28. Oktober 2018

Außer Rand und Band

Hertha hat gestern ein 2:2 gegen den BVB erkämpft, auswärts und gegen eine Mannschaft, die wenige Tage davor Atletico Madrid mit 4:0 deklassiert hatte. Das Ergebnis ist aller Ehren wert, aber an diesem Morgen stellt sich auch für mich die Frage: überlege ich mir was zum Spiel, oder zu den Ereignissen im Im Hertha-Fanblock, zu den Auseinandersetzungen der Hauptstadtmafia mit der Polizei?

Michael Preetz sprach anschließend von einer bitteren Notiz, und er korrigierte sich gleich selbst, denn es war ja eben "mehr als eine Randnotiz". Die Gewalt der Fans (die mit der Verteidigung eines Transparents gerechtfertigt wurde) stellt Herthas Leistung in einen Schatten.

Ich will mich trotzdem zuerst einmal mit dem Spiel beschäftigen, denn das Thema, das in Dortmund gestern wieder einmal virulent wurde, wird uns ohnehin durch eine ganze Woche hindurch beschäftigen, an deren Ende dann RB Leipzig nach Berlin kommen wird. Man kann sich ungefähr vorstellen, wie sehr diese Begegnung nun durch Ultras überhöht werden wird. Und zwar auf allen anderen als der sportlichen Ebene.

Zum Spiel. Der BVB hat diese Saison keineswegs souverän begonnen, dabei aber fast immer gepunktet, und allmählich wirklich Tempo aufgenommen. Anfangs schien Lucien Favre die Mannschaft förmlich zu hemmen mit seiner Vorsicht: da brachte er dann Dahoud als offensivsten Mann vor Witsel und Delaney. Die Mannschaft hat sich, wenn ich das richtig sehe, für ihren Trainer gerade rechtzeitig entfesselt, sodass Favre nun selbst dem virtuosen Offensivspiel nicht mehr entgegenstehen mag.

Gegen Hertha brachte er mit Sancho, Götze, Reus und Guerreiro immerhin eine subtil besser abgesicherte Formation. Pal Dardai setzte auf eine Fünferkette mit Lustenberger zwischen Stark und Rekik, und er brachte einmal mehr Mittelstädt statt Plattenhardt in einem wichtigen Spiel.

Ich war als Fernsehzuschauer dabei, und dachte mir schon nach fünf Minuten, dass ich lieber live zusehen würde. Denn wenn ein Spiel so aus den Fugen gerät, wie das gestern der Fall war, dann hätte ich lieber eine Totale, als dass ich das auch noch in der Zerschneidung einer Übertragung aushalten muss. Selten habe ich mir bei einem Fußballspiel so sehr gewünscht, ich könnte es mit einem Ordnungsruf auf Null setzen, damit es dann mit ein bisschen mehr Vernunft weitergehn könnte.

Zu dem wilden Hin und Her trug Hertha durch eine überraschende Spielkonzeption bei: Pal Dardai ließ sehr riskant verteidigen. Stark und Rekik rückten teilweise weit in die gegnerische Formation vor, normalerweise würde man sagen, sie ließen sich herausziehen, aber das schien alles ganz beabsichtigt zu sein. Im Grunde hätte Dortmund das gestern auch mit 4:1 oder 5:2 gewinnen müssen. Aber sie brachten eben nur zwei Angriffe zu Ende.

Wobei man sagen muss, dass das erste BVB-Tor, das mit Hilfe des VAR als irregulär gewertet wurde, bereits extrem auf der Kante (auf der kalibrierten Linie) war. Bald darauf ging der BVB dann trotzdem in Führung, nun war es ein lupenreiner Konter, ein Tor, das keine zurechungsfähige Mannschaft in der Liga so bekommen darf. Es passte auch gar nicht zu Pal Dardais Statements, der ja darauf hoffte, eine Stunde lang den Kasten sauber zu halten, danach konnte man weitersehen.

Die ganze Zeit hindurch war auch deutlich, dass Hertha über die spielerischen Mittel verfügt (hätte), den BVB ein wenig konservativer zu bearbeiten, ihn also tiefer in Empfang zu nehmen. Das Herausspielen bei Ballgewinn hat ja bei Hertha offensichtlich inzwischen echte Qualität, und der Konter über Mittelstädt, der zum ersten Ausgleich führte, begann zwar nicht ganz am eigenen Sechzehner, aber tief genug.

In der zweiten Halbzeit hielt Hertha das Spiel so offen, wie es bei der Qualität der BVB-Offensive - die gestern bei Hakimi links hinten begann - eben nur sein kann. Irgendwo in den Tiefen des Chaos dieses Spiels konnte man die Matrize eines Clasicos sehen: Hertha ist in der Lage, einen begeisternden BVB spannend herauszufordern. Für meine Begriffe war diese Herausforderung gestern deutlich zu chaotisch, aber das Ergebnis lügt auf eine gewisse Weise dann doch nicht.

Mit viel Glück und viel Willen (und mit Davie Selke, dem neuen Experten für Zweikämpfe, über die man Laokoongruppentraktate schreiben könnte) holte Hertha einen Punkt. In einem Spiel, das ich eigentlich als vercoacht bezeichnen würde, das aber doch zu einem kleinen Triumph für Pal Dardai und sein Team wurde. Denn man sah auch gestern, dass Hertha dieses Jahr da ist, um in der Bundesliga spannenden Fußball zu spielen.

Eingestellt von marxelinho am 28. Oktober 2018.

1 Kommentare

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von Jörg (am 28. Oktober 2018)
Das Passspiel von Dortmund war wirklich sehenswert. Zwar unterlief dabei der ein oder andere Fehlpass, doch wenn die Abfolgen von langen, raumöffnenden Pässen und kleinen Ablagen für einen nahen Mitspieler kamen, dann war das großartig. Hertha wurde schwindlig gespielt. Was kann man dagegen tun? Näher am Mann stehen? Doppeln? Die Räume besser zustellen? Härter in den Zweikampf gehen? Dortmund war in dieser Phase einfach besser, als eingespielte Mannschaft und in den geschmeidigeren Einzelakteuren. Auffällig war, wie sehr Dortmund nach dem 1:0 plötzlich nachgelassen hat und Hertha im Mittelfeld wieder atmen konnte. Da zeigte sich, dass die Defensive der Dortmunder nicht so aufmerksam und nicht so erfahren ist, eigentlich merkwürdig bei einer Favre-Mannschaft. Die Einstellung von Hertha stimmte jedenfalls. Dass man aus den letzten 4 Spielen 6 Punkte mitnimmt, damit hätte man vorher vielleicht rechnen können, die Art und Weise, wie das dann jedoch passiert ist, war für mich wirklich überraschend: himmelhoch jauchzend und langweilig/betrübt.