11. Dezember 2017

Werke und Tage

Vor eineinhalb Jahren hatte ich einmal ein spezielles Saisonziel für Hertha BSC ausgegeben: im Frühjahr 2017 vor dem FC Augsburg zu stehen. Das gelang auch, mehr noch, Hertha qualifizierte sich für die Europa League. Beim gestrigen Auswärtsspiel war allerdings zu sehen, dass der Vorsprung schon wieder weg ist - tabellarisch wie qualitativ.

Der Vergleich mit dem FCA macht in vielerlei Hinsicht Sinn. Die bayerischen Schwaben spielen jetzt die siebente Erstligasaison in Folge, bei Hertha ist es die fünfte. Augsburg hat im Grunde ständig Übergangsjahre, hält sich dafür aber erstaunlich gut. Vor allem aber ist Hertha von den Standortfaktoren her eigentlich in einer ganz anderen Liga, bekommt es de facto aber trotzdem nicht hin, sich von dem Provinzclub allmählich abzusetzen. Im Gegenteil.

Mein langfristiger Direktvergleich mit dem FCA hatte auch ein kleines, ironisches Motiv: Die Spiele zwischen Hertha und Augsburg waren oft eine Qual, sie machten besonders deutlich werden, woran diese Liga, in der so wenige Clubs Verantwortung übernehmen wollen, krankt.

Gestern war das anders. Augsburg zeigte eine plausible Leistung für ein Heimspiel. Hertha präsentierte sich schwach und hätte verdient 0:1 verloren, wenn es nicht ganz spät noch eine Verkettung von Umständen gegeben hätte, die dann einige Entscheidungen der Betreuer in ein besseres Licht rückte.

Derzeit setzt Pal Dardai bevorzugt auf die Doppelspitze mit Ibisevic und Selke. Ich habe das neulich einmal als eine Hauruck-Formatione bezeichnet. Mittelstädt verdankt seinen aktuellen Stammplatz sicher auch vor allem den scharfen Hereingaben, zu denen er in der Lage ist. Das spielerische Loch in der Gesamtkonzeption kann man - nicht zuletzt angesichts derzeit holpriger Plätze - vielleicht eine Weile in Kauf nehmen.

In der WWK-Arena gab es allerdings zwei grundlegende Probleme: beide Außenduos waren schwach, vor allem Weiser (unkonzentriert) und Leckie (überhaupt nicht im Spiel) ließen aus, ein dynamisches Spiel über die Flügel gab es auch links nicht. Hertha war defensiv beschäftigt, und versuchte bei den seltenen Entlastungen dann ausgerechnet ein anspruchsvolles Kombinationsspiel (gefühlt hat allerdings kein einziger Doppelpass funktioniert).

Augsburg spielte geradliniger und klarer, bis Hertha nach einer Stunde die logische Konsequenz zog und Esswein und Lazaro für Ibisevic und Leckie brachte. Darauf folgten fünf gute Minuten, dann kehrte die Passivität zurück, und Caiuby, der davor zweimal bei einem Eckball seine Visitenkarte abgegeben hatte, wurde weiterhin nicht beachtet und traf zur Augsburger Führung. Hertha verteidigt bei Eckbällen im Raum, bei Caiuby hätte sich zu diesem Zeitpunkt längst eine Manndeckung empfohlen.

Der späte Ausgleich war eine Koproduktion von Selke, Esswein, Stark und Kalou - also im Grunde eine Skizze der nach einer Stunde überarbeiteten taktischen Konzeption: Selke nun allein vorn und dort präsenter, Esswein zuerst rechts, nach dem Eckball links wach, Stark im Strafraum per Kopf, und Kalou (spät als Joker gebracht) als Joker zur Stelle. Da ging etwas auf, gerade noch mal so eben.

Noch ein Wort zu Esswein: wenn er bei seiner großen Chance gleich nach der Einwechslung den Ball mit ein bisschen mehr Intensität annimmt, wenn er sich also nicht ein wenig nach außen abdriften lässt, dann hat er ideal die Möglichkeit, noch ein bisschen zu gehen, und besser abzuschließen. Man sieht bei den Spielern von Hertha häufig (besonders deutlich bei Langkamp), dass beim Warten auf die Ballannahme komplizierte Denkprozesse ablaufen, wodurch sie manchmal bessere Positionen vergeuden. Esswein ist eigentlich einer mit kurzen Denkwegen, aber auch er hat in dieser Situation ein bisschen (und charakteristisch) gezögert.

Das sind winzige Indizien für einen insgesamt nicht schwer zu durchschauenden Gesamtbefund: die Mannschaft und auch die Betreuer brauchen dringend Zeit, sich zu reorganisieren. Pal Dardai spricht auffällig häufig von "Tagesform", da hört man auch eine Einsicht durch, dass er nicht immer genau versteht, was vor sich geht. Gestern hat er das dann auch ganz ausdrücklich so geäußert in dem Interview gleich nach dem Spiel. Die Mannschaft ist ihm (und sich) in mancherlei Hinsicht ein Rätsel. Für die Lösung bleibt wenig Zeit, vorerst reichen aber auch schon Ansätze wie in den letzten Minuten gegen den FC Augsburg.

Geschrieben von marxelinho am 11. Dezember 2017.

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10. Dezember 2017

Lammfromm gegen die Heiligen

An einem Sonntagmittag im Dezember, wenn in England der Wind an der Cornerfahne zieht und das nasskalte Wetter an der Laune, an so einem Sonntagmittag im Dezember muss in der Premier League auch jemand Fußball spielen. Anders gibt es die Rekordeinnahmen aus den Fernsehverträgen nun einmal nicht. Heute Mittag traf es Southampton und Arsenal. (In Deutschland musste in Köln sogar Schnee geschaufelt werden.)

Arsenal hatte vergangene Woche das Spitzenspiel (bei einem doch inzwischen deutlich erweiterten Begriff von Spitze) gegen Manchester United mit 1:3 verloren. Es war ein seltsames Spiel, weil Arsenal offensiv Glanzpunkte setzte, defensiv aber mehrmals markante Aussetzer hatte. Von Mesut Özil war es eines seiner besten Spiele überhaupt. Immer mehr gewinnt man bei ihm den Eindruck, dass sein künftiger Verein seine beste Karrierephase abbekommen wird.

Arsenal wird das aller Wahrscheinlichkeit nicht sein, und zwar gerade auch deswegen, weil dann halt immer wieder Spiele wie gegen Southampton kommen, in denen die ganze Mannschaft wie gelähmt wirkt. Ein frühes Gegentor hätte heute beinahe zu einer weiteren Auswärtsniederlage gereicht (nach Stoke, Liverpool, Watford und ManCity wäre es die fünfte gewesen). Ein Lupfer von Sanchez auf den spät eingewechselten Giroud brachte immerhin noch einen Punkt.

Arsenal spielt seit einem Dreivierteljahr meistens mit einer Dreierkette. Heute war Mertesacker der zentrale letzte Mann, er lieferte keine Argumente für eine dauerhafte Rückkehr in die Stammelf - nominell vertrat er Mustafi. Den Treffer durch Charlie Austin leitete Mertesacker mit einem Fehlpass im Aufbauspiel ein. Arsenal ist eine brillante Kontermannschaft, lässt sich aber vor allem auch sehr oft auskontern. Oft reichen dafür auch dreißig, vierzig Meter im finalen Drittel und ein, zwei dafte Pässe oder auch nur Ablagen.

Özil war in den restlichen 85 Minuten nicht schlecht, fand aber in Sanchez und Lacazette (beide waren gegen ManU herausragend) keine Partner, und auch Ramsey und der seltsam neutral spielende Xhaka blieben blass. Dazu zwei zerstreute Außenspieler, Kolasinac und Bellerin, und man hat eine leblose Mannschaft.

Southampton verdient aber auch Anerkennung. Ich habe Arsenal schon oft bei den Saints gesehen, sehr oft haben sie sich sehr schwer getan. Seltener besungene Helden wie James Ward-Prowse oder Maya Yoshida (an Virgil van Dijk haben einige Topclubs Interesse) fügen sich in eine super homogene Mannschaft, von der Hertha einiges lernen könnte, vor allem, was die Ruhe beim Herausspielen anlangt. Auch einen sehr geschickten Pragmatismus im Passspiel, denn Sicherheit geht natürlich vor, und doch bricht Southampton viel seltener eine Ballbesitzbewegung nach hinten ab.

Bei Arsenal setzt sich die lange bekannte Tendenz fort, dass man auch aus Unausgeglichenheit ein "same old, same old" machen kann. Bis Anfang Jänner geht es jetzt mit einem extrem anspruchsvollen Programm weiter - so richtig tief ist der Kader dafür nicht. Im Transferfenster wird sich dann vermutlich ohnehin eine Menge tun.

Der Abstand auf Platz 4 beträgt nur drei Punkte, aber die Zeichen sind doch deutlich: Arsenal ist eine Europa League-Mannschaft geworden, die immer noch ab und zu mit einer zweiten Mannschaft 6:0 über Bate Baryssau hinwegfegen und in Bestform Manchester United immerhin ins Schwitzen bringen kann. Aber für die Ligaspitze (oder auch nur für eine unangenehmen Sonntagnachmittag an der Küste) fehlt es doch deutlich an allem: an Einstellung, an Konzentration, an einem Plan und an Lösungen.

Geschrieben von marxelinho am 10. Dezember 2017.

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08. Dezember 2017

In dubio Junior

Das war es also mit Hertha BSC und Europa, jedenfalls für die aktuelle Spielzeit, und wenn man der übergeordneten Saisontendenz glauben darf, dann auch für die eine oder andere kommende, denn schließlich wurde ja gerade das Saisonziel revidiert: alles, was nicht tiefer Abstiegskampf ist, gilt als ausreichend.

Die Mannschaft, die sich mit einem 1:1 gegen Östersund konkret verabschiedete, hatte mit der Mannschaft, die aus drei Spielen vor dem Jahreswechsel noch vier Punkte holen soll, nicht viel gemein. Pal Dardai hatte eine Mischung aus "rejects" (Aussortierte) und "projects" (Einzusortierende) aufgestellt. Die prominentesten Rejects waren Haraguchi, Duda und Esswein, das prominenteste Project war der Filius des Cheftrainers: Palko Dardai spielte auffällig, und leitete mit einem dudaesken Pass auch den Treffer von Hertha ein.

Das Spiel sorgte für versöhnliche Stimmung, zeigte aber auch auf, warum die erste Wiederbegegnung mit dem internationalen Fußball seit der Abstiegssaison 2009/2010 von so wenig Erfolg gekrönt war. Hertha fehlt es in jeder Formation, ob mit den nominell besten oder mit einer Probiergruppe wie gestern, an Autorität. Alle Spiele bergen negative Überraschungen, die Mannschaft kann sich geradezu darauf verlassen, dass sie sich an der einen oder anderen Stelle übertölpeln lässt.

Sicher haben in dieser Europa-League-Gruppe auch die Leistungen der Unparteiischen eine Rolle gespielt. Dass die Uefa sich gerade mit dem Torlinienrichtern immer wieder lächerlich macht, kann für niemand ein Trost sein. Hätte Jonathan Klinsmann nicht in der Schlussphase gegen Östersund noch einen unberechtigten Elfmeter entschärft, hätte es gegen eine Halbamateurmannschaft aus Schweden null Punkte aus zwei Spielen gegeben. Und auch wenn Mittelstädt in dieser Situation kein Foul begangen hat, war er doch in einer heiklen Situation in einen Zweikampf geraten, in dem er nicht Herr der Lage war.

Offensiv galt am Donnerstagabend bei widrigen Bodenverhältnissen ein Prinzip des überhasteten Abschlusses. Haraguchi wollte vor allem sich selbst in Szene setzen, Esswein war wie so häufig ein bisschen konfus, Mittelstädt flankte meistens dann, wenn in der Mitte niemand war, und Duda war eben so, wie er vermutlich nie Stammspieler wird: mit hübschen Kleinigkeiten und einem schönen Lochpass in der ersten Hälfte, aber auch mit langen Pausen. Bleiben zu erwähnen Lazaro, der aus dem defensiven Mittelfeld heraus agierte, und Palko Dardai, der insgesamt die besten Szene hatte.

Hertha hat interessante junge Spieler, und wenn es in dieser Saison gelingt, ein paar von ihnen an die Stammelf heranzuführen, ist das vielleicht den einen oder anderen durchwachsenen Gesamtvortrag wert. Aber gerade für die Talente ist es wichtig, dass sie in gute Strukturen kommen, und von solchen hat Hertha im Dezember 2017 zu wenig. Das Augenmerk liegt nun ganz auf den Betreuern: Pal Dardai muss zeigen, ob er in der Lage ist, das Spiel von Hertha insgesamt zu entwickeln. Bisher gab es dafür allenfalls Ansätze, die noch dazu zunehmend sporadischer werden.

Den Bonus eines Trainerneulings hat Dardai im Grunde schon aufgebraucht. Nun gibt es noch den Bonus des Ideal-Herthaners: Ich würde mir auch, wie wahrscheinlich die meisten Fans, wünschen, dass es in dieser Konstellation, mit einem Trainer aus dem Verein, weitergeht. Den Europa-Bonus hat Hertha verbraucht, ohne groß etwas daraus zu machen. Palko Dardai wird das anders sehen. Er muss das seinem Vater nicht beim Gulasch erklären. Er hat es auf dem Platz getan.

Geschrieben von marxelinho am 08. Dezember 2017.

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04. Dezember 2017

Die Tiefe der Bodenlosigkeit

Wie schon gegen Gladbach vor zwei Wochen gab es am Sonntag im Olympiastadion gegen Eintracht Frankfurt zwei Spiele in einem zu sehen (ich war aus beruflichen Gründen unterwegs und musste mich per Stream zuschalten): Eine knappe halbe Stunde wurde Fußball gespielt, danach gab es noch eine Stunde Gemurkse. Den Unterschied machte unter anderem der Platz. Pal Dardai nannte nach dem Spiel sogar eine genaue Zeitangabe: der winterlich beeinträchtigte Rasen reichte für zwanzig Minuten. Dieses Spiel gewann Hertha mit 1:0, das andere verlor sie mit 0:2, macht in Summe eine Heimniederlage mit 1:2.

Der Trainer reagierte, indem er das Saisonziel revidierte: Drei, vier Punkte möchte er noch aus drei Spielen gegen Augsburg, Hannover und Leipzig. Übersetzt bedeutet das: alles, was nicht direkter Abstiegskampf ist, geht in Ordnung. Nach Augsburg fährt Hertha im Grunde als Außenseiter, denn dort findet tatsächlich "Ausbildung" statt, dort entwickelt sich eine Mannschaft, während in Berlin nach dem Frankfurt-Spiel nicht einmal mehr die üblichen Floskeln zu hören waren. Die Niederlage war einfach zu demütigend, weil einmal mehr unnötig und doch folgerichtig. So gehen auch irgendwann die Aushilfserzählungen aus.

Das erste Spiel lief gut, dauerte aber nicht lange genug. Die aktuelle Königsidee mit der Doppelspitze Ibisevic und Selke, die von links mit Flanken und von der technisch wie taktisch ein wenig versierteren rechten Seite mit Lochpässen und Durchsteckern bedient wird, erwies sich als brauchbar. Selke traf nach Vorarbeit von Leckie, Ibisevic hatte auch Chancen.

Nach einer halben Stunde gab es einen Ausgleich, den man zu diesem Zeitpunkt noch als "gegen den Spielverlauf" (nicht aber gegen den blauweißen Saisontrend grassierender Blauäugigkeit) etikettieren konnte. Danach gab es aber auch keinen Spielverlauf mehr. Die zweite Halbzeit war zum Vergessen. Die Spieler suchten auf dem tiefen Boden nach einem Ball, der ihnen nicht in die eleganten Manöver folgen wollte, mit denen Hertha den Schlüssel zu dem nun mühsamen Spiel suchte. Eleganz, die im Ansatz stecken bleibt, wirkt aber oft umso unbeholfener.

Der Trainer reagierte nach einer Stunde, indem er die Nachwuchsspieler Maier und Mittelstaedt durch Lustenberger und Lazaro ersetzte. Gerade an Arne Maier kann man ganz gut sehen, wie  nivellierend die Mannschaft insgesamt zu wirken scheint. Er wurde innerhalb weniger Wochen von einem auffälligen Talent zu einem fehleranfälligen Routinier und ist derzeit von Skjelbred nicht mehr so deutlich zu unterscheiden, wie es wünschenswert wäre.

Natürlich ist es nicht angebracht, dass Pal Dardai öffentlich sieben Punkte aus den letzten drei Spielen der Hinrunde erwartet. Aber intern muss das der Anspruch sein, denn bisher ist die Saison eine große Enttäuschung. Man gewinnt aber ein wenig den Eindruck, dass die Verantwortlichen nun vor allem auf eine zweite Saisonvorbereitung nach Weihnachten und einen Neustart in der Rückrunde setzen. Befreit von den zusätzlichen Belastungen, um die man nie wirklich gekämpft hat, und die man nun auch endlich wieder los ist.

Stand der Dinge ist jedenfalls, dass man gegen Gegner wie Augsburg und Hannover derzeit kein gutes Gefühl hat, weil Hertha vor allem eines nicht ist: in irgendeiner Form gefestigt. Mit Widerständen (tiefer Boden, unklare Schiedsrichterleistungen, clevere und aufsässige Gegner) kann die Mannschaft nicht umgehen, geschweige denn, dass sie einmal auch ein Zeichen gegen den Trend setzt. Das sind alles langfristige Tendenzen, an denen Pal Dardai letztendlich vor allem zu messen ist. Und da sieht seine Bilanz nur dann akzeptabel aus, wenn man die Ansprüche sukzessive reduziert - wie es in dieser Hinrunde gar nicht klammheimlich geschehen ist.

Um es noch einmal deutlich zu sagen: Vier Punkte als Ziel aus den letzten drei Spielen sind eine Vorgabe an ein letztes Aufgebot. Hertha hat aber bis auf Darida den gesamten Kader mit allen "stillen Reserven" zur Verfügung, und müsste nun, um nicht zu einer der negativen Erzählungen dieses Halbjahres zu werden, zumindest intern nach einer Taktik und einem Schlüssel suchen, um in Augsburg für eine Überraschung zu sorgen. Das de facto Testspiel gegen Östersund stört da natürlich, aber nachdem Hertha schon das ganze halbe Jahr hindurch drei Bewerbe nie so richtig angenommen hat, wird sich dafür schon genügend Personal finden, um daneben eine volle Trainingswoche mit präziser Vorbereitung auf das nächste Ligaspiel zu ermöglichen.

Das Wort Krise hat Pal Dardai gerade mal so wieder aus dem Verkehr gebracht im November, aber de facto hat Hertha schon seit ziemlich langer Zeit eine besonders gefährliche Krise: eine schleichende, oft wieder wegdiskutierbare Krise, die aber doch sehr deutlich ist. Es ist mehr als unklar, ob Pal Dardai der Trainer ist, mit dem Hertha nach inzwischen auch schon wieder nicht wenigen "Übergangsjahren" und neuerdings als "Ausbildungsverein" belastbare Schritte nach vorn machen kann. 21 Punkte nach 17 Spielen (wenn sie denn überhaupt erreicht werden) wären jedenfalls auch statistisch ein Rückschritt, und eine stramme Vorgabe für das nächste Halbjahr. Leider wirkt die Mannschaft nicht so, als würde sie an Aufgaben wachsen.

Geschrieben von marxelinho am 04. Dezember 2017.

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30. November 2017

Der Wind, der Wind, das himmlische Kind

Mesut Özil spielt mal so, mal so. Das unterscheidet ihn nicht von anderen Spielern, aber zuletzt fiel deutlich auf, dass er für Deutschland meistens so, bei Arsenal hingegen meistens so (also anders) spielte. Der elegante Flow, den er in die deutsche Elf bringt (Özil - Götze - Stindl, was für ein Move!), bleibt bei dem Arbeitgeber in London oft nur Wunschdenken. Gestern aber war Özil auch für Arsenal wieder einmal so, wie man ihn sich erträumt: ein brillanter Einfädler, einer, der mit seinem Pneuma das Spiel wie ein Mobile um sich herum in Schwebe versetzt. Arsenal gewann 5:0 und gehört wieder einmal zu den Top 4 in England (vier Punkte Vorsprung auf die gerade schwächelnden Rivalen Tottenham Hotspur).

Ein Name muss aber unbedingt hinzugefügt werden: Özil kann auch deswegen glänzen, weil Aaron Ramsey ihm nicht nur die Räume freiläuft, sondern die Gegner seinerseits so intensiv beschäftigt, dass die eigentlichen Offensivspieler Özil und Sanchez viele Möglichkeiten bekommen. Zudem hilft da auch die Grundformation: Bellerin und Kolasinac gehören bei Arsenal wirklich eher zum Mittelfeld, gerade gegen einen Gegner wie Huddersfield war da geballte Angriffsarbeit möglich. Leider verletzte sich Lacazette, der sich als gute Verstärkung erwiesen hat, aber Giroud (ich war immer ein Fan von ihm) sollte das kompensieren können.

Aaron Ramsey ist ein Spieler, den jemand wie Arne Maier genau studieren sollte. Im Hertha-Gefüge könnte man ihn am ehesten mit Darida vergleichen, immer mit der Einschränkung, dass Hertha natürlich insgesamt deutlich konservativer spielt - wenn es nicht gerade 0:3 gegen Gladbach steht. Ramsey taucht für einen Achter auffällig häufig im Strafraum auf, er bietet viele Doppelpässe an (die bei Arsenal häufig auch funktionieren, bei Hertha geht das oft schief). Gegen Huddersfield hat Ramsey zweimal brillant durchgesteckt und weitergeleitet.

Hinten spielt Arsenal in diesen Wochen mit der Dreierformation Monreal - Mustafi - Koscielny, der junge Holding ist wieder weit weg von der Startelf, weil Mertesacker auch wieder da ist. Er sitzt jetzt schon so neben Arsene Wenger, als wüsste er, dass er irgendwann seine Position übernehmen wird. Dass Mertesacker für Arsenal in der Zukunft eine wichtige Figur werden dürfte, ist eine der Personalangelegenheiten, die mich positiv stimmen. Wie auch die Verpflichtung von Sven Mislintat vom BVB.

Die augenblicklich gute Stimmung sollte aber nicht überbewertet werden. Noch der Sieg gegen Burnley vor ein paar Tagen war äußerst zäh und brauchte einen eher geschenkten Elfmeter in letzter Minute. Am Wochenende kommt Manchester United ins Emirates, das wird ein anderer Test als zuletzt Tottenham, die im Derby eine ungewohnt schwache Leistung zeigten.

Ohnehin wird die positive Ausstrahlung von Mesut Özil und auch Alexis Sanchez am Mittwochabend gegen Huddersfield nichts mit einer neuen Liebe zu Arsenal zu tun haben. Beide werden nicht mehr lang da sein, und dann braucht es ein paar bedeutendere Neuzugänge - wobei der Wunschspieler Thomas Lemar für die linke Seite dann ja vermutlich immer noch in Frage kommt, und auch für den eleganten Beweger Mesut Özil wird sich Ersatz finden, wenn auch kein gleichwertiger, denn Özil ist ein einzigartiger Spieler - das 5:0 gegen Huddersfield kann er sich einrahmen lassen, wenngleich wie gesagt vielleicht mit einem Autogramm von Ramsey.

Geschrieben von marxelinho am 30. November 2017.

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27. November 2017

Der vorentscheidende Mann

Zwei Minuten und zwölf Sekunden: so lange hing das Schicksal von Hertha BSC gestern an einem seidenen Faden. Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus wartete auf Instruktionen aus Köln, wo Guido Winkmann aber wohl gerade auf Toilette musste oder anderweitig beschäftigt war. Rekik hatte im Strafraum den Ball mit der Hand berührt, wie schon so oft in dieser Saison lief Hertha Gefahr, mit einem Elfmeter sanktioniert zu werden. Dann musste Steinhaus erst recht selbst eine Entscheidung treffen: nach einem Besuch in der Review Area entschied sie auf nicht strafbares Handspiel. Und Hertha kam schließlich zu einem 2:0-Auswärtssieg gegen das zum Ende hin doch derzeit deutliich desolateste Team der Liga.

Die Szene mit der Videoassistenz war nicht spielentscheidend. Aber sie verdeutlichte, neben der einmal mehr unverständlich langwierigen Prozedur beim "Videobeweis", dass man Spuren von Souveränität bei Hertha mit der Lupe suchen muss. Rekik auf dem Hosenboden, der die Hände über dem Ball zusammenschlägt, dass ist doch die charakteristische Szene, auch wenn Vedad Ibisevic dieses Mal auch einmal den Ninja an der Eckfahne gab, wie das manchmal so ist, wenn einer eine Erleichterung loswerden muss. Der Kapitän war der entscheidende Mann, sein Sturmpartner Davie Selke war der vorentscheidende.

Köln gegen Hertha am Sonntagabend, das war auch das Duell der beiden Europa League-Teilnehmer. Wobei Köln dieses Jahr in der Position von Hertha 2009 ist - die Frage ist inzwischen nur noch, ob Toni Schumacher schon mit Friedhelm Funkel gesprochen hat. Für Köln war es am Sonntag die wohl letzte Chance, mit Peter Stöger weiterzumachen. Für Pal Dardai ging es um die Frage, ob er sein Ausbildungsprojekt fortsetzen kann - oder es vorläufig wegen Überlebenskampf pausieren lassen muss.

Für das Ausbildungsprojekt sprach die erneute Aufstellung von Arne Maier, der nicht schlecht gespielt hat, aber auch schon leichte Zeichen einer Eingemeindung zeigt - sein Spiel ist ein wenig fehleranfälliger geworden, ist auch nicht mehr ganz so inspiriert, kein Wunder, ist er doch umgeben von Kollegen, die fast alle nach einem möglichst ausgewogenen Verhältnis von Licht und Schatten suchen. Mitchell Weiser scheint es in dieser Saison besonders darauf angelegt zu haben, gute Ansätze durch vielfache Zerstreutheiten zu ergänzen.

Die (nicht von den Grünen abgeschaute) Doppelspitze mit Ibisevic und Selke ist auch so etwas wie eine Programmerklärung: zumindest für den Moment müssen eher spielerische Lösungen wieder ein bisschen warten, stattdessen gilt ein Hauruck-Prinzip ohne ballverteilenden Zehner (ob Duda einer wird, ist auch wieder unklarer denn je). Mittelstädt bekam den Vorzug vor Kalou, weil er gute Flanken kann, in Köln allerdings blieb er blass.

Einmal mehr fand Hertha den Schlüssel bei einer Standardsituation: ein Eckball von Plattenhardt (ein wenig komisch übrigens immer das verschwörerische Dazustoßen von Weiser bei ruhenden Bällen, wo doch recht deutlich ist, dass Plattenhardt ausführen wird), Selke gewinnt ein Kopfballduell, Ibisevic staubt ab, und Klünter hebt bei Köln das Abseits auf.

Den zweiten Treffer besorgte Selke mit einer dieser Beschleunigungen, die (neben seiner Stärke in der Luft) auch Teil seiner Begabung sind: Lehmann kam zu spät, den Elfmeter verwandelte Ibisevic. Das reichte dann auch schon, denn danach war beim letzten Aufgebot von Peter Stöger die Luft draußen.

Wenn man Ingo Schillers wegweisendes Wort von den "stillen Reserven" (im Kader) als Leitmotiv über diesen Herbst stellt, dann wird man ein gutes Bild für die Situation bekommen. Die berühmteste stille Reserve Mitchell Weiser spielt zwar derzeit meistens so, als legte er es vor allem auf ein Angebot aus Wolfsburg an (also auf einen vorzeitigen, hochdotierten Rentenvertrag außerhalb von China), aber mit Selke hat Hertha in diesem Sommer einen Spieler verpflichtet, der nicht zuletzt im Vergleich zum FC Köln (vier Tore in der Liga bisher) einen Unterschied ausmacht.

Selke kompensiert die spielerischen Defizite derzeit nahezu im Alleingang, weil er der Formation eine andere Wucht gibt, von der Ibisevic auch profitiert. Für die restlichen Spiele in diesem Herbst, drei gegen Gegner auf Augenhöhe (also aus den schlecht definierten Bereichen der Liga), wäre es von Interesse, zu dieser Hauruck-Formation noch ein paar weitere Facetten hinzuzufügen. Mitchell Weiser hat das in einem Interview nach dem Spiel selbst als Anspruch formuliert, und wenn er das sagt, hat das Gewicht. Denn er war ja eigentlich schon einmal ein eindeutiges Asset, und sollte sich mit einem Dasein als stille Reserve wirklich nicht zufrieden geben.

Geschrieben von marxelinho am 27. November 2017.

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25. November 2017

Deine blauen Augen sind nicht mehr normal

Bei Hertha BSC macht sich eine neue Untugend bemerkbar: Naivität. Zwei Handelfmeter in zwei Spielen, verursacht jeweils durch einen der beiden Innenverteidiger, dazu ein erschreckendes Kontertor in Bilbao, das nicht nur die Chancen auf eine weitere Runde in der Europa League auf Null reduzierte, sondern auch wie eine Karikatur der allgemeineren Probleme in der Rückwärtsbewegung wirkte.

Die Niederlage in Bilbao war besonders bitter, wie immer, wenn eine Mannschaft eine Halbzeit lang dominiert, und dann in der zweiten das Spiel weitgehend einstellt. 45 Minuten lang passte fast alles: das Flügelspiel, die Flexibilität im Mittelfeld und in der Seitenverlagerung, selbst so ein Detail wie die Position von Leckie beim ersten Tor, der als nomineller Rechtsaußen in diesem Fall bei einer Flanke von links am kurzen Eck auftauchte.

In der zweiten Halbzeit wäre es entscheidend gewesen, Bilbao weiter zu verunsichern. Doch Hertha entschied sich für das Gegenteil. Wobei man nicht davon ausgehen kann, dass das Thema der Pausenansprache war. Vermutlich hatte sich die Mannschaft etwas anderes vorgenommen, aber sie kam nicht mehr ins Spiel.

Beide Elfmeter gegen Hertha hatten etwas Charakterisches: beim ersten kommt der Ball gefährlich in den Fünfmeterraum, vergleichbar dem Gegentreffer durch Svatok gegen Zorya Luhansk in Lviv, und Langkamp steht ungünstig. Beim zweiten verhält er sich wie ein Anfänger, macht aber im Grunde das Gleiche wie Rekik ein paar Tage davor gegen Gladbach.

Das Spiel gegen Köln am Sonntag ist jetzt schon mit ganz schön viel Bedeutung aufgeladen. Denn Hertha kriegt bisher einfach keine Richtung in die Saison (das janusköpfige Spiel in Bilbao war wie ein Sinnbild), und in der Summe weist die Richtung somit nach unten.

Dass nebenbei auf der Mitgliederversammlung ein Bilanzverlust von mehr als sieben Millionen Euro bekannt gegeben wurde (ein wenig aus heiterem Himmel und mit der etwas merkwürdigen Erklärung, dass die Europa League schon 2016/2017 Geld gekostet hätte - sieben Millionen Prämien?), passt da ganz gut ins Bild. Denn auch diese Nachricht wurde positiv verpackt - im neunstelligen Umsatzzahlen.

Die guten, sportlich allerdings nicht ganz gedeckten Platzierungen der letzten beiden Jahre spielen da natürlich eine Rolle. Aber dass Hertha selbst mit einer so vorsichtigen Transferpolitik schon wieder im Minus ist, wurde doch überraschend gleichgültig zur Kenntnis genommen, wie auch ein Gesamtstand bei den Verbindlichkeiten, der beinahe schon wieder so klingt, als hätte es die "Entschuldung" durch KKR nie gegeben.

Wie üblich hat Ingo Schiller das alles rhetorisch geschickt in Nebel und in die Ankündigung eines Rekordjahres verpackt - man sollte ihn in einem Jahr dann auch einmal beim Wort nehmen. Versprochen hat er ja, die Verluste der zwei vorangegangen Jahre in einem Jahr wettzumachen.

Die wirtschaftliche Situation hängt mit der sportlichen natürlich in mehrfacher Hinsicht zusammen. Vor allem wird es jetzt darauf ankommen, dass die "stillen Reserven" im Kader sich dauerhafter bemerkbar machen. Die Personalstruktur hat sich tatsächlich und offensichtlich geändert, in der ersten Halbzeit gegen Bilbao war das auch deutlich sichtbar, in der zweiten Halbzeit aber sind die "stillen Reserven" verstummt.

Hertha steht potentiell nicht schlecht da, bekommt die Potentialität aber derzeit nicht ausreichend auf den Platz, und vor allem nicht in die Ergebnisse. Das Spiel gegen Köln wird nicht zuletzt eine Frage der Professionalität - das wäre das Gegenteil jener Naivität, die wir in dieser Saison schon so oft beobachtet haben.

Geschrieben von marxelinho am 25. November 2017.

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19. November 2017

Sackgassenhauer

Von den zwei Spielen, die ich gestern im Olympiastadion gesehen habe, gefiel mir logischerweise nur das zweite, und ich wünschte, es hätte unter regulären Wettbewerbsbedingungen stattgefunden. Aber da führte Gladbach eben schon 3:0, dann 3:1 und irgendwann auch nur noch 3:2, aber als es dann darauf ankam, ob Hertha Spiel 2 durchsetzen konnte, schaltete Gladbach doch noch einmal zu Spiel 1 um, und damit war die Sache erledigt: 2:4 war der Endstand, in Summe bedeutet das Tabellenplatz 14 für Hertha und Tabellenplatz 16 bei den Gegentoren (insgesamt 19, nur Köln und Freiburg sind defensiv schwächer).

Hertha bekommt einfach keine Tendenz in diese Saison, aber die mangelnde Kompaktheit ist inzwischen eine. Dies wiegt umso schwerer, als sich das Klischee immer noch hält, Hertha wäre schwer zu bespielen. Nur die Gegner wissen es längst besser. Es hatte geradezu etwas Aufreizendes, wie Gladbach gestern in den ersten fünf Minuten an der Mittellinie wartete, und Hertha ein paar mal ins Gewirr der Linien kommen ließ. Die erste Umschaltaktion reichte schon für das frühe Führungstor durch Stindl. Selten hat mich ein Gegentreffer mehr geärgert, denn von dort oben, wo ich sitze, war die Falle ungefähr so deutlich zu erkennen, als hätte Gladbach sie mit einem riesengroßen Sackgassen-Schild markiert.

Danach gab es ein Beispiel für das deflatierende Potential des Videobeweises: Rekik geht dumm in einen Ball von Stindl, niemand merkt was, außer ein Supervisor in Köln. Es gibt Elfmeter, danach ist die Luft für eine Weile draußen, Raffael nützt das zu einem Traumtor.

Dann beginnt Spiel 2. Es ist das Spiel, das insgesamt Mut machen sollte. Denn es zeigte eine potentielle Hertha, eine spielbestimmende Mannschaft, die über die technischen und kombinatorischen Fähigkeiten verfügt, es mit einer Mannschaft wie Gladbach aufzunehmen (deren individuelle Qualitäten insgesamt natürlich eindeutig stärker sind). Von der 20. bis zur 77. Minute musste dieses Spiel auch all die Fans beschämen, die schon nach dem 0:3 das Weite gesucht hatten. (Hier die Reihe vor uns in Minute 60, alles Dauerkarten).

In diesem Spiel ging dann die Idee mit Arne Maier als Sechser und Skjelbred als Achter gut auf, da funktionierte sogar die Idee mit der Doppelspitze Ibisevic-Selke, wobei ich trotzdem der Meinung derer bin, die sagen, dass das nicht das richtige Spiel dafür war. In diesem Spiel zeigte Weiser wieder einmal, dass diese Saison für ihn doch noch irgendwann beginnen könnte.

Eine richtig gute Mannschaft war Hertha auch in dieser Phase nicht, dafür fehlte in den Aktionen die letzte Konzentration ganz vorn, aber es gelang immerhin ein passables Dominanzspiel, und Arne Maier zeigte sich als wirkliche Bereicherung. Ganz auszuschließen ist es nicht, dass Hertha in diesem Jahr die Halbrundentendenz umkehrt: In diesem Team steckt Potential, allerdings muss es seine Labilität ablegen, und dafür spricht zum Beispiel nicht, wie patzig Rekik nachher die Elfmeterentscheidung gegen ihn zu diskreditieren versuche.

Ich hätte auch anders gewechselt. Duda und Lazaro für Ibisevic und Kalou ungefähr zur 60. hätten mehr Sinn gemacht, insgesamt war es nicht ganz verständlich, warum Dardai erst nach dem vierten Gegentreffer das zweite Mal wechselte.

Von den Gegentoren kann man das dritte als "Schicksalsschlag" betrachten, das erste und das vierte aber waren klassische Koproduktionen der gesamten Defensivformation. Was insgesamt schon die gesamte Saison hindurch auffällt, ist eine seltsame Unfähigkeit, das Spiel im Raum zu antizipieren - die naive Ballfixiertheit von Langkamp und Rekik gab den Gladbachern entscheidende, kleine Räume. Lars Stindl hatte diese Woche im Länderspiel eine der schönsten Kombinationen überhaupt abgeschlossen (Özil - Götze - Stindl, ein Move für das Museum). Man musste auf ihn gefasst sein, war es aber nicht.

Neben dem BVB ist Hertha also gerade die defensive Lachnummer der Liga. Deswegen kann man Pal Dardai nicht beipflichten, der nach dem Spiel sagte, er könne der Mannschaft keinen Vorwurf machen. Es gibt einige ganz konkrete Vorwürfe, und es sind die Betreuer, die darauf zu sprechen kommen müssen. Andernfalls lügt Hertha sich nur weiter in die Tasche, und gerät weiter in die Sackgasse.

Geschrieben von marxelinho am 19. November 2017.

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Harald Schuster (am 19. November 2017)

Danke für die passende Analyse des Spiels. Ich erlaube mir noch anzumerken: Das Spiel von Hertha wird unter diesem Trainergespann niemals einen anderen Fussball spielen können. Wenn wir Glück haben kann sich die Mannschaft wie gesehen während eines Spieles aufraffen, wehrhaft und spielerisch zu agieren. Aber bestimmt nicht durch die An-oder Absprache von den Trainern. Mir kommt es immer mehr so vor, als ob man dem Team nicht Mut und Courage mitgibt, sondern Sicherheit, Unentschlossenheit und Furcht vor Fehlern vorpredigt. Die Mannschaft weiß schlicht nicht, wie sie zu spielen hat. An die Stelle der unter Dardai geschafften Konsolidierung eines verunsicherten Teams in vergangenen Spielzeiten, ist eine stagnierende und konfuse, teilweise planlos wirkende Phase getreten, die nun schon lange anhält. Ich befürchte anders als Marxelinho, einen weiteren Abwärtstrend für das anstehende Jahr. Das alles allerdings hält mich nicht davon ab weiterhin meine Leidensfähigkeit zu erproben.
07. November 2017

Nicht jeder Libero ist ein Kaiser

Die Länderspielpause gibt mir Gelegenheit, endlich auch wieder einmal einen Blick auf Arsenal zu werfen. Am Sonntag gab es die schöne Konstellation, dass meine beiden Lieblingsmannschaften hintereinander gespielt haben (und nicht parallel, wie es zuletzt auch immer wieder vorkam). Dabei wurde mir klar, wie teilnahmslos ich derzeit auf Arsenal schaue: Solange Arsene Wenger dort tätig ist, bin ich auf Distanz.

Es war noch dazu ein Spitzenspiel. Arsenal stand vor der Herausforderung, die dominante Mannschaft der Saison in England herauszufordern, nämlich Manchester City unter Pep Guardiola. Es gab die erwartbare Niederlage, wobei es Gründe gab, bei dem 1:3 auch den Unparteiischen einen Vorwurf zu machen. Aber das Gros der Probleme hatte Arsenal schon selber verursacht.

Die Aufstellung hatte zwei Diskussionspunkte: Lacazette blieb eine Stunde lang auf der Bank, stattdessen spielte Sanchez zentral, und Iwobi mit Özil offensiv. Dahinter Ramsey und Xhaka, und eine Viererkette, und dann noch Coquelin als Libero! Arsenal spielte mit Fünferkette, und trotzdem hatte City viele Chancen. Ein paar Minuten in Halbzeit eins spielte Arsenal ganz gut mit, und dann gab es noch eine Phase in der zweiten Halbzeit, als das Spiel nach dem Anschlusstreffer durch Lacazette eine andere Richtung hätte nehmen können. Das war in dem Moment vorbei, in dem David Silva aus Abseitsposition den dritten Treffer für City vorbereitete.

Katar könnte in diesem Jahr gleich drei wichtige Bewerbe gewinnen, wenn man die Ligue 1 dazuzählt. Die Premier League wird City nur schwer zu nehmen sein, auf die Champions League kann man gespannt sein. Aber die beiden am stärksten angeschobenen Teams im europäischen Fußball spielen jedenfalls in diesem Herbst eine große Rolle. Die Uefa macht immer nur gerade so viel, dass sie die Machenschaften nicht wirklich stört.

Bei City ist es vor allem De Bruyne (Zugang 2015, Transferminus damals knapp 150 Millionen), der den Unterschied ausmacht - auch zu Mesut Özil, der wie Alexis Sanchez vielleicht in der Winterpause noch verkauft wird. Arsenal ist in einer merkwürdigen Situation: Alles geht halbwegs so weiter wie gewohnt (das bedeutet nun aber eben schon Platz 6 in der Liga und nicht Platz 4). Zugleich sind fast alle Fragen offen. Zum Beispiel auch, wer denn künftig für Arsenal verteidigen soll: Mertesacker ist schon halb auf der anderen Seite (bei den Betreuern), Koscielny zeigt deutliche Spuren des Alters, Monreal ist ein wackerer Aushelfer im Zentrum, Mustafi traut niemand so richtig, und Holding - na ja, er ist vielleicht doch nur der neue Calum Chambers, also ein Talent, das sich nicht durchsetzen wird.

Ähnlich unklar ist für fast alle Spieler, was die Zukunft bringen wird, mit wem sie spielen könnten - und das alles bei laufendem Spielbetrieb. Nominell ist Arsene Wenger im ersten von zwei weiteren Vertragsjahren, aber die Stimmung ist eine andere: allgemeines Abwarten. Gegen City war Arsenal relativ nahe dran, vielleicht ein Remis zu schaffen (wie es Chelsea zum Beispiel nicht gelungen ist), aber letztlich doch definitiv nicht gut genug. So gewöhnt man sich eben langsam an die neue Situation: Arsenal als das neue Everton. Da trifft es sich gut, dass bei den Paradise Papers auch Alisher Usmanov wieder auftaucht, der Dritteleigner aus Usbekistan, der enge geschäftiche Beziehungen zu dem Eigentümer von Everton hat.

Manchester City gegen Arsenal war ein interessantes, spannendes Fußballspiel, an dem ich nach der Auswechslung von Coquelin und vor der Fehlentscheidung beim 3:1 für eine Weile sogar richtig Anteil genommen habe. Aber es ist umgeben von Umständen, die mich anwidern. Die Sorgen, die die deutschen Fans mit ihrem "Scheiß DFB" haben, sind lächerlich im Vergleich zu dem, was im Fußball global schief läuft. Und manche Probleme sind auch ganz einfach nur die Folge von schlechtem Management. Deswegen ist Arsene Wenger immer noch Trainer von Arsenal. Und ich derweil Fan unter Vorbehalt.

Geschrieben von marxelinho am 07. November 2017.

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06. November 2017

Chaostheorie

Es trifft sich gut, dass jetzt Länderspielpause ist, denn Hertha BSC hat am Sonntagabend in Wolfsburg ein Spiel gemacht, für dessen Analyse man auch mehr als eine Woche aufwenden könnte. Mit dem 3:3 zeigte sich der Trainer am Ende zufrieden. Aber mit der Leistung vor allem in der ersten Halbzeit kann er es unmöglich sein. So chaotisch hat man Hertha lange nicht gesehen, allerdings haben sich die Schwächen, die da erkennbar wurden, schon des Längeren abgezeichnet.

Eine Rolle spielte sicher das frühe Führungstor. Ibisevic traf nach nur zwanzig Sekunden, in Folge einer frühen Balleroberung und eines guten Passes von Lazaro. Danach aber flog Hertha das Spiel vierzig Minuten lang um die Ohren. Ein Elfmeter (verschossen), zwei Tore (abseits, aber in der Entstehung trotzdem Ausweis katastrophaler defensiver Abstimmung), zwei reguläre Tore.

Wenn in der zweiten Halbzeit nicht ein Tor nach einem Standard (Koproduktion Plattenhardt-Rekik) den Gleichstand wiederhergestellt hätte, hätte Hertha gegen Malli, Didavi, Origi und Gomez auch untergehen können. Einen weiteren Gegentreffer nach einem Eckball egalisierte dann aber Selke nach Vorarbeit von (!) Skjelbred. Das Spiel war zu diesem Zeitpunkt schon so entfesselt, dass der Norweger, der sich normalerweise weigert, selbst einen fünftletzten Offensivpass zu spielen, dieses Mal einen "final pass" erbrachte, und zwar fast schon im Strafraum. So weit vorn sieht man ihn sonst manchmal ganze Halbserien nicht.

Vermutlich muss man bis zu einem gewissen Grad akzeptieren, dass es Spiele gibt, die so konfus sind, dass man sie nicht mehr richtig einfangen kann. Aber auch in diesem Fall war vieles aufschlussreich. Den ersten Sachverhalt kennen wir ohnehin schon: Herthas Kompaktheit ist ein Mythos. Die Mannschaft ist häufig porös, besondere Schwächen zeigen sich in der Geistesgegenwart und im Zweikampfverhalten (Skjelbred vor dem Elfmeter, typische Aktion).

Der offensive Sachverhalt ist auch interessant. Pal Dardai ließ nach dem Spiel durchklingen, dass es einen Matchplan gegeben hat, den er sogar bis zu einem gewissen Grad bestätigt sehen kann. Er wollte gut verteidigen und dann sorgfältig nach vorne kombinieren. Er sprach ausdrücklich von Kurzpassspiel, und im Fernsehen konnte man ihn auch einmal dabei sehen, wie er Rekik auf einen langen Ball ansprach (spieleröffnend, gegnerbeliefernd) - das wollte er so nicht wieder sehen.

Herthas "Kurzpassspiel" lahmt aber schon und vor allem im ersten Drittel, aus Gründen, die hier schon mehrfach angesprochen wurden. Mit der Einwechslung von Maier wurde die Sache besser, was eine Weile nicht so deutlich war, weil da Wolfsburg immer noch dominierte. Ich habe Maier vor ein paar Wochen einmal bei der U23 gesehen, damals wäre mir kaum aufgefallen, was er nun schon mehrfach bei den Profis gezeigt hat. Er ist der erste Sechser beinahe seit überhaupt bei Hertha, der einen echten Verbinder zwischen den Linien spielen kann. Sein Vertrag läuft bis 2019. Er wird von Rogon beraten. Es wäre mehr als ratsam, ihn sofort langfristig zu binden.

Selbst dem Sky-Reporter fielen die Qualitäten von Maier auf: Er ist geschickt im Zweikampf, und seine Ballbehandlung ermöglicht ihm schnelles Umschalten auf engstem Raum. Umschalten ist ja ein komplexer Prozess, der im Grunde bei der Ballannahme geistig schon abgeschlossen sein muss. Man bemerkt da bei Hertha auch einen Generationenunterschied. Maier und Selke können Dinge, die nicht viele bei Hertha können, auch Mitch Weiser nicht, jedenfalls nicht in der rätselhaft schwachen Form dieser Saison.

Selkes Einwechslung machte dann tatsächlich den Unterschied zwischen einer Blamage und einem relativen Erfolgserlebnis. Dardai deutete auch Konditionsvorteile zum Ende hin an, eine interessante Behauptung, der aber zumindest vom Augenschein her nichts entgegensteht. Hertha ist mit drei blauen Augen davon gekommen, hat sich aber in der unteren Tabellenhälfte konsolidiert. Für das Erreichen auch nur des defensiven Saisonziels (Top Ten) müssen sich mehrere Spieler ganz gehörig nach der Decke strecken.

Geschrieben von marxelinho am 06. November 2017.

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