die erste belastbare Andeutung einer Kerngruppe in diesem Jahr. Dass Allagui statt Hegeler vertreten war, ist ein starkes Indiz. Dass Baumjohann nicht dazu gehört, überrascht nicht mehr. Ronny hatte gegen Napoli wohl seine Abschiedsminuten, wenn auch nicht notwendigerweise von der Gehaltsliste. Die erste Mannschaft war schließlich konserativ gewählt, wie es wohl dem Temperament von Pal Dardai am meisten entspricht: Langkamp, für meine Begriffe angezählt, spielte neben Brooks, Pekarik hat Weiser wohl vorerst rechts hinten verdrängt. Vorne Haraguchi und Stocker neben den Stammoldies Kalou und Ibisevic.

Aus der ersten Halbzeit bleiben vor allem zwei Dinge in Erinnerung: Darida könnte in einer neuen Rolle der bessere, weil beständigere Cigerci werden, immer vorausgesetzt, Hertha hat sich mit Duda keinen Fußballinvaliden andrehen lassen. Die designierte Position für den Slowaken lässt Darida ein wenig zurückrücken, von dort aus entfaltet er sich aber sehr vielversprechend. Die zweite Angelegenheit betrifft ein Detail: ich hatte John Brooks schon einmal für einen denkbaren Kapitän gehalten. Wenn er es aber schafft, aus einer gelben Karte gegen Regensburg zwei für Hertha zu machen, weil er unbedingt auch noch seinen umfänglichen Körper in eine kleine, hitzige Angelegenheit des Kollegen Langkamp werfen muss, dann muss man ihn die Eignung wohl doch absprechen.

Brooks blieb zur Pause in der Kabine. Bald darauf führte Regensburg, durch einen Weitschuss nach einem Eckball. Hertha hatte ähnliche Möglichkeiten, bei Regensburg aber ging er eben rein, der Schuss von Nandzik. Sein Jubellauf war von der Sorte, wie sie nur Begegnungen zwischen Teams aus verschiedenen Ligen hervorbringen. Das ist die Magie des Cups in der ersten Hälfte der Saison. Hertha hatte gut zu tun, sich diesem Zauberbann zu entziehen.

Von den Eckbällen (mehr als ein Dutzend, davon die meisten ziemlich gut getreten) brachte einer etwas ein: Mitchell Weiser traf per Kopf! Er war in der 65. Minute für Haraguchi gekommen, eine ausgesprochen belebende Einwechslung. Schieber für Stocker war schließlich die letzte Option, die Pal Dardai ziehen konnte. Da dachte er vielleicht schon an das Elfmeterschießen, denn abgesehen davon sprach wirklich alles dafür, Kalou zu erlösen, der mit seinem untauglichen Versuch, einen großen Fight mit Eleganz zu bestehen, den Eindruck hinterließ, dass er dieses Jahr nicht mehr die Kapazitäten für die Stammelf hat.

Warum tat Hertha sich so schwer? Zieht man die atmosphärischen Aspekte und die berühmten besonderen Bedingungen von Pokalspielen ab, bleibt der momentan geläufige Befund: Die Mannschaft lässt sich relativ leicht erpressen. Regensburg spielte ein deutlich ausgeprägteres, strukturiertes Anlaufspiel, und unterband damit eine Menge schon vor der Mittelinie. Ich will miich nicht schon vor dem ersten Ligaspiel zu wiederholen beginnen, aber für den degradierten Kapitän Lustenberger muss es doch schmerzhaft sein, wie Skjelbred unangefochten die Zentrale besetzt hält, ohne dass irgendein Unterschied erkennbar wäre, der den einen in der Mannschaft hält, den anderen aber auf die Bank verbannt.

Darida schloss nach Kräften die Lücke, die der anonyme Norweger im Aufbauspiel ließ. Stocker und Haraguchi sind als Spielertypen relativ ähnlich, beiden fehlt ein wenig der Punch. Ibisevic wusste am Sonntag nicht, wo das Tor steht (beim Elfmeter war es dann zum Glück unübersehbar), und Kalou nahm am Spiel nur punktuell teil. All das trug dazu bei, dass Hertha trotz statistischer Überlegenheit offensiv eher unproduktiv war.

Es wurde mit den Einwechslungen ein wenig besser (Weiser!), trotzdem ist bedenklich, dass Regensburg mit der fünften oder sechsten Luft die zweite Halbzeit der Verlängerung eigentlich wieder dominierte.

Im Fußball geht es um die Überwindung von Widerständen. Die dazu erforderlichen Mittel sind für jedes Match neu zu mischen. Was der Mannschaft aber offensichtlich schon eine Weile fehlt, ist Intensität - jene schwer zu fassende Dimension in einem Spiel, die doch wirklichkeitsverändernd sein kann. In Cupspielen wird diese Qualität quasi per Definition der unterklassigen Heimmannschaft zugeschrieben, und Regensburg hat dafür ein großes Beispiel gebracht.

Hertha hat schließlich den Fight angenommen, gewonnen aber hat sie ihn so, wie es halt erst im Elferschießen möglich ist: mit der kalten Überlegenheit von Profis, die sich da schon nicht mehr anmerken ließen, dass sie davor ganz schön hart an ihre Grenzen gestoßen waren.

Geschrieben von marxelinho am 22. August 2016.

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18. August 2016

Schleife, Schleifen, Endlosschleife

Harter Pal. Dardai greift durch. Solche Sachen schreiben die Boulevardzeitungen gern. Der Trainer selbst sagt auch, dass er seine Spieler mehr "anmachen" muss. Unübersehbar sucht der Hoffnungsträger bei Hertha BSC derzeit nach einer Linie. Und es sieht ein wenig so aus, als könnte Dardai sich vielleicht nicht als der Begründer einer Ära in Berlin erweisen, sondern als Luhukay redivivus. Also als einer, der an seiner irgendwann nicht mehr nachvollziehbaren Pädagogik scheitert. Das wäre dann die nächste Schleife in der Endlosschleife des Nowhere Teams Hertha BSC.

Auf jeden Fall ist es eine dramatische Peinlichkeit, den vor sechs Wochen bestätigten Kapitän Lustenberger zehn Tage vor Ligastart durch Vedad Ibisevic zu ersetzen. Es gibt dafür gute Gründe, aber es gab Ende Juni noch viel bessere Gründe, mit der Entscheidung zu warten. Lustenberger musste doch in jeder Hinsicht zur Disposition stehen: als Stammspieler, und damit auch als Kapitän. Warum Dardai das nicht klar war, ist ein Rätsel.

Die Sache erscheint nun umso dramatischer, als sie eine deutliche Ungerechtigkeit enthält: Der kämpferisch vielleicht eine Spur stärkere, aber fehleranfällige und nicht minder unproduktive Skjelbred bleibt weitgehend unangefochten, sieht man von dem Misstrauensantrag der Auswechslung bei Brondby ab. Gegen Neapel aber war der Norweger Kapitän. Mit Sündenbockaktionen, wie die gegen Lustenberger schon eine ist, beginnen die Entfremdungsprozesse zwischen Trainern und Mannschaften.

Im Vorjahr begann die erfolgreiche Hinrunde mit einem No Nonsense-Erfolg im DFB-Pokal gegen Bielefeld. So etwas ist auch in Regensburg am Sonntag ohne Weiteres denkbar, allerdings bleibt auch dann noch eine Menge zu klären bis zum ersten Bundesliagspiel eine Woche später. Der Manager wird es schwer haben, seinen Ruf als "bester Einkäufer" aus dem Vorjahr zu bestätigen, zudem müsste er eigentlich auch auf den Titel "bester Verkäufer" aspirieren, wenn man an Leute wie Ronny oder Hegeler denkt. Baumjohann scheint auch keine Chance mehr zu haben.

Mit "Darth Vedad" Ibisevic hat Hertha nun einen Kapitän, der im Vorjahr deutlich erkennen ließ, dass ihm die zweite Hälfte der Saison zu schaffen machte. Zudem einen erregbaren Spieler, der selbst bei einem Sommerkick wie gegen Neapel in die eine oder andere Rudelbildung verwickelt war.

Die Personalie verdeutlicht umgekehrt übrigens auch, dass Hertha kaum über Spieler verfügt, die "capitanabile" sind. Die logische Wahl trotz seiner Jugend wäre eigentlich John Brooks (das wäre im Kleinen die Entscheidung, die sich JLöw mit Jerome Boateng nicht getraut hat), aber auch bei ihm kann man nicht ganz sicher sein, dass er in diese Aufgabe hineingewachsen wäre. Er hat aber am ehesten das Zeug dazu.

Da es nun auch schon um eine Stammelf geht, kann man derzeit sagen: Dardai und Widmayer setzen alles auf einen Spieler, von dem sie eigentlch höchst interessiert sind, dass die Mannschaft nicht zu abhängig von ihm wird. Der Mittelbau sendet Zeichen der Stagnation (Langkamp, Plattenhardt), und die Talente haben es auch mit einer erratischen Pädagogik zu tun (Weiser, bis zu einem gewissen Grad auch Stark, der zusehen musste, wie Hegeler sich gegen Neapel in der Innenverteidigung versuchen durfte).

So gibt Hertha in diesen Tagen ein wenig ermutigendes Bild ab, und die einzige gute Nachricht ist eigentlich, dass ab Sonntag gespielt wird. Ab dann gibt es nämlich gesicherte Erkenntnisse. Dinge, die auf dem Platz zu sehen sind.

Geschrieben von marxelinho am 18. August 2016.

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16. August 2016

Anstellen zum großen Abklatsch



Vom Freundschaftsspiel gegen den SCC Neapel hat Hertha BSS ein Videodokument veröffentlicht, das gestern meinen Tag gemacht hat. Denn so etwas bekommt man im hoch reglementierten Fernsehsport Fußball nur noch ganz selten zu sehen. Der Spielertunnel gehört zwar zu den Konventionen, viele Übertragungen beginnen ausdrücklich damit, hier aber hat der Aufmarsch der Spieler zum Hinausgehen einen langen Vorlauf. Man sieht allerhand leere Zeit, vor allem aber sieht man die begeisterungsfähigen Kinder, und dann kommen die Stars.

Das strikte Protokoll, dem alles inzwischen unterworfen wird, wird vor allem in zwei Situationen gelegentlich noch porös: bei ganz großen Ereignissen wie einem Champions-League-Finale, wo die Sender manchmal so lange drauf bleiben, dass spät irgendwo in den Katakomben noch spontane oder nicht völlig ritualisierte Momente passieren können (unvergesslich: Mourinho und Materazzi 2010). Die andere Möglichkeit ergibt sich bei Spielen in kleinen Stadien, in denen die Clubs manchmal ein bisschen improvisieren müssen. Ich erinnere mich an ein Auswärtsspiel von Hertha gegen Ventspils in Riga, bei dem ich mich so frei bewegen konnte, dass ich schließlich direkt hinter der Betreuerbank stand.

Eine dritte Möglichkeit sind sicher die Trainingslager, aber bei so was war ich noch nie dabei. Ich bin ja auch nicht in dem Sinn ein Paparazzo, oder ein Autogrammjäger, oder ein Voyeur, ich habe nur, wie in allen anderen Bereichen der Öffentlichkeit auch, ein Interesse an nicht formatierten Momenten. Deswegen ist dieses Video so toll, auch wenn es sich vielleicht nur um einen unbeholfenen Versuch mit "exclusive content" handelt.


Geschrieben von marxelinho am 16. August 2016.

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14. August 2016

Schwitzeria Napoletana

Wenn man aus dem Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark nach draußen geht, dann leuchtet einem diese Parole entgegen: Mehr Fantasie. Sie könnte gut und gern auch das Motto für die Kampagne bieten, die für Hertha BSC nächste Woche beginnt: die Saison 2016/17. Dass die Mannschaft unter einem Mangel an Fantasie leidet, ist Befund noch aus der alten Saison, und gegen Brondy waren die Probleme wohl auch andere. In Abwandlung einer alten Parole aus der Zeit, in der die Fantasie an die Macht wollte, könnte man aber sagen: Hinter dem Rückpass liegt der Strand.

Beim Testspiel gegen den SSC Neapel am Samstagabend deutete sich alles Mögliche an, aber nicht viel, was darauf hindeuten würde, dass die Mannschaft ihre Stilistik der letzten Monate groß ändern würde. Und die lautet nun einmal: wir spielen tendenziell hinten rum. Das werden wir alles in den kommenden Wochen noch ausführlich durchdenken können und müssen. Das 1:4 gegen die Champions-League-Teilnehmer aus Italien ist von begrenztem Erkenntniswert, denn von einer Woche auf die andere wird Hertha das Spiel nicht umstellen können. Es ist von latenter Passivität geprägt, versinnbildlicht am Samstag am besten durch Jens Hegeler, der immerhin eine ganze Halbzeit als Innenverteidiger an Stelle von Langkamp spielte, und bis zur 75. Minute nur einen vertikalen Ball spielte, und der war sinnlos.

Ich musste dann ein bisschen früher weg. Hier noch ein paar Eindrücke und ein schönes "Nur nach Hause" von den Treuen.

Das Licht in Berlin habe ich immer schon geliebt. Nun fühlt sich der Sommer schon früh wie ein Herbst an, die schönste Jahreszeit in der Stadt, aus vielen Gründen.

Eine Standardsituation

Der größte Star bei Neapel: Marek Hamsik spielte ziemlich lang, allerdings vorwiegend gemütlich

Der größe Star bei Hertha? Der Vedator traf wie schon zwei Mal gegen Brondby


Ein neuer Star bei Hertha? Allan Souza kam in der zweiten Halbzeit und deutete, wie man so schön sagt, an, dass er der Mannschaft helfen könnte - allerdings sollte die Position 8, wo er meistens aktiv war, besonders stark umkämpft sein, wenn ein anderer neuer Star bei Hertha endlich fit ist, der von der 10 aus das Gefüge neu verstreben soll

Nach wie vor ein Star bei Hertha (aber anscheinend nirgendwo sonst): Ronny, den die Fans lieben, weil sein Name so schön zu rufen ist. Er kam spät, und mit einer ungewohnten Aufgabe (Außendecker)

Gruppenbild mit Weltstars: Pepe Reina und Valentin Stocker als Grenzposten bei einer Rudelbildung


Fotos und Video: marxelinho 2016

Geschrieben von marxelinho am 14. August 2016.

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05. August 2016

Es wäre mal zu klären, wie man einen Ball klärt

Der Tag beginnt damit, dass ich zwei Termine aus meinem Kalender austrage. Hertha wird in den Playoffs zur Qualifikation für die Europa League nicht mehr dabei sein. Ich hatte ein wenig auf eine kleine Auswärtsfahrt an einen nicht so geläufigen Ort gehofft, vielleicht sogar auf eine interessante Gruppe im Herbst. Und natürlich auf Spiele. Nun werden es doch nur die beiden Wettbewerbe, die im Land stattfinden.

Das 1:3 bei Brondby IF war verdient, und man wird die Sache am ehesten verstehen, wenn man sich fragt, ob das jetzt noch eher zur alten Saison gehört hat. Denn die Probleme, vor die sich die Mannschaft gestellt sah, haben eine bestimmte Logik. Ich jedenfalls musste mehrfach an die Niederlage gegen Gladbach vor ein paar Monaten denken, mit der die Rückrunde so richtig in Schieflage geriet.

Hertha kam einfach mit der Aggressivität des Gegners nicht zurecht. Und fand dann in der vorentscheidenden Szene vor dem 1:3 auch keine brauchbaren Lösungen gegen das ganz normale Pressing. Die Körperhaltung von Langkamp, als er den verhängnisvollen Pass auf Skjelbred spielt, war bezeichnend: elegant aus der Hüfte, ohne jede Spannung, stellte er dem Norweger eine Aufgabe, die der auch an besseren Tagen vielleicht nicht überzeugend gelöst hätte.

Dass die Niederlage noch zur alten Saison gehört, hatte Pal Dardai auch mit der Aufstellung signalisiert. Zum zweiten Mal schickte er - mit der einen Ausnahme des Torhüters - die erste Elf auf den Platz, die in der Rückrunde sukzessive an Qualität einbüßte. Das ist ein Indiz dafür, dass er glaubte, am besten auf Nummer sicher durch diese Runde zu kommen. Die Mannschaft glaubte das offensichtlich auch, schließlich bekam sie nach dem frühen Gegentreffer allmählich Zugriff auf das Spiel, ein schönes Manöver über den rechten Flügel ermöglichte Ibisevic den Ausgleich per Kopf.

Doch Brondy ließ nicht locker, erwischte Hertha gleich darauf erneut. Es war auffällig, wie inkonsequent die Hertha-Defensive sich verhielt. Mehrfach bekam sie Bälle, die sie nicht plausibel klärte, gleich wieder um die Ohren, im Gestocher hatte sie immer das Nachsehen, sie ließ aber auch viele Pässe in die Schnittstellen zu. Das mag man alles erklären mit dem Gefälle zwischen einer Mannschaft, die eigentlich noch in der Vorbereitung ist, und einer, die schon auf Betriebstemperatur ist.

Es ist nur auffällig, dass Hertha schon seit einer Weile nicht mehr weiß, wie man sich gegen konsequente Gegner behauptet. Die Betreuer reagierten nach dem 1:3 mit einer radikalen Maßnahme, sie nahmen quasi eine Organtransplantation vor, indem sie die beiden Kämpfer aus der Zentrale entfernten: Lustenberger und Skjelbred mussten gehen, es kamen Stark und Allagui.

Taktisch war das zumindest diskutabel, weil doch schon aus dem Hinspiel gut zu erkennen gewesen war, dass Flanken ein gutes Rezept gegen Brondy sind, zumal mit Ibisevic. Allagui aber spielte eine Zehner, das Spiel ging nun mehr durch die Mitte. Es reichte schließlich nicht einmal mehr zu einem Powerplay, sondern nur zu einem symbolhaften Pass von Weiser ins Nirgendwo in der letzten Minute.

Hertha wird also nicht (mehr) international spielen in diesem Jahr. Das ist schade, passt aber zu der Tendenz der letzten Monate. Das Niveau ist mäßig, weil die Konzeption mäßig ist. Hertha ist anfällig gerade gegen Gegner, die als Außenseiter zu gelten haben, weil die Spielanlage insgesamt zu passiv ist. Man lässt sich zustellen, gerät in Zweikämpfe in Situationen, die eigentlich spielerisch zu lösen wären, kann dann nicht mehr gut klären. Vorne versucht man auch, spielerisch zu Lösungen zu kommen, ohne dem Gegner analoge Probleme zu stellen.

Gegen Brondby war die Versuchung groß, es mit einer dosierten Leistung zu versuchen. Das erwies sich als Irrtum. Das Spiel passte nicht in den Kalender, dass es dort zu finden war, hat mit den Problemen zu tun, die schon in der Ligarückrunde manifest waren. Nun ist wenigstens der Rest der Vorbereitung ungestört, aber der Ausblick auf die neue Saison ist ein wenig getrübt. Für die anderen Teams beginnt alles in zwei Wochen mit Tabula rasa. Hertha aber hat schon einen Klecks in der Bilanz.

Geschrieben von marxelinho am 05. August 2016.

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Ludger (am 05. August 2016)

Die Passivität, die nachlassende Körperspannung auch und besonders im Kollektiv, sobald es sich auch nur geringfügig vom Spielstand oder der Tabellensituation im Vorteil sieht, scheint fast wie ein rätselhafter, festgeschriebener genetischer Code der Mannschaft zu sein - egal mit welchem Personal oder unter welchem Trainer in den letzten Jahren sie agiert: nicht nur in einzelnen Spielen auch in den Saisonverläufen scheint er sich abzubilden. Für eine kurze Periode mit den Antagonisten Favre/Pantelic schien mir das einmal gebrochen zu sein...
04. August 2016

Brasi-Juwel statt Turko-Tand?

Vor dem Rückspiel gegen Brondby IF in Kopenhagen gibt es noch eine bedeutsame Neuigkeit: Tolga Cigerci wird nicht dabeisein, er wird Hertha wohl verlassen. Galatasaray bietet zwei Millionen für ihn. Damit ist der Angriff, von dem noch ein paar Wochen die Rede gewesen war, abgesagt. Cigerci wird es nicht weiter versuchen, sich bei Hertha durchzusetzen. Zu groß ist auch mittlerweile das Gedränge im Mittelfeld, nachdem mit dem "Brasi-Juwel" Allan von Liverpool noch einer dazu kam. Bleibt resümierend die Frage, ob Cigercis Abgang für den Club ein Verlust ist, oder ob wir es, in der Sprache der Boulevardmedien, bei ihm mit "Turko-Tand" zu tun hatten?

Ich meine: es ist ein Verlust, und und zwar ein großer. Wir werden nie erfahren, was genau zwischen dem Spieler und den Betreuern Sache war. Allerdings war es doch ein deutliches Zeichen, als letzte Woche im Heimspiel gegen Brondby die konservative Mittelfeldformation auflief: Lustenberger neben Skjelbred. Hertha musste ja vorlegen, das gelang auch, allerdings trugen die beiden Zerstörer in der Zentrale wie gewohnt wenig dazu bei. Cigerci wurde nicht einmal eingewechselt. Damit war im Grunde das Urteil über die fünf Wochen seit der Ansage, dass Cigerci und Hertha es noch einmal miteinander versuchen wollten, schon gesprochen.

Warum konnte sich ein Mann, der als eine der größten Begabungen seines Jahrgangs in Deutschland galt, bei Hertha nicht durchsetzen? Verletzungen spielten eine große Rolle, abe auch der Umstand, dass er es mit einem bestimmten Typ von Trainerpädagogen zu tun hatte: Wenn ich mich nicht irre, werden wir in dieser Saison einen Pal Dardai erleben, der uns nicht wenig an Jos Luhukay erinnern könnte.

Cigerci hatte seinen entscheidenden Moment in der letzten Rückrunde im März: Beim 2:0-Heimsieg gegen Schalke war er der dominierende und imponierende Spieler, darauf folgte der nicht mehr so überzeugende Heimsieg gegen Ingolstadt, und beim desaströsen 0:5 in Gladbach musste er schon zur Pause raus. Er war ein Opfer des exzellenten Pressings von Gladbach geworden, fand nie die Ruhe und den Rhythmus, um ein konstruktives zentrales Aufbauspiel zu gestalten. Genau das ist es aber, was er hätte einbringen müssen.

Dass ich ihn vermissen werde, hat mit dem Umstand zu tun, dass er zu den wenigen Spielern bei Hertha gehört, die ein Spiel prägen können, die maßgebliche und nicht nur beitragende Dinge tun können. Ibisevic hat so was drauf, allerdings als Stürmer, Kalou natürlich, und auch Weiser. Duda soll wohl so einer sein. Cigerci ist vom Ansatz her ein Traumfußballer, weil er einen großen Aktionsradius mit einem im Detail brillanten Gefühl für Räume verbindet.

Seine Schwächen liegen wohl im mentalen Bereich (Konzentration, Spielökonomie, Geduld), was man aber auch verstehen kann bei einem Spieler, der so selten kontinuierlichere Gelegenheit bekam, sich zu zeigen. Ich kann es nicht belegen, weil ich ja keine Interna kenne, aber ich meine, die Betreuer hätten mit Cigerci nicht ideal gearbeitet. Den Misstrauensantrag, unter dem er 2016 nach Gladbach weiterspielte, haben sie nie zurückgezogen, während schwache Stammspieler absolute Rückendeckung hatten.

Hertha hat aktuell einen zu großen Kader, die Betreuer aber vertrauen nur einer sehr kleinen Gruppe. Cigerci wurde ein Opfer dieses Favoritismus. Im Rückspiel gegen Brondby soll nun Thomas Kraft spielen, der nicht mehr Favorit auf die Nummer eins im Tor ist. Das ist jetzt nur eine Kleinigkeit, aber auch sie deutet darauf hin, dass das in der neuen Saison ein zentrales Thema werden wird: Wie moderieren die Betreuer die Unwucht im Kader? Wie schaffen sie es, dass Spieler sich entwickeln können? Heute werden wir schon wieder weitere Antworten bekommen, und das auch schon unter Wettbewerbsbedingungen: Hertha spielt um die nächste Runde in Europa.



Geschrieben von marxelinho am 04. August 2016.

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29. Juli 2016

Der Vedator überstrahlt den Feuerzauber

Eine gute halbe Stunde lungerte ich gestern am Jahnsportpark herum, unentschlossen, wie weit ich in meinen Bemühungen um eine Eintrittskarte für das Spiel von Hertha gegen Bröndby IF gehen sollte. Als dann ein wenig einnehmender Typ seine Gürteltasche öffnete, und 50 Euro für einen Platz auf der Haupttribüne wollte, war mein Entschluss gefasst: Ich nahm die U8 und war schon eine halbe Stunde später daheim. Für die nächste Runde würde ich mir keine Blöße geben, das war der Vorsatz. Dabei bin ich allerdings auf die Mannschaft angewiesen, denn die muss ja in diese nächste Playoff-Runde erst einmal kommen.

Dass Hertha sich tatsächlich kaum eine Blöße gab, sah ich dann in einer Übertragung mit Kommentar von Thomas "Mein lieber Schwan" Hermann im Fernsehen. Der Coach hatte seine Aufstellung tatsächlich so gewählt, dass man fast schon von einer Hommage an die vergangene Saison sprechen kann: Das waren tatsächlich weitgehend die 11, die den 7. Platz und damit die Berechtigung zu diesem Spiel klargemacht hatten. Allenfalls Pekarik hatte längere Zeiten, in denen er nicht Stammspieler war, dafür blieb Haraguchi vorläufig auf der Bank, und Weiser spielte weiter vorne.

Er deutete an, dass er auch in seinem zweiten Jahr bei Hertha ein Leistungsträger sein könnte. Generell war das Spiel von Hertha vor allem dann interessant, wenn Bewegung über die Flügel entstand. Pekarik war sehr dynamisch, und Weiser hat die Qualität, eher die besonders interessanten Räume rund um das Sechzehnereck zu bespielen (darin gleicht er in Ansätzen Thomas Müller). Pekarik bekommt Räume für Flankenläufe, von Weiser aber gehen die kreativen Impulse aus. So auch bei dem Tor durch Ibisevic, einen sehenswerten Flugball, mit dem er eine Hereingabe von Weiser veredelte.

Hertha tat darüber hinaus eher nur das Notwendige, zeigte also eher eine professionelle als eine sprühende Leistung, hatte bei einem Stellungsfehler von Langkamp einmal Glück, als Pukki sich von Jarstein dazu provozieren ließ, einen sehr vielversprechenden Ball über das Tor zu heben. Das wäre ein Auswärtstreffer gewesen, einen solchen kann Bröndby nun nicht mehr erzielen. Hertha aber hat nächste Woche alle Möglichkeiten, eine Runde weiterzukommen.

Groß heruminterpretieren muss man an diesem Spiel nicht. Das war pragmatischer Favoritenfußball, die Fans haben den Abend und die nostalgisch besetzte Spielstätte für ein wenig Feuerzauber genützt, die Stimmung scheint gut gewesen zu sein. Der Coach fängt mit der Mannschaft dort an, wo er im Vorjahr schon war, das lässt trotzdem alle Möglichkeiten offen, in diesem Jahr Fortschritte zu machen - oder zu stagnieren. Eine kaum veränderte Mannschaft kann auch ein Vorteil sein. Ibisevic hat jedenfalls gezeigt, dass mit ihm weiterhin zu rechnen ist - die Frage ist dabei allerdings, ob und wie weit das auch über eine lange Saison gilt.

Tolga Cigerci scheint seinen Angriff auf die Stammelf vorläufig wieder vertagen zu müssen - ob auf den Sanktnimmerleinstag oder auf eine andere Mannschaft, zu der er noch in diesem Sommer wechseln könnte, das sind so Aspekte, die mich gerade interessieren. Ich bin ja ein Fan von ihm. Hertha wird erst am 25. August wissen, ob man mit der Gruppenphase auch finanziell planen kann, danach ist das Transferfenster noch ein paar Tage offen - möglicherweise tut sich vorher personell gar nichts mehr.

Hier noch ein paar Ergebnisse von gestern, auf die ich aus den unterschiedlichsten Gründen auch ein Auge hatte: Worskla Poltava (mein Wunschgegner für die nächste Runde, wobei ich allerdings nicht weiß, ob das die Töpfe überhaupt hergeben würden) torlos bei Lokomotive Zagreb, Rapid desgleichen gegen Torpedo Schodsina - wäre ich nicht gerade eben aus Odessa zurückgekommen, wäre dieser Club in Weißrussland so ziemlich ein ideales Groundhopperziel. Daran denke ich ja auch immer ein bisschen: Reisen mit Hertha. Kopenhagen nächste Woche werde ich allerdings im Fernsehen verfolgen. Die Konzentration steigt.

Geschrieben von marxelinho am 29. Juli 2016.

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28. Juli 2016

Schöpferische Zerstörung

Eine seltsame Sommerpause geht heute mit dem frühen ersten Pflichtspiel von Hertha BSC zu Ende. Irgendwie hat man das Gefühl, dass alles ineinander verschoben ist - während einige Weltstars noch nicht einmal zu ihren Vereinen zurückgekehrt sind (Mesut Özil postet aus der Strandliege), reist ein Tross von deutschen Fußballern nach Rio de Janeiro, und Hertha macht komplett ein eigenes Ding: Uefacupspiel gegen Bröndby IF, kein anderes deutsches Team spielt jetzt schon um Zählbares.

Von befreudeten Herthanern habe ich gestern den Ehrentitel einer "Penntüte" verliehen bekommen, er gilt nicht nur mir, denn ich bin anscheinend nicht der einzige, der die Umstände für das Heimspiel im Jahnsportpark falsch eingeschätzt hat. Ich war längere Zeit weg, konnte mich nicht um ein Ticket kümmern, nun stelle ich fest, das Spiel ist ausverkauft. Ich werde natürlich trotzdem mal hochfahren, um zu sehen, was geht. Denn sonst hätte ich gleich in Odessa bleiben können, von wo ich nicht zuletzt wegen der Neugierde auf dieses Spiel früher als geplant zurückgekommen bin.

Der Kicker vermutet eine Startaufstellung, die sehr stark an die Vorsaison angelehnt wäre: mit der zentralen Achse Skjelbred und Lustenberger, mit den EM-Spielern Darida und Pekarik, ohne den Neuzugang Duda (der allerdings noch nicht in Frage kommt), auch ohne den Angreifer Cigerci. Mal sehen, wie das dann konkret aussieht. Eindeutig aber ist die Lage so, dass mit der Verpflichtung eines neuen Zehners die Gemengelage im Kader noch einmal an Komplexität zugenommen hat. Wenn Duda spielt, verändert sich das gesamte System von Hertha, das bisher ja vor allem durch die janusköpfige Rolle von Darida geprägt war, und auch durch dessen Schwächephase in der zweiten Saisonhälfte.

Pal Dardai muss in den kommenden Wochen gleich unter Wettkampfbedingungen ein paar Entwirrungen vronehmen. Die Auswahl ist enorm, die potentielle Unwucht durch Duda allerdings auch. Der Coach wird implizit schon ein kleines Zeichen setzen, sollte er Fabian Lustenberger bringen - es wäre ein Indiz, dass die Kontinuität zur Vorsaison gewahrt werden soll.

Hertha braucht vor 2016/2017 aber unbedingt so etwas wie schöpferische Zerstörung. Die Mannschaft muss einmal gründlich auseinandergenommen werden, unter anderem dazu können die hoffentlich vier Ausscheidungsspiele für die EL-Gruppenphase auch dienen. Pal Dardai hat schon in der Rückrunde ein sehr hohes Maß an Kontinuität und Meritokratie gezeigt (er ließ eine zu kleine Gruppe zu viel spielen), nun wird viel darauf ankommen, ob er sich zu interessanten Schritten durchringen kann.

Personell ist vermutlich für den Rest der Transferperiode nicht mehr viel zu erwarten, wobei ein Stürmer natürlich schon sehr, sehr wichtig wäre. Einer wie damals Pierre-Michel Lasogga, als er noch zu großen Hoffnungen berechtigte. Einer, der allerdings nicht mit einem Umfeld kommt, das zum Größenwahn verleitet - wobei die Häme, mit der oft von Mama Lasogga gesprochen wird, auch etwas Fieses hat.

Die Übergangsphase, in der Hertha sich aktuell befindet, zeigt sich auch darin, dass Zweitligasuperstar Ronny immer noch zum Kader gehört, dass Sami Allagui, dem gegenüber der Verein sich sehr fair verhalten hat, als echte Option für den Sturm gehandelt wird, dass die Rolle von Valentin Stocker (und das Vertrauen, das er genießt) schwer einzuschätzen ist. Normalerweise müsste man vermuten, dass der Verein hofft, noch maximal 1-2 Spieler zu holen (Preisklasse: eher Sinan Kurt als Ondrej Duda), dass aber auch noch Abgänge gelingen sollten (Ronny, Hegeler, auch Stocker könnte in Frage kommen). Dazu die denkbare Variante, dass es ein werthaltiges Last-Minute-Angebot für Brooks gibt.

Alles hat wie immer mit allem zu tun, doch konkret steht Hertha heute Abend schon auf dem Platz. Das ist ein großartiges Gefühl, denn der wahre Fußball, das ist nun einmal der von Vereinsmannschaften, da können auch große Dramen wie das von CR7 bei der EM nicht mithalten. Für meinen Geschmack ist viel wichtiger, ob wir heute schon Anzeichen einer Hertha sehen, die 2016/2017 konkurrenzfähig Bundesliga spielt. Und die sich anschickt, die Position in Europa zu verbessern: im Uefa-Ranking zählen ja immer die letzten fünf Jahre, und das bringt es mit sich dass derzeit Platz 434 herauskommt. Da sind also sogar große Sprünge möglich, die aber wie immer mit kleinen Schritten beginnen. Hahohe!

Geschrieben von marxelinho am 28. Juli 2016.

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17. Juli 2016

Los vom Topf

In seinem berühmten Aufruf an die Topfpflanzen ermutigt Josef Hader eine Spezies Grünzeug, die man als so etwas betrachten könnte wie den FC Augsburg des Vegetationswesens, sich endlich einmal zu rühren, der gesicherten täglichen Dosis Substral zu entsagen, und sich auf die eigenen Beine (Wurzeln) zu machen. Es ist eine der radikalsten Exodus-Visionen, die ich kenne, auch wenn sie letztlich über einen Spaziergang nicht hinausgeht.

Hertha BSC ist in diesem Sommer die früheste Topfpflanze der deutschen Bundesliga. Ich weiß schon, der Vergleich hinkt, aber am Freitag ging es nun einmal darum, ein Momentum zu starten, das in einem Lostopf begann. Wie es gut zu dieser langwierigen Qualifikation zur Europa League passt, weiß man auch jetzt noch nicht, wer der Gegner in den beiden Spielen Ende Juli, Anfang August sein wird. Bröndby IF oder Hibernian FC, das bedeutet umgelegt auf Easywings: Kopenhagen oder Edinburgh. Kopenhagen ist ein bisschen wahrscheinlicher, und Pal Dardai hat sich auch schon geäußert: Bröndby wäre ihm lieber.

Am Freitag wurde auch einer der seltsamsten Kader des Jahres bekannt gegeben: Von Hertha war niemand im Aufgebot Deutschlands für die Olympischen Spiele in Rio. Ursprünglich hatte es einmal geheißen, dass entweder Weiser oder Stark fahren könnten, aber auf keinen Fall beide. Nun fährt weder noch. Der Kader ist so seltsam, weil er nicht auf sportlichen Erwägungen beruht, sondern auf Verhandlungen zwischen Clubs und Verband. Die Clubs stellen nur widerwillig ab. Hertha hatte wegen der frühen Pflichtspieltermine wenig Spielraum, zwei Talenten eine Freude zu machen.

Für Mitchell Weiser muss es ein blöder Sommer gewesen sein. Als Deutschland gegen die Ukraine spielte, sah es fast noch danach aus, als könnte er vor dem Fernseher zu einem der Gewinner des Turniers werden. Dann zog der Nationalcoach aber, ohne das Wort Polyvalenz auch nur einmal links anzudeuten, Joshua Kimmich aus dem Kader, und nun scheint der Platz rechts hinten im Nationalteam auf die Dauer einer Lahmiade (also ungefähr 12 Jahre) besetzt.

Ob das bei Weisers Überlegungen hinsichtlich seiner Vertragsverlängerung bei Hertha eine Rolle spielt, lässt sich schwer sagen. Bisher war es ja so, dass er auch wegen der nationalpositionellen Fantasie gern rechts hinten spielte, wo er eindeutig am besten für Hertha ist. Es ist zu hoffen, dass er die Abflachung seines Höhenflugs im Jahr 2016 professionell nimmt - und wieder angreift.

Weiser zählt zum "Tafelsilber", schreibt zum Beispiel die MoPo. Soll heißen: Allzu viele Profis gibt es in Berlin gar nicht, die lukrativ verkäuflich wären. Da es allerdings trotz Schuldenzauber durch KKR offensichtlich äußerst geringe Investitionsspielräume gibt (was eigentlich ein bisschen seltsam ist), befindet sich Hertha in dieser Hinsicht tatsächlich in der Situation einer Topfpflanze, die gleichsam aus dem bisschen Erdreich, das sie schon hat, in dem Himmel wachsen soll. Das geht nur, um das Bild zum Ausklang dieser Betrachtung selber ein wenig spazieren zu führen, durch eine Strategie, die zugleich auf Einwurzelung und Übersprung beruht. Die Expedition beginnt am letzten Donnerstag im Juli im Jahn-Sportpark.

Geschrieben von marxelinho am 17. Juli 2016.

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20. Juni 2016

Die Maxime lautet Verstärkung mit Anlauf

Im Kicker lese ich heute morgen einen kleinen Bericht, der mich derzeit, da die Europameisterschaft durch die Aufwärmrunden geht, deutlich mehr interessiert als die Frage, was das Problem von David Alaba in der österreichischen Nationalmannschaft ist oder ob Roy Hodgson vielleicht doch die taktische Flexibilität hat, um England erfolgreich spielen zu lassen. Hertha BSC und Tolga Cigerci wollen es anscheinend diese Saison noch einmal miteinander versuchen.

Da kann natürlich im Sommer doch noch einiges passieren, denn die Vertragslage ist vielschichtig: Cigercis Dienstverhältnis ist mit 2017 befristet. Eine Weile wollte Hertha gern verlängern, derzeit sieht es eher danach aus, als wollte man sich die Sache in Ruhe ansehen. Aber der Kicker zitiert Michael Preetz eben mit den Worten: "Tolga will hier einen neuen Anlauf unternehmen." Es ist in diesem Sommer nicht "Maxime" von Hertha, sich der klassischen Alternative (Verkauf ein Jahr vor Vertragsablauf oder Drängen auf Verlängerung des Vertrags) zu unterwerfen. Könnte heißen: Man schaut sich die Sache einmal an, und spricht dann im Oktober gegegebenfalls über einen neuen Vertrag. Wenn man schon ein wenig mehr weiß, in welche Richtung die Sache für Hertha wie für Cigerci geht.

Im Grunde ist das die Schlüsselpersonalie überhaupt. Herthas größtes strategisches Problem in der letzten Saison war die zu große Ähnlichkeit der Positionen 6 und 8. Beide wurden, meistens von Skjelbred und Lustenberger, zu konservativ interpretiert. Hertha war aus dem Zentrum heraus unproduktiv. Cigerci ist für die Position 8 eine herausragende Option. Die Frage ist nur, ob er mit dieser Rolle zurechtkommt.

Bisher waren seine größten Probleme körperlicher und mentaler Natur. Seine Verletzungsgeschichte ist bekannt, man weiß auch, wie wichtig es für einen Spieler sein kann, in optimaler Verfassung in eine Saison inklusive Vorbereitung zu sehen. Cigerci postet derzeit Bilder von sich in einem Fitnessstudio in Miami - er bringt sich locker in Form.

Die mentalen Probleme in der Rückrunde 2016 hatten für meine Begriffe stark damit zu tun, dass seine Rolle so schlecht definiert war: Wenn er Spiele bekam, dann schien er sich zu viel Druck zu machen. Zumal er auch auf dem Flügel eingesetzt wurde, das machte er übrigens gar nicht schlecht. Man konnte aber durchaus den Eindruck haben, dass Hertha ihn mit seinen Aufgaben allein ließ - die Pädagogik von Pal Dardai war im Falle Cigercis nicht immer gut nachvollziehbar, das ging auch ziemlich hin und her.

Er bräuchte letztendlich genau das, was im Idealfall heuer möglich wäre: einen Saisonstart auf seiner Idealposition mit der Zusage, sich dort eine Weile bewähren zu können. Dazu müsste man ihm den Druck nehmen, alles kreativ lösen zu müssen, von der Abholung des Balls bei Jarstein (ein berüchtigtes Gegentor 2016 entstand aus einer solchen Situation) bis zum letzten Pass.

Gegen Schalke hat Cigerci ein Spiel lang gezeigt, was mit ihm möglich ist. Es ist enorm viel. Er bringt die Mannschaft voran, sowohl mit Pässen als auch mit Läufen. Sein Aktionsradius ist berühmt, wenn er es schafft, dabei nicht in Aktivismus zu verfallen, dann kann er die Mannschaft enorm weiterbringen. Zumal er in einem zentralen Dreieck mit Darida und Skjelbred (bei dem es allerdings viele Fragen gibt) eine Menge Dynamik und Kreativität entwickeln könnte.

Die ruhenden Bälle waren 2016 ein Signal dafür, dass Cigerci nicht mit sich und den Umständen im Reinen war: Er wollte Verantwortung übernehmen, hatte aber oft nicht die nötige Konzentration. Es spricht alles dafür, auf verschiedenen Ebenen mit ihm in diesem Sommer intensiv zu arbeiten. In jedem Fall zähle ich zu denen, die auf Tolga Cigerci bei Hertha BSC setzen würden. Er ist einer derjenigen, der Fantasie in diesen Kader bringt. Und er könnte wertvoller werden als so mancher Neuzugang.

Geschrieben von marxelinho am 20. Juni 2016.

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06. Juni 2016

Gute Erfahrungen macht man im Schlaf

Wenn es nach Pal Dardai gegangen wäre, dann wäre er am Wochenende beim Testspiel zwischen Deutschland und Ungarn vielleicht sogar noch selbst auf der Bank gesessen. Wir erinnern uns jedenfalls daran, dass es ihm schwer fiel, die Aufgabe bei der ungarischen Nationalmannschaft aufzugeben. Das kleine Hin und Her im vergangenen Sommer verdeutlicht, dass Dardai als Trainer einer Bundesligamannschaft ein Anfänger ist, der in vielerlei Hinsicht erst lernen musste und muss, was mit dieser Aufgabe alles einher geht.

Deswegen ist das die erste Frage, die ich nach meiner privaten Sommerpause und vor Beginn der EM stellen möchte: Soll Hertha BSC mit Pal Dardai weiterarbeiten? Ich weiß, ich weiß. Blöde Frage, und außerdem längst beantwortet. Trotzdem und gerade deswegen, weil wir sie weitgehend ohne Druck beantworten können, macht es Sinn, sie zu stellen.

Pal Dardai hat mit seinem Team und dem letztes Jahr guten Einkäufer Michael Preetz Hertha 2016 in den Europacup geführt. Eine Mannschaft, die zum Beispiel von der FAZ vor einem Jahr noch als designierter Direktabsteiger gehandelt wurde. Dass er unter den Trainerentdeckungen schließlich dann doch nicht ganz so hoch gehandelt wurde, wie es zwischendurch der Fall war, hatte mit dem schwierigen Finish zu tun. Hertha tat sich die ganze Rückrunde hindurch schwer.

Hier also eine kleine Evaluierung von Pal Dardai, eine Würdigung mit vier Stichpunkten.

a) Persönlichkeit: Vielleicht der größte Pluspunkt. Pal Dardai wirkt sehr authentisch, er spricht gut über Fußball. Nicht nur verzichtet er fast vollständig auf Phrasen, man kann bei seinen öffentlichen Äußerungen fast immer etwas von seinen Lernprozessen nachvollziehen. Die Wirkung nach außen dürfte der nach innen entsprechen, jedenfalls hatte man lange Zeit den Eindruck, dass er die Spieler gut mitnimmt und eine Projektstimmung in der Mannschaft erzeugen kann. Einen Trainer zu haben, der mit dem Club gut identifizierbar ist, ist fast unbezahlbar.

b) Trainingsarbeit: Bei einem Bundesligaclub ist immer zu wenig Zeit für all das, was zu üben wäre. Dardais erste volle Saison veranlasst zu Rückfragen in zwei Bereichen: Fitness und Taktik. Intern werden dazu (hoffentlich) die nötigen Daten vorliegen, um das genauer erörtern zu können, aber man musste doch den Eindruck haben, dass die Mannschaft körperlich phasenweise nicht auf der Höhe war. Das wird auch damit zu tun haben, dass Dardai mit einer kleinen Kerngruppe des Kaders arbeitete.

c) Taktik: Eine Konsequenz der insgesamt laufschwächeren zweiten Saisonhälfte waren Umstellungen beim Pressing. Hertha sah sich oft einer relativ einfachen, aber wirkungsvollen Neutralisierung durch geschickt positionierte Mannschaften ausgesetzt, gab aber ihrerseits die gegnerische Hälfte weitgehend preis, wenn sie nicht im Ballbesitz war. Da wurden Erfolge aus der Hinrunde buchstäblich zurückgezogen. Der erhoffte Erfolg einer größeren Kompaktheit und eines effektiveren Umschaltspiels stellte sich aber nicht häufig ein.

d) Entwicklung: Trainer werden oft daran gemessen, ob sie Spieler besser machen können. Das ist ja auch tatsächlich ein offensichtlicher Fingerzeig, denken wir nur an Tuchel und Mkhitaryan. Hertha hatte auch deswegen eine sehr gute Hinrunde, weil einige Spieler richtig aufblühten. In erster Linie Salomon Kalou, in vielerlei Hinsicht eine Schlüsselpersonalie, in etwas anderer Form gilt das auch für Ibisevic. Mitchell Weiser, die zweite Entdeckung, hat von Dardai stark profitiert. Da Hertha nicht viele Spieler hat, die einen Unterschied machen können, hängt viel von solchen persönlichen Leistungskurven ab. Im Frühling fand Pal Dardai jedenfalls keinen Spieler mehr, den er noch hätte "zünden" können. Plattenhardt, Darida, Skjelbred, Brooks stagnierten, die Ergänzungsspieler wurden für meine Begriffe zu erratisch eingesetzt, als dass sie ihren Wert wirklich beweisen hätten können.

Bei der Präsentation eines Buches über ihn in Ungarn sprach Pal Dardai neulich auch über die Saison von Hertha: "Als ich gegen Ende spürte, dass es für die Mannschaft nicht mehr so läuft, habe ich Fachbücher gelesen, psychologische Analysen - und was ich früher nie gemacht habe - habe ich mich selbst um Ratschläge bemüht. Ich habe kaum geschlafen, zerbrach mir den Kopf, reib mich selbst auf. Wenn ich mehr Erfahrung gehabt hätte, hätte ich mit dem Druck auf die Mannschaft besser umgehen können."

Er sprach damit das Offensichtliche aus: Auch für ihn selbst war das eine Situation, für die es noch keine Erfahrungen hab, auf die er hätte zurückgreifen können. Für die kommende wird viel davon abhängen, wie weit es ihm gelingt, mit der Mannschaft zu lernen. Damit sind wir wieder beim ersten Punkt: Pal Dardai wirkt wie jemand, der in der Lage ist, sich immer wieder neu einzustellen, dabei verfügt er aber über einen ausgeprägten Kern. 2016/17 wird schon zeigen, ob er tendenziell vielleicht doch zu konservativ ist, zu sehr alte Schule, um Hertha in einer nun schon wieder deutlich anspruchsvolleren Situation voranzubringen.

Doch für den Moment ist die Sache klar: Hertha BSC hat mit Pal Dardai einen Trainer, von dem wir durchaus erhoffen können, dass er selbst und mit den Spielern im kommenden Jahr einen Schritt in Richtung eines integrierten Spielkonzepts macht - es wäre ein Schritt heraus aus der engen Liga, in der ein gutes Dutzend Mannschaften so spielen wie Mainz oder Augsburg, also tendenziell eher abwartend, dabei aber immer intensiv anlaufend. Hertha hat 2015/16 die ersten Schritte zu einem ganzheitlicheren Spiel gemacht. Ob der Weg weitergeht, liegt auch an den Lernprozessen von Pal Dardai. Hoffentlich reibt er sich nicht auf.

Jetzt darf er aber erst einmal Ungarn betreuen. Zumindest als Co-Kommentator bei der EM.


Geschrieben von marxelinho am 06. Juni 2016.

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15. Mai 2016

Der Trostpreis für Platz 7 ist ein Atlas

Ein Rubik-Würfel ist Kinderspielzeug im Vergleich zu den Möglichkeiten, die diese Saison bietet, an ihr herumzuschrauben: sie ergibt immer neue Muster. Hertha BSC steht nach dem torlosen Remis in Mainz in der Abschlusstabelle auf Platz 7, in der Rückrundentabelle auf Platz 16 (!), dort beträgt allerdings der Abstand zwischen Platz 9 und Platz 17 ganze zwei (!!) Punkte. Man sieht also, was ein Sieg am letzten Spieltag alles bewirken hätte können.

Vor allem aber wäre damit die direkte Qualifikation für die Europa League gesichert gewesen. So aber warfen wir einander gestern am späten Nachmittag in den digitalen Netzwerken halb im Spaß die Namen der entferntesten Länder zu: Kasachstan. Aserbaidschan. Moldawien. Sie klangen wie Prügel zwischen den Füßen.

Vor elf Jahren spielte Hertha im letzten Spiel der Saison gegen Hannover zu Hause torlos. Damals ging es um die Teilnahme an der Champions League. Heute wundert mich, wie gelassen ich das damals verbucht habe, denn ich kann mich noch ungefähr erinnern, dass die Spannung im Stadion schon groß war, und auch der Frust, denn Hertha spielte schlecht.

Gestern in Mainz war Hertha nicht schlecht. Im Gegenteil war kein großer Unterschied zu erkennen zwischen der Mannschaft, die in der Rückrundentabelle auf Platz 5 abschließt, und der Mannschaft, die als der zweite große Verlierer der zweiten Halbserie gelten muss - neben dem VfB Stuttgart. Hertha ist der Verlierer unter den Gewinnern von 2015/2016. Eine eigentümliche Rolle, die umso stärker zu denken gibt, als es 2014 schon ein Vorspiel dazu gab. Im Vergleich dazu ging es 2016 aber deutlich besser aus. Hertha hat immerhin ein Millionenensemble wie den VfL Wolfsburg um fünf Punkte übertroffen, und mein privates Saisonziel wurde auch erfüllt: Augsburg wurde sogar um zwölf Punkte distanziert.

Nur ist das Augsburg dieser Saison eben Mainz 05. Und dem musste Hertha sich am letzten Tag geschlagen geben, weil es eines Sieges bedurft hätte, um den FSV noch zu überholen. Dieser Sieg wäre sogar möglich gewesen, Salomon Kalou vor allem hatte Chancen auf den entscheidenden Treffer. Aber er vergab sie. Hertha hat unterwegs auch die Effizienz verloren, aber das ist meist nur ein Folgeeffekt anderer Probleme.

Im Winter gab es kurz eine Diskussion darüber, ob die gute Hinrundenbilanz vor allem glücklichen Umständen zu verdanken gewesen wäre. Dem konnte man entgegenhalten, dass Hertha eben einen Ausnahmekönner in den Reihen hatte, der in der zweiten Saison sogar zu einem echten Faktor in der Mannschaft geworden war. Bis zur Länderspielpause im März war Salomon Kalou auf dem besten Weg, sich für den "man of the season" zu empfehlen. Danach war er nicht mehr ganz bei der Sache, er fand in diese Saison nicht mehr so richtig hinein.

Und einen Mann des Jahres wird man bei Hertha nun nicht ganz so leicht finden, denn die naheliegende Lösung ist nicht schmeichelhaft: vom Ende der Saison her gesehen fällt diese Rolle am ehesten nämlich Rune Jarstein zu, der mit seiner Ankerfunktion das Passspiel entscheidend geprägt hat, und der sich dann auch noch als Keeper mehrfach relevant auszeichnete. Der Vedator und der Mitch, zwei andere Kandidaten, fielen hingegen zum Ende hin nicht mehr so auf. Aber mit dieser müßigen, für Fans nichtsdestoweniger bedeutsamen Frage kann man sich einmal eigens beschäftigen.

Das Spiel gegen Mainz hatte beinahe den Charakter eines Pokalspiels. Es war viel offener, als man es in einer anderen Phase der Saison zu erwarten gehabt hätte. Hertha war dynamischer als in den meisten Spielen zuletzt, es fehlte nur an der Konzentration ganz vorn. Valentin Stocker, ausnahmsweise von Beginn an dabei, deutete an, dass er mehr Einsatzseiten durchaus verdient gehabt hätte, aber auch ihm gelang kein entscheidendes Manöver.

Zu dieser mysteriösen Erbsubstanz, die Fußballclubs im Lauf der Jahre ausprägen, hat der Hertha-Jahrgang 2015/2016 ein weiteres Stück beigetragen: Mit Big Points tut man sich schwer. Gestern wäre eine große Gelegenheit dafür gewesen, doch die Leistung gab nicht mehr her. Damit steht den Verantwortlichen ein interessanter Sommer bevor. Auch für die Saisonanalyse ist weniger Zeit. Einen Vorteil hat die Sache aber auch, wie gestern jemand gleich bemerkte: Hertha-Fan müssen nicht so lang auf das erste Pflichtspiel von 2016/17 warten. Wenn das mal nicht im Jahnsportpark stattfindet, weil der Gegner kaum bekannter ist als RW Erfurt.

Geschrieben von marxelinho am 15. Mai 2016.

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14. Mai 2016

Cup der besseren Hoffnung

Auf der Zielgerade einer erfolgreichen Saison ist Pal Dardai nicht nur das Momentum ein wenig entglitten, er war auch rhetorisch nicht mehr ganz so souverän wie meistens davor. "In Mainz will ich nur noch Aggressivität sehen, keinen Fußball", hat er während der Woche erklärt, inzwischen hat er schon ein bisschen abgeschwächt und verlangt vor dem Auswärtsspiel gegen einen direkten Konkurrenten um die direkte Teilnahme an der Europa League nur noch "gesunde Aggressivität". Und die vollends unglückliche Rede vom Töten ("wir töten nicht") ist wohl auch wieder aus dem Verkehr gezogen. Im Fußball muss niemand töten, nicht einmal ein Spiel, auch wenn es im Englischen diese Redensart gibt: "to kill a game". Sie ist auch dort unangebracht.

Die Rede von der Aggressivität führt auf eine falsche Spur. Denn im Herbst gelang es Hertha noch, aggressive Gegner auszuspielen. Und damit ist auch schon der Schlüssel benannt: nicht nur kämpferische Defizite sind bei Hertha festzustellen, sondern in erster Linie spielerische. Die Bemühungen um einen Spielaufbau waren zuletzt von großen Ungenauigkeiten und von Zerstreutheiten geprägt, man kam nicht mehr ins Spiel, schon gar nicht am Gegner vorbei, jedenfalls nicht häufig genug. Die Gründe dafür sind vielfältig, mit der Diagnose einer gröberen Erschöpfung liegt man aber wohl nicht verkehrt.

In Mainz geht es ganz wesentlich auch um den Terminplan für den Sommer, um die Länge des Urlaubs, um die Frage, wie die Vorbereitung verlaufen wird. Um diese Angelegenheiten besser zu verstehen, lohnt ein Rückblick auf vergleichbare Jahre. 2006 verlor Hertha in der letzten Runde gegen Nürnberg, hätte allerdings auch mit einem Sieg den 5. Platz nicht mehr erreicht - damals hatte die Liga noch keine vier CL-Plätze. Im Sommer gab es dann zwei Runde im sogenannten UI-Cup, gegen Ameri Tiflis ging es noch weiter, gegen Odense BK schied Hertha dann aus.

Man nannte diesen Bewerb damals den Cup der guten Hoffnung. Im Vergleich dazu ist die Euro League der Cup der besseren Hoffnung, sich irgendwann in der CL zu etablieren.

(Ich sehe das alles übrigens auch immer unter dem Aspekt möglicher Fußballreisen. Nach Tiflis zum Beispiel wäre ich sehr gern mitgefahren, das erscheint mir als eine attraktive Begegnung.)

Am ehesten vergleichbar mit der diesjährigen Saison wäre vielleicht 2005, als Hertha mit dem berüchtigten torlosen Remis im letzten Heimspiel gegen Hannover die CL verpasste und dann in die graueste aller Europacupsaisonen ging. Ich erinnere mich an bitterkalte Abende in einem fast leeren Oly, zum Beispiel ein 0:0 gegen den RC Lens Ende November 2005.

Auf das letzte Spiel im Sommer 2009 muss ich nicht groß verweisen, es stellt einen der großen Brüche in der Hertha-Chronik dar: 0:4 in Karlsruhe, unrühmliches Ende einer tollen Saison, in der Spielzeit darauf spielte Hertha noch nach der Winterpause europäisch, und zugleich vergeblich und dramatisch gegen den Abstieg.

Im Vergleich dazu wirken die Umstände derzeit eher postdramatisch. Ich würde auch kein Muster sehen. Die Gründe für den Einbruch 2016 sind andere als 2014. Gegen Mainz geht es um Details: um eine etwas bessere Position in der Rückrundentabelle, um das Vermeiden einer Vorrunde in Europa, um ein gutes Gefühl zum Ende der Saison. Hertha wird sich in vielerlei Hinsicht neu aufstellen müssen, denn der Kader erwies sich letztlich als zu klein - qualitativ, nicht numerisch.

Mit Mainz bekommt Hertha heute einen Gegner, der Aggressivität anders definiert als Darmstadt, das in Sandro Wagner eine letztlich unrühmliche Symbolfigur bekam, wobei ich das mit der gelb-roten Karte in Berlin nicht überdramatisieren würde. Mainz ist tatsächlich ein Beispiel für eine positive Aggressivität, und anders als in Berlin scheint es dort auch gelungen zu sein, die Energie besser über die Saison zu verteilen.

Die starken Worte von Pal Dardai treffen etwas an der Mentalität der Mannschaft, daran kann kein Zweifel bestehen. Und doch führen sie in die falsche Richtung: Die beste Waffe gegen Aggressivität (und wenn er davon spricht, meint er ja, dass sich die Mannschaft aggressiv gegen aggressive Gegner zu Wehr setzen können muss) ist nämlich immer noch kluges Spiel. Daran vor allem hat es Hertha die ganze Rückrunde gemangelt. Dass Gladbach mit einem Spieler wie Dahoud letztlich den Platz eingenommen hat, auf den Hertha bis zuletzt noch aspirieren konnte, sollte wichtiger genommen werden, als dass dort mit Xhaka auch ein richtiger Abräumer tätig ist, der allerdings Pässe drauf hat, die wir bei Hertha niemals zu sehen bekommen.

Ich hoffe also, dass Hertha heute noch einmal ein gutes Spiel macht. Dann kann die Analyse beginnen. Ich werde den Eindruck nicht los, dass Pal Dardai selbst von den Ereignissen der letzten Woche auch ein bisschen strapaziert wurde. Er kann auch eine Pause gebrauchen. Und dann wird es im Sommer vor allem darauf ankommen, dass das gesamte Team (der gestärkte Manager, der diskrete Co, die beiden Fitnessleute, die Scouts unter Sven Kretschmer und Torsten Wohlert) dem zu Recht beliebten Trainer die richtige Balance zurückgibt.

Im Übrigen fände ich es interessant, irgendwo ein ausführliche Interview mit den beiden Hen(d)riks zu lesen: Kuchno und Vieth. Der Umstand, dass bei Hertha auch noch in der Rückrunde die kostbare Trainingszeit für Laufeinheiten genützt wurde, erscheint einem Laien wie mir erklärungsbedürftig.

Geschrieben von marxelinho am 14. Mai 2016.

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08. Mai 2016

Auch andere Bewerbe haben schöne Töchter


Nach der Heimniederlage gegen Darmstadt 98 bleibt Hertha nur noch ein einziges, kleines, fieses Saisonziel (neben einigen anderen, die ja schon erreicht, und dem einen, das deutlich überboten wurde): Nicht auch noch hinter Fleischprom 04 zurückfallen. Platz 6 verteidigen, vielleicht sogar, jetzt werde ich schon unbescheiden, aus eigener Kraft, also durch einen Punkt oder einen Sieg in Mainz - der würde allerdings vielleicht sogar noch Platz 5 bedeuten. 

Ein erfolgreicher Auftritt in Mainz wäre auch deswegen wichtig, weil sonst sogar noch ein Abstiegsplatz in der Rückrundentabelle möglich ist - das sähe dann gar nicht gut aus, zumal für einen Europacupteilnehmer. Aber auch jetzt schon gibt es kein Vertun mehr: Hertha ist 2016 eingebrochen. Der Unterschied zu der katastrophalen Rückrunde 2014 unter Jos Luhukay beträgt gerade einmal vier Punkte. Mit der CL-Qualifikation, die am Samstag zwanzig Minuten lang noch in Reichweite lag, wäre die Mannschaft radikal überbewertet gewesen.

Pal Dardai hat in der Pressekonferenz nach dem Spiel vor allem mentale Aspekte angesprochen: Die Mannschaft ist ihm zu brav, auch "viel zu intelligent", er sieht lauter Schwiegersöhne, aber keine "Wettkampftypen". Für uns uneingeweihte Beobachter stellt sich dabei die Frage, ob er mit dieser Sprachregelung nicht einen Aspekt still und heimlich beiseiteschaffen will, den er aus guten Gründen nicht selbst thematisieren wird: die Fitness, das Belastungsmanagement, der Eindruck, dass die Mannschaft ausgelaugt ist. Vladimir Darida wirkte noch im Interview nach dem Spiel, als wäre er vollkommen kaputt. Seine zweite Halbzeit war schwach, seine Standards hatten eine Qualität von maximal 50 Prozent.

Niemand will an einer Saison herumnörgeln, über die wir alle im Endergebnis froh und dankbar sein können. Aber dass Hertha am vorletzten Spieltag gegen eine Mannschaft im Abstiegskampf einen so schwachen Auftritt zeigt, kann man nicht einfach mit Einstellung erklären. Da muss noch etwas anderes dahinterstecken, etwas, das erklärt, warum bei Ballbesitz immer nur ein Spieler, wenn überhaupt, einen Spielzug anbietet.

Salomon Kalou hat versucht, das durch Einzelleistungen zu kompensieren, er war wesentlich an dem frühen Führungstreffer beteiligt, den dann Darida nach Hereingabe von Mittelstädt (zweiter Ball) erzielte. Das Tor gehört aber zu einem Drittel Ibisevic, der sich da einmal im offensiven Mittelfeld interessant durchsetzte.

Danach ging aber nicht mehr viel, der Abnützungskampf, in den Darmstadt den Gegner zwingt, war genau das, worauf eine erschöpfte Hertha sich nicht einstellen konnte. Der junge Mittelstädt in Vertretung von Plattenhardt hatte einen schweren Stand, aber das eigentliche Problem war einmal mehr Herthas Zentrale. Wetten, dass Fabian Lustenberger nächstes Jahr noch Kapitän ist, werden nur wenige eingehen wollen, allerdings drängt sich auch keineswegs ein Nachfolger auf.

Es zählt zu den herausragenden Eigenschaften von Pal Dardai, dass er bisher immer recht genau benannte, woran es haperte. Er spricht auf eine Weise über die Mannschaft und das Spiel, die jederzeit konstruktiv ist. Insofern wäre es erstaunlich, wenn er nicht auch in der Lage wäre, die Fitnessarbeit zu hinterfragen. Er hat sie ja selbst gelegentlich angesprochen, hat die extremen Schichten erwähnt, zu denen er den Fachmann Kuchno aufgefordert hat. Das ist alles für die interne Revision.

Der Umgang mit dem Personal wirft auch Fragen auf. Gegen Darmstadt spielte weitgehend die "erste Elf", es gelang die ganze Rückrunde hindurch nicht, die Problemzone in den Griff zu bekommen: für ein Spiel über die Flügel braucht es ein Scharnier in der Mitte, denn Plattenhardt oder Weiser können ja nicht einfach los- und überlaufen, während ihr Partner an der Außenlinie drei Gegner beschäftigt. Der kurze Pass in eine Halbposition an der Mittellinie, der fehlte Hertha eigentlich die ganze Saison. Es ist ein Pass, der auf intensiver, kleinteiliger Laufarbeit mehrerer Spieler beruht. Hertha war vermutlich die Mannschaft mit den meisten Pässen in die Innenverteidigung und auf den Tormann.

Aber gut, wir sprechen hier von Dingen, die wir in dieser Saison vielleicht zu früh wieder für normal zu halten begannen. Denn das sind Elemente eines gestaltenden Spiels, bis in den Dezember und gerade auch im Hinspiel gegen Darmstadt hatte noch ein effektives Umschaltspiel genügt. Hertha hatte auch deswegen eine schwierige Rückrunde, weil die Ansprüche an das eigene Spiel (gestellt von den Gegner, den Fans, letztlich aber von der eigenen Leistung, auf der man sich ja nie ausruhen kann) auf schwindende Kräfte und zunehmende mentale Belastungen trafen.

Nehmen wir die Rückrunde als Anpassungsübung. Einige Spiele deuteten an, dass diese Übung auch gelungen ist. Gegen einen Wettkampftypen wie Sandro Wagner braucht es aber eben Mittel, die man sich hart erarbeiten muss: eine Balance aus Gelassenheit, technischer Überlegenheit und Robustheit. Vor allem aber eine Prise Leichtigkeit. Damit ist in dieser Saison aber wohl nicht mehr zu rechnen. Mit einen Leistungen und Einnahmen aus 2015/16 kann man aber guten Mutes in die nächste blicken. Und das Spiel in Mainz kann man nehmen als das, das es ist: das allerwichtigste, weil das allernächste.

Geschrieben von marxelinho am 08. Mai 2016.

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01. Mai 2016

Was sagt der alte Häuptling der Indianer?

In der BayArena spielen sie als Rausschmeißer die Winnetou-Melodie. So was bekommt man nur mit, wenn Sky lange nach Abpfiff auf Sendung bleibt, das ist nur dann der Fall, wenn es sich um das Match of the Day handelt. Hertha hat am Samstag in der BayArena mit 1:2 knapp, aber verdient verloren. Die Kennmelodie des zum Heiland konvertierten Apachen werden die Berliner nicht mehr beachtet haben. Ist ja auch nur ein Detail am Rand, irgendwann schreibe ich aber noch einmal was Zusammenfassendes zur musikalischen Selbstinszenierung der Clubs.

Im Moment sind wir aber noch mit sportlichen Dingen mehr als beschäftigt. Pro Runde büßt Hertha derzeit einen Platz ein, nun ist auch Gladbach vorbeigezogen, wobei das Wort nicht wirklich passt: Bei Punktegleichstand und einer deutlich besseren Tordifferenz haben die Borussen derzeit den Platz 4 inne, auf den Hertha auch immer noch Ambitionen geltend machen kann. Die direkte Qualifikation über Platz 3 hätte erfordert, Leverkusen im eigenen Stadion aus der Bahn zu werfen. Denn es ging gegen ein Team, das davor sechs Spiele in Serie gewonnen hatte.

Wie fast alle Spiele kann man auch dieses von zwei oder sogar mehreren Seiten betrachten. Hertha lag früh mit 0:2 zurück, schaffte dann aber auch zügig den Anschlusstreffer. Danach war das Spiel offen, allerdings auf eine Weise, die dem Berliner Betreuerstab genau genommen nicht wirklich gefallen konnte. Denn Bayer war jederzeit die gefährlichere Mannschaft, und Hertha erlaubte einige unnötige Konter, einmal musste sich Jarstein schon einigermaßen spektakulär gegen Bellarabi auszeichnen.

Kämpferisch war es eine gute Leistung, sodass man zumindest das Gefühl haben kann, der Drops wäre doch nicht ganz gelutscht, wie es eine befreundete Herthanerin vor einer Weile schon einmal befürchtete. Man konnte aber doch deutlich sehen, dass die Mannschaft nicht auf der Höhe ist. In allen wichtigen Bereichen (Geistesgegenwart, Ballverarbeitung, Beschleunigung) gab es Defizite. Sie zeigten sich nicht zuletzt in den vielen Fouls, alle Defensivkräfte kamen irgendwann einmal signifikant zu spät. Marvin Plattenhardt verursachte den Freistoß, der zum 0:2 führte, aber auch Lustenberger, Stark, Skjelbred, Pekarik und Langkamp fuhren zu grob dazwischen. Der Schiedsrichter war nicht fehlerlos, beim ersten Gegentreffer kann man trotzdem besser verteidigen.

Dazu kamen viele, viele Fehler im Spielaufbau, wobei Tolga Cigerci sich dieses Mal so richtig janusgesichtig zeigte: in Andeutungen brillant, dann aber immer wieder zu umständlich. Bei Kalou konnte man beinahe schon den Eindruck gewinnen, das wäre seine Abschiedsvorstellung gewesen. Wie er bei seiner Auswechslung vom Platz schritt, stolz und ganz in seiner eigenen Zeitrechnung versunken, das sah nicht gut aus, passte aber irgendwie dazu, dass aus der Länderspielpause nicht der Kalou dieser Saison zurückgekehrt ist, sondern einer, der wieder halb in den Problemen des Vorjahres zu versinken scheint. Er hat in der Hinrunde oft den Unterschied ausgemacht und war lange ein Kandidat für "Spieler der Saison". Derzeit wirkt er, als habe er den Kontakt zur Mannschaft ein wenig verloren.

Damit ist ein wichtiges Stichwort gefallen. Hertha spielt eine erfolgreiche Saison, die Qualifikation für die Europa League ist bereits sicher. Allerdings überschattet die Rückrundentabelle den Gesamteindruck doch nicht unwesentlich: Platz 13 kann sicher noch korrigiert werden, in den letzten beiden Spielen ist eine Menge möglich, sogar die Rückkehr auf Platz 4 in der Gesamtabrechnung.

Ein erfolgreicher Abschluss (nicht notwendig Platz 4, aber doch mit Schwung in die Sommerpause gehen) ist auch deswegen von Bedeutung, weil nur so dieses Jahr auch als erster Schritt in einem Projekt verkaufbar ist. An einen Spieler wie Mitchell Weiser zum Beispiel, der vielleicht am deutlichsten auf sich aufmerksam gemacht hat, und der noch vor einigen Wochen schwärmerisch von Berlin gesprochen hat. Nun könnte es ohne Weiteres passieren, dass jemand für ihn bietet, und Projekte gibt es überall.

Hertha steht ein keineswegs einfacher Sommer bevor. Auf den ersten Blick scheint die Mannschaft für die kommende Saison weitgehend zu stehen. Aber de facto zeigen derzeit viele Spieler, dass sie im letzten Viertel einer Saison deutlich an ihre Grenzen kommen. Und die nachrückenden tun sich schwer, wie vor allem Cigerci erkennen lässt, bei dem man den Eindruck gewinnt, er bräuchte ein Extra-Coaching, um sein offensichtliches Talent ökonomischer und weniger fehleranfällig auf den Platz zu bringen. Seine Ballverluste tun besonders weh, weil Hertha ohnehin nicht so oft interessante Konstellationen zuwegebringt.

Aber gut, das sind momentan alles Luxusprobleme. Das konkrete Saisonziel wurde deutlich übertroffen, die letzten beiden Gegner gehören auch nicht mehr zu dem Toptrio, mit dem Hertha es zuletzt zu tun hatte. Gegen Mainz könnte es ein echtes Finale geben, einen Dreikampf um Platz 4. Und insgesamt überwiegt die Vorfreude auf diese beiden Wochenenden doch deutlich. Schon kommende Woche könnte Hertha mit einem konzentrierten und erfolgreichen Heimspiel eine Menge positive Energie nicht nur für Spieltag 34, sondern schon für 2016/17 tanken.


Geschrieben von marxelinho am 01. Mai 2016.

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30. April 2016

Gedränge und Geschiebe

In ein Fußballspiel gehen die Mannschaft und die Fans normalerweise mit dem Wunsch, es zu gewinnen. Ein einziges Mal habe ich etwas Gegenteiliges erlebt, bei einem Spiel von Lazio Rom, bei dem die Fans den Gegner anfeuerten, weil der noch die Chance hatte, vor AS Rom den Titel zu gewinnen. Solche Situationen, in denen Fans um die Ecke denken, sind aber selten.

Was soll man sich als Hertha-Fan noch wünschen von dieser Saison? Ich sage bewusst nicht: Was kann man sich noch wünschen? Mit dem Wünschen ist es eine heikle Sache, wie wir aus vielen Begegnungen mit der berühmten Fee im Märchen wissen. Man muss sich gut überlegen, was zu wünschen wäre, sodass einem die Belohnung nicht um die Ohren fliegt.

Leverkusen, Darmstadt, Mainz sind die verbliebenen Gegner. Im Herbst zeigte Hertha mit dem Sieg gegen Leverkusen zum ersten Mal deutlich auf, es war der erste Sieg gegen eine Mannschaft aus dem ersten Drittel, die Serie zum Ende der Hinrunde legte die Grundlage dafür, dass auch jetzt noch gute Chancen auf eine Qualifikation für einen europäischen Bewerb bestehen.

Der erste Wunsch wäre ganz einfach, dass Hertha zum Ende der Rückrunde noch einmal aufzeigt. Sechs oder sieben Punkte wären ein Beweis dafür, dass die Konkurrenzfähigkeit in dieser Saison insgesamt bedeutend erhöht werden konnte. Es würden damit auch Bedenken zerstreut, dass das Fitnesstraining vielleicht nicht gut dosiert war oder die Betreuer nicht das Maximum aus dem Kader herausholten. Die Rückrunde war bisher anständig, aber doch auch eher mittelmäßig. Jetzt müsste Hertha noch einmal bestätigen, dass die Mannschaft das Zeug für das erste Drittel hat.

Nun aber zum heikleren Teil: Welche Platzierung soll man sich wünschen? Mitchell Weiser hat diese Woche ja offiziell gemacht, dass er persönlich über Platz 5 enttäuscht wäre. Damit spricht er sicher vielen Fans aus der Seele. Ich denke auch, dass Platz 4 die interessanteste Variante wäre. Dahinter steht die Frage, ob es vernünftig ist, sich eine Teilnahme an der Champion's League 2016/17 zu wünschen.

Da eine direkte Qualifikation über den dritten Platz schon einigermaßen schwierig geworden ist und auf jeden Fall einen Sieg in Leverkusen voraussetzen würde, macht es am meisten Sinn, sich ein denkbares Szenario für den Fall des Erreichens von Platz 4 anzusehen. Passenderweise liefert der aktuelle Gegner Leverkusen dazu ein wenig Material, den die "Pillen", wie sie gelegentlich von Fans von Teams mit Marktwert genannt werden, waren im Vorjahr in dieser Situation. Leverkusen setzte sich gegen Lazio Rom durch und schaffte es in die Gruppenphase der Champions League.

Wie aber erging es dem Gegner, der gegen Leverkusen ausschied? Lazio spielte immerhin noch bis in den März Europa League, hatte dabei allerdings nur einen attraktiven Gegner, nämlich Galatasaray im Sechzehntelfinale, ansonsten ging es gegen Rosenborg, St. Etienne, Dnipropetrovsk, im März war dann Schluss gegen Sparta Prag. Das ergab in Summe zwölf weitere Spiele neben der Liga, aber nur wenige "Knaller". (Erinnert sich noch jemand an den kältesten aller Europa-League-Winter, als Hertha 2005 mit einer Tordifferenz von 1:0 aus vier Spielen gegen Halmstads, Steaua, Lens und Sampdoria in die nächste Runde weiterkam und dann gegen Rapid Bukarest ausschied, die heute in Rumänien in der 2. Liga spielen?)

Leverkusen musste in der Gruppenphase nach Weißrussland, spielte aber auch zwei Mal gegen Barca, und dann war dann noch die Roma, der andere Club aus der ewigen Stadt. Natürlich ist klar, was da vorzuziehen wäre, aber was ist realistischer? Hertha würde in der Qualifikation für die Champions League einen starken Gegner bekommen, denkbar wäre übrigens nicht zuletzt der Arsenal FC, der sich gerade anschickt, wieder einmal 4. in der Premier League zu werden.

Entscheidend ist, dass auf jeden Fall die Euro League gewährleistet wäre. Platz 4 ist also in jedem Fall attraktiv, weil sich daraus ein tolles Sommerspiel ergeben könnte. Und vollkommen ausgeschlossen ist es ja auch nicht, dass Hertha da bestehen würde.

Die Europa League wäre de facto ein großer Erfolg für Hertha, über mehr nachzudenken, ist allenfalls erst ratsam nach einem guten und erfolgreichen Spiel in Leverkusen. Im Moment würde ich also als das Saisonziel ausgeben: vor Schalke und Mainz bleiben. Das heißt: Platz 5 wäre keineswegs eine Enttäuschung. Platz 7 wäre auf jeden Fall eine. Das dürfen aber nur wir Fans schon jetzt in Betracht ziehen, die Mannschaft sollte naturgemäß spielen, als ginge es noch um Platz 3. Geht es ja auch. Nur ist das alles eben kein Wunschkonzert.



Geschrieben von marxelinho am 30. April 2016.

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24. April 2016

In jedem Spiel steckt auch ein Poker


Ein bisschen wie beim Fußball-Memory kam ich mir gestern vor, als ich sehr pünktlich zum Anpfiff an meinem Platz im Olympiastadion eintraf. Die Aufstellung hatte ich nicht gehört, weil wir noch ganz schön lang in der langen Schlange für die Mitglieder am Südtor gestanden waren. Und dann ging es schon los, und dort, wo in dieser Saison normalerweise Haraguchi gespielt hat, sah ich Mitchell Weiser, von dem dann aber schnell deutlich wurde, dass er zentraler tätig war. Wer aber war der Knirps daneben? Doch nicht etwa Mittelstädt? Und wo war Stark? Ach ja, im Mittelfeld, neben Cigerci.

Das Stichwort zu diesem Spitzenspiel der deutschen Bundesliga war schnell gefunden: Rotation. Pal Dardai hatte den Kader ein wenig aufgemischt, und dann mit souveräner Geste eine Mannschaft formiert, die noch deutlich experimenteller war, als ich oder andere Schreibtischstrategen dies in Erwägung gezogen hätten. Für einen Sieg reichte es nicht, das wäre dann doch zu extravagant gewesen, und auch das Remis, das zur Pause noch verdient gewesen wäre, gelang nicht. Aber Hertha trat mutig auf, und kann gestärkt aus dieser englischen Woche hervorgehen, die mit einem trostlosen Auswärtsspiel in Hoffenheim begann.

Die beiden Saisonhöhepunkte endeten mit Niederlagen: 0:3 gegen den BVB im Pokal, 0:2 gegen den FC Bayern in der Liga. Aber plötzlich ist der Spirit wieder da, so wie sich an diesem Samstagnachmittag auch die Sonne schließlich durchsetzte. Es blieb zwar kühl im Stadion, und Pep Guardiola wies hinterher noch eigens darauf hin, dass der Rasen sehr "langsam" war. Wir aber hatten den Eindruck eines munteren Spiels.

Thomas Kraft wurde mit einem Einsatz vor großer Kulisse für sein professionelles Verhalten während des Jahres belohnt. Beinahe hätte er einen Burchert-Moment gehabt, es gelang ihm aber, die Sache gerade noch so zu bereinigen. Als kurz nach der Pause Götze von links auf den Sechzehner zulief, stand die gesamte Hertha-Defensive auf einer Linie, als ginge es nur darum, ihn am anderen Ende des Strafraums zum Umkehren zu zwingen. Stattdessen fand er das beste Mittel, das Bayern derzeit hat: Vidal bekam allen Platz für einen Schuss aus der Distanz, den Stark auch noch abfälschte. Das 2:0 ist ein Fall für die Wunderbücher des Fußballs, und einer für die Naturwissenschaftler: Der unhaltbare Schuss von Douglas Costa setzte selbst die Ronny'schen Gesetze außer Kraft.

Der Effekt dieses Spiels ist ganz simpel: Vor einer Woche meinten wir noch, wir hätten es mit einer erschöpften Stammelf zu tun, von der die Betreuer immer nur so weit abweichen wollten, dass es zu einer richtigen Inspiration nicht reicht. Nun stehen wieder Optionen zur Verfügung, wobei für meine Begriffe Mittelstädt fast mehr für seine Qualifikation getan hat als Stocker, Cigerci und Schieber. Stark und Weiser sehe ich ohnehin bereits als Führungsspieler der nächsten Hertha-Jahrgänge.

Nun "wollen wir schon da bleiben, wo wir sind", sagte Pal Dardai hinterher. Er sprach von Platz 4, von Qualifikationsspielen für die Champion's League, von sechs Punkten, die aus den verbleibenden drei Spielen noch nötig sein dürften. Um dort zu bleiben, wo wir sind, müssen wir dorthin gehen, wo wir sein wollen, könnte man in Abwandlung des berühmten Goethe-Satzes vom Erben und Erwerben sagen. Das beginnt kommenden Samstag in Leverkusen.

Für einen Moment konnte man letzte Woche den Eindruck bekommen, dieser höchst lebendige Trainer, der Hertha BSC durch die Saison steuert, sei in die Defensive geraten und zeige Spuren von Gereiztheit. Er hat sich auf eine bemerkenswerte Weise befreit: indem er eine Mannschaft aufgestellt hat, die Wagemut und Perspektive erkennen ließ weit über das konkrete Spiel hinaus. Das Spiel ging verloren, aber der Poker von Pal Dardai ging auf. Ich hoffe, wir können noch viel mit diesem originellen Sportsmann erleben.

Geschrieben von marxelinho am 24. April 2016.

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23. April 2016

Der Mut findet sein Maß in der Klugheit

Nach dem Spiel des Jahres, das Hertha nicht in ein Vorspiel verwandeln konnte, folgt nun ein Freispiel, bevor die Saison dann durch drei Endspiele abgeschlossen wird. Wäre es gelungen, sich gegen den BVB im Pokal durchzusetzen, kaum auszudenken, wie das Finalspiel dann tituliert worden wäre: Spiel des Jahrhunderts war ja sogar in Zusammenhang mit dem Semifinale einmal irgendwo vorwitzig aufgetaucht. Und sogar mit einer gewissen Berechtigung, denn das Jahrhundert ist noch jung, das dazugehörige Spiel lässt sich also noch überbieten. Vorausgesetzt, Hertha BSC nimmt eine gute Entwicklung.

Und darum geht es jetzt schon in den vier verbleibenden Runden dieser Saison. Die interessante Perspektive auf Spiele in den Elitebereichen des Fußballs hat zuletzt nicht mehr nur die Fans ein wenig ins Schlingern gebracht. Auch Pal Dardai zeigte sich beeindruckt, seine Äußerungen gingen manchmal ein bisschen zu weit, bis er dann in dem schon legendären Interview mit dem Sky-Reporter Wagner nach dem Pokalspiel wieder den Schulterschluss mit der Mannschaft vollzog - und den Medien implizit vorwarf, die besondere Situation von Hertha nicht zu verstehen.

Nun, jetzt verstehen wir alle sie wieder. Hertha war gegen den BVB keineswegs vollständig chancenlos, aber doch deutlich unterlegen. Für die Betreuer war die Sache von vornherein einigermaßen kompliziert: die Saison hat einen verdienten Stamm von Spielern hervorgebracht, der kaum größer als eine erste Elf ist, inzwischen aber auch ein wenig erschöpft wirkt. Einen Ibisevic, einen Skjelbred, einen Haraguchi gegen den BVB auf die Bank zu setzen, wie es sich dringlich empfohlen hätte, war völlig ausgeschlossen. Die Mannschaft schlug sich angesichts der Umstände überraschend gut, fand sich aber in einer ungewohnten Rolle wieder. Der BVB ließ Hertha nicht einmal die Zeit für das sonst übliche aktive Erholen mit Rune Jarstein, das sonst so viel Zeit beansprucht.

Schnelligkeit wurde vom Pal Dardai anschließend als eine zentrale Kategorie ausgemacht: Nicht nur läuferische, sondern auch Handlungsschnelligkeit und Geistesgegenwart. Der BVB ist eine besonders flinke Mannschaft, das bekam Hertha zu spüren. Das Pokalspiel war eine großartige Übungseinheit, aber es ragt auch störend in eine Phase der Saison hinein, in der Hertha noch alle Chancen auf eine große Belohnung hat.

Im Herbst fiel das Bayern-Spiel in die beste Phase von Hertha, und zwar als peinliche Ausnahme: In München war nicht nur die Leistung schwach, schon die Konzeption ließ zu wünschen übrig, denn die Betreuer hatten die Mannschaft anscheinend auf tiefstmögliche Massierung eingeschworen, sodass Kalou und Plattenhardt eher schon einander deckten als die winzigen Räume, in die Spieler des FC Bayern immer wieder liefen.

Nun könnte das Freispiel dazu genützt werden, sich noch einmal ein paar Gedanken über das Personal der letzten drei Spiele zu machen. Ich sehe die Gestaltungsmöglichkeiten vor allem in drei Bereichen: im zentralen Mittelfeld, auf dem Flügel, und im Sturm. Beginnen wir ganz vorne: Vedad Ibisevics Verdienste in dieser Saison waren enorm, seine Verpflichtung war eine brillante Entscheidung, aber für meine Begriffe hat er in der Rückrunde doch deutlich erkennen lassen, dass er nicht der Stürmer ist, mit dem Hertha für eine ganze weitere Saison exklusiv planen sollte. Es wird sowieso eine heikle Sache werden, wie der Stab mit den Helden von heuer umgeht. Wie auch immer, gegen Bayern sollte Julian Schieber Mittelstürmer spielen.

Im zentralen Mittelfeld würde ich ganz umbauen: Cigerci neben Stark. (Wie gesagt, das ist ein Testspiel unter Wettbewerbsbedingungen.) Langkamp kann in der Innenverteidigung neben Brooks spielen, die Gelegenheit ist zu gut, um Stark, eine der interessantesten Figuren dieser Runde, nicht einmal auf seiner anderen Position auszuprobieren. Er ließ sich zwar beim dritten Gegentor gegen den BVB ziemlich versetzen, ist aber auf jeden Fall eine künftige Stütze. Fragt sich nur, wo er besser hinpasst. Dazu kann man heute Erkenntnisse gewinnen. Dass Hertha auf der 6 und auf der 8 etwas tun muss, steht außer Frage.

Für Tolga Cigerci ist das Spiel heute vielleicht schon eine letzte Chance. Ihm droht ein Schicksal wie das von Valentin Stocker. Gegen Schalke war er der spielgestaltende, dominierende Mittelfeldmann, der Hertha so deutlich fehlt. Daran konnte er nicht mehr anschließen, er wirkt aber auch schlecht beraten, die Andeutungen, die Pal Dardai hinsichtlich seiner "Übermotivation" machte, lassen vermuten, dass es Meinungsverschiedenheiten über seine Rolle gibt. Nebenbemerkung: Cigerci soll spielen, soll auch Verantwortung übernehmen, aber er soll dem ruhenden Ball fern bleiben.

Für das Flügelspiel gelten gegen den FC Bayern besondere Bedingungen, wegen der extremen Höhe, mit der üblicherweise die schlangenförmige Sieben, die Pep Guardiolas Offensivformation meistens annimmt, den Gegner einschnürt. Gegen diesen Boa-Constrictor-Modus braucht es aufopfernde Arbeit. Dass Genki Haraguchi diese Saison so großes Gewicht bekam, hat wesentlich mit seiner unermüdlichen Defensivarbeit zu tun. Da Valentin Stocker im Sommer einigermaßen sicher wechseln wird, wäre heute fast schon die Gelegenheit zu einem Abschiedsspiel an Stelle von Haraguchi. Kalou sollte in der Mannschaft bleiben, auch wenn er nach der Länderspielpause nicht mehr ganz die Form zeigte, die ihn für meine Begriffe fast zum "man of the season" von Hertha BSC machen. Im engsten Kreis ist er auf jeden Fall.

Das wäre also meine Elf gegen den FC Bayern: Jarstein. Plattenhardt - Brooks - Langkamp (Lustenberger) - Weiser. Cigerci - Stark - Baumjohann. Kalou - Schieber - Stocker. Ein bisschen Mut muss sein.

Geschrieben von marxelinho am 23. April 2016.

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21. April 2016

Sowieso, oh-oh, oh-oh



Zu einem Spitzenspiel gehören im Fußball immer drei - zwei Mannschaften und eine Atmosphäre. Im Idealfall ergibt sich aus der Kombination etwas ganz Besonderes. Das DFB-Pokalsemifinale zwischen Hertha BSC und dem BVB habe ich als eine Art Übungseinheit für künftige Spitzenspiele gesehen, die Atmosphäre hat den Test schon einmal bestanden, die Mannschaft wird noch Erfahrungen sammeln müssen, vor allem aber wird sie sich weiterhin im Alltag bewähren müssen, denn Topspiele muss man sich verdienen.

Es war ein wunderbarer, allerdings frischer Frühlingsabend, der wieder einmal bewusst gemacht hat, dass zum Fußball in Deutschland auch dieser besondere Rhythmus der Jahreszeiten gehört: Die Saison beginnt im Hochsommer, alles ist im Vollbesitz der Kräfte, und dann kommen diese langen Monate, in denen alle (Mannschaften, Fans, Rasen) durch die Kälte müssen, nur um am Ende vielleicht noch einmal aufblühen zu können - wenn dazu die Kraft noch reicht, und wenn man noch in Bewerben ist, die auf Ausscheidungsspielen beruhen.

Der BVB ist das alles schon in ganz anderem Maß gewöhnt als Hertha. Und das war auch zu sehen. Der Vergleich zu dem nur wenige Wochen zurückliegenden Meisterschaftsspiel war bemerkenswert. Damals war Hertha ebenbürtig, hatte sogar leichte Vorteile. Dieses Mal war Hertha nicht chancenlos, aber doch deutlich die unterlegene Mannschaft. Die Betreuer hatten sich für Jens Hegeler entschieden, um den angeschlagenen Darida zu ersetzen. Das war so ziemlich die konservativste Lösung, aber sie passte zu einem Matchplan, der sogar aufgehen hätte können.

Zwar ging der BVB in der ersten Halbzeit in Führung, mit einem dieser Tore aus der zweiten Linie, die inzwischen zum Repertoire von Topmannschaften gehören, denen häufig so massierte Gegner gegenüberstehen, dass sie Lücken zweiter Ordnung suchen müssen. Hertha überstand danach die deutliche Unterlegenheit, ohne einen zweiten Treffer zu kassieren, und als Dardai in der zweiten Halbzeit dann doch relativ früh eine offensivere Variante einwechselte (Baumjohann für Hegeler, Schieber für Haraguchi), schien durchaus noch etwas denkbar zu sein.

Den spielentscheidenden Fehler machte John Brooks. In einer Situation, in der er nichts anderes tun hätte müssen, als einen sauberen, klaren Pass schnell auf Plattenhardt zu spielen, entschloss er sich dazu, selber mit dem Ball zu gehen. Er rutschte aus, den Konter beendete Reus. Die restlichen 20 Minuten waren nur noch Formsache. Ich werde mich mit dem Spiel am Wochenende noch einmal im Detail beschäftigen, für den Moment können wir festhalten, dass es großartig ist, von diesen Dimensionen des Fußballs einen Eindruck zu bekommen.

Dortmund gegen Bayern ist ein würdiges Pokalfinale, auch wenn es zum Bewerb gehört, dass Außenseiter ganz besondere Geschichten schreiben. Aber das soll ja gerade nicht die Geschichte von Hertha sein. Die meisten Fans würden wohl unterschreiben, dass es für Hertha um etwas anderes gehen sollte. Um eine Entwicklung, die irgendwann so weit führt, dass man eine Finalteilnahme nicht mehr als Anomalie empfinden würde.

Insofern bin ich gar nicht besonders traurig. Die verbleibenden vier Ligaspiele sind spannend genug, es ist immer noch eine Menge möglich. Ich hoffe nun auf eine phantasievolle Leistung gegen Bayern, und dann auf einen Ruck: Gegen Bayer 04, Darmstadt und Mainz kann Hertha zeigen, dass die Ambition, sich im ersten Drittel der Liga zu etablieren, auf eigener Leistung beruht und nicht auf Schwächen der Konkurrenz. Das wäre der deutlich größere Sieg in meinen Augen, auch wenn die Träume von einem "absoluten Spiel" natürlich immer lebendig bleiben werden. Aber es klingt ja auch bei Frank Zander schon deutlich an: das absolute Spiel ist immer das nächste.




Geschrieben von marxelinho am 21. April 2016.

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17. April 2016

Der Frühling fand schon im Herbst statt

Einen "Riesenwachruf" hat Pal Dardai in Hoffenheim vernommen. Der Ruf kam in zwei Teilen: der erste mit einem Freistoß aus dem Halbfeld, der zweite mit einem Eckball. Beim zweiten war das Spiel schon auf der Zielgeraden, John Brooks sprang sehr hoch, aber nicht hoch genug, die TSG erzielte den zweiten Treffer nach einer Standardsituation und gewann das Spiel mit 2:1. Der Trainer meinte vor allem die Umstände der Tore, als er von dem Wachruf sprach. Tatsächlich scheint es aber viel allgemeiner die Frage zu sein, wie er der offensichtlich angeschlagenen Elf noch einmal Lebensgeister einflößen kann.

Hertha hat aus den letzten drei Spielen einen Punkt geholt und wurde von Bayer 04 überholt. Das Saisonziel ist nun die Europa League, so klang das jedenfalls in dem Interview gleich nach dem Spiel. Ich denke, man kann nach wie vor alles zwischen Platz 3 und 7 anstreben, Platz 8 wäre bitter, ist aber rein rechnerisch schon sehr unwahrscheinlich geworden. Die Frage ist bloß, wo der Punch noch einmal herkommen soll, der so offensichtlich fehlt.

Um die Situation besser zu verstehen, lohnt ein Rückblick auf die Hinrunde. Da verlor Hertha auch das Spiel gegen Gladbach, und zwar mit einem empfindlichen Dämpfer. Danach aber gab es einen souveränen Sieg gegen Hannover, und dann dieses Nullspiel gegen Hoffenheim im Schnee, das durch eine Standardsituation und ein Eigentor an Hertha ging. Da war Glück dabei, es entstand aber auch ein Momentum, der Rest bis Weihnachten, abzüglich des schwachen Spiels in München, war stark. Dieser späte Lauf legte die Grundlage dafür, dass Hertha sich in diesem Frühling so lange da oben halten konnte, in einem Tabellenbereich, der dieses Jahr besonders von Mittelmaß geprägt ist.

Das Rückspiel gegen Hoffenheim zeigte nun, dass Hertha die Lernerfolge des Jahres nicht mehr auf den Platz bekommt. Wie es genau um die Fitness steht, müssen die Betreuer wissen. Für einen unbefangenen Beobachter sieht es stark danach aus, dass die Batterie einfach leer ist. Darida ist das auffälligste Beispiel, am Samstag aber war es vor allem bei Kalou zu sehen, der kurz vor der Pause eine Gelegenheit hatte, die er in besserer Form ohne Probleme genutzt hätte. Da wäre er vermutlich auch rechts am Keeper vorbeigegangen, dieses Mal suchte er den "weniger anstrengenden" Weg in die Mitte, und ließ sich den Ball stehlen.

Das Mittelfeld, dieses Mal mit Fabian Lustenberger neben Skjelbred, war grau in grau, vor allem in der zweiten Halbzeit, als man stark das Gefühl bekam, Hertha wäre mit einem Punkt zufrieden gewesen. Positiv hervorzuheben wäre am ehesten John Brooks, der mit einigen Läufen andeutete, dass er mehr sein will als ein solider Innenverteidiger. Hertha fehlt ein Spieler, der in der Lage ist, die Kapiteleinteilung im Match vorzunehmen, der signalisiert, wann es angebracht ist, zu intensivieren. Es spricht vieles dafür, Brooks nächstes Jahr schon zum Kapitän zu machen, finde ich.

Jetzt muss das Semifinale gegen den BVB gespielt werden, zu dem Pal Dardai schon recht deutlich zu erkennen gab, worin er eine denkbare Lösung sieht: In einer Wiederholung der sowohl defensiv wie auch im Umschalten exzellenten Kollektivleistung im Ligaspiel vor ein paar Wochen. Denkbares Ergebnis: torlos nach 120 Minuten, meint der Coach, und fast scheint er es sich zu wünschen.

Dann kommen die Bayern, und danach wird man sehen, ob es in Leverkusen noch den Anreiz eines direkten Duells um Platz 3 gibt, oder ob nicht doch eher das Spiel in Mainz am letzten Tag darüber entscheidet, ob Hertha sich im Sommer eine Qualifikationsrunde ersparen kann. In welchem Bewerb? Das ist, auch wenn es im Moment ganz und gar nicht plausibel wirkt, nach wie vor offen.

Geschrieben von marxelinho am 17. April 2016.

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16. April 2016

Ausbruch aus der Konterliga

Fünf Ligaspiele vor der Sommerpause steckt Hertha tief im Abstiegskampf. Nur einen Punkt beträgt der Vorsprung noch auf den Relegationsplatz - aus der Königsklasse! Diese Sorgen möchte man haben, werden sich viele Fans im Land denken. Aber auch Luxussorgen sind Sorgen. Gute Sorgen, so wie Pal Dardai in einer früheren Phase der Saison einmal guten Druck von schlechtem Druck unterschieden hat. Zur Zeit sehen wir gerade, dass der Unterschied so groß nicht ist.

Das Spiel gegen Hoffenheim kommt nach einer phasenweise großartigen Europacup-Woche, in der wieder einmal deutlich wurde, dass es am oberen Ende des Spiels vor allem darum geht, Reserven zu mobilisieren, von denen ich gern wüsste, ob das noch Plan oder nur noch reine Intuition ist: Sturridge läuft aus dem Pulk heraus, und macht aus einer eigentlich leicht zu verteidigenden Standardsituation einen Überraschungsangriff von der Grundlinie aus, Liverpool dreht das Spiel, wir haben einen weiteren Klassiker gesehen.

Hertha muss nun auch Reserven mobilisieren. Die Mannschaft hat die Chance, etwas Großartiges zu schaffen, wobei ich die Qualifikation für die Europa League da eindeutig mitgemeint haben will. Um dieses Ziel, idealerweise ein Platz im ersten Tabellendrittel, zu erreichen, bedarf es einer Zusammenführung der beiden Entwicklungslinien dieses Jahres. Die sind zuletzt auseinander gelaufen.

Die eine Linie hebt Hertha ein bisschen aus der Konterliga heraus, um die es sich bei der Bundesliga handelt: Das stellt nicht nur Pep Guardiola fest, weil gegen den FC Bayern der Umschaltfußball Marke Gladbach oder Wolfsburg (oder dieses Jahr Mainz) das einzige Rezept ist. Hertha hat 2015/2016 auf ein Konzept umgestellt, in dem geduldige Spieleröffnung eine große Rolle spielt. Rune Jarstein war in diesem Zusammenhang fast schon die Toppersonalie, ich würde sagen, im gleichen Maße wichtig wie die Tore von Ibisevic, die Agilität von Weiser, die Effizienz von Kalou und die Kohäsion durch Darida.

Die andere Linie war eine Professionalisierung des Minimalansatzes, für den das Stichwort normalerweise Kompaktheit lautet. Das Heimspiel gegen Dortmund war in dieser Hinsicht der Maßstab, der in den beiden großen Spielen nächste Woche idealerweise noch einmal erreicht werden würde.

Allerdings ist die Saison inzwischen älter, und in beiden Bereichen hat Hertha zuletzt nachgelassen. Der Fehler von Jarstein, mit dem die Niederlage gegen Gladbach anfing, war symptomatisch über das einzelne Spiel hinaus, weil Hertha zunehmend Schwierigkeiten hat, sich gegen gut pressende Gegner zu behaupten. De facto spielt derzeit individuell niemand im Team auf dem besten Niveau, das er in dieser Saison schon erreicht hatte. Um so wichtiger wäre es, dass Spieler wie Cigerci, die später dazu kamen, nun Verantwortung übernehmen. Leider klappt das (noch) nicht so richtig, andere Alternativen wie Stocker oder Baumjohann scheinen keine Chance mehr zu haben.

Ob der Faktor Fitness, ob die Belastungssteuerung dabei eine große Rolle spielt, können wir im Detail nicht beurteilen. Die Berliner Blätter vermelden immer mit einer gewissen Befriedigung, wenn Pal Dardai mal wieder eine strenge Schicht anordnet, zumindest in Ansätzen kann man da doch herauslesen, dass er in dieser Hinsicht eher klassische Ansichten hat. Aber was soll man sagen: Barcelona, heißt es immer, trainiert Fitness nur mit dem Ball, und sie sind auch platt.

Einen Platz zwischen 3 und 6 hat Hertha sich mit dieser Umstellung des Spielansatzes auf jeden Fall redlich verdient. Nun muss er eben noch erarbeitet und erspielt werden, in einer noch einmal intensivierten Verbindung von Ballbesitz und Balleroberung. Der springende Punkt schien in den letzten Wochen häufig zu sein, dass die Spieler die drei, vier Situationen pro Halbzeit nicht erkannten, nicht erkennen wollten, in denen es sich lohnt, ein wenig ins Risiko zu gehen. Im aktuellen System Hertha ist die Ablage nach hinten niemals zu beanstanden, weil man interessante Situationen lieber gründlich vorbereitet.

Das führt aber dazu, dass mehr als fünfzig Prozent der Pässe so ankommen, dass sie mit dem Rücken zum Spiel verarbeitet werden müssen (ich schätze das, Statistiken werden diesbezüglich ja nicht erhoben). Dieses retardierende Moment wäre einmal nähere Beobachtung wert, vielleicht sollte Jens Hegeler es in seine Analyse-Tools integrieren. Ich habe deswegen Marvin Plattenhardt zuletzt ein paar Mal hervorgehoben, denn auf seiner Seite wird besonders oft abgebrochen, was mit seinem tauben rechten Fuß zu tun hat, aber auch mit einer leichten Rechtslastigkeit im zentralen Mittelfeld (das geht von Darida aus, würde ich sagen). Plattenhardt hat in der Regel nur die Möglichkeit, entlang der Linie zu spielen, oder zurück. Der halboffensive, erste kombinatorische Pass ins Mittelfeld ist die Ausnahme, die fehlt.

Es würde mich nicht wundern, wenn die Betreuer gegen Hoffenheim eine eher abwartende Taktik wählen würden, also zuerst einmal die zuletzt brüchig gewordene Kompaktheit betonen. Angesichts der nächsten drei Spiele ist das ohnehin angebracht. Hertha muss sich vielleicht noch einmal in die Konterliga einreihen, um aus ihr erfolgreich hervorzugehen.

Geschrieben von marxelinho am 16. April 2016.

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09. April 2016

Der Fluch der guten Taten

Haben wir es am Ende doch verhext? Haben wir das Wort Champions League, das man meiden sollte wie der Teufel das Weihwasser, solange die Qualifikation nicht in trockenen Tüchern ist, haben wir es zu früh ausgesprochen? Haben wir den Fluch des Fußballgottes auf uns geladen, weil wir zuließen, dass das Wort Nationalmannschaft im Zusammenhang mit Marvin Plattenhardt gebraucht wurde? Er spielt jedenfalls seither, als wollte er zurück zu Nürnberg. Hertha wird auch am Ende dieses Spieltags auf Platz 3 stehen, aber nach dem 2:2 gegen Hannover steht sie gefühlt eher irgendwo beim Team Mittelmaß, pardon, Marktwerkt. Also dort, wo die sportlich aktuell schlecht definierten Traditionsclubs den Ligaalltag so recht und schlecht bestreiten.

In Wahrheit lässt sich die Situation ganz ohne Aberglauben und Fußballmagie erklären. Die Saison geht in die Zielgerade, die Spieler haben einiges in den Knochen, die erklärten Ziele sind längst erreicht, nun baumelt da noch diese fette Karotte Champions League vor der Nase. Man möchte hineinbeißen, aber dazu reicht es offensichtlich nicht, einfach das weiter zu machen, was bisher ganz gut funktioniert hat. Hertha müsste noch einmal einen kleinen Sprung machen, müsste sich steigern - doch woher die Reserven nehmen gegen einen Gegner wie Hannover, der mit einem neuen Trainer und deutlich größerer Laufleistung (121 Kilometer) die Räume zum Verschwinden brachte?

Hertha ist nicht entziffert worden, denn es gab nie ein Rätsel. Die tolle Saisonleistung hat in erster Linie damit zu tun, dass die Mannschaft die längste Zeit selbst kompakt war, und darüber hinaus in der Lage war, auch mit relativ wenigen Chancen viel zu erreichen. Inzwischen weiß selbst ein Absteiger wie Hannover, dass es nicht schwer ist, Hertha in diesen neutralisierten Pendelzustand zu versetzen, in dem der Ball langwierig von links nach rechts wandert, in dem die Passquoten steigen, und in dem nichts passiert, es sei denn, Tolga Cigerci macht zweimal pro Halbzeit den Xabi Alonso und spielt aus der Mitte einer Dreierkette heraus einen langen, diagonalen Ball.

Das war gegen Hannover eine der wenigen erkennbaren Strategien, sie wurde aber dadurch entwertet, dass der selbe Tolga Cigerci, wenn er einmal einen ruhenden Ball vor sich hat, einen lässigen Angeberanlauf von zwei Metern nimmt, und kraftlos neben das Tor schlenzt. (Ich mag Cigerci, hoffe stark auf ihn, aber Ecken und Freistöße sollte er entweder üben, oder es sein lassen. Allerdings sind die Standards derzeit insgesamt schwach.)

Die mühsame Arbeit, hinter die erste Anlauflinie des Gegners zu kommen, und Geschwindigkeit ins Spiel zu bekommen, ist bei Hertha zu selten erfolgreich. Und schon gar nicht ist die Mannschaft in der Lage, einen Gegner unter Druck zu setzen, sich in der gegnerischen Hälfte auch mal energischer um zweite Bälle zu bemühen, also den Versuch zu starten, Fehler zu erzwingen.

Hertha ist mit viel Geduld bis auf Platz drei gekommen, das Hintenherum ist das wesentliche Charakteristikum. Nun zeigt sich, dass etwas fehlt. Man könnte also ganz einfach sagen: Aktie überbewertet, Korrektur überfällig, gut wäre, wenn am Ende doch noch Platz 6 herausschauen würde. Man könnte aber auch fragen, was denn noch drin sein könnte in dieser Saison - zumal gegen Dortmund ja auch noch ein bedeutendes Pokalspiel ansteht.

Eine Kleinigkeit muss aus dem Spiel gegen Hannover auf jeden Fall Beachtung finden: Pal Dardai scheint nur einem sehr kleinen Kreis von Spielern zu vertrauen. Als beim Stand von 2:2 noch eine Viertelstunde zu spielen war, verzichtete auf auf eine dritte Einwechslung. Eine neuerliche, überdeutliche Misstrauenserklärung an Stocker und Baumjohann, während der mäßig wirksame Ibisevic auf dem Platz blieb, was eher schon mit Talisman-Hoffnungen zu tun hat. Dardai will womöglich die Saison mit 15 Spielern durchziehen. Er wird seine Gründe haben, mit freiem Auge erschließen sie sich nicht.

Immerhin ließ Julian Schieber mit einem Assist erkennen, dass er noch eine Rolle spielen könnte. Für die erhofften vier Siege bleiben nun nur noch fünf Spiele, davon eines gegen den FC Bayern. Eine starke Saison wie die aktuelle führt unweigerlich zu einer Meritokratie: Verdiente Spieler wollen und sollen sie auch zu Ende spielen. Trotzdem würde jeder vernünftige Beobachter meinen, dass Hertha ein wenig mehr rotieren müsste. Darida bekommt eine Pause, ist dann aber doch der erste, der eingewechselt wird. Skjelbred spielt immer, verschwindet aber zunehmend häufiger in der Anonymität.

Vor dem Spiel gegen Gladbach hat Pal Dardai versucht, ein paar Reize zu setzen. Das ging schief. Gegen Hannover wollte er es wieder orthodoxer angehen, dass ging so weit schief, dass manchem das 2:2 schon wie ein Sieg der Moral erscheinen wollte. Bis zum Spiel in Hoffenheim hat Hertha eine ganze Woche Zeit, um sich für das Finale in Position zu bringen. Fünf Spiele, in denen man zeigen könnte, dass man nicht hintenrum nach Europa möchte, sondern mit einer belastbaren Konzeption. Und dem ganzen Kader.

Geschrieben von marxelinho am 09. April 2016.

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ubremer (am 10. April 2016)

@Wechsel in der Tat ist das auffällig. In einer idealen Fußballwelt hast du eine Bank, die immer für neue Impulse sorgen kann. Aber es hat ja Gründe, dass der Trainer so wenig wechselt. So hat Alexander Baumjohann in dieser Saison 21 Einsätze erhalten. 21 x die Chance, als Offensivspieler zu zeigen, dass er helfen kann. Resultat: 1 Tor (Elfmetertreffer beim 1:4 gegen Gladbach), 3 Assist, wobei die letzte Vorlage vom 31. Oktober 2015 datiert. Will sagen: Baumjohann hat seit sechs Monaten so gut wie nix beisteuern können zum Erfolg. Bevor die Frage kommt: Valentin Stocker, 19 Einsätze, 1 Tor (am 21. August 2015), 0 Assist Und die nächste Wechselalternative in diesem Bereich in diesem Kader heißt Jens Hegeler.
04. April 2016

Das süße Gift der dünnen Luft

Mit einem einzigen Spiel hat Hertha BSC am Sonntag die positive Tordifferenz halbiert: 0:5 gegen Borussia Mönchengladbach, das ergibt zusammen mit dem 1:4 aus dem Hinspiel eine besondere Bilanz von 1:9. Schlimmer aber wiegt, dass die eigentlich naheliegenden Konsequenzen aus den Hinspiel keinerlei Berücksichtigung fanden. Im Gegenteil hatte Pal Dardai vor diesem Spiel eine ungewöhnlich offensive Rhetorik gewählt, von Schwächen des Gegners gesprochen, und versprochen, Hertha werde auf Sieg spielen.

Das 0:5 hat nun die für den Fußball typische Qualität, dass es einerseits den Spielverlauf verzerrt, andererseits aber mit der wünschenswerten Klarheit zeigt, dass Hertha wirklich schlecht spielte. Gladbach war keinesfalls sehr viel besser, dominierte aber in just der Hinsicht, die schon für das Hinspiel entscheidend gewesen war: Kompaktheit und Aggressivität. Hertha musste viel zu viele Umschaltmomente zulassen, hatte Ballverluste sonder Zahl, das ohnehin anfällige Passspiel wurde fast vollkommen unterbunden. Der Grund dafür ist schwer zu benennen, allerdings war er auch deutlich zu sehen: es fehlte an Konzentration und Leidenschaft.

Stattdessen war die Mannschaft wohl zu Beginn ein wenig zu selbstbewusst. Zwei Spieler will ich als Beispiele für die Probleme nehmen. Tolga Cigerci hatte sich gegen Schalke ins Team gespielt, auf dem holprigen Platz in Gladbach hatte er eine desolate erste Halbzeit, ihm gelang es so gut wie nie, den Ball einmal gut zwischen Abwehr und Angriff voranzubringen. Das hatte auch damit zu tun, wie Gladbach das Zentrum zustellte, sodass Hertha nach außen gelenkt wurde. Das ist längst gute Tradition, aber bisher fanden sich immer noch irgendwie Wege. Dieses Mal fiel aber besonders deutlich auf, dass etwa Marvin Plattenhardt, in vollständiger Ermangelung eines rechten Fußes, in seinem Repertoire an Pässen in der Spieleröffnung so empfindlich limitiert ist, dass das ganze Spiel von Hertha leicht aus der Balance zu bringen ist.

So kam es dann eben zu dieser Szene, in der nach vielem Hintenherum Jarstein einmal auf den langen Abschlag verzichten wollte, auf den das ja im Endeffekt doch sehr oft hinausläuft. Cigerci bot sich an, allerdings mit einer zweideutigen Geste, die genauso gut heißen konnte: Schau her, ich binde einen Gegner, spiel du einen interessanteren Pass. Jarstein spielte einen schlechten Pass, Dahoud reagierte blitzschnell, Hazard war geistesgegenwärtig, und Hertha hatte sich selbst düpiert.

Danach glich das Spiel sehr dem aus der Hinrunde. Das 2:0 fiel zu einem ungünstigen Zeitpunkt, zudem war es irregulär. Aber auch wenn Hahns Hereingabe abgepfiffen hätte werden müssen, war danach doch immer noch Gelegenheit genug, um einzugreifen. Es war der Schlüsselmoment, in dem sich Herthas Passivität an diesem Tag besonders deutlich zeigte. Danach war das Spiel eine Weile "offen", allerdings hätte es zu einem Anschlusstreffer einer Mannschaft in Normalform bedurft, und nicht einer, in der Cigerci durch Hegeler ersetzt wird, dessen Rückwärtsbewegung teilweise schon provokant desinteressiert war.

Es zeigt sich, dass der Platz 3, auf dem Hertha schon eine Weile steht, mit seinem süßen Gift doch ganz schön zerstörerisch sein kann. Denn natürlich wollen nun alle in die Champion's League, ich auch, da kann ich mir noch so oft sagen, dass diese Mannschaft dort realistisch nichts zu bestellen hat. Mit zwei alternden Stürmern, von denen der eine deutlich noch halb in der Länderspielpause war, von der er mit Verspätung zurückgekommen war (Flug versäumt, ein Klassiker). Mit einem defensiven Mittelfeld, dem es an der Qualität fehlt, die Gladbach im Sommer wohl auch schwer halten wird können: Dahoud und Xhaka sind ein, zwei Klassen besser als Skjelbred und Partner.

Es sind diese Bereiche, in denen sich der Wettbewerbsnachteil der Bundesliga gegenüber der Premier League wohl empfindlicher zeigen wird als bei den beiden Großen. Eine Mannschaft wie Gladbach zusammenzuhalten, das wäre hohe Kunst. Bei Hertha hingegen bringt sich Tolga Cigerci nach eineinhalb guten Spielen gleich wieder in Misskredit. Nun stehen die Betreuer vor der heiklen Frage: Soll er im nächsten Spiel die Chance bekommen, es besser zu machen? Ich meine, ja.

14 Punkte von 21 möglichen dachte ich mir vor dem Spiel gegen Gladbach als eine ambitionierte, aber denkbare Version für das Saisonfinale. Das bedeutete: einmal verlieren. Nun ist die Niederlage schon da, gegen den FCB müsste Hertha also unentschieden spielen. Egal, das sind Rechenspiele. Man kriegt sie nur leider schwer aus dem Kopf. Pal Dardai ist klug, er wird verstehen, dass sein Versuch, der Mannschaft den Druck zu nehmen, indem er sie mit Worten in Spiellaune zu versetzen versuchte, nicht mit einem Gegner rechnete, der nichts anderes machte als im Hinspiel.

Hertha hat nach wie vor alle Möglichkeiten. Wenn ich ganz ehrlich bin, hatte ich gegen Gladbach eigentlich auf etwas anderes gehofft: nicht unbedingt auf einen Sieg, sondern auf einen spielerischen Beweis, dass dieser Tabellenplatz verdient ist, auf eine reife Leistung, die von mir aus auch mit einem Remis oder einer knappen Niederlage hätte enden können. Stattdessen gab es einen Aussetzer, ein Resultat, das nicht leicht einzuordnen ist, jedenfalls nicht vor dem nächsten Spiel, in dem sich dann erst zeigen wird, ob Gladbach für Hertha dieses Jahr einfach der Ast in einem ansonsten sehr schön wachsenden Baum ist, oder ob auf der Zielgerade vielleicht doch noch die Widrigkeiten zunehmen werden.

Die einschlägigen Traumata (2006, 2009) sollten eigentlich weit genug weg sein, sodass nur wir Fans uns noch daran erinnern. Die Mannschaft hat damit nichts zu tun, und Pal Dardai ist sicher am ehesten ein Trainer, der eventuelle Blockaden lösen kann. Dieses Mal allerdings waren seine Mittel die falschen: auf seine angriffslustigen Worte hatte die eigene Mannschaft keine Antwort.

Geschrieben von marxelinho am 04. April 2016.

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03. April 2016

Die alten Clubs aus den großen Städten

Vor dem wegweisenden Auswärtsspiel in Mönchengladbach hat sich Hertha BSC als Teil einer Interessensgemeinschaft innerhalb der Liga zu erkennen gegeben, die einige Fragen aufwirft. Dem "Team Marktwert" gehören außerdem Eintracht Frankfurt, Werder Bremen, der Hamburger SV, der 1. FC Köln und der VfB Stuttgart an, nicht jedoch die Borussia aus Mönchengladbach. Sechs Teams, unter denen Hertha aktuell sportlich am besten dasteht, womit sich das eine oder andere Traditionsdefizit gut ausgleichen lässt.

Das Projekt dieser Gruppe (die SZ nannte sie pointiert "die alten Clubs aus den großen Städten") ist legitim, wie es eben so ist in einer freien Wirtschaft, in der Körperschaften sich gelegentlich zum eigenen Besten mit anderen zusammentun, weil man hofft, gemeinsam noch mehr für sich selbst herauszuholen. Allerdings hat es doch einen unangenehmen Beigeschmack, wie sich da neuerdings mehrfach Teile der ersten Liga in unterschiedlichen Konstellationen formieren, wobei unterschiedliche Schimären von Traditionalität vorgeschützt werden. Mal lässt man die aktuellen Aufsteiger außen vor, auch wenn beide keine Anstalten machen, willfährig wieder in die zweiten Liga zurückzugehen.

Nun formiert sich der Mittelstand. So könnte man am ehesten das Profil der sechs Clubs zusammenfassen, die sich da gefunden haben. Mainz erschien wohl als zu klein und zu neu, Schalke als zu groß und oligarchisch - wir können nur spekulieren. Für uns Hertha-Fans stellt sich nur eine Frage: Ist es richtig, dass Hertha da mitmacht?

Es geht um einen neuen Schlüssel bei der Verteilung der Fernsehgelder. Dabei sollten künftig weitere Faktoren zusätzlich zu den bisherigen gelten, die in erster Linie das sportliche Abschneiden reflektieren. Wenn man es positiv sehen will, dann geht es dabei um eine zumindest teilweise Korrektur von Effekten, die den Markt verzerren, in erster Linie das finanzielle Engagement von Konzernen bei Werksclubs (Leverkusen, Wolfsburg, Hoffenheim, absehbarer Weise nächstes Jahr Leipzig).

Das Team Marktwert bringt allerdings eine dubiose Größe ins Spiel, die nur auf den ersten Blick plausibel wirkt: Natürlich könnte man sagen, dass Teams genauso gut einen Marktwert haben wie Spieler. Aber schon dort ist dieser ja eine fiktive Größe, die sich nur konkretisiert, wenn ein neuer Vertrag abgeschlossen werden soll. Die DFL würde nach dem Bestreben von Team Marktwert also einmal im Jahr den aktuellen Marktwert von Hertha BSC feststellen, der ergäbe sich aus verschiedenen Faktoren: Tabellenstand, Besucherzahlen, Einschaltquoten im Bezahlfernsehen, aber auch Popularität in digitalen Netzwerken.

Da hat Hertha ja erst neulich einen Coup gelandet, als eine Anleihe über eine Million Euro innerhalb weniger Minuten gezeichnet wurde - das Geld soll in die "digitale Transformation" von Hertha investiert werden. Im Grunde zielt das Projekt von Team Marktwert auf einen zweifachen, in sich durchaus widersprüchlichen Effekt: einerseits sollen Nebeneffekte sportlichen Erfolgs eingerechnet werden, andererseits soll das Fehlen sportlichen Erfolgs durch stabilisierende Traditionsfaktoren entschärft werden. Das sind dann in erster Linie treue Fans, die eben in Hamburg in größerer Zahl durch Täler der Tränen gehen als in Augsburg.

Michael Preetz hat das Team Marktwert nun noch einmal ausdrücklich verteidigt. Trotzdem bleibt für meine Begriffe ein schales Gefühl. In der gegenwärtigen Situation steht ja zweierlei auf dem Spiel: Die Positionierung der Liga im internationalen Wettbewerb, und das Gedeihen einzelner Vereine. Die Liga ist ohnehin fraktioniert genug, ein "Traditionsbündnis" zwischen Vereinen, die in Wahrheit sehr unterschiedliche Voraussetzungen und Geschichten haben, hat de facto wenig mehr für sich zu reklamieren als den Umstand, dass in den größeren Städten zumeist größere Stadien bespielt werden, wobei Hertha seinen respektablen Besucherschnitt ja auch dem Umstand zu verdanken hat, dass in der Hauptstadt viele, viele Fans von Clubs leben, die in Berlin auswärts antreten, manchmal aber unter Bedingungen halber Heimspiele.

Das Team Marktwert spaltet die Liga nach einem letztlich nicht plausiblen Kriterium. Noch vor einem Jahr hätte Hertha vermutlich Mühe gehabt, in diese Runde aufgenommen zu werden. Sachlich kann man über die Vorschläge sicher diskutieren, wir dürfen uns dabei aber keinen Illusionen hingeben: In erster Linie dient derzeit alles dem Zweck, den Marktwert der Liga als solchen hochzutreiben, und dieser wird letztendlich von niemand anderem bezahlt als von den Fans selber.

Vor diesem Hintergrund und angesichts der inflationären Effekte in konkurrierenden Ligen ist alles zu begrüßen, was die Solidaritätseffekte des deutschen Ligabetriebs stärkt. Das Team Marktwert setzt in diesem Zusammenhang für ein plausibles Anliegen ein falsches Zeichen.


Geschrieben von marxelinho am 03. April 2016.

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20. März 2016

Nicht zufrieden mit die sogenannte Nix

Was ist ein Foul? Die Antwort auf diese Frage führt tief hinein in die Ontologie des Fußballs. Denn es verbindet sich dabei das Regelwerk, das auf genauen Definitionen beruht, mit der Deutungsarbeit, die man heute als Zweikampfbewertung bezeichnet, und das alles auf Grundlage eines unmittelbaren Augenscheins, der nicht immer dem Sachverhalt entspricht.

Der FC Ingolstadt hat sich am Samstag durch eine Zweikampfbewertung von Schiedsrichter Ittrich so benachteiligt gefühlt, dass Kotrainer Henke anschließend zum Verschwörungstheoretiker wurde: "Wirst nur beschissen, weil die Hauptstadt Champions League spielen muss." Dem könnte man entgegen halten, dass Hertha in der "Wahren Tabelle", die sich die knifflige Aufgabe gestellt hat, die Ligawertung von der Entstellung durch Fehlentscheidungen zu bereinigen, ebenfalls auf Platz 3 steht, und zwar deutlich souveräner.

Bei aller berechtigen Emotion muss man Henke allerdings noch auf eine zweite Binsenweisheit des Fußballs aufmerksam machen: ein nicht gegebenes Foul in der 54. Minute, das zu einem Gegentreffer führt, ist das eine; keineswegs hätte ein Freistoß für Ingolstadt in dieser Situation allerdings bedeutet, dass Hertha das Spiel nicht trotzdem gewonnen hätte. Bei den Hochrechnungen werden im Fußball häufig Matchpläne mit Wahrscheinlichkeiten verwechselt.

Natürlich steigt bei einer Mannschaft wie Ingolstadt mit jeder torlosen Minute die Chance auf einen Upset oder zumindest auf einen ertrotzten Punkt. Aber es gibt dazu nicht den Umkehrschluss, dass dadurch die Chancen der anderen Mannschaft auf einen Sieg geringer werden. Sie steigen ebenfalls, ganz einfach deswegen, weil in einem Match, solange kein Tor fällt, eben mit jeder Minute die Fehleranfälligkeit wächst, und generell die Möglichkeit, dass etwas Unerwartetes passiert.

Es sei denn, zwei Mannschaften arrangieren sich irgendwie auf eine Punkteteilung. Das wäre aber keineswegs im Sinn von Hertha gewesen. Hertha wollte den Sieg, hat sich den Sieg verdient, muss allerdings akzeptieren, dass dem Führungstreffer ein Foul von Skjelbred voranging. Die Situation wäre nie entstanden, hätte Ittrich kurz davor ein Foul an Kalou gepfiffen, das ebenfalls Spielräume in der Bewertung ließ. Vor einer Woche gewann Ibisevic einen Zweikampf, der zu Recht nicht als Foul gewertet wurde - damit war dem Sieg gegen Schalke die Grundlage bereitet, aber das Spiel musste trotzdem noch gewonnen werden.

Hertha hat gegen Ingolstadt nicht wirklich gut gespielt, aber verdient drei Punkte geholt. Die Behauptung ist nicht allzu kühn, dass auch ohne den Führungstreffer durch Haraguchi bald etwas passiert wäre. Ingolstadt, ein unangenehmer Gegner und in dieser Rolle so etwas wie das neue Augsburg in der Liga, muss sich vor allem aus einem Grund benachteiligt fühlen: Sie werden das Spiel in Dortmund noch nicht vergessen haben, das ich nicht gesehen habe, das aber nach allem, was zu lesen stand, auf skandalöse Weise an den BVB ging. Im Vergleich dazu war das im Olympiastadion wirklich eine klare Sache.

Während Ralph Hasenhüttl in der Pressekonferenz danach andeutete, dass es sich für ihn um "ein typisches Nullzunull" handelte, war Hertha eben nicht "zufrieden mit die sogenannte Nix", wie Pal Dardai das so unnachahmlich bezeichnete. Es bedarf keiner Lenkung durch die Liga, um Hertha in die Champion's League zu bringen. Die Mannschaft hat es sich erarbeitet, um diese Position zu spielen, der Trainer ließ in der Pressekonferenz auch erkennen, dass dabei spezifische Lerneffekte erkennbar sind, um die nur die wissen können, die täglich das Training beobachten. Hertha setzt etwas um, bringt etwas auf den Rasen, womit wir wieder bei der Ontologie des Fußballs wären.

Der besteht ja aus nicht zuletzt aus Konzept und Realisierung, und gerade weil dieses Verhältnis so tückisch ist, ist die dämliche Rede vom "Abrufen" einer Leistung, die in Umlauf kam und die wir nicht mehr los zu werden scheinen, so unsinnig. Täusche ich mich, oder sagt das in Berlin niemand? Es wäre ein weiteres, gutes Zeichen, dass hier verstanden wird, wie Fußball gespielt und gearbeitet wird. Dass Hertha nicht nur mit Glanzlichtern auf Platz 3 gekommen ist, sondern auch mit Arbeitssiegen wie gegen Ingolstadt, stellt für die Liga als ganze ein Kompliment dar. Und zugleich eine Warnung: Mannschaften, denen es genügt, vor allem ein unangenehmer Gegner zu sein, müssen in der Minderheit bleiben. Ingolstadt hat jedes Recht auf seine Methoden, und muss dabei auch vom Schiedsrichter geschützt werden. Ein "typisches Nullzunull" sieht aber anders aus. Dafür ist Hertha inzwischen auch an schwächeren Tagen zu gut geworden.


Geschrieben von marxelinho am 20. März 2016.

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Jörg (am 02. April 2016)

Lieber Marxelinho, was hältst Du von diesen beiden Analysen: http://spielverlagerung.de/2016/04/01/ha-ho-he-dardai-bringt-hertha-an-die-spitze/ sowie http://spielverlagerung.com/2016/04/01/hertha-berlin-analysis/ ?
19. März 2016

Verwalter und Gestalter

Vor dem Zieleinlauf dieser Saison steht das Betreuerteam vor einer interessanten Entscheidung: Soll Tolga Cigerci in der ersten Mannschaft bleiben? Das würde bedeuten, dass der Kapitän weiterhin nur Ersatz wäre, es sei denn, Skjelbred bekommt einmal eine Pause. Die Personalie Lustenberger geht über den aktuellen Moment hinaus, sie betrifft, wie gegen Schalke sehr deutlich wurde, die Statik der Mannschaft in einem hohen Maß. Und sie zeigt uns etwas über diese laufende Saison, was man durchaus als eine ihrer Signaturen sehen kann.

Denn Pal Dardai hat sich in entscheidenden Momenten als sehr konsequent erwiesen. Drei Positionen betraf das vor allem. Im ersten Spiel, dem knappen, aber wegweisenden Sieg in Augsburg, stand eine Mannschaft auf dem Platz, die von der aktuellen gar nicht so stark verschieden ist. Und doch hat sich eine Menge getan. Dabei wurden auch Verletzungen, man muss es so brutal sagen, produktiv gemacht.

Der Wechsel von Kraft zu Jarstein war mit Sicherheit eine kaum zu überschätzende Veränderung. Erst mit dem Norweger kam dieses abwartende Aufbauspiel so richtig in Gang, das den wiederholten Pass auf den Keeper für immer neue Seitenverlagerungen, aber auch ganz einfach zur wohlfeilen Beschäftigung des pressenden Gegners zu einem wichtigen Mittel werden ließ. Thomas Kraft, ein Klassemann in bestimmten Bereichen, aber eben kein kompletter Toptorhüter, ist seither nicht mehr erste Wahl, und wir werden wohl nie erfahren, was an seinen Verletzungen tatsächlich Fakt war und was Sprachregelung zur Gesichtswahrung.

Die Sache mit Jarstein wurde einfach durchgezogen, alte Verdienste und Standing halfen nichts, ganz anders, als wir das so oft bei Hertha sahen. Ähnlich verhielt es sich mit Pekarik, einem soliden Spieler, von dem nach der Verletzung schnell deutlich wurde, wieviel besser und interessanter Weiser diese Position interpretiert. Nach der Rückkehr von Pekarik gab es ein paar Versuche, die rechte Seite anders zu formieren, nach dem Schalke-Spiel dürfte Weiser aber wieder dort gesetzt sein, wo er selber spielen möchte - wenngleich er für die Länderspielpause nun "nur" für die U21 nominiert wurde.

Die dritte dieser wegweisenden Personalien betrifft Fabian Lustenberger. Er begann in der Innenverteidigung, weil damals noch offen stand, ob und wie John Brooks in die Mannschaft integriert werden würde. Es war immer klar, dass er auf Dauer nicht auf der Bank bleiben würde - man war ja interessiert, ihn zu einer Vertragsverlängerung zu bewegen. Für Lustenberger fand sich neben Skjelbred und in einer immer noch nach ihren Möglichkeiten suchenden Mannschaft eine Aufgabe, die er bis zur Winterpause auch gut erfüllte.

Seit der Winterpause aber steht Hertha vor neuen Herausforderungen. Noch mehr Spielgestaltung, noch stärker abwartende Gegner, mit einem Wort: die Aufgaben einer Spitzenmannschaft in der Liga. Lustenberger kam nicht so gut in die Rückrunde, gegen Schalke bot sich eine Gelegenheit, es einmal anders zu versuchen. Cigercis Leistung war keineswegs lupenrein, aber insgesamt erinnerte er schon wieder stark an die tollen Leistungen vor seinem langen Verletzungsloch. Damals war er wegen seines großen Aktionsbereichs, seiner Originalität und auch Torgefahr ein riesiges Versprechen, das er nun erneuert hat. Er erinnert mich oft an Aaron Ramsey, der bei Arsenal eine vergeichbare Rolle spielt.

Fabian Lustenberger ist der Kapitän, es könnte aber sein, dass ihm ein Schicksal wie Thomas Kraft droht. Klar, auch er kann gemeinsam mit Skjelbred eine offensivere Hertha prägen, vielleicht wäre es da allerdings gescheiter, wenn Lustenberger stärker als der "holding midfielder" agieren würde. Skjelbred kam ja als Achter, wenn ich mich richtig erinnere, nun hängt er tief drin im Maschinenraum, und kommt kaum dazu, etwas mehr nach vorne zu machen.

Mit der Hertha des ersten Spieltags (ohne Ibisevic, mit Kraft, ohne Brooks) wäre Hertha aller Wahrscheinlichkeit nach nicht so weit vorn. Denn wenn man genau hinsieht, wurde die Mannschaft von ganz hinten heraus, also von der Torwartposition ausgehend, in kleinen Schritten offensivstärker gemacht. An die Stelle von Verwaltern traten Gestalter - ich spitze zu, klarerweise.

Die Härten des Geschäfts kann kaum jemand so gewitzt moderieren wie der aktuelle Trainer von Hertha. Es sind Härten, aber solche, die der Entwicklung der Mannschaft helfen. Thomas Kraft hat in all den Monaten ja nicht einmal aufgezeigt, wir können annehmen, dass hinter der Kulissen intensiv daran gearbeitet wurde, diese Angelegenheit nicht zu einer werden zu lassen. Bei Valentin Stocker verhält es sich insgesamt ein wenig anders, aber auch er zählt zu den Härtefällen, denen angesichts der aktuellen Platzierung nichts anderes übrig bleibt, als gute Miene zu einem Spiel zu machen, zu dem er kaum beitragen kann.

Dass das alles so klaglos abläuft, ist nicht das geringste Verdienst der Verantwortlichen in diesem Jahr. Hertha präsentiert sich sympathisch und kultiviert das Understatement. Die deutlichen Worte, die sicher auch nötig sind, bekommen wir nicht zu hören. Und so verändert sich die Mannschaft ganz allmählich zum stetig Besseren. Den hier pflichtgemäß einzusetzenden Generalvorbehalt spare ich mir heute einfach mal.

Geschrieben von marxelinho am 19. März 2016.

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12. März 2016

Umschalten und Walten

Als Fußballfan habe ich ein Elefantengedächtnis, dem ich gelegentlich mit Datenbanken aushelfe. So war es auch gestern während des Heimspiels von Hertha gegen Schalke. Als Huntelaar nach gut zwanzig Minuten einen Kopfball auf das Tor brachte, den Jarstein entschärfte, da sagte mein Elefantengedächtnis: Hoppla, da war doch mal was! Die Sache war schnell gelöst: Vor eineinhalb Jahren spielte Hertha auswärts auf Schalke, hielt sich eigentlich ganz wacker, doch in der 20. Minute traf Huntelaar nach Vorarbeit von Draxler, und damit war die Sache gelaufen. Hertha fuhr mit 0:2 nach Hause, am Ende der Saison war Jos Luhukay nicht mehr Trainer, und zwei Relegationsspiele konnten nur um Haaresbreite vermieden werden.

Dieses Mal waren die Voraussetzungen in vielerlei Hinsicht andere, aber der Spitzaufknopfmoment kam fast genau zur gleichen Zeit wie damals. Hertha hielt stand, erzielte noch in der ersten Halbzeit einen Treffer, und besiegelte die Sache in der zweiten nachdrücklich. Das bedeutet: Platz 3, einen direkten Konkurrenten um Europa geschlagen, in der Rückrunde gegen Topclubs unbesiegt (nichts für ungut, Hamburger Sportverein). Ein Sieg von einiger Bedeutung, denn er kam im besten Moment. Und er beruht auf Lernprozessen bei den Betreuern.

Pal Dardai hatte etwas riskiert mit der Aufstellung. Es war ein dosiertes Risiko, aber die naheliegenden Umstellungen nahm er vor. Dass Mitchell Weiser mehr Wirkung hat, wenn er von weiter hinten kommt, ist evident, Pekarik musste deswegen wieder auf die Bank. Die Personalie des Abends war aber natürlich Tolga Cigerci. Er vertrat den Kapitän, und er tat es auf eine Weise, die es schwer machen wird, ihn wieder in die Reserve zurück zu beordern.

Ein Spielzug in der 26. Minute deutete das Potential an, das Cigerci für die Mannschaft haben kann: eine vertikale Ballstaffette leitete er mit einem Pass auf Kalou ein, der gab weiter zu Haraguchi, die Sache führte zu einem Freistoß, den Cigerci dann selbst verschoss. Seine Leistung war in der ersten Halbzeit durchaus unausgeglichen, es erwies sich auch als bedeutsam, dass die Standards nach der Pause wieder von Darida ausgeführt worden, denn bei ruhenden Bällen erwies Cigerci sich als wirkungslos.

Aber je länger das Spiel dauerte, desto imponierender wurde sein Zugriff, seine offensive Dynamik, auch seine Abschlüsse aus der Distanz sind vielversprechend. Hertha hat damit eine kaum zu überschätzende Veränderung an der Statik des Team vorgenommen, nun wird es darauf ankommen, mit den unterschiedlichen Optionen weiterzumachen.

Der Sieg gegen Schalke, den Ibisevic mit einem Ballgewinn kurz vor der Pause auf den Weg brachte, und den Stark durch einen Kopfballtreffer nach Ecke von Darida beeindruckend klar machte, war eindeutig verdient, in der Höhe fiel er noch zu gering aus, dabei war die Leistung aber keineswegs so unumstritten, wie es die zweite Halbzeit vermuten lässt. Hertha ließ einiges zu, vor allem aber wurden schließlich beste Chancen vergeben, und zwar aus einem Grund, der eigentlich gar nicht zu diesem Team passt: Eigensinn.

Pal Dardai war im spontanen Interview nach dem Spiel (ich war aus Graz via Rechner zugeschaltet, hatte ein tolles Bild und war wegen der technischen Distanz fast aufgeregter als bei einem Live-Spiel)  auch voll des Lobs für den neuen Rasen. Seltsam, im TV-Bild wirkte er holprig, und man konnte meinen, es wäre ein Grün gewählt worden, das das Spiel eher langsamer macht. In der ersten Halbzeit kamen Impulse für das Spiel von Hertha fast ausschließlich von den beiden Verlässlichsten in dieser Hinsicht: Kalou und Weiser. Cigerci musste sein Rolle erst finden. In der zweiten Halbzeit war er dann in seinem Element. Es war das Element einer Mannschaft, in die er gehört, auch wenn das schmerzvolle Entscheidungen mit sich bringt.

Geschrieben von marxelinho am 12. März 2016.

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Holger Breitner (am 12. März 2016)

Herzlichen Glückwunsch! Jetzt haben wir alles richtig gemacht. Ich konnte und wollte nicht glauben, als ich gestern morgen die voraussichtliche Aufstellung in dem sportjournalistisch reichlich minderbemittelten Tagesspiegel las, mit Lustenberger und Pekarik, das Dardai wirklich an dieser Aufstellung festhalten sollte. Aber Dardai ist, zusammen mit Widmayer ein guter Trainer und hat verändert, was es zu verändern galt und es hat ganz glänzend funktioniert! Ganz wunderbar und jetzt warten wir entspannt, wie Dardai sich gegen diese entsetzlich unbequemen Ingolstädter entscheidet. Schwer zu glauben, daß Cigerci sich auf der Bank wiederfindet....
07. März 2016

Spritzischkeit kennt eine Grenze

Hertha geht die Luft aus. Anders kann man die Niederlage in Hamburg wohl nicht deuten, der Coach selbst wies die entsprechende Richtung und vermisste "Spritzigkeit". Eine Halbzeit lang reichte auch ein desinteressiert wirkender Auftritt, um den HSV halbwegs in Schach zu halten. Dann ließen sich die Probleme vor allem im Zentrum aber nicht mehr bemänteln. Fabian Lustenberger muss sich den wesentlichen Teil der Verantwortung für das erste Gegentor zuschreiben lassen, wer sich so weit hinauslocken lässt, an der Cornerfahne dann aber keine Anstalten macht, eine Hereingabe auch wirklich verhindern zu wollen, bringt die ganze Mannschaft in Schwierigkeiten.

Allerdings hatte am Sonntag kaum jemand Normalform, dabei wäre der HSV doch der ideale Gegner für einen mutigen Auftritt zum Ausgang einer zwar spielerisch alles andere als überzeugenden, aber erfolgreichen englischen Woche gewesen. Die Leistung wirft Fragen allgemeinerer Art auf. Lange hatte Hertha ja durch exzellente Fitness beeindruckt, nun wirkt die Mannschaft aber schon längere Zeit nicht mehr auf der Höhe. Jetzt erst wird sich vermutlich weisen, ob das Konditionstraining tatsächlich auf der Höhe der Zeit war, von dem es ja immer wieder Andeutungen gibt, dass es legendär anstrengend gewesen sein muss, oder ob es schlecht dosiert und nicht auf die ganze Sicht der Saison ergiebig war.

Dazu kommt die Neigung der Betreuer, auf einen sehr kleinen Kreis von Spielern zu bauen. Die Stammelf wird allenfalls geringfügig variiert, Stocker und Baumjohann stehen zwar meist noch im Kader, gehören aber nicht wirklich zum Team, ein wenig näher dran ist Tolga Cigerci, der allerdings gestern auch keine Werbung in eigener Sache machen konnte, nachdem er für Lustenberger kam. Trotzdem wäre es von Interesse, ihn auf dieser Position einmal durchspielen zu sehen.

Dieser Platz 3 in der Tabelle wirkt auf Hertha anscheinend nicht wie ein Ansporn, sondern wie Treibsand. Pal Dardai schafft es auch weiterhin, das alles gut zu moderieren, aber seine Aufstellungen zeigen, dass er sehr pragmatisch denkt, dass er den gewonnenen Freiraum jedenfalls derzeit nicht für Lernprozesse nützen will, sondern für Verwaltung des Erreichten. Das ist verständlich genug, und hinterlässt doch zunehmend einen schalen Nachgeschmack.

Gegen Schalke 04 soll die Mannschaft teilweise neu formiert werden. Lustenberger und Darida werden als Kandidaten für eine Pause genannt. Ich würde Ibisevic und Pekarik hinzufügen. Der Slowake ist aufgrund seiner langen Verletzungspause zwar ausgeruhter als die anderen, die Besetzung der rechten Seite mit ihm und Weiser erscheint mir aber nicht ideal, sie verringert die Dynamik im Spiel, die Weiser bringt, wenn er von hinten kommt.

Der Mittelstürmer lebt von entscheidenden Momenten, die allerdings in der Rückrunde selten geworden sind. Da Hertha gegen Schalke vermutlich eine Außenseiterrolle suchen wird, könnte man darüber nachdenken, mit Kalou als zentraler Spitze zu spielen, unterstützt von Darida und Cigerci, die das "schiefe Dreieck" mit Skjelbred bilden könnten. Stocker und Haraguchi auf den Flügeln, vielleicht könnte ja auch Alexander Baumjohann wieder einmal eine Rolle spielen, und auf Julian Schieber warten wir wohl alle dringend.

So brillant das Zulaufen und Umschalten gegen Dortmund noch funktioniert hat, so deutlich waren die Mängel in dieser Hinsicht gegen Hamburg. Das mag mit Tagesform zu tun haben, wie Pal Dardai die Sprachregelung ausgab, sieht aber eher nach Tendenz aus. Da die Saison nun einmal noch eine Weile geht, und auch noch einige echte Höhepunkte anstehen, kann Hertha nicht viel mehr tun als das berühmte Ausruhen mit dem Ball, das allerdings gegen den HSV nicht einmal in Ansätzen gelang. Die andere Möglichkeit ist, auf einen starken Kader zu bauen. Den muss man aber auch stark machen. Indem man mehr als 13, 14 Spielern die Möglichkeit gibt, sich zu zeigen.


Geschrieben von marxelinho am 07. März 2016.

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Holger Breitner (am 08. März 2016)

Danke für dein Kommentar. Ich würde sorgenvoll hinzufügen: Schon gegen Frankfurt war es ein deutlich engeres Spiel, als das Ergebnis zeigt. Die erste Halbzeit war vergleichbar mit den beiden Halbzeiten gegen den HSV. Fahrig, lustlos und unmotiviert. Ich gebe dir auch recht, daß eine Mannschaft routinierte Wechsel benötigt, um ihr Niveau halten zu können. Es ist nicht möglich mit 13 Spielern, manchmal 14 eine Saison durchspielen zu wollen. Hinzu kommt allerdings, daß die wenigsten Spieler sog. Einwechselspieler sind. Sie benötigen mindestens 30-40 Minuten, um eine Bindung zum Spielgeschehen zu bekommen. Cigerci wirkt zudem in solchen Fällen ein wenig beleidigt und kommt sehr schwer in Fahrt. Dardai wirkte ein wenig ratlos, sagte aber genau das Richtige (wobei er wahrscheinlich das Richtigere dachte: Ein wenig vercoacht, falsche Ansprache und zu spät reagiert): Er gehe von einer schlechten Tagesform aus, die eine höchst verdiente Niederlage nach sich zog. Da wollen wir mal hoffen, daß das stimmt gegen unseren nächsten Gegner aus Herne W.
Natalie (am 09. März 2016)

Meine größte Baustelle (wegen der Wirkung auf das ganze Spiel) ist eigentlich Pekarik. Mit Weiser hinten kommen vorne einfach Bälle an und überhaupt etwas mehr Dynamik von der Abwehr heraus. Mir spielen sie zuletzt zuviel hintenrum. Lusti braucht eindeutig eine Pause, aber dann muß jemand kommen, der sich um den Spielaufbau kümmert. Baumi möchte ich mal endlich durchgehend sehen. Ibisevic würde ich nie draußen lassen. Was soll er machen, wenn vorne nix ankommt? Stocker fehlt mir auch.
04. März 2016

Die Sicherung der Lernerfolge

Die englische Woche hat bei mir nicht gut in den Kalender gepasst. Am Mittwochabend hatte ich die vergnügliche Verpflichtung, der Verleihung des Jean-Améry-Preises für Essayistik beizuwohnen, dabei war es zwar möglich, zwischendurch auf das Telefon zu lugen, aber mehr als die Zwischenstände war nicht zu haben. Und die Gespräche erwiesen sich als so interessant, dass ich zu spät nach Hause kam, um das Spiel von Hertha gegen Eintracht Frankfurt noch am selben Abend nachzuholen. Das habe ich dann am Donnerstag in zwei Etappen getan, meine Eindrücke sind also fragmentierter als sonst.

Zuerst einmal wartete ich natürlich auf die frühe Szene mit Darida, von der ich schon viel gelesen hatte. Das ist ja etwas, was bei der aktuellen Hertha fast schon routiniert vorkommt, einer der zentralen Mittelfeldspieler bietet sich bei Spieleröffnung Hertha zentral hinten an, selten für eine Weiterleitung nach vorn, meist nur, um sich anlaufen zu lassen, der Ball geht dann zurück zu Jarstein oder zu einem der beiden Innenverteidiger, die in solchen Momenten außen stehen, an der Stelle der aufgerückten Fullbacks.

Technisch muss da alles sauber sein, sonst kommt man in so einem Moment schnell einmal in Bedrängnis. Darida hatte Probleme bei der Ballverarbeitung, der Platz war in dem Fall gar nicht so sehr ein Faktor, Fabian wäre weggewesen, für das Foul bekam Darida nur eine gelbe Karte. Spontan hätte ich auch gesagt, dass Stark wohl noch eingreifen hätte können, wenngleich wahrscheinlich nicht wirksam. Jedenfalls hatte Hertha da einiges Glück.

Darida spielte weiter hinten als gewohnt, weil Lustenberger nur Ersatz war, und auch auf der Bank blieb, stattdessen durfte sich in der zweiten Halbzeit Cigerci wieder einmal im defensiven Mittelfeld respektive als Schaltspieler versuchen. Prompt leitete er den zweiten Treffer ein, durch einen Kopfball auf Kalou. Hertha gewann 2:0, und man kann nun sagen: ohne wirklich zu überzeugen, oder aber: trotz aller Widrigkeiten war der Sieg eine klare, wenngleich extrem nüchterne Angelegenheit.

Dass eine Mannschaft, die noch so offensichtlich mit der Sicherung ihrer Lernerfolge beschäftigt ist, auf Platz 3 stehen kann, stellt der Liga allerdings kein gutes Zeugnis aus. Hertha hat sich in diese Rückrunde hineingearbeitet, auf der nahezu überall im Land tiefes Terrain herrscht: zahlreiche holprige Rasen stehen dem Fußballstandort Deutschland nicht gut an. Nach den sechs "dreckigen" Punkten gegen Köln und Frankfurt sind die Voraussetzungen schon deutlich besser, mit Selbstbewusstsein weiterzumachen. Punkte sind nun einmal die einzige Währung, in die sich Lernerfolge sinnvoll umrechnen lassen.

Dabei zeigt sich, dass Salomon Kalou zu dem Spieler geworden ist, auf den man vor zwei Jahren bei seiner Verpflichtung gehofft hatte (und auf den wir ein ganzes, merkwürdiges Jahr lang hatten warten müssen): Er spielt seine offensichtliche Weltklasse zwar dosiert aus, macht aber nahezu immer den Unterschied. Er führt den Ball, er findet Lücken, er kombiniert oft erst dann, wenn es wirklich darauf ankommt, er geht in den Strafraum. Gemeinsam mit dem ebenfalls exzellenten Mitchell Weiser zählt Kalou zu den Spielern, die Herthas Ansprüche auf einen Platz im ersten Drittel rechtfertigen.

Ibisevic hingegen wirkt ein wenig erschöpft, wird aber sicher weiterhin das Vertrauen bekommen. Das Gleiche gilt für Darida. Im Mittelfeld ist aber jetzt doch die Konkurrenz ein wenig offener geworden, zumal sich das 4-4-2 mit Kalou als Zehner als eine Formation erweist, die vielleicht in den kommenden Spielen durch ein flexibleres 4-3-3 ersetzt werden könnte.

Nun geht es nach Hamburg, bevor die direkten Duelle beginnen: Schalke 04. Eine Phantasie begleitet mich dabei: Irgendwann könnte Hertha so ausreichend gearbeitet haben, dass sie endlich zu spielen beginnen kann. Aber das ist natürlich ein Trugbild. Das Spiel ist immer nur die momenthafte Krönung harter Arbeit, und so können wir auch Kalous Tor wie ein Sinnbild dieser Wahrheit nehmen: Brooks gewinnt einen Kopfball, Cigerci auch, und dann ist Platz, Kalou versetzt Zambrano, zwei athletische Momente gehen in eine fließende Bewegung über, der Abschluss ist elegant. Der Frühling steht vor der Tür, die Zeit des schönen Wetters könnte auch eine Zeit des schönen Fußballs werden.

Geschrieben von marxelinho am 04. März 2016.

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27. Februar 2016

Dreipunktespiel mit zwei Gesichtern

Es war eine äußerst innige Umarmung, mit der Pal Dardai und Rainer Widmayer den Sieg am Freitagabend beim 1. FC Köln besiegelt haben. Man kann aus der offensichtlichen Emotion sehr schön herauslesen, dass der Druck doch schon ganz schön groß war, auch wenn es selbstverständlich ein Druck im Luxus ist, ein "guter Druck", wie das der Coach im Herbst schon einmal genannt hatte. Guter Druck ist, wenn du gute Leistungen bestätigen musst. Schlechter Druck ist, wenn du dich aus einem Morast befreien musst, wie das im Abstiegskampf oft ist.

Hertha brauchte dringend drei Punkte, andernfalls hätte die Rückrunde eine gewisse Schlagseite bekommen. Manchmal spricht man im Fußball von einem Sechspunktespiel, aber dafür war die Situation noch nicht heikel genug. Es war ein klassisches Dreipunktespiel, nach dem einer schon zwei zu wenig gewesen wäre. Hertha machte drei drei Punkte, allerdings mit zwei recht unterschiedlichen Halbzeiten. Am Ende war von der Souveränität der ersten Halbzeit kaum noch etwas übrig, und die Nachspielzeit hatte nicht zuletzt Marvin Plattenhardt auf ungewöhnliche vier Minuten aufgebläht, weil er davor einmal allzu offensichtlich Zeit geschunden hatte.

Hertha steht in der Liga auf Platz 3, das sieht immer noch nach einer Übertreibung aus, deren technische Korrektur, wie das Börsianer nennen würden, nicht ewig hinausgezögert werden kann. Aber dieser Platz 3, der zugleich Anspruch und Verführung ist, weist auch eine Rolle in einem Spiel wie gegen Köln zu. Es ist die Favoritenrolle. Hertha hat sie in der ersten Halbzeit angenommen, spielte dominant und dabei mit Ruhe und dem typischen Stilmittel der häufigen Einbindung des Tormanns. Fast schon könnte man das häufige Hintenherum für ein pädagogische Mittel halten, das auch auf die Fans zielt: auf deren Moderation der eigenen Ungeduld.

Hertha machte das Spiel, und beantwortete schließlich kurz vor der Pause die nagende Frage: Kann die Mannschaft auch noch Tore? Dem schönen Treffer von Ibisevic ging ein ziemliches Durcheinander aus gewonnenen Zweikämpfen und chaotisch abprallenden zweiten Bällen voraus, doch im entscheidenden Moment hatte Kalou die Ruhe, und Ibisevic die ideale Position. Man muss auf den Kölner Keeper schauen, um die Qualität dieses Abschlusses zu ermessen: Er steht keinen halben Meter neben der Schussbahn, bekommt aber keinen Körperteil auch nur in den Ansatz einer abwehrenden Bewegung.

In der zweiten Halbzeit haben ich gelitten (im Heimkino). Da habe ich bemerkt, dass ich auch selbst längst wieder sehr an dieser Mannschaft hänge, dass eine gewisse Apathie, eine innere Abschottung, aus den Fahrstuhljahren endgültig überwunden ist. Die allmählich leidenschaftlicher werdenden Bemühungen von Köln, denen die Betreuer mit Hegeler einen weiteren Kopfballabräumer entgegensetzten, führten immerhin zu einem Handspiel von Skjelbred, das eindeutig mit einem Elfmeter zu ahnden gewesen wäre. Hertha war also einem Punkt lange Zeit näher als drei Punkten, doch Köln erwies sich insgesamt doch als ein dürftiger Gegner.

Da waren prinzipiell schon Unterschiede in der Spielkonzeption erkennbar, aus denen man durchaus ableiten kann, warum Hertha im Pulk um die europäischen Plätze spielt (ihn bis Dienstag auch anführen wird), während Köln sich in Tabellengegenden einsortiert, über die man in Berlin vor Beginn dieser Saison wohl durchaus zufrieden gewesen wäre. Jetzt aber eben nicht mehr, wie auch die Körpersprache von Pal Dardai und Rainer Widmayer verriet.

Personell lässt sich feststellen, das Variationen des gefundenen Systems (4-4-1-1) offensichtlich nicht vorgesehen sind: Weiser vor Pekarik, Stark statt Langkamp, Kalou auf der Zehn, das sind geringfügige Änderungen. Zwei Themen fallen aber auf jeden Fall auf, sie hängen auch zusammen: Die einzige Idee, wie sich Herthas Spiel deutlich verändern ließe, wäre eine Trennung des Duos Skjelbred/Lustenberger. Dazu besteht kein Anlass (Platz 3!), allerdings müsste man perspektivisch doch über die Ergiebigkeit des Zentrums nachdenken. Ich schreibe das auch ein bisschen mit der Wehmut der Erinnerung an die große, potentiell stilbildende Rolle, die Tolga Cigerci auf der Acht für Hertha schon einmal über einige Zeit angedeutet hat.

Er spielt derzeit kaum eine Rolle, ich hätte ihn gestern lieber gesehen als Hegeler, aber man wird es niemand verdenken wollen, dass Dardai und Widmayer sich dafür entschieden, den knappen Sieg lieber zu ermauern als ihn, noch dazu auf einem weiteren indiskutablen Rasen, spielerisch zu sichern. Die relative offensive Unergiebigkeit des Zentrums ersieht man auch, das wäre das zweite Thema, an den Schwierigkeiten von Brooks und Stark (Langkamp), einen anderen Ball zu spielen als nach außen. Es gibt inzwischen eine ziemliche Liste von teils abenteuerlichen Fehlpässen aus der ersten Linie heraus in zentrale Gegenden des Spiels. Aber da sprechen wir jetzt schon von künftigen Qualitäten, die Herthas Anwartschaft auf einen Tabellenrang wie den aktuellen tatsächlich längerfristig konsolidieren würden.

Und da Fabian Lustenberger gerade im Begriff ist, seinen Vertrag bis 2019 zu verlängern, da er zudem ein toller Spieler und absoluter Sympathieträger ist, da Skjelbred nicht zuletzt gestern sehr gut gespielt hat, muss Tolga Cigerci eben vorläufig Geduld haben. Ich hoffe, dass er sie hat. Wie auch Valentin Stocker. Hertha hat derzeit eine sehr gute erste Mannschaft, die mit der Selbstbestätigung, die drei zuerst erspielte, dann ertrotzte Punkte in Köln bringen, ihre Qualitäten schon am Mittwoch wieder ein Stück deutlicher auf den Rasen bringen dürfte. Auf den Rasen, der für Dortmund im April zum Morast werden möge, gleich in welcher Auflage.

Geschrieben von marxelinho am 27. Februar 2016.

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21. Februar 2016

Der Rasen des vorigen Tages

Eine Unbedachtheit von John Brooks hat das Heimspiel von Hertha BSC gegen den VfL Wolfsburg vor dem Gespenst eines torlosen Unentschiedens bewahrt. Die Szene fand direkt vor unseren Augen statt, wir ahnten es im Grunde schon, als Brooks mit langen Schritten an die Seitenlinie eilte, an der Vieirinha einen Ball erwartete. Wer so heranrauscht, ist nicht mehr Herr der Lage, den Ball bekam er nicht, stattdessen war Vieirinha plötzlich rechts allein durch. Auch seine Hereingabe hätte man dann noch besser verteidigen können, aber Weiser entschied sich dafür, Kruse in den Fünfmeterraum zu folgen, sodass Schäfer unbedrängt verwerten konnte.

Es dauerte zum Glück nicht lang, bis Hertha wieder gleichziehen konnte. Eine flache Hereingabe von Haraguchi von rechts, Casteels und Ibisevic prallen zusammen, wenn man es weniger neutral sehen will, dann säbelt Casteels den Mittelstürmer der Hertha um, der Ball gelangt im Sechzehner zu Kalou, und der momentan wichtigste Spieler bei Hertha erzielt den Ausgleich. Der in vielerlei Hinsicht inkonsequente Schiedsrichter Stegemann kommt auf die Szene mit Casteels nicht zurück, dabei hätte der Vorteil keineswegs die Sanktion des Fouls erledigen müssen. Das wäre allerdings eine rote Karte gewesen.

Das Publikum bezichtigte den Schiedsrichter mehrfach der Schiebung, was natürlich lächerlich ist. Aber es addiert sich eben so einiges im Lauf eines Spiels, und wenn zum Beispiel Naldo innerhalb weniger Minuten Plattenhardt und Weiser in aussichtsreicher Position von den Beinen holt, dafür aber nicht verwarnt wird, dann darf ein Spielleiter sich nicht wundern, wenn seine Entscheidungen von den Rängen aus lautstark kommentiert werden. Es waren aber ohnehin nur 40.000 da, und das hatte nichts damit zu tun, dass zwei Stunden vor dem Spiel der Tod von Umberto Eco bekannt wurde, sondern mit dem Gegner: Wer will schon den VfL Wolfsburg sehen?

Schon gar die Mannschaft, die gestern einen derart öden Auftritt zeigte, dass man sich wirklich fragen muss, mit welchem Recht man sich in der Autostadt für einen CL-Kandidaten hält. Ach ja, man spielt ja in diesem Wettbewerb, mit dem Kevin-de-Bruyne-Stipendium, das Julian Draxler im Olympiastadion doch deutlich überforderte.

Wie ging Hertha mit dem passiven Gegner um? Man könnte sagen: in gewohnter Manier, also geduldig und vorsichtig. Die erste Halbzeit sahen wir als ein Exempel für kontrollierte Offensive, alle Viertelstunde in etwa eine Chance, allerdings stellte sich auch das Problem der Verwertung. Hertha bleibt mit diesem Rhythmus übrigens hinter den Vorgaben des Trainers zurück: Hieß es nicht einmal, dass alle sieben Minuten eine Chance zu Buche stehen sollte?

In der zweiten Halbzeit hatte Wolfburg noch zwei Großchancen, ein Sieg wäre unverdient gewesen, aber so war das ja in den letzten Jahren mehrfach gewesen: Hertha nicht schlechter, aber doch immer unterlegen. Dieses Mal blieb es bei einem 1:1.

Damit steht Hertha nach fünf Spielen in der Rückrunde bei vier Punkten, aber mindestens bis heute Nachmittag auf Platz 3. Seltsam. Man kann die Situation drehen und wenden, sie gibt einiges her, vor allem, wenn man sie mit der Hinrunde vergleicht. Damals war alles noch viel unklarer. Nun hat Hertha gegen Augsburg den Hinrundensieg nicht bestätigen können, gegen Stuttgart egalisierte das Rückspiel das Hinspiel, das Match gegen Bremen endete in beiden Fällen remis. Gegen die beiden Spitzenclubs, gegen die es im Herbst noch Niederlagen gegeben hatte, hat Hertha jeweils remisiert, gegen Dortmund sogar mit leichten Vorteilen.

All das zeigt, was sich verändert hat. Hertha tritt gegen die Ligaelite nun tatsächlich auf Augenhöhe an, allerdings ist es eine bestimmte Gleichwertigkeit, nämlich eine, in die der frühere Außenseiterstatus noch stark imprägniert ist. Das zeigt sich daran, dass Pal Dardai häufig zum Ende eines Spiels hin deutliche Konzessionssignale aussendet: Ein Remis ist ihm derzeit jederzeit lieber als eine heroische Niederlage. Jetzt kommen allerdings die Spiele, in denen Hertha um den Anspruch auf einen Dreier nicht mehr herumkommen wird, es sei denn, es wird nun offiziell ein einstelliger Tabellenplatz als Saisonziel ausgegeben.

Damit wären wir aber, seien wir ehrlich, nicht einverstanden. Dieses Team hat es (sich) verdient, an den Ansprüchen gemessen zu werden, die es im alten Jahr gestellt hat. Das Thema der nächsten Wochen wird wohl die Durchschlagskraft werden: Kann Hertha auch auf Sieg spielen? Bisher waren die Siege meistens eher das Nebenprodukt einer gelungenen Spielkontrolle. Es gibt auch verschiedene Levels von Dominanz. Hertha arbeitet sich da ganz geduldig an den nächsten Schritt heran.

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Michael Preetz mit seinem Tweet über den Rasen einen guten Treffer gelandet hat, dass Hertha aber weise wäre, sich nicht daran gebunden zu fühlen: Diese Mannschaft hat technisch mehr drauf, als sie derzeit auf das Grün bringen kann, weil dieses tatsächlich in einem erbärmlichen Zustand ist. Also: Ein Gag ist kein Dogma. Lasst die gute Arbeit Wurzeln schlagen.

Geschrieben von marxelinho am 21. Februar 2016.

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sternburg (am 21. Februar 2016)

Ich hol mal das Collinas-Erben-Angeber-Wissen raus: Man kann Stegemann in der Szene viel vorwerfen (wenn man denn will), aber Inkonsequenz gehört nicht dazu. Das war kein Vorteil. Er hat das nicht als Foul bewertet. Vorteil im Strafraum anstelle eines Strafstoßes macht man nur in absoluten Ausnahmefällen. Wenn überhaupt. Das hier war sicher kein solcher. Der Ball springt eher zufällig zu Kalou, dessen Schuss auch noch von Naldo(?) ins Tor gelenkt wird, während Casteels sonst eine recht ordentliche Chance gehabt hätte, den zu parieren. Da braucht es schon prophetische Gaben, um diesen Ablauf vorauszusehen. Auch wenn es am Ende zu einem Tor führte (und selbst aus der Perspektive einiger Sekunden zuwartens): Der Elfmeter wäre die bessere Torchance gewesen. Im Übrigen habe auch ich persönlich da kein Foul von Stegemann gesehen. Das Laufen zu lassen war für mich genau richtig. Zitat (Wieso ist hier eigentlich kein HTML erlaubt?) "Es waren aber ohnehin nur 40.000 da (...): Wer will schon den VfL Wolfsburg sehen?" Das ist, mit Verlaub, bemerkenswert larmoyant. Gehen sie mal davon aus, junger Mann, wenn Gladbach als Tabellendritter gegen den VfL Wolfsburg spielt, dann ist die Bude ausverkauft (selbst wenn sie 74k fassen würde). Die Hertha spielt eine tolle Saison, es kommt ein unmittelbarer Gegner um die CL. Der aber strauchelt und gerade auswärts unfassbar schlecht ist (ernsthaft: Ich hab 1:0 getippt) und den man auch allgemein nicht mag, dem endlich eine reinzuwürgen also eher zusätzlicher Ansporn sein sollte. Und es kommen trotzdem deutlich weniger als 1% der Einwohner der engeren Metropolregion. Statt Anlass zur Häme sollte einem das zu denken geben.
marxelinho1892 (am 21. Februar 2016)

Wer will schon den VfL Wolfsburg sehen? Larmoyant war diese Frage nicht gemeint. Hertha hat in Berlin sicher ein Mobilisierungsproblem, die Gründe dürften vielschichtig sein, ich weiß es ja selbst gut genug, wie tief die Unbill der Fahrstuhljahre noch in den Knochen steckt. Der Vergleich mit Gladbach führt in die richtige Richtung: Es wird noch einiger Jahre der Traditionsbildung bedürfen, bis Hertha ein Publikum so weit konsolidiert hat, dass es aus Prinzip und ohne auf den Gegner zu schauen zu den Spielen kommt. Unabhängig davon halte ich den VfL Wolfsburg, ganz unlarmoyant, für eine uninteressante Mannschaft, die ich mir allenfalls gegen Hertha anschauen mag. Selbst ein Max Kruse, den ich bei Gladbach geliebt habe, spielt eine öde Saison (mit der Ausnahme seines wunderbaren Passes auf Kevin De Bruyne im allerersten Saisonspiel). Selbstverständlich gehört ein Team aus dieser so besonders deutschen Stadt in die Liga, aber ich habe doch Verständnis für die vielen, die sich deswegen nicht ins Stadion bemühen. Lieber ein paar Spiele mit 40000, als einen Auftrieb der Schönwetterfans.
sternburg (am 23. Februar 2016)

Ich behaupte mal ganz frei und rein anekdotisch belegbar, das Mobilisierungsproblem der Hertha liegt weniger in den Fahrstuhljahren begründet als im - mit Verlaub - begrenzten Charme derjenigen, die man in diesem Stadion so antrifft. Und das sage ich in vollem Bewusstsein darüber, dass ich selber im engeren Kreis der Hertha-Fans einige Leute früher gekannt und sehr geschätzt habe (Krischa! Luudwig! Schmuddel !einself). Eine der geilsten Auswärtsfahrten meiner früheren Fanjahre war ein Hertha-Sonderzug nach Gladbach. Sambawagen FTW! Aber trotzdem. Sag mal, warum fragt Dein Blog eigentlich nach meiner Website, wenn das dann nicht angezeigt wird? Ich kommentiere hier doch bloß für den Fame. Dass die Vorschau einem eine ordentliche Formatierung mit Leerzeilen und so vorgaugelt, die dann aber nicht umgesetzt werden, finde ich auch schade. Warum eigentlich? Ich frage wirklich aus Interesse. Das ist ja schon irgendwie Wordpress, oder? Grundsätzlich finde ich nämlich eine Vorschau-Funktion total dufte und mag Dein Blog überhaupt. Lass Dich bloß nicht von irgendwelchen Spinnern wie mir entmutigen, die hier 1x kurz vorbeischauen und irgendeinen Scheiß erzählen. :)
14. Februar 2016

Der fliehende Teppich

Wenn zwei Mannschaften "der Stunde" aufeinandertreffen, dann schlägt es manchmal einer eben - die Stunde. Hertha BSC hat nach dem 0:2 in Stuttgart drei Punkte aus vier Spielen in der Rückrunde, und steht vor dem Heimspiel gegen Wolfsburg unter Druck. Denn die Durchreiche, die wir Bundesliga nennen, kennt kein Pardon. Sie lässt sich erfolgreich nur bestehen mit Siegen. Und Hertha hat in diesem Jahr bisher nur in Heidenheim gewonnen.

Die Niederlage beim VfB wurde vom Trainer und den Spielern gelassen wegmoderiert. Und es gibt auch eine Menge Gründe, sie nicht zu hoch zu hängen. Wenn ich richtig verstanden habe, war der Tross nach dem Pokalspiel gleich im Südwesten der Republik geblieben, in jedem Fall war das eine ungünstige Konstellation: Man wird Mittwoch spätabends fertig, muss Samstag mittags schon wieder da hinten im Winkel sein. Heimfliegen, heimfahren, oder gleich in der Gegend bleiben, was de facto einer Kasernierung entspricht?

Zu der kurzen und ungünstigen Regeneration kam der Rasen. Ich habe das Spiel im Fernsehen gesehen, es war schon sagenhaft, wie die Spieler auf dem fliehenden Teppich herumschwammen, mühsam Trittsicherheit suchend. Für meine Begriffe war das vor allem bei den Umschaltmomenten in der ersten Halbzeit, als Hertha allmählich ihr Spiel durchzusetzen begann, von Gewicht. Fast noch interessanter als die große Chance für Ibisevic war ein Moment, in dem Haraguchi schließlich ins Abseits lief, weil das "footing" von Cigerci einfach nicht da war.

Hertha hat nicht wegen des Rasens verloren. Aber es fiel etwas auf, was auch neu ist: Die Mannschaft versteht sich inzwischen als ein technisch anspruchsvolles Ensemble. Dafür waren schließlich die Gegebenheiten einfach nicht da, und auch die Kraft fehlte. Und Stuttgart, das von Beginn an das Herausspielen schwer machte, belagerte dann nach der Pause förmlich die hinterste Linie von Hertha. Es gab einfach zu viele Ballverluste.

Auf die Balance der Mannschaften bezogen, war ein Umstand deutlich, der im Heimspiel gegen Gladbach schon entscheidend war: Hertha tut sich schwer, zentral Dominanz zu entwickeln. Skjelbred und Lustenberger sind insgesamt zu konservativ als Sechser, gestern war dann auch noch Gentner der bessere Darida, und schon bekommt ein Spiel eine bestimmte Richtung.

Auch dann könnte Pekarik den Führungstreffer von Dié noch verhindern, wenn er nicht im entscheidenden Moment wegrutscht (also doch wieder: der Rasen). Hertha hatte danach nicht mehr viel zuzusetzen, auch deswegen, weil Pal Dardai nicht unbedingt plausibel wechselte: Er verzichtete einmal mehr auf Baumjohann, brachte stattdessen Schieber, der prompt später einmal fast mit Ibisevic im Strafraum kollidierte. Ich fand die Einwechslung von Schieber auch plausibel, hätte aber Ibisevic herausgenommen. Und eben Baumjohann für Lustenberger.

Dass van den Bergh inzwischen sehr konsequent den Vorzug vor Stocker bekommt, wird sicher Gründe haben, kann aber auch als der erste Luhukayismus (als eine erste Joserei?) bei Pal Dardai erscheinen. Also als das Festhalten an einem "braven" Funktionär des Spiels gegenüber einem aus nicht immer nachvollziehbaren Gründen zurückgestuften Begabten.

Es geht mir hier keineswegs darum, der erste zu sein, der bei Dardai irgendwelche Schwächen ausmacht (es wäre absurd, hätte er keine blinden Flecken). Es liegt mir nur daran, ihn möglichst gut zu verstehen, denn das ist halt die Kur gegen die Schleudertraumata eines Fans, für die ich mich hier entschieden habe: genau zu beobachten, um jeweils Gründe zu finden für das Auf und Ab. Und Dardai zeigt Anzeichen dafür, dass er im Moment das Risiko ein wenig scheut. Dabei hat Hertha ja in der Hinrunde die Grundlagen für eine mutige Kampagne gelegt. Die muss nun aber erst beginnen.

Das Thema für die Journalisten war schließlich keines: Vedad Ibisevic, von dem Stuttgart immer noch einen Teil des Gehalts zahlt, zu welcher Tatsache jeder Treffer eine Pointe gewesen wäre, zeigte sein "zweites" Gesicht, eine engagierte Leistung, bei der aber in wichtigen Momenten der Torjäger mit ihm durchgeht - der unterbliebene Pass auf Darida Mitte der zweiten Halbzeit war einer der letzten Schlüsselmomente, bevor spät dann noch Jarstein die technischen Fähigkeiten und die Konzentration von Darida überforderte, mit einem spieleröffnenden Pass, der zu dem hübschen Paradox eines quer gespielten Konters führte.

Bei all dem war durchaus die Spitzenmannschaft weiterhin erkennbar, die Hertha sein kann. Aber sie wird an der Dosierung ihrer Mittel arbeiten müssen. Übereifer im Detail (einige hässliche Fouls inklusive) deutet an, dass die Souveränität gerade verloren geht. Es wird eine hochst anspruchsvolle Aufgabe darstellen, den Mut zum Risiko wiederzufinden, ohne die Balance zu gefährden. Aber es wäre ein bedeutender Schritt auf dem Weg zu einer richtig guten Fußballmannschaft.





Geschrieben von marxelinho am 14. Februar 2016.

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12. Februar 2016

Das Faktische ist immer das Folgerichtige

Inzwischen stecken wir tief in einer Phase der Saison, in der sich überall Konstellationen und Bedeutungen auftun. Nehmen wir die Viertelfinali im DFB-Pokal. Viermal hat sich die Auswärtsmannschaft durchgesetzt, alle haben dabei drei Tore erzielt. Hertha musste dabei die meisten Gegentreffer hinnehmen, und das bei einem Zweitligisten in Heidenheim. Würde man also eine Tabelle der Halbfinalisten erstellen, wäre Hertha auf dem vierten Platz. Das entspricht der Außenseiterrolle, die sich natürlich im Finale besonders gut einnehmen ließe.

Davor geht es im Halbfinale gegen den BVB, neuerlich im Olympiastadion, auf dem "Der Rasen ist immer so schlecht wie das Ergebnis"-Thomas-Tuchel-Widmungsgrün. Da könnte man eine andere Rechnung aufmachen: Hertha wird in dieser Saison dreimal gegen Borussia Dortmund spielen, das erste Spiel ging, bei ansprechender Leistung, verdient verloren, im zweiten Spiel gab es bei leichten Chancenvorteilen ein plausibles, torloses Remis. Was leitet der Fußball-Eu- und Algorithmiker daraus ab? Das dritte Spiel müsste folgerichtig an Hertha gehen. Allerdings ist Fußball ja eine Großveranstaltung, bei der unterschiedliche Folgerichtigkeiten konkurrieren, es kann also nicht ausgeschlossen werden, dass der "logische" Favorit Borussia Dortmund sich durchsetzt.

Aber allein der Spaß, sich diese Gedanken machen zu können! Es sagt etwas über diese besondere Saison aus, dass Pal Dardai mit einer bemerkenswerten Intuition früh das Pokalfinale als ein plausibles (Traum-)Ziel benannt hat, dass er den Optimismus verbreiten konnte, Hertha könnte auch diesen Teil des Images neu definieren. Eine glückliche Auslosung hat ein bisschen dazu beigetragen, wobei man auch in Heidenheim wieder bemerkt hat, dass das Los, gegen einen Zweitligisten spielen zu müssen, immer nur mit Einschränkungen als glücklich oder gar als "Geschenk" zu verbuchen ist.

Nach allgemeiner Ansicht hat Hertha die Sache souverän gelöst. So sah es auch für mich aus. Das frühe Gegentor war höchst merkwürdig, das sieht man ja kaum einmal, dass bei einem Eckball niemand auf der Linie steht, selbst Jarstein einen Meter davor - in so einer Konstellation sind bei einem flach hereinkommenden Ball immer die Stürmer im Vorteil, sie müssen ja nur "spitzeln", der Keeper sah naturgemäß blöd aus.

Danach kontrollierte Hertha das Spiel ja nach Phase mal aktiver, mal abwartender. Die Tore fielen alle nach Aktionen über die Flügel, ein Indiz für die spezielle Balance, die das Spiel mit dem "fox in the box" Vedad Ibisevic bekommen kann, wenn Hertha dominieren muss. Darida und Weiser trugen mit Hereingaben zum Umschwung bei, Haraguchi entsann sich seines Highlight-Videos, das schon lange nicht mehr upgedated werden musste - nun hat er ein weiteres Goal, das man sich weltweit auf der Youtube anschauen kann. Der Elfmeter, den Michell Weiser verursachte, erwies sich als nur noch kosmetisch.

Nun muss Hertha am Samstag nach Stuttgart, wo - schon wieder eine Konstellation - am Dienstag auf tiefem, aber aufgrund des guten Ergebnisses dann doch nicht zu beanstandendem Rasen die Mannschaft von Thomas Tuchel gewonnen hat. Mit einer Taktik, die allgemein als klug beschrieben wurde: Aubameyang nicht zentral, sondern über rechts, dafür Reus vorne. Vor allem aber mit Mkhitaryan und Gündogan auf einer Linie vor dem Sechser Ginter.

Hertha spielt schon die ganze Saison mit einer interessanten Kombination aus 4-4-2 und 4-3-3, die in etwa auf den Effekt hinausläuft, den Tuchel gegen die offensiv starken Stuttgarter erzielen wollte: Größere defensive Stabilität bei erhöhtem Umschaltpotential. Heidenheim war ein Gegner, bei dem Hertha das Dominanzspiel über lange Strecke fast schon in aller Ruhe probieren konnte: Lange Wege des Balls, auch immer wieder bis nach hinten zu Jarstein, dafür aber eben auch hohe Außendecker. Dieses Ausruhen bei Ballbesitz, das Jarstein durch intensive Spielteilnahme ermöglicht, könnte zunehmend ein Faktor werden.

Denn Pal Dardai hat sich inzwischen ja mehr oder weniger auf eine Mannschaft festgelegt, die er nur punktuell verändert, wenn es gar nicht anders geht. Das hat derzeit eindeutig Vorteile, birgt aber für die Monate März bis Mai auch Gefahren. In den ersten drei Spiele hat man ja beispielsweise schon gesehen, dass Ibisevic durchaus auch Probleme haben kann, sich einzubringen. Viel wird von der Physis von Darida abhängen, der ja unantastbar wirkt, dessen Pensum aber so ungeheuer ist, dass man leicht nervös werden könnte. Umgekehrt spielen Cigerci oder Stocker derzeit praktisch keine Rolle, was auch schade ist.

Mit einem ungefährdeten Sieg im Pokal in Bielefeld begann dieses Saison. Damals war daraus noch nicht so viel abzulesen, zumal dann mit dem Hängen&Würgen-Dreier in Augsburg ein Spiel folgte, das ganz anders aussah. Beide Spiele machten Wirkung, interessanterweise wurde aber die Souveränität des allerersten Pflichtspiels eher stilbildend für das Hertha-Spiel 2015/16. Mit der Vorfreude auf das Halbfinale im Pokal können wir nun in die nächsten Ligaspiele gehen: beim VfB und gegen das Autohaus kann Hertha zeigen, ob die Mitgliedschaft im Spitzenquartett vielleicht mehr sein soll als nur eine schöne Momentaufnahme.

Geschrieben von marxelinho am 12. Februar 2016.

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Herthaner4ever (am 12. Februar 2016)

Deinem Beitrag kann ich in allen Punkten nur zustimmen. Dárdai hat unserer "Alten Dame" wieder Leben eingehaucht und den "Fußball" zurück ins Olympiastadion gebracht. Die gegenwärtige Saison ist Balsam auf die geschundene Herthaseele. Nun auch noch der Erfolg im DFB-Pokal mit dem Einzug ins Halbfinale. Wie du auch schon sagtest hatten wir dabei natürlich auch das "Losglück" mit den "unterklassigen" Gegnern. Soll die Leistung unserer Mannschaft keineswegs schmälern, aber es waren meiner Meinung nach immer lösbare Aufgaben. Der wahre Gradmesser kommt nun im Halbfinale mit dem BVB. Für mich eine der spielstärksten (nach Bayern) Mannschaften der Liga. Sollte unser Team auch diese Hürde meistern ... es wäre zu schön! #hahohe
07. Februar 2016

Genießen, ohne abzuschließen



Die Liga ist gestern ein kleines Bisschen zusammengerückt, denn sowohl der FC Bayern wie auch Borussia Dortmund kamen über ein torloses Remis nicht hinaus. Bayer Leverkusen und Hertha BSC taten das Notwendigste, um zumindest den Abstand gleich zu halten, Schalke und Gladbach konnten ein wenig profitieren. Hertha spielt um Europa, alles andere wäre nach der Leistung gegen Dortmund schwer zu verkaufen.

Thomas Tuchel beklagte sich hinterher vor allem über den Platz. Der tiefe und holprige Rasen habe es vor allem schwer gemacht, jene schnellen Drehungen und Wendungen zu bewerkstelligen, die allein noch ein bisschen Raumgewinn ermöglichen. In der unausgesprochenen Sache hatte er recht: Gegen die Kompaktheit von Hertha bedurfte es schon besonderer Fertigkeiten. Da allerdings die drei offensiven Superstars des BVB nicht sonderlich gut aufgelegt waren (was auch an der Leistung von Hertha liegen mochte), gelang kein Tor. Wieder kein Tor, müsste man eigentlich sagen, denn schon in dem Skandalspiel gegen Ingolstadt war der BVB nur knapp und dank schlechten Refereeings zu zwei Toren und drei Punkten gekommen.

Vielleicht war Tuchel von den Reaktionen auf dieses Spiel noch ein wenig dünnhäufig, denn sein zweiter Vorwurf war dann schon fast lächerlich: Hertha hätte (über)hart gespielt. Numerisch waren es 11 Fouls gegen 15 von Dortmund, keines fiel für mich in die Kategorie "fies".

Pal Dardai hingegen sprach von einem "genießbaren Nullzunull", so habe ich das Spiel auch gesehen. Es weckte Erinnerungen an lange vergangene Zeiten in den frühen Nullerjahren, als Hertha wie ein selbstverständlicher Erstligist in offene Matches auch gegen Topclubs ging. Natürlich war auch damals schon diese Professionalisierung des Spiels im Gang, die inzwischen zu chronischer Raumnot und zu häufig tendenziell neutralisierten Begegnungen führt.

Aber es ist doch immer noch eine Menge möglich in so einem Spiel, und nicht wenige Zuschauer haben ja inzwischen auch gelernt, die Feinheiten des Positionsspiels zu genießen. Mit unserem Beobachterposten auf dem Oberrang unweit der Mittellinie waren wir gestern besonders gut disponiert, dem Spiel in allen seinen Facetten viel abzugewinnen. Sieht man von ein, zwei Durchbrüchen von Reus auf der rechten Seite ab, gelang das intensive Zulaufen in der Regel famos: mindestens drei Spieler sind in der Regel beteilligt, einer geht auf den Mann, einer erkennt den gefährlichen Raum, einer unterbindet eine Passmöglichkeit.

So herrscht ständig die faszinierendste Bewegung. In der ersten Halbzeit und vor allem in den ersten dreißig Minuten spielte Hertha dabei absolut gleichwertig, hatte genauso viele Spielanteile wie der BVB, stellte sich keineswegs hinten hinein. Die erste Hälfte der zweiten war Hertha ein wenig zurückhaltender, es gab aber bis zum Ende mehrfach sehr schöne Konter, einen hätte Kalou beinahe zu einem sehenswerten Abschluss gebracht.

Er ist im Vergleich zur Vorsaison nicht wiederzuerkennen, und in vielen Momenten fast schon wieder Weltklasse. Gestern war er für meine Begriffe besser als Mkhytarian, und das will etwas heißen. (Der Armenier ist einer meiner absoluten Lieblingsspieler.) Einen schweren Stand hatte Vedad Ibisevic, das war zu erwarten, allerdings hätte das berühmte Festmachen von Bällen doch in einigen Fällen ein wenig besser gelingen können. Ich bin jedenfalls gespannt auf Julian Schieber, der sich hoffentlich tatsächlich an die Mannschaft heranarbeitet.

Bei einem Hertha-Konter habe ich ein paar Fotos gemacht, die einen kleinen Film ergeben: Man sieht hier, wie sich in ganz kurzer Zeit eine Konstellation ergibt: Ibisevic gewinnt den Zweikampf mit Weigl, Darida läuft mit, holt auf, schließlich ist aber sogar Kalou schon in Position, jetzt wäre der Zeitpunkt zu einem aussichtsreichen Abspiel, doch Ibisevic entscheidet sich für das Einszueins gegen Mats Hummels.





















Den Punkt gegen Dortmund hätte ich wie wahrscheinlich die meisten Fans vor dem Spiel ohne Weiteres genommen. Wie er konkret errungen wurde, war dann aber schon einigermaßen erfreulich. Denn Hertha kann mitspielen, ohne die Ordnung zu riskieren. Das sind im Grunde alles Übungen für die höchste Stufe im Fußball: einen integrierten Stil zu entwickeln, bei dem Kompaktheit und Spielgestaltung zusammengehören, bei dem Konter ein Mittel neben anderen sind, bei dem in einem Spiel unterschiedliche Phasen und Strategien vorkommen können.

Am Dienstag spielt der BVB gegen Stuttgart, am Samstag spielt Hertha in Stuttgart, und wenn es am Mittwoch gelingen sollte, die Hürde in Heidenheim zu überspringen, dann könnte Hertha es im Halbfinale durchaus noch einmal mit dem BVB zu tun bekommen, vielleicht sogar wieder im Olympiastadion, das dann wieder ausverkauft wäre, in einem Spiel, das dann einen Sieger hervorbringen müsste. Ein Genuss, an diese Möglichkeiten auch nur denken zu können.


Geschrieben von marxelinho am 07. Februar 2016.

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Natalie (am 07. Februar 2016)

Du hast recht. Darida hätte vorlaufen können oder quer und Ibisevic legt zurück auf Kalou. Er hätte auch auf Darida legen können, der schießt wie ein Strich und der Winkel war etwas besser. Sei's drum. Aber Tore müssen wir schießen in den nächsten beiden Spielen. Die Schwaben werden eine Nuß, aber ohne Didavi.
hermann (am 12. Februar 2016)

Die Fotostrecke ist echt gut gelungen und macht einiges sichtbar (auch wie sehr die BVB hinten verlagert und durch einen Seitenwechsel eventuell auszukontern wäre) - war es Dein einziger Fotoversuch und "nur" Dein bester?
Marxelinho1892 (am 17. Februar 2016)

Es war der einzige mit einem Spielzug, meistens nehme ich diese schnelle Bildschaltung für Standards
31. Januar 2016

Die Grenzen der Anrechenbarkeit

Ein "geiles Spiel" ist häufig eines, in dem beide Mannschaften die Kontrolle verlieren. Beim 3:3 von Hertha bei Werder Bremen war das aber gar nicht so. Es war eigentlich ein recht ausgeglichenes, an Chancen auf beiden Seiten nicht eben reiches Spiel, in dem Hertha nur für kleinere Perioden leichte Vorteile hatte. Ein prinzipieller Unterschied zwischen europäischen Ambitionen und Abstiegskampf war nicht zu erkennen. Es war vielmehr eines der vielen Duelle auf Augenhöhe, die es in der Bundesliga gibt. Die Gegner auf Augenhöhe hat Hertha im Herbst fast alle geschlagen, hatte Fabian Lustenberger vor dem Spiel betont, und er hatte hinzugefügt: "Das könnte man uns hoch anrechnen. Macht man aber nicht."

Es wird eben immer nur so hoch angerechnet, wie die Mannschaft steht. Und Hertha steht weit oben, die Anrechenbarkeitsgrenze hat sich entsprechend verschoben. Dass der Coach nun auch im zweiten Rückrundenspiel hinten hinaus konsolidierend einwechselte, also nicht auf Sieg spielte, das mag leicht an der Frustrationsgrenze kitzeln. Es entspricht aber wohl einer Rückrunde, in der die Mannschaft sich noch in einer Rolle sucht, die in der Liga nur wenige haben wollen: in der Favoritenrolle, mit der ein produktives Dominanzspiel einher geht.

Hertha nimmt diese Rolle eindeutig an. Nun gilt es, diese mit der (selbst gegen Augsburg noch bewährten) Kompaktheit zu verbinden. Gegen Bremen gelang das in beide Richtungen nicht wirklich. Weder gab es offensiv ausreichend kreative Szenen, noch stand am Ende defensiv eine Null. Ein Charakteristikum der selbstbewussten Hertha wird immer mehr auch zu einem Manko: Sie spielt gern und im Bewusstsein dessen, dass sie den Spielrhythmus bestimmt, hinten herum, sucht nicht ungeduldig den öffnenden Pass, sondern bezieht Jarstein oft mit ein.

Das führt allerdings zu dem Problem, das sich in Bremen als entscheidend erwies: Die gut pressenden Gegner zwingen Hertha zu einem Aufbauspiel an der Seitenlinie, im Zentrum geht wenig. So blieb das Spiel in der ersten Hälfte ereignisarm, trotz der aufwändigen Bemühungen von Kalou, mit weiten Wegen interessante Verknüpfungen herzustellen. Die beiden Tore fielen bezeichenderweise aus zwei Situationen, in denen ausnahmsweise Unordnung im Zentrum herrschte, wobei Daridas spektakulärer Führungstreffer durchaus noch dem Aufbauspiel über die Seiten zugerechnet werden kann.

Interessant und für das Spiel bezeichnend ist, wie sich die beiden wichtigsten Treffer ergaben, die sich allerdings beide nicht als entscheidend erwiesen: Das 2:0 von Hertha vor der Pause und der Anschlusstreffer bald in der zweiten Halbzeit. In beiden Fällen brachten Spieler mit einem vertikalen Lauf im Zentrum Dynamik in das Spiel. Weisers Durchbruch führte über den Umweg eines Freistoßes von Plattenhardt zum Ziel, Bartels konnte selbst abschließen, weil bei Hertha niemand das Risiko eines taktischen Fouls eingehen wollte. Der Lauf war auch zu überraschend, Bartels war zu flink, es reichten ein, zwei intuitive Verlagerungen, und dann ein Abschluss mit dem "falschen", weil davor nicht ballführenden Fuß.

Die weiteren drei Tore enthielten alle Varianten, die ein dann offener gewordenes Spiel eben so hergibt: einen mustergültigen Hertha-Konter über die einmal offene Seite (bemerkenswert, wie sehr Pal Dardai sich danach mit van den Bergh herzte), ein Getümmel im Strafraum und eine Standardsituation führten zu Treffern für Bremen. Hertha hätte das Spiel auch entscheiden können, am interessantesten erschien mir eine Szene um die 60. Minute, als Kalou von halbrechts in den Strafraum zog und für meine Begriffe zu früh abschloss - er hätte vielleicht noch ein paar Schritte laufen können und hätte dann eine ideale Gelegenheit vorgefunden. Er traf aber auch so zum 3:1, später, und bald darauf kollabierte Hertha für ein paar Minuten.

In den Vorberichten zur Rückrunde war gelegentlich die Rede davon gewesen, dass Herthas Höhenflug zu einem Teil auf Glück beruht. Als ein Indiz galt dabei, dass Kalou 39 Prozent seiner Chancen verwerten konnte: eine "verdächtig gute Quote". Vielleicht aber doch nur ein Anzeichen dafür, dass es sich um einen Weltklassestürmer in reifen Jahren handelt, der in seinem zweiten Jahr bei Hertha seine Rolle bei Hertha gefunden hat.

Doch ist er momentan wirklich ideal eingesetzt? Pal Dardai vertraut ziemlich bedingungslos einer ersten Elf, in der für Kalou nominell nur auf der Seite Platz ist. Er nimmt sich die Freiheit, überall aufzutauchen, in Abschlusssituationen kommt er dadurch allerdings seltener. Der nächste Gegner ist der BVB, zudem wird Skjelbred gesperrt sein, es böte sich da vielleicht einmal an, dem gegen Bremen schwachen Ibisevic eine Pause zu gönnen. Insgesamt wird es in den kommenden Wochen auch darauf ankommen, ob Pal Dardai willens ist, ein wenig flexibler aufzustellen, mit Formationen auf die neuen Herausforderungen für Hertha einzugehen. Verändere niemals ein remisierendes Team - diese Devise gibt es ohnehin nicht.


Geschrieben von marxelinho am 31. Januar 2016.

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24. Januar 2016

Löschbares Feuer

Markus Weinziel klang ein wenig selbstgefällig, als er vor dem Spiel des FC Augsburg in Berlin noch einmal auf diesen Satz angesprochen wurde, den er während der Woche geäußert hatte: "Mir brennen die Augen, wenn ich sehe, wie Hertha spielt. Weil ich uns selbst darin erkenne." Da hatte das noch nicht so geklungen, wie es dann im Olympiastadion zumindest in den Zwischentönen vernehmbar war: als hätte Augsburg nämlich so etwas wie ein Copyright, und Hertha hätte das geschickt aufgegriffen.

Das ist natürlich Blödsinn. Augsburg macht, wenn es gut geht, nichts anderes als eine kluge Version fußballerischen Minimalprogramms. Das hat letzte Saison für die Europacupteilnahme gereicht, und in den letzten fünf Spielen vor der Winterpause für eine Reihe von erfolgreichen Auswärtsspielen. Für Hertha war Augsburg zu Beginn der Rückrunde ein echter Test, denn tatsächlich kann man viele Parallelen zwischen den Konzeptionen erkennen. Allerdings weder deswegen, weil Weinzierl da etwas erfunden hätte, noch deswegen, weil Pal Dardai da etwas abgeschaut hätte.

Es geht ganz einfach darum, eine Mannschaft mit endlichem Talent in eine gute Balance zu bringen. Hertha hat die Hinrunde sehr selbstbewusst beendet, die Siege gegen Darmstadt und Mainz (zwei schwierig zu knackende Gegner) waren markant. Augsburg wurde der erwartet harte Test. Dabei sah eine halbe Stunde lang alles einigermaßen einseitig aus. Denn Hertha begann dominant, erarbeitete sich Möglichkeiten, nahm seine Verantwortung war. Die besteht nun einmal, wenn man auf Platz 3 steht und nicht nur so tun will, als wäre man zufällig dort hingespült worden, im Finden von Lösungen.

Das zweite und das dritte Drittel gehörten allerdings Augsburg. Nicht, dass der Gegner viel besser gewesen wäre, aber nach einer Weile ließ Hertha sich leichter zustellen, gelang es kaum mehr, den ersten Riegel zu überwinden, geschweige denn, in aussichtsreiche Offensivkonstellationen zu kommen. Tempo im Spiel war auch Mangelware.

Fabian Lustenberger war dabei eine Schlüsselfigur. Zwischen Skjelbred und Darida wäre es an ihm gelegen, Verknüpfungen herzustellen, aber er blieb unauffällig und wurde zu Recht ausgetauscht. Das Flügelspiel blieb auch wirkungslos, und zwar schon in der eigenen Hälfte. Man sieht zum Beispiel bei Plattenhardt, dass er einen Pass mit dem rechten Fuß, mit dem er im Halbfeld ins Zentrum spielen könnte, so gut wie nie probiert - da bieten sich zu wenig Räume an, er ist aber offensichtlich auch so auf den linken Fuß konditioniert, dass seine Bewegungsabläufe den alternativen Pass gar nicht zulassen.

Kalou versuchte das mangelnde Kombinationsspiel im Zentrum, das sich immer wieder auch als Verlegenheit an die eröffnenden Innenverteidiger Langkamp und Brooks mitteilt, durch weite Wege zum kompensieren. Er wollte der Spielmacher sein, der Darida nicht ist und den auch Lustenberger nicht einmal andeuten wollte. Dabei kam er aber vom Hundertsten ins Tausendste, und auf seiner eigentlichen Position fehlte er. Vedad Ibisevic machte eines seiner schwächeren Spiele, er kompensierte das mit Kleinkriegen. Dass ihm der Schiedsrichter die definitiv fällige gelb-rote Karte ersparte, war vielleicht eine Folge der einschlägigen Kommunikation zum Thema. Ibisevic fühlt sich ja von den Referees verfolgt, und hat das auch kundgetan. Gestern machte er aber seinem negativen Ruf alle Ehre, der Schiedsrichter war über Gebühr großzügig - aus Reaktion auf Ibisevics Propaganda?

Je länger das Spiel dauerte, desto mehr musste man den Eindruck gewinnen, dass der Coach mit einem torlosen Remis einverstanden war. Ob er dabei auch schon an den Auftritt im ZDF am Abend dachte? Man soll das nicht unterschätzen. Er war dort übrigens wieder souverän und super sympathisch - und intelligent. Zweifellos wollte er aber vor allem aus anderen als medialen Gründen den ersten Spieltag in erster Linie ungeschlagen überstehen. Auf Sieg ließ er nicht spielen, was man vor allem an einem Detail erkennen konnte: Trotz schwachen Flügelspiels und einem angezählten Augsburger Außendecker in Gestalt des jungen Max ließ Dardai Valentin Stocker auf der Bank, dabei war Haraguchi wirklich nicht gut.

Der Schweizer wird sich ohnehin schon länger seine Gedanken machen, dass er gestern nicht einmal für eine Viertelstunde zum Zug kam (Hertha wechselte nur zweimal aus), sah aus wie ein Signal. Ganz offensichtlich hat er nicht das Vertrauen des Coachs. Dass man während der Winterpause durchsickern ließ, er wäre zu langsam, ist sowieso verwunderlich. Gestern aber wurde der Misstrauensantrag ausdrücklich formuliert. Würde mich nicht wundern, wenn Stockers Berater vor dem 31. Januar noch etwas versuchen würde.

Das Remis gegen Augsburg geht so in Ordnung und macht wohl auch einen sinnvollen Auftakt für das Management der Erwartungshaltungen. Ohnehin wird in der Rückrunde jedes Spiel zu einem besonderen, weil es jeweils die Entsprechung zu besonderen Umständen in einer besonderen Hinrunde sein wird: gegen die Mittelgroßen (Wolfsburg, Gladbach, Schalke) wird sich Herthas wahrer Wert zeigen, immer vorausgesetzt, dass die Spiele gegen das Gros der Liga, zu dem Hertha immer noch zählt, auch zu Punkten führen.

Augsburg war gegen Hertha nicht an Lösungen interessiert, und Hertha fand schließlich selbst keine. So kam ein Spiel heraus, dass man als typisch für diese enge Liga sehen kann, in der man mit Minimalismus weit kommen kann. Dardais Intelligenz zeigte sich wohl darin, dass er gestern erkannte, dass Maximalismus keine Sache eines Spiels ist, und schon gar nicht eines ersten Spiels in einer Rückrunde, in der man sich mit einer blöden Niederlage eine Menge kaputt machen kann.

Das Unentschieden spielt ihm in jeder Hinsicht in die Karten, und wir können davon ausgehen, dass die "Frische", die er an der Mannschaft vermisste, bis zum Spiel in Bremen zurück kommt. Der Intelligenz wäre das zuträglich, denn die beruht nun einmal auch auf Sauerstoff. Lösungen sind nicht nur in der Mannschaft, sondern im Kader vorhanden. Hertha wird sie finden, das deutete sich gegen Augsburg an. Und irgendwann könnten Markus Weinzierl die Augen brennen, weil er seine Mannschaft nicht mehr in Hertha wiedererkennt. Das wäre ein Traum - aber eigentlich auch der Anspruch eines Hauptstadtclubs.


Geschrieben von marxelinho am 24. Januar 2016.

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22. Januar 2016

Phantasie kennt keine Grenzen

Während der Winterpause habe ich mir zwischendurch eine spezielle Tabelle angesehen: Die Einschaltquoten der Bundesligaclubs bei Sky in der Hinrunde. Die Leistungen von Hertha schlagen sich darin noch unwesentlich nieder, wie ja auch das Berliner Publikum beim Heimspiel gegen Mainz gezeigt hat, dass es winters gern einmal ein wenig abwartet. Hertha liegt mit durchschnittlich 370.000 Zuschauern vor der Kiste (der Begriff wird mit der Entfernung des tatsächlichen Fernsehens davon immer schöner) auf Rang 9 dieser Tabelle, beim abschließenden Sonntagsspiel gegen Mainz waren es immerhin 460.000. Der FCB führt wenig überraschend auch diese Wertung deutlich an, gefolgt vom BVB.

Mich interessiert das, weil 2016 ja die Fernsehrechte für die Liga neu ausgeschrieben werden, und weil sich das ganze Fußballdeutschland dabei einen großen Sprung erwartet: Die DFL will und soll unbedingt mehr Einnahmen generieren, damit man sich vom Schreckgespenst der schwerreichen Premier League nichts ins Bockshorn jagen lassen muss. Die Sky-Tabelle ist aber auch so etwas wie eine informelle Traditionsvereinswertung, es findet sich kaum ein anderer Index, in dem sich klarer niederschlüge, welche Strahlkraft einzelne Clubs haben. In dieser Hinsicht erscheint mir der Rang 9 für Hertha durchaus bezeichnend.

Zum ersten Punkt, zu den Fernsehrechten, mache ich hier einmal ein Zahlenspiel. Angenommen, man könnte die 370.000 Fans als Basiswert für eine Kalkulation nehmen, dann könnte die so ausschauen: Hertha erwirbt die Internet-Rechte für seine Spiele selbst, verlangt von den Fans einen Jahresbeitrag von, sagen wir (die Zahl bietet sich an) 34 Euro, dann wären das Einnahmen von 12,6 Millionen Euro. Niemand müsste dafür aus der Zentralvermarktung aussteigen, man müsste nur ein bisschen Phantasie bei der Vermarktung der digitalen Rechte haben.

Die Überlegung, die ich dabei im Hinterkopf habe, ist die folgende: Als Fans müssen wir den Wettbewerb um die Übertragungsrechte ja ausbaden. Denn was immer die Liga mehr einnehmen wird, wird als Kosten jedenfalls zu einem großen Teil auf uns umgewälzt. Zur Zeit haben wir gerade ein paar halbwegs ruhige Jahre hinter uns, wer es sich gönnen wollte, fand bei Sky eine umfassende Versorgung. Die ist nicht billig, aber im internationalen Vergleich immer noch halbwegs fair. Es ist allerdings durchaus denkbar, dass wir es bald wieder mit mehreren Anbietern und Rechtepaketen zu tun haben, und damit mit einer größeren Unübersichtlichkeit. Ich spreche immer von Fans, die an einer Vollversorgung interessiert sind, also bereit sind, dafür zu zahlen, dass sie alle Spiele ihrer Mannschaft oder überhaupt der Liga sehen können.

Die radikale Alternative dazu wäre, die Rechte vollkommen den Clubs zu übertragen, die sich danach einzeln vermarkten könnten und Deals mit allen möglichen Kanälen und Anbietern eingehen könnten. Sie könnten einzelne Spiele (zum Beispiel das Heimspiel gegen Bayern, an dem Hertha dann auch die Übertragungsrechte hätte), geradezu versteigern, u.a. auch an den FC Bayern, der dieses Spiel ja auch seinen Fans zeigen möchte. Bei diesem Modell käme auch eine Art Solidareffekt zustande, denn Bayern kommt ja einmal im Jahr auch nach Hoffenheim oder Wolfsburg oder Augsburg, um ein paar Vereine aus der unteren Hälfte der Quotentabelle zu nennen. Ein Spiel würde immer nur von einem Verein verkäuflich sein, der an diesem Tag das Heimrecht hat.

Zwischen der umfassenden Vermarkung von Liga 1 & 2 in einem Gesamtpaket wie derzeit (für die ich viel übrig habe) und der konsequenten Atomisierung der audiovisuellen Vermarktung liegen viele Möglichkeiten, wobei sich da zumindest noch für ein paar Jährchen die Unterscheidung zwischen "Fernsehen" und "Internet" als Differential anbietet. Man könnte zum Beispiel die Vermarktung der Weltrechte stärker den Clubs überantworten, wofür für meine Begriffe auch spricht, dass Fans heute weltweit Zugriff auf die Spiele suchen.

Ich bin auf jeden Fall gespannt, was da alles herauskommt. Bei der Premier League ist es ja so, dass für die kommende Saison unklar ist, wo sie in Deutschland gezeigt werden wird. Die Rechte liegen bei einer Gruppe, die noch keinen Sender hat. Sky hat hier das Nachsehen, was ich ihnen einerseits gönne, weil sie ihr Engagement in diesem Bereich über die Jahre sukzessive reduziert haben, andererseits ist alles andere als sicher, dass etwas Besseres nachkommt.

Bei Arsenal habe ich den Club-Kanal abonniert, der mir erlaubt, alle Spiele zumindest hinterher zu schauen. Bei Hertha gibt es einen solchen Kanal noch nicht, man arbeitet mit Youtube. Ich nehme an, dass hinter den Kulissen schon an einem Hertha-Kanal gearbeitet wird, das wäre jedenfalls eine plausible Investition.

Der Rang 9 in der Quoten-Tabelle sagt schließlich auch einiges über den Status von Hertha BSC im deutschen Fußball aus. Man könnte von einem "Ja, aber"-Traditionsverein sprechen, das "aber" hat vielerlei Aspekte, die komplizierte Geschichte der Stadt Berlin spielt eine Rolle (und ihre Imageprobleme, die sie in einem provinzialistisch strukturierten Land wie Deutschland immer noch hat), die schlechte Performance über viele Jahre, in denen andere Clubs (Mönchengladbach in den 70ern) ihren Nimbus erwarben, spielt auch eine Rolle.

Mir gefällt das, dass Hertha in mancherlei Hinsicht fast noch "jungfräulich" ist, wenn auch seit dem Wiederaufstieg 1997 eine Menge passiert ist, und nicht nur Katastrophales wie die beiden Abstiege. Aber letztlich steht Hertha gerade wieder einmal ziemlich auf Anfang, wobei die erste Halbsaison seit diesem Neustart ja wunderbar gelungen ist. Ich sage es mal so: Es könnte einem regelrecht heiß werden angesichts der Phantasie, zu der Hertha absolut berechtigt, aber auch schummrig angesichts des Umstands, dass alles das ab morgen schon wieder konkret und gegen biestige Gegner wie Augsburg auf den Platz gebracht werden muss.

Ich formuliere auf jeden Fall schon mal ein weiteres Saisonziel ( das eine war ja, nur zur Erinnerung: nach Spiel 34 vor Ausgburg liegen, eine Definition, die mir eine schöne Balance darzustellen schien zwischen dem Minimalziel Nichtabstieg und dem Fernziel, an die europäischen Ränge Anschluss zu finden): In der Quotentabelle zu Stuttgart und dem HSV aufzuschließen. Es wäre auch ein wichtiger Schritt in Richtung Traditionsverein.

Geschrieben von marxelinho am 22. Januar 2016.

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31. Dezember 2015

Jobel und Trobel

Irgendwann gab es einmal eine Werbung, die Konsumenten ein wenig unter Zeitdruck setzen wollte: "Am 32. Dezember ist es zu spät", wofür auch immer. Für Fans von Hertha wäre es in diesem Jahr aber durchaus passend, wenn es einen zweiten Silvestertag gäbe, eine Verlängerung dieses Jahres um einen Jobeltag. 32 Punkte stehen auf dem Tabellenkonto zu Buche, und zwar die ganze Winterpause hindurch unverrückbar - und auch danach nur noch nach oben.

Die Medien reagieren darauf auf die erwartbaren Weisen: Manche schreiben Texte wie "Muss man jetzt Hertha BSC mögen?" (müssen muss niemand, dürfen tut auch nicht jeder), beim Kicker tauchen in den Ranglisten zum ersten Mal seit gefühlten Ewigkeiten wieder Herthaner im Blickfeld oder sogar eine Etage höher auf. Ab und zu deutet sich irgendwo eine Überforderung an: Nicht alle Fans kommen bei dem Höhenflug so ohne Weiteres mit.

Es ist ja auch eine anspruchsvolle Übung, die da verlangt wird. Es gibt Grund zur Freude, aber gerade bei Hertha haben die letzten Jahre entschieden dazu beigetragen, dass wohl niemand jetzt abhebt. Im Gegenteil bemerke ich an mir, dass sich die prinzipielle Vorsicht tief in mich eingeprägt hat. Von der recht ungebrochenen Zuneigung, mit der ich Hertha nach 2000 verfolgt habe, als ich nach Berlin kam und sofort eine Dauerkarte kaufte (die ich seither jedes Jahr verlängert habe), bin ich Welten entfernt.

Interessanterweise hat mich vor allem die Saison 2008/2009 misstrauisch gemacht, der damalige Höhenflug unter Favre, der tatsächlich ein ikarisches Moment hatte. Das Gefühl, Hertha wäre zu nahe an der Sonne unterwegs, wurde damals durch viele knappe Siege immer wieder besänftigt, aber es wirkte irgendwie richtig, als am Schluss eine Art Zurechtweisung ausgerechnet durch Karlsruhe stand. Und in der nächsten Saison verschwor sich alles gegen Hertha, statt der erhofften flachen Sinkkurve in den erweiterten Kreis der Prätendenten für Europa begannen die dunklen Jahre, aus denen die Mannschaft erst jetzt vollkommen herausgefunden zu haben scheint.

Denn genau besehen gleicht die aktuelle Situation der vor zwei Jahren, als auch schon eine gute Hinrunde gelang, damals noch unter Jos Luhukay. Es folgte eine katastrophale zweite Saisonhälfte, und eine weitere Halbsaison später war die Zusammenheit mit Luhukay nicht mehr tragbar, was sich allerdings erst mit Verspätung konkret auswirkte. Jetzt müssen wir irgendwie mit dem Wunsch umgehen, dass Pal Dardai vielleicht eine Ära prägen könnte, und mit dem Wissen, dass der Fußball sich über die Sehnsucht nach Kontinuität bestens amüsiert.

Das anstehende Jahr 2016 wäre dabei gut geeignet für einen neuen Zyklus. Denn man kann bei Hertha durchaus Perikopen feststellen, also so etwas wie längere Zeiteinheiten, historische Kapitel, um es ein wenig großspurig zu sagen.  1997 bis 2009 war so ein Zyklus, 2009 begann ein weiterer, nun wäre es Zeit für einen neuen.

Als ich 2000 in die Stadt, schon neugierig auf eine Mannschaft, deren Fan ich als Seher der Sportschau in Österreich geworden war, hatte der erste bedeutende Zyklus seit der Wende gerade seinen Höhepunkt erreicht: Hertha war aufgestiegen, und spielte 2000 schon in der Champion's League.

Mit dieser Selbstverständlichkeit, dass Hertha in der Bundesliga eine Spitzenmannschaft ist, haben wir die frühen nuller Jahre gelebt, daran rüttelte auch ein Jahr Abstiegskampf noch nicht, es war nur irgendwann klar, dass es auf Dauer nicht reichen würde, auf Kredit arrivierte Spieler und Trainer zu verpflichten. Mit Lucien Favre erneuerte sich Hertha in diesem Zyklus, in dem die Stadt Berlin noch ganz anders unterwegs war: von Schulden fast erdrückt, ohne nennenswerte Wertschöpfung.

Ich mag mich täuschen, aber für die Stadt hat sich das Blatt ausgerechnet seit 2008 gewendet, seit der Finanzkrise, die Kapital nach Berlin lenkte. Während die Stadt allmählich Boden unter die Füße bekam (niemand würde heute mehr vorschlagen, eine der drei Opern zu schließen), verlor Hertha ihn vollkommen. Oder vielleicht doch nicht? Wenn jemand einmal die Geschichte dieser Jahre schreiben wird (es wäre auch eine Geschichte von Michael Preetz), dann ist durchaus offen, ob man nicht die beiden direkten Wiederaufstiege fast noch höher bewerten müsste als die beiden Abstiege. In der zweiten Liga präsentierte sich Hertha immer souverän als gefühlter Erstligist.

In dieser Phase gab es aber Situationen, in denen einen der Schwindel erfassen hätte müssen: abenteuerliche Schulden wurden durch Überbrückungshilfen von "unbekannter" Seite gerade noch gemanaget. Wenn damals ein direkter Wiederaufstieg missglückt wäre, dann wäre ein Schicksal wie bei 1860 München durchaus möglich gewesen. Hertha hatte sich weit vom Zyklus der Stadt entfernt, konnte aber im Grunde weiterhin auf die positiven Imagefaktoren bauen, die mit Berlin insgesamt verbunden sind. Man musste nur irgendwie den Anschluss daran schaffen.

Das KKR-Investment kam dann zu einem Zeitpunkt, der mir damals eigentlich zu früh erschien, denn es war eine mehr als spekulative Wette, die sich da zeigte. Aber so ist das nun einmal mit Investments, sie bringen meist mehr, wenn man etwas riskiert. Ich staune heute, mit welcher inneren Ruhe ich mir im Mai dieses Jahres das Spiel in Hoffenheim angesehen habe. Denn in Wahrheit war das wohl einer der wichtigsten Momente in der jüngeren Hertha-Geschichte, die knappe Niederlage, die reichte, um zwei Relegationsspiele zu vermeiden.

Dass jetzt der ideale Moment für einen beginnenden neuen Zyklus wäre, kann man aus dem Zusammentreffen verrschiedener Faktoren ermessen: Berlin geht es relativ gut, Deutschland geht es prächtig, und Hertha steht auch so gut da wie schon lange nicht mehr. Ich denke, wir müssen es mit der methodischen Selbstbeschränkung und dem prophylaktischen Abwinken nicht übertreiben: Hertha BSC an der Schwelle zum neuen Jahr stimmt optimistisch. Das ist ja selbst schon wieder ein Effekt, der zum weiteren Gelingen beitragen kann. Hahohe 2016!

Geschrieben von marxelinho am 31. Dezember 2015.

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21. Dezember 2015

Zündstufe Christbaum

Pal Dardai ist nicht nur allem Anschein nach ein sehr guter Trainer, sondern auch ein begnadeter Formulierer: Wenn man von seinen inspirierten Stellungnahmen auf die sogenannten Kabinenpredigten rückschließen darf, dann wäre man da eigentlich gern dabei, denn das muss große Unterhaltung sein. Nicht zu vergleichen mit dem lahmen, xenophoben Einpeitschen, das wir von Jürgen Klinsmann aus einem gewissen Dokumentarfilm kennen, eines der wenigen Dokumente von dieser rhetorischen Übung, die fast so arkan ist wie die Strategiesitzungen im Kreml.

Gestern hat Dardai schon vor dem Spiel gegen Mainz gesagt, dass dieses Halbjahr einer Spielphilosophie gewidmet war, die erfolgreich gezündet hat: "Und die brennt jetzt!" Das kann man wohl sagen. Sie brennt lichterloh, wenn man auf die Tabelle blickt, sie brennt kontrolliert, wenn man sich die Spiele anschaut. Gegen die auch nicht schlechte Hinrundenmannschaft von Mainz 05 gab es ein ungefährdetes 2:0, das von einer einschüchternden Dominanz geprägt war. Hertha konnte sich den Luxus leisten, die enormen Ballbesitzvorteile großzügig an die Innenverteidiger weiterzureichen, Langkamp hatte die meisten Kontakte, es ging oft hinten herum, aber niemals so, dass dadurch das Spiel erschlafft wäre.

Zeichenhaft für die allgemeine Flexibilität war der Auftritt von Kalou, der schon früh in der eigenen Hälfte übel gefoult wurde, als er sich in die Spieleröffnung einschaltete. Er ging einmal mehr weite Wege, hatte spät dann noch im eigenen Sechzehner einen wichtigen Defensivzweikampf, und er schoss ein Tor. Er war damit für mich, trotz starker Konkurrenz in Vedad Ibisevic, der Mann des Spiels, wenn nicht der Saison. Denn irgendwie sind das auch zwei Seiten einer Münze: Hertha hat eine Mannschaft hinbekommen, die Kalou eine große Bühne bieten kann, worauf er mit der Demut eines Superprofis reagiert, indem er sich großartig einbringt. Es könnte einem ganz schwindlig werden angesichts all dieser positiven Rückkopplungen.

Hertha hatte in dieser Rückrunde verschiedentlich so etwas wie konstellative Fortune. Es mag jetzt hart klingen, aber die Verletzungen von Kraft und Pekarik zählten wesentlich dazu. Von außen hat man das Gefühl, dass sich die Mannschaft bei Jarstein besser (weil allgemeiner) aufgehoben fühlt als bei dem genialen Keeper und mediokren Fußballer Thomas Kraft. Das häufige Hintenherumspielen geht mit Jarstein viel, viel besser. Pekariks Ausfall brachte Weiser auf die Position, auf der er am besten ist; Regäsel deutete an, dass er da mitmischen möchte. Inzwischen hat Hertha, nachdem auch Brooks integriert wurde, eindeutig eine Stammelf. Das bringt Härten mit sich, die man nicht unterschätzen sollte: Cigerci, Stocker oder Baumjohann sind exzellente Fußballer, die derzeit kaum benötigt werden. Oder vielleicht doch, denn Haraguchi zum Beispiel wirkte gestern zerstreut.

Unweigerlich müssen wir uns an das Jahr 2008/2009 erinnert fühlen, als Hertha unter Lucien Favre auf Champion's League-Kurs ging. Damals hatte man allerdings oft das Gefühl, dass die Mannschaft am Limit spielte. Derzeit wirkt es eher so, als würde sie das Limit immer weiter nach oben schrauben. Das wird sich schon mit dem Auftritt der erstarkten und traditionell unangenehmen Augsburger in vier Wochen bestätigen müssen, idealer, weil aussagekräftiger könnte die Rückrunde kaum starten. Im Sommer, als niemand von uns ahnen konnte, was dieses Halbjahr hergeben würde, wies der Arbeitssieg gegen Augsburg die Richtung, ohne noch die Qualität ahnen zu lassen, die der anfangs durchaus fehlerhafte Darida zum Beispiel erst allmählich entwickelte, weil die Mannschaft dazu die Rahmenbedingungen bot.

Das Spiel gegen den FC Bayern war die einzige wirklich negative Ausnahme, da passten weder die Taktik noch die Einstellung. Die Niederlage gegen Gladbach lag hingegen möglicherweise daran, dass Hertha schon ein wenig zu ungeduldig war. Danach passte das dann meist sehr gut. Es gab durchaus die 1:0-Siege Marke Favre (Ingolstadt, Hoffenheim), das 8:0 aus den letzten drei Spielen inklusive Pokal zeigte aber auch deutlich, dass offensives Potential im gesamten Team steckt. Das Duo Plattenhardt/Weiser steht in diesem Zusammenhang für eine Modernität, die Hertha auf diesen Positionen noch NIE hatte. Wirklich niemals.

"Sieht nach Fußball aus": Das hat Pal Dardai mehrfach gesagt, wenn Hertha sich ein weiteres Mal bewährt hat in den letzten Wochen. Es sah lange Zeit davor eben nicht nach Fußball aus, sondern nach einem Versuch, das Spiel gleichzeitig zu verhindern und zu suchen - ein naturgemäß schwieriges, weil widersprüchliches Projekt. Nun sucht Hertha etwas, was klar erkennbar ist: Möglichkeiten, den Ball so laufen zu lassen, dass Torchancen entstehen. Die eigene Laufarbeit, die der des Balls zugrundeliegt, dient gleichzeitig der Entschärfung des Gegners. Dieses faszinierend komplexe Spiel wird von der Mannschaft, der wir anhängen, gerade ganz schön interessant und fast schon sehenswert interpretiert.

Kann man sich Weihnachten mehr wünschen? Keineswegs. Die 32 Punkte und das Viertelfinale schlage ich gern in Lametta und hänge sie den Touristen in Kreuzberg aus dem Fenster vor die Nase. Aber die Feinheiten des Spiels, die Beweglichkeit im Detail, die gute Ballbehandlung, das souveränen Kontrahieren der Mannschaft, das brennt. Und keine Stadionordnung kennt einen Paragraphen, der so etwas verbietet.


Geschrieben von marxelinho am 21. Dezember 2015.

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17. Dezember 2015

Rache für die Schmach des Roman Hubnik

Den 8. Februar 2012 würde ich gern aus meinem Gedächtnis streichen. Aber wie das so ist mit den Erinnerungen, sobald man das Unglück einmal überstanden hat, hält man es damit auch ganz gut aus. Es war jedenfalls einer der schlimmsten Tage für einen Hertha-Fan: Pokal-Viertelfinale gegen Gladbach, absolut fieses Wetter, und am Ende nach Verlängerung und Schauspieleinlage von Igor de Camargo ein 0:2. Eben erst war Markus Babbel nach peinlichen Kabalen entlassen worden, Michael Skibbe blieb ein Episoderl, nachdem ein paar Tage später der VfB Stuttgart mit 5:0 über Hertha drüberfuhr (Torschütze damals übrigens: Vedad Ibisevic). Mit König Otto ging Hertha dann in die zweite Liga.

Ich erinnere deswegen an diese schweren Stunden (nicht zuletzt waren es welche für den Manager Michael Preetz), weil Hertha sich gestern mit einem 2:0 im Pokal gegen den 1. FC Nürnberg die Gelegenheit erarbeitet hat, den Februar 2012 mit einer neuen Geschichte zu überschreiben. Wer auch immer der Gegner im Viertelfinale sein wird, es ist jetzt schon alles anders. Michael Preetz ist für den Kicker Einkäufer der (Halb-)Saison (auch dafür gab es beim Club neue Argumente), die Mannschaft steht in der Liga auf Platz 3 (wird allerhöchstwahrscheinlich also die Klasse halten), vor allem aber hat der Cup-Auftritt gezeigt, dass sich die Veränderungen, die wir erst so allmählich begreifen (und natürlich weiterhin nicht für gesichert halten dürfen), tiefgreifender manifestieren, als wir zu träumen wagten.

Das erste Cup-Spiel des Jahres hatte allerdings schon die Richtung gewiesen: ein schnörkelloses 2:0 in Bielefeld. Das Spiel wirkt fast wie eine Blaupause für den Auftritt in Nürnberg, nur war dieser in athletischer, taktischer und technischer Hinsicht deutlich verfeinert. Eine halbe Stunde brauchte Hertha, um sich den Gegner zurechtzulegen, dann gab es ein Tor, das man wie eine Folgerung aus dem chancenlosen Auftritt in München in der Liga sehen könnte. Es war nämlich ein Javi-Martinez-Gedenklupfer, mit dem Ibisevic die Flanke von Haraguchi weiterleitete, auf kürzere Distanz als damals der Ball auf Coman, aber doch vom Prinzip her das analoge Manöver - kaum zu verteidigen, wenn auch noch der dritte Mann in der Ballfolge alles richtig macht.

Es war Vladimir Darida, dessen Position in der Mannschaft von Spiel zu Spiel symptomatischer wird. Sein Abschluss war hochklassig, weil er die kurze Ecke wählte, viele andere Spieler hätten in die lange gezielt, weil man dafür besser ausholen konnte, aber Darida wählte die technisch anspruchsvollere - und zielführendere - Variante. Dass er derzeit der Zehner ist, ist markant, denn Hertha kann dadurch ein vielschichtigeres System spielen, ein ständig changierendes 4-2-3-1, das jederzeit ein 4-4-2 und ein 4-3-3 sein kann. Das macht nur dann Sinn, wenn der vorderste der drei zentralen Mittelfeldleute Tore erzielt. Es ist aber auch angebracht, auf Skjelbreds zunehmendes Offensivspiel hinzuweisen. Das sind alles Konfidenzphänomene, wir müssen und dürfen das so mitnehmen, es wird wieder anders kommen.

Kalou war in der ersten Halbzeit in Nürnberg derjenige, der diese Flexibilität am stärksten zeigte. Er war sehr viel unterwegs, gegen einen Gegner, der nicht wirklich nervte. Weil Nürnberg doch ziemlich andächtig dabei zusah, wie Hertha das Spiel immer stärker, dabei jederzeit diskret, an sich brachte, wirkte das gelegentlich fast wie ein Trainingsspiel, jedenfalls wenn man es mit dem Genre "Pokalfight" vergleicht, das auf jeden Fall verfehlt wurde. Dazu war die Sache zu klar.

In der zweiten Halbzeit, als die Nürnberger versuchten, zumindest Ansätze von "upsetting" entstehen zu lassen, machte John Brooks mit einem Kopfball alles klar. Sein zweiter in wenigen Wochen, auch das ein Indiz dafür, dass Hertha zur Zeit Effekte zu verzeichnen hat, die man als "selbststimulierende Regelkreise" bezeichnen kann - ich lese gerade das Buch von Steffen Martus über die Aufklärung, wo solche Effekte auf eine ganze Epoche abgebildet werden. Erfolg ernährt sich von Erfolg, Gelingen von Gelingen.

Hertha steht kurz davor, ein großartig gelungenes Halbjahr bilanzieren zu können. Und dann vielleicht im Februar die Schmach des Roman Hubnik zu rächen. Gladbach hat sich leider durch ein 3:4 gegen Bremen um die Gelegenheit gebracht, da mitzuspielen. Und das Los hat ja auch schon gesprochen: Hertha wird auswärts in Heidenheim antreten. Als haushoher Favorit. Es wird eine höchst professionelle Leistung erforderlich sein. Zum Glück kann man der Mannschaft das derzeit getrost zutrauen.

Geschrieben von marxelinho am 17. Dezember 2015.

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12. Dezember 2015

Kampfmodus ist kein Schweinkram

Pal Dardai hatte die Öffentlichkeit ein wenig irregeführt vor dem Auswärtsspiel in Darmstadt. Er sprach von einer "Umstellung auf Kampfmodus", die gegen die Aufsteiger aus dem Hessischen erforderlich war. In Wahrheit muss Hertha in dieser Saison kaum einmal auf ein kämpferisches Spiel umstellen, dieser Aspekt des Fußballs wird mehr oder weniger vorausgesetzt, die Frage ist immer, ob sich darauf noch etwas aufbauen lässt. In diesem Fall waren es vier Tore und unter dem Strich ein äußerst souveräner Auswärtssieg. Gegen eine Mannschaft, die in mancherlei Hinsicht wie ein Panzer wirkte, den Hertha in diesem Sommer abgestreift hat.

Auch personell. Peter Niemeyer, von dem eine berühmte Selbstdefinition als "Kampfschwein" stammt, Sandro Wagner, der sich heute als solches betätigte, und Fabian Holland, dem das Spiel auf der linken Defensivseite ein paar Mal um die Ohren flog - als man den dreien zwischen den Saisonen die Tür wies (anders kann man es nicht sagen), war noch keineswegs abzusehen, dass sie auch (indem sie nicht mehr daran teilnahmen) für einen so deutlichen Neubeginn stehen würden, wie ihn Hertha in diesem Herbst und Winter hinbekommen hat.

Ich habe das Spiel auf dem Rechner gesehen, auf Sky Go, in einer legalen Übertragung, mit kleinem Bild. Große Analysen braucht es gar nicht, bei den niedrigen Tribünen, die es in Darmstadt offensichtlich gibt, hätte ich live wahrscheinlich sowieso nicht so gut gesehen. Die Romantik von Höhenflügen wie dem des SV Darmstadt 98 hat als Kehrseite gern einmal nahezu unbespielbare Plätze. Es sah jedenfalls sehr mühevoll aus, wie die Herthaner mit holprigen Pässen ein bisschen Spiel aufzuziehen versuchten. Es reichte gerade einmal für eine Kombination, die allerdings hatte es in sich: Weiser kam rechts an die Grundlinie, seinen Stangelpass verwertete Ibisevic mit dem typischen Stürmerinstinkt. War da ein Foul dabei? Niemand reklamierte, der Zweikampf sah aber ein wenig zweideutig aus.

Der zweite Treffer war eine Rarität, seit Ronninho nicht mehr zum engeren Kreis zählt: ein direkt verwerteter Freistoß. Schütze: Marvin Plattenhardt. Ein weiteres Detail des zunehmenden Variantenreichtums bei der selbstbewussten Hertha im Dezember 2015, wie auch die Kopfballvorlage durch Brooks nach Ecke, verwertet durch Ibisevic gleich nach der Pause. Damit waren die wackligen zwanzig Minuten am Ende der ersten Halbzeit, als es viele Freistöße für Darmstadt, aber keine echte Chance gab, durchgestrichen.

Das Spiel wurde der Ordnung halber zu Ende gebracht, Kalou nützte noch einen Durchbruch zum vierten Treffer, womit nun auch die Tordifferenz erfreulich deutlich über der Neutralitätsgrenze liegt. Hertha hat einen Gegner, der als schwierig eingeschätzt worden war, mehr als eindeutig hinter sich gebracht, und dabei auch mehr als nur ein schnödes 1:0 (wie gegen Ingolstadt, Hoffenheim) geschafft.

Das ist alles höchst merkwürdig, vor allem deswegen, weil die Mannschaft es schafft, das ganz normal aussehen zu lassen. Zwei Spiele noch vor Weihnachten, die dazu dienen könnten, eine Grundlage für 2016 zu legen, die mehr als vielversprechend wäre. Denn bei besseren Platzverhältnissen und angesichts eines Kaders, der sogar noch unausgeschöpfte Potentiale (Ben-Hatira, Stocker, Baumjohann, Schieber, Cigerci) enthält, sollte sich diese Ausgeglichenheit (niemand ragt deutlich heraus, niemand fällt ab) durchaus im Niveau konsolidieren lassen. Eine Rückrundendepression, wie vor zwei Jahren, müsste sich schon sehr fies anschleichen, und sie könnte sicher nicht den Trainer als "Herd" nehmen.

Denn Pal Dardai ist nach wie vor das positive Denken in Person. Er spricht Klartext, aber immer mit Hintersinn. Und er wird sicher noch oft mit Hertha über den Kampf ins Spiel finden. Und vielleicht sogar immer noch besser.



Geschrieben von marxelinho am 12. Dezember 2015.

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06. Dezember 2015

Im Winter wird gepflügt, im Frühling wird geerntet

Es war eine prächtige Furche, die Sebastian Boenisch am Samstag in den Rasen des Olympiastadions zog. Sein agrikultureller Eingriff holte nebenbei auch noch Janni Regäsel von den flinken Beinen, und trug ihm eine rote Karte ein. Es war einer dieser Momente, in denen es sich lohnt, im Stadion zu sein. Das Publikum hielt ein bisschen den Atem an, nachdem es sich zuvor kräftig Luft verschafft hatte. In welche Tasche würde der Referee greifen? Ein paar Sekunden lang schien er zu überlegen, dann zeigte er den Ausschluss an (im Fernsehen sieht man, dass er zum Linienrichter schaut, er ließ sich also wohl gar nicht von der Atmo beeinflussen). Die Dezimierung des Gegners wurde gefeiert fast wie ein Tor, aber die Fans sind inzwischen versiert genug, um zu wissen, dass Spiele gegen zehn Mann sich auch nicht von selber gewinnen.

Hertha führte zu diesem Zeitpunkt ungefähr Mitte der ersten Halbzeit schon 1:0 gegen Bayer 04 Leverkusen. Nach Boenischs Ausschluss sah alles nach einer klaren Sache aus, denn diese erste Phase des Spiels war geprägt von einem dominanten Auftritt gegen eine nicht gerade einschüchternden Mannschaft, der man die CL-Erfahrung keine Sekunde ansah (oder vielleicht doch, dann allerdings die ernüchternde wie gegen Bate Baryssau). Nach einer halben Stunde hatte dann plötzlich Mehmedi zentral den Ball, Lustenberger ging aus der Viererkette, in der er Langkamp vertrat, attackierte allerdings nicht, sodass sich für seinen Landsmann, der allerdings ein "Secondo" ist, während Lusti dann wohl ein "Primo" sein müsste, ein mustergültiger Lochpass auf Xavier Hernandez anbot.

Die kleine Erbse, derentwegen in den USA mehr Leute Bayer Leverkusen schauen als Bayern München, ließ sich die Gelegenheit nicht entgehen. Hertha brauchte einen Kopfballtreffer von Brooks nach Corner von Plattenhardt, um das Spiel doch noch zu gewinnen. Es war dann insgesamt eher ein Arbeitssieg, als eine wirklich starke Demonstration der neuen Möglichkeiten.

Aber das passt zu dieser Hertha im Herbst 2015, die mich zunehmend an den (für uns) großen Favre-Jahrgang von 2008/2009 erinnert. Damals war es ja auch so, dass die Liga ein wenig genervt war von der Effizienz, von den vielen schnöden 1:0-Siegen, darunter auch einer gegen Bayer 04 Leverkusen, den ich als besonders markant in Erinnerung habe, mit einem späten Tor von Voronin.

Hertha steht zwei Spiele vor der Winterpause auf Platz 4, es bestehen konkrete Möglichkeiten, in diesem Bereich zu überwintern. Umso stärker muss ins Auge fallen, dass die Mannschaft damit doch über Wert geschlagen wird, zumal, wenn man sich die Ergebnisse gegen Gladbach und Bayern ansieht, die beiden Spiele, in denen die Unterlegenheit eklatant war.

Der Sieg gegen Leverkusen gestern betraf nominell eine der "großen" Mannschaften der Liga, wobei bei Bayer außer dem großen CL-Jahr 2002 da wenig zu Buche steht außer jahraus, jahrein vom übergeordneten Konzern gut subventionierte Meterware im leicht gehobenen Bereich. Den Vergleich zwischen Ibisevic (Schnäppchen, gewissermaßen der Voronin von 2015) und Chicharrito (Weltstar, 12 Millionen) muss Michael Preetz, der während der vorangegangenen Länderspielpause vom Kicker zum besten Einkäufer der Liga erklärt worden war, nicht scheuen.

Trotzdem sollte die Leistung nach dem Gegentreffer vorsichtig stimmen. Eine Stunde lang war das Spiel von Hertha relativ unsauber, es gab viele Pässe, die zwar ankamen, aber so, dass der nächste kaum noch erfolgreich sein konnte. Offensiv wurden die wenigen guten Gelegenheiten nicht mit der letzten Konzentration gespielt, zudem wechselte der Coach ziemlich spät, er dachte wohl eher daran, wie er die letzten Minuten synkopieren könnte, als dass er den Sieg durch einen weiteren Treffer sicherstellen wollte.

Das ist ein Pragmatismus, zu dem Hertha klarerweise jede Berechtigung hat. Allerdings sollten wir uns nicht täuschen lassen: die Rede von einem "langen Weg", der noch zu gehen ist, macht Sinn wirklich nur dann, wenn sich viele Faktoren gleichzeitig positiv entwickeln. Das letzte Mal, als Hertha in der Tabelle zu hoch stieg, war der Absturz fürchterlich. Derzeit entwickelt sich, das sehen wir auch an unseren ungeduldigen Sitznachbarn im Oly, eine leichte Punktesucht, die schon einen Absturz in die Regionen, in denen etwa der HSV derzeit steht, schwer verkraftbar erscheinen ließe.

Zum Glück kommt in zwei Wochen mit Mainz im letzten Spiel vor der Winterpause eine Mannschaft, die als echter Realitätstest erscheinen muss. Vorher gibt es aber noch die sentimentale Reise zu den Ehemaligen, den Besuch bei Niemeyer und Wagner im Hessischen. Da wird sicher ordentlich gepflügt werden.

Geschrieben von marxelinho am 06. Dezember 2015.

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29. November 2015

Breitenwirkung mit Tiefenschärfe

Hertha hatte dem aktuellen FC Bayern München am Samstag in der Allianz-Arena nicht genügend entgegenzusetzen. Ein Schnappschuss, den ich kurz vor Anpfiff gemacht habe, enthält zwar die wesentlichen Beteiligten (Müller und Coman erzielten die Treffer für die Galaggtischen), vermittelt aber nicht das wahre Bild. Ich saß ziemlich ideal für eine taktische Sicht auf das Spiel, an einer Ecke, sodass ich einerseits bestimmte Konstellationen genauer beobachten konnte, zum Beispiel den Flügelspieler Lahm, andererseits hatte ich ein sehr übersichtliches Bild von den Schwierigkeiten, aus der Bedrängnis hinauszuspielen. Als John Brooks sich einmal festlief, konnte ich förmlich seine zunehmende Panik spüren, die sich aus der Kombination von Ballbesitz und Raummangel ergab. Der anschließende Bayern-Angriff brachte nichts ein.

In der Fachsprache hat sich in den letzten Jahren unter anderem der Begriff der Überladung eingebürgert. Das System des FCB beruht darauf, ein wenig paradox, aber aufgrund der technischen Könnerschaft aller einzelnen Protagonisten machbar, dass in der Breite überladen wird. Hertha spielte mit Fünfer- und Viererkette, also de facto oft mit einer Neunerkette gegen eine immer wieder radikal horizontale Siebenerkette, aus der sich dann kleine, tückische Bewegungen ergaben wie der Lauf von Lewandowski, mit dem schon nach zehn Minuten klar wurde, dass hier immer wieder Dinge zu schnell liefen für eine mit irdischer Begabung ausgestattete Mannschaft.

Dass der Führungstreffer dann aus einer Standardsituation fiel, war fast so etwas wie ein kleines Kompliment für die wackeren Bemühungen von Hertha, allerdings wurden auch die Corner immer häufiger. Das 2:0 noch vor der Pause war dann schon Dominanzsignal allererster Ordung: so ein elegantes, experimentelles Manöver macht man nur, wenn man sich völlig sicher weiß, Martinez war weit aufgerückt, Coman hatte sich nach innen geschlichen. Dass es beim 2:0 blieb, war vielleicht auch dem Wetter zuzuschreiben - es war ein absolut greißlicher Tag, wie sie in dieser Gegend der Republik wohl sagen würden. Der Wintereinbruch hatte sich am Vormittag bemerkbar gemacht, und forderte seinen Tribut vor allen in der langen Wartezeit vor den Toren - einer der Nachteile der Allianz-Arena ist die Zentralisierung des Einlasses.

Ich saß umgeben von einer international durchmischten Schar von Fans, die von den vielen Erfolgen ihrer Mannschaft keineswegs verwöhnt schienen, sondern fast gierig nach jeder weiteren Bestätigung der absoluten Überlegenheit verlangten. Plattenhardts "Schuss", eine der wenigen Gelegenheiten von Hertha, wurde lautstark verhöhnt, in der Pause ging es nur noch um die Höhe des Schützenfestes. Andauernder Erfolg macht offensichtlich süchtig, die Leute um mich herum machten auf mich tatsächlich so ein bisschen den Eindruck von Junkies, die ihre Dosis kontinuierlich erhöhen muss. Jetzt kann ich auch den kalten Truthahn besser verstehen, den sie zuletzt zweimal im April serviert bekamen.

Hertha wird noch eine Weile brauchen, wenn sie überhaupt jemals in die Liga der Teams aufrückt, die den FC Bayern fordern können. Für den Ansatz mit der massierten Deckung waren die Entlastungsversuche zu zaghaft, Haraguchis Chance war allerdings ein gutes Zeichen. Das Langzeitprojekt der Heimholung des FC Bayern in die irdische Wirklichkeit muss derzeit eher auf interne Faktoren bei denen selber setzen: Dass Guardiola unter den aktuellen Gegebenheiten nicht verlängern könnte, wäre eine Schrulle von einiger Größe. Er würde die Welt des Fußballs damit spannender machen als viele brave Coaches, die gegen diesen FCB versuchen, etwas auszubaldowern. Und dann schlägt Jerome Boateng einen Ball ... Wurscht.

Geschrieben von marxelinho am 29. November 2015.

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22. November 2015

Die Seife, die aus den Wolken kam

Über den 1:0-Heimsieg von Hertha BSC gegen die TSG 1899 Hoffenheim gibt es nicht allzu viel zu sagen. Mir ist noch kalt, deswegen lasse ich es für den Moment bei einer kleinen Fotoreportage bewenden. Den Moment kurz vor dem Eigentor durch Polanski habe ich auch drauf. Hertha ist vierter - vierzehn Punkte Rückstand auf den FC Bayern München, dreizehn Punkte Vorsprung auf den Relegationsplatz. Auf dem seifigen Geläuf konnte die Mannschaft nicht viel mehr tun als professionell zu arbeiten. Das reichte.


Geschrieben von marxelinho am 22. November 2015.

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07. November 2015

Die Lücke, die der Tänzer schafft

Gute Mannschaften, so sagt man, machen Spieler besser. Insofern müssen wir bei Hertha BSC Jahrgang Hinrunde 2015 von einer guten Mannschaft sprechen. Denn Salomon Kalou ist, nach einem Jahr, in dem er wirkte, als würde er hier lieber nicht ankommen (es sei denn, in den sozialen Netzwerken), bei Hertha angekommen. Am Freitagabend hat er in Hannover drei Tore erzielt, darunter ein Elfmeter, den er mit mehr Pfeffer versah als die beiden davor, die er ziemlich arrogant in die Mitte platziert hatte.

Hertha hat gegen einen schwachen Gegner mit 3:1 gewonnen, dabei keineswegs geglänzt, sondern mit Teamwork dominiert und punktuell die individuelle Klasse aufblitzen lassen. Kalou aber hat geglänzt, den Führungstreffer machen so wie er nicht viele. Neulich schon sprach Vedad Ibisevic, sein (gestern gesperrter) Partner und Konkurrent, von einem Tanz. In Hannover hat Kalou sich in einem eigentlich für Hannover durchaus noch beherrschbaren Moment so bewegt, dass eine Lücke entstand, die wirklich nur jemand findet, der zugleich sehr lässig und sehr zielstrebig ist. Kein Ausdruckstanz, sondern ein paar kaum merkliche Verlagerungen, dann muss der Schuss gar nicht wahnsinnig scharf sein, nicht einmal ein Zieler kriegt ihn.

Stürmer haben häufig eine Handschrift, sie erzielen Tore, die einander ähneln, so ist es kein Zufall, dass Kalou gegen den HSV schon auf vergleichbare Weise getroffen hat. Es macht Sinn, ihn dort anzuspielen, zentral, an der Strafraumgrenze, und es gibt bei Hertha auch die Leute, die solche Manöver einfädeln, die mit Läufen und Pässen in die Mitte ziehen, in diesem Fall war es Haraguchi, neulich war es Weiser.

Für das zweite Tor, ein Konter, der in die Skizzenbücher der Ideenlehre des Fußballs eingehen sollte, musste Kalou einen weiten Weg gehen. Vor dem Spiel hatte der Trainer noch davon gesprochen, dass Schnelligkeit nicht zu den herausragenden Qualitäten des größten Stars im aktuellen Hertha-Ensemble gehört. Er war aber schnell genug, um den von Darida exzellent eingeleiteten Move abzuschließen.

Der Coach hatte tatsächlich umgebaut, Brooks kam in die Mannschaft, Lustenberger rückte nach vor, Darida entsprechend auch. Es las sich wie ein 4-3-3, war aber de facto doch das geläufige 4-4-2, wobei Weiser ungefähr dort weiter machte, wo er sich die letzten Spiele schon so intensiv betätigt hatte, dabei hatte er dieses Mal einen jungen Mann hinter sich: Yanni Regäsel, einer aus dem Nachwuchs, machte seine Sache gut.

Michael Preetz sprach hinterher davon, dass Kalou im Vorjahr schwierige Umstände hatte (späte Ankunft, viele Abwesenheiten, keine Vorbereitung). Aber es muss schon auch noch etwas anderes eine Rolle gespielt haben, etwas ganz Einfaches vielleicht: Hertha ist nicht mehr depressiv, und nicht von Alleinunterhaltern abhängig. Deswegen kann einer wie Kalou dann das gewisse Extra hinzufügen.

Hertha hat im Hamsterrad der engen Liga dem Wintervorrat drei Punkte hinzugefügt, könnte am Sonntagabend, wenn das Derby zwischen dem BVB und Fleischtöpfe Gazprom wünschenswert endet, auf einem Europapokalrang stehen. Man redet uns immer ein, dass es spezifisch Berliner Größenwahn ist, von europäischen Spielen zu träumen. Dabei ist es doch so: In diesem Jahr spielt Augsburg international, weil diese Liga so etwas hergibt. Sie ist ungeheuer dicht, und um den sechsten oder siebten Platz spielen fast alle Mannschaften, die mit dem Abstiegskampf nichts zu tun haben. Und das war doch das Saisonziel von Hertha.


Geschrieben von marxelinho am 07. November 2015.

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John (am 07. November 2015)

Vielen Dank für die fleißigen Blogeinträge. Mittlerweile freue ich mich fast mehr auf deinen Spielbericht als auf den Sportteil der SZ am Montag. Für Kommentare bin ich i.d.R. zu bequem, hoffe aber das es diesen Blog noch eine Weile gibt. Er sollte Pflichtlektüre für alle Herthaverantwortlichen werden. Grüße
Jörg (am 08. November 2015)

Auch ich war bisher immer zu bequem einen Kommentar zu schreiben. Aber John hat Recht: Man muss dir für deinen Blog einfach ein großes Lob aussprechen. Vielen Dank, dass du ihn schreibst. Ich freue mich nach jedem Spiel immer auf deine Meinung dazu.
06. November 2015

Aus dem Tritt in die Spur

Hertha eröffnet dieses Bundesliga-Wochenende mit einem Auswärtsspiel in Hannover. Hanoi, sagen die Freunde in gewohnt respektloser Lingo. Hanoi wird, nachdem das Heimspiel gegen Gladbach (da kenne ich keine linguistische Verunglimpfung) die Verhältnisse in der engen Liga doch deutlich gerade gerückt hat, vielleicht eine Richtung weisen. Hertha muss sehen, wieder Tritt zu fassen. Zuletzt sahen wir doch drei Spiele, in denen von den konstruktiven Ansätzen zu einer integrierten Spielanlage nicht so viel erkennbar war.

Es gibt auch Personalfragen. Keine dringenden, aber der Coach muss ein bisschen moderieren. Spielt Müdigkeit auch eine Rolle? Manches deutet darauf hin, zum Beispiel die eine oder andere Zerstreutheit von Skjelbred. John Brooks ist wieder fit, er wird nicht auf Dauer auf der Bank sitzen wollen, oder wenn, dann wird das vermutlich sein Bedürfnis nicht steigern, sich vertraglich länger an Hertha zu binden. Stark hat sich auch als zu interessant erwiesen, als dass man ihn wieder an den Rand schieben sollte.

Marvin Plattenhardt wurde langfristig bis 2020 gebunden, das riecht schon ein wenig nach Beamtenpragmatisierung, wir können nur hoffen, dass er das Vertrauen mit gedeihlichem Wachstum rechtfertigt. Mit zunehmender Konzentration bei den Standards, mit Dynamik im Offensivspiel. Die Voraussetzungen hat er, um Herthas bester Mann auf dieser Position seit Menschengedenken zu werden. Das Menschengedenken beginnt für mich bei Michael Hartmann, dem ersten in einer langen Reihe von bestenfalls durchschnittlichen linken Außendeckern bei Hertha. Plattenhardt hat gegenüber allen seinen Vorgängern einige Vorteile, seine Entwicklung wird aber auch davon abhängen, ob es der Mannschaft mittelfristig wieder besser gelingt, ein Spiel zu gestalten.

Das wird stark mit jener Mittelfeldzentrale zu tun haben, bei deren Besetzung Pal Dardai mehr denn je aus einer Vielzahl von Varianten wählen kann. Skjelbred, Darida, Lustenberger, Stark und Cigerci sind die fünf Namen für zwei Positionen, auf jeden Fall sollte, wie immer sich das Duo jeweils konkret zusammensetzt, darauf geachtet werden, dass es nicht zu sehr auf einer Linie spielt - das meine ich buchstäblich, aber auch sinnbildlich. Einer muss offensiv stärker eingreifen, idealerweise kann das immer der sein, der gerade aussichtsreicher in einen Spielzug eingebunden sein. Der Kader erlaubt Flexibilität, der Coach sollte die gestalterischen Möglichkeiten nützen.

Vermutlich wird Baumjohann gegen Hanoi beginnen. Es wäre eine kleine Ansage, dass Hertha den Kampf um die erworbene Position in der vorderen Hälfte der Tabelle annehmen will, und drei Punkte als Ziel ausgibt. Kalou ist in Abwesenheit von Ibisevic die logische Sturmspitze. Das sieht der Coach nicht ganz so eindeutig, es könnte auch eine überraschende Formation geben, zumal Beerens wieder im Kader steht.

Wenn sich niemand verletzt, wird das für die letzten Spiele in der Hinrunde personell ein ganz schönes Gedränge. Vier Gegner auf Augenhöhe, ein keineswegs unschlagbarer Werksclub und der extraterrestrische FCB stehen noch auf dem Programm. Vor zwei Jahren waren wir alle bass erstaunt, als Hertha mit 28 Punkten in die Winterpause ging. Es folgte eine rätselhafte Stagnation, die beinahe zu einem dritten Abstieg geführt hätte. Vielleicht gelingt ja dieses Jahr eine bessere Balance zwischen den Saisonhälften. In jedem Fall kann sich die Mannschaft heute mit einer guten Leistung und einem Erfolg eine Richtung geben: Mittelmaß oder Ambition? Ambition ist das Gegenteil von Größenwahn. Mittelmaß ist das Gegenteil von gar nichts.


Geschrieben von marxelinho am 06. November 2015.

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01. November 2015

Permanenter Interimismus


Hertha gegen Gladbach, das sollte eines Tages ein Ligaklassiker werden. So hatte ich mir das gewünscht gestern am Vormittag, als ich nach Wochen, in denen ich kaum in Berlin war, zurückkam in die wunderbar herbstliche Stadt. Ideales Fußballwetter, und die Vorfreude auf eine spannende Begegnung. Leider war das Spiel dann ganz und gar einseitig. Hertha hatte gegen Gladbach keine Chance. Die Gründe waren ziemlich deutlich: Das Pressing der selbstbewussten Gegner war zu stark, zudem gingen sie klug zwischen die Linien. Es war letztlich eine Demonstration.

Das Spiel wurde im "Maschinenraum" entschieden. Der Vergleich zwischen Xhaka/Dahoud und Skjelbred/Darida fällt ganz eindeutig aus. Während Dahoud anfangs immer den dritten Anläufer bei Ballbesitz Hertha machte, und auch sonst oft eine Verbindung zwischen defensivem und offensivem Mittelfeld herstellte, spielten Darida und Skjelbred zumeist auf einer Linie, und brachten sich offensiv kaum ein. So war Cigerci nahezu im Alleingang für die Einleitung von Offensivaktionen zuständig, er hatte leider einen schwachen Tag. Interessant, dass Gladbach weiterhin de facto ohne Stürmer spielt, denn Raffael ist ja auch eher ein Zehner. Hertha ging in Abwesenheit von Ibisevic ähnlich an die Sache heran, brachte aber nicht so viel zusammen.

Markant dann, dass bei den beiden entscheidenden Toren, also beim ersten und beim dritten, ein eingerückter Winger (Johnson bzw. Traoré) die insgesamt gar nicht so schlechte Kompaktheit von Hertha durcheinanderbrachte. Einen Pass wie den von Xhaka auf Johnson hätte Darida nie spielen können, weil die räumlichen Verhältnisse nicht danach waren. Gladbach spielte da facto fast wie der FC Bayern, also starken Dominanzfußball.

Freunde hatten in den sozialen Netzwerken schon die ganze Woche darüber gerätselt, ob die Mannschaft vielleicht müde ist. Dazu werden wir in den kommenden Wochen genauere Hinweise entdecken können, ich kann mir dazu nur eine Laienmeinung erlauben, die eher in die Richtung geht, dass Dardai/Kuchno bei der Belastung auf die alte Schule zu setzen scheinen, also ordentliche Schinderei im Sommer und dann mal schauen, wie lange die Fitness hält.

Jedenfalls kommen nun Wochen, in denen es sehr darauf ankommen wird, die Talente gut einzusetzen. Dabei darf die Doppelsechs kein Tabu sein. Skjelbred und Darida müssen entweder flexibler und auch ein wenig mutiger (gegen die kommenden beiden Gegner) spielen, oder aber es wäre angeraten, sich des Umstands zu besinnen, dass Cigerci in der Regel besser ist, wenn er von weiter hinten kommt. Darida scheint sakrosankt, weil "Königstransfer", er ist sicher sehr wertvoll, aber es fehlt eine gestalterische Note.

Nach dem dritten Tor hat Dardai die Partie de facto aufgegeben, anders kann man die Auswechslungen (warum Kalou?) und die konfuse Offensivformation nicht begreifen. Haraguchi als Zentralstürmer ist sowieso ein Unsinn, das kann man vielleicht gegen den FCB noch einmal versuchen, aber dann ist Ibisevic ja wieder da.

André Schubert, der nun sechs Ligaspiele en suite mit Gladbach gewonnen hat, gab nach dem Spiel das weise Statement von sich, dass es in seiner Berufsgruppe nur "Interimstrainer" gibt. Daran wurde Berlin auf jeden Fall nachhaltig erinnert. Die Freude über das bessere Spiel der Mannschaft in dieser Saison, aber auch über die guten Auftritte von Pal Dardai in fast jeder Öffentlichkeit, wurde ein wenig getrübt, aber Dardai kann das sicher gut einordnen. Er ist schließlich selbst eine Art Interimstrainer mit originellem Vertrag.

Hertha hat ein Ligaspiel gegen eine Spitzenmannschaft, die einen Lauf hat, verloren. Das kann passieren, wenngleich ein wenig mehr Widerstand angebracht gewesen wäre. Aber den hat Gladbach früh gebrochen, indem sie die Linien, die Hertha zog, einfach ignorierten. Gegen Hannover wird Hertha ein wenig aus sich herausgehen müssen, sonst gibt es vielleicht noch eine herbstliche Ernüchterung.

Geschrieben von marxelinho am 01. November 2015.

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28. Oktober 2015

Humor ist, wenn man trotzdem flankt

Von Samstag bis Dienstag hat Hertha seine Fahrstuhljahre-Gedächtnis-Exkursion hinter sich gebracht. Zuerst gegen Ingolstadt in der Liga, dann gegen FSV Frankfurt im Pokal, zwei Spiele gegen Gegner aus der zweiten Liga, von denen der eine derzeit in der ersten spielt, bei dem zweiten ist mit einem Aufstieg kaum zu rechnen. Zwei Gegner, an die man sich noch gut erinnern kann, auch wenn diese Erinnerungen gerade unwirklich zu werden beginnen. Zwei Siege, von denen kaum etwas zu notieren wäre als die Buchungsergebnisse: drei Punkte aus Ingolstadt, Tabellenposition 5 vor dem "Spitzenspiel" gegen Gladbach am Samstag. Sieg gegen FSV Frankfurt nach Verlängerung, damit Eingang in den Lostopf für die nächste Runde, in der durchaus ein Heimspiel drin sein könnte.

Zu einem gutem Saisonverlauf gehört häufig auch, dass eine Mannschaft zu ihrem Glück gezwungen wird, nicht selten durch ein Unglück. Die Verletzung von Petr Pekarik fällt in diese Kategorie. Sie gibt Mitchell Weiser die Gelegenheit, sich als offensiver Rechtsverteidiger nachhaltig zu profilieren, wobei der Anreiz, dass das eine im Nationalteam mittelfristig keineswegs eindeutig besetzte Position ist, nicht ohne Interesse sein wird. Weiser war der definierende Spieler dieser zwei Arbeitssiege, mit einem Tor in Ingolstadt und einer Flanke in Frankfurt, und mit seiner allgemeinen Agilität. Er bringt ein Quäntchen Witz mit, das Hertha derzeit brauchen kann.

Denn es handelt sich bei diesem Jahrgang um einen sogenannten "humorlosen", er wird dominiert von "no nonsense"-Typen wie Sebastian Langkamp oder Vladimir Darida, selbst Salomon Kalou jubelt, als müsste er beim Bingo eine Ziffer in ein Feld eintragen. Er schlich sich in Frankfurt an das Ende einer schönen Banane von Weiser, und verwertete sie geschickt, mit einer leicht ins Akrobatische glänzenden Note. Später holte er sich von Fanol Perdedaj einen Elfmeter, den er in gewohnter Manier verwertete: platziert in die Mitte, aus der sich der Torhüter, zu einer Bewegung durch Täuschung gezwungen, entfernte.

In Ingolstadt fiel der Treffer früh, danach verteidigte Hertha lange und halbwegs konzentriert gegen einen Gegner mit dem Offensivpotential eines Zweitligisten. In Frankfurt ging der Gegner sogar in Führung. Hertha litt vor allem, so hatte ich jedenfalls den Eindruck, unter dem holprigen Platz. Denn neben der Humorlosigkeit fällt vor allem die technische Grundqualität der Mannschaft ins Auge, die leidet nun einmal, wenn der Ball dauernd verspringt. Weiser sowie Haraguchi verbinden Technik mit einer Dynamik, die zumindest für Momente das Wühlen und Dühlen transzendiert, aus dem die vergangenen 180 (+30) Minuten vor allem bestanden. Wobei Weiser im Grunde nur einen Trick hat, aber der reicht für eine Menge.

Unweigerlich denkt man, wenn man ihn spielen sieht, an eine Personalie aus der Vergangenheit, an eine der vielen Ideen, die in Berlin einmal zirkulierten. Weiser ist eben kein neuer Lell, mit ihm wurde keine genetische Ausstattung gekauft, die anderswo Erbsubstanz ist. Weiser erweckt den Eindruck, dass ihm seine Zeit beim FCB nicht mehr viel bedeutet, dass er einfach nun in einer Mannschaft spielt, in die er passt. Und der Coach vermittelt glaubhaft und mit dem ihm eigenen Schalk den Eindruck, er hätte das immer schon gewusst und es Weiser auch so schmackhaft gemacht.

Da ich bei Lell auch immer an Ottl denken muss (der Wagnisgott sei seinem Startup gnädig), wird mir klar, was diesen Jahrgang auch noch positiv auszeichnet: Es finden sich darin keine Spieler mehr, die mit Standing oder irgendwelchen anderen sekundären Tugenden einen Platz in der Mannschaft behaupten, den sie mit ihrem Spiel nicht verdienen. Hertha hatte häufig solche Hierarchen, ich denke an Niko Kovac, vor allem aber an Ottl, der die Tatsache, dass er von den Bayern kam, sicher selber gar nicht so wichtig nehmen wollte. Aber sie sicherte ihm einen Platz im Team, denn er war für eine Rolle designiert worden, sodass man lange nicht wahrhaben wollte, dass er sie extrem uninteressant interpretierte.

Kalou wäre bei der aktuellen Hertha das Beispiel für so einen Spieler, der anfänglich von der Aura zu leben versuchte. Nicht mehr in diesem Jahr. Er ist besser geworden, weil er sich dem gleichen Leistungsprinzip unterwirft, das für diese Mannschaft mit ausgeprägt flacher Hierarchie gilt. Ich muss nicht groß betonen, dass es viel mehr Freude macht, vor diesem Hintergrund die kleinen Leistungsexplosionen zu beobachten.

Ich musste das jeweils auf einem kleinen Schirm tun, war also nicht in dem wünschenswerten Maß nah dran. Meinen Rückflug aus Wien, wo ich derzeit bin, habe ich allerdings so gebucht, dass ich am Samstag im Stadion sein kann.


Geschrieben von marxelinho am 28. Oktober 2015.

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17. Oktober 2015

Technisches O.K.

Das Stenogramm zum Spiel bei Schalke. Eigentlich hatte ich ja gedacht, ich hätte in den letzten ein gutes, gelassenes Verhältnis zum Fußball gefunden. Milde, starke Liebe zu meinen Vereinen, eher stille Freude, wenn mal was klappt, und bei den ja doch häufigen Enttäuschungen irgendwie die Ruhe bewahren. Und dann so ein Spiel, und ich bin wieder mittendrin, und werde herumgeschleudert wie nur einer.

Hertha hat selten, jedenfalls seit ich genauer zuschaue, eine so frustrierende Niederlage erlebt wie dieses 1:2 in der Arena auf Gazprom. Eine extrem ungeschickte erste Hälfte, gekrönt von einer roten Karte gegen Ibisevic und einem absolut ärgerlichen Kopfballgegentreffer durch Höwedes (dem Ibisevic vielleicht zugeteilt gewesen wäre, wäre er noch auf dem Platz gewesen). Eine Stunde schwamm Hertha vor allem bei Flanken von S04, und von diesen ließ die Mannschaft sehr viele zu. Dabei war Hertha aber immer auch die bessere Mannschaft, technisch auf jeden Fall, aber davon allein kann man sich nichts kaufen.

Mit der Einwechslung von Baumjohann schon zur Pause kam noch mehr Qualität im Detail, aber dieses Mal brauchte es einen, ich spreche jetzt einmal ein bisschen Fandeutsch, ausgebufften Fuchs wie Kalou, der Weiser einen Ball in den Flankenfuss zusteckte, und sich dann am anderen Ende (für Höwedes auch das andere Ende!) bereithielt, um einzunicken. Wunderbarer Spielzug. Und dann noch die anderen Chancen, der Pfostenschuss von Weiser, später Lustenberger allein vor Fährmann.

Der Keeper von S04 hatte schon nach einer Stunde, bei 1:0 und einem Mann mehr, auf Zeit gespielt! Soviel zur Qualität der Breitenreiterer. Der Siegestreffer von der allerletzten Minute war dann auch ein Konter! Das muss man sich einmal ausdenken. Für Schalke wäre das Remis eine absolute Blamage gewesen, aber Hertha erwies sich als romantisch, ging noch weit in der Nachspielzeit weit nach vor, ließ sich durch einen perfekten Lochpass aufmachen. In diesem Moment hätte Brooks allerdings auch Meyer ein wenig entschiedener folgen können, denn es war klar, dass Sane nur zurücklegen kann. Er war aber erst ein, zwei Minuten im Spiel.

Pal Dardai, dessen Interviews fast immer ein Genuss sind, hatte nachher wieder einmal die beste Deutung: "Ich glaube, meine Mannschaft hat auf den Sieg gespielt." Und da musste er ganz leise lachen. Denn diese Naivität in der allerletzten Minute hat Hertha sich heute rechtschaffen erarbeitet. Die Niederlage tut weh, ist aber mit ermutigenden Erfahrungen drapiert.

Geschrieben von marxelinho am 17. Oktober 2015.

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Jörg (am 27. Oktober 2015)

Vielen Dank für die immer wieder sehr schönen Analysen! Als sichtbares Zeichen meiner Dankbarkeit hier ein Link, der @marxelinho vielleicht interessiert: http://putnielsingoal.com/2015/10/26/together-and-alone-camus-football-philosophy/
03. Oktober 2015

Heut war ich mal im Tanzlokal


Seltsame Stimmung nach dem Heimsieg gegen den HSV. Eigentlich sollten wir ja aus dem Staunen gar nicht mehr herauskommen, andererseits war das so eine souveräne, fast schon kühle Leistung, dass man sich im Moment nicht so recht vorstellen kann, wie trübsinnig in Berlin vor kurzer Zeit alles noch war. 

Das Exempel für die Veränderung ist Salomon Kalou. Heute war der Spieler zu sehen, den Hertha im vergangenen Sommer gekauft hat - ein Klassestürmer, der aber auch engagiert arbeitet. Den Führungstreffer erzielte er in einer Manier, die ihm in der Liga nur wenige nachmachen könnten: ein schönes Zuspiel von Weiser von halbrechts, Platz ist eigentlich nicht, aber Djourou bietet ihm einen Tanz an, Kalou verlagert Ball und Körper, die Lücke nützt er mit einem satten Flachschuss von der Strafraumgrenze.

Später präsentierte er Darida noch eine exzellente Chance mit einem Fersler, dann musste er frühzeitig vom Platz. Er ging hinaus als voll integrierter Teil einer Mannschaft, die eindeutig aus 14, 15, potentiell (mit den aktuell Verletzten) aus 18,19 guten Spielern besteht, wobei heute sogar Jens Hegeler wieder gebraucht wurde, weil nach der Verletzung von Stark mit Lustenberger nur noch ein Innenverteidiger da war.

Rune Jarstein deutete mit seiner Strafraumbeherrschung und der Spieleröffnung mit dem Ball am Fuß an, dass sich die Mannschaft mit ihm wohler fühlt als mit Thomas Kraft. Da könnte ein Härtefall auf die Entscheider zukommen, vorläufig würde ich Jarstein nicht ins zweite Glied zurückschicken.

Die linke Seite war mit Tolga Cigerci auf dem Flügel ein wenig unorthodox besetzt, und die meiste Zeit ging auch tatsächlich mehr über rechts, wo Weiser und Haraguchi immer besser zusammenarbeiten. Beide stehen für eine deutlich technischere Hertha, für ein trickreicheres Spiel, wobei auch die Defensivleute wie Skjelbred immer wieder zeigen, dass sie den Ball zu behaupten und zu verarbeiten wissen.

Cigerci war dann aber der Mann der entscheidenden Szene. Hertha hatte nach dem frühen Führungstreffer eher zurückhaltend weitergemacht, der biedere HSV bereitete auch wenig Probleme. Aber Mitte der Halbzeit zwei musste doch etwas getan werden, um dem Spiel eine eindeutige Richtung zu geben. Wieder war es Djourou, der sich "austanzen" (Ibisevic) ließ: Cigerci spielte von der Grundlinie ideal in den Fünfer, und dieses Mal musste der Mann, den Stuttgart wohl längst schmerzlich vermissen wird, nicht einmal wissen, wo das Tor steht. Er konnte nur in diese eine Richtung verwerten, alles andere wäre grotesk gewesen. 2:0.

Das 3:0, ein leicht verzerrtes Abziehbild des Konters aus dem Spiel gegen den VfB, hätte nicht zählen dürfen, wurde aber auch nur noch für die allgemeine Heiterkeit eines Großteils der 65000 Zuschauer gebraucht. Am Tag der deutschen Einheit zeigte Hertha, dass der Berliner Erstligist vielleicht doch irgendwann in der Lage sein könnte, sich dieser in vielerlei Hinsicht so großartigen Stadt ebenbürtig zu erweisen. Wir Fans tanzen unseren Herzschmerz weg, indem wir versuchen, den Kalou-Shake und den Cigerci-Knoten vor der Kiste nachzumachen. Sieht lustig aus. Sollte Schule machen. 

Geschrieben von marxelinho am 03. Oktober 2015.

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27. September 2015

Mit dem Ball läuft das Spiel gleich viel besser

Das Stenogramm zum Spiel von Hertha in Frankfurt: Ein 1:1, das so absolut in Ordnung geht, wenn auch der Spielverlauf fast noch ein paar frivole Gedanken in Richtung Siegestreffer nahelegte. Es spricht viel dafür, diesen Gedanke nicht lange nachzuhängen. Hertha hat gut gespielt, viele kleine Unzulänglichkeiten haben aber dazu geführt, dass es erst in der zweiten Halbzeit zu einem kontrollierteren Spiel kam.

Frankfurt hielt sich zurück, nachdem die Gastgeber die erste Hälfte bestimmt hatten - und durch Meier nach einem Eckball auch in Führung gegangen war. Für Niklas Stark, der gut spielte, war es ein Moment der Wahrheit. In der Innenverteidigung reicht eben ein Konzentrationsfehler, um eine gute Leistung zu relativieren. Stark hatte in der zweiten Halbzeit noch einmal so einen Moment, der aber folgenlos blieb.

Es fällt auf, dass Jarstein im Tor deutlich mehr mitspielen will, er vermeidet, wo immer es geht, den langen Abschlag, schafft dadurch aber auch manche heikle Situation. Cigerci spielte anfangs weit vorn, erst nach dem Gegentreffer ließ er sich zurückfallen und kam aus dieser Rolle besser zur Geltung. Er ärgerte sich, als er nach einer Stunde ausgewechselt wurde, das hatte wohl auch mit seiner Matchfitness zu tun. Ich hätte Darida ausgewechselt, doch der erzielte schließlich in der 82. Minute den Ausgleich.

Hertha hatte mit den Einwechslungen von Stocker und Baumjohann personell mehr zuzusetzen als Frankfurt. Sieh einer an. Das hätten wir vor einer Weile wohl noch nicht für denkbar gehalten. Wie auch, dass es möglich ist, eine ganze Spielhälfte lang ein lupenreines, geduldiges Dominanzspiel aufzuziehen, das auf einer auffälligen individuellen Lösungskompetenz beruht, die allerdings auch da noch durch den einen oder anderen unnötigen Ballverlust entwertet wurde.

Hertha ist technisch um eine Klasse besser in dieser Saison, und das gilt nahezu durch die Bank. Das hat wohl auch mit der Tabellensituation und mit Selbstbewusstsein zu tun, beruht aber auf einem Wissen, was zu tun ist. Dieses Wissen kann nur aus den Übungseinheiten und von den Trainern kommen.

Zusammen mit der guten Balance im Kader ergibt das einen satisfaktionsfähigen Bundesligisten, der es sogar schafft, den Spielen gegen die Frankfurter Eintracht die Volatilität zu nehmen. Der gute Weg zu einem variantenreichen, anspruchsvollen, integralen Spielentwurf wurde heute nicht verlassen. Im Gegenteil, in der zweiten Halbzeit war das nachgerade eine Trainingseinheit in Sachen Ballbesitzfußball. Es war zum Teil ein Vergnügen. Hertha macht Spaß in diesem Herbst.

Geschrieben von marxelinho am 27. September 2015.

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25. September 2015

Der Schwierige

Inzwischen hat sich die Verblüffung über den Affront ein wenig gelegt, mit dem Lucien Favre seinen Dienst bei Borussia Mönchengladbach quittiert hat. Es bleibt aber natürlich die Herausforderung, einen neuen Trainer, am besten für eine neue Ära, zu finden. Und auch seine eigene Karriere steht nun plötzlich unter einem Vorbehalt. Denn zu deutlich sind die Parallelen zwischen seiner ersten Station in der Bundesliga, also Hertha BSC, und seiner zweiten bei Gladbach.

Für die Fans von Hertha haben die Ereignisse bei Gladbach etwas Kathartisches. Sie befreien uns endgültig von den Nachwirkungen der großen Enttäuschung von 2009. Die Umstände, unter denen Favre damals ging, waren an sich schon "traumatisch" genug, die ganze Sache mit den zwei Abstiegen und der frustrierenden Suche nach einem dauerhaft brauchbaren Coach wurde aber noch dadurch verstärkt, dass Favre bei der Borussia anscheinend das verwirklichte, womit er in Berlin scheiterte.

Simpel gesagt, kam Hertha für Favre zu früh. Er war noch nicht in der Lage, mit der Herausforderung eines Bundesligaclubs umzugehen, er war sprachlich noch nicht auf der Höhe, und er war zu sehr Idealist, um einen ganz normalen Kader mit teilgenialen Spielern wie Pantelic zu akzeptieren. In Gladbach war er richtig, und Hertha musste sich vorkommen wie eine Jugendliebe, die mit ansehen muss, wie der ehemalige Partner einen großen Weg macht, während man selber nicht und nicht vom Fleck kommt.

Nun zeigt sich aber, dass der Favre von 2015 mit dem von 2009 noch eine Menge gemeinsam hat. Es hat zwar einen unangenehmen Beigeschmack, wenn man aus einem Unglück bei den Nachbarn Befriedigung zieht, in diesem Fall aber ist es kaum zu vermeiden. Zufällig passiert das alles in einem Moment, da Hertha zum ersten Mal seit 2008/2009 wieder das Gefühl haben kann (und ich sage das eben nicht mehr mit allen rückversichernden Einschränkungen, zu denen wir uns als Fans so lange zwingen mussten), es könnte der Anschluss an die Entwicklung der Liga gelingen.

Es gibt also einen positiven Eigenanteil an dieser Verarbeitung, die mit Schadenfreude nichts zu tun hat, sondern einfach mit einer Genugtuung darüber, dass die Fehlbarkeit anderswo nicht aufgehoben ist. Ich glaube, dass das einer der elementaren Affekte im Leben von Fußballfans ist: eine Befriedigung darüber, dass sich das Spiel fast überall und jederzeit als komplexer erweist, als Tüftler wie Favre das ertragen und kontrollieren können. Dass sein Rücktritt damit auch etwas von Hybris erkennen lässt, von einem pathetischen Entweder/Oder, ist ein weiteres Moment, das rückwirkend auch Hertha exkulpiert.

Hier wurde er entlassen, in Gladbach entließ er sich selbst, in beiden Fällen ging es um dramatische Umschläge, wobei die Radikalität, sich zwei Tage vor einem keineswegs aussichtslosen Ligaspiel umstandslos zurückzuziehen, auf Faktoren verweist, die vermutlich zu persönlich sind, als dass wir sie wirklich in Rechenschaft ziehen können. Gladbach hat gegen Augsburg ja auch gewonnen, und das war sicher kein negativer Trainereffekt, sondern in jedem Fall das wahrscheinlichere Szenario.

Hertha tappte in den Jahren seit Favre mehrfach recht gründlich im Dunkeln. Nur deswegen konnte Jos Luhukay ein wenig länger als angebracht als Lichtgestalt erscheinen. Der Wunsch nach einem Trainer, der eine Ära prägen könnte, ist tief ausgeprägt, enthält aber eine Engführung, die erst recht wieder kontraproduktiv werden kann. Gladbach kann nun vielleicht zeigen, dass die Lernprozesse unter Favre solche des ganzen Clubs waren, dass also der Fortschritt nicht vom charismatischen Individuum allein abhängt.

Das wäre eine dialektische Auflösung, mit der Favre sich für Gladbach tatsächlich als eine entscheidende Station erweisen könnte. Und in gewisser Weise sogar noch für Hertha auch, wo mit Luhukay noch einmal der Versuch unternommen wurde, alles auf einen Hoffnungsträger zu fokussieren, während Pal Dardai sich nun eher als eine Art Moderator in einer stärker arbeitsteiligen Struktur zeigt. Das wäre schließlich der wichtigste Schritt in der Verarbeitung des Favre-"Liebeskummers", wie das eine Hertha-Freundin genannt hat: dass nicht mehr der Trainer allein modern sein muss, sondern der ganze Club. Hertha deutet da gerade etwas an.

Eine Pointe hat die Sache mit Favre noch. Ich hatte ihn ja, halb im Ernst, als Nachfolger für Arsène Wenger bei Arsenal im Auge (ich habe auch Freunde, die ihn für den FC Bayern "aufbauten"). Hat er sich zu stark beschädigt? Es gibt nun doch gute Gründe, an Favres Belastbarkeit zu zweifeln. Wo immer man ihm eine nächste Chance gibt, wird er wieder als Maverick einsteigen. Er muss also wieder einmal von vorn anfangen. Aber das ist im Fußball ja sowieso die prägende Erfahrung.

Geschrieben von marxelinho am 25. September 2015.

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23. September 2015

Einfache Doppelspitze

Vertikaler kann man einen Konter kaum spielen als den, mit dem Hertha gestern den 2:0-Heimsieg gegen den FC Köln besiegelte. Ausgerechnet auf Johannes van den Bergh kommt alles an, er lässt sich Zeit, so viel Zeit, wie notwendig ist, um die Laufrichtung von Alexander Baumjohann zu erkennen und auch ein wenig zu suggerieren, der Pass kommt sehr schön in den Sprint, während Ibisevic schon unterwegs in Richtung des gegnerischen Sechzehners ist. Der neue Stürmer schließt in der Manier ab, die Könner seines Faches auszeichnet: alles ist haarscharf, flacher könnte der Lupfer kaum sein, mit dem er das linke Bein des herauseilenden Keepers überwindet.

Der Treffer in der Nachspielzeit einer spannenden Begegnung darf als Wegmarke verzeichnet werden. Die Depression ist überwunden, diese merkwürdige Phase, die ja auch noch das Wirken von Dardai/Widmeyer in der vergangenen Saison so wesentlich bestimmt hat, und der es zuzuschreiben ist, dass wohl nicht nur ich mit einem guten Maß Skepsis in diese Spielzeit gegangen bin. Die hat ja auch mühsam begonnen, aber inzwischen ist unübersehbar, dass diese Mannschaft und vor allem dieser Kader in dieser Liga etwas zu bestellen haben.

Für Michael Preetz muss der Sieg eine besondere Genugtuung sein, denn die zwei Tore von Vedad Ibisevic sind auch Bestätigung für seine Personalpolitik, die sich, in Kombination mit den zwei gewichtigen Neuzugängen aus der Rehabilitation, Baumjohann und Cigerci, als konstruktiv erweist. Das hat auch damit zu tun, dass DW (so werde ich künftig das Betreuerduo abkürzen) die Auswahlmöglichkeiten nützt.

In einem Heimspiel gegen einen direkten Konkurrenten (wobei sich noch weisen muss, worum genau konkurriert wird) musste Hertha eine etwas offensivere Formation aufbieten als auswärts in Wolfsburg. Die Lösung für das Flutlichtspiel in der englischen Woche war sowohl taktisch wie personalpolitisch gescheit: Kalou bildete mit Ibisevic zusammen eine Doppelspitze, de facto spielte der Ivorer eine Art Zehner, und er drückte sich auch vor den damit verbundenen defensiven Aufgaben nicht.

Cigerci musste auf die Bank, Baumjohann wäre die Alternative zu Kalou gewesen, man sieht, es gibt Optionen, aber es war wichtig, den zwei Alpha-Angreifern schon einmal deutlich zu machen, dass sie kompatibel sind. Die Viererkette bildeten, in Ermangelung von drei Viertel der Stammbesetzung, Plattenhardt, Lustenberger, Stark und Weiser. Der ehemalige Kölner war die zweite auffällige Personalie, er zeigte sich schon viel besser mit der doppelten Funktion auf seiner Position vertraut, war defensiv präsenter, und sorgte offensiv für interessante Situationen, vor allem mit seinem Trademark Move, einem Haken nach innen.

Weiser steht für einen neuen Esprit in dieser Mannschaft, für ein technisch anspruchsvolleres Spiel, das schnellere Passfolgen erlaubt und natürlich im besten Fall auch inspirierend ist. Der Sieg gegen Köln, der mit einem Tor gegen Ende der ersten Halbzeit auf den Weg gebracht wurde, war verdient, wenn auch umkämpft. Hertha ist kompakt, lässt aber doch immer wieder eine Menge zu.

Vor zwei Jahren hatte Hertha, damals als Aufsteiger, nach sechs Spielen acht Punkte, und alle waren positiv überrascht. Es wurde eine erfreuliche Hinrunde, gipfelnd in einem Auswärtssieg beim BVB. Danach musste man den Eindruck haben, als hätte jemand dem ganzen Projekt den Boden unter den Füßen weggezogen. Gerade auch vor diesem Hintergrund fällt ins Auge, wie klug DW vorgehen. Der lange Zeit indiskutable Kalou wird nicht bloßgestellt, sondern vor eine Situation gestellt, mit der er umgehen kann, die ihn aber auch herausfordert. Ein wenig unvermutet, denn konkret konnte sich das ja wirklich erst im Spielbetrieb erweisen, hat Hertha plötzlich einen Kader, der positive Konkurrenzsituationen schafft.

Nun wird spannend zu beobachten sein, wie ein sensibler Könner wie Stocker mit seiner Rolle umgeht (bei ihm ist am deutlichsten, dass er noch nach seinen Möglichkeiten sucht), und wie Cigerci in die Mannschaft integriert wird. Er kam erst in der 90. Minute, eigentlich ist er aber kein Ergänzungsspieler, und gerade bei der Spieleröffnung war zu bemerken, dass man ihn hätte brauchen können - das fiel aber vor allem deswegen auf, weil er sich gegen Wolfsburg so gut eingebracht hatte.

Man hat den Eindruck, dass Hertha technisch und athletisch deutlich verbessert ist, mit positiven Erfahrungen könnte sich da noch einiges an erfreulichen Möglichkeiten ergeben. Ein Drittel der Hinrunde ist gespielt, darunter auch schon zwei der großen drei (zweimal respektabel verloren), nun kommen Gegner, in deren Preisklasse man sich in etwa bewegt. Mit der einfachen Doppelspitze, also einem ziemlich orthodoxen 4-4-2, hat Hertha schon einmal eine gute Formation. Der Führungstreffer war fast schon ein Schulbeispiel für die entsprechenden Laufwege, Plattenhardt wird aus dem Zentrum heraus auf den Weg gebracht, Ibisevic geht auf den kurzen Pfosten, und hat die Technik, den Flankenball einzunicken. Ein Tor wie aus dem Skizzenbuch. Hertha deutet aber auch schon das eine oder andere Action Painting an.


Geschrieben von marxelinho am 23. September 2015.

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20. September 2015

Halbs hinum, halbs herum

Als Hertha gestern gegen den VfL Wolfsburg antrat, musste ich gerade zum Boarding für den kurzen Flug von Helsinki nach Berlin, mit dem ich schließlich aus Toronto zurückkehrte. Traditionell beginnt damit nicht nur der Herbst für mich, sondern auch eine Periode mit viel Fußball, wobei ich dieses Mal eben nicht live zurechtkam, sondern mir das Spiel am Sonntagmorgen aus der Konserve ansah.

Es ging schließlich mit 0:2 verloren, die Tore fielen spät, lange Zeit stand das Spiel zwar nicht eigentlich auf der Kippe, aber es war offen, ob eines der beiden Konzepte aufgehen würde - ein 0:0 hätte aber auch gepasst. Bei dem oberösterreichischen Schriftsteller Alois Brandstetter habe ich neulich eine schöne Dialektformulierung für diesen Zustand des Unentschiedenen gelesen: "halbs hinum, halbs herum" sagen die Leute in meiner Gegend, wenn etwas so oder so hätte sein können, wenn es einerseits in diese Richtung ("hinum" = hinüber) hätte kippen können, andererseits aber auch in die andere ("herum" = herüber).

Im Detail betraf das vor allem ein paar Schiedsrichterentscheidungen, die so oder so hätten ausfallen können. Es gab mehrfach Elfmeteralarm, in keinem Fall allerdings war er dramatisch, auch wenn man schließlich sagen könnte (im Einklang mit Dr. Markus Merk übrigens, dessen ein wenig lächerlich vermarktete Autorität ich aber nicht befördern möchte), dass die Ansprüche von Mitchell Weiser gegen Naldo vielleicht am stärksten berechtigt gewesen wären.

Generell ist es ja so, dass bei Fouls aufgrund der Athletik und Schnelligkeit des Spiels immer schwerer zu entscheiden ist, wieviel davon Geben und wieviel Nehmen ist. Das Foul, das sich Julian Draxler von Fabian Lustenberger in der Schlussphase holte, ist so ein Fall: die Wendung, mit der der Stürmer den Verteidiger überrascht, ist zugleich schon wesentlicher Teil des Falls, den er damit herbeiführt. Lustenberger hat nicht einmal mehr Zeit genug, um zurückzuziehen.

So enthielt dieses Spiel zahlreiche Detailszenen, in denen sich das große Ganze wiedererkennen ließ: dass hier zwei Mannschaften, zwischen denen lange Zeit kein grundlegender Qualitätsunterschied erkennbar war, auf einen Moment hinarbeiteten, in dem etwas die Ausgeglichenheit aufheben konnte.

Dabei war die Rollenverteilung vor allem durch ein Detail doch deutlich erkennbar. Hertha spielte mit Skjelbred, Cigerci und Darida, also nominell mit drei defensiven Mittelfeldspielern, auch wenn Darida de facto einen Zehner versuchte. Die erste Halbzeit war auf jeden Fall eine Bestätigung der Tendenz, dass Hertha in dieser Saison durchaus konkurrenzfähig sein kann, das war nicht nur Abwarten auf Konter, das war mehr als klassisches Upsetting. Dann verletzten sich allerdings Langkamp (Pressball mit Guilavogui) und Kraft (an der Schulter nach einem "Luftkampf" mit Naldo). Die beiden erforderlichen Auswechslungen machten den Matchplan obsolet.

Wir können davon ausgehen, dass Dardai andernfalls ab der 60. oder eher ab der 75. Minute offensive Qualität eingewechselt hätte, in einem Spiel, in dem allerdings auch ein 0:0 als Erfolg hätte gelten können. Baumjohann aber blieb auf der Bank, stattdessen kam spät noch van den Bergh.

Den Ausschlag gab eine Einwechslung bei Wolfsburg. Maximilian Arnold spielt den entscheidenden Ball, eine Flanke, die Plattenhardt auf dem falschen Fuß erwischt. Er versucht noch, Caligiuri und Dost abseits zu stellen, wie es Lustenberger suggeriert, aber dazu reicht die Zeit nicht mehr. Arnolds Ball ist perfekt, Kruse hatte ein paar Minuten davor mit einer Hereingabe auf Draxler alles vorgemacht.

Hertha hat mit vielen Verletzungen zu kämpfen, fast alle sind den Unwägbarkeiten des Spiels geschuldet, sind also mit einem Wort auf Pech zurückzuführen. Trotzdem ist da eine interessante Mannschaft auszunehmen. Cigercis Comeback machte das Spiel aus der eigenen Hälfte heraus sofort variantenreicher, oft ließ er sich weit fallen, um die Innenverteidiger bei der Spieleröffnung zu unterstützen.

Stocker und Darida waren defensiv zu stark beansprucht, um wirklich Akzente setzen zu können, Haraguchi bestätigt seine wachsende Bedeutung, und Ibisevic, der schon an Kalou vorbeigezogen ist, ist ganz vorn deutlich besser eingebunden als der Star von der Elfenbeinküste. Unspektakulär, für die geneigten Zuschauer aber doch sehr erfreulich, konsolidiert sich da gerade eine Mannschaft, die irgendwann auch die individuellen Talente (Stocker, Weiser) besser zur Entfaltung bringen könnte.

Der VfL Wolfsburg ist keineswegs außer Reichweite, Hertha hat es geschafft, auch die gut ausgestattete Werksmannschaft in die enge Liga zu zwingen, die ab Platz 3 in der Tabelle beginnt. Wenn man allerdings einen Arnold einwechseln kann, und einen Stürmer mit dem Selbstvertrauen eines Bas Dost, sind das dann doch Faktoren, die zu dem "halbs hinum" beitrugen. Denn am Ende war das Match dann eben nicht nur vorüber, sondern auch hinüber.

Die nächsten drei Spiele gegen Köln, Frankfurt und Hamburg werden Hertha helfen, sich in dieser Liga besser zu orientieren. Das Heimspiel gegen Köln verspricht auch ein paar Hinweise darauf, wie Pal Dardai und Rainer Widmeyer sich die offensivere Hertha vorstellen. Skjelbred, Dardida und Cigerci, dazu irgendwann wohl auch wieder Lustenberger, das wird ein interessantes Puzzle.

Der tschechische "Königstransfer" spielt nach wie vor mit dem Bonus seiner Ablösesumme, ist aber noch immer nicht wirklich in der Verfassung für prägende Aktionen. Gleiches gilt für Stocker, der ein Jahr davor dieses zweifelhafte Etikett zu tragen hatte, seinen Wert allerdings schon mehrfach, nie aber wirklich kontinuierlich, unter Beweis gestellt hat. Das sind alles spannende Fragen, die das Verhältnis von Grundlagenarbeit und Kreativität betreffen. Die Niederlage in Wolfsburg kam auf eine Weise zustande, die der Selbstfindung dienlich sein kann.


Geschrieben von marxelinho am 20. September 2015.

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Natalie (am 21. September 2015)

Top. Die Mannschaft findet und entwickelt sich. Mir gefällt der Kader zusehends besser und die Transfers sind stimmig bzw. zahlen sich bereits aus. Ha Ho He!
12. September 2015

Bube, König, Alte Dame

Das Stenogramm zum Heimsieg gegen den VfB Stuttgart: Redlich erarbeitet, schließlich verdient, und doch glücklich. So in etwas stellte sich mir die Sache dar, in Toronto vor einem Rechner sitzend, das Bild aber gut scharf. Hertha hat eine der Reformmannschaften der Liga bezwungen, immerhin hat Stuttgart mit Alexander Zorniger einen der viel beachteten Konzepttrainer verpflichtet, um damit einen Neuanfang zu schaffen. Die Niederlage gegen Hertha ergibt nach vier Runden: null Punkte, Tabellenplatz 17, vor dem unerwarteten Krisenteam aus Gladbach, von dem man eigentlich erwartet hatte, dass es in dieser Saison den nächsten Schritt von einer Reformmannschaft zu einer etablierten machen würde.

Bei Hertha vollzieht sich der Umbruch diskreter, er steht nicht ausdrücklich unter einem Label, sondern kann noch als vorsichtige Aufbauarbeit nach einem eineinhalbjährigen, immer noch recht schwer erklärlichen Stillstand verstanden werden. Und so war heute auch das Spiel: gute Ansätze wechselten mit deutlichen Problemen in der Defensive ab, die zweite Halbzeit war allerdings relativ souverän.

Wegen der Verletzungen von Pekarik und Brooks spielte Lustenberger in der Innenverteidigung, seine frei gewordene Stelle im Mittelfeld nahm Stocker ein, wobei sich später im Spiel erweisen sollte, dass wir künftig mit vielen Varianten rechnen können - Herthas Kader ermöglicht flexible Formationen. Mitchell Weiser, der als Rechtsverteidiger spielte und defensiv durchaus Probleme hatte, leitete den frühen Führungstreffer mit einem schönen, kurzen Pass von rechts auf Haraguchi ein, der Japaner  befand sich halbrechts im Strafraum, versetzte Hlousek, und tunnelte Vlachodimos.

Wichtig ist hier allerdings auch die Vorgeschichte: Zu der Situation rechts vorne kam es, weil davor einmal eine schöne, vertikale Umschaltbewegung gelungen war, mit Skjelbred als Nahtstelle, der im zentralen Mittelfeld schön angespielt wurde, und offensiv weiterleitete. Das war schnell, elegant, und brachte Weiser in eine gute Position, die er dann allerdings erst mit der kleinen Verzögerung durch einen Einwurf produktiv machen konnte.

Schon davor und danach ließ Hertha allerdings deutlich zu viel zu, sodass schließlich durch einen, allerdings unberechtigen Freistoß (es gab davor ein Foul gegen Beerens) der Ausgleich fiel: Niemand interessierte sich für Sunjic im Strafraum, Lustenberger wäre am ehesten in der Lage gewesen, einzugreifen, blieb aber stehen. Kopfball, keine Chance für Kraft.

Der Kapitän machte die Sache kurz vor der Sache mit einem schönen Distanzvolley wieder gut: er verwertete einen zweiten Ball von der Strafraumgrenze aus. Zu diesem Zeitpunkt hatte Ibisevic bereits den verletzten Beerens ersetzt.

In der zweiten Halbzeit kam es dadurch zu einer bemerkenswerten taktischen Konstellation, denn Kalou konnte auf der von ihm bevorzugten Position als Zehner spielen. Bei einem wunderbar eingeleiteten Konter war er allerdings als Frontmann gefragt, es zeigte sich, dass er schon ziemlich langsam ist. Von ihm gab es heute ein, zwei hübsche Pässe, er lief auch mehr an, produktiv wurde er nie.

Das größte Interesse an der insgesamt vor allem durch Arbeit bestimmten zweiten Halbzeit verdienen die beiden weiteren Wechsel. Sie deuten an, dass das Spiel von Hertha mit dem vermutlich zunehmenden Selbstbewusstsein wirklich interessant werden könnte. Als Stark zu seinem ersten Einsatz kam, blieb Lustenberger in der Viererkette, und Skjelbred wechselte nach weiter vor, nicht Darida, der einmal mehr eher nach dem Spiel suchte, als dass er es schon richtig strukturieren hätte können. Dass Skjelbred nach vorn rückte, war zweifellos einer Defensividee geschuldet, brachte aber auch Optionen. Der Norweger musste dann bald für Baumjohann Platz machen, und nun hatte Hertha einen echten Spielmacher, der wie immer überall war, und das Kleinklein mit Kollegen wie Weiser suchte, die dafür zu haben sind.

Richtig gefährlich wurde Hertha in der zweiten Halbzeit selten, Stuttgart wurde aber auch von Minute zu Minute uninteressanter, nicht zuletzt durch wirkungslose Wechsel. So reichte ein Samstagsschuss von Fabian Lustenberger, um Hertha zu sieben Punkten nach vier Spielen zu verhelfen. Das ist ein sehr ansprechender Start, vor allem aber gefällt, dass sich Optionen abzeichnen. Der engere Kader wirkt homogen, die Auswechslungen machen Sinn, Ibisevic werden wir später beurteilen als nach diesen ersten Versuchen gegen den Ex-Club.

Mann des Spiels: Genki Haraguchi. Brachte sich überall gut ein, machte ein schönes Tor, und arbeitete sehr gut defensiv. Er deutet am stärksten an, dass in dieser Hertha 2015 auch ein künstlerisches Temperament steckt. Anders als Kalou ist er aber ein kompletter Spieler.

Die Ostkurve hatte vor dem Spiel einen Kartentrick nahegelegt: nicht das As sticht, sondern die Dame. Die alte Dame. So wie Hertha das in diesem späten Sommer spielt, hat das weniger von Poker, als von Patiencen. Heute ist da etwas sehr schön aufgegangen.

Geschrieben von marxelinho am 12. September 2015.

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03. September 2015

Druck in alle Richtungen

Diese Woche endete in den wichtigsten Ligen die Transferperiode, nun kann Bilanz gezogen werden. Zuerst interessiere ich mich naheliegender Weise für Hertha BSC, einen Eintrag zu Arsenal werde ich gesondert machen.

Hertha hat zuletzt, nachdem der Abgang von Nico Schulz auch offiziell geworden war, noch zwei neue Spieler geholt: Niklas Stark (Vertrag bis 2019) und Vedad Ibisevic. Der eine ist ein Perspektivspieler, der andere soll Salomon Kalou inspirieren und den Platz für Julian Schieber warm halten. Da ich eher zu denen gehöre, die von Kalou nicht (mehr) viel halten, muss ich unweigerlich darauf hoffen, dass Ibisevic sich auf seine doch schon älteren Tage noch einmal motiviert, immerhin ist der Arbeitsnachweis von Kalou nicht so schwer zu überbieten.

Michael Preetz hat sich also dafür entschieden, die Stürmerfrage um ein Jahr zu vertagen, denn er hat nun drei maximal halbe Optionen, von denen sich allerdings bei günstigen Umständen erweisen könnte, dass sie vielleicht für eine passable Saison reichen: einen Schöngeist, einen, der (vielleicht) die Frühpension abwenden möchte, und ein vielversprechendes, allmählich in die Jahre kommendes, verletzungsanfälliges Toptalent namens Julian Schieber.

Gegen den BVB war deutlich zu sehen, dass es Hertha in der Offensive vor allem an Professionalität mangelt, auch an mentalen Faktoren. Von Kalou ist da nichts zu erwarten, und ob Ibisevic eine bessere Kombination aus Mannschaftsdienlichkeit und Vollstreckerego hinbekommt, ist nun eine der spannenden Fragen der kommenden Wochen. Plausibler wäre sicher gewesen, eine neue, richtige Nummer 1 für das Sturmzentrum zu suchen, hier besteht nun einmal ein zentrales Manko dieser Mannschaft. Angesichts der Prominenz von Kalou wäre das aber problematisch gewesen, und da man sich im Sommer nicht entschließen konnte, ihm einen Wechsel nahezulegen (für meine Begriffe wäre das die einzige wirklich konsequente Strategie gewesen), muss nun Stückwerk für Tore sorgen.

Mit Stark bekommt vor allem Fabian Lustenberger einen potentiellen Vertreter, für den Kapitän läuft allmählich schon die Zeit aus. Er hat zwar unbestritten ein gutes Standing, und seine Leistungen fallen kaum ab (allerdings auch selten positiv auf), aber Lustenberger hat de facto keinen Stammplatz, jedenfalls nicht positionell. Brooks sollte wohl in der Mannschaft bleiben, und auf Dauer wird die Auswahl aus dem Quartett Lustenberger, Skjelbred, Darida und hoffentlich auch bald wieder Cigerci für den Trainer durchaus heikel werden. Stark wird auf der Webseite als Mittelfeldspieler geführt, gehört also in diese Konkurrenz, kann aber durch seine Polyvalenz (pardon) auch Brooks beflügeln, der hoffentlich zu einer Verlängerung seines Vertrags zu bewegen ist.

Darida ist bisher die große Unbekannte in dieser Angelegenheit. Für ihn wurde investiert, bisher hat er weder eine klare Position noch eine erkennbare spielerische Identität. Gute Momente und Andeutungen von Torgefahr entwertet er durch unverständliche Fehlpässe und Zerstreutheit in der Spieleröffnung. Wir werden ihn wohl erst nach der Länderspielpause so richtig einschätzen können, wenn Pal Dardai zum ersten Mal wirkliche Präferenzen für das zentrale Mittelfeld erkennen lassen muss.

Mitchell Weiser kam ablösefrei, seine erste Viertelstunde im Olympiastadion war vielversprechend, insgesamt könnte er ein tauglicher Ersatz für Nico Schulz werden, denn in diese Verrechnung müssen wir ihn ja nun vor allem nehmen. Hertha hat auf den Außenbahnen viel fragiles Talent, am stärksten ist potentiell Valentin Stocker, der aber gegen Dortmund einen unerwartet schwachen Tag hatte und insgesamt sein Potential noch lange nicht optimal nützt. Haraguchi hat das Zeug zu einem sehr interessanten Spieler, dazu braucht er aber Einsätze, und sicher nicht im Sturmzentrum. Johannes van den Bergh sollte unter normalen Umständen weiterhin nur am Rande eine Rolle spielen, auch wenn der Kicker heute eine andere Tendenz vermeldet.

Fazit: Der Kader enthält, sollten Baumjohann und Cigerci noch einmal hundertprozentige Matchfitness erreichen, absolut ausreichende Optionen für den Klassenerhalt und sogar für das Saisonziel einer deutlich erkennbaren Verbesserung der spielerischen Kultur. Allerdings fehlt eine Lösung für den Angriff, da ist doch viel Wunschdenken erkennbar, hier wäre eine konsequente Lösung vorzuziehen gewesen. Insgesamt aber würde ich sagen, dass die Manöver dieses Sommers weitgehend plausibel sind, und ich freue mich schon auf die konkreten Lösungen der kommenden Spieltage: 11 bis 14 aus 28.

Geschrieben von marxelinho am 03. September 2015.

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30. August 2015

Chipperl, Flankerl, Schauferl

Das Stenogramm zum Spiel im Dortmund: Ein bisschen hat Pal Dardai es vielleicht doch übertrieben mit der Fünferkette mit zwei flankierenden Defensivspielern, obwohl das Konzept eine Weile ganz gut aufging und Hertha sogar Chancen gegen den BVB hatte. Es war schließlich Kagawa, der die Sache beinahe im Alleingang entschied: zweimal schaufelte er den Ball perfekt in den Strafraum, jedes Mal brauchte er dazu nur eine Schaufel, wie sie in Sandkästen von Kindern zum Einsatz kommen. Dort werden Gebäude errichtet, die keinen Bestand haben, und so ähnlich war das auch mit dem Bollwerk von Hertha.

Bei der ersten Gelegenheit nützte Kagawa den Raum zwischen dem doppelten linken Außendecker (Plattenhardt & van den Bergh), er verschaffte sich den Raum auf die denkbar einfachste Weise, indem er dazwischen ging. Der Ball kam an den langen Pfosten, Langkamp erreichte ihn nicht, Hummels verwertete. Halb war das gechippt, halb geflankt, es ist nicht der Spieler Kagawa, der hier zur Verkleinerungsform einlädt, sondern sein Werk: ein Chipperl, ein Flankerl, ein Torerl. Aber gut, der Kopfball von Hummels hatte auch Nachdruck.

Zu Beginn der Halbzeit zwei wiederholte Kagawa das Manöver von der anderen Seite, dieses Mal sah Lustenberger nicht so gut aus, weil der doppelte rechte Außendecker eigentlich Pekarik & Stocker hieß, der Schweizer war aber schon nicht mehr dabei, und Weiser (an dessen Stelle) und Haraguchi mussten erst ausbaldowern, wer nun wo wuseln sollte. Kagawa wieder mit einem butterweichen Topspin-Lob, Ginter legte für Aubameyang auf.

Danach wurde Hertha orthodoxer und interessanter, es fehlte aber in der letzten Konsequenz an Genauigkeit, und nach hinten waren die Lücken dann doch riesig. Kalou traf aus irregulärer Position, ein Remis wäre nicht verdient gewesen, war aber in Reichweite - so durcheinander ist Fußball, und doch stimmte am Ende alles, auch dank Adrian Ramos, der bei der zweiten relevanten Abseitsentscheidung benachteiligt wurde, und sich dann spät mit einer eleganten Bewegung doch noch einen Treffer sicherte.

Nach drei Spielen ist immer noch wenig verallgemeinerbar, erster tendenzieller Eindruck ist vielleicht, dass die Basics sich verbessert haben, dass generell das Zutrauen zum Spiel da ist, dass es aber an Spielern fehlt, die das Bemühen veredeln können: Haraguchi ermöglicht in der besten Szene Hummels ein Comeback. Hertha ist konkurrenzfähig, muss aber eine gewisse Naivität ablegen.

Geschrieben von marxelinho am 30. August 2015.

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22. August 2015

Die Suche nach dem Unterschied

Wie sich ein Spiel so verändern kann im Lauf von 90 Minuten! Hertha sah gestern eine halbe Stunde lang wie ein sicherer Sieger aus, dann kam eine Flanke in den Strafraum, Thomas Kraft begriff, dass er sie nicht erreichen konnte, Fabian Lustenberger konnte Ujah nicht an der Verwertung hindern. Es war eine schwierig zu verteidigende Situation, aber auch eine, in der so etwas wie "Wille" oder "desire" eine Rolle spielten. Das war auch schon kurz nach Beginn so gewesen, als Valentin Stocker einen abgeprallten Schuss von Jens Hegeler zum Führungstreffer für Hertha verwandelt hatte. Ein satter Schuss unter die Latte, mit der Technik, die Stocker mehr als fast alle anderen diesjährigen Herthaner aufbringt.

Der Ausgleich veränderte den Charakter des Spiels vollkommen. Davor sah das fast wie eine Übungseinheit für Hertha aus, gegen einen passabel die Räume klein arbeitenden Gegner sich Möglichkeiten zu verschaffen, was mit Haraguchi über rechts teilweise ganz gut gelang. Nach dem Ausgleich gab es dann zwar auch noch die eine oder andere Phase intensiverer Bemühung, auch von Bremen, aber zunehmend wurde das Spiel zu einem Duell zwischen Solidität und Harmlosigkeit. Und wenn es nicht spät noch zwei sehr prekäre Momente gegeben hätte, in denen Hertha Glück hatte, weil Bremen zweimal Aluminium traf (einmal war es genau genommen Langkamp), hätte man auch nach einer halben Stunde aufhören können.

Es war eine Lektion über die heikle Balance zwischen Wagnis und Vorsicht, die bei Hertha naturgemäß nach den letzten eineinhalb Jahren angebracht ist. Je länger das Spiel dauerte, desto wertvoller schien der Punkt. Dazu kam, dass auch individuell das Engagement nachließ. Markant einmal mehr eine Szene, in der Kalou allein auf Wiedwald zulief. Die Situation sah wenig aussichtsreich aus, allerdings gibt es Stürmer, und zwar gerade Weltklasseleute wie Luis Suarez, die in so einem Moment auf die fünf Prozent spekulieren, dass etwas anders laufen könnte als absehbar. Kalou aber brach ab, wie er das meistens tut.

Dass das Spiel letztlich ein wenig unbefriedigend endete, hatte keineswegs mit ihm allein zu tun. Die ganze Mannschaft hatte nach hinten heraus nicht mehr den Punch, den man sich als Konsequenz der speziellen Relativitätstheorie des Pal Dardai hätte erhoffen können: Im Frühjahr hatte er ja noch mehrfach darauf hingewiesen, dass in den letzten zwanzig Minuten der Platz größer wird, was für die fittere Mannschaft zusätzliche Möglichkeiten ergibt.

Momentan ist davon wenig zu sehen, auch wenn Mitchell Weiser bei seinem Heimdebüt im Olympiastadion (er kam in der Schlussviertelstunde für Hegeler) andeutete, dass er auf die Rolle des Zauberlehrlings aspiriert. Einige kleine Feinheiten machen aber noch keine Torchance, vor allem, wenn sie auf dem Flügel stattfinden, weit weg von der Box, in der es heiß wird.

Es war schließlich ein klassisches Ligaduell zwischen sehr ähnlichen Ansätzen, da machte die berühmte Bremer Raute kaum einen Unterschied. Es war nicht so fies wie das vergleichbare Spiel gegen Augsburg, aber es war ähnlich arm an Raum, wobei sich Hertha fast noch weiter zurückzog - angelaufen wurde erst ab der Mittellinie.

Die Mannschaft macht in dieser frühen Phase der Saison den Eindruck einer großen Homogenität, was auch auf ein Defizit verweist: Die Spieler sind alle sehr ähnlichen Typs, tendenziell einmal eher Positionsverwalter als kühne Interpreten einer Rolle. Jeder macht sein Ding, das läuft phasenweise gar nicht schlecht zusammen, aber niemand bringt eine Steigerung der Intensität, sieht man einmal von ein paar Momenten von Haraguchi ab, und von Weisers Gewusel. Eine grundsolide Mannschaft deutet sich da an, die unter Umständen sogar den Funken in sich selbst entdecken kann, dazu wird sie aber vermutlich erst das Punktekonto ein wenig füllen müssen.

Immerhin gibt es nun schon ein paar Optionen, denn Haraguchi könnte im Team bleiben, Weiser drängt sich auf, vielleicht sollte man Stocker doch wieder ins Zentrum rücken. Eine ganze Hinrunde nur auf Kalou im Sturmzentrum zu vertrauen, wäre vermutlich naiv. Es ist zweifellos die Schlüsselpersonalie, für die Michael Preetz in der kommenden Woche eine Lösung finden muss.

Denn sie wird sich entscheidend auf die Balance der Mannschaft auswirken. Ujah hat kein großes Spiel gemacht, er ist wohl auch viel weniger talentiert als Kalou, und doch war sein Einfluss größer. Darauf wird es in den kommenden Wochen bei Hertha ankommen: die ordentlichen Grundlagen, die deutlich zu sehen sind, durch das zu ergänzen, was zählt: besondere Momente, Chancen, Tore. Die fünf Prozent machen den Unterschied, nicht die 95 Prozent, die gut aussehen, aber nur Routine sind.

Geschrieben von marxelinho am 22. August 2015.

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21. August 2015

Zur Not geht es auch zur Not

Zwei Siege in den erste beiden Spielen, und schon haben die Berliner Medien in dieser Woche einen Vorgeschmack darauf gegeben, wie sich das alles entwickeln könnte: "Hertha kann Platz 1", habe ich irgendwo gelesen. Natürlich war das ironisch gemeint, aber es ist von jener Ironie, die durchklingen lässt, dass sie nichts lieber täte, als sich sehr ernst zu nehmen. Tatsächlich reicht im Freitagsheimspiel gegen Bremen ja schon ein Remis, und Hertha steht für ein paar Stunden ganz oben.

Den Auswärtssieg in Augsburg haben auch manche seriöse Medien, zum Beispiel die SZ, deutlich positiver gesehen, als ich ihn vor dem Fernseher erlebt habe. Es ist doch erstaunlich, wie weit die Interpretationen eines solchen Spiels auseinander liegen können. Wie auch immer, heute folgt das zweite Spiel, und es wird sicher einige weitere Klärungen bringen. Der Abgang von Nico Schulz ist hiermit offiziell, er schmerzt, denn er zeigt, dass Hertha noch lange Schwierigkeiten haben wird, einen Identitätskern für die Mannschaft zu entwickeln, wenn es nicht gelingt, den Talenten bessere Perspektiven zu vermitteln.

John Brooks wird heute vermutlich wieder auf der Bank sitzen, danach wird Pal Dardai sich aber bald entscheiden müssen, was er mit ihm vorhat. Denn als Edelreservist ist er verschwendet, und den Vertragsverhandlungen mit Brooks ist sicher auch nicht zuträglich, wenn er nicht spielt. Daraus folgt: Der Kapitän wird eine Reihe nach vorne rücken müssen, wo er ohnehin eine starke Rückrunde 2015 gespielt hat. Daraus resultieren weitere Fragen: Wo ist eigentlich die ideale Position von Darida, von dem ich bisher allenfalls Ansätze, aber auch viele Fehler gesehen habe? Hat Cigerci, der diese Woche in türkischen Gerüchteküchen auftauchte, überhaupt noch eine Perspektive bei Hertha? Ist Skjelbred tatsächlich unbedingt gesetzt?

Der Trainer hat in einem Interview eine Formulierung gebraucht, die diplomatischere Kollegen vermieden hätten: Zur Not geht es auch mit diesem Kader, aber es wäre doch gut, wenn noch Schnelligkeit gekauft würde. Hertha hat zuletzt lange gerade einmal so "zur Not" funktioniert, auch jetzt könnte man schon wieder den Eindruck bekommen, dass ein typischer "Zur Not"-Spieler wie Hegeler mehr Bedeutung erlangt, als ihm zusteht - weil er eben zur Not passt. Immerhin steht Alexander Baumjohann zum ersten Mal seit langer Zeit wieder im Kader.

Worauf werde ich heute Abend , das schöne, große Feld im Oly live vor mir, besonders achten? Valentin Stocker interessiert mich, er spielt jetzt auf seiner angestammten Position, macht aber bisher einen etwas verhaltenen Eindruck. Auf Darida bin ich natürlich auch gespannt. Bisher überzeugt er durch gute Grundtugenden, seine Fehler hat er in den entscheidenden Momenten gemacht, in denen etwas mit dem Spiel hätte passieren können (ein Konter, eine interessante Situation im Zentrum). Hertha braucht Spieler, die einen Sinn für solche Momente haben. Bei Stocker haben wir das im Frühjahr in Ansätzen gesehen.

Hertha gegen Bremen, das waren einmal große Duelle, ich erinnere mich an ein bitteres Gegentor durch Tim Borowski, und an meine einzige Auswärtsfahrt nach Bremen, an einem saukalten Tag, an dem es ein 1:5 gab, mit Christopher Gäng im Tor, der heute bei SG Sonnenhof Groß-Aspach spielt. Damals auch in der Mannschaft, neben Gojko Kacar: Pal Dardai. Das war durchaus schmerzhaft damals, aber man hatte niemals den Eindruck, dass Hertha nur "zur Not" Bundesliga spielte. Saisonziel sollte deswegen auch sein, diesen Beigeschmack abzustreifen: mit einem plausiblen Kader, mit überzeugenden Aufstellungen, mit konkurrenzfähigen Leistungen - von der Not zur Tugend.


Geschrieben von marxelinho am 21. August 2015.

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16. August 2015

Mann, oh Mann

Am ersten Samstag dieser Saison habe ich mir zwei Spiele angeschaut: Zuerst allein Augsburg gegen Hertha, danach mit einem Freund das Topspiel BVB-BMG. Der Freund ist Gladbacher. So wie er möchte man natürlich nicht in die Liga starten, aber möchte man es so wie im anderen Spiel? Ein 1:0-Auswärtsarbeitssieg, von dem neben drei Punkten vor allem ein schaler Nachgeschmack bleibt?

Es waren zwei Aggregatszustände des deutschen Spitzenfußballs, die da aufeinander folgten. Zuerst der Zermürbungskampf in einem mangels attraktiver Konstellation nicht ausverkauften Provinzstadion, dann die (in diesem Fall überraschend einseitige) Begegnung zweier Traditionsmannschaften vor dem vollsten Haus, das die Liga zu bieten hat. Es gab auch einen gemeinsamen Nenner: Pressing. (Konkret hört man in dem hier verlinkten Radiobeitrag mit Tobias Escher gerade bei den Passagen zu Hertha, dass es auch einem Auskenner nicht möglich ist, zweieinhalb Stunden nach Abpfiff zu allen Spielen eine gute Analyse zu bringen: dazu müsste er ja in der Lage sein, vier Spiele parallel zu sehen.)

Dortmund spielte ein überragendes Pressing, verbunden mit großartig variablen Läufen und Pässen. Das Spiel in Augsburg war deutlich abwartender, und geprägt von Bestrebungen, ja nichts ins Laufen kommen zu lassen. Insgesamt 41 Fouls (davon 21 von Hertha) bedeuten Unterbrechungen nahezu alle zwei Minuten. Für den Schiedsrichter war es eine enorm schwere Aufgabe, weil sich bei Zweikämpfen inzwischen immer schwieriger auseinander halten lässt, wo das Foul beginnt.

Hertha machte seine Sache in der ersten Halbzeit eigentlich gar nicht so schlecht, verband Kompaktheit mit vorsichtigen Bemühungen um einen Spielaufbau. Die rote Karte gegen Bobadilla (sein Einsteigen gegen Lustenberger sah wild aus, aber Weinzierl hat durchaus Recht, wenn er darauf hinweist, dass es sich hier um eine Verbindung zweier grenzwertiger Zweikämpfe handelt, eine Symbolszene) veränderte den Charakter des Spiels. Zumal Hertha gleich nach der Pause auf eine Weise in Führung ging, die dazu passte: Foul an Kalou im Strafraum, Elfmeter. Kalou schoss selbst, Hitz hätte sich am besten gar nicht bewegt, dann hätte er den wenig überzeugenden Strafstoß pariert.

Die zweite Halbzeit war danach kaum zu ertragen, denn Hertha gelang es nicht, Ruhe und Klarheit ins Spiel zu bekommen. Das hatte mit dem fast schon wütenden Pressing der Augsburger zu tun, aber auch mit einer bemerkenswerten Zerstreutheit der Berliner Führungsspieler. Lustenberger, Skjelbred und Darida spielten alle markante Fehlpässe, teilweise vollkommen unbedrängt. Vor der gelb-roten Karte gegen Beerens gibt es eigentlich eine interessante Kontersituation für Hertha, die Darida ganz schwach spielt. Der Neuzugang aus Freiburg konnte noch nicht zeigen, dass er eine deutliche Verstärkung sein wird, erst nach der Einwechslung von Haraguchi kam er spät zu seiner fast schon obligaten Schusschance.

Der Coach hatte Lustenberger wieder in die Innenverteidigung gestellt, sodass sich schon am Freitag gegen Bremen die Frage stellen wird, wann er Brooks nun für einsatzfähig befindet. Denn er wird ihn hoffentlich nicht zum Edelreservisten zurückstufen. Hegeler nützte seine Chance allenfalls bedingt, er zeigte sich engagiert beim Anlaufen, gestaltend war er aber nicht. Allerdings sind alle diese Beobachtungen ein bisschen relativ, weil das Spiel durch die beiden Ausschlüsse so markant in drei Kapitel zerfällt.

Das dritte war dann einfach nur noch "hangin' in there". Da Hertha in allen wesentlichen Statistiken leicht vorne liegt (Zweikämpfe, Laufleistung), war der Sieg am Ende wohl sogar verdient. Die drei Punkte bilden eine Grundlage, der unangenehmste Gegner der Liga ist gespielt, der Augsburger Antifußball wurde nicht unbedingt mit viel Fußball, aber mit vielen sekundären Tugenden (Pal Dardai sprach von einem "Männersieg") in die Schranken gewiesen.

Viel klüger sind wir nach den ersten beiden Pflichtspielen noch nicht, aber bei zwei Siegen lassen sich die Unklarheiten vorläufig ganz gut ertragen.


Geschrieben von marxelinho am 16. August 2015.

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Gerd Breitner (am 17. August 2015)

Bei Vielem was du schreibst hast du meine Unterstützung, allerdings überwiegt durchaus die Hoffnung auf eine entschieden bessere Saison als die Vergangene. Ich setze Hoffnungen auf Weiser und - ganz zaghaft und mit Magenknurren auf Kalou - der vielleicht mittlerweile das in Ihn gesetzte Vertrauen in Aktionen, die es wert sind von solchen zu sprechen und in Tore umsetzen möge. Keinesfalls bin ich der Meinung, daß das Foul von Bobadilla auch nur ansatzweise anders zu bewerten sei, als ein brachiales Foul, resultierend aus reinem Frust und schlichtweg böse und also für mich eine ganz eindeutige rote Karte und nicht gelb- rot, nach sich hätte ziehen müssen. Schleierhaft wie man diesen Sprung aus einer Kampfsportart stammend anders deuten kann... Letztendlich bin ich beruhigt auch über die Leistung von Kraft, der nicht immer ein verlässlicher Schlussmann gewesen ist. Es sind noch nahezu 45 Minuten mit Gerumpel und Ratlosigkeit zu überstehen gewesen, aber im Vergleich zur letzten Saison ist das eine Reduzierung um 50%...und das ist doch mal ein Anfang.
15. August 2015

Gedeih und Verderb

Nico Schulz wechselt also zu Borussia Mönchengladbach, das heißt auch: zu Lucien Favre, zu Ibrahima Traore. Die Personalie schmerzt, weil sie zeigt, dass Hertha derzeit nicht einmal als "Ausbildungsverein" wahrgenommen wird, jedenfalls nicht von einem der wenigen Spieler im Kader, die mit Fantasie behaftet waren. Sie schmerzt auch deswegen, weil Lucien Favre, der zu Recht große Wertschätzung genießt, in Berlin als Bundesligatrainer entdeckt wurde. Doch es gelang nicht, ihn zu halten. Michael Preetz entließ ihn.

Es ist müßig, an diese erste bedeutende Amtshandlung des inzwischen langjährigen Hertha-Managers zu erinnern, der mit der Bestellung von Friedhelm Funkel damals die Weichen auf Stagnation (und, wie sich erwies, Abstieg) stellte. Der Abgang von Nico Schulz, der mit geschickten Ablenkungsmanövern für die "Lolitapresse" (Klaus Ungerer) drapiert war, macht uns nur klar, wie weit unten Hertha in der symbolischen Rangordnung steht. Es gibt ja neben den nackten Zahlen auch immer so etwas wie einen gefühlten Tabellenstand, eine unausgesprochene Hierarchie der Liga, und da hat sich in diesem Sommer kaum etwas getan, was dem Standort Berlin zuträglich gewesen wäre.

Man mag einwenden, dass Vladimir Darida und Mitchell Weiser nicht gekommen wären, wenn sie nicht Hoffnungen auf eine gedeihliche Entwicklung hätten. Das stimmt, in beiden Fällen steht aber die persönliche Karrierewette in etwa in einem ausgeglichenen Verhältnis zu der Wette, die Hertha derzeit als Club verkörpert - Konsolidierung von Bundesligafußball und Versuch, den Anschluss an die Entwicklung des Spiels nicht zu verlieren.

Nico Schulz hat vielleicht mehr drauf, das ist jedenfalls die Implikation, die aus dem Umstand erhellt, dass er in einen sehr dicht besetzten Kader wechselt, in dem er wohl eher als Linksverteidiger gesehen wird und eine Perspektive hat. Bei Hertha musste er das Gefühl haben, dass Plattenhardt gesetzt ist und er links offensiv nur die Bank für eine ungarischen Neuzugang warmhalten soll. Wenn schon auf Chancen lauern, wird der sich gedacht haben, dann lieber bei einem Verein, die tatsächlich kontinuierlich Spieler besser macht.

Was die Entwicklung des Spiels allgemein anlangt, so hat das Los für Hertha eine beziehungsreiche Begegnung an den Anfang des diesjährigen Spielbetriebs gestellt: Augsburg ist das Spitzenteam unter den "overachievern" der Liga, also denen, die mehr aus ihren Standortfaktoren machen, als in diesen angelegt ist. Hertha hingegen zählt mit dem HSV und Stuttgart zur Elite der "underachiever", also den Clubs, die deutlich unter ihren (wie auch immer genauer zu bestimmenden) Möglichkeiten bleiben.

Konkret haben die Spiele gegen Augsburg meistens gezeigt, dass man in der Bundesliga auch mit sehr beschränkten spielerischen Mitteln in die Nähe der europäischen Ränge kommen kann. Weinzierl lässt einen konservativeren Favrismus spielen, einen Stil, der häufig an Hertha in der Saison 2008/2009 erinnert. Da Hertha zuletzt meistens die kreativen Mittel (und die individuellen Qualitäten) fehlten, um da etwas Konstruktiveres entgegenzusetzen, waren das oft öde Angelegenheiten. Insofern dürfen wir gespannt sein, ob von der neuen Spielkultur, die Pal Dardai verspricht, schon etwas zu sehen sein wird. Nicht zu reden von einer Chance alle sieben Minuten.

Personell interessiert vor allem ein Aspekt: Wohin wird er Darida stellen? Sollte Brooks bereits in einer Verfassung für die Startelf sein, müsste Lustenberger nach vorne rücken, zu Lasten von Skjelbred vermutlich, es sei denn, wir sehen Darida auf der Zehn. Dafür spricht, dass Schulz links nicht mehr zur Verfügung steht, sodass Stocker dort wohl heute gesetzt ist.

Die Leistung in Bielefeld war in der zweiten Halbzeit jedenfalls dazu angetan, den gröbsten Defätismus zu entschärfen. Mann des Spiels war allerdings Nico Schulz, obwohl der nur kurz auf dem Platz stand. Es war sein letzter Beitrag zu dem ewigen Stückwerk bei Hertha BSC.

Geschrieben von marxelinho am 15. August 2015.

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11. August 2015

Ermittlungen in alle Richtungen

Zwei Tore und diverse Aufschlüsse: das könnte man auf die Habenseiten nach dem Besuch in Bielefeld in der ersten Runde des DFB-Pokals schreiben. Hertha gewann 2:0 innerhalb der regulären Spielzeit. Die Sache war deutlicher, als man nach den vielen Unklarheiten in der Vorbereitung hätte vermuten können. Die Mannschaft ließ keine Verunsicherung erkennen, dabei hatte ihr ein höchst merkwürdiges Vorkommnis die Gelegenheit geboten, sich notfalls auf höhere Gewalt zu berufen. Jemand hatte den Hertha-Bus beschossen, zwischen Gütersloh und Bielefeld. Das Ergebnis: die Windschutzscheibe bewahrte den Lenker vor Schlimmem oder dem Schlimmsten. Sie wurde eingeschickt.

Manager Preetz war im Interview vor dem Spiel sichtlich hin und her gerissen zwischen dem naheliegenden Impuls, die Sache nicht zu hoch zu hängen, und der Versuchung, sie für den Fall eines Ausscheidens von Hertha auf der Alm eventuell noch vorrätig zu halten - zur allfälligen argumentativen und ablenkenden Verwendung. Das war dann eben nicht nötig.

Ich beobachtete das Spiel in der Wohnzimmerarena mit einem angestammten Arminen, der schon in der zweiten Minute eine gelbe Karte gegen den Stürmer Klos verarbeiten musste. Er hatte Lustenberger über die Klinge (das aggressiv vorgeschobene rechte Bein) springen lassen. Klos musste danach ein bisschen vorsichtiger gegen den Ball arbeiten, insgesamt war es kein überhartes, aber doch ein unangenehmes Spiel, mit vielen schmerzhaften Szenen.

Überraschenderweise verlief es weitgehend nach Schema, es kam kaum einmal jene Cup-Atmosphäre auf, die Klassenunterschiede egalisieren hilft. Unterer Erstligist beherrscht unteren Zweitligisten, die Inspiration musste man im ersten Pflichtspiel der Saison mit der Lupe suchen, es ging gemächlich zur Sache, war vermutlich auch heiß.

Eine Stunde lang sah alles nach zähen 120 Minuten aus, dann erkannte Pal Dardai den relevanten Umstand, der mit einer Personalie zusammenhing. Die mangelnde Inspiration hatte wesentlich mit der dürftigen Darbietung von Jens Hegeler in der Spielzentrale zu tun. An seiner Stelle kam Schulz, der auch gleich Argumente in jede beliebige Richtung lieferte (uns für den Wunsch, er möge doch bei Hertha verlängern; seinen Agenten für das Antichambrieren bei anderen Clubs).

Die Nummer 26 brachte Dynamik ins Spiel, besonders nach einer kleinen, aber feinen Beschleunigung, die von Valentin Stocker ausging. Ein raumöffnendes Manöver, Schulz vergrößerte den Raum durch Geschwindigkeit, dass er nicht selbst abschloss, sondern zu Kalou querlegte, ist ein Indiz für die Aufgaben, die auf seinem Entwicklungsweg noch vor ihm liegen.

Der Torjäger von der Elfenbeinküste schob ein, von diesem Gegentreffer erholte sich die Arminia nicht mehr. Pal Dardai wird auch zu Salomon Kalou viele Erkenntnisse gewonnen haben. Sie weisen alle in eine Richtung: Kalou ist kein Mann für ganz vorne, sondern eher geeignet für die verbindende Position in einem 4-4-2. Prominentester Spieler in Deutschland in so einer Rolle ist Thomas Müller. Kalou könnte eine ähnliche Rolle bei Hertha spielen, allerdings sah man gestern auch wieder, dass er sich weiterhin von defensiven Aufgaben weitgehend ausnimmt. Er deutet seine diesbezügliche Arbeit immer nur an. Immerhin muss man ihn aber nicht vollkommen abschreiben.

Mit dem gewachsenen Selbstbewusstsein konnte Hertha dann sogar noch einen Treffer zulegen, dieses Mal vorbereitet über den ebenfalls eingewechselten Haraguchi auf rechts, der Darida in Position für einen guten Distanzschuss brachte. Der Neuzugang aus Freiburg fiel auch erst in der Schlussphase positiv auf, führte sich so aber gut ein.

Zwischen Gütersloh und Bielefeld wurde Hertha BSC dieses Mal in einen merkwürdigen Fall von "road rage" verwickelt - die Sonderkommission "Hertha" ermittelt in alle Richtungen. Auf der Alm gab es dann eigentlich "keine besonderen Vorkommnisse". Die zweite Runde im Pokal ist erreicht, und zwar verdient. Schon am Samstag gibt es aber die nächsten spannenden Fragen für die Sonderkommission Dardai/Widmayer, die sich ja genau genommen erst noch für ein verbindlicheres Engagement empfehlen muss: Wohin mit Lustenberger? Darf Schulz sich weiterhin zeigen? Wie weit vorn soll Darida spielen?


Geschrieben von marxelinho am 11. August 2015.

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08. August 2015

Das Rad des Leidens

Pünktlich zum eigentlichen Wiederbeginn des professionellen Fußballs habe ich gestern Abend meine Rentrée aus Österreich in einem Schnellzug des ehemaligen Sponsors von Hertha BSC vollzogen. Heute sitze ich wieder normal am Schreibtisch (übrigens ein hervorragendes Gefühl), die zahlreich aufgelaufenen Angebote für Frauenviagra im Marxelinho-Account habe ich alle gelöscht, damit steht einem ersprießlichen ersten Wochenende mit mehreren Begegnungen in der Premier League und zum Abschluss mit einem DFB-Pokalklassiker auf der Bielefelder Alm nichts mehr im Weg.

Ich könnte jetzt ganz einfach sagen: ich fühle mich gut vorbereitet, aber bei Hertha habe ich so meine Zweifel. Das wäre aber zu schematisch. Um ehrlich zu sein, gehe ich in diese Saison mit einer Mischung aus Fatalismus und Distanz. Die Nachrichten aus den vergangenen beiden Monaten waren doch fast durchweg eher bedenklich. Was kann man als Fan also anderes tun, als sich zu wappnen, sich ein wenig unempfänglicher zu machen für den Krampf, der zu befürchten steht?

Ich sammle einmal ein bisschen die relevanten Sachverhalte des Sommers.

Pünktlich (allerdings: in fast allerletzter Minute) hat Hertha BSC auch offiziell einen neuen Trikotsponsor präsentiert. Dass dabei zwei Verletzte das Leibchen in die Kamera halten mussten, hat etwas unfreiwillig Komisches. Die genannten Summen sind in Ordnung, an einem Wettanbieter ist für meine Begriffe nichts Ehrenrühriges, es ist halt nur so, dass Hertha immer stärker eine Aura spekulativen Kapitals um sich erzeugt. Das ist nicht gerade das, worauf man eine gedeihliche "realwirtschaftliche" Entwicklung bauen möchte, aber für eine solche fehlen ja leider die Anzeichen.

Bei den Verstärkungen muss man davon ausgehen, dass noch nicht alle Personalien getätigt sind. Die Verpflichtung von Vladimir Darida ist sicher nicht verkehrt, ob er allerdings einen nennenwerten Qualitätsabstand zu einem bei Hertha schon gut vertretenen Spielertyp à la Skjelbred oder Lustenberger aufweist, werden wir erst sehen. Weiser ist zu Saisonbeginn verletzt, bei ihm gilt das gleiche: es spricht mehr dafür, dass er ein weiterer Beerens ist, als dass er der hiesige Douglas Costa wird.

Damit sind wir bei den ungeklärten Fragen. Hertha geht offensichtlich davon aus, dass mit Salomon Kalou ein ausreichend qualifizierter Stürmer vorhanden ist, um zumindest die Zeit bis zu der Rückkehr des stark verletzungsanfälligen Julian Schieber produktiv zu bestehen. Michael Preetz redet Kalou stark, der hingegen ist (zumindest in den digitalen Netzwerken) eigentlich immer woanders. Um es noch einmal deutlich zu sagen: Kalou war in der vergangenen Saison nahezu ein Totalausfall, und das lag zu 90 Prozent an ihm selbst. Er müsste sich also gründlich anders anstellen, wenn das besser werden sollte.

Die Nachrichten zu Tolga Cigerci sind rätselhaft, oder bewusst unklar, wenn es überhaupt welche gibt. Tatsache scheint zu sein, dass der vermutlich beste Fußballer im Kader von Hertha nicht matchfit ist, und dass niemand sagen kann oder will, ob er jemals wieder spielen wird. Bei Alexander Baumjohann ist die Sache ähnlich unklar. Kalou, Cigerci und Baumjohann sind sowohl von der individuellen Qualität wie auch von den Planstellen her zentrale (Fehl-)Faktoren für das Spiel von Hertha, in allen drei Fällen sind personelle Rückversicherungen unterblieben, wenn man nicht die Promotion von Jens Hegeler zu einem "Spielmacher" als eine solche werten möchte.

Nico Schulz will offensichtlich nur noch ein Jahr bei Hertha bleiben, er spekuliert auf Handgeld und einen neuen Verein, vermutlich haben seine Agenten längst die Kontakte. Ich kann es ihm nicht verdenken. Er ist ein nach wie vor entwicklungsfähiger, junger Profi, der das Zeug für eine passable Bundesligakarriere hat. Offensichtlich ist er der Meinung, dass Hertha dafür nicht die richtige Adresse ist. Sollte er bis Ende August nicht verkauft werden können, wäre ich in diesem Fall für die klassische scheidungsvorbereitende Lösung: Trennung von Tisch und Bett, ein Jahr bei der U23. Unersetzlich ist er ja keineswegs, aber er ist halt ein Berliner Talent. Eine Vertragsverlängerung mit John Brooks ist trotzdem deutlich wichtiger.

Von allen Erstligisten 2015/16 zählt Hertha BSC eindeutig zu den drei Vereinen, bei denen zu diesem Zeitpunkt die größten Unklarheiten herrschen. Das heißt nicht, dass am Ende ein Tabellenrang zwischen 16 und 18 stehen muss. Aber es gibt jedenfalls momentan wenige Anhaltspunkte für begründeten Optimismus. Es reicht nur für den gleichsam natürlichen Optimismus, der sich einfach einstellt, wenn etwas (wieder) anfängt.

Ich habe hier schon einmal geschrieben, was kaum zu bestreiten ist: Dies ist die Saison der Wahrheit für Michael Preetz. Wenn nicht eindeutige Fortschritte gelingen, muss er danach sein Amt zur Verfügung stellen. Die Ergebnisse von Juni und Juli stimmen jedenfalls schon einmal sehr skeptisch.

Geschrieben von marxelinho am 08. August 2015.

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07. Juli 2015

Tipp Kick

Ich spiele gerne Fußball-Toto, die sogenannte 13er-Wette, in Österreich waren es zwölf Spiele. 1 oder 2 oder X, das macht das Wochenende zusätzlich spannend. Doch de facto habe ich schon lange keinen Schein mehr abgegeben. Ich sehe nicht ein, dass man in Zeiten so weitreichender Digitalisierung einen Papierschein an der Annahmestelle ausfüllen und einreichen muss, und vor allem ist es mir zu kompliziert, diesen Schein später von Hand zu überprüfen und einen allfälligen Gewinn persönlich beheben zu müssen.

Da meint es der deutsche Gesetzgeber doch ein wenig zu gut mit uns, dass er uns diese Möglichkeit online vorenthält. Fußballwetten schließe ich kaum einmal ab, alle meine Accounts bei den einschlägigen Anbietern habe ich nach Verlust des Startkapitals, meistens 50 Euro, nicht weiter benutzt. Da wäre mir die traditionelle Form, mit der 13er Wette dem Wochenende zusätzliche Struktur zu geben, doch lieber.

Hertha BSC wird in der neuen Saison nun einen Wettanbieter als Hauptsponsor haben. Das finanzielle Volumen des Deals, der noch nicht offiziell ist, erscheint angemessen bis gut für einen Hinterbänkler der deutschen ersten Bundesliga. Eine konsumentenethisch peinliche Angelegenheit wie im Falle Wiesenhof bei Bremen hat sich nicht ergeben, eine auch zeichenhafte Verbindung mit der "Realwirtschaft" aber auch nicht, und eine vorgreifende Internationalisierung durch ein globales Unternehmen (zum Beispiel die stark expandierenden Turkish Airlines, die zwischen Istanbul und Berlin mit einem Interkontinentaljet fliegen, so stark ist die Nachfrage) gab Herthas derzeitiger Status wohl nicht her.

Dass es kein New Economy-Spätling wie Rocket Internet wurde, kann uns hingegen nur recht sein - wer möchte schon in der nächsten Kontraktion die absehbaren schlechten Nachrichten auf der Spielerbrust vor sich hertragen?

Bet-at-Home zählt zwar im Grunde auch zur New Economy, hat sich aber bisher gut über die Eventualitäten hinweggesetzt. Unter den Investoren gilt das Papier der Wettfirma als vielversprechend, allmählich sollte sich wohl auch der Ruch des Halblegalen abstreifen, der mit Lizenzen aus Malta nun einmal einhergeht. Aus gelegentlichen Besuchen in Wettcafes, wenn ich irgendwo auf Reisen bin und ein Spiel sehen möchte, weiß ich, das in solchen Etablissements eine übel hinunterziehende Stimmung herrschen kann.

Insofern ist der Firmenname Bet-at-Home sogar positiv zu sehen: Die Firma ermöglicht es, Freud und Leid mit zu langsam laufenden Hunden und zu umständlichen spielenden Mannschaften, mit blöd rollenden Kugeln und einbrechenden Pferden im stillen Kämmerchen mit sich selbst zu teilen. Besser ist das wohl auch nur im Fall gelegentlicher Gewinne, aber man weiß ja, dass letztendlich immer der Anbieter gewinnt. Hertha hat nun wenigstens in Zukunft was davon.

Und kann sich in drei Jahren vielleicht bessere Karten für den nächsten Sponsorendeal erspielen. Das wäre auch deswegen wichtig, weil dann die Frist mit dem KKR-Deal schon ziemlich nahe sein wird. Und wenn alles gut geht, für Bet-at-Home und Hertha, könnte der bessere nächste Deal sogar in einer Verlängerung der Zusammenarbeit bestehen. In drei Jahren ist immerhin wieder WM-Jahr, das bedeutet: Phantasie.

Geschrieben von marxelinho am 07. Juli 2015.

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01. Juli 2015

Hoher Sommer

Sehr schöner, entspannter Abend heute im Norden Berlins, wo Hertha auf schwierigem Rasen ein gepflegtes Freundschaftsspiel gegen den Landesligisten 1. FC Lübers austrug. Das eine oder andere Kuriosum gab es dabei, zum Beispiel spielte Thomas Kraft in der Viererkette, sicher keine schlechte Methode, ihn an die Herausforderungen der Spieleröffnung zu gewöhnen. Sascha Burchert kam von der rechten Außenbahn aus einmal zu einer satten Direktabnahme, die vom Pfosten ins Feld zurückprallte.

In der zweiten Halbzeit sorgte Hertha noch für ein adäquates Ergebnis, nachdem die Heimmannschaft im ersten Durchgang gegen eine durchaus erste Elf zweimal in Führung gegangen war. Vor allem über links ging viel, Jungspunde wie Kohls, Mittelstädt oder Blumberg sorgten für Betrieb, und Ronny hatte auch seinen Spaß, auch wenn er vermutlich nicht verstand, dass der Stadionsprecher das Publikum neben dem Tor vor seinen Schüssen warnte. Die Warnung betraf ja auch nur solche, die daneben gegangen wären.

Von Mitchell Weiser konnte ich das erste Fanfoto machen, so wie ich vor einigen Jahren am selben Ort einen gewissen Nico Schulz zum ersten Mal ins Bild bekam. Die Stimmung war heute sehr entspannt, die Stewards ließen dem Publikum große Freiheiten, niemand nahm sich dabei zu viel heraus. Ein idealer Auftakt für eine Vorbereitung, die hoffentlich die Grundlage für eine tolle Saison legen wird.

Das Spiel war in der ersten Halbzeit keineswegs so einseitig, wie diese Aufnahme suggeriert:


Ronny musste für seinen Auftritt in Halbzeit zwo einen Brillanten abkleben:


Der neue Herthaner Mitchell Weiser war naturgemäß sehr gefragt bei den Fans:


Das gilt im selben Maß für Fabian Lustenberger, einer der Publikumslieblinge seit langem:


Interessant war es schließlich noch, den beiden Talenten Mittelstädt und Kohls beim Interview mit Spreekick.TV zuzuhören - sie verstehen sich schon exzellent auf die einschlägige Rhetorik:



Geschrieben von marxelinho am 01. Juli 2015.

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28. Juni 2015

Der Sommer ist die Zeit für Gartenarbeit

Als die Spieler von Hertha BSC sich gestern Nachmittag zum ersten Training einfanden, war Salomon Kalou in New York und freute sich auf ein Fußballspiel. Der Star von der Elfenbeinküste hat einen längeren Urlaub bekommen, auch viele andere Spieler fehlten noch. Ein Monat ist seit der Mitgliederversammlung vergangen, die durch eine skeptische Stimmung gegenüber Manager Michael Preetz geprägt war.

Es gab dann noch den schönen Moment des Pokalsiegs der U19, seither hat sich eine Menge getan, allerdings betrifft nur wenig den Kader. Die Verpflichtung von Mitchell Weiser kann immerhin als ein kleiner Coup gewertet werden (der vielleicht auch mit der Größe des Handgelds zu tun hatte, von dem man ausgehen muss): ein junger Spieler, den der FC Bayern nicht mehr haben wollte, und der sich als entwicklungsfähig erweisen könnte, wenn man ihm ein entsprechendes Umfeld bieten kann - und wenn er sich "am Riemen reißt", also sich nicht hängenlässt. Weiser ist durchaus auch ein Investment.

Davon abgesehen bekommt man den Eindruck, dass es heuer wieder so laufen wird wie im Vorjahr, wo entscheidende Personalien sehr spät getätigt wurden, und insgesamt ein bisschen nach dem Prinzip "Gieß ich den ganzen Garten, wachsen vielleicht diverse Pflänzchen" gearbeitet wurde. Die zentrale Frage, die man auch als 8-9-10-Puzzle bezeichnen kann, ist vollständig offen, wobei man im günstigsten Fall ja sogar davon ausgehen könnte, dass mit Cigerci, Baumjohann und Schieber dafür interessante Neuzugänge zur Verfügung stehen. Sie kommen von der eigenen Bank, waren verletzt, ihr Potential ist schwer einzuschätzen. Ersatz und Konkurrenz für sie ist nicht vorhanden.

Es tut sich etwas im Betreuerstab. Richard Golz, dessen Verpflichtung böses Blut zumindest bei Christian Fiedler gemacht hat, muss schon wieder gehen, wofür es interne Gründe geben wird. Von außen konnte man allenfalls feststellen, dass sich das Spiel von Thomas Kraft 2014/15 nicht verbessert hat. Er blieb derselbe "halbe" Keeper, mit dem die Fans sich vorläufig abgefunden haben, in der Hoffnung, dass in Gersbeck oder vielleicht sogar eher noch Körber einer nachkommt, dem man im Alter eines ter Stegen oder Leno eine Chance geben könnte. Also durchaus bald.

Der Fitnesstrainer Henrik Kuchno kehrt zurück. Das ist eine Sache, die Einblick in das Arbeiten der sportlichen Leitung gibt. Denn so sehr ein Trainer jeweils seine Meinung zu dieser Abteilung haben wird, ist es doch in erster Linie Aufgabe des Vereins, da exzellente Arbeit zu gewährleisten. Michael Preetz richtet sich aber offensichtlich oft zu eng an den jeweiligen Betreuern aus. Das ist nun im Fall von Pal Dardai, der mit einem großen Sympathiebonus, aber unter durchaus beträchtlichen sachlichen Zweifeln seine Arbeit antritt, anscheinend auch wieder so. Es sind keine zentralen Personalien, aber sie sehen danach aus, dass Hertha mehr denn je Entscheidungen für den Tag (und für den gerade tätigen Trainer) trifft - dabei sollten die Betreuer auf längerfristig funktionierende, gut evaluierte Strukturen treffen.

Für Michael Preetz geht es in dieser Saison um alles. Er muss nicht mit Geld um sich werfen, sondern zeigen, dass er in der Lage ist, eine Verein sportlich so zu führen, dass ein starker Trainer auf ein gutes Team an Mitarbeitern trifft, sodass in der Zusammenarbeit alle besser werden. Die latenten Absolutismen, die Preetz zulässt, haben sich immer als schädlich erwiesen.

Der Spielpan ist inzwischen auch heraußen, und er hat eine tolle Auftaktkonstellation ergeben: Hertha wird zuerst gegen Arminia Bielefeld im Pokal antreten, und dann gegen Augsburg in der Liga. Das Pokalspiel ermöglicht die direkte Wiedergutmachung für eine vergebene Chance aus dem Vorjahr. Und Augsburg ist die Mannschaft in der ersten Liga, mit der ich Hertha spätestens seit dem fatalen 0:3 aus dem Frühling 2012 (es war ein Schlüsselmoment auf dem Weg in den neuerlichen Abstieg) in einem langfristigen Vergleich unter Beobachtung halte.

Augsburg hat seither all das geleistet, angesichts dessen sich in Berlin jegliche Ausreden verbieten. Es liegt an der Arbeit. Sie war in den letzten Jahren nicht gut genug. Und sie war es auch im Juni allem Anschein nach nicht. Sonst wäre Hertha mit der Planung für die neue Saison schon weiter.


Geschrieben von marxelinho am 28. Juni 2015.

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13. Juni 2015

Einzelkritik: Die Hertha-Spieler 2014/15

Thomas Kraft: Guter Rückhalt mit teilweise herausragenden Szenen in direkten Duellen. Unübersehbar weiterhin seine Schwächen im Spiel mit dem Ball. Ein halber Topkeeper. Perspektive: Stammspieler (braucht aber einen Herausforderer).

Peter Pekarik: Ordentlicher Außendecker, den Jos Luhukay zuweilen mit Ansprüchen auf Polyvalenz überforderte. Unter Dardai dann sehr konservativ. Vermittelt den Eindruck einer professionellen Berufsauffassung. Sympathieträger. Ebenfalls zu berücksichtigen: er ist preiswert. Perspektive: Stammspieler (braucht aber einen anderen Herausforderer als Marcel Ndjeng).

Sebastian Langkamp: Seine lange Verletzung war eine der prägenden Tatsachen dieser Saison. Guter No Nonsense-Verteidiger mit dem Talent, gelegentlich den sterbenden Schwan zu machen (i.e Offensivfouls zu ziehen). Spieleröffnung ausbaubar. Perspektive: Stammspieler.

John Anthony Brooks: Beinahe ein Opfer der merkwürdigen Pädagogik von Luhukay. Vielleicht das größte Talent im derzeitigen Kader von Hertha. Verteidigt initiativ und nicht nur abwartend, dadurch auch gelegentlich riskant. Probiert etwas nach vorn (vertikale Läufe, die Pässe brauchen noch). Erinnert schon häufig an Simunic. Perspektive: Führungsspieler. Gefahr: andere Vereine.

Marvin Plattenhardt: Passabler Außendecker, Andeutungen von offensiver Einbindung. Leider blieb sein Freistoß gegen den HSV eine einsame Ausnahme, danach ließen seine Standards stark nach. Perspektive: Einwechselspieler.

Fabian Lustenberger: Spielte eine halbe Saison, und das häufig stark. Überzeugender, wenn auch konservativer Sechser, kampfstark, elementar wichtig für das Gefüge. Braucht einen Nachbarn, der seine Rolle anders versteht. Perspektive: Mannschaftsführer.

Per Skjelbred: Mann für alle Fälle unter Luhukay, fand erst unter Dardai eine Position, vernachlässigte dabei aber zu häufig die offensiven Aufgaben. Ein Grund:  Hertha stand generell zu weit hinten. Ein individueller Grund: Skjelbred zeigt nicht immer die positionelle Intuition, die ihn interessant anspielbar macht. Kommt dadurch selten in Situationen. Perspektive: macht Druck von der Bank.

Roy Beerens: Relativ starke erste Saisonhälfte, sein Übersteiger schien dann aber schon ligaweit durchschaut. Aufgrund der Verletzung insgesamt schwer einzuschätzen. Vorteile: er kann direkte Duelle, er kann beschleunigen, er schließt auch ab. Perspektive: Stammspieler.

Nico Schulz: Hatte gegen den FCB einen Moment, der seine ganze Saison hätte definieren können, zeigte dabei aber eben auch seine immer noch mangelnde Erfahrung. Hat aber insgesamt eine der besten Entwicklungen im Kader genommen, lernt weiter dazu. Vorteile: Dynamik, Variantenreichtum. Perspektive: Stammspieler links hinten.

Genki Haraguchi: Ein paar gute Spiele zu Beginn, ein paar fast noch bessere zum Ende der Saison. Zieht tendenziell eher zum Sechzehner als zur Grundlinie, ist dadurch auch nicht so schwer auszurechnen, hat aber auch das Zeug zum hiesigen Robben (minus Torgefahr). Perspektive: Stammspieler.

Valentin Stocker: Seine schwierige Hinrunde begann im Grunde in dem Moment, in dem er bei der WM nach einer Halbzeit ausgewechselt wurde und nicht wiederkam. Weiteres Exempel der seltsamen Luhukay-Pädagogik. Seine Leistungen unter Dardai waren eher punktuell auffällig, er zeigte aber ein Talent für die besonderen Momente. War, auch aufgrund der mangelnden Arbeit von Kalou, defensiv stark gefordert. Die (relativ) hohe Ablöse hat er schon gerechtfertig, könnte nun angreifen. Perspektive: Stamm- bis Führungsspieler (Außenbahn).

Julian Schieber: Eine der Entdeckungen in einer Saison, in der schon Stückwerk für diese Qualifizierung reicht. Überzeugender Antritt, Zug zum Tor, Fähigkeit zum Kombinationsspiel, in vielerlei Hinsicht ein kompletter Mittelstürmer. Fragezeichen: die Physis. Perspektive: Stammspieler.

Salomon Kalou: Ich habe mich ausführlich mit ihm auseinandergesetzt, es ging ja nicht anders. Letztendlich bleibt doch keine andere Möglichkeit, als zu sagen: die große Enttäuschung der Saison. Andeutungen überragender Spielintelligenz reichen nicht, wenn die Basics fast vollständig fehlen: kein Spiel gegen den Ball, keine Intensität, stattdessen ein untaugliches Suchen nach eleganten Lösungen. Brachte sich für die Rolle des Zehners ins Gespräch, was ich schon in der Winterpause vorgeschlagen hatte, allerdings scheint er dabei nicht zu bedenken, dass das eine äußerst arbeitsintensive Stelle ist. Perspektive: vollkommen unklar.

Jens Hegeler: Wird auf der Hertha-Webseite als Verteidiger geführt, was man schon als Indiz werten darf. War offensiv weitgehend wertlos, sieht man von einer wichtigen Vorlage für Kalou gegen Augsburg ab. Eigenartig auch seine Körpersprache: Strahlt ein Phlegma aus, mit dem man den IS bekämpfen könnte. Perspektive: keine.

Sandro Wagner: Der dritte Stürmer im Kader sollte einer sein, der wirklich Druck macht, der auch eher jünger sein sollte und nicht schon ein wenig nach Gnadenbrot riechen. Für diese Aufgabe hat Hertha einmal jemand wie Kachunga geholt. Perspektive: keine.

Änis Ben-Hatira: Hat sich mit seiner Begeisterung für die Nationalmannschaft keinen Gefallen getan, wenngleich seine kulturelle Botschafterfunktion sehr wertvoll ist. Sportlich eine Saison zum Vergessen, deutete allerdings zwischendurch an, wie wertvoll er sein könnte. Braucht eine Vorbereitung ohne Probleme, und generell äußerste Sensibilität für seinen Körper. Vorzüge (sportlich wie auch allgemein): Lernbereitschaft, Explositivät, Charisma. Wird in der Sommerpause 27, kommt also ins beste Alter. Perspektive: Macht Druck von der Bank, spielt sich vielleicht ins Team. Sympathieträger.

Hajime Hosogai: Wurde unter Dardai womöglich zu Unrecht so abgefertigt, muss aber insgesamt als Auslaufmodell gesehen werden.

Peter Niemeyer: Sehr verdienstvoll, hatte nur noch wenige Momente. Auslaufmodell.

Marcel Ndjeng: Im vergangenen Herbst gab es in irgendeiner Zeitung eine Geschichte über ihn unter dem Motto "Nie war er so wertvoll wie jetzt". Da war ich schon argwöhnisch. Durchschnittsprofi, der zuletzt auch mit dem ruhenden Ball nicht mehr viel anzufangen wusste. Perspektive: keine.

Johannes van den Bergh: Für ihn lief die Saison ganz schlecht, er hatte aber im Grunde in der Spielzeit davor die Chancen, sich zu etablieren, nicht mit der letzten Überzeugung gelöst. Perspektive: keine.

Ronny: kein Kommentar.

Tolga Cigerci, Alexander Baumjohann: Saison zum Vergessen.

Geschrieben von marxelinho am 13. Juni 2015.

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07. Juni 2015

Ausreden und Ausblicke

Das im Detail ziemlich interessante Finale der Champion's Leage in Berlin bietet einen guten Anlass, ein paar Dinge zurechtzurücken, die von den Hertha-Verantwortlichen nach Ende der Saison auf der Mitgliederversammlung geäußert wurden.

Natürlich ist der Abstand zu dieser Art von Fußball enorm, man ist geneigt, in Dekaden zu denken, wenn da überhaupt jemals irgendetwas aufholbar ist. Die Schönheit hat am Samstagabend bei Barcelona das Risiko der systemischen Konzeption überwogen, die Höhe des Spiels von Jordi Alba war der bezeichnendste Faktor. Hertha haben wir hingegen zuletzt dabei gesehen, wie eine Mannschaft sich rechtschaffen mit der extremen Orthodoxie eines defensivkompakten 4-4-2 abmühte.

Bei der Rechtfertigung für die Stagnation auf niedrigem Niveau bemühten die Verantwortlichen auf der MV auch wieder "viel Realismus in Hinblick auf unsere Möglichkeiten". In der zweiten Hälfte der Tabelle herrsche ein "ungeheurer Existenzkampf", sagte Michael Preetz in seiner Rede. Das war aus guten Gründen defensiv formuliert, ist aber eben nur die eine Seite der Wahrheit.

De facto gibt es in der ersten Liga einen sowohl finanziell wie sportlich potentiell ziemlich homogenen Block, der von Platz 6 bis 16 reicht. Zwischen Europa und Abstieg machen die Sache also Teams untereinander aus, bei denen es eigentlich keine Ausreden geben dürfte. Dass Hertha bis zum letzten Tag zittern musste, während Augsburg schließlich eine gute Saison stark beenden konnte, steht auf ein und demselben Blatt.

Anders formuliert: innerhalb dieses Blocks sind die wesentlichen Unterschiede solche der Kompetenz. Selbst für Hertha war ungefähr zur Hälfte der Rückrunde die Tür nach Europa ganz kurz für einen kleinen Spalt offen - wäre der späte Ausgleich von Schalke nicht gefallen, hätte die Mannschaft vielleicht mit einer ganz anderen Dynamik gegen den HSV (wo einn knapper Sieg gelang) und gegen Hannover (das erste einer Serie von genügsamen Unentschieden, die letztendlich zur Signatur dieses Klassenerhalts wurden) gespielt.

Natürlich spricht alles dafür, die Sprachregelungen für die nächste Saison vorsichtig zu gestalten. Die Fans wissen auch so, dass "Etablierung" alle Möglichkeiten offen lässt, ich spreche lieber von "Konsolidierung", und meine damit, dass Spiele auf Augenhöhe nicht automatisch auf das torlose Remis als die Minimaldefinition hinauslaufen.

Das Spiel gegen Schalke war in dieser Hinsicht auch deswegen von entscheidender Bedeutung, weil es in der Liga häufig darauf ankommt, die Verwundbarkeiten zu spüren. S04 kam nicht als der nominelle Gigant, sondern als das konfuse Team, das sie in diesem Jahr zumeist waren. In solchen Situationen vor allem merkt man, dass Hertha geradezu konstitutiv auf unsicherem Grund agiert. Das vor allem muss in der neuen Saison behoben werden: durch eine variantenreichere Spielanlage. Der "Überlebenskampf" darf nicht Grundlage der Spielkonzeption sein. Hertha darf sich nicht von vornherein "zu tief" aufstellen.

Bei aller Vorsicht in der Formulierung der kommenden Ziele wird das Beispiel Augsburg niemandem entgehen können. Was Augsburg erreicht hat, ist für Hertha nicht außer Reichweite. Voraussetzung ist allerdings, dass in allen Bereichen gute Arbeit geleistet wird: Personalplanung, Fitness, medizinische Abteilung, Taktik, Motivation.

In allen Bereichen gibt es Potential, sich deutlich zu verbessern, und auch wenn man großzügig davon ausgeht, dass dies die dritte (und nicht die siebente) Saison für Michael Preetz wird, in der er zeigen kann, was er als Manager des sportlichen Bereichs kann, so muss man gleichzeitig doch wohl sagen: in der kommenden Saison kommt es für ihn darauf an. Die finanziellen Umstände sind klar abgesteckt, die sportlichen auch. Jetzt kann er sich beweisen, jetzt muss er es aber auch. Von nun an kann es keine Ausreden mehr geben, sondern nur noch gute Gründe.

Geschrieben von marxelinho am 07. Juni 2015.

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Oliver (am 09. Juni 2015)

Am späten Sonntagabend, ganz am Ende, kam Hertha BSC in "seinem" Stadion doch noch zu seinem Recht: Auf der Volunteers-Party, die UEFA und Berliner Fussballverband für diese in der Ehrentribünen-Lounge des Olympiastadions für ihren teilweise zweiwöchigen Einsatz zum Dank ausrichteten, legte der Berliner DJ aus Tegel als letztes Stück "Nur nach Hause gehen wir nicht!" auf. Eine kleine Gruppe von Hertha-Anhängern unter den Volunteers von überall her ließ dann noch ein kräftiges "HaHoHe Hertha BSC!" im leeren Olympiastadion erschallen. Überall lag noch das Konfetti von der Siegerehrung herum, aber wie gesagt: Hertha kam auch noch zu seinem Recht, ich hatte Gänsehaut. Nicht das ich so vermessen wäre und nicht auch um den Lichtjahre-Abstand zu dieser am Samstag vorgetragenen Spielkultur wissen würde. Aber Hertha BSC ist auch in seiner jetzigen Disposition in der Lage bei mir und bei sehr sehr vielen leidenschaftlichen Anhängern in dieser Stadt intensivste Gefühle zu erzeugen. Für all diese hoffe ich sehr, daß MP doch noch ein glückliches Händchen bekommt. Beim Trainer ist die richtige Einstellung schon mal vorhanden.
30. Mai 2015

Auswärtssieg daheim

Kein Jahr ohne Titel. So soll es für einen Fußballverein sein, wie wir ihn uns wünschen. Die U19 hat also heute das Jahr gerettet. Sie gewann 1:0 gegen Energie Cottbus im Finale des DFB-Pokals der Junioren. Das Spiel fand im Amateurstadion statt, nominell war Hertha die Auswärtsmannschaft. Die Fans reagierten darauf gegen Ende mit dem naheliegenden Chor: "Auswärtssieg". Er fand daheim statt.

Da wir zu den Gästefans gehörten, standen wir im sonst geschlossenen Sektor K und sahen das Spiel durch ein Absperrgitter hindurch. Es war eine ungewohnte Perspektive, und ich überlegte die ganze Zeit hindurch, was denn eine geeignete Art wäre, dieses Spiel zu schauen, so ganz ohne Draufsicht: Auf einen Spieler konzentrieren? Also mehr oder weniger scouten? Oder doch so etwas wie eine taktische Idee zu bekommen? Dazu fehlt mir bei dieser ebenerdigen Betrachtung die Erfahrung.

Die Sache löste sich dann mehr oder weniger von selber, schließlich war es ein zwar wechselhafter, aber doch insgesamt schöner Frühlingstag, und es waren ein paar befreundete Herthaner zusammengekommen. Es wurde sich also auch ein wenig unterhalten. Für die Scouts unter uns fiel die Wahl des "Man of the Match" relativ klar aus: Uns gefiel Farid Abderrahmane, auch weil er durch seinen Wuschelkopf guten allgemeinen Appeal hatte, während der von uns vor dem Spiel hoch gehandelte Shawn Kauter die Haare sehr kurz trug - ob er deswegen eher unauffällig blieb?


Zum Anpfiff hatte der Hertha-Block ein paar Rauchopfer dargebracht. Das Spiel konnte trotzdem regulär angepfiffen werden. Die Mannschaft von Michael Hartmann kontrollierte das Geschehen ziemlich souverän, sodass der Hertha-Keeper Niels-Jonathan Körber, zu dem wir in diesen 45 Minuten den besten Sichtkontakt hatten, nicht viel zu tun bekam. Er hinterließ trotzdem einen insgesamt promotablen Eindruck.

In der zweiten Halbzeit hab es dann einen Corner, der von "unserer" Eckfahne aus getreten wurde, und der zum einzigen Treffen durch den Kapitän Nico Beyer führte. Ich hatte einmal gut abgedrückt, nämlich als Pelivan zum Eckball lief, und einmal ein wenig zerstreut, nämlich kurz vor dem entscheidenden Kontakt. Den habe ich drauf, nur das Tor habe ich verfehlt.



Danach gab es noch eine hübsche Szene mit den potentiellen DFB-Pokalsiegern des Jahres 2030, und ich meine jetzt den richtigen. Rechts von uns war eine Abordnung der Hertha-Kleinsten, die sich die Handschuhe von Körber sicherten. Zumindest akustisch habe ich die Szene festgehalten, mit dem Bild bin ich da schon wieder wo anders.


Dieser Sommer wird für diese Mannschaft von beträchtlicher Bedeutung. Wer kann vielleicht ins Trainingslager der ersten Mannschaft mitfahren? Die meisten werden heuer 19, einige wie Jordan Torunarigha erst 18. Jetzt werden die Weichen für die Karrieren gestellt. Wir drücken die Daumen - ist ja in aller Interesse!


Geschrieben von marxelinho am 30. Mai 2015.

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25. Mai 2015

Logische Konsequenz

Morgen steht noch die Mitgliederversammlung an bei Hertha, danach gibt es für eine Weile nur Nachwuchsfußball und Vorbereitung auf die neue Saison. Es liegt nahe, dass die zentrale Personalie auf der MV verkündet wird: Pal Dardai wird vom Feuerwehrmann zum Cheftrainer befördert. Das hat der Manager ja am Samstag schon so gesagt, dass man sich jetzt aus irgendwelchen Gründen nicht einigen könnte, wäre eine Sensation, und zwar eine, die den Club schlecht aussehen ließe.

Auch wenn die Sache insgesamt eindeutig ist, verdient sie doch zumindest eine Rekapitulation der Argumente: Ist es gut, mit Pal Dardai (und Rainer Widmayer) in die neue Saison zu gehen?

Ich neige, nach Abzug der situativen Argumente, die alle für einen bruchlosen Übergang sprechen, zu einem vorsichtigen Ja zu Pal Dardai. Er hatte 15 Spiele mit der Mannschaft, nachdem er Jos Luhukay abgelöst hat. Darunter waren nur zwei, die man als bedenklich bezeichnen muss: Freiburg und Dortmund. Dazu kommen ein paar mutlose Leistungen, die jeweils viel mit der Konstellation zu tun hatten (Köln und Frankfurt, im Grunde auch Stuttgart, als das Momentum am größten gewesen wäre). Der Spielplan und die allmählich enger werdende Lage brachten es mit sich, dass die Fortschritte aus den ersten paar Wochen mit Dardai allmählich verloren zu gehen drohten. Nicht wenige bemerken mit Recht, dass die Liga für Hertha keine weitere Woche hätte dauern dürfen.

Meine Eindrücke aus diesen Wochen sind, wie könnte es anders sein, vielfältig. Die defensive Kompaktheit der Mannschaft wurde allmählich zu einem Problem, in der offensiven Arbeit gab es viele positive Ansätze, allerdings konnten zwei zentrale Probleme nie gelöst werden, weil dafür das Personal fehlte: Kalou und Stocker waren letztendlich nur Ersatzlösungen auf ihren Positionen.

Zuerst ein paar Worte zur Defensive: Dardai war, anders als der mit vielen eigenartigen Einschätzungen schließlich destruktiv gewordene Luhukay, in der Lage, ein paar selbstverständliche Beobachtungen zu machen. John Anthony Brooks ist ein potentieller Führungsspieler, mehrfach musste ich in diesem Frühling an Simunic denken, wenn ich ihn spielen sah. Der Kroate hatte ja auch seine Aussetzer, wuchs aber zunehmend in seine Rolle hinein - denken wir an die beinahe große Saison unter Favre. Langkamp war auch wieder da, als Dardai kam. Damit begann die Konsolidierung von hinten mit zwei im Grunde kaum kontroversen Personalien. Dazu die Aktivierung von Plattenhardt, und die ordentliche Arbeit von Pekarik - eine ligataugliche Viererkette, in der sich alle noch steigern können.

Der Kapitän, Fabian Lustenberger, wurde dadurch für die 6er-Position frei, eine Auswirkung, deren Bedeutung kaum zu unterschätzen ist. Er spielte meistens sehr stark, allerdings mit geringer offensiver Wirkung. Die Leistung seines Nebenmanns Per Skjelbred sehe ich hingegen ein wenig skeptischer: Ihm fehlt es, das war jedenfalls mein Eindruck aus den Spielen, die ich live gesehen habe, an einer intuitiven Bewegung in die offenen Räume. Manchmal findet er sie, wenn das Spiel schnell wird, aber bei Ballbesitz Hertha ist er oft zu passiv.

Generell stand Hertha in den letzten fünf Spielen viel zu tief. Pressing gab es nicht, was auch mit dem symbolischen Anläufer Kalou zu tun hat, aber wohl taktisch vorgegeben war. Hertha griff erst ab der Mittellinie ein, auf Dauer ist das heute keine Spielkonzeption mehr, mit der man durch eine Saison kommt. Ob Dardai hier grundsätzlich neu ansetzen wird mit der neuen Saison, ist vermutlich die spannendste Frage.

Hier lohnt ein kurzer Rückblick, denn paradoxerweise war Hertha unter Luhukay, vor allem in der Hinrunde 2013, schon deutlich weiter, spielte ein interessantes, flexibles Pressing, das häufig als Quasi-Manndeckung gesehen wurde. Es war aber eine erfolgreiche Taktik, die irgendwann verloren ging - woran das lag, wird für jemand wie mich wohl für alle Zeiten in den arkanen Bereichen, also in der Kabine, verborgen bleiben. Es sieht aber doch deutlich so aus, als hätte Luhukay irgendwann die Mannschaft verloren.

Unter Dardai begann sie wieder zu arbeiten, konnte aber mit zunehmendem Saisonverlauf den vielfältigen Anforderungen eines heutigen Fußballspiels nicht mehr genügen. Dazu trugen mangelnde Erfahrung (Schulz und Haraguchi in markanten Offensivsituationen), mangelnde Einstellung (Kalou) und systemische Überforderung (Stocker, Skjelbred) bei. Mit einem besseren Mittelstürmer, einem interessanten Zehner, mit Stocker (und vielleicht sogar Kalou) auf den Flügeln, und einem hoffentlich stärker zurückkehrenden Tolga Cigerci könnte die ganze Sache schon deutlich besser aussehen.

Dardai spricht auf eine überzeugende und interessante Weise über das Spiel, ob er allerdings (gemeinsam mit Rainer Widmayer) ein Konzept findet, das über die biedere Punktesammlerei der Babbel-Hinrunde 2011 hinausführt, ist schwer einzuschätzen. Von der technischen Grundkompetenz her machte Hertha zuletzt einen guten Eindruck, allerdings fiel auf, dass nach dem enorm wichtigen Kopfballtor von Langkamp gegen den HSV die Standards wieder deutlich schlechter wurden, und als Faktor im Spiel keine Rolle mehr spielten. Bedenklich ist auch, dass von den Siegen unter Dardai nur der gegen Paderborn als herausgespielt bezeichnet werden kann. Vor diesem Hintergrund ist die stark nachlassende Qualität der Frei- und Eckstöße noch relevanter.

Trainer deuten manchmal an, dass es ihnen hinten und vorne an der Zeit fehlt, das alles zu trainieren, was notwendig wäre. Deswegen hängt so viel von der Vorbereitung ab, die im Vorjahr auch durch die zweite Einkaufswelle und durch die WM stark beeinträchtigt war. Heuer werden die Verstärkungen klüger und punktueller getätigt werden müssen, und zwar in den kommenden vier Wochen. Es sind die Wochen für den Mann, der noch viel stärker unter Erfolgsdruck steht als Pal Dardai: Michael Preetz, Geschäftsführer Sport, der mit der Personalie Dardai wieder einmal die logische Konsequenz aus einer Situation zieht, die perspektivisch langfristigeres Arbeiten bei Hertha einmal mehr vorerst nicht zulässt.

Sollte es Dardai allerdings gelingen, in diese Richtung wirksam zu werden, wäre er mehr als fast alle Anderen jemand, mit dem ich das sehr gern mitverfolgen würde. Das spricht letztendlich auch sehr für ihn, auch wenn das jetzt ein wirklich weicher Faktor ist. Nennen wir ihn Sympathie.

Geschrieben von marxelinho am 25. Mai 2015.

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23. Mai 2015

Am seidenen Faden

Neun Tore haben Hertha letztlich vom Relegationsplatz getrennt. Aus eigener Kraft, aber an einem seidenen Faden konnte der Klassenerhalt gesichert werden: eine Niederlage mit nur einem Tor Differenz, das war das minimalste der Minimalziele an diesem 34. Spieltag, und das wurde auch erreicht. 1:2.

Ich habe das Spiel live gesehen, das zeichnete sich ja seit Wochen ab, dass es heute noch heikel werden könnte. Also hatte ich schon früh eine Karte besorgt, schwer war es nicht. Hinter ein paar einheimischen Fans wanderte ich vom Bahnhof Sinsheim aus über typische Zersiedlungslandschaft hinaus zur Arena.



Die Rhein-Neckar-Arena ist, wie es sich für diese Region Deutschlands gehört, sehr stark auf den Besucher ausgerichtet, der mit Personenkraftwagen kommt. Wir Spaziergänger waren also eher die Ausnahme, insgesamt haben die Planer sich bei der Konzeption der Wege nicht gerade ausgezeichnet - per pedes muss man weite Umwege gehen, um zum jeweiligen Eingang zu kommen. Das Publikum der TSG 1899 Hoffenheim ist bürgerlich-mittelschichtig, kein Wunder, man sieht hier an jeder Ecke, dass es keine arme Ecke Deutschland ist.


Auf dem Weg ins Stadion bekam ich noch diese beiden beeindruckenden Vögel zu sehen. Und dann war ich auch schon drin. Der Hertha-Support wie immer in einen Käfig in der Ecke gedrängt, stimmkräftig und mit den viel besseren Chants. Der Blick auf das Spiel sehr gut, schließlich ist es ein kleines Stadion.

In der ersten Halbzeit war die Leistung eigentlich ganz in Ordnung, über die Flügel ging nicht wenig, allerdings hatte Modeste schon früh die Führung für Hoffenheim erzielt. Pekarik sah dabei nicht gut aus, auch Langkamp hatte immer wieder Schwierigkeiten mit dem Stürmer, bei dem sich der Stadionsprecher kokett mit "Merci" bedankte. Insgesamt ist Hoffenheim eine Mannschaft, die den Raum zwischen den Linien sucht, während Hertha an seiner Grundkonzeption doch sehr orthodox kleben bleibt wie auf einem Fliegenpapier.

In der zweiten Halbzeit kam Beerens für Kalou, ein eigenartiger Wechsel, weil Haraguchi sich für eine falsche Neun nicht wirklich nicht eignet. Er war allerdings am Ausgleichstreffer beteiligt, der aus einer Umschaltsituation heraus fiel. Beerens schloss ab, der Ball wurde abgefälscht.

Das Remis wäre ein achtbarer Abgang aus der Saison geworden, aber Hertha verursachte in einer umkämpften Begegnung zu viele Freistöße zu knapp vor dem Sechzehner. Die waren zwar zumeist harmlos, in einem Fall entstand allerdings aus einem Nachschuss eine Gelegenheit für Firminho, die er sich nicht entgehen ließ. Hertha hatte fünf gute Minuten in Halbzeit zwei, steht aber einfach prinzipiell zu tief, um wirklich satisfaktionsfähig mitspielen zu können.

Die Berliner Fans trugen in der zweiten Halbzeit mit idiotischen Chören gegen Dietmar Hopp dazu bei, dass ich mich über die Niederlage nur bedingt geärgert habe. Hertha hat das Saisonziel verfehlt (Konsolidierung in der ersten Liga), bleibt aber immerhin drin.


Alles Weitere wird uns während er Sommerpause beschäftigen. Es gibt viel zu tun, auch für uns Fans, die wir hypothetisch mitdenken mit denen, die Entscheidungen zu treffen haben.

Dass Pal Dardai in der nächsten Saison der Coach sein wird, hat Michael Preetz eben in der Sportschau bestätigt. Dass war also eine Entscheidung, die sich quasi von selbst getroffen hat. Als Begründung reicht, dass Dardai an dem zweiten vergeudeten Jahr von Hertha in Folge einen geringen Anteil hatte. Es wird Zeit, auch wieder einmal positive Begründungen zu suchen.

Geschrieben von marxelinho am 23. Mai 2015.

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valdano (am 23. Mai 2015)

Das ist die wahre Fanhaltung - nach Sinsheim fahren und dafür sorgen, dass dieses Stadion überhaupt mal voll wird. Es ist acuh besser, als sich das Saisonfinale in Gestalt eines Pornos anzusehen, denn was anderes als eine Serie von Cum-Shots ist es, wenn man die Sky-Konferenz schaut? Als Nicht-Fan der Hertha, aber als jemand, der in Berlin regelmäßig Bundesliga-Fußball sehen möchte, kann ich mir nur schwer vorstellen, dass Pal Dardai der Mann ist, der dem Verein ein Konzept, eine Linie, eine Handschrift, eine Spielidee vermitteln wird. Was sicher auch am Populismus von Michael Preetz liegt, der einen alte Hertha-Helden gecastet hat - bei Rehagel hat man ja gesehen, wie das mit den alten Recken läuft, und bei Favre hat man gesehen, dass Trainer mit mehr als markigen Sprüchen und Blut-Schweiß-Tränen-Aura in Berlin werden können. Ähnlich wie bei Schalke ist der Manager das große Problem. Horst Heldt und Michael Preetz, der sich unter der Woche, zwei Tage vor Hoffenheim, lieber klein-moritzhaft im China Club herumtreibt, weil ihn das als Mitglied der Gesellschaft ausweist, diese beiden Ex-Kicker gehören zur Spezies der Überforderten, sie müssen sich aufpumpen, um bei einem Tönnies oder Gegenbauer den Eindruck zu erwecken, sie hätten das Zeug zur Führungskraft, obwohl sie nur tun, was ihnen gesagt wird oder getextet, per Sms, wie Heldt. Wenn nicht in diesem Bereich etwas geschieht, wird die kommende Saison kaum besser verlaufen - und Preetz würde, wie Heldt, jeden Trainer opfern, um den eigenen Kopf zu retten. Gruß von Valdano
17. Mai 2015

Lupfnummer

Zwischen 95 und 98,5 Prozent schwankten nach dem Heimspiel gegen Eintracht die Prognosen über die Gewissheit des Erstligaverbleibs von Hertha zwischen mir und einem guten Freund. Es müsste schon eine Menge zusammenkommen, um am Ende noch auf den Relegationsplatz zu plumpsen. Allerdings befindet sich die Mannschaft ein wenig im Trudelmodus. Aber man kann ja auch eintrudeln. Das ist immer noch besser als bis knapp an den Abgrund durchgereicht zu werden wie im Vorjahr.

Nach dem gemütlichen Spiel (keine der beiden Mannschaften kam auf 110 Kilometer) konzentrierten sich viele Statements auf die eine Szene, in der Kalou allein vor Trapp auftauchte, und ihm den Ball in die ausgestreckte Hand lupfte. Es war tatsächlich ein kümmerlicher Abschluss, allerdings machte der berühmteste Herthaner manches durch eine besser integrierte Gesamtleistung wett.

Hertha hatte mehr vom Spiel, hatte Chancen, ließ nichts zu, war aber insgesamt zu sehr mit den definierten Anforderungen beschäftigt, um so richtig kreativ zu werden. Im Grunde konnte man sehr gut ausnehmen, wo die Arbeit für den Kaderplaner im Sommer liegen wird: Skjelbred ist eher ein Siebener als ein Achter, gestern wirkte er bieder. Lustenberger ist als Sechser defensiv so beschäftigt, dass er kaum offensive Momente hat. Haraguchi und Schulz sind Grünhörner, auch wenn bei beiden wirklich interessante Ansätze zu sehen sind.

Stocker ist in der offensiven Zentrale häufig damit beschäftigt, die Lücke zu schließen, die zwischen Skjelbred und Kalou beim Anlaufen klafft, eine sehr große Lücke, weil Kalou das Anlaufen ja immer nur andeutet. Das hat wohl mit der Eleganzambition zu tun, die sein Spiel nach wie vor besonders prägt. Ich würde niemals vom einem Spieler verlangen, dass er sich das Hinterteil aufreißt, aber ich finde, dass auch intensive Arbeit eine große Schönheit haben kann.

Hertha steckt knapp vor dem Ende der Saison in der Konsolidierungsfalle. Die erste Elf, die sich gefunden hat, weiß nun, was zu tun ist, darüber hinaus aber gelingt wenig. Gestern mag der "schlechte" Druck, also der Druck "unten", eine Rolle gespielt haben. Gegen Sinsheim könnte auf diese Weise der nächste Punkt durchaus drin sein. Das wäre dann der entscheidende Punkt gegen die Durchreiche.


Fankulturell war es ein sehr interessanter Nachmittag. Aus Berlin kamen keineswegs die Mobilisierungsmassen in Scharen, man muss wohl einsehen, dass die Grenze der belastbaren Hertha-Schar bei rund 50000 Zuschauern liegt, alles darüber hinaus sind Konjunkturfans, die nur kommen, wenn die Zeichen positiv stehen. Die Eintracht-Fans machten eine Halbzeit lang ordentlich Radau, und zündeten dann vor Beginn der zweiten Halbzeit allerhand giftiges Zeug - es dauerte, bis sich die Wolke verzogen hatte, die früh auf den Platz zurückgekehrten Hertha-Spieler mussten sich sogar in Sicherheit bringen (ein paar Meter), um einer Rauchgasvergiftung zu entgehen.

Ein Sieg wäre kathartisch gewesen, ein "statement of intent" für die neue Saison, eine Woche Handlungsvorsprung zudem auf dem Transfermarkt. Eine große Rolle wird zumindest dieser letztere Aspekt nicht spielen, geht es doch eher darum, den im Vorjahr so amorph gewordenen Kader zu verschlanken. Dass Ronny gestern noch einmal zum Einsatz kam, war eher einer gewissen Ratlosigkeit geschuldet. Hegeler war gar nicht im Kader. Hertha hat jetzt noch ein Spiel Gelegenheit, um die Absichten für die nächste Saison selbst anzudeuten. Ansonsten könnte alles so weitergehen, wie dieses Jahr: einfach irgendwie drinbleiben. Aber die Diskussion darüber ist erst einmal für eine Woche vertagt.

Geschrieben von marxelinho am 17. Mai 2015.

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15. Mai 2015

Matchbälle

Das Heimspiel gegen Eintracht Frankfurt kann man wohl jetzt schon in die Liste jener wichtigen Hertha-Begegnungen geben, in denen die Mannschaft zum Erfolg verpflichtet ist - weil andernfalls gravierende Rückschläge drohen. Unvergesslich das lähmende, torlose Remis gegen Hannover, mit dem 2005 die mögliche Teilnahme an der CL verpasst wurde. Nicht zu vergessen auch das schockierende 0:4 beim KSC am Ende der besten Saison, die Lucien Favre in Berlin hatte. In beiden Fällen ging es damals um den Anschluss von Hertha an den internationalen Spitzenfußball, im Grunde war die Blamage in Karlsruhe (damals noch mit Gojko Kacar und Pal Dardai!) der Wendepunkt par excellence, mit Nachwirkungen bis heute.

Seither hat Hertha solche Schicksalsspiele am anderen Ende der Tabelle. Wobei der Druck vor dem Spiel gegen Frankfurt durchaus noch auszuhalten sein müsste. Unter Umständen kann Hertha sogar in der Liga bleiben, wenn beide noch ausstehenden "Matchbälle" unverwertet blieben. Was das allerdings für die kommende Saison hieße, kann man sich denken. Deswegen ist die Begegnung auch so überdeterminiert.

Erstens geht es um die Punkte. Drei wären großartig, damit würde Hertha vor eigenem Publikum (man erwartet eine große Kulisse) die Sache klären, und zwar aktiv - aus eigener Kraft und mit dem Statement, nächstes Jahr mit den Mannschaften aus dem Mittelfeld, zu denen die Eintracht zählt, mithalten zu wollen.

Zweitens geht es um die Trainerfrage. Pal Dardai hat sich positiv auf die Leistungen der Mannschaft ausgewirkt, allerdings wäre sein Kredit für eine längere Beschäftigung doch schwer reduziert, wenn er aus den noch ausstehenden zwei Spielen nichts holen könnte. Im Grunde spielt die Mannschaft jetzt zweimal um Kontinuität.

Drittens geht es um die Mannschaft der neuen Saison. Für die erste Liga steht eine akzeptable Grundformation in Ansätzen bereit: Langkamp, Brooks, Pekarik, Plattenhardt, Schulz, Haraguchi, Stocker, Skjelbred würde ich da nennen, Cigerci und Schieber auch noch. Bei Kraft und Lustenberger sind kleine Einschränkungen angebracht: beim Kapitän, zuletzt häufig mit starken Leistungen, wegen seiner Physis, beim Keeper waren zuletzt wieder deutlich seine Schwächen im Spiel mit dem Ball erkennbar. Änis Ben-Hatira, so sehr ich ihn mag, bleibt ein unberechenbarer Spezialfall.

Bleibt der Spieler, um den sich auch morgen wieder viel drehen wird: Salomon Kalou. Eine Tendenz ist klar erkennbar: Das Engagement, das mit großen Hoffnungen auf diverse Synergien einher ging, ist beinahe schon als gescheitert zu betrachten. Allerdings wären die beiden ausstehenden Spiele gute Gelegenheiten, einen Fingerzeig für das Vorgehen im Sommer zu geben: Soll man versuchen, ihn wieder loszuwerden? Wie gesagt, er spielt für meine Begriffe schon wie bei einer Ausgedinge-Mannschaft, er hat aber keinen Rentenvertrag, sondern wurde als Leistungsträger geholt.

Zweifellos liegt es nicht nur an ihm, dass er so wenig (und so unglücklich) am Spiel teilnimmt. Aber sein ganzer Gestus ist unverkennbar: er sucht nach den besonderen Lösungen, verzichtet aber weitgehend auf die Arbeit. Dafür ist er leider in der falschen Mannschaft, diese Aufgabenstellung ist eben typisch für weniger wettbewerbsintensive Ligen.

Trotzdem würde ich ihm den Vorzug gegenüber dem gegen den BVB bemühten, aber eben doch stark limitierten Sandro Wagner geben. Im Übrigen dürfte am Samstag die aktuelle erste Elf auflaufen (abzüglich Schieber, Cigerci und Baumjohann). Spielerisch ist Hertha keineswegs so limitiert, wie es gegen Dortmund den Anschein hatte. Vertikale Läufe von Brooks oder Skjelbred, dynamisches Spiel von Schulz und Haraguchi, dazu die feine Intuition von Valentin Stocker: ich bin optimistisch.

Geschrieben von marxelinho am 15. Mai 2015.

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13. Mai 2015

Glühender Anhänger

Ein Lektürefund, eine Jugenderinnerung an das Jahr 1935 von Peter Gay, dem bedeutenden Kulturhistoriker und Freud-Biographen, der am Dienstag in New York gestorben ist: "Ich war ein glühender Anhänger von Hertha BSC, der besten Fußballmannschaft Berlins, für die sich auch Hanns begeisterte. Edgar drückte dem einzigen ernstzunehmenden Lokalrivalen von Hertha, Tennis Borussia, die Daumen, was uns Anlaß zu etlichen unerquicklichen Wortgefechten bot. Sobald ich selbständig mit Bus und U-Bahn fahren konnte, erlaubten mir meine Eltern, wichtige Herthaspiele allein zu besuchen. Da es mir nicht schwerfiel, zu beweisen, daß jedes Heimspiel meiner Mannschaft wichtig war, hielt ich mich jeden zweiten Sonntag im Herthastadion auf. Irgendwann - es war wohl im Jahr 1935 - fiel ein hoher jüdischer Festtag auf einen Sonntag, an dem Hertha ein Heimspiel austrug - ein wichtiges versteht sich. Für meine Eltern stand außer Frage, daß ich bei dem Spiel zuschauen würde." (Peter Gay: Meine deutsche Frage. Jugend in Berlin 1933-1939, C.H. Beck 1999)

Geschrieben von marxelinho am 13. Mai 2015.

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10. Mai 2015

Linientreue

Gestern saß ich im Zug, als Hertha gegen Dortmund spielte. Ich war ungeduldig, und wollte nicht darauf warten, mir daheim die Aufzeichnung anzuschauen. Also buchte ich, wider besseres Wissen, ein Hotspot-Ticket der Telekom für WLAN im Zug. Dabei erwies sich einmal mehr, dass das Angebot des Marktführers technisch ungefähr auf dem Stand von 2007 ist - in etwa dieser Qualität bekommt man Bewegtbilder geliefert. Wahrscheinlich hängt das Signal vom hauseigenen Mobilfunknetz ab, bei dem man sich ja auch immer wieder wundert, warum ausgerechnet die Hauptverkehrsadern so schlecht ausgebaut sind.

Ich musste also dann doch später daheim das Spiel aus der Konserve schauen, was angesichts des schon bekannten Ergebnisses nicht so ersprießlich war, und wohl auch meinen Eindruck ein wenig verzerrt. Allerdings ist es nicht so, dass Coach Pal die Sache viel positiver gesehen hätte: Er sprach in der Pressekonferenz von "Mist", meinte damit allerdings nicht die Leistung selbst, sondern etwaige Versuche, sie schönzureden.

Das wird niemand versuchen. Hertha war Dortmund in allen Belangen und vor allem konzeptionell absolut unterlegen. Der frühe Gegentreffer durch Subotic besiegelte die Sache nach zehn Minuten, der BVB musste danach nicht mehr viel tun, dass sie weit vorne pressen, ist ja bekannt, dass sie viele Spieler haben, die sich zwischen den Linien wohlfühlen, ebenfalls. Hertha hingegen war intensiv mit Linientreue beschäftigt, die interessanteste Offensivsituation für Skjelbred ergab sich, nachdem er wegen einer Behandlungspause "out of position" war.

Die fünf Spiele, mit denen die Saison endet, wurden zuletzt rhetorisch unterschiedlich unterteilt: Dardai sprach von "drei Matchbällen" inklusive BVB, während Langkamp andeutete, dass die Mannschaft eher von zwei Matchbällen ausgeht, weil davor null Punkte aus drei Begegnungen mit den Großen "einkalkuliert" waren. In der Hinrunde waren die beiden Spiele gegen Frankfurt und Hoffenheim ein bisschen verrückt, das darf sich so nicht wiederholen, allerdings hilft die unbeholfene Orthodoxie, mit der Hertha das Spiel in Dortmund anging, auch nicht weiter.

Dass nach der Pause Sandro Wagner für Kalou kam, begründete Dardai damit, dass er den Eindruck hatte, "es fehlt etwas". In diesem Fall fehlte allerdings mehr als nur das Engagement von Kalou, der gewohnt diskret war und der in der einzigen interessanten Szene des ersten Durchgangs von Stocker übersehen wurde. Es fehlte eine Perspektive, wie mit diesem Spiel anders umgegangen werden könnte.

Nach den drei Niederlagen sieht Hertha augenblicklich wie das spielerisch am deutlichsten limitierte Team des erweiterten Abstiegskampf aus. Das mag sich gegen einen erreichbareren Gegner wieder ändern, wird aber zum Beispiel dadurch erhärtet, dass Hertha in der Chancentabelle des Kicker auf Platz 18 steht (da diese Tabelle zugleich eine Effizienztabelle ist, steht dem auch ein positiver Wert entgegen).

Die Liga ist unglaublich eng, aber die Unterschiede auf der evolutionären Skala sind auch enorm. Hertha konnte Dortmund zuletzt zweimal ärgern, ist aber insgesamt von der Entwicklung des Spiels doch ziemlich abgehängt. Konkret gibt es keinen Grund zur Panik. Die Mannschaft kann sich in Ruhe auf das Heimspiel gegen Frankfurt vorbereiten, sie hat da sicher alle Möglichkeiten, und auch das Personal, zu punkten.

Insgesamt aber ist die Lage bedenklich. Hertha gleicht seit Jahren einem Studenten, der dauernd damit beschäftigt ist, das Geld zum Leben zu verdienen, und der deswegen nicht zum Lernen kommt. Man nennt das eine prekäre Lage. Nächsten Samstag ist eine Gelegenheit, sie entscheidend zu verbessern.


Geschrieben von marxelinho am 10. Mai 2015.

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04. Mai 2015

Das Schicksal ist ein Fadenwurm

Die bittere Heimniederlage gegen Lucien Favres Borussia Mönchengladbach würde ich auf folgende Formel bringen: Gladbach hat einen (ausgeglichenen) Kader, Hertha hat (nicht einmal so richtig) eine Elf. Dass Ibrahima Traore, ein Hertha-Reject, als "Joker" den entscheidenden Treffer erzielte, war ein ein winziges chemisches Ereignis irgendwo ganz hinten in dem Lachgasuniversum, das wir Fußballgott nennen. Deus sive FC Parzenona. Dass Genki Haraguchi dabei ausrutschen musste, war der Haken unter dem Ereignis. In der Szene war einfach der Wurm drin.

Ich würde mich wundern, wenn Favre, der sich offensichtlich über den Sieg freute, nicht auch heimlich ein wenig unzufrieden mit dem Spiel wäre. Denn Hertha gelang es immerhin, eine wesentlich offenere Begegnung zu provozieren, als es Gladbach in der Regel zulässt. Mit Schieber und Schulz, behaupte ich einfach einmal mit der Lizenz des Fans zum ungedeckten Konjunktiv, wäre sogar mehr drinnen gewesen. Zehn Tabellenplätze betrug der Klassenunterschied jedenfalls nicht.

Im Grunde war es ein schlechtes, gutes Spiel von beiden Mannschaften. Gladbach agierte teilweise wie der FC Bayern, Ballbesitzfußball mit schönen Passfolgen, guter Bewegung zwischen den Linien. Aber Hertha verteidigte - bis auf ein paar Momente - sehr gut, vor allem Lustenberger war stark. Leider scheint er für 90 Minuten Höchstbelastung nicht gemacht zu sein, er musste eine Viertelstunde vor Schluss aus dem Spiel.

Es lag vermutlich an dem schnellen Comeback von Hertha nach dem Führungstreffer durch Kruse (der Pokerkönig wechselt vermutlich für viel Geld zu der Mannschaft mit den wenigsten Fans in Deutschland), dass das Spiel so offen wurde. Die Bewegung ging von Stocker aus, Haraguchi setzte sich schön auf dem linken Flügel durch, Kalou köpfte an die Latte, und Stocker war wieder da, um abzustauben.

Insgesamt aber bleibt Kalou natürlich das derzeit zentrale Problem bei Hertha. Sein Spiel ist weitgehend sinnlos, der in einigen wichtigen Momenten begriffsstutzige Ndjeng ergänzte sich mit ihm ganz gut, also schlecht für das Vorhaben, zumindest einen Punkt zu holen. Der verdiente Luhukanier ist auf der Zielgeraden seiner Karriere bei Hertha, aber das ist nur ein Nebenaspekt. Wichtiger wäre, dass irgendjemand dem Superstar und CL-Sieger erklärt, dass die Bundesliga nicht die Major League Soccer ist. Er spielt wie einer im Ausgedinge, mit äußerst dosiertem Engagement und mit Selbstüberschätzung in wichtigen Momenten.

Genau genommen hat er so auch beim Africa Cup gespielt, dort flog er dafür wenigstens aus der Mannschaft, und gewann dann doch noch den Titel. Wie auch immer: drei Spiele noch, hoffentlich nicht fünf. Und dann muss dieses Missverständnis, dem ich auch unterlag, beendet werden. Katar, Russland, New York - in diese Richtung müsste es gehen, jedenfalls spielt Kalou so.

Für Hertha wird es langsam wieder eng. Die Qualität für einen Klassenerhalt aus eigener Kraft ist da, allerdings sind die Möglichkeiten auch weitgehend auf dieses Minimalziel limitiert. Es kann wirklich nur darum gehen, die Ziellinie irgendwie zu überschreiten, und dann beginnt das sommerliche Labyrinth zwischen den "Stellschrauben" oder "Baustellen". Dass Coach Pal jetzt schon an seine Grenzen stößt, wie es manche Fans meinen, halte ich für übertrieben. Das Spiel gegen Gladbach war sehenswert, Hertha spielte nicht wie ein Absteiger, es fehlt nur an entscheidendem Personal.

Gladbach wird Champion's League spielen, eine Mannschaft dafür haben sie nur in Ansätzen. So viel einfacher wird der Sommer beim Traditionsclub nicht, trotzdem hätte man natürlich lieber deren Sorgen.

PS Hätte ich beim Arsenal FC etwas zu sagen, ich würde Brooks kaufen.


Geschrieben von marxelinho am 04. Mai 2015.

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Holger Breitner (am 04. Mai 2015)

Oh, vielen Dank für die absolut richtige Einschätzung über Kalou. Seit Monaten rege ich mich im Freundeskreis über diesen kompletten, spielerischen Fehleinkauf auf und immer wird mir versucht zu erklären, daß er nicht in Szene gesetzt wird. Er spielt wie ein Hemmschuh, er ist langsam im Denken, in seinen Bewegungen und er ist – das Schlimmste– sehr unglücklich. Zu großen Teilen kommt das aus seiner bizarren Fehleinschätzung seines fussballerischen Könnens. Er ist zudem eine Fehlstelle in der Mannschaft und gerade gegen Gladbach hatte ich mitunter das Gefühl, daß seine recht diszipliniert agierenden Mitspieler genervt waren, ob seiner Schusseligkeit und seiner aberwitzigen Fehlentscheidungen was mit dem Ball zu tun ist. Nein, nicht alles ist ihm anzulasten, aber mir fehlt sein Bemühen um eine Besserung. Lasst uns das Kapitel Kalou in der nächsten Saison in der 1. Liga!!! beenden.Bitte!
Valdano (am 05. Mai 2015)

Die Mannschaft mit den wenigsten Fans dürfte aber doch der Club aus dem Kraichgau sein, oder? Gruß von Valdano
Marxelinho (am 06. Mai 2015)

Wolfsburg oder Hoffenheim, ist ein enges Rennen
Oliver (am 07. Mai 2015)

Immer wieder ein Jammer, wenn man daran erinnert wird, daß Gladbach wir sein könnten. Wir hatten da mal einen Trainer... Und einen Spieler, der wie Özil den Gegner in "franziskanischer" Schönheit zerlegt(vielen Dank noch für diesen Artikel über das wiederaufgeblühte Arsenal!) hatten wir mit Raffael auch. Ich mag natürlich auch Dardai und Widmayer ist auch ein sehr guter Trainer, aber Favre, was für ein Trainer! Wenn es unentschieden steht, wechselt er halt richtig ein und dann gewinnt er. Und daß Traoré das Tor gegen Hertha besonders will, weiss er natürlich auch.. Aber seis drum, wir bekommen die beiden nicht wieder, das wurde vor langer Zeit vermasselt. Jetzt nicht absteigen, dann Kalou loswerden, Cigerci, Baumjohann, Ben-Hatira und Schieber für die nächste Saison verlässlich fit bekommen. Das würde mir schon mal reichen. Wenn Dardai mit diesen Spielern hätte arbeiten können, müssten wir jetzt nicht mehr zittern. Toll zu sehen, wie Dardai und Widmayer die Mannschaft stabilisiert haben, aber eben komplett ohne kreative offensive Spieler spielen müssen. Und Stocker allein, den sie mental fit bekommen haben, reicht leider nicht.
26. April 2015

Aufbauphase

Ein unbedachter Moment, und vorbei ist es mit der schönen Serie unter Coach Pal: 0:1 beim FC Bayern. Das Spiel hatte man im Grunde so einplanen müssen, die konkreten Umstände (eine starke Hertha, eine stark mit Ergänzungsspielern bestückte Mannschaft des Gastgebers) wiesen dann aber 80 Minuten in die Richtung eines torlosen Remis. Dann bekam der nach einer Kamera benannte Spieler Weiser halblinks (aus Hertha-Sicht) an der Außenlinie einen Abschlag, der zu diesem Zeitpunkt bereits eingewechselte Hegeler ging naiv in den Zweikampf, Weiser nahm Tempo auf, Skjelbred und Plattenhardt waren auch nicht auf der Höhe, die Hereingabe verwertete Schweinsteiger, der sich damit auch noch als wertvoll zeigen konnte nach sehr viel Quergeschiebe.

Hertha ist derzeit in einer Aufbauphase, sagte der Coach hinterher, Bayern ist viel weiter, aber auch weiterhin in der Aufbauphase. Denn der Meistertitel, der ja auch schon vor dem Spiel de facto feststand, ist für den "Stern des Südens" so etwas wie das Sparbuch (kleine Zinsen, aber regelmäßige Einzahlung), während die Champion's League ein ganz anderes Hebelpapier ist.

Durch den Sieg des HSV muss Hertha ihrerseits weiterhin Aufbauphase und Abstiegskampf in einem machen. Es könnte ohne Weiteres noch einmal eng werden, sodass die beiden letzten Spiele, gegen weniger übermächtige Gegner als den BVB und die schwer zu spielenden Gladbacher, echte Nervenproben werden könnten.

Bei all dem kann man leider nicht darüber hinwegsehen, dass Hertha den Aufbaukampf ohne Stürmer bestreitet. Eine Weile hatte es so ausgesehen, dass Salomon Kalou die Bedingungen der Bundesliga annimmt, dass er sich für eine Führungsrolle bei Hertha interessieren könnte. Davon ist längst keine Rede mehr. Er spielt wie ein Träumer, der auch nach mehrfachen Ballverlusten nicht aufwachen will. Sein defensives Engagement erschöpft sich in gelegentlichen Interventionen, aber von einer integrierten Anstrengung kann keine Rede sein.

Es mag verkehrt erscheinen, ausgerechnet Kalou hervorzustreichen nach diesem Spiel, aber das war es doch, was gefehlt hat: ein Mann für den letzten Pass. Dass Nico Schulz in einer der vorentscheidenden Szenen allein auf Neuer zulief, hatte auch mit der ungefähren allgemeinen Beteiligung von Kalou zu tun. Es war eine Situation, in der ein junger Profi berühmt hätte werden können. Schulz löste sie gut, aber nicht gut genug, Neuer konnte parieren, es wäre vielleicht besser gewesen, einen Haken zu machen und Neuer zu umrunden. Diese Entscheidung vor einer vollen Allianz-Arena und vor dem German Ungetüm Neuer zu treffen, dafür wäre Kalou vielleicht besser geeignet gewesen, aber sein Spiel ist nicht so, dass er leicht in so eine Situation kommt.

Schulz und Haraguchi (mit ihren Buddies Plattenhardt und Pekarik) waren gut gegen Bayern, insgesamt war das eine respektable Leistung. Die erste Viertelstunde war sogar mehr als nur klassisches Upsetting, da machte Hertha das Spiel, und kam selbst ein paar Mal schön über die Flügel. Danach zogen die Bayern den Belagerungsriegel auf, beließen es aber weitgehend bei Riegelpflege. Erst als in der zweiten Halbzeit die Flanken zunahmen, kam Burchert mehrfach in Bedrängnis. Umgekehrt muss man leider sagen, dass Hertha ausgerechnet in so einem Spiel die Standards herschenkte: sie waren durchwegs schlecht getreten.

Es sieht so aus, als ließen sich bestimmte Qualitäten nicht so ohne Weiteres verstetigen. Wenn man eine Woche Verschieben und Doppeln übt, verkümmert der Bananenfuß schon wieder ein wenig.

Insgesamt war das gestern ein etwas unwirkliches Spiel, zu sehr musste Hertha leider einsehen, dass ihr nicht mehr als eine Statistenrollen zukam in den großen Dramen der südlichen Hemisphäre, zu denen gestern nur eine Fußnote angefügt wurde. Immerhin war zu erkennen, dass momentan eine personelle Konstellation vorhanden ist, die zu mehr in der Lage ist als nur einen Sparringpartner abzugeben.

Und Kalou war vielleicht von den Erinnerungen an 2012 so selig, dass er vergaß, dass seither fast drei Jahre vergangen sind. Es könnte ja sein, dass er noch aufwacht, aber ich habe doch stark den Eindruck, das Management sollte sich schon einmal um einen starken Herausforderer für Schieber umsehen.

Geschrieben von marxelinho am 26. April 2015.

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19. April 2015

Sein und Hafer


Auf dem Weg ins Stadion gewann ich gestern kurz einen trügerischen Eindruck. Ich meinte, eine echte Renaissance des Interesses an Hertha zu erkennen, und dachte, es könnten vielleicht mehr als 60000 Zuschauer zum Spiel gegen den FC Köln kommen. Schließlich hatten sich auch Freunde gemeldet, die ich schon länger nicht gesehen hatte, und die in ihrer Beziehung zu Hertha manchmal ein wenig wankelmütig sind. Es waren dann doch nur knapp über 50000, das Wetter war auch keineswegs so eindeutig frühlingshaft, wie es aussah. Und das Spiel war eher für Fans als für die nächste Gruppe, die ich als Gewinnmitnehmer bezeichnen würde, in einer anderen Metaphorik könnte man, passend zur Jahreszeit, von Schönwetterfans sprechen.

Für die Gewinnmitnehmer gibt es bei Hertha noch nicht ausreichend, um wirklich einzusteigen. Der Punkt aus dem Remis gegen Köln hat die Sorgen wegen des Abstiegs ein weiteres Bisschen verringert, aber noch nicht endgültig beseitigt, zumal nun drei "große" Gegner anstehen. Der Abstand auf Platz 16 beträgt sieben Punkte, zugleich gehört Hertha nun zu einem engen, nur durch drei (potentiell vier, wenn Bremen heute den HSV schlägt) Punkte getrennten Mittelfeldpulk in der Tabelle, an dessen oberem Ende eine Europacup-Teilnahme winken könnte. Das wäre des Guten denn doch zu viel, auch wenn den einen oder anderen Freund letzte Woche in den digitalen Netzwerken der Hafer gestochen hat.

Das Spiel selbst war von der Tatsache geprägt, dass beide Mannschaften im Zweifel lieber einen Punkt wollten als keinen, und drei nicht ganz unbedingt brauchten. Unter diesen Umständen war es dann stellenweise überraschend offensiv, wenn auch nie so, dass Drangperioden so konsequent fortgesetzt worden wären, dass der Gegner richtig in Schwierigkeiten gekommen wäre.

Auf der Seite von Hertha stand fast vollständig die erste Elf dieser Spielzeit auf dem Feld, jedenfalls jene erste Elf, die sich herauskristallisiert hat. Nach den vielen Schwierigkeiten, die Luhukay mit dem Kader hatte, hat sich für Coach Pal, auch begünstigt durch eine weniger komplizierte Verletzungssituation, die Sache recht schnell einigermaßen klar dargestellt: Er hat eine erste Viererkette, in deren Zentrum Langkamp und Brooks sehr gut zusammenarbeiten, etabliert. Für Fabian Lustenberger, den Kapitän, wurde ein Platz im defensiven Mittelfeld gefunden, wo er Skjelbred den Rückhalt für dessen offensive Vorstöße geben kann. Diese sind noch nicht so häufig, wie es vielleicht schön wäre, bringen aber interessante Situationen mit sich.

Schulz bekam den Vorzug vor dem angeschlagenen Beerens, der gestern sehr auffällige Haraguchi ist momentan erste Wahl, Stocker spielt hinter Kalou - der Schweizer war dieses Mal nicht besonders gut ins Spiel integriert, ein paar Mal konnten wir ihn im Stadion bei Läufen sehen, auf die der ballführende Spieler nicht einging. Schieber, Cigerci, Ben-Hatira und (unter Umständen, das wird sich leider erst weisen müssen) Baumjohann gehören auch zur ersten Wahl, danach kommen schon die Ergänzungsspieler.

Das heißt konkret, dass die Einkaufsbilanz des letzten Sommers ganz so schlecht nicht war, wie sie in der Winterpause noch erscheinen musste. Es heißt auch, dass Hertha den Kern einer guten Mannschaft zur Verfügung hat, dass mit punktuellen Ergänzungen schon einiges möglich werden könnte.

Gegen Köln gefielen mir eher die Grundtugenden, eine technische Kompetenz, auf die sich leidenschaftlicheres Spiel aufbauen ließe, sobald die mentalen Blockaden des Abstiegskampfes gelöst sind. Gegen die übermächtigen Gegner, die nun kommen, könnten das interessante Spiele werden. Gegen Köln zeigte sich vor allem Kalou als ein wenig zu umständlich, er interpretiert seine Rolle eher raumgreifend, es fehlt ihm aber an der letzten Klarheit.

Insgesamt gewann ich den Eindruck, dass der innere Rhythmus des Spiels, die Übergänge zwischen aktiveren und abwartenden Phasen, eindeutig von der speziellen Konstellation zweier in der Tabelle unmittelbar benachbarter Teams geprägt waren, die einander wohl auch in Sachen Qualität nicht viel nehmen. Wobei Hertha doch die interessanteren Ansätze zeigte.

Es war ein pragmatischer Abschluss einer Woche, in der Hertha sich doch deutlich am Rande einer turbulenten Fußballwelt begreifen musste. Mit den Königsdramen hat man nichts zu tun, zum Glück auch nicht auf die peinliche Weise, auf die der HSV darin verwickelt ist. Das Spiel gegen Köln war selbst unter den Umständen dieser Ligarunde fast so etwas wie ein Ablenkungsmanöver zweier Mannschaften, die sich nicht aus der Reserve locken lassen wollten: Schaut anderswo hin, war die Botschaft dieses Spiels, wir haben auch Pläne, aber wird legen derzeit noch Grundlagen. Das ist der ewige Mythos des Fußballs, dass es Grundlagen gäbe. Es gibt aber meist nur Stimmungen. Hertha hat immerhin in den letzten Wochen die Grundlagen für eine vorsichtig optimistische Stimmung gelegt.


Geschrieben von marxelinho am 19. April 2015.

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11. April 2015

Der Rhythmus, bei dem man mit muss

Mit einer Bilanz von jeweils vier Punkten aus zwei Spielen, wie Hertha das seit Ende Februar hinbekommt, hat man am Ende der Saison 68, ist ziemlich sicher zur Teilnahme an der Champion's League berechtigt, und darf sich nebenbei auch noch "invincible" nennen. Für diese Saison geht sich das nicht mehr aus, da hat Hertha zu spät damit begonnen, und auch nächstes Jahr muss das nicht unbedingt das Saisonziel sein.

Aber Valentin Stocker hat mit einem spektakulären Tor am Freitagabend gegen Hannover 96 dafür gesorgt, dass das Gesetz der kleinen Serie zumindest vorerst weiterhin gilt, und dass für die Serie der nächsten vier Spiele (zuerst Köln daheim, danach die "drei Großen", wie gestern jemand gesagt hat) ein anspruchsvolles Ziel im Hinterkopf zumindest präsent gehalten werden darf.

Hertha sammelt Punkte, vor allem aber sammelt die Mannschaft Erfahrungen mit sich selbst in einer Liga, aus der Hannover eher nicht absteigen dürfte. Es gab keinen Klassenunterschied zwischen den beiden Mannschaften, allenfalls Nuancen im mentalen und im dramaturgischen Bereich, und natürlich den großen Unterschied bei den Gegebenheiten: Hertha musste nicht auf Sieg spielen, für Hannover war das Unentschieden am Ende wie eine Niederlage. Auch aufgrund der Umstände des Zustandekommens.

Insgesamt war Hertha die bessere Mannschaft. Das zeigte sich vor allem in der halben Stunde vor der Pause, in der die anfänglich abwartende Haltung abgelegt wurde, und vorsichtige Ansätze zu einem Dominanzspiel entstanden. Dabei darf nicht vergessen werden, dass Hertha das auch unter Luhukay durchaus konnte, allerdings fehlte es dabei an der Balance - notabene im Auswärtsspiel in Gelsenkirchen.

Die Reporter von Sky in ihrer Fixierung auf "Stellen" (Harun Farocki) hoben anschließend vor allem auf zwei strittige Strafraumszenen ab, in denen Stocker und Haraguchi behindert oder gefoult wurden. Coach Pal aber unterstrich den Spielzug, der Stockers Eindringen in den Strafraum in der 42. Minute vorausging: ein schöner vertikaler Lauf von Skjelbred, der dann den Ball ins Loch spielte. Das war tatsächlich markant, denn Herthas Spiel wird erst dann lebendig, wenn Lustenberger und Skjelbred, die beiden zentralen Spieler, eine gute Flexibilität zwischen defensiven und offensiven Aufgaben finden.

Die Mannschaft ist insgesamt natürlich immer noch stark auf Kompaktheit konditioniert, schließlich steckt sie weiterhin im Abstiegskampf. In der zweiten Halbzeit rächte sich das dann beinahe, als nämlich Hannover zu immer mehr Standards kam, weil Hertha wieder zu abwartend spielte, am Ende standen 2:10 Ecken zu Buche. Und da Eckbälle nun einmal rein statistisch ein gewisses Risiko mit sich bringen, auch wenn Hertha sie insgesamt gut verteidigt, fiel aus einem auch ein Tor: Brooks kam zu spät, Schulz verwertete einen sekundären Rebound.

Danach war noch eine Viertelstunde Zeit, und nun deutete Hertha an, was insgesamt noch in der Mannschaft stecken könnte. Der Ausgleich war hochverdient, Valentin Stocker zahlt die Investititon zunehmend mit Extraqualität zurück.

Was sonst noch auffiel in einem Spiel, das Hertha auf eine sehr positive Weise "in transition" zeigte: Brooks gefiel mit einer fast schon lupenreinen Josip-Simunic-Gedenk-Hinterkopf-Rückgabe, ich bin geneigt, das als bewusstes Zitat zu sehen, mit dem der junge Abwehrspieler sich auf eine große Langzeitrolle für Hertha einstellt. Schulz vertrat Marvin Plattenhardt sehr gut, abzüglich der Standards, die nicht seine Aufgabe waren. Beerens wurde zu Recht ausgewechselt, er war nicht im Spiel, sein Repertoire wirkt doch stark limitiert.

Als Kalou zwischendurch länger behandelt werden musste, gab das auch Gelegenheit zu Besinnung. Dardai hat eine gute Stimmung und eine positive Energie in die Mannschaft gebracht, aber der Kader explodiert jetzt insgesamt natürlich nicht gerade vor Talent. Fiele Kalou aus, der gegen Hannover viel probierte, aber auch oft als Solist scheiterte, könnte die restliche Saison deutlich schwieriger werden.

Egal, er stand wieder auf, aber wir dürfen nicht vergessen, dass die gegenwärtige Stabilität auch einer relativ günstigen Personalsituation geschuldet ist: das Gerüst der Mannschaft ist intakt. Das kann sich jederzeit ändern, die Auswechslung von Lustenberger deutete auch auf einen Verschleiß hin, der nicht zu unterschätzen ist.

Als Fan bleibe ich misstrauisch gerade dann, wenn mir die Tendenz eigentlich insgesamt gefällt. Und mit Dardai habe ich auch bei den Interviews immer wieder eine helle Freude. Die insgesamt gute Stimmung habe ich für mich persönlich auch mit dem Entschluss zu einer Auswärtsfahrt dokumentiert: Ich habe mir eine Karte für das Spiel ins Sinsheim besorgt. Für das Finale einer hoffentlich dann insgesamt doch positiven Saison. Mit dem Punkt in Hannover kann Hertha, können die Hertha-Fans das Fußballwochenende jedenfalls genießen.

Geschrieben von marxelinho am 11. April 2015.

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06. April 2015

Luft nach oben

Ein schöner Ostersonntag war das gestern, vorwiegend am Schreibtisch, dabei immer die Sonne im Blick, die draußen schien. Ich wusste ja, dass ich am Nachmittag ins Olympiastadion fahren würde, nicht einfach zu einem Spiel, sondern zur Eröffnung dieser intensiven Schlussphase des Spieljahres, die nun begonnen hat: Pokal, Champion's League, Liga, dauernd wird gespielt, alles ist super spannend.

Als ich pünktlich zur Verkündung der Aufstellungen meinen Platz einnahm, war es allerdings schon ziemlich kalt, und die Sonne warf ungewohnte Lichtbalken ins Stadion. Wie das eben so ist bei einem Spätnachmittagsspiel im Frühfrühling. Die Verhältnisse waren zumindest für die Zuschauer ganz schön unwirtlich, und auch das Spiel trug nicht viel zur guten Laune bei.

Hertha gegen Paderborn, das erwies sich als eine zähe Sache, war wohl auch so zu erwarten gewesen. Allerdings ist das Verhältnis zur Mannschaft (und das der Mannschaft zu sich selbst) inzwischen so weit stabilisiert, dass sich dadurch niemand nervös machen lässt. Da die Mannschaft von Andre Breitenreiter, mit Srdjan Lakic in der Spitze, offensiv ausgesprochen harmlos war, reichte ein konzentriertes Spiel gegen den Ball lange Zeit aus, um alles offen zu halten. Offen für die Intensivierung des Spiels zum Ende hin, die nun schon fast ein kleines Markenzeichen der Hertha unter Coach Pal geworden ist - unter Favre war das auch schon einmal so gewesen. In den letzten 30 Minuten wird der Platz größer, sagt Dardai gern, der damit eine spezielle Relativitätstheorie des Fußballs vertritt, ein Raumzeitverhältnis, das mit der kürzeren Luft zu tun, die mancher Gegner dann schon hat.

Es brauchte dann allerdings neuerlich einen ruhenden Ball, dessen sich Marvin Plattenhardt annahm, um den Schlüssel zum Spiel umzudrehen. Er jagte einen Freistoß an die Querlatte, Stocker verwertete den Abpraller. Erwähnenswert dabei ist auch die Vorgeschichte: ein kleines Solo von Salomon Kalou, das nur durch ein Foul gestoppt werden konnte. Der Weltstar erweist sich zunehmend als Führungsspieler (was sich übrigens auch in Zahlen manifestiert: viertstärkste individuelle Laufleistung bei Hertha), er macht das auf eine elegante Weise, ohne große Gesten, aber man sieht ihn viel kommunizieren, und er wartet keineswegs nur vorne auf Zuspiele, sondern sucht die Räume.

Das sind wohl die beiden prominentesten Beispiele für Missverständnisse, die seit der Trennung von Luhukay behoben wurden. Man wird es wohl als Ausdruck innerer Genugtuung werten können, dass Plattenhardt nach dem Führungstreffer nicht den Pulk suchte, sondern sich für sich freute, einzig Brooks lief zu ihm und nicht zur Eckfahne. Valentin Stocker betonte nach dem Spiel, die Mannschaft wäre nun eine "verschworene Gemeinschaft", die sich sicher in der Kabine noch ausgiebig bei Plattenhardt bedankt hat, der immer wertvoller wird.

Kurz vor dem Ende, nachdem Thomas Kraft einen möglichen sofortigen Ausgleich von Paderborn mehr so nolens volens verhindert hatte, bekam Nico Schulz noch eine Flanke von Pekarik, und er entschloss sich zu einer Volley-Abnahme, die zu einem herrlichen Treffer führte. Der zwölfte Mann, das ist Schulz im Moment, machte den Sack zu. Er ist von Plattenhardt links hinten verdrängt worden, und von Haraguchi eine Position weiter vorn. Er ist genauso gut wie Haraguchi oder Beerens, aber im Moment nicht klar erste Wahl. Das zeugt von einer guten Dichte im Team, das derzeit auch von (neuen) Verletzungen verschont bleibt.

Hertha kann nun optimistisch in die kommenden beiden Spiele gehen: Hannover und Köln. Die Möglichkeiten sind absolut da, in zwei Wochen den Klassenerhalt fast schon sicher zu machen. Was sich genau verändert hat, ist "schwer zu erklären" (Valentin Stocker), liegt aber auf der Hand: Hertha hat wieder eine Mannschaft, die nicht dauernd von pädagogischen Experimenten durcheinandergerüttelt wird, sondern in der einzelne Spieler sich auf die Verrichtung ihrer Aufgaben konzentrieren können. Recht viel mehr war das am Sonntag nicht, aber es reichte, um einem wegweisenden Spiel die richtige Richtung zu geben.



Geschrieben von marxelinho am 06. April 2015.

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22. März 2015

Diffizile Druckverhältnisse

Die Ergebnisse vom Samstag haben gezeigt, wie wichtig der Dreier war, der Hertha am Freitag in Hamburg gelang. Ich war Samstagvormittag mit dem Zug von Frankfurt nach Berlin unterwegs, sah da und dort Fans, die sich auf den Anstoß vorbereiteten (teils schon um 9 Uhr früh), und es ist ein sehr gutes Gefühl, zu diesem Zeitpunkt das Soll der präferierten Mannschaft schon erfüllt zu wissen. Die Abstiegszone gleicht in diesem Jahr mehr denn je einer dieser Druckkammern, die sich ganz langsam der Wasseroberfläche nähern, und jede zu schnelle Bewegung führt zu Ohnmacht und Lebensgefahr.

Dieses Bild, wenn es denn passend ist, wurde von einer Unterscheidung inspiriert, die Coach Pal nach dem Spiel traf: "Der obere Druck ist viel einfacher", sagte er, und meinte damit, dass es für Spieler schwieriger ist, mit dem "unteren Druck" umzugehen, mit dem, der entsteht, wenn es um den Verbleib in der ersten Liga geht. Ist auch unmittelbar einleuchtender: der "untere Druck" ist bedrückend, der obere Druck kann befreiend sein.

Hertha hat mit dem 1:0 den HSV unter Druck gesetzt, und sich selbst ein bisschen Luft verschafft. Das Tor fiel, wie schon beim Sieg gegen Augsburg, spät, aber es war bis zu einem gewissen Grad verdient. Konkret erwies sich dabei auch eine alte Weisheit: Es ist essenziell, dass eine Mannschaft jemand hat, der zumindest ein paar Mal pro Spiel einen ruhenden Ball konzentriert vor das gegnerische Tor bringt. Marvin Plattenhardt ist seit einiger Zeit bei Hertha für die Standards zuständig, er hat sich allmählich an diesen sehr guten Freistoß herangearbeitet, den er in der 84. Minute trat.

Langkamp verwertete per Kopf, und es gab dabei noch die periphere Befriedigung, dass ausgerechnet der unangenehme Behrami dabei das Nachsehen hatte. Davor und danach hatte Stieber für den HSV ähnliche Gelegenheiten mit einem ruhenden Ball, es gelang ihm dabei ungefähr das, was Ronny zuletzt so zuwegegebracht hatte. Der hat seine Ausmusterung ja nicht nur seinem ungenügenden Spiel zu verdanken, sondern auch dem Umstand, dass nicht einmal mehr seine gefährlichste Waffe zuletzt noch jemand nervös gemacht hatte.

Gegen Schalke hatte Hertha ganz spät noch einmal einen Rückschlag hinnehmen müssen, dieses Mal sorgte Hegeler in Koproduktion mit Plattenhardt mit ein paar komischen Intermezzen an der Eckfahne dafür, dass beim HSV die Nerven blank lagen, und dass Coach Pal von der Sky-Regie dabei erwischt werden konnte, wie er kurz einmal so richtig breit grinsen musste. Die Fernsehmacher hatten zwischendurch immer wieder auf die beiden Trainer geschnitten, zwei von der Sorte, die sich zumeist an der zentraleren Ecke der Coaching-Zone aufhalten. Dardai kann ganz schön wild schauen, Zinnbauer aber wirkt im Grunde immer wie ein Schauspieler, der eine Trainer-Show abzuziehen versucht.

Ganz ohne Zweifel hat Hertha zumindest für den Augenblick den Vorteil eines sehr authentischen Betreuers, den auch die vorläufige Bilanz verschmitzt strahlen lässt: nun vier Spiele ohne Niederlage, acht Punkte, und im Druckluftkammerpulk in einer Spitzenposition. In zwei Wochen gibt es bei einem Sonntagsspiel gegen Paderborn vor eigenem Publikum die Möglichkeit, den unteren Druck in mittleren Druck zu verwandeln.

An den "Wallungen des ungarischen Bluts", von denen der gewohnt schwer zu ertragende Fritz von Thurn und Taxis hartnäckig sprach (in welcher Zeit lebt dieser Mann eigentlich?), wird das nicht viel ändern, denn in Hamburg war auch zu sehen, dass Hertha viel Arbeit vor sich hat. Die Mannschaft steht erst ganz am Anfang, wenn man denn das bloße Bestehen des Abstiegskampfs schon jetzt ein wenig vorwitzig mit einem allgemeineren Entwicklungsprojekt verbinden möchte: Die spielerischen Ansätze sind karg, sie sind in dieser generell destruktiven Liga auch nur sehr mühsam zu entfalten.

Ob Dardai und Widmayer das Zeug haben, ein Hertha-Team zu bauen, das irgendwann wieder einmal selbstbewusst und selbstverständlich den "ganzen" Fußball beherscht, wie das in Tagen von Marcelinho, Bastürk und Dick van Burik noch ganz klar schien, ist möglicherweise nicht einmal die richtige Frage. Denn anscheinend entwickelt sich der Sport als solcher in eine Richtung, in der nur noch außergewöhnlichen Teams diese Klarheit einer integrierten Konzeption möglich ist. Alle anderen (siehe auch Atlético-Bayer 04 vergangene Woche) suchen nach dem schmalen Grat, auf dem sich in einer Atmosphäre hochverdichteter Spielverhinderung so etwas wie ein Spiel aufziehen lässt. Umso wichtiger ist der ruhende Ball. Marvin Plattenhardt hat ihn hingelegt, dann hat er sich konzentriert, dann hat er ihn auf den Weg gebracht.

Geschrieben von marxelinho am 22. März 2015.

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20. März 2015

Alternative Pädagogik

Coach Pal (ich verzichte hinfürder auf die Akzente und ersuche alle Freunde des Finno-Ugrischen um Párdón) erweist sich vor dem Spiel in Hamburg als Integrationspädagoge. Er nimmt 20 Spieler mit auf die Fahrt, wollte den 18-Mann-Kader so spät wie möglich nominieren, selbst Ronny durfte sich am Donnerstag noch Hoffnungen machen, nicht endgültig abgehängt zu sein. No linker Fuß left behind, so könnte man eine Parole für diese Politik formulieren.

Dazu gehört auch, dass Dardai schon während der Woche durchblicken ließ, dass er an John Anthony Brooks als zweitem Innenverteidiger neben dem schon wieder ziemlich souveränen Sebastian Langkamp festhalten will. Das ist ein löblicher Vorsatz, denn es deutet doch nicht wenig darauf hin, dass Hertha in Brooks das größte aktuelle Talent aus dem Eigenbau hat (wäre er nicht für die USA im nationalen Einsatz, niemand, nicht einmal Schwabenjogi, würde großes Aufhebens wegen Antonio Rüdiger machen).

Auch wenn der Vergleich allzu nahe liegt: Jerome Boateng war in dem Alter, in dem Brooks jetzt ist, ungefähr so fehleranfällig, wie Brooks jetzt ist. Er zeigte aber auch diese Ansätze zu enormer Abgeklärtheit, die bei Brooks auch schon zu sehen sind. Er wird, wie die allermeisten Spieler, sich mit verbesserten Mannschaftsleistungen steigern können.

Im Rückblick wird nun noch deutlicher, wie sehr Jos Luhukay gerade mit Brooks ein merkwürdiges Spiel gespielt hat. Die vielen Exempel, die er am ihm statuiert hat, von der frühen Auswechslung im Heimspiel gegen Bremen im Dezember 2013 bis zu der dann eigentlich schon indiskutablen, einseitigen Schuldzuweisung nach dem Debakel gegen Hoffenheim zum Ende der Rückrunde 2014, waren geprägt von einem Hin und Her, das schwer auf eine plausible Pädagogik hin zu durchschauen war - wohl auch für den Spieler nicht.

Das Problem ist, dass die Öffentlichkeit solche "Maßnahmen" in der Regel zuerst einmal überzeugend findet. Sie zeugen von einem starken Coach, der Initiative zeigt, der keine Bequemlichkeiten zulassen will, der "Reize setzt" und der schon eingreift, wo wir von der virtuellen Trainerbank dem Jungen noch auf die Schulter zu klopfen geneigt sind: Kann doch nicht so schwer sein, konzentrier dich!

Man kennt das aber aus den eigenen Beziehungen: schon die frühen, kleinen Entfremdungen tragen die ganze Trennung in sich, wenn sich nicht rechtzeitig gemeinsame Erfolge und Freuden einstellen. Und Luhukay hatte bald mit dem halben Team seine alternativen Bildungswege am Laufen: sie waren in der Regel wenig konstruktiv.

Coach Pal hat nun wieder einen großen Kader zur Verfügung, vor allem aber ist er in Sachen individueller Beziehungen noch weitgehend ohne Probleme (wie das mit Hosogai ist, werden wir sehen). Eine Folge der vielen zurückgekommenen Spieler ist, das Nico Schulz, der zweite Kandidat, an dem Luhukay gern sein Mütchen kühlte, momentan ohne Stammplatz ist. Plattenhardt scheint das größere Vertrauen von Dardai zu genießen, offensiv gibt es Optionen.

Im Idealfall wird das ein guter Schritt auf einem spannenden Weg für Schulz, denn Dardai hat bisher den Eindruck erweckt, dass er positive Reize setzen kann. Gegen den HSV hatte Hertha zuletzt eine exzellente Bilanz (war aber auch oft nicht allzu schwer gegen häufig desolate HSV-Formationen), ungeschlagen seit August 2013, Tordifferenz 7:0. Das 1:0 damals im Sommer nach dem Wiederaufstieg war eines der besten Spiele von Nico Schulz für Hertha. Vielleicht wäre das ein Motiv, ihn heute von Beginn an zu bringen.

Vier Punkte aus zwei Spielen, das war das inoffizielle Ziel für die Begegnungen mit Schalke und Hamburg. Es bedürfte dazu also heute Abend eines Siegs. Denkbar ist das allemal.

Geschrieben von marxelinho am 20. März 2015.

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16. März 2015

In weiter Nähe, so fern

"Wir sind noch nicht so weit", hat Pál Dárdai nach dem 2:2 gegen Schalke 04 gesagt. Es war nämlich auch ein Heimsieg möglich, der Ausgleich durch Joel Matip fiel fast schon in der Nachspielzeit, und in der 90. Minute konnte ich ihn in der Aufzeichnung sehen, wie er fast schon wieder auf dem Weg nach hinten ist. Dann hat Schalke einen Einwurf, er überlegt es sich, geht wieder nach vorne ins Zentrum, wenig später kommt der Ball zu Fuchs, der eine Maßflanke nach innen schlägt. Diese Flanke, meint Dárdai, hätte jemand mit seinem ganzen Leben verhindern müssen. Pathos ist auch eine Form von Motivation.

Ich habe mir das Spiel heute in der Konserve angesehen, am Samstag war ich vier Flüge und fast 10000 Kilometer weit weg vom Live-Erlebnis, das toll gewesen sein muss. Ich saß im Urlaub vor dem Ticker, der auf der offiziellen Hertha-Seite besonders frustrierend, ja fast schon sadistisch gestaltet ist. Denn man sieht dort ständig einen Balken sich rot laden, und am Ende der Aktualisierung sieht man zuerst am Spielergebnis, ob sich etwas getan hat. Und da stand dann eben plötzlich 2:2 statt 2:1, und erst nach einer Weile wurde der Grund nachgeliefert, und auch da konnte ich mir nur unklar vorstellen, was los war.

Der Ticker zäumt die Kausalität also immer von dem anderen Ende her auf, vom schnöden Ergebnis, das beim normalen Zuschauen hinter einer längeren Kette von Umständen steht. Das macht ihn so schwer erträglich, abgesehen davon, dass das Spiel, das vor dem geistigen Auge entsteht, ganz und gar schemenhaft bleibt. Wenn ich es dann später nachhole, muss ich aber doch darauf achten, nicht einfach die im Gedächtnis nachhallenden Ticker-Sätze abzuhaken, sondern noch einmal genau hinzuschauen.

Es hat auch in der Wiederholung noch Spaß gemacht, nicht, weil es eine überragende, fehlerfreie Leistung gewesen wäre, einfach nur, weil auch das Fernsehbild noch erkennen lässt, dass Hertha Fußball gespielt hat, dass die gute Grundlagenarbeit auch das eine oder andere spielerische Element ermöglicht. "Ich habe Spielzüge gesehen", hat der Coach hinterher gesagt, dessen Augen funkelten. Er wirkt ansteckend, wie er über alles spricht, und ich beginne mich, wie viele andere Fans wohl auch, gerade ein bisschen in Edzö (Coach) Pál zu verknallen.

Es kommt ihm aber auch entgegen, dass er nicht nur aus dem letzten Aufgebot auswählen kann. Hertha hat diese Saison mit einem großen Kader begonnen, in dem aber immer das Personal für eine in der ersten Liga konkurrenzfähige Mannschaft vorhanden war. Es fand sich nur unter Luhuky nicht immer, aus Gründen, die mit Verletzungen, aber auch Animositäten und Vorurteilen zu tun hatten.

An einem Samstag wie gegen Schalke stellt sich die Frage nach Hegeler gar nicht wirklich, und Marcel Ndjeng konnte "nie so wertvoll wie heute" auf der Bank sein. Langkamp und Brooks (der jüngere nicht gänzlich fehlerfrei) in der Innenverteidigung, Lustenberger als Anchor Man vor der Abwehr, Stocker als offensive Integrationsfigur, und Kalou dieses Mal fast mehr als allgemeiner Gestalter denn als bloßer Zielspieler - das ist schon eine gute Achse.

Dazu Ben-Hatira, später Cigerci, beide sichtlich nicht bei 100 Prozent, aber gute Fußballer. Mit einem Wort: das ist eine Mannschaft, mit der man sich gern beschäftigt. Auffällig war, wie häufig Hertha den Ball gewinnen konnte (das englische Wort "interceptions" trifft es dabei wirklich am besten), nicht in allen Fällen gelang daraus ein Spielzug, und Schalke war auch ziemlich konzentriert, aber es war doch großartig zu beobachten, wie gut die Spieler dazwischengingen, aggressiv waren.

Anders als beim Auswärtsspiel im Herbst, als Hertha sich fast schon ein wenig naiv mit Ballbesitz beschäftigte, während Schalke die Tore machte, war das ein besser ausgeglichenes Spiel, keineswegs eine reine Destruktivtaktik, sondern ein beiderseitiger Versuch, konzentriertes Spiel gegen den Ball mit interessanten Kontraktionen zu verbinden. Ein bisschen was von der Normalität im Fußball war da zu sehen, die in dieser harten Liga fast schon zu einer Rarität geworden zu sein schien: dass ein Spiel eben in zwei Richtungen geht, und dass beide beteiligten Mannschaften damit auch einverstanden sind, und einander nicht nur bei ihrem wechselseitigen Umschaltinteresse beobachten.

Dass Hertha gegen eine Mannschaft, die ein paar Tage davor spektakulär die Abgehobenheit von Real Madrid ausgenützt hatte, ziemlich gut aussehen konnte, hat mit der Arbeit zu tun, die Dárdai und Widmayer offensichtlich leisten. Drei Spiele ohne Niederlage machen vorsichtig optimistisch für das Auswärtsspiel in Hamburg. Der Abstiegskampf ist keineswegs abgehakt, aber es macht doch ein wenig den Eindruck, dass in Berlin eine kleine Depression überwunden wurde, und nicht mehr der Krampf dominiert, den notdürftig zusammengestoppelte Mannschaften mit bloß eingeredetem Selbstbewusstsein eben gerade so hinkriegen, sondern dass Schritte hin zu einem Spiel gemacht werden. Das macht Spaß.

Einer meiner besten Freunde, der beruflich viel reisen muss, sagt gern, wenn wir uns zum Fußballschauen verabreden: "Jetzt fahre ich nie mehr weg." So ähnlich geht es mir auch durch den Kopf: Jetzt fahre ich erst wieder weg, wenn diese Saison gespielt ist, wenn wir wissen, was aus Hertha in diesem Frühjahr wird. Ein weiteres Mal möchte ich nicht auf den Ticker angewiesen sein, wenn die tatsächlichen Bemühungen so ersprießlich sind.

Geschrieben von marxelinho am 16. März 2015.

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valdano (am 17. März 2015)

Lieber Marxelinho, muss Dir mal widersprechen, auch wenn ich Deine Einschätzungen und Analysen sonst fast immer teile. Ausnahmsweise war ich auch mal im Olympiastadion, und ich war phasenweise erschrocken, wie Hertha sich von einem Schalke, welches bestimmt nicht den souveränen Ballbesitz- und Kontrollfußball beherrscht, hat kontrollieren lassen. Schalke hat wenig im letzten Spielfelddrittel bewirkt, aber ein sogenanntes "Gegenpressing" (ich hasse diesen Pseudo-Experten-Begriff) gespielt, mit dem Hertha kaum je klar kam. Schalker Ballverluste wurden selten zu Hertha-Vorteilen, weil halt oft der erste, spätestens aber der zweite Pass wieder in den Beinen der Schalker landete - wenn die nicht vorher schon schnell den verlorenen Ball zurückerobert hätten. Gerade Höger hat das in Halbzeit eins sehr gut gemacht, aber auch Youngster Sane hat ein gutes Angreiferpressing gespielt. Ich hatte nie das Gefühl, Hertha könnte mit eigenen spielerischen Mitteln Nennenswertes zu Stande bringen. Kaum Torgefahr, kaum Aktionen in der Box, und ohne die beiden kapitalen Torwartfehler wäre ihnen kein Treffer gelungen. Schalke war zu lethargisch, man musste fast glauben, das 1:1 sei ihnen genug, obwohl es das nicht hätte sein dürfen. Aber sie wirkten erst entschlossen genug, als sie zurücklagen, auch beim 0:1. Mir wäre eher bange als Hertha-Fan. Nichts für ungut, es grüßt Valdano
Marxelinho (am 18. März 2015)

Ja, so täuscht mich dann das nachgeholte Spiel aus der Konserve, wobei ich trotzdem glaube, dass du die Fortschritte, die bei Hertha im Lauf des Spiels erkennbar waren, unterschlägst. Es ging eben in beiden Richtungen, so kam es mir jedenfalls vor, nie richtig voran, und es war gewiss mein großartiges Spiel von Hertha, aber eines mit Ansätzen. So sah es ein dankbarer Fan.
Valdano (am 18. März 2015)

Ich fürchte, mir fehlt einfach die empirische Basis, um die Entwicklungen im Hertha-Spiel über einen gewissen Zeitraum hinweg beurteilen zu können. Da ich nun auch kein Schalke-Fan bin, eher ein häufiger teilnehmender Beobachter, dem die Mannschaft dabei manches Rätsel aufgibt, hatte ich eigentlich von beiden Teams erwartet, dass sie mehr investieren würden für einen Sieg. Und ich drücke Dir natürlich die Daumen für den Klassenerhalt Deiens Teams! Valdano
12. März 2015

Der angegriffene ehemalige Angreifer

Michael Preetz, Geschäftsführer Sport, hat dem Tagesspiegel, Provinzzeitung aus der Hauptstadt, offensichtlich den Gefallen getan, auf einen langen Artikel, aus dem viel Zweifel an der Qualität der Arbeit von Preetz durchklang, mit der Androhung juristischer Schritte zu antworten, unter dem Vorbehalt, dass der Artikel zu solchen keinen wirklichen Anlass gibt. Das ist in etwa so, als würde man dem bösen Nachbarn, der sich bei einem Grillnachmittag gehässige, über den Zaun hörbare Bemerkungen erlaubt, mit der Polizei drohen, für den Fall, dass er den Hausfrieden tatsächlich stört. Dabei will der Nachbar doch nur vor sich hin quengeln.

Dass Preetz angreifbar ist, daran ist nun einmal nichts zu ändern. Ob man die Geschichte als einen Angriff verstehen will, hängt von der Gewissheit ab, ob es mit der eigenen Arbeit stimmt. Preetz kann diese Gewissheit nicht haben, zu sehr ist Hertha unter seiner Ägide die Selbstverständlichkeit abhanden gekommen, zu sehr strampelt da ein potentiell großer Club in Bereichen, die ein Denken allenfalls von Wochenende zu Wochenende erlauben. Hertha steht nicht gut da, das hat Preetz zu verantworten. Die Frage ist allenfalls, ob es unter einem anderen Manager tatsächlich besser wäre. Diese Frage ist zu hypothetisch, um eine allgemeine Antwort auch nur zu versuchen.

Man kann nur noch einmal einen Blick auf die maßgeblichen Entscheidungen von Michael Preetz werfen, wobei diesen eine relevante vorausging, die ihn selber betraf: der "Putsch" gegen Dieter Hoeneß, der ein Jahr vor Ablauf aus seinem Vertrag entlassen wurde. Es sprach damals alles dafür, der Zeitpunkt war ideal, mit Lucien Favre war ein Perspektivtrainer da, allerdings hatte nicht nur mich das letzte Spiel der abgelaufenen Saison auch schon verstört: "Warum spielen wir nicht mit der besten Mannschaft?" Diese Frage, die nun auch bei Luhukay eine Rolle spielte, wollte schon Favre nicht beantworten, das 0:4 gegen Karlsruhe (ohne Arne Friedrich) kostete Hertha die Teilnahme an der Champion's League.

Nach allem, was man weiß, war Favre im Herbst mit seiner Arbeit überfordert, und hatte auch gesundheitliche Probleme. Hätte es gereicht, ihm ein Monat Pause zu verordnen, ihm Zeit zur Regeneration zu geben? Das ist die große Unbekannte, jedenfalls ist das der große Knick in der Hertha-Geschichte der nuller Jahre. In diesem Moment entschied sich Preetz für eine konservative Lösung: Friedhelm Funkel war seine erste solide Fehlentscheidung.

Alle anderen danach waren im Grunde immer nur Korrekturen dieser einen, Babbel musste Funkel ausbaden, Skibbe dann Babbel, über Rehakles breiten wir einfach den Mantel des Schweigens, und Luhukay war schließlich derjenige, der die Grundlagen für eine neue Selbstverständlichkeit hätte legen können und sollen. Preetz hatte erst mit Luhukay wieder die Gelegenheit, proaktiv etwas zu tun, dass es nicht geklappt hat, liegt an internen Dingen, die wir nicht nachvollziehen können - übrigens auch nicht aufgrund der Andeutungen im Tagesspiegel, die ja nur so tun, als würden sie etwas klären.

Luhukay hatte großen Vertrauensvorschuss, aus guten Gründen, bald wurde aber deutlich, dass er als Personalmanager viele Defizite hatte. Der Tagesspiegel suggeriert nun, dass Preetz hier intervenieren hätte müssen, doch gibt es viele Fälle, in denen dies zu genau dem gleichen Problem führt: Wenn ein Trainer und ein Manager einander öffentlich die Aufstellung streitig machen (und genau das verlangt der Autor im Grunde, denn anders kriegt es ja niemand mit), dann ist erst recht die Krise da.

Ist Preetz zu gutgläubig? Zweifellos erweckt der den Eindruck, dass er alles auf eine harmonisierende Weise lösen möchte. Sein Auftritt im Aktuellen Sportstudio vor einer Weile hat übrigens gezeigt, dass er keineswegs "merkwürdig hohle Sätze" von sich gibt. Er spricht sehr authentisch, aber eben niemals gelöst, weil er aus der Defensive immer nur kurz herauskam. Er muss jeder Situation gegenüber misstrauisch sein inzwischen, ich bin es übrigens als Fan inzwischen auch.

Da es im Fußball keine durchschlagenden Lösungen gibt (selbst der FC Bayern braucht neben Guardiola noch Sammer und Reschke), müssen wir mit Michael Preetz auf jeden Fall noch bis Ende dieser Saison auf Sicht fahren. Ohnehin hat er jetzt eine Karte auf dem Tisch, die wirklich die seine ist: Pál Dárdai, ein Mann aus dem eigenen Haus, der Hertha immerhin in kürzester Zeit die Arbeitsverweigerung unter dem späten Luhukay ausgetrieben hat. Das ist nicht nichts, aber natürlich noch keine Identität. Die Jahre, in denen Michael Preetz bisher die sportlichen Geschicke von Hertha leitete, waren nicht dazu angetan, eine zu entwickeln.

Wenn er sein Amt auch über einen möglichen knappen Klassenerhalt hinaus behalten möchte, muss er spätestens jetzt - und nicht erst im Sommer - anfangen, alles auf den Prüfstein zu stellen: die Nachwuchsarbeit darf sich nicht länger auf alten Mythen ausruhen, medizinische und andere Abteilungen gehören profund evaluiert, und das Scouting muss Vorgaben bekommen, die modernen Anforderungen an ein nicht nur reaktives Spiel genügen.

Im Übrigen glaube ich immer noch, dass Ingo Schiller nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems bei Hertha ist. Der Geschäftsführer Finanzen ist allerdings nach dem KKR-Deal sakrosankt, auch wenn dieser Deal de facto nichts anderes ist als eine Wette, wobei ein Faktor im Spiel ist, der uns bewusst vorenthalten wird: die Exit-Vereinbarung, die es vernünftigerweise geben muss.

Finanziell ist also seit 2009 auch nichts gewonnen worden, auch wenn es im Moment anders aussieht. Hätte es anders kommen können? Natürlich, aber es ist sinnlos, darüber zu spekulieren. Funkel und Rehakles waren zwei Trouble Shooter, die nichts brachten. Dárdai steht in dieser Linie, und zwar hoffentlich, um sie zu brechen. Angesichts dessen, was in der Liga sonst so an Inkompetenz veranstaltet wird, könnte man Michael Preetz auf dieser Grundlage durchaus die Chance geben, mit Hertha weiterzulernen. Er muss aber auch wirklich Lernerfolge sichtbar werden lassen. Ansonsten geht das ewige Durcheinander halt ohne ihn weiter. Oder es findet sich jemand, der tatsächlich gut ist. Ganz unattraktiv kann die Aufgabe bei Hertha BSC ja nicht sein. Auch wenn Medien wie der Tagesspiegel es so wirken lassen.

Geschrieben von marxelinho am 12. März 2015.

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Valdano (am 12. März 2015)

Nicht dass ich auf den Gedanken käme, den "Tagesspiegel" verteidigen zu wollen, aber in dem Artikel steht ein Zitat eines "ehemaligen hohen Hertha-Funktionärs", über das man schon nachdenken könnte: „Der Michael hat kein Talent, gute Leute um sich zu scharen, und keinen Drang, in die Tiefe zu gehen und die Strukturen wirklich zu verändern.“ Das deckt sich mit dem, was im Jugendbereich langjährig tätige Leute sagen, und erklärt auch, warum man einen wie Tuchel nicht mal für die C-Jugend wollte. Preetz, so wird gesagt, habe vor allem alte Buddies als Trainer im Jugendbereich geholt, da spielt dann weder die eigene Spielidee eine Rolle, noch kommt es auf die Spielidee eines anderen an, der man sich anschließen mag. Da zählen persönlicher Kontakt und vorab unterstellte Loyalität. Eine kleine Übersicht mag das belegen: Ex-Profi Ante Covic trainiert die U23, Ex-Profi Michael Hartmann die U19, Ex-Profi Andreas Thom die U17, Pal Dardai hat bis vor kurzem die U15 trainiert - und alle haben sie mit Preetz gekickt. Nur Frank Vogel nicht, der die U16 trainiert und die Jugendakademie seit 2002 leitet. Da ich keines der Teams regelmäßig beobachte, muss ich mich auf Gewährsleute verlassen, die das tun, und was sie erzählen, sieht nicht danach aus, als habe die sportliche Kompetenz in Verbindung mit den sogenannten soft skills, auch die Fähigkeit, gerade mit Heranwachsenden besonders gut umgehen zu können, bei den jeweiligen Verpflichtungen den Ausschlag gegeben. Und ich erspare es uns, bei dieser Gelegenheit ausgiebiger an die Folgen des Falko-Götz-Regimes (und seines Co-Trainers Karsten Heine) zu erinnern. Gruß von Valdano
Marxelinho (am 13. März 2015)

Das Zitat "eines ehemaligen hochrangigen Hertha-Funktionärs" ist tatsächlich das im Text, das am meisten ernstzunehmen ist, und dem das generelle Bild des Clubs entspricht. Da die Schritte zu einer Verbesserung aber nur allmähliche sein können, halte ich es nicht für vollständig ausgemacht, dass ein Managerwechsel unbedingt der dafür notwendige Schritt ist - Preetz müsste sich eben nur dazu durchringen, sich selbst in Frage stellen zu lassen, und ein Klima der positiven Herausforderung zu etablieren. Ich bin sicher, das war es, was er mit Luhukay wollte. Er wollte es vermutlich zu sehr "durch" den Trainer, als dass er selbst die Bedingungen dafür geschaffen hätte.
07. März 2015

Wirkungstreffer

Georg Niedermeier hat dem VfB Stuttgart am Freitagabend gegen Hertha einen Punkt gerettet. Der Innenverteidiger der tief in der Abstiegszone stehenden Heimmannschaft versetzte Thomas Kraft bei günstiger Gelegenheit einen Kinnhaken, der sich sehr allmählich in das neuronale Innere des Berliner Keepers fortpflanzte. Kraft stellte Gentner recht heftig zur Rede, und bekam dafür eine gelbe Karte. Gentner aber hatte mit der Sache gar nichts zu tun gehabt. Niedermeier war längst weg, er hatte gute Gründe, sich zu verdünnisieren.

Das Spiel ging dann noch eine Weile weiter, und das Spielfeld wurde dabei "immer größer". Das war Pál Dárdais Formulierung dafür, das sich zum Ende hin zusätzliche Räume boten. Er wollte, so ließ er jedenfalls hinterher verlauten, "das Spiel gewinnen". Dafür wollte er Haraguchi bringen, einen schnellen Mann. Zu diesem Zeitpunkt, mit gut zwanzig Minuten Verzögerung, war allerdings der Kinnhaken von Niedermeier so weit im Gehirn von Thomas Kraft angekommen, dass dieser vom Feld geführt werden musste.

Eine seltsame Szene, weil eben zu erkennen war, dass Kraft nicht ganz genau wusste, was vor sich ging. Dass er "von Sinnen" gewesen wäre, wie der rhetorisch nicht gerade trittsichere Fritz von Thurn und Taxis es formulierte, ist aber Blödsinn. Es musste also jemand von den Mitspielern eingreifen. Hätte Dardai den geplanten Wechsel vollzogen, und wäre Kraft dann ausgefallen, hätten wir wohl für eine Viertelstunde Lustenberger im Tor gesehen, und Niedermeier hätte seinem Team vielleicht sogar einen Dreier gerettet. Alles mit einer fiesen Bewegung der Schulter, die man auch als Tätlichkeit werten hätte können.

Dass Hertha zum Ende hin auf Sieg spielen würde, war schon durch eine Auswechslung zur Pause erkennbar geworden. Dárdai brachte für die allzu konservativ und gemächlich agierenden zentralen Mittelfeldmänner Hegeler und Heitinga zwei agile Kräfte: Schulz und Cigerci. Der Niederländer hatte zum ersten Mal seit langer Zeit wieder begonnen, im defensiven Mittelfeld, er führte sich mit einem Ellbogeneinsatz und einer gelben Karte in der ersten Minute ein, spielte später noch einen haarsträubenden Rückpass, und wirkte insgesamt nicht auf der Höhe. An Hegeler muss ich nicht groß herumnörgeln, die Mannschaft muss ihn selbst überwinden.

Bei Cigerci war jedenfalls von der ersten Minute auf dem Platz an zu erkennen, wieviel intelligenter seine Laufarbeit ist. In einzelnen Szenen, vor allem bei einem Foul, das ihm eine gelbe Karte eintrug, konnte man allerdings erkennen, dass seine Bewegungsabläufe noch nicht ganz auf der Höhe sind. Das nennt man dann wohl fehlende Matchpraxis. Nico Schulz spielte in Halbzeit zwei meistens auf rechts, die beste Gelegenheit des Spiels nach einem sehr schönen Konter und einer Vorlage von Kalou hatte er jedoch über halblinks. Für den Abschluss wählte er auch seinen bevorzugten linken Fuß, die technisch anspruchsvollere Variante mit dem rechten hätte wohl den Erfolg gebracht.

Kalou ließ jederzeit erkennen, dass ihn das Spiel interessierte. Das zeigen auch die Zahlen. 11,28km gelaufen, das Team insgesamt bemerkenswerte 125, das sind Werte, an denen sich zeigt, dass Dárdai tatsächlich schon etwas bewirkt hat. Das soll allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass die spielerische Armut schon groß ist. Heitinga hat sich vermutlich mit diesem Spiel erledigt. Auffällig ist aber auch, wie sehr Fabian Lustenberger, immerhin Kapitän und Führungsspieler, in den Diskretionszonen der Spiele verschwindet. Kaum einmal gelingt ihm ein interessanter Pass, zweifellos leistet er aber viel Kleinarbeit.

Langkamp und Brooks wachsen allmählich wieder zu dem unerschütterlichen Duo ganz hinten zusammen, das eigentlich mehr als nur spielerische Qualität hat. Die beiden unterschiedlichen Definitionen von Cool, die die beiden ausstrahlen, verlangen eigentlich nach einer Buddy-Komödie.


Oder doch eher so:


Insgesamt bedeutet das, dass bei Hertha in einer wichtigen Phase der Saison die Kräfte allmählich wieder gebündelter wirken. Eine der vielen schwer nachvollziehbaren Entscheidungen von Dr. Felix Brych bringt es zwar mit sich, dass Nico Schulz nach einer gelb-roten Karte fehlen wird. Dafür kann dann aber vielleicht Genki Haraguchi gegen Schalke die Größe des Spielfelds im Olympiastadion auskosten. Oder aber Änis Ben-Hatira kann sich zum Spielmacher aufschwingen.

Die Perspektiven sind nicht rosig, aber es ist immerhin wieder eine Mannschaft da, der man gern bei der Selbstfindung zusieht. Dass sie tatsächlich Trippelschritte in Richtung beständigerer Erstligareife macht, ist unübersehbar. Und es wird dadurch nur noch deutlicher, wie schlimm die Zustände unter Jos Luhukay schon gewesen sein müssen. War zwar deutlich zu erkennen, aber man will es ja doch immer nicht so richtig glauben. Nun ist Zeit für das nächste Etappenziel. Wie wäre es mit vier Punkten aus zwei Begegnungen?

Geschrieben von marxelinho am 07. März 2015.

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valdano (am 07. März 2015)

Habe nur die letzte halbe Stunde gesehen, inklusive der Riesenchance von Nico Schulz und der rekordverdächtigen sieben Minuten Nachspielzeit, die man ja sonst nur aus der Premier League kennt. Und abgesehen davon, dass Stuttgarts Offensivschwächen noch erschreckender waren als jene der Hertha, muss ich meiner Wut Luft machen, auch wenn das nichts ändern wird: Nach dem, was sich Dennis Erdmann gegen Marco Reus geleistet hat, nach dem, was der notorische Treter Niedermeier gestern geboten hat - ich will solche Spieler nicht mehr sehen, die nicht nur nicht spielen können, sondern auch noch großfressig, unbelehrbar, einfach nur widerlich sind in ihrer Körpersprache nach begangenen Fouls. Mehr noch aber wäre zu fragen: Wer hat die ausgebildet, wer stellt die auf, wer redet wie mit denen nach solchen Aktionen? Wer lässt zu, dass solche Spieler in den Profifußball kommen? Fragt Valdano
junichi (am 07. März 2015)

Da das letzte Spiel nicht wahnsinnig viele Erkenntnisse und Diskussionspunkte liefert, möchte ich einfach die Wahl von "Pech und Schwefel" loben, der mit seiner witzigen Mafia-Parodie den besten Bud-Terence-Film darstellt! Gerade die Titelmusik ist doch ein echter Gute-Laune-Song! Mit einer etwas sonnigeren Einstellung wird dann hoffentlich spielerisch gegen Schalke auch mehr geboten.
01. März 2015

Spitzeldienste

Dem knappen Heimsieg gegen Augsburg durch einen Treffer von Salomon Kalou in der 88. Minute musste Pál Dárdai natürlich eine andere Logik geben, als sie das Spiel selbst nahelegte: Für den Trainer war das ein Erfolg, den sich die Mannschaft erarbeitet hatte, und nicht einfach ein glückliches Ende eines klassischen torlosen Unentschiedens, bei dem zwei stark limitierte Mannschaften einander mit maximal angezogener Handbremse vorsichtig austesteten.

Ich musste das Spiel in einem Hotelzimmer in Mannheim anschauen, wo ich am Morgen noch einen Vortrag gehalten hatte, sodass an eine rechtzeitige Rückkehr nach Berlin und ins Olympiastadion nicht zu denken war. Der kleine Computerbildschirm hat meine Distanz zum Spiel sicher verstärkt, aber ich würde mich wundern, wenn das im Stadion nicht auch nach dem ausgesehen hätte, was mein Eindruck war: Konsolidierung ja, Kreativspiel fast null.

Immerhin war auch ein Schritt zu einer orthodoxeren Formation zu erkennen. Langkamp kehrte in die Mannschaft zurück, mit Brooks bildete er eine Innenverteidigung, der zu wünschen wäre, sie könnte sich endlich einmal ein bisschen einspielen. Lustenberger spielte im zentralen Mittelfeld, und zwar vor Niemeyer, eine plausible Idee. Allerdings ist der Kapitän insgesamt zu konservativ - er entscheidet sich zu oft mehr oder weniger selbstverständlich für die Ablage nach hinten, dabei ist er doch der Spieler, dem gelegentlich ein Pass gelingen müsste, der für eine Überraschung sorgt.

Kalou spielte wegen der Verletzung von Schieber als zentrale und alleinige Spitze. Sein Laufpensum hat er gegenüber der Luhukay-Zeit um einen ganzen Kilometer gesteigert, nach wie vor ist sein Stil eher körperlos, er sucht nach einer Leichtigkeit, die im harten Zulaufgewerbe der Bundesliga nicht leicht zu finden ist. Beim Treffer, den ihm Hegeler auflegte, indem er einen Einwurf von Ndjeng in die Mittel spitzelte (geistesgegenwärtig und auch eher auf Verdacht), war Kalou zur Stelle.

Bis auf Weiteres hat Pál Dárdai vor allem die Grundlagen verbessert. Die Mannschaft arbeitet wieder, darüber hinaus ist noch nicht viel zu erkennen, was wohl auch mit der schwierigen Situation zu tun hat, in der Hertha sich befindet. Der Sieg gegen Augsburg, die sich als die öde Truppe erwiesen, die sie im Alltag der Liga der Weltmeister doch in erster Linie sind, kann vielleicht ein wenig die Geister wecken.

Dabei trifft es sich ganz gut, dass sich rechtzeitig auch die personellen Möglichkeiten verbessern, und dass nun mit Stuttgart eine Mannschaft wartet, gegen die Hertha sich Chancen ausrechnen darf. Stocker kommt zurück, Cigerci kann sich zumindest im Training schon einmal einbringen, Beerens bekommt allmählich Spielpraxis. Und vorne hat Dárdai nun wieder die Qual der Wahl, wobei ein 4-4-2 durchaus weiterhin eine Option sein sollte - mit Kalou, der auch im Interview nach dem Spiel seine Bereitwilligkeit unterstrich, neben und hinter Schieber.

Aus verschiedenen Gründen sind die Begegnung gegen Augsburg für mich immer so etwas wie Wasserstandsmelder. Das hat mit dem Spiel aus dem Februar 2012 zu tun, das damals die Weichen auf Abstieg setzte, obwohl es für Hertha absolut zu gewinnen gewesen wäre. Es war ein Spiel, das beiden Vereinen auch längerfristig die Richtung wie, den "Frei-statt-Bayern"-Bayern die einer nunmehr ausgewiesenen Erstligakompetenz, Hertha hingegen in die Fortsetzung einer Unausgeglichenheit, die eigentlich unfassbar ist, wenn ich mich an die Selbstverständlichkeit erinnere, mit der Hertha noch in den nuller Jahren erste Liga spielte.

Gestern hat die Mannschaft einen Trippelschritt zurück zu einer solchen Selbstverständlichkeit gemacht. Das kann man gar nicht genug anerkennen, und dem Fußballgott, der ausgerechnet Jens Hegeler die Geistesgegenwart für einen wichtigen Spitzeldienst eingab (anstatt sich einen weiteren Jokus mit Marwin Hitz zu gönnen, über den Journalisten Material für eine weitere Woche blöden Gewitzels zu liefern), bringe ich heute ein Speiseopfer dar, indem ich vor dem Mittagessen dreimal laut "hahohe" sage.

Geschrieben von marxelinho am 01. März 2015.

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27. Februar 2015

Ein vernünftiger Rat

Bei Hertha BSC gibt es jetzt wieder einen Mannschaftsrat. Er hat eine Größe von acht Spielern, es fehlen also nur drei auf einen Rat, der auch schon eine Mannschaft wäre. Für Pál Dárdai ist das ein Gremium, mit dem er einen "ehrlichen Dialog" führen kann. Für Manager Preetz ist das "Geschmackssache", wie man die Kommunikation mit der Mannschaft organisiert, für mich auch, allerdings kommt mir vor, dass das, was Coach Pál hier im Sinn hat, eher gegen meinen Geschmack ist.

Denn wenn man sich konkret vorstellt, welches Forum so ein Mannschaftsrat haben kann, dann muss das ja notwendigerweise eine Sitzung sein (die allerdings auch im Stehen stattfinden kann, auf dem Platz zum Beispiel). Bei einer Sitzung kommt es darauf an, sich gut einzubringen und auszudrücken, das sind vom Fußballplatz aus sekundäre Qualitäten. Uns es erinnert mich an Zeiten, in denen bei Hertha Spieler im Mittelpunkt standen, die gute Interviews gaben, aber mäßig zur Entwicklung der Mannschaft beitrugen.

Warum geht mir das durch den Kopf? Weil Hertha in dieser Saison bisher noch keine Mannschaft hat, und Pál Dárdai nun eine finden muss. Dabei darf es auf integrative Persönlichkeit oder auf rhetorische Führungsqualitäten nicht ankommen. Hertha braucht dringend eine Achse. De facto ist das Team seit dem Herbst ohne stabiles Rückgrat unterwegs, was mit den Verletzungen von Langkamp, Lustenberger und Baumjohann zu tun hatte, mit der Formkrise von Hosogai, und mit der Suche nach einer Position, auf der Jens Hegeler sich auratisch betätigen kann, immer in der Hoffnung, dass dabei auch ein wenig Fußball herauskommt.

Eine Frage scheint Dárdai vorläufig beantwortet zu haben: Brooks dürfte wohl vorerst Stammspieler sein. Damit bleibt die erste Achsenfrage: Wer wird zweiter Innenverteidiger? Eine Dreierkette, die ja in den allermeisten Fällen eine unausdrückliche Fünferkette ist, wäre gegen Augsburg sicher nicht ratsam. Es sollte also wohl Langkamp damit beginnen, sich wieder in diese Saison hineinzufinden. Hegeler gehört maximal auf die Bank.

Folgt das zentrale Mittelfeld. Fabian Lustenberger spielte das gegen Wolfsburg sehr konservativ, gegen Mainz zu aggressiv, davor war er im taktischen Geschwurbel von Jos Luhukay ein wenig verloren gegangen. Er sollte sich noch einmal auf dieser Position probieren, muss aber den Auftrag bekommen, den Kopf ein wenig höher zu tragen, denn seine Körperhaltung ist nicht dazu angetan, ihn die wenigen Passwege finden zu lassen, die Augsburg wohl bieten wird. Vielleicht wäre sogar ein Formation zu überlegen, die Hertha noch nie gespielt hat: Niemeyer oder doch besser Hosogai als Anchorman, und davor Lustenberger und Skjelbred als Umschaltspieler, Schieber davor als Mittelstürmer. Erspart uns die Zehnerfrage.

Bleiben die Außenpositionen. Kalou sollte über links kommen, vor Schulz, und Beerens über rechts. Im Grunde ein Arsenal-System, das aber weniger hasardös interpretiert würde, und das angesichts von Hjöberg und Altintop und Baier Sinn eindeutig Sinn macht.

Das alles vorbehaltlich der letzten Neuigkeiten aus der medizinischen Abteilung. Dárdai wird als Trainer nur Erfolg haben, wenn er über die gesteigerte Willensleistung hinaus auch eine gute Formation findet. Die ganze Saison hindurch mussten wir dabei zusehen, wie Spieler herumgeschoben wurden (Stocker, Hegeler, Schulz, Pekarik, Ndjeng), wobei in vielen Fällen gar nicht so sehr Polyvalenz der Grund war, sondern eine gewisse durchschnittliche Verlässlichkeit, die begrenzten Schaden versprach. Meistens reichte der Schaden aber doch für eine Niederlage.

Deswegen empfiehlt es sich, nun auf Experimente zu verzichten. Hegeler ist kein Innenverteidiger, sondern einfach ein langsamer Spieler, was man nicht automatisch als Vorteil für Stellungsspiel werten muss. Stocker ist kein Regisseur, und dieses Mal gesperrt. Hertha braucht gar keinen Regisseur, nur ein bisschen mehr Mut und Konzentration im Passspiel, und eine produktive Laufarbeit als Voraussetzung dafür. Dann sollte sogar gegen Ausgburg etwas gehen, gegen eine Mannschaft, die sich mit Hertha meist bleierne Duelle lieferte. Das lag aber wohl daran, dass beide Mannschaften nichts anbieten wollten. Hertha kann sich das jetzt nicht mehr leisten.

Geschrieben von marxelinho am 27. Februar 2015.

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22. Februar 2015

Bas de probleme?

Das Stenogramm zum 0:2 in Wolfsburg: wackerer Auftritt, verdiente Niederlage. Kompaktheit hat nun einmal neben der räumlichen auch eine zeitliche Dimension, da reichen dann zwei Aussetzer, um eine ansonsten konzentrierte Leistung gegen einen notwendigerweise nicht vor Energie sprühenden Gegner entscheidend zu trüben. Der erste Gegentreffer war schwer zu verteidigen, weil Schürrle wirklich brillant (aber auch absichtlich?) in die Zentrale weiterleitet, insgesamt die ganze linke Seite in dieser Situation begriffsstutzig, und Brooks (sonst ziemlich gut heute) geht zu weit heraus, dadurch sind Hegeler und Pekarik hoffnungslos in Dilemmata verstrickt, auf wen sie sich konzentrieren sollen.

Beim 0:2 muss man Hegeler allerdings einen Vorwurf machen. So beeindrucken darf er sich von dem Schuss von Luiz Gustavo nicht lassen, dass er gleichsam die Meter auf der Flugbahn mitzählt, während Dost sich hinter ihm schon auf den eventuellen Abstauber vorbereitet. Es wird Zeit, dass Langkamp den all zu ehrenpräsidentiell spielenden Hegeler wieder ablöst.

Den zwischenzeitlichen Ausgleich von Hertha leitete Brooks mit einem Pass ein, der nicht zufällig über die Linien ging, denn zwischen denen ging nicht viel - die Raumaufteilung von Wolfsburg war auch bei diesem mittelmäßigen Auftritt durch und durch beeindruckend. Stocker nahm den Ball gut mit, und Schieber, der in die Mitte gehört, war auch dort, er ist ein Torjäger und soll auch der designierte bei Hertha sein.

Das führt zur Frage, wo Kalou spielen soll. Der Auftritt machte insgesamt eher wenig Hoffnung, denn vor das Genie hat der Fußballgott bekanntlich die Arbeit gesetzt, und die kann nicht vollständig auf die anderen Feldspieler verteilt werden. Kalou sollte künftig auf der 10 spielen, er muss sich aber mehr einbringen, es geht nicht, dass er nur zu einer Andeutung von Zweikämpfen anläuft, und zwischendurch erratisch an der eigenen Eckfahne verbissen um Bälle kämpft, die er vorne in immer eleganter Haltung an sich vorbeitransportieren lässt, als wäre er Luft(ikus).

Die gesamte Konstellation des Spiels konnte man am besten an Lustenberger und Skjelbred sehen. Von beiden gab es kaum offensive Pässe, geschweige denn Läufe (erinnert sich noch jemand, wo Cigerci in so einem Spiel überall aufzutauchen pflegte?). Sie mussten den opaken Druck aushalten, den Wolfsburg jederzeit ausübte, ein Druck, der sich in De Bruynes Omnipräsenz konkretisierte.

Die Niederlage gegen Wolfsburg musste man als vernünftiger Fan bereits eingepreist haben, es ist das kommende Spiel, das eine Richtung weisen muss: Augsburg ist kein gegen alle Regeln des Financial Fair Play alimentierter Provinzgroßclub, sondern ein regionales Kompetenzzentrum, gegen das Hertha nur eines stellen müsste: eigene Kompetenz. Daran mangelt es allerdings schon seit längerer Zeit empfindlich. Und gerade die Augsburg-Spiele waren häufig Tiefpunkte. Gegen Wolfsburg sah man immerhin die Andeutung einer Mannschaft, und eines Systems (4-4-2), die kommendes Wochenende Sinn machen könnten.

Geschrieben von marxelinho am 22. Februar 2015.

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16. Februar 2015

Pustekuchen

Eigentlich war am Sonntag beim 0:2 gegen Freiburg alles ganz einfach: die bessere Mannschaft hat gewonnen. Das betraf viele Faktoren, entscheidend aber war für meine Begriffe die sogenannte Raumaufteilung. Freiburg hat ein einfaches, wirkungsvolles Pressing gespielt, der Spielaufbau von Hertha war weitgehend lahmgelegt. Das zentrale taktische Manöver von Pál Dárdai, Ronny nach hinten zu ziehen und neben Skjelbred stärker in die Spieleröffnung einzubeziehen, ging nicht auf.

Schon aus der zentralen Defensive heraus, wo Hegeler es mit der Verlangsamung der allmählichen Entwicklung einer Idee zu einem Pass immer ein wenig zu weit trieb, kam überhaupt nichts. Die wenigen vertikalen Manöver weiter vorn waren alle zu waghalsig, beruhten meist auf blindem Durchstecken und ähnlichen Feinheiten, die, wenn sie gelingen, herrlich anzusehen sind, allerdings viel öfter ins Leere laufen.

Hertha geriet durch einen Gegentreffer in Rückstand, den man als typisch für die Mannschaft ansehen muss. Ein schneller Einwurf von Freiburg, und schon sind Brooks und Plattenhardt jeweils in einer Situation, in der sie mit zu wenig Nachdruck agieren, weil alles zu schnell geht und die Gefahr noch nicht vollständig erkennbar ist. Sie resultiert nämlich aus einem Faktor, der schwer zu trainieren ist: Intensität, Geistesgegenwart, Durchsetzungswille. Allgemeiner Begriff dafür: Kampf. Die Fans wollen die Mannschaft immer "kämpfen sehen", aber Freiburg, trotz seiner prekären Situation eine sehr kompetente Mannschaft, hat vorgemacht, was das heißt: intelligente Verteilung der Arbeit, individuelle Spritzigkeit.

Beim zweiten Gegentor, aus einem ideal getretenen Corner, setzte sich Philipp gegen Plattenhardt durch, wenn dem anders gewesen wäre, hätte es Elfmeter geben müssen, denn Skjelbred riss gleichzeitig seinen Mann dramatisch zu Boden, es war der Zweikampf, der den Raum für Philipp schuf, und der wohl Plattenhardt aus dem Konzept brachte. Er war zu spät dran.

In solchen Situationen hat der Offensivspieler prinzipiell einen Vorteil, deswegen ist es einesteils wichtig, die eigenen Standards gut zu nützen (was Hertha gestern mit dem ersten Slice, den Ronny lässig in den Strafraum schickte, versäumte, seit Monaten sehen wir nur Karikaturen seiner einst gefährlichen Freistöße und Ecken), und andererseits es mit der Manndeckung nicht zu weit zu treiben - damit schaffen vife Gegner nämlich die leeren Räume, in die dann einer starten kann. Es war eine Situation, über die man Abhandlungen schreiben könnte, so komplex ist sie, und so einfach löst sie sich auf.

Hertha war statistisch gar nicht einmal so schlecht am Sonntag, die Mannschaft lief relativ viel und nicht weniger als Freiburg, die Zweikampfwerte differierten nur geringfügig, aber der Gesamteindruck war doch der einer auffälligen Unterlegenheit. Das hat natürlich damit zu tun, dass Freiburg als Außenseiter kam, und eine mustergültige Upsetter-Taktik spielen konnte.

Dárdai deutete hinterher an, dass er die Mannschaft während der Woche zu stark mit Konditionstraining strapaziert haben könnte, sie wäre also vielleicht aus der Puste gewesen. Ich halte das für einen prinzipiell wichtigen Aspekt (Hertha wirkt schon seit einem Jahr insgesamt nicht agil), er soll aber nicht den Blick darauf verstellen, dass auch Dárdais Bemühungen, aus diesem heterogenen Kader eine schlagkräftige Mannschaft zu formen, von den alten Problemen geprägt werden: Es fehlt an ein zentraler Intelligenz, Ronny ist da wie dort ein Ausfall, man sollte es sein lassen mit ihm.

Skjelbred wiederum war auf der Position 6 vergeudet, das war für meine Begriffe der zentrale taktische Missgriff. Niemeyer hinter Skjelbred, davor Stocker, Kalou über links, Beerens über rechts, Schulz oder Plattenhardt hinten, das nimmt sich nichts, so hätte die Aufstellung mehr Sinn gemacht. Als ich nach drei, vier Minuten die taktische Formation ausbaldowert hatte, war ich auch schon skeptisch, und die Bestätigung kam dann in Form peinlichen Ballgeschiebes zwischen Brooks und Hegeler, weil sich für das Herausspielen zu wenig Optionen boten.

Mit einem Wort: die Spieler versteckten sich ein wenig auf ihren Positionen. Dárdai wird sicher noch zwei Wochen "bis auf Weiteres" weitermachen dürfen, das Heimspiel gegen Augsburg und dann die Fahrt zum VfB Stuttgart aber werden für ihn die Tests, die auch schon Vorentscheidungen über die Chancen auf den Klassenerhalt mit sich bringen. Konditionstraining allein wird nicht reichen, die Mannschaft braucht eine Spielidee und eine neue Einstellung, für die ich leider kaum Proponenten sehe: Stockers Sensibilität, Brooks' Unausgeglichenheit, Hegelers Phlegma, Kalous Künstlerarroganz, Schiebers Isolation, das alles sorgt nicht gerade für Kreativit und nicht einmal für eine kompakte Grundlage.

Langkamp und Lustenberger müssen Verantwortung übernehmen, Stocker sollte einen  Vertrauensvorschuss bekommen. Vorerst wäre vermutlich schon etwas gewonnen, wenn man die sinnlosen Versuche mit Ronny einfach sein ließe. Pál Dárdai muss nun zeigen, ob er mehr kann als nur gute Sprüche klopfen. Die Bundesliga ist viel zu modern geworden, als dass es reichen würde, den guten Kumpel zu machen, der vor allem als Motivator arbeitet. Freiburg hat das gezeigt, und Hertha hatte einmal mehr das Nachsehen. Man sollte wenigstens etwas daraus lernen.

Geschrieben von marxelinho am 16. Februar 2015.

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Holger Breitner (am 16. Februar 2015)

Wir waren seit langer Zeit mal wieder live im Stadion, da wir ansonsten doch immer vorzugsweise mit Leidensgenossen in der Kneipe Hertha sehn. Nach der Berufung Dardais hatten wir das dringende Bedürfnis ihn mit unserem freundlichen Besuch zu unterstützen und im Übrigen versteht man ein Fussballspiel im Stadion mehr als an der Glotze. Neben der enttäuschenden, von mir aber prophezeiten Niederlage hat mich nun mehr eines endgültig überzeugt, was ich schon lange, sehr zum Verdruss meiner "Leidensgenossen" versuche zu kommunizieren: Ronny und auch Kalou sind 1. komplett überschätzt und was am Sonntag deutlich wurde: Sie sind schädlich fürs Spiel. Die Mannschaft vertraut aus unerfindlichen Gründen auf deren Fertigkeiten und die Beiden versuchen sich in ihren Fertigkeiten, diese aber schlicht nicht besitzen. Technisch ganz ok. Konditionell und Spielverständnis unterdurchschnittlich. Das Schlimme ist: Der Mythos über die technisch hervorragenden Ronny und Kalou hält an und Mitspieler leiden darunter, ohne das sie es zu merken scheinen. Freiburg war in allem überlegen, aber im Wesentlichen in der Spielintelligenz. Wenn ich da an den nächsten Gegner Wolfsburg und an Augsburg denke......oh GOTTOGOTT!!!!!
08. Februar 2015

Kleine Schritte, große Lösung

Lustig eigentlich, wie vage die Jobbeschreibung für Pal Dardai ist. Er soll wohl mit Hertha ein paar Spiele gewinnen, aber es bleibt dezidiert ungesagt, ob er nun als provisorischer Trainer den Platz für einen "echten" warm halten soll, oder ob er schon die große Hertha-Lösung für die Zukunft als solche ist. Wenn man den Kriterien des Aktuellen Sportstudios des ZDF folgen will, dann hat da jemand eine riesige Aufgabe: nicht nur den Klassenerhalt sichern, sondern auch eine Identität für einen schlecht definierten Club zu finden.

Ich habe hier des öfteren in eine ähnliche Richtung argumentiert, aber ich sehe anders als die Polemiker beim ZDF auch, warum es sich mit Hertha so verhalten könnte, wie es nun einmal der Fall ist: ein Club mit mäßig was hermachender Geschichte kehrt, kurz bevor Berlin zur Hauptstadt wird, in die erste Liga zurück, und macht dann ein paar Jahre ganz erfolgreich auf Hauptstadtclub. Irgendwann merkt man, dass ein wenig mehr Realitätssinn nicht schlecht wäre, dafür soll ein neuer, junger Manager sorgen, dem wir seither dabei zusehen, wie ihm die Widrigkeiten um die Ohren fliegen.

Michael Preetz hat im Grunde noch nie so richtig einen Fuß auf den Boden bekommen, deswegen hat er Jos Luhukay ein wenig zu lange mit dem Grund verwechselt, auf dem sich etwas Dauerhaftes und Prägnantes entwickeln könnte. Mit dem mitteleuropäischen Leistungsethiker und Feierabendhedonisten Pal Dardai könnte das vielleicht sogar noch eher was werden. An einer anderen Stelle sprach ich einmal von einem "Paläolithikum", nun aktualisiere ich diesen Begriff und äußere die Hoffnung, er möge eine schöne Ära prägen.

Sein Wirken begann glücklich und erfolgreich mit einem 2:0 in Mainz, auf das Dardai und Rainer Widmayer die Mannschaft gut eingestellt hatten, auf Grundlage einer plausiblen Aufstellung. Jens Hegeler, der in seiner beckenbäuerlichen Getragenheit besser als Ruhepol denn als Kreativagent zu gebrauchen ist, kehrte neben Brooks in die Innenverteidigung zurück, rechts davon Pekarik, links Plattenhardt, von dem wir wohl nie erfahren werden, was Luhukay gegen ihn hatte. Er spielte so, als wäre er eine gute Vertretung für Nico Schulz, der weiter vorne gebraucht wurde.

Fabian Lustenberger neben Skjelbred im zentralen Mittelfeld war die Variante, für die Luhukay zuletzt zweimal zu hasenfüßig gewesen war. Sie funktionierte, auch wenn der Kapitän sich den Nachmittag durch eine gelb-rote Karte verdarb, von der sich die Mannschaft aber nicht mehr aus dem Konzept bringen ließ.

Mann des Spiels war wohl Valentin Stocker, der in einem günstigen Moment Karius lief und dafür einen maximalen "return on investment" bekam: Elfmeter und Ausschluss des gegnerischen Tormanns. Hegeler verwertete in staatsmännischer Manier. Später organisierte Stocker noch einen schönen Angriff, den Schieber knapp nicht zum Abschluss brachte. Und auch am kuriosen 2:0 noch vor der Pause war Stocker beteiligt.

Hertha war auf eine produktivere Weise kompakt als zuletzt, das System machte Sinn, jeder Spieler wusste, was zu tun war. Die Rückkehr von Skjelbred hat sicher nicht geschadet, Schulz und Brooks konnten sich rehabilitieren für etwas, was Luhukay ihnen viel zu streng nachgetragen hatte. Ein paar interessante Spieler kehren demnächst zur Mannschaft zurück, dann dürfen wir gespannt sein, wie sich Dardai und Widmayer das System Hertha 2015 vorstellen. Bloße vage Hoffnung auf Umschaltmomente ist als natürlich zu wenig für ein Dasein in der ersten deutschen Fußballbundesliga.

Am Abend war dann der Manager im Fernsehen, er schlug sich gut, es ließ sich nicht auf die kleinen Mätzchen ein, mit denen er sich konfrontiert sah. Insgesamt ist ja seine Stärke, dass er sich stets als angenehmer Zeitgenosse zu präsentieren war, was allerdings in einer Welt, in der viele Sammers den Rhythmus vorgeben, nicht immer das entscheidende Kriterium ist.

Das Trostreiche an diesem Wochenende ist, dass die vielbeschworene Identität keine Sache von Fünfzigjahresplänen ist. Identität kommt mit Auftritten, Hertha hat zuletzt wenig aus den Auftritten gemacht und galt deswegen als schwach definiert. Identität ist auch so etwas wie eine Eintagsfliege, ich könnte nur bei ein paar Clubs in der ersten Liga sagen, "wer" sie sind. Und Hertha hat eben eine sehr spezifische Geschichte. Das ist auch das entscheidende Stichwort. Identität im positiven Sinn ergibt sich aus einer Geschichte, die den Eindruck von Kontinuität erweckt. Und die Entwicklung suggeriert.

Michael Preetz brennt sicher darauf, jetzt endlich einmal Geschichte zu "machen". Leider gibt es dafür im Fußball nur kleine Hebel: permanente Überprüfung aller Details. Wird in allen Abteilungen gut gearbeitet? Wo sind schlechte Routinen? Mit Pal Dardai hat er jemand am wichtigsten Hebel, der hoffentlich mehr als nur ein Wochenende lang begeistern kann. Sein Vorteil ist auch ein Nachteil: er kommt von innen, aus einem Club, von dem man gelegentlich den Eindruck haben kann, er habe es sich mit sich selbst und seinen Mythen ("exzellente Jugendarbeit", ...) ein wenig zu bequem eingerichtet.

Das soll die aktuelle Laune nicht trüben, ist aber etwas, was Michael Preetz lernen muss: Hertha positiv unter Spannung zu setzen. Er muss dafür kein Motzki werden.

Geschrieben von marxelinho am 08. Februar 2015.

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Oliver (am 08. Februar 2015)

Lieber Marxelinho, ich glaube auch, dass es mit Pal Dardai und Widmayer etwas werden kann. Dardai konnte die anderen immer mitreissen, da fiel nicht so sehr ins Gewicht, dass er kein Feintechniker war. Und mit Widmayer einer dazu, der schon Babbels Kopf gewesen ist. Vielleicht auch ein Gespann, das als Nichtberliner für diese mittlerweile so ausgeglichene Liga die notwendige Einstellung und das Trainertalent hat. Die Einstellung fehlt dem Berliner nämlich gerne mal in seiner Selbstüberzeugtheit. Denen aber andererseits hoffentlich auch das "Haupstadtklub"- Gedöns an einem bestimmten Körperteil vorbei geht, das wiederum würde kein echter Herthaner jemals in den Mund nehmen. Auch so etwas, was von aussen an den Verein herangetragen wurde, leider hat Preetz im Sportstudio das Gegenteil behauptet. Aber der ist ja auch kein Berliner, er kann es nicht wissen. Ich kenne den Begriff nicht von früher und ich glaube auch nicht, dass er verwendet wurde, als Berlin schon einmal Hauptstadt war. Ich werde das mal nachforschen. Ist jedenfalls für einen Berliner nicht die Identität des Vereins. Ich hoffe auch, dass die durch ein gutes, kluges Trainergespann erweitert wird.
07. Februar 2015

Isten hozta, Pal Dardai

Das Stenogramm zum Auswärtssieg in Mainz:


Geschrieben von marxelinho am 07. Februar 2015.

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06. Februar 2015

Fünf Minuten Bedenkzeit

Geschichte wird gemacht, wenn man beginnt, in Mustern zu denken. Vor drei Jahren stand Michael Preetz ein paar Tage später später als dieses Mal in der Rückrunde vor der Entscheidung, den gerade erst angetretenen Michael Skibbe abzulösen, der sich unter anderem dadurch ausgezeichnet hatte, dass er 45 Minuten lang große Hoffnungen auf Ronny gesetzt hatte. Es folgte eine der unverständlichsten Entscheidungen ever: mit Rehhagel ging der Manager in jeder anderen Hinsicht auf Nummer sicher, nur nicht in sportlicher.

Ein paar Monate später präsentierte er einen guten Trainer für die Mission Wiederaufstieg: Jos Luhukay. Wir waren alle sehr zufrieden, die Sache ließ sich gut an, Hertha hatte endlich ein Profil. Heute fragen wir uns, wenn wir nicht einfach stur nach vorne schauen wollen, wo die Sollbruchstelle war. Es wäre naiv, dabei den Deal mit KKR zu übersehen. Danach waren plötzlich zwei Logiken in diesem Club, und schon jetzt hat sich herausgestellt, dass sie zumindest dieser Coach nicht vermitteln wollte.

Sein Umgang mit Salomon Kalou hat das am deutlichsten gezeigt: in der Sache hatte er Argumente, in der Form war er ungeschickt, und dem größeren Ziel, das Optimum aus einem sehr heterogenen Kader herauszuholen, konnte er nicht Genüge tun. Zu Weihnachten hätte man ihm kündigen sollen, aber wer hätte sich damals wirklich dazu durchringen mögen?

Einen Club zu managen ist Fahren auf kurze Sicht, und doch kann man vieles so viel besser machen, als es bei Hertha geschieht. Doch was ist es genau? Da müsste man dann eben in die Lehre gehen bei Reuter/Weinzierl oder Eberl/Favre, und nicht einmal bei diesen Konstellationen kann jemand garantieren, dass der Erfolg verstetigt werden kann, ganz abgesehen davon, dass Gladbach häufig einen schwer erträglichen Ergebnisfußball spielt.

Nun hat Hertha die "Victory"-Karte gezogen, mit der Verspätung, die Pal Dardai und Rainer Widmayer von vornherein in den Schatten von Victor Skripnik und Joe Zinnbauer stellt. Dass sie aus diesem Schatten heraustreten können, ist nicht undenkbar: eine interessante Konstellation ist es allemal, und für Hertha auch die einzig denkbare aus dem internen Bereich. Vermuten lässt sich, dass Pal Dardai die Profis auf eine interessante Weise "ansprechen" wird, und dass Widmayer die Formation ein wenig vereinfachen wird.

Luhukay hat zuletzt ja vor lauter individuellen Sanktionen häufig kaum mehr genug Leute für ein normales Fußballspiel gefunden, und musste seltsame Dinge probieren wie aus Jens Hegeler einen Regisseur zu machen.

Von Widmayer lesen wir, dass er nur fünf Minuten für seine Zusage brauchte. Das mag auch damit zusammenhängen, dass er seit Dezember 2012 "between jobs" war und endlich die Klammer hinter dem "between" schließen wollte. Er hat nicht viel zu verlieren, aber alles zu gewinnen.

Am blödesten steht insgesamt doch Hertha da, wo man gerade die einzige seriöse "wild card" ausspielt, wenn man nicht, wie manche Fans, auch noch an Niko Kovacs denken möchte, der als Trainer in Kroatien jedenfalls gute Figur macht.

Als Fernziel müsste man sich einen Club denken, der einen guten Teil des Kaders und auch die Betreuer aus den eigenen Ausbildungsbetrieben bekommt. Das wäre eine Vision, über die wir 2025 wieder sprechen können, aber es war sicher auch die Causa Mukhtar, mit der Luhukay sich schwer begreiflich machte. Ob dieses Modell Hertha 2025 mit Michael Preetz denkbar ist? Wir können es einfach nicht seriös sagen, aber das Jahr 2014 spricht doch dafür, dass die zuständigen Gremien sich für den Sommer 2015 etwas überlegen sollten. Egal, ob Hertha drin bleibt oder zum dritten Mal absteigt.

Die Troika Gegenbauer (gutmütig), Preetz (gutmeinend) und Schiller (schönrechnend) hat, nach allem, was wir inzwischen sehen konnten, wohl doch nicht das Format für einen konsolidierten Erstligisten mit den Standortfaktoren für internationale Klasse. Damit wäre der Ball beim Aufsichtsrat. Und dann bei den Mitgliedern. Es dreht sich alles im Kreis. Wie in der großen Welt auch. Geschichte wird jedenfalls nicht nach vorn gemacht.

Geschrieben von marxelinho am 06. Februar 2015.

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05. Februar 2015

Übungen in Fatalismus

"Ich kann der Mannschaft keinen Vorwurf machen", hat Jos Luhukay nach dem 0:1 gegen Bayer Leverkusen gesagt. Er will sogar ein "gutes Spiel" gesehen haben. Das sind Pflichtsätze für einen Coach, der seinen Job nicht verlieren. Der Manager hat aber hinterher doch erkennen lassen, dass sich das nicht mehr von selber versteht. Michael Preetz steht vor einer Entscheidung, die ihm ungeheuer schwer fallen muss. Denn er hat mit Luhukay große Hoffnungen auf Kontinuität verbunden, doch zuletzt war die einzige Kontinuität die zunehmende Perspektivlosigkeit einer Mannschaft, die weit von einem vollständigen Fußball entfernt ist.

Für das schwach besuchte Heimspiel gegen Leverkusen (ich musste aus beruflichen Gründen auch mit der TV-Übertragung Vorlieb nehmen) hatte Luhukay nach den schlechten Erfahrungen in Bremen eine extreme Sicherheitsvariante gewählt: konventionelle Viererkette mit Pekarik, Langkamp, Lustenberger und van den Bergh. Davor Hosogai und Ndjeng (!), und in gewisser Weise auch noch Hegeler, der nominell auch für Spielaufbau zuständig gewesen wäre, dem es dafür aber an wesentlichen Eigenschaften fehlt: Beschleunigung, Kreativität, Bewegung mit dem Ball. Beerens und Haraguchi besetzten die Flügel, bei einem frühen, aussichtsreichen Konter brachte der Japaner den Ball nicht zur Mitte.

Leverkusen steht für dieses interessante Phänomen in der "Liga der Weltmeister", dass auch die meisten Spitzenmannschaften spielerisch häufig sehr limitiert daherkommen. Der Auftritt in Berlin war jedenfalls sagenhaft öde, wobei es schwierig zu unterscheiden ist, was dabei der Kompaktheit von Hertha, dem schlechten Platz, der generellen Froststimmung und der Erschöpfung durch allgemeinen Zerstörungsauftrag zuzuschreiben ist.

Herthas hilflose Hoffnung auf Umschaltmomente wurde kurz nach der Pause durch einen Umschaltmoment zunichte, den Beerens mit einer schlechten Rückgabe auf Pekarik einleitete. Wendell nützte die Gelegenheit zu einem Lauf und einer Flanke, die Kießling verwertete. Van den Bergh verhielt sich dabei um nichts besser als die zuletzt wieder implizit gescholtenen Schulz oder Brooks.

Im übrigen bin ich der Meinung, dass der Treffer nicht hätte zählen dürfen. Kießling trifft den Ball ja nicht gut, und stolpert dann über Kraft ins Tor. Eindeutig behindert er dabei den Keeper im Fünfmeterraum, der Ball war langsam, Kraft hätte ihn vielleicht noch erwischt, wenn er Platz für einen Reflex gehabt hätte. Natürlich kann Kießling die Bewegung nicht bremsen, aber ein Foul ist auch dann ein Foul, wenn es nicht beabsichtigt ist. Nach dem Spiel konnte man Kraft noch mit Kießling diskutieren sehen, ich bin mir relativ sicher, der Torhüter wird ähnlich argumentiert haben.

Relevanter für eine Beurteilung der Situation ist, dass Hertha danach neuerlich nichts zusetzen konnte. Es ist einfach nicht ersichtlich, wie der Coach die Mannschaft noch einmal zu einem vollständigen Fußballspiel zurückführen könnte. Er hat inzwischen so viele Spieler ohne noch große Not beschädigt, hat immer die Falschen für Probleme verantwortlich gemacht (Schulz, Brooks, Stocker), während er das Alibispiel eines Hegeler für wertvoll zu halten scheint.

Das wichtigste Argument für einen Trainerwechsel ist damit in meinen Augen: Dieser Kader bedarf einer neuen Deutung. Luhukay lässt leider überhaupt kein Konzept erkennen in der Weise, wie er damit herumexperimentiert. Er ließ Mukhtar ziehen, weil er ihm das Maß an Stabilität nicht zutraute, das die Mannschaft nun gerade so weit erhöht hat, dass die Niederlagen knapper ausfallen als das Debakel gegen Hoffenheim oder die gefühlte Niederlage bei den vier Gegentoren in Frankfurt.

Jos Luhukay verdient immer noch unseren Respekt. Er ist ganz offensichtlich ein integrer Mann, aber er ist in Berlin seit einem Jahr immer deutlicher an seine Grenzen gestoßen. Inwiefern dabei auch Umstände eine Rolle spielen, die sich auf die Arbeit der Verantwortlichen insgesamt beziehen, können wir von außen schwer beurteilen. Ich habe allerdings doch den Eindruck, dass bei Hertha auf allen Ebenen (medizinische Abteilung, Konditionstraining, Übergang Nachwuchs-Profis) nicht optimal gearbeitet wird. Es fehlt doch deutlich an einer klar erkennbaren Vorstellung davon, in welche Richtung es gehen soll.

Der große Kaderumbau im Sommer (dem deutlich mehrere unterschiedliche Konzeptionen zugrundelagen) hat das Gefüge wohl über Gebühr belastet. Nun steht Hertha mit vielen ungenützten Ressourcen, wichtigen Verletzten und angezählten Profis vor 15 Spielen Abstiegskampf. Eine personelle Alternative zu Luhukay ist nicht leicht zu finden. Thomas Tuchel wird nicht zu haben sein, er wäre ideal. Pal Dardai ist eine Wild Card, ob sich mit ihn ein Victor(y)-Effekt einstellt, ist ungewiss.

Vor drei Jahren hat Michael Preetz in einer ähnlichen Situation die bisher schlechteste Entscheidung seiner Karriere getroffen. Üblicherweise würde man sagen: daraus muss er gelernt haben. Aber die Verbindung von Ursachen und Wirkungen ist im Fußball so kompliziert, dass eine Trainerentscheidung allein vielleicht gar nicht hilft. Bei Hertha muss alles hinterfragt werden. Und dies in einem laufenden Spielbetrieb, in dem jegliche Selbstverständlichkeit verloren gegangen ist.

Ein Zyniker würde vielleicht empfehlen: noch zwei Spiele warten, dann ist ein echter Spitzencoach auf dem Markt. Aber Jürgen Klopp würde auch nicht nach Berlin kommen. Hertha ist und bleibt der Club ohne Identität und ohne Perspektive. Nur für uns Fans nicht, aber wie anders kann man das alles derzeit erleben, wenn nicht als Exerzitien in Fatalismus?

Geschrieben von marxelinho am 05. Februar 2015.

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Johan (am 05. Februar 2015)

Holger Stanislawski betreibt wohl mittlerweile in HH einen Supermarkt. Ob ihn das wohl ausfüllt? Vielleicht wäre er ein Kandidat…? Mir wird ganz mulmig, wenn ich daran denke welche Feuerwehrmänner MP jetzt aus dem Hut zaubert.
01. Februar 2015

Drall und Fall

Das Stenogramm zu der 0:2-Niederlage in Bremen: Verdient in jeder Hinsicht, auch wenn der Matchplan erst kurz vor der Pause Makulatur wurde. Einen Plan B gab es wie üblich nicht. Der Coach hatte sehr vorsichtig aufgestellt, mit Lustenberger zwischen Langkamp und Brooks, und Pekarik und Schulz auf den Außenpositionen.

Schlüssel zu der ganzen Unwucht der ersten Halbzeit war Hegeler, der keine eigentliche Position hatte, aber auch nicht konsequent als Manndecker für Junuzovic arbeitete. Da Stocker meist rechts spielte, und Hegeler vor Niemeyer auch, war Schulz links meistens ziemlich allein. Das ergab Platz für ein paar gute offensive Ansätze, da Hegeler aber eher nach einer Position suchte, als wirklich am Spiel teilzunehmen, hatte Hertha gegen die offensive Werder-Formation links oft Unterzahl, obwohl eigentlich defensiv massiert aufgestellt.

So fiel dann auch das Gegentor: Schulz weiß nicht so recht, wofür er zuständig ist, eine Menge Leute sind neben ihm, Di Santo weicht nach rechts aus und bekommt den nötigen Platz für einen sehenswerten Treffer. Ein Gegentor als Indiz: der systemische Rechtsdrall brachte Hertha zu Fall.

Es sprach alles dafür, zur Pause auf Hegeler zu verzichten, da aber Niemeyer wegen einer Gehirnerschütterung ausscheiden musste, blieb er. Für Schulz kam van den Bergh, absolut unverständlich, und auch wirkungslos. Obwohl Hertha danach das Spiel zu machen versuchte, blieb Luhukay dabei, Lustenberger als Libero versauern zu lassen. Da Ronny insgesamt schwach spielte, als personelle Alternative allerdings nur noch Wagner da war, fehlte es zentral an Gestaltung.

Hegelers Fehlpass ins Seitenaus war die symptomatische Aktion für die ganze zweiten Halbzeit. Es fehlte dann auch an Leidenschaft: 112 Kilometer Laufleistung gegen 118 bei Werder.

Ich würde sagen: ein Schulbeispiel für ein vercoachtes Spiel. Die Argumente für einen Trainerwechsel sind inzwischen Legion, konkret ca. 25 bis 30 Spiele seit Anfang 2014. Jos Luhukay ist ein sympathischer Mann, aber als Trainer von Hertha BSC überzeugt er eindeutig nicht mehr.


Geschrieben von marxelinho am 01. Februar 2015.

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31. Januar 2015

Vertrauensbildende Maßnahmen

Vor drei Jahren bin ich um diese Jahreszeit nach Nürnberg gefahren, um mit Hertha in die Rückrunde einer Erstliga-Saison gehen, die nur ein Ziel hatte: nicht wieder absteigen. Zur Winterpause standen 20 Punkte auf dem Konto, die Mannschaft hatte unter Markus Babbel solide gearbeitet, allerdings wurden in Richtung Weihnachten die Leistungen immer durchschaubarer. Aber das war nicht der Grund, aus dem der Trainer gehen musste, sein Abgang zählt sicher zu den peinlichsten Kabalen in der Hertha-Geschichte.

Ich erinnere mich an die 0:2-Niederlage in Nürnberg vor allem aus einem Grund: der neue Betreuer Michael Skibbe versuchte es damals mit einem neuen Regisseur. Ronny sollte es richten. Das Ergebnis war eine sang- und klanglose Auswechslung nach 45 Minuten. Änis Ben-Hatira war danach nicht sehr viel wirkungsvoller, der Auftritt von Ronny allerdings war wirklich trostlos gewesen.

Die Situation lässt sich nur bedingt mit der von heute vergleichen, nicht zuletzt deswegen, weil Ramos und Lasogga damals eine Doppelspitze bildeten, die sich nach weiter hinten als Positionsproblem übersetzte. Ronny wusste damals gar nicht so richtig, wo er auf der 10 spielten konnte.

Gegen Werder Bremen wird Hertha morgen mit einer ähnlichen Ausgangsposition wie vor drei Jahren in die Rückrunde gehen, und wir lesen wohl nicht allzu viel aus dem Kaffeesud der diversen Vorberichte, wenn wir davon ausgehen, dass Ronny wieder auf der 10 zum Zug kommen wird. Die Position ist vakant, an anderen Stellschrauben des Mannschaftsgefüges gibt es ein Überangebot an Personal.

Der Bericht im DoKi (Donnerstags-Kicker) über Ronny war wohl auch im Sinne der Berliner Presseabteilung. Jos Luhukay hat etwas über für den Brasilianer, stand da, seine taktischen Defizite stehen daneben nicht so stark zu Buche. Ist ja auch egal, es ist ja niemand da, der das sonst sinnvoll spielen kann, allenfalls Per Skjelbred, aber der passt besser neben die 6, also auf die 8. Wenn er denn bei Kräften ist.

Die weiteren spannenden Personalfragen: Wo spielt Nico Schulz? Ich wäre für links hinten, aber ich kann das nur mit Eindrücken der Hinrunde begründen, nicht mit Beobachtungen aus der Vorbereitung. Wo spielt John Anthony Brooks? Ich wäre für links neben Langkamp, vermute aber, dass er auf die Bank muss. Wo spielt Fabian Lustenberger? Ich wäre für die Position 6, vermute aber im Einklang mit vielen Medien, dass er in der Innenverteidigung antreten wird.

Eines der wichtigsten Probleme der Hinrunde war, dass der Coach mit dem Kader nicht zurechtkam. Er probierte viel aus, vermittelte aber nie den Eindruck einer Pädagogik aus einem Guss. Mit manchen Spielern war er kürzer angebunden als mit anderen, so richtig ausprobieren konnte sich niemand. Kontinuität war insgesamt das große Manko. Es wird nun sehr viel davon abhängen, dass er das Potential des Kaders besser nützt. Hertha hat definitiv die Leute, um die Klasse zu halten. Aber für Experimente mit Polyvalenz (Schulz auf die 8?) ist vielleicht jetzt nicht der Moment.

Schulz war einer der wenigen Gründe im Herbst, sich über Hertha zu freuen. Defensiv nicht über jeden Zweifel erhaben, offensiv aber fast immer interessant. Seine Qualitäten: Antritt, Flanken, offensive Kombinationen. Ob er die Ruhe am Ball und die Übersicht für das strategische Passspiel hat, die es auf der 8 braucht, ist schwer zu sagen. Am besten, man zeigt ihm ein, zwei Spiele mit Tolga Cigerci.

Vor drei Jahren stand Hertha nach 22 Spielen immer noch vor Kaiserlautern, Augsburg und Freiburg, ohne in der Rückrunde bis zu diesem Zeitpunkt einen einzigen Punkt geholt zu haben. Das wird in diesem Jahr so nicht möglich sein, zu dicht ist der Pulk. Im Freundeskreis verspüre ich Nervosität gemischt mit Unwillen. Der Coach hat das Vertrauen aufgebraucht, er muss jetzt neues schaffen. Hertha wird auch in der Rückrunde immer wieder Spiele verlieren, aber es müssen Niederlagen mit Perspektive sein, solche, in denen auch die Möglichkeit eines anderen Resultats aufscheint. Hertha hat 2014 häufig auf eine Weise verloren, die einfach absolut folgerichtig war: dürftiges Spiel, null Ausbeute.

Daran ist Jos Luhukay ab sofort zu messen: ob die Mannschaft eine Perspektive erkennen lässt. Das gilt übrigens auch für Siege. Die müssen genauso auf den Prüfstand. Hertha hat 19 Punkte, von denen zumindest drei vom Himmel fielen, der Ausgleich in Freiburg und der Sieg in Köln waren nicht erarbeitet. Ohne diese Punkte wäre Hertha ganz unten. Es wird Zeit, sich den Herausforderungen der ersten Liga zu stellen. 

Geschrieben von marxelinho am 31. Januar 2015.

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23. Januar 2015

Innovationsclub

Neulich ergab es sich, dass ich einem Abend lang an einem Tisch saß, an dem ein Schriftsteller aus dem süddeutschen Raum das Wort führte. Er ist nebenbei auch in der Kommunalpolitik engagiert, in einer Ortschaft in der Umgebung von Ingolstadt. Er hatte darüber sehr spannende Dinge zu erzählen, denn der wirtschaftliche Erfolg der deutschen Autoindustrie, die keineswegs die ganze Arbeit ins Ausland gebracht hat und in Bayern sehr ordentliche Gehälter zahlt, setzt mehr oder weniger eine ganze Region unter Wohlstandsdruck.

Ich erzähle das deswegen, weil absehbarer Weise der FC Ingolstadt (wo der Ex-Herthaner Alfredo Morales übrigens derzeit Stammspieler ist) nächstes Jahr in der ersten Liga spielen wird. Das behagt vielen Freunden und Bekannten gar nicht, ich lese abschätzige Bemerkungen über einen weiteren Werksclub in deutschen Spitzenfußball, auch wenn natürlich Audi nicht ganz so schlecht angesehen ist wie das Getränk, auf dem der Reichtum des Österreichers Dieter Mateschitz beruht. Es wurde von einem literarischen Feingeist einmal als "Rülpsbrause" bezeichnet. Rülpsbrause Leipzig.

Es gibt Werksclubs, und es gibt Traditionsclubs - so wird das unter vielen Fans tradiert. Tatsächlich ist die Vorstellung, dass der VfL Wolfsburg nächstes Jahr in der Champion's League spielen könnte, auf den ersten Blick wenig attraktiv, emotional ist da nun einmal eine absolute Leerstelle.

Das war 2002 anders, als ich den Weg von Bayer Leverkusen ins Finale der Champion's League gespannt mitverfolgte, beeindruckt von Yildiray Bastürk, irgendwie auch von Klaus Toppmöller, damals noch völlig naiv in Hinsicht auf die feinen Unterschiede in der deutschen Fußballlandschaft. Aber ohne diese Naivität wäre ich wohl niemals Hertha-Fan geworden. Sie erlaubte mir den Kurzschluss, dass der größte Club einer so spannenden Stadt wie Berlin unbedingt auch toll sein müsste. Ich begriff erst später, dass Hertha ein Westberliner Provinzclub ist, der weder Traditions- noch Werksverein ist, oder sagen wir es anders: der mit seinen Traditionen nicht viel hermacht.

Das ist auch ein Grund, warum sich mir der Unterschied zwischen Traditionsclubs und Clubs, deren Existenzberechtigung in erster Linie in der Markenkommunikationl liegt, nur sehr bedingt erschließt. Der FC Bayern zeigt den Weg: im Grunde auch ein Werksclub, zugleich aber selber ein Werk. Und als Marke groß genug, um mehrere starke Marken mit sich verbinden zu können. Und im Zentrum eines Einzugsgebiets, das man mit Geld pflastern könnte, dessen Symptom der FCB damit aber auch ist.

Hertha hatte zuletzt für ein paar Jahre eine interessante Komplementärposition inne, weil die Deutsche Bahn als Sponsor fungierte. Die Deutsche Telekom und die Deutsche Telekom, das sind zwei Geschichten der Privatisierung in Deutschland, auch da ist es wieder charakteristisch, dass Hertha den Konzern abbekam, der als schlechtes Beispiel für die Liberalisierung gelten musste, bis man sich wieder ein bisschen besann. Heute ist die DB wieder halbwegs seriös, so seriös, dass sie die vier Millionen für Hertha nicht mehr aufbringen will.

Das macht auch Sinn, denn weder will die DB noch in so großem Stil als Weltunternehmen auftreten, wie das unter Mehdorn und seinen politischen Hinterleuten der Fall war, noch kann Hertha auch nur annähernd internationale Strahlkraft bieten. Das Image der Hauptstadt und das Image des Clubs sind weitgehend entkoppelt. Der Coup mit KKR hat Hertha in der Gefühlslandschaft des deutschen Fußballs eher isoliert, es wird jedenfalls beträchtlicher Aufbauarbeit bedürfen, irgendwann zu einem Traditionsclub zu werden.

Da hilft es natürlich, sich klarzumachen, dass vielleicht, wenn man sich die heutige wirtschaftliche und allgemeine Landschaft in Deutschland ansieht, der VfL Wolfsburg der viel zeitgemäßere Club ist als die schwankenden Institutionen in Süddeutschland und im Hanseatischen. Autos sind nach wie vor Exportgut par excellence, ein guter Teil des deutschen Reichtums ist immer noch Karossenkohle. Was hat Berlin mit seinen Touristenströmen, seinen Startups und seinem intellektuellen Potential da vergleichsweise zu bieten?

Vier Millionen sind eigentlich gar nicht so viel Geld, zu viel zwar, als dass man sich Suhrkamp als Hertha-Sponsor denken könnte (was wäre das für ein Coup: Hertha als Teil der Suhrkamp-Kultur!), aber eigentlich für viele Firmen in Reichweite. Die Wahl des nächsten Trikotsponsors, wenn es denn überhaupt eine Auswahl gibt, wird auch ein wenig dazu beitragen, in welche Richtung Hertha gehen wird, und ob es irgendwann einmal gelingen könnte, sich als innovativer Traditionsclub ein bisschen Geltung zu verschaffen.

Aufholen kann Hertha nichts, es geht nur, sich interessant zu positionieren. Die Ausgangslage, nämlich in der binären Logik der traditionellen Fans nicht enthalten zu sein, ist eigentlich eine sehr gute. Hertha ist der schwach definierte Verein in der Liga. Daraus müsste sich doch etwas machen lassen. Im Moment ist allerdings auch die sportliche Situation schwach definiert, und an der hängt nun einmal fast alles.

Geschrieben von marxelinho am 23. Januar 2015.

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14. Januar 2015

Das große Fragezeichen

Bei einem Testspiel gegen den Halleschen FC hat Hertha mit 1:3 verloren. In so einer Situation (Beginn der Vorbereitung, Durchwechseln nach einer Stunde) wird gern betont, dass dem Ergebnis keine allzu große Bedeutung beizumessen ist. Das hat etwas für sich, vor allem, wenn man in Rechnung stellt, dass die beiden entscheidenden Gegentore spät fielen, und dass die Innenverteidigung zu diesem Zeitpunkt von Heitinga und Janker besorgt wurde.


Interessant ist, dass Herthas eigene Webseite stark auf eine Konstellation abhebt, die uns natürlich besonders interessiert: Wie wird die zentrale Defensive in der Rückrunde tatsächlich aussehen? Ich bin auch der Meinung, dass Brooks in der ersten Elf bleiben sollte, neben Langkamp. Insofern ist der Versuch begrüßenswert, Lustenberger wieder ins Mittelfeld zu versetzen, wo Hosogai auf jeden Fall Möglichkeiten für einen guten Vertreter ließ.

Es wird aber letztendlich fast alles von der Lösung der zweiten zentralen Frage im aktuellen Teampuzzle abhängen: Wer spielt auf der Position 10? Weil diese Frage als wohl einzige auch transferrelevant ist, will ich hier einmal die Möglichkeiten durchgehen, und sie auf ihre Auswirkungen auf das restliche Gefüge befragen.

Baumjohann: Wäre für diese Rolle, die auch ein wenig missverständlich als Spielmacherrolle bezeichnet wird, designiert, wird aber wegen seiner Verletzung nicht spielen können.

Mukhtar: War Herthas langfristige Option für diese Rolle, wurde auch im Vorjahr gelegentlich dafür lanciert, fand in der Hinrunde aus nicht nachvollziehbaren Gründen nicht einmal im Ansatz Berücksichtigung, und ist inzwischen nicht mehr bei Hertha.

Ronny: Wäre nach seiner guten Zweitligasaison und aufgrund seines Talents eine plausible Besetzung, hat aber in der ersten Liga nie auch nur ein ganzes Spiel lang gezeigt, dass er der komplexen Aufgabenstellung gewachsen ist. In der Hinrunde waren auch seine Standards schwach, ist insgesamt zu eigensinnig.

Hegeler: Wird von den verantwortlichen Kräften für die Rolle starkgeredet, hat aber das ganze erste Halbjahr bei Hertha hindurch enttäuscht (er war auch als Innenverteidiger nicht so stark, wie alle, besonders der Trainer, taten), seine Auftritte im zentralen Mittelfeld waren besonders dürftig.

Cigerci: Steht zu Rückrundenbeginn noch nicht zur Verfügung, wird aber ebenfalls von den Verantwortlichen genannt. Hat seinerzeit auf der 10 bei Hertha (schwach) begonnen, wurde dann viel stärker, als er ein wenig zurückrückte. Cigerci ist, sollte er optimal zurückkommen, Herthas bester Spieler für die Position 8.

Skjelbred: Spielt einen passablen 10er, weil er einen großen Aktionsradius hat, erfüllt deswegen die defensiven Aufgaben der Position am besten, bei den offensiven Impulsen gibt es noch Möglichkeiten, sich zu steigern.

Stocker: Hat die Position 10 in der Hinrunde in einer insgesamt rochierenden Offensivformation ein paar Mal gespielt, trug zu ein paar markanten Umschaltbewegungen bei Hertha bei, konnte seine Ansätze aber nie verstetigen und sollte vor allem einmal Gelegenheit bekommen, sich auf dem Flügel zu beweisen.

Ben-Hatira: Hat für meine Begriffe das aktuell meiste Potential auf dieser Position, wenn er fit ist, sollte er gegen Bremen neben und hinter Schieber antreten. Er ist lernwillig, hat sich in der Defensivarbeit gesteigert, und ist einer der wenigen aktuellen Herthaner, der über Temperament verfügt, über das gewisse Extra, ein Überraschungsmoment.

Kalou: Das große Fragezeichen, gegen Bremen kommt er wegen des Afrika-Cups nicht in Frage. Insgesamt aber wäre das natürlich der Clou, wenn es gelänge, diesen Topspieler neben und hinter Schieber in eine Mannschaft zu integrieren, die gute Kompaktheit mit größerer Klarheit und Präzision im Umschaltspiel verbindet. Kalou hat exzellente Ansätze gezeigt, deutete aber auch an, dass er sich in einer (tendenziell lauffaulen) Sonderrolle sieht. Man müsste ihm schmackhaft machen, sich noch einmal ein wenig neu zu erfinden: als mannschaftsprägender Star, als Spielmacher. Dass er das kann, ist unzweifelhaft, er könnte seine Karriere hier mit einem echten Höhepunkt versehen, denn bei Chelsea war er letztendlich immer nur Ergänzungsspieler.

Man sieht also, Hertha hat für die 10 geradezu grotesk viele Optionen (die kühnste habe ich sogar noch ausgelassen: warum nicht Lustenberger das einmal probieren lassen?), allerdings nur wenige überzeugende. Dass Hertha mit dem vorhandenen Kader den Klassenerhalt schaffen kann, steht trotzdem außer Frage. Es muss nur die richtige Kombination aus Vertrauensvorschuss und Herausforderung gefunden werden, damit es nach dem vergeudeten Jahr 2014 (hier eine sehr überzeugende Bilanzierung) vielleicht sogar doch mit Luhukay noch vorwärtsgeht.

Geschrieben von marxelinho am 14. Januar 2015.

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10. Januar 2015

Lisboa, oh Lisboa

Hertha BSC ist im Begriff, wieder einmal ein Talent zu verlieren, bevor es sich so richtig erproben konnte. Hany Mukhtar ist in Portugal schon im Fernsehen zu sehen, es ist ein offenes Geheimnis, dass sich Benfica Lissabon intensiv mit ihm beschäftigt, und es scheint recht eindeutig so zu sein, dass es mit ihm in Berlin nichts mehr wird.


Bevor wir uns die Sache ein wenig genauer anschauen, ist es vielleicht interessant, einen Blick auf die aktuelle Kicker-Rangliste des deutschen Fußballs zu werfen: Sie enthält in den ersten drei Kategorien keinen aktuellen Herthaner, dafür aber zwei ehemalige: Jerome Boateng und Ibrahima Traoré. Der Fall Boateng ist spezifisch und lässt sich nicht vergleichen, bei Traoré hingegen ist die Sache relativ klar, er wurde hier als zu schmächtig befinden (im konkreten wie im übertragenen Sinn).

Das führt uns zu Mukhtar zurück, von dem Hertha zumindest offiziell bekundet, dass man ihn gern gehalten hätte. Ihn zur Unterzeichnung eines Vertrags zu bewegen, der Ausleihe oder späteren ergiebigeren Verkauf ermöglicht hätte, ist aber nicht gelungen. Auch nicht, nachdem er im Sommer mit viel Lob von der U-19-EM zurückkam, wo er Stammspieler war und das entscheidende Tor im Finale erzielte.

Was hinter den Kulissen vor sich ging, müssen die zuständigen Kollegen recherchieren, die Morgenpost macht auf das Hin und Her mit Mukhtars Beratern aufmerksam. Allerdings ist das von relativer Bedeutung angesichts des evidenten Faktums, dass Mukhtar den ganzen Herbst hindurch in der ersten Mannschaft von Hertha keine Rolle gespielt hat. Und zwar in einer Weise, dass er nicht einmal das Gefühl gehabt haben kann, er nähere sich dieser Mannschaft an.

Es gab einige Gelegenheiten, ihn zu bringen (auswärts in Augsburg, wo Hertha dann ein unfassbar ödes Match spielte), aber der Coach macht ein Argument geltend, das uns an den Fall Traoré erinnern könnte: Stabilität. Wir haben öfter über Mukhtar nachgedacht, wird Luhukay verschiedentlich zitiert, aber das Risiko schien zu groß, ihn in eine Mannschaft zu bringen, der es an Stabilität mangelt.

Das kann man so und so sehen. Hertha war tatsächlich die ganze Hinrunde hindurch bedenklich labil, es gab brenzlige Situationen sonder Zahl, nach Kontern, nach Flanken, nach Standards. Und es gab in allen diesen Spielen keinen einzigen wirklich überzeugenden Auftritt auf der Position, auf der Mukhtar zum Einsatz kommen könnte: im zentralen offensiven Mittelfeld. Stocker hatte eine Weile das Vertrauen des Trainers, weil er gut nach hinten arbeitet, Skjelbred machte sich dann ganz ordentlich, weil er zugleich als 8er arbeitet und sich als 10er versucht. Ronny bemühte sich um Spielteilnahme, kam aber über Ansätze nie hinaus.

Luhukay unterschlägt, dass der Faktor Stabilität auch einen offensiven Aspekt hat. Eine Mannschaft wird stabiler, wenn sie mit dem Ball etwas anfangen kann. Und dafür braucht es Spieler, die sich anspielbar machen, die intelligent in die Räume gehen, die einen Ball halten können. Mukhtar ist vermutlich kein Pressingspieler par excellence, er ist durchaus in der Lage, Bälle zu erobern, allerdings wird das nie seine Hauptaufgabe sein. Er wäre vielleicht, wenn man ihm denn einmal eine Chance gegeben hätte, der Entlastungsfaktor gewesen, der die Mannschaft stabiler gemacht hätte, weil er Optionen aus der eigenen Hälfte heraus ermöglicht hätte.

Luhukay macht es sich mit den jüngeren Spielern ein wenig zu leicht, vor allem, wenn man seine Großzügigkeit bei Routiniers wie Ndjeng in Rechnung stellt. Es gibt kaum einen Herthaner, der in diesem Herbst ausreichend zur Stabilität beigetragen hätte. Dass Mukhtar nie eine Chance bekam, ist schlicht nicht nachvollziehbar angesichts der teilweise unfassbar unproduktiven Spielweise von Hertha.

Nun wird sich wohl bald Benfica Lissabon mit ihm "beschäftigen", und die Fans in Berlin können wieder einmal aus der Ferne zuschauen, wie ein Talent aus der Hauptstadt irgendwo einen (seinen) Weg macht. Es kann sein, dass bei Hany Mukhtar nicht viel herauskommt, aber dass er in diesem Herbst nicht einmal ein, zwei Chancen bekam, sich zu zeigen, das kann der Coach nicht ausreichend begründen.

Nun müssen wir sehen, wie er im neuen Jahr mit Nico Schulz und John-Anthony Brooks umgeht. Derzeit trainieren wieder ein paar Teenager mit der ersten Mannschaft, aber insgesamt sieht es mit dem Nachrücken aus den Ausbildungsteams bei Hertha nicht gut aus.

Geschrieben von marxelinho am 10. Januar 2015.

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07. Januar 2015

Immer an die Schublade denken

Eine beiläufige Bemerkung in einem Artikel in der Süddeutschen Zeitung ließ mich heute morgen stutzig werden. Es ging um die Karriere von Andreas Rettig, der seine Funktion bei der DFL aufgibt und wieder im Clubfußball arbeiten möchte. Dabei fällt zuerst der Name Eintracht Frankfurt, dort wurde auch schon dementiert. Philipp Selldorf schließt seinen Text dann mit den mehr als kryptischen Worten: "Über seinen (Rettigs) nächsten Arbeitgeber darf jetzt spekuliert werden, etwa in Berlin oder Hannover - und natürlich in Frankfurt."

In Berlin? Da ist doch Michael Preetz unumstritten. Oder nicht? Es lohnt sich durchaus, darüber kurz nachzudenken. Stand Winterpause 2015 gibt es bei Hertha sicher keine oder jedenfalls keine auch nur in Andeutungen öffentlich wahrnehmbare Diskussion über den Manager. Allerdings gibt es Gründe, sich auf eine entsprechende Diskussion vorzubereiten.

Michael Preetz hat sein Schicksal bisher sehr stark mit Jos Luhukay verbunden, dem er im Herbst auch schon eine Vertragsverlängerung angetragen hat, was vermutlich (hoffentlich) nur Rhetorik war, um allen Ansätzen zu einer Trainerdiskussion zu wehren. Die Entscheidung für Luhukay war nach seinen Fehlentscheidungen davor (Funkel und vor allem Rehhagel) und der damals plausiblen für den Mann mit den opportunistischen Tätowierungen die wichtigste und beste in seiner bisherigen Tätigkeit für Hertha.

Nun steht er mit Jos Luhukay allerdings in einer kritischen Situation. Einen dritten Abstieg würde Preetz nicht überstehen, das würde ihn sicher das Amt kosten. Allerdings müssen seine Szenarien auch noch kurzfristiger sein: er muss einen Plan für den keineswegs auszuschließenden Fall haben, dass Hertha Mitte Februar nach direkten Duellen gegen Bremen und Freiburg und schwierigen Spielen gegen Leverkusen und Mainz so in die Bredouille gerät, dass ein Trainerwechsel erfolgen muss.

Aber auch wenn die Saison mit Luhukay zu Ende gespielt wird, wenn der Klassenerhalt gelingt, so sind das doch keineswegs die einzigen Kriterien. Hertha kann sich ein vergeudetes Jahr wie 2014 nicht noch einmal leisten. Und zwar auch deswegen, weil durch das KKR-Engagement ein Zeithorizont etabliert wurde, der immer mit berücksichtigt werden muss. Preetz muss also auch für den Sommer 2015 etwas in der Schublade haben, ein knappes Davonkommen wie 2014 kann dieses Mal nicht mehr genügen.

Bisher haben sowohl der Trainer wie auch der Manager vorbildlich die Contenance gewahrt, und keinerlei Differenzen erkennen lassen. Allerdings ist unübersehbar, dass Luhukay mit dem sehr großen Kader nicht gut zurechtkommt. Insgesamt hinterlässt er schon eine Weile den Eindruck, dass er eher herumprobiert, als dass er eine Strategie hat. Preetz kann das nicht entgangen sein. Er muss also auf jeden Fall etwas in der Schublade haben.

Bleibt die Frage, von dem in Berlin Überlegungen ausgehen könnten, auf die Selldorf in der SZ anspielen könnte. Das müsste ja jemand aus dem Aufsichtsrat sein, denn zwischen Präsident Gegenbauer und Manager Preetz passt ja nach landläufiger Meinung kein Reinigungstuch. Ich würde einmal vermuten, dass niemand im Aufsichtsrat sitzt, der zum jetzigen Zeitpunkt irgendetwas auch nur in Andeutungen lancieren würde, das Michael Preetz hinterfragt. Dann bleibt als Möglichkeit also nur, dass Selldorf das einfach so hingeschrieben hat.

Geschrieben von marxelinho am 07. Januar 2015.

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05. Januar 2015

Gegen den Trend

Von Hertha BSC habe ich zwischen den Jahren vor allem mitbekommen, dass Änis Ben-Hatira in Marrakesch war. Er hat eine kleine Morgenlandfahrt unternommen, und weil ich ihm auf Facebook folge, bin ich darüber ein bisschen unterrichtet. Änis mit Äffchen, Änis mit lokaler Kopfbedeckung. Gute Laune, dazwischen ein auf Französisch abgefasstes Statement über seine Rolle im tunesischen Nationalteam: Er erklärt, warum er nicht an den Vorbereitungen für den Afrika-Cup teilnimmt, sondern Urlaub macht. Er möchte aber, "inshahALLAH", immer noch mit dabei sein, wenn es losgeht.

Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich vor eineinhalb Jahren mit einem Freund in Strausberg auf der Wiese saß, und er mir während eines Testspiels darlegte, warum er auf Änis Ben-Hatira keine großen Dinge hielt. Zu sehr mit sich selbst beschäftigt, so ließe sich der Vorbehalt in etwa zusammenfassen. Ich denke, man kann auch seinem Auftritt im digitalen Netzwerk entnehmen, dass er eine Menge dazugelernt hat. Er ist vielleicht kein herausragender Fußballer, aber er ist für meine Begriffe eine der wenigen echten Identifikationsfiguren im Team.

Sein geplagter Körper hat ihn, nach dem "Durchbruch" beim 3:1 gegen Mainz im Herbst 2013, allerdings immer wieder daran gehindert, zu einer echten Größe zu werden. Umso mehr ist es zu respektieren, wie er in der vergangenen Hinrunde damit umgegangen ist, dass er eigentlich nicht mehr erste Wahl war. Jetzt ist er es wieder, und zwar so, dass er nun mit dem Dilemma konfrontiert ist, entweder der geliebten Nationalmannschaft abzusagen oder seine gute Konjunktur im Verein aufs Spiel zu setzen.

Es ist ein relativer Erfolg, denn für Hertha insgesamt sieht die Bilanz für 2014 trübe aus, wie der Kicker noch einmal zusammengefasst hat: Ein Fußballjahr zum Vergessen. Zu Beginn der Vorbereitung ergibt sich daraus die logische Frage: Ist das Personal nicht gut genug, oder liegt es am Trainer?

Es war relativ deutlich zu sehen, dass Jos Luhukay mit dem Kader, der im Sommer 2014 mit dem KKR-Geld und den Ramos-Lasogga-Millionen zusammengestellt wurde, nicht so richtig umzugehen weiß. Seine Pädagogik hat inzwischen dazu geführt, dass sich niemand mehr auskennt. Ein Trainer ist dann gut, wenn er von einem Spieler auch über Formkrisen und Verletzungspech hinweg weiß, was er von ihm erwarten kann. Er muss also das Potential sehen, wobei dabei auch gemeint ist: er muss begreifen, wie er das Beste aus ihm herausholen kann.

In mancherlei Hinsicht musste man 2014, vor allem im zweiten Halbjahr, den Eindruck bekommen, dass Luhukay deutlich zu situativ entscheidet (das ist übrigens eines seiner Lieblingswörter). Er vermittelt keine übergreifende Idee, denn die beiden einzigen gelungenen Umschaltspiele gegen Wolfsburg und Dortmund haben der Mannschaft keine Sicherheit gegeben. Das Problem, ein Spiel zu gestalten, ohne sich dabei Blößen zu geben, ist riesig geworden.

Das hat viel mit der Position 10 zu tun, für die Luhukay mit Stocker eine Teillösung gefunden zu haben meinte, der er aber aus guten Gründen dann doch wieder nicht traute. Skjelbred ist auf der 8 besser, Ronny schoss zuletzt nicht einmal mehr verlässlich gute Standards. Mukhtar bekam keine Chance. Stückwerk überall.

Ein Trainer ist auch dafür zuständig, der Mannschaft ein Gefühl von Kontinuität zu geben. Fußball ist ein Sport, der radikal von Unterbrechungen geprägt ist, ständig ist jemand verletzt, kann aus anderen Gründen nicht spielen, der Gegner ist jedesmal wieder ein anderer, irgendetwas passt immer nicht. Diese Kontinuität, eine Art Grundgefühl, das auch dann nicht wegfällt, wenn der Trend einmal in eine andere Richtung geht, hat Luhukay seit einem Jahr nicht mehr erzeugen können.

Das hat sicher auch damit zu tun, dass die gute Hinrunde im Herbst 2013 so manche Unregelmäßigkeit im positiven Sinn enthielt. Hertha hatte viel Glück, es lief manchmal einfach. So stand man plötzlich in der Nähe der internationalen Plätze. Ein Jahr später, also jetzt, muss das Projekt Erste Liga im Grunde noch einmal von vorn beginnen. Hertha muss sich gegen den seit einem Jahr immer deutlicher werdenden Trend als stabile Mannschaft etablieren.

Jos Luhukay muss klarmachen, dass er nicht nur situativ denkt, sondern auch generativ: Ein Konzept entwickeln, es mit Spielern umsetzen, den Spielern ihre Rolle verdeutlichen, der Öffentlichkeit eine Linie kenntlich machen. Da hat vieles gefehlt, wurde vieles schlecht kommuniziert. Nun ist schon eine Menge Unwucht im Kader, die wieder ausgeglichen werden muss. Immerhin ist Kalou für eine Weile weg, damit fällt ein Streitpunkt weg. Aber auch so bleibt noch eine Menge Grundlagenarbeit. Und für den Coach beginnt nun der Test, ob er wirklich befähigt ist, in Berlin eine auch nur kleine Ära zu prägen.

Geschrieben von marxelinho am 05. Januar 2015.

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Valdano (am 06. Januar 2015)

Die Einwände gegen Ben-Hatira, das muss ich hinzufügen, weil ich ihn einfach nicht oft genug habe spielen sehen, diese Einwände stammen vor allem von einem erfahrenen Scout und Ex-Trainer, der ihn seit der B- oder sogar C-Jugend kennt, als er bei den Reinickendorfer Füchsen bzw. bei TB spielte. Seine These war, es fehle Ben-Hatira an Konstanz und Stabilität, an der mentalen (das Wort "charakterlich", das in dem Zusammenhang fiel, schätze ich nicht so sehr) Stärke, um zumindest mal eine gute Halbserie zu absolvieren. Man kann Hertha nur wünschen, dass diese These nicht in Stein gemeißelt ist und sich jemand mit 26 Jahren so entwickeln kann & entwickelt hat, dass er die alten Eindrücke wegwischt. Wir werden sehen, und mein Gewährsmann wird Rede und Antwort stehen müssen, wenn seine These widerlegt wird. Gruß von Valdano
22. Dezember 2014

Drittelparität

Gestern war ich zum ersten Mal wütend auf Jos Luhukay. Der Grund ist ein Interview, das er nach dem Debakel gegen Hoffenheim gegeben hat: Er hat darin John Anthony Brooks mehr oder weniger in die Auslage gestellt. Dort stand er aber sowieso schon nach dem Eigentor und dem Elfmeter, den er verursacht hat. Ein Coach, der nicht schon unverhohlen dazu übergeht, Sündenböcke zu suchen, hätte auf jeden Fall das erste Tor anders erklären müssen.

Er hätte sagen müssen, dass er ohne Not schon wieder eine neue Viererkette aufgestellt hatte. Marcel Ndjeng, der rechts den nach links rochierten Pekarik ersetzte, ließ sich von Kevin Volland auf peinliche Weise versetzen. Die Hereingabe ließ Hegeler, der wissen musste, dass es hinter ihm höchst gefährlich werden würde, passieren - er hätte sie attackieren müssen, hätte hier ein Stück Leidenschaft zeigen können, aber das hat er offensichtlich nicht drauf. Am Ende dieser Hereingabe stand Brooks, aber von diesem Eigentor gehört ihm maximal ein Drittel.

Das zweite muss er sich zuschreiben lassen, keine Frage. Technischer Fehler, unbedachter Klärungsversuch, insgesamt naives Verhalten im Strafraum. Hertha bekam den Elfmeter zurück, den Stocker gegen Stuttgart herausgeholt hatte - so könnte man es sehen, wenn man nach Gerechtigkeit im Fußball sucht, was ich nicht tue, weil es sinnlos ist. Ich sehe nur manchmal Analogien.

Das dritte Gegentor trug Schiedsrichter Sippel viel billigen Spott von Andreas Neuendorf ein, der ihn in der Pause (ich konnte das Spiel nicht live sehen) als "Seppel" verhöhnte. Tatsächlich sieht es so aus, als wäre Beck einfach weggerutscht, als Schulz ihn von hinten umlief, um in eine Position zum Eingreifen zu kommen. Da war jedenfalls insgesamt die Situation schon chaotisch.

In der zweiten Halbzeit folgten eine vergebene Chance von Änis Ben-Hatira und zwei Kontertore für Hoffenheim. Dies alles hat zur Folge: Hertha überwintert mit einem Punkt Vorsprung auf Platz 16, steckt mitten in einem neun Mannschaften umfassenden, äußerst dichten Pulk und ragt aus diesem vor allem durch die hohe Anzahl der Gegentore heraus. Die Rückrunde wird mit einem richtungsweisenden Spiel gegen Bremen beginnen, die eine Mannschaft, die noch vier Tore mehr kas