14. Oktober 2018

Road(show) to Nowhere?

Die aktuelle Länderspielpause fühlt sich für Hertha-Fans sehr gut an. Der Saisonstart war vielversprechend, und dann steht man auch noch zwei Wochen lang einen Platz und einen Punkt vor dem FC Bayern. Nahezu eitel Wonne also, auch wenn bei der DFB-Mannschaft kein Herthaner dabei ist, worüber man nach dem Samstagabend fast froh sein kann.

Am Freitag erschien dann aber ein Bericht im Magazin Capital, der so viele Fragen aufwirft, dass die gute Stimmung bei mir zumindest eingetrübt wurde. Ingo Schiller, der Geschäftsführer für das Finanzielle bei Hertha, absolviert derzeit eine Roadshow, so steht dort zu lesen. Sein Publikum sind institutionelle Investoren, denen Hertha gern eine Anleihe verkaufen würde. Und zwar mit einem beträchtlichen Volumen: bis zu 40 Millionen Euro über fünf Jahre, also bis 2023 oder 2024.

Das Merkwürdigste an dieser Geschichte ist der Zeitpunkt. Warum gerade jetzt? Hertha verhandelt mit dem Land Berlin über einen Standort für das künftige Stadion, hält sich in diesem Zusammenhang aber mit Finanzierungskonzepten noch zurück. Als Laie würde ich einmal vermuten, dass diese Anleihe mit dem Stadion nichts zu tun hat, denn es wäre absurd, das sozusagen stückchenweise anzugehen. Dafür braucht es ein belastbares Gesamtkonzept, da kann man nicht einfach mal so an den Kapitalmarkt gehen und sagen: wir werden insgesamt das Fünf- oder Sechsfache brauchen, aber lasst bitte jetzt schon einmal etwas herüberwachsen.

Plausibler ist, dass das Manöver in den Zusammenhang mit dem KKR-Deal gehört. Capital rekapituliert in sehr knappen Zahlen noch einmal den Private Equity-Deal, mit dem Hertha vor vier Jahren die Liga verblüffte. Insgesamt gab es von KKR 61,2 Millionen, davon waren aber nur 18 Millionen für die Übernahme von Anteilen (9,7 Prozent, was einen Firmenwert von unter 200 Millionen ergeben würde). Dieser Wert ist inzwischen gestiegen, was erst einmal gut klingt, aber nur dann, wenn Hertha jemand findet, der 2021 diese 9,7 Prozent an Stelle von KKR übernehmen möchte, zu einem dann höheren Preis von vermutlich rund 30 Millionen Euro. Sonst müsste Hertha das Geld irgendwie auftreiben.

Was aber ist mit den restlichen mehr als 40 Millionen, die KKR für die Rückführung von Schulden überwiesen hat? Das war ja keine Spende. Hertha wird auch dieses Geld zurückzahlen müssen, eine mögliche Alternative wurde aber auch schon benannt: KKR könnte seine Anteile an Hertha auf ein Drittel erhöhen. Damit bliebe aber die offene Frage für 2021 weiterhin offen, nur in einer anderen Dimension: denn Hertha müsste dann einen Investor finden, der für ein Drittel der Hertha BSC GmbH & Co. KgaA eher einiges mehr als 60 Millionen bezahlt. Immer vorausgesetzt, dass KKR das Engagement nicht verlängert, was natürlich auch denkbar ist, wenn sie vielleicht feststellen, dass sie andernfalls nicht gut aus der Sache hinauskommen. Von den 50 minus 1, über die Hertha BSC nach bisherigen Liga-Regeln verfügen kann, blieben in jedem Fall nur knapp 15 Prozent als Asset für neue Investoren, die nicht an die Stelle von KKR treten. Kein Wunder, dass Hertha schon erkennen hat lassen, dass man für eine Aufweichung oder Abschaffung von 50+1 ist.

Die 40 Millionen-Anleihe und die gut 44 Millionen von der KKR könnten also etwas miteinander zu tun haben. Wenn es Hertha gelingt, die Anleihe zu platzieren und KKR weitgehend abzulösen, dann wären wieder 40 Prozent Anteile "frei", das wären (bei einer optimistischen Einschätzung des Unternehmenswerts mit 300 Millionen Euro) dann immerhin 120 Millionen. In jedem Fall erinnern sie uns daran, dass die Zeit bis zu dem neuralgischen Jahr 2021, bis zu dem Hertha sich finanziell ganz grundlegend neu aufstellen muss, schon ziemlich kurz ist. Und dabei ist nicht ganz ohne Belang, dass trotz des beträchtlichen Investments auch immer noch „normale“ Schulden vorhanden sind, im Vorjahr waren es mehr als 37 Millionen, ein überraschend hoher Betrag, auch wenn Schiller dagegen einige Außenstände ins Treffen führte. 2012 lag der Betrag ein wenig über 41 Millionen, dann kam KKR und löste (so die populäre und im Detail viel zu einfache Darstellung) Hertha aus, nun sind die Schulden beinahe wieder auf dem Niveau, das VOR dem Einstieg eines Investors vorlag.

Im allerschlimmsten Fall könnte Hertha BSC in drei Jahren mit fast 100 Millionen Euro Verbindlichkeiten dastehen (grob 65-70 an KKR, 25-30 „normale“ Schulden). Das trifft sich zwar gut mit einer Drittelbeteiligung an einem Club, der dann vielleicht schon mehr als 300 Millionen Euro wert sein könnte - aber einen entsprechenden Investor muss man erst einmal finden. Und die Stadionfinanzierung ist dabei noch vollkommen unberücksichtigt. Dafür werden auch Investoren gebraucht.

Es spricht alles dafür, die finanziellen Angelegenheiten bei der kommenden Mitgliederversammlung einmal deutlicher anzusprechen, als das üblicherweise bei der komplexen Materie der Fall ist. Natürlich kann sich ein Unternehmen nur bis zu einem gewissen Grad in die Karten schauen lassen, aber so viel kann man aus den aktuellen Berichten für meine Begriffe auf jeden Fall schließen: bei aller Vernunft in der Transferpolitik und bei allen stillen Reserven im Kader ist die finanzielle Situation von Hertha sicher reich an Fantasie, aber deutlich reicher an Risiken.

Geschrieben von marxelinho am 14. Oktober 2018.

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10. Oktober 2018

Ein Herbstbild


Vor drei Wochen habe ich anlässlich eines Klassentreffens den Fußballplatz wiedergesehen, auf dem wir in der Schulzeit gespielt haben. Der damalige Sandplatz ist heute ein wenig überwachsen. Ich war nie ein besonderer Fußballspieler, erstens als Brillenträger sowieso schlecht disponiert, es gab damals aber auch eine triviale Spannung, die ich erst später als sinnlos durchschaut habe: als Bücherwurm (blödes Wort, aber trifft in dieser Blödheit etwas) nahm ich am Fußballspiel nur vom Rande her teil.

Ich erinnere mich aber auch ganz genau, dass ich vor allem beim Spiel in der Halle auch Momente hatte, in denen mir schon klar war, dass Fußball etwas mit einer speziellen Intelligenz zu tun hatte. Ich hätte das damals natürlich niemals begriffen, aber ich verstehe es jetzt in der Rückschau: die Bewegung im Raum, das Vermögen, im richtigen Moment an der richtigen Stelle zu sein, das zeigt sich beim Hallenspiel ja noch viel stärker. Ich meine, einen Winter lang fast ein ziemlicher Stürmerstar gewesen zu sein.

Dann entschied ich mich aber endgültig für die Antikarriere eines der Klassenintellekuellen. Eines meiner einprägsamsten Erinnerungsbilder dieser Zeit hat mit dem Platz direkt zu tun: Während 1978 Österreich in Cordoba gegen Deutschland gewann, war ich unten auf dem Sand und langweilte mich mit einem Ball. Ich hatte wohl auch Heimweh, mein erstes Jahr im Internat ging zu Ende, ich fremdelte - und konnte mich deswegen auch an diesem Sieg nicht freuen. Durch die geöffneten Fenster hörte ich aus den oberen Stockwerken des herrschaftlichen Gebäudes den Jubel, der mir anscheinend nichts bedeutete.

Dabei hatte ich vorher noch leidenschaftlich die Bilder gesammelt, die aus der Kronenzeitung herausfielen, wo jeden Tag ein Spieler des österreichischen WM-Aufgebots mit einem Farbdruck vorgestellt wurde: Koncilia. Breitenberger. Obermayer. Persidis. Oberacher. Und natürlich mein Idol dieser Zeit, Kurt Jara mit der Nummer 11, den langen Haaren und dem heraushängenden Leiberl.

Interessant, wie sich gerade in diesem Herbst einiges aus meiner Geschichte mit dem Fußball zusammenfügt: der LASK spielt wieder relevant, bei Rapid wird Didi Kühbauer Trainer, Liverpool (die mich zur Premier League brachten, auch wenn ich dann Arsenal-Fan wurde) ist wieder eine Macht, und Hertha BSC deutet an, sich nicht mehr nur an den unruhigen Jahren um die zwei Abstiege, sondern auch an den starken Jahren nach dem wegweisenden Aufstieg 1997 messen zu wollen.

Der Herbst war für mich immer eine Jahreszeit des Aufbruchs, auch wenn er sich anders anfühlt: die Schule beginnt, die Uni, die Fußballsaison nimmt Fahrt auf. Auf dem Platz im Petrinum wächst das Gras. Niemand ist (mehr) am Sand.

Geschrieben von marxelinho am 10. Oktober 2018.

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Jörg (am 11. Oktober 2018)

Den Zusammenhang von Fussball und Autobiographie finde ich einleuchtend, Dein Fragment habe ich gern gelesen. Wonach ich suche, das sind vielleicht Fragmente einer Poetik der Fußball-Erfahrung, wo sicher auch fussball-autobiographische Fragmente ihren Platz haben, wenn auch möglicherweise eher am Rande. Es gibt zwar so etwas wie z.B. Gebauers Poetik des Fussballs, aber momentan würde ich nicht die Zeit aufbringen wollen, das zu lesen. Hast Du? Der Abstraktionsgrad solcher Texte steht für mich zu sehr im Gegensatz zum Fan-Dasein. Es könnte also sein, dass ich im Grunde genommen hinter einer nicht verallgemeinerbaren Poetik der Fussball-Erfahrung des Hertha-Fans her bin, gern fragmentarisch und gern sehr zeitbezogen, mit geringer Halbwertszeit.
marxelinho (am 14. Oktober 2018)

Das Buch von Gebauer habe ich nie gelesen. Aber der Zusammenhang von Fanerinnerung und Autobiographie liegt natürlich auf der Hand, und interessiert mich sehr. Auch und gerade, was das Leben in Berlin anlangt.
29. September 2018

Somebody to Love

Der gestrige Tag stand bei mir im Zeichen von Freddie Mercury. Am Vormittag gab es eine Pressevorführung von Bohemian Rhapsody, dem Film über das Leben des Sängers von Queen. Ich gehöre auch zu der Altersgruppe, die mit den Hits der englischen Band groß geworden sind, und so hatte ich dann den ganzen Tag hindurch noch die ganzen Songs im Kopf. We Will Rock You!

Bevor ich dann am Abend ins Olympiastadion aufbrach, wollte ich noch eins konzentriert hören, ich entschied mich für Somebody to Love, und mit dieser großen Nummer im Ohr kam ich dann zum Spiel gegen den FC Bayern. Das Freitagabendspiel ließ sich schon vor dem Anpiff gut an, das Dicke B läuft jetzt vor der Verlautbarung der Aufstellung (passt dort auch besser hin), die letzten Minuten vor Spielbeginn gehören jetzt wieder der ollen Hertha-Hymne, von der man eines auf jeden Fall sagen kann: sie ist eines der Alleinstellungsmerkmale von Hertha. Dass es sich um einen verschlurften Hadern handelt, für den Freddie Mercury sich vermutlich geniert hätte, ist im Lauf der Jahre zu einer eigenen Pointe geworden.

Dann kam das Spiel, und das hatte auch einige Pointen. Die schönste setzte Ondrej Duda nach Vorarbeit von Lazaro und Kalou und der halben restlichen Mannschaft kurz vor der Pause, mit einem sehenswerten Treffer. An dem damit erreichten Spielstand von 2:0 änderte sich bis zum Ende nichts mehr, für eine überlange Nachspielzeit gab es keinen Anlass, Hertha verteidigte den verdienten Vorsprung in Halbzeit zwei geschickt und mit ein bisschen Glück.

Schon bei der Aufstellung hatte ich ein gutes Gefühl. Dass Mittelstädt für Plattenhardt kam, zeugt an einer weiteren wichtigen Stelle von der flachen Hierarchie im Kader. Die linke Seite war dann gestern deutlich die konservativere, das machte die rechte aber gut wett.

Thomas Kraft vertrat Rune Jarstein einwandfrei - auch das eigentlich eine eigene Geschichte wert, denn Kraft hätte eigentlich Gründe, mit seiner Rolle zu hadern, dann braucht man ihn aber einmal, und er spielt nicht nur souverän, sondern gibt hinterher auch noch ein tolles Interview.

Skjelbred kam für Lustenberger (oder für Grujic, aber diese Lesart würde eben einen Spieler hervorheben, der es zwar sicherlich verdient, aber im besten Sinne vertreten werden kann). Schon im Vorjahr zeigte sich mehrfach, dass Skjelbred mit Maier gut kann, die beiden harmonierten gestern sehr gut.

Das hat sicher auch mit Duda zu tun, der individuell der bisher auffälligste Herthaner in dieser Saison ist, der aber vor allem in seiner taktischen Rolle ein Schlüssel zu den schönen Erlebnissen dieses Herbsts ist. Vorderster Verteidiger, umsichtiger Schließer von Lücken, und (vor dem 1:0 in einer Bewegung zum Ausschneiden) Umschalter und Vertikalisierer.

Die Betreuer verzichteten auch auf eine Pause für den Kapitän, der in diesen Wochen fit und formstark und spielstark wirkt - nach einer Stunde kam dann Selke. Die beiden Oldies Ibisevic und Kalou zahlen Vertrauen derzeit in riesigen Tranchen zurück und gehen auf teils unnachahmliche Weise voran.

Die Bayern waren gestern überwindlich, sie hatten sehr gute Chancen, aber man hatte nie das Gefühl, dass sie Hertha irgendwann anpieksen würden, und dann wäre die Berliner Luft sofort draußen. Lazaro wurde zum Beispiel mehrfach gefährlich überlaufen, aber seine offensiven Beteiligungen überwogen diese Probleme bei weitem - auch deswegen, weil die Innenverteidigung extrem konzentriert arbeitet.

Das gilt auf eine erstaunliche Weise für den ganzen Verein. Hertha hat sich in diesem langen Sommer ein bisschen neu erfunden, dabei aber tatsächlich nur auf die Arbeit dreier Jahre einige entscheidende Facetten draufgesetzt. Pal Dardai erzählt das selbst so, es ist aber gedeckt durch das, was wir auf dem Feld sehen. Meine Leitmetapher habe ich schon neulich einmal gebraucht: Hertha ist im besten Sinn elastisch, die Mannschaft hat Spannkraft, individuell wie als Formation, sie verarbeitet Druck in Bewegung.

Das Ergebnis des perfekten Hahohe-Abends könnte sein, dass Hertha morgen auf Platz 5 in der Tabelle zu einer extrem dichten Spitzengruppe gehört. Zu einer spannenden Liga gehört, dass möglichst viele Teams sich nicht verstecken. Hertha hat in dieser Saison schon bewiesen, dass sie Verantwortung übernimmt - in erster Linie natürlich für sich selbst, aber in weiterer Folge dann auch für einen Spielbetrieb, der in vielerlei Hinsicht unter Druck steht. Wir können ohne Weiteres die Kneipe im Dorf lassen, und doch behaupten: In dem, was Hertha gestern und schon seit August gezeigt hat, steckt eine Menge von dem, was Fußball so großartig macht.

Geschrieben von marxelinho am 29. September 2018.

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Jörg (am 30. September 2018)

Gegen Bremen hat man gesehen, wie die neue Hertha spielt, wenn sie schlecht spielt. Unkonzentriert, fehlerträchtig, mit zu wenig Zug, nachlässig. Das Besondere der neuen Hertha ist zum einen, dass es in jeder Situation viele nach vorn orientierte Anspielmöglichkeiten in der neuen taktischen Variabilität gibt, dass die offensiven Spielzüge einigermaßen sitzen sowie schließlich die neue individuelle Klasse. Gegen Bremen hat das eine Tor von Dilrosun jedoch gezeigt, dass nur die individuelle Klasse allein nicht genügt. Bremen stand besser und ist nicht nur mehr sondern auch besser gelaufen. Um Anspielmöglichkeiten und danach Chancen zu generieren, muss Hertha viel laufen. So wie gegen Bayern. Mit dem Anstoß war ich beeindruckt, als sich die ganzen großen Bayern-Namen mit ihrer für mich auch beeindruckenden Physis wie eine Panzerfront auf den Pfiff hin gemeinsam in Bewegung setzte. Umso glücklicher war ich, als Hertha ganz unbeeindruckt, wie eine Fahrradkavallerie durch die Bayernpanzer hindurch radelte und immer wieder offensive Spielzüge spielen konnte. Am meisten Angst hatte ich um Mittelstädt und Lazaro in der Außenverteidigung. Für mich war das nur eine Frage der Zeit, dass Robben seinen One-Trick-Pony-Trick ansetzt und Mittelstädt düpiert. Oder dass der Ganzmuskelmann Ribery Lazaro ein weiteres Mal überläuft, und dann doch noch jemand eine Lücke in der überragenden Innenverteidigung findet. Aber das Mittelfeld war so gut, dass Bayern am Ende nicht oft genug gefährlich durchkam. Selten habe ich in einem Spiel so häufig ungläubig den Kopf geschüttelt, und ich kann mich nicht erinnern, jemals bei Hertha so eine gute Halbzeit wie die erste gegen Bayern gesehen zu haben.
28. September 2018

Jubel, Dusel, Weiterkeit

Neulich in Wolfsburg lagen nur ein paar Sekunden zwischen der Jubeltraube nach dem Freistoß von Duda und der Ernüchterung nach dem prompten zweiten Gegentreffer. Zwischen dem beglückenden Sieg über Gladbach und dem Anstoß am vergangenen Dienstag in Bremen lagen keine 75 Stunden, auch das eine kurze Spanne, und entsprechend ernüchternd war dann die erste Niederlage in der Saison.

Ich musste mir das Spiel in der Konserve anschauen. 18.30 sollte für die meisten Menschen schon Feierabend sein, für einen Freiberufler wie mich sieht das anders aus - übrigens hatte ich ein wirklich starkes Konkurrenzprogramm: eine Pressevorführung von The House That Jack Built, dem neuen Film von Lars von Trier. Auf dem Heimweg, bei dem mich die BVG wieder einmal zu einem Bummeltrip verurteilten, sah ich dann schon das Resultat und war an dem Abend nicht mehr motiviert, mir das Spiel anzuschauen. Ich sah dann lieber Freiburg dabei zu, wie die Truppe des Rinderbarons ins Leere laufen ließen.

Inzwischen habe ich mir von der Niederlage in Bremen ein Bild gemacht. Das Spiel war alles andere als eindeutig. Wenn Plattenhardt den Elfmeter nicht verursacht, ist ein Ausgleich für Hertha absolut drin. Und es spricht für die veränderte Grundstimmung und auch -konzeption, dass die Mannschaft selbst mit einem 0:2 zur Pause noch absolut im Spiel ist.

Allerdings war das ganze Spiel von engen Situationen geprägt, und in diesen Situationen hatte Bremen sehr oft (und letztlich entscheidend) das bessere Ende. Beim 0:2 ist das deutlich. Der Eckball kommt überhaupt nur zustande, weil Plattenhardt sich (wie mehrmals an diesem Abend) ganz leicht überspielen (überlaufen) lässt. Der Zweikampf im Fünfer ist für meine Begriffe grenzwertig, wurde aber zu Gunsten des Torschützen entschieden. Vergleichbare Momente gab es immer wieder.

Insgesamt fehlte die Balance. Arne Maier rückte eine Position nach vorn, war im Spiel aber häufig zu weit vorn, eine Folge wohl auch der Bremer Raute, die dafür sorgte, dass Hertha keinen Zugriff bekam: Duda, Maier, Plattenhardt, Lazaro und schließlich Lustenberger liefen oft hinterher. Hertha war aber sowieso in den ersten Spielen auch schon nicht unverwundbar, es kamen viele gefährliche Bälle vertikal auf die Viererkette zu. Die vielen Elfmeter sind nicht nur kurios, sondern auch Indizien.

Die Verletzung von Grujic schmerzt mehr, als es uns lieb sein kann. Aber das ist Fußball. So war es schon mit Duda vor zwei Jahren, und so ist es derzeit mit Darida, über den kaum jemand ein Wort verliert in diesen Tagen. Wir freuen uns über einen großartigen Transfer, und Patrick Hermann tritt ihn für eine Weile aus der Liga.

In das Bayern-Spiel heute Abend wird die Mannschaft ernüchtert gehen. Es gibt aber keinen Grund, von vornherein die Waffen zu strecken. Mit Dilrosun und vermutlich Selke gibt es zwei Zielspieler, dazu wird wahrscheinlich Kalou wieder für Verzögerungen und Beschleunigungen sorgen. Ich könnte mir auch vorstellen, dass der Coach Mittelstädt einbaut.

Denkbar wäre diese Formation: Jarstein/Kraft. Rekik - Lustenberger - Stark. Plattenhardt - Duda - Maier - Kalou - Lazaro. Mittelstädt - Selke - Dilrosun. Der Kapitän hat zuletzt stark gespielt, heute wäre die ideale Gelegenheit für eine Pause. Bleibt immer noch ein bisschen die Frage der Balance - was macht man gegen Alaba/Riberty? Vielleicht doch mal wieder mit Pekarik und dafür Kalou opfern? Nur auf Tempo beim Umschalten würde ich nicht setzen. Kalou hat Intuition, das ist gegen Bayern viel wert.

Freitag 20.30 bei Flutlicht hat Hertha das erste von zwei Freispielen. So hätte ich das noch im Vorjahr geschrieben, doch inzwischen bin ich guten Mutes, dass heute eine konkurrenzfähige Mannschaft antreten wird.


Geschrieben von marxelinho am 28. September 2018.

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23. September 2018

Zappadoing!

Wie war das noch mal mit Javairo Dilrosun? Als im Mai dieses Jahres seine Verpflichtung bekannt gegeben wurde, da habe ich nicht genau aufgepasst. Ich war naturgemäß neugierig auf ihn, meinte aber, er wäre wohl auf Leihbasis gekommen. Neulich sah ich aber einmal nach, und stellte fest: der Niederländer mit Wurzeln in Surinam hat in Berlin bis 2022 Vertrag. Und er hat nicht einmal Ablöse gekostet, sondern nur Ausbildungsentschädigung.

Dilrosun ist eine der Geschichten bei Hertha in der frühen Phase dieser Saison. Er gibt einer Mannschaft Profil, die im Vergleich zum Vorjahr kaum wiederzuerkennen ist. Gestern gewann Hertha mit 4:2 gegen Gladbach, es war der Sieg einer Personalplanung, die nun nahtlos in Personalentwicklung weiterzugehen scheint.

Vor einer Woche hat Gladbach den Vizemeister Schalke 04 noch phasenweise schwindlig gespielt. Gestern hatte Hertha die Sache so weit im Griff, dass nur einige wenige vertikale Bälle für Probleme (und naturgemäß einen "weichen" Strafstoß) sorgten, und eine Flanke auf Plea. Und dies, obwohl mit Rekik und Torunarigha zwei defensive Schlüsselspieler fehlen. Lustenberger hat sie tadellos vertreten.

Um ehrlich zu sein, gab es in der zweiten Halbzeit eine Phase, in der ich ein wenig um die Souveränität fürchtete. Mir kam vor, dass Kalou zu wenig zum Spiel beitrug, der innere Feldherrenhügel in mir überlegte schon, ihn auszuwechseln, um den Kontern ein wenig mehr Geschwindigkeit zu geben, zum Beispiel durch Jastrzembski.

Doch dann bekam Kalou rechts einen Ball, mit dem er immer schneller wurde. Und der Kapitän nahm in der Mitte auch Fahrt auf, er schlug diese typischen Strafraumstürmerhaken, die ihn exakt in die Lage brachten, eine wunderbare flache Hereingabe von Kalou zu verwerten. Das war das 3:1 und die Vorentscheidung. Es kam von den Oldies in einer bestens balancierten Mannschaft.

In der Halbzeit hatte ich einen Tweet in die Welt geschickt: Mann der Stunde - Michael Preetz. Jeder Stunde geht eine lange Entwicklung voraus, und Entwicklungen haben es an sich, dass sie nicht zwangsweise in etwas aufgehen müssen. In dem Fall der langfristigen Kaderplanung bei Hertha ist es aber so, dass in diesen Wochen plötzlich vieles zusammenpasst: Duda (kam 2016), Lazaro (2017, seit 2018 fest verpflichtet), Jarstein (2014), Dilrosun (2018), Grujic (2018), Arne Maier (2017, aus der eigenen Nachwuchsarbeit), dazu Stark, Plattenhardt, und vornweg die beiden rüstigen Senioren, die von vornherein den Status einer Übergangslösung hatten. Diesen Status füllen sie jetzt, da ihre Ablösung allmählich wirklich näher rückt, noch einmal großartig aus.

Lazaro gab in Halbzeit eins eine Demonstration seiner Polyvalenz, ein Flügelstürmer, der als Außendecker aushilft (und zwar so, dass Mitchell Weiser nicht eine Sekunde vermisst wird), der dann in der Zentrale einen Move einleitet, den er schließlich im Fünfmeterraum per Kopf abschließt. Flanke von Dilrosun, dazwischen noch Duda, der wiederum ganz andere Qualitäten ins Spiel bringt. Hertha ist super elastisch in dieser bisherigen Hinrunde, mal strafft sich die Mannschaft für kleine Schwingungen, gestern aber gab es sehr schöne Spannungsausschläge: Zappadoing!

Gladbach ist für so ein Spiel naturgemäß ein idealer Gegner, es war ein Spiel zweier Mannschaften, die im Grunde analoge Konzepte hatten, es ging also darum, welche Mannschaft ihres durchsetzen würde. Diese Frage hat Hertha besonders beeindruckend gelöst - das war ein anderer Sieg als der gegen Schalke, es war ein Heimsieg von einem Team, das sich vor nichts drückte. Auch das ein Klassenunterschied zu einer Hertha, die noch vor sechs Monaten oft kaum wusste, wohin mit sich selbst vor eigenem Publikum.

Nun passt vieles zusammen, den Unterschied aber macht ein Spieler wie Dilrosun, der in der Lage ist, Dynamiken zu entfesseln. Er hätte auch andere Optionen gehabt, wir können aber wohl annehmen, dass ein herrlicher Fußballnachmittag wie der gestrige ihm schon gezeigt haben, dass er alles richtig gemacht hat, indem er nach Berlin kam. Wenn er so weitermacht, und die Mannschaft ihn nicht irgendwann wieder hängen lässt, dann ist er ohnehin nur ein Jahr hier, aber Hertha wird viel Geld für ihn bekommen.

Die Alternative ist nach vier Spieltagen noch etwas für die Träume, fällt allerdings schon ein bisschen in die Rubrik konkrete Utopie: Hertha hat in diesem Jahr (auch nach dem Tritt, mit dem Patrick Hermann Grujic schwer verletzt hat) das Personal für eine Geschichte, an der vielleicht auch ein Ausnahmetalent wie Javairo Dilrosun noch ein wenig länger teilnehmen könnte. Zumindest an diesem Sonntag gilt: das spannendste Projekt in der Bundesliga findet zur Zeit in der Hauptstadt statt. Dass ich das einmal schreiben kann ....

Geschrieben von marxelinho am 23. September 2018.

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Jörg (am 23. September 2018)

Große Freude, dass ich das einmal lesen darf: "das spannendste Projekt in der Bundesliga findet zur Zeit in der Hauptstadt statt." Im Spiel hat die Mannschaft nach einer Startaufstellung mit 4-1-4-1 zwischen 4-2-3-1 und 4-3-3 gewechselt, mit einem variablen Grujic, und das Frappierende war, dass gegen die gute Gladbacher Mannschaft mühelos Chance um Chance erspielt wurde. Anfangs raunte man noch: "das rächt sich", als 100%-ige nach 100%-ige vergeben wurde, und tatsächlich wurde gleich, wie um einen Haken dahinter zu machen, der obligatorische Elfer abgeholt. Das war dann aber nur der Anlass, die nötige Entschlossenheit und Fokussiertheit in der Mannschaft zu wecken. Bei Robben ärgert mich der immer gleiche Trick: nach innen ziehen und Torabschluss, Dilrosuns Signatur lässt mein Herz höher schlagen: mit einem Dribbelkunststück den Verteidiger aussteigen lassen, zur Grundlinie, und Pass/Flanke. Auch dass ein rechter Außenverteidiger einen Spielzug initiiert, den er selbst mit einem Kopfballtor abschließt, ist für mich außergewöhnlich. Mein Gefühl ist, dass die Schwächelphase, die es jetzt immer gab in den Spielen, etwas kürzer wird, ohne dass ich mir erklären kann, warum das so ist. Zwei, drei Mal war die 6er-Position im Spiel bei gegnerischem Ballbesitz nicht gut besetzt. Momentan vertraue ich jedoch, dass Dardai den ausgezeichneten Grujic gut ersetzen kann: defensiv mit Skjelbred, Lustenberger, Stark, Luckassen -- oder warum nicht einmal offensiv mit dem jungen Palko?
16. September 2018

Blödness und Cleverheit

Drei Spiele ist die neue Bundesligasaison alt, dreimal hat Hertha schon einen Elfmeter verursacht. In Wolfsburg riss dann auch die noch sehr kleine Serie von Rune Jarstein: gegen Malli fand er zwar die richtige Ecke, hatte aber keine Chance.

Alle drei Elfmeter waren "weich", aber letztlich keine Fehlentscheidungen. Der gegen Wolfburg (und gegen Arne Maier) hatte noch dazu eine Facette, die das videoassistierte Refereeing so kontrovers macht: es wirkt manchmal übermäßig gerecht, denn im Grunde war der Einsatz von Arne Maier mit einem Freistoß genau richtig sanktioniert. Weil er aber exakt auf der Linie stattfand, fiel er gleichsam auf die andere Seite - und das war dann eben eine drakonische Sanktion. Man hatte übrigens den Eindruck, dass Köln (so die gängige Chiffe für die transzendente Instanz) erst durch den Sky-Kommentator aufmerksam wurde, der sich nach mehreren Zeitlupen immer mehr für den Fall interessierte. Sehen die dort das Spiel mit oder ohne Ton? Und mit welchem?

Maximilian Arnold sprach danach von "Cleverness und Blödheit", und zwar in einer eindeutigen Verteilung: Maier sprang blöd auf ihn ein, er fiel clever hin. Da Hertha sich aber in dem Spiel nicht wirklich dumm angestellt hatte, würde ich das insgesamt ein wenig mehr verteilen: das Ergebnis beruhte auf einer Mischung aus Blödness und Cleverheit auf beiden Seiten. Am Ende fielen innerhalb kurzer Zeit drei Tore, da geriet dann das ganze Spiel noch in den Cocktail-Shaker, wobei der Mixer ein salomonisches Temperament hatte. Er ließ ein Spiel, das keinen Sieger nahegelegt hatte, unentschieden ausgehen.

Hertha hätte von der Schlussphase her sicher auch gern drei Punkte mitgenommen. Die erste Halbzeit war aber nicht sonderlich überzeugend gewesen, da fehlte es deutlich an Spielkontrolle, da waren die Rollen zu ungleich verteilt. Wolfsburg war eindeutig die bestimmende Mannschaft, vor allem diagonale Spielzüge fanden bei Hertha nicht immer die nötige Geistesgegenwart. Aber schon in dieser Phase war auch viel von der großartigen Elastizität zu sehen, die in dieser Mannschaft steckt.

Sie wird vor allem durch Grujic verstärkt, der über ein beeindruckendes Register verfügt: er legt sich den Ball auf engem Raum geschickt zurecht, er hat einen bemerkenswerten Antritt, manchmal hat man freilich das Gefühl, dass seine körperliche Stärke (und seine Größe) ihm schneller als Foulspiel ausgelegt wird als bei anderen.

In der zweiten Halbzeit übernahm Hertha dann auch mehr Verantwortung für das eher nur numerische Spitzenspiel. Der Führungstreffer war dann schon verdient, denn Wolfsburg war nicht mehr so dominant. Dilrosun hatte lange gebraucht, bis er in das Spiel fand, sobald es aber einen Raum für ihn gab, nützte er ihn beeindruckend.

Als man schon mit einem 1:1 rechnen mochte, gab es noch zwei Gesprächspunkte. Den ersten setzte Ondrej Duda. Er spielte bei einem Freistoß nämlich mit seinem eigenen Kunstwerk aus der Vorwoche über die Bande. Gegen Schalke hatte er einen Ball aus sehr ähnlicher Lage über die Mauer gezirkelt. Er konnte als damit rechnen, dass die Mauer des VfL Wolfsburg mit einer Wiederholung des Versuchs rechnen würde. So war es dann auch, alle sprangen hoch, Duda schob flach darunter ein. Wenn es Absicht war, und es sah alles danach aus, dann war das ein 100 Prozent cleveres Manöver.

Das Drunter (Duda) und Drüber (Maier) setzte sich dann noch fort. Quasi aus der blauweißen Jubeltraube heraus kam dann noch eine Wolfsburger Flanke in den Hertha-Strafraum, und da setzte sich ausgerechnet Jay Brooks (drüber) gegen Stark (drunter) durch, wodurch Mehmedi gegen Lustenberger zum Zug kam. Da fehlten vielleicht die langen Beine von Jordan Torunarigha, der verletzt ausgeschieden war.

Über 90 Minuten hinweg hatte Hertha aber nicht genug für einen Sieg getan, und so waren schließlich alle zufrieden. Bis auf Arne Maier, der über seinen Mangel an Cleverheit noch ein wenig nachdenken wollte. Nicht zu lange, denn das wäre Blödness. Hertha hat alle Möglichkeiten, sich gedeihlich weiterzuentwickeln. Und wer danach noch Gladbach gegen Schalke sah, weiß nun, dass Hertha am kommenden Samstag schon wieder ein Spitzenspiel bevorsteht.

Geschrieben von marxelinho am 16. September 2018.

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Jörg (am 16. September 2018)

Das Spiel hatte eine großartige und auch pädagogische Dramatik. Anfangs waren die Wolfsburger stärker, auch wenn es für mich so schien, als könne Hertha dem Druck durchaus standhalten. Zudem gab es immer wieder gute Ansätze für Konter, obwohl Wolfsburg gerade einen Lauf hat. In der zweiten Halbzeit wurde Hertha stärker. Torunarigha hat ein großartiges Spiel gemacht. In einer Szene gewann er einen Zweikampf gegen seinen "großen Bruder" Brooks und leitete direkt danach einen Konter ein (auch wenn sein Pass dann nicht zum Mannschaftskollegen kam). Auch das 1:0 durch Dilrosun war großartig, zum Glück hat Hertha einen langfristigen Vertrag mit ihm abgeschlossen. Dass Hertha individuelle Klasse als Stilmittel wieder neu entdecken könnte (wie zu Zeiten eines Deisler, Marcelinho, Pantelic), das wage ich noch kaum zu hoffen, wenn ich Dilrosun sehe. Nach dem langsamen Aufbau der Dramatik ging es dann Schlag auf Schlag. Arnold ist für mich ein sehr guter Spieler, ich würde mir von ihm da aber mehr Fairness als Cleverness wünschen. Selten hat mich ein Tor mehr zum Lachen gebracht als Dudas 2:1 in der direkten Antwort. Die Wolfsburger Mauer löste sich durch ihren kollektiven Sprung in Luft auf, die Schussgeschwindigkeit war gerade schnell genug, um Casteels keine Chance zu lassen, und langsam genug für einen komischen Zeitlupen-Effekt. In diesen Moment des höchsten Amüsements kam dann der ernüchternde Kontrapunkt, wie ein pädagogischer Nachsatz.
Natalie (am 16. September 2018)

Torunarigha ist für unser Spiel wichtig, wie kaum ein anderer. Mit ihm gewinnen wir Spiele, die wir sonst vielleicht nur nicht verlieren. Grundsätzlich ist die Mannschaft eine große Freude. Duda hat schon in 2 Spielen vergnüglich alles wett gemacht, was er bis dahin nicht gezeigt hat. PS: Einfach gleich zu Beginn einen Elfer geben lassen, dann haben wir das schon mal aus dem Kopf.
14. September 2018

Glückliches Gemüt

"Innerlich ruhig" - so hat Pal Dardai in der Pressekonferenz vor dem Auswärtsspiel beim VfL Wolfsburg seine Gemütslage beschrieben. Ich würde fast weiter gehen: er scheint wieder ganz bei sich zu sein. Wie er über (und mit) Per Skjelbred gesprochen hat, wie er immer noch fast väterlich über Jay Brooks spricht, und sich wegen Jordan Torunarigha nicht aus der Reserve locken lässt, wie er über seinen Umgang mit Javairo Dilrosun erzählt - das klingt alles ein wenig anders als in der verkniffenen Saison davor.

Ich deute das so, dass wir da mehr als nur die Gelassenheit nach dem "hochtaktisch" erfochtenen Sieg in Gelsenkirchen bemerken dürfen. Dardai hat sich bisher noch in jedem Jahr über den Sommer hinweg ein bisschen selbst erneuert. Das ist für einen immer noch jungen Trainer, der zugleich schon auf seiner ersten Station der dienstälteste Erstligatrainer ist (Christian Streich wäre in dieser Zählung erst wieder in seiner dritten Erstligasaison), unbedingt erforderlich. Im Vorjahr hat ihn im Lauf der Saison allmählich der Mut verlassen - es wäre hoch interessant, könnte man dazu ein wenig mehr Interna erfahren, welche Rolle dabei die unglücklich verlaufene Teilnahme an der Europa League gespielt hat.

Ich bin auch innerlich ruhig vor dem "Spitzenspiel" in Wolfsburg. Aber ich kann es nicht verhehlen: es kribbelt ziemlich. Hertha ist für meine Begriffe sportlich an einem der interessantesten Punkte seit dem Wiederaufstieg. In dieser langen Phase gab es de facto nur einmal eine Situation, in der Hertha tatsächlich im Begriff war, aus den falschen Selbstverständlichkeiten eines oberflächlichen deficit spendings unter Manager Hoeneß herauszutreten, und sportliche wie finanzielle Verhältnisse auf innovative Weise so zur Deckung zu bringen, dass eine sportliche Perspektive gleichsam aus den eigenen Möglichkeiten heraus entwickelt wird: das war natürlich die Phase unter Lucien Favre, die - durchaus pointiert - das Vermächtnis von Dieter Hoeneß wurde.

Es war ein vergiftetes Vermächtnis, wie sich im entscheidenden Moment erwies, als Favre zu einem aus unserer Sicht falschen Zeitpunkt kapitulierte (seine Gründe waren, nach allem, was wir angedeutet bekamen, mehr als triftig). Die Stichworte von damals sind heute nicht mehr so im Umlauf, aber sie treffen auf den aktuellen Hertha-Kader voll und ganz zu. Favre sprach gern von Polyvalenz, und er ließ einen stark auf Sicherheit bedachten Kombinationsfußball spielen, an den sich Hertha gerade wieder anzunähern scheint. Dabei steht weder ein extremes Pressing oder gar Gegenpressing im Mittelpunkt, sondern stärker das Vermögen, mit jedem Ballgewinn in jeder Situation auf dem Platz spezifische Optionen zum Herausspielen zu haben - es soll jederzeit ein Spielzug möglich sein.

2016/2017 hat Hertha in solchen Situationen viel zu oft abgebrochen, die Gegner wussten dann schon, dass von Hertha ohnehin wenig kommt, und allmählich trocknete die Mannschaft richtiggehend aus. In diesem Jahr haben wir noch viel zu wenig gesehen, um schon Tendenzen zu benennen, aber eines ist bereits hinreichend deutlich: die Erneuerung des Hertha-Spiels hat mit der Neuausrichtung des Zentrums zu tun. Insofern hat Pal Dardai recht, dass es auf Vierer- oder andere Kette nicht so sehr ankommt, wichtig ist, wie die zwei, drei Spieler in der Mitte sich mit den restlichen Produktivzentren in der Mannschaft verbinden.

Idealerweise besteht das Team dann aus vier pulsierenden Teilmengen, die laufend (ganz wörtlich zu verstehen) ineinander übergehen: Torunarigha - Dilrosun - Duda - Tor (drei Teilmengen). Maier - Stark - Kalou - Lazaro - Vedator (alle vier Teilmengen). Mit Dilrosun und dem interessant heranwachsenden Mittelstädt wird die linke Seite selbst für einen Routinier wie Plattenhardt plötzlich wieder zu einer Herausforderung.

Favre sprach damals gern von Polyvalenz. Spieler wie Cicero oder Kacar haben im heutigen Kader wieder Entsprechungen, fast könnte man meinen, dass Michael Preetz, der damals Lehrling war, genau aufgepasst hat und heute ohne große Worte eine sehr favrische Gruppe für Pal Dardai zusammengestellt hat. Favre selbst hatte vielleicht sogar mehr blinde Flecken, als Dardai heute: dass er nie so richtig gesehen hat, wie wertvoll Pantelic war, das schmerzt mich heute noch manchmal.

Aus diesen nur grob skizzierten Vergleichen kommt das wohlige Kribbeln vor den Spielen gegen Wolfsburg und Gladbach: Hertha hat in diesem Jahr vielleicht die besten Voraussetzungen seit 2007, Schritte aus dem Mittelmaß zu machen. Es wird sehr stark von Pal Dardai abhängen, ob er den Mut, den er derzeit mit guten Gründen erkennen lässt ("frech sein"), auch dann fordert, wenn es wieder schwieriger ist. Das Personal, so meine ich, ist absolut vorhanden für eine aufregende Saison.

Schritte aus dem Mittelmaß müssen nicht unbedingt auf einen Platz in den Top 6 führen, dazu ist die Liga insgesamt bis in die Spitze hinein zu mittelmäßig - und auch zu homogen. Was an Ergebnissen und Punkten herauskommt, was das Glück (und die Effizienz, die bei Hertha schon unter Favre sehr wichtig war) so bringen, das ist alles unwägbar - aber Pal Dardai hat vielleicht seit dem Sieg auf Schalke gespürt, dass in der Liga gerade eine Lücke offen ist, in die im Grunde nur die junge alte Dame Hertha wirklich stoßen kann. Vielleicht sogar mit ein bisschen mehr Fantasie als unter Lucien Favre, der immer auch ein (höchst sympathischer) "schwieriger Charakter" war. Pal Dardai hat nicht zuletzt die Gabe eine glücklichen Gemüts. Er darf es sich nur nicht selber verderben.

Geschrieben von marxelinho am 14. September 2018.

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03. September 2018

Elf Doppelrollen

Stille Genugtuung oder laute Begeisterung? Vom Typ her neige ich eher zu der ersteren Reaktion, und so habe ich mich gestern Abend dann einfach ein paar Stunden quasi in mich hinein gefreut über das 2:0 in Gelsenkirchen - ein Ergebnis und eine Leistung, auf die Hertha stolz sein kann, auch wenn sie in der Berichterstattung zumindest auf Sky schon wieder von dieser typischen Verzerrung gekennzeichnet war, dass vor allem das Versagen von Schalke thematisiert wurde, und deutlich weniger die tolle Leistung von Pal Dardais Mannschaft.

Hertha hat der Liga einen Gefallen getan und nicht nur Schalke entzaubert, den Tabellenzweiten aus der Saison davor. Hertha hat auch Hinweise auf einen gesamtheitlichen Fußball gegeben, denn der Sieg beruhte auf einer klugen Defensivleistung, war aber niemals bloß ermauert.

Es gab ja schon aus dem ersten Spiel viele Indizien, dass mit diesem Kader einiges möglich sein könnte. Ein wenig argwöhnisch war ich wegen Pal Dardai: würde er in der Lage sein, seine Alibis hinter sich zu lassen? Letztes Jahr hat er sich allzu oft hinter Transformationsphrasen versteckt und alle Ansprüche zurückgewiesen, dass auch Hertha eine Verantwortung für diese Liga übernehmen muss.

Der Sieg gestern auf Schalke war nicht zuletzt ein Triumph von Pal Dardai und seinem Team, denn er war in jeder Hinsicht auch ercoacht. Das begann mit der Startformation, der Grujic hinzugefügt wurde, in der Duda aber blieb, und wie sich herausstellte, mit einer spielentscheidenden Doppelrolle - oder eigentlich neun bis elf Doppelrollen, denn alle trugen ihren Teil zu beiden Aspekten des Spiels bei. So variabel sind die personellen Möglichkeiten mit der flachen Hierarchie im Hertha-Kader, dass lange Zeit und auch nach dem frühen, verletzungsbedingten Ausscheiden von Rekik gar nicht ganz klar war, ob das nun eine schiefe Formation mit Viererkette, eine Dreierkette mit Siebenerschwamm oder sonstwas war. So elastisch gingen die Priviliegien für einen Freigeist wie Kalou in die kollektive Verantwortung über, dass Duda seine Leistung früh mit dem Führungstor krönen konnte.

Danach machte Hertha es spannend, als wäre es lustvoller, Schalke am ausgestreckten Arm verhungern zu lassen, statt sie einfach zu erlegen. Hertha spielte mit eleganter Flexibilität gegen einen, zugegeben, bald entnervten Gegner. Duda wird heute in den Berichten sicher ausreichend gepriesen werden, hervorzuheben wäre aber auch zum Beispiel Maxi Mittelstädt, der mehrfach unter Druck offensive Miniauflösungen produzierte - Hertha kann sich dieses Jahr aus Zweikämpfen auch anders befreien als mit einem Rückpass. Das hat Arne Maier mit seinen Grundkomeptenzen im Vorjahr eingeführt, es verbreitet sich nun durch die Mannschaft. Grujic korrigierte seinen Fehler, der zu einem Elfer führte (verschossen ausgerechnet von der alten Hertha-Nemesis Caligiuri, auch er gestern entzaubert) mit einer tollen Leistung in einer Position weiter vorn, nachdem Lustenberger für Ibisevic gekommen war. Dilrosun und Mittelstädt (und Torunarigha) harmonieren so hervorragend, dass Plattenhardt um seinen Stammplatz bangen muss. Ich scherze, aber nur halb.

Von Beginn an (also von der frühen Verletzung von Rekik an und nach dem verschossenen Elfer von Schalke) lag ein Hauch von Leipzig über diesem Spiel. Voriges Jahr vor Weihnachten hatte Hertha mit einem Upset bei den Roten Bullen etwas von der gemeinschaftlichen Arbeit und dem Mut gezeigt, der gestern plötzlich ganz normal wirkte. Dabei sind die Unterschiede zur Rückrunde 2018 so eklatant, dass man es eigentlich immer noch nicht ganz glauben mag. Und es war ja auch tatsächlich nur ein Spiel, und gegen einen Gegner, der sich als Luftballon (dem man die Luft auslassen kann) gut anbot. Es war die Berliner Luft, die sich in der Arena breit machte. Und zumindest für den Moment einer Länderspielpause dürfen wir uns daran erfreuen, dass bei Hertha BSC nach einem diskreten Transfersommer eine ganze Menge plötzlich zu stimmen scheint.

Geschrieben von marxelinho am 03. September 2018.

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Lars (am 03. September 2018)

Exakt auf den Punkt gebracht!!! Klasse Bericht! Jarstein ist noch herauszuheben - überragendes Spiel von ihm!
Jörg (am 04. September 2018)

Im Zuge der Festivitäten hat Paul Keuters Abteilung ein sehr schönes Stück Arbeit abgeliefert, finde ich: https://twitter.com/HerthaBSC/status/1036327983588560896 . Dass Kalou da etwas internationalistischen Premier-League-Flavour hineinbringt, das gefällt mir sehr. Dennoch, in meinem persönlichen magischen Fussball-Denken ist das Unken extrem wichtig. Zu viel Freude und Übermut führt bei mir immer zu umso unangenehmeren Abstürzen. Was lief also nicht so gut? Kalou war im Spiel der Jungen zu eigensinnig, hat sich nur halbherzig eingebunden. Ist etwas mit der Aufwärmen-Routine nicht in Ordnung? Warum verletzt sich Rekik nach wenigen Minuten? Grujic (den ich gern weiter, gern auch in der Startformation sehen würde) war nicht richtig auf das Spiel eingestellt, war übermotiviert. Bei Lazaro muss man aufpassen, ob er sich nicht aufreibt, wenn er wirklich immer die ganze rechte Seite beackert. Aber ... das war's, für mich. Jetzt können die Top-Mannschaften der Bundesliga kommen! Wolfsburg!
01. September 2018

Aufleuchten und Heimleuchten

Das torlose Remis gestern Abend zwischen Hannover 96 und dem BVB war hoffentlich noch kein Omen für die gerade gestartete Bundesligasaison. Es passt allerdings deutlich in einen Trend: die Neutralisierungsbemühungen werden immer noch kompetenter, und selbst ein einstmaliges Jagd- und Kreativteam wie die große Borussia beginnt unter Lucien Favre erst einmal mit der Konsolidierung von hinten heraus. Hätte Favre den unproduktiven Delaney durch Götze ersetzt, vielleicht wäre ein wenig mehr Bewegung in die Sache gekommen. Aber auf den Gedanken ist er vermutlich gar nicht gekommen.

Beim Auswärtsspiel in Gelsenkirchen wird Hertha morgen den zweiten Fingerzeig geben, wie sich der Haupstadtclub in diesem Bewerb einzubringen gedenkt. Der Kader wurde diese Woche noch um einen weiteren Leihspieler ergänzt: Derrick Luckassen wurde für ein Jahr von PSV Eindhoven ausgeliehen. In dem Organigramm, mit dem Michael Preetz arbeitet, war er die letzte Planstelle: ein Mann, der Niklas Stark durch Konkurrenz inspirieren und zugleich andere Optionen bieten soll, zum Beispiel rechts oder im defensiven Mittelfeld, wo es für Skjelbred und auch Lustenberger allmählich doch sehr deutlich nach Abschiedssaison aussieht.

Die Frage ist, was Hertha aus diesem hochinteressanten Angebot an Perspektivspielern macht. Nach dem Spiel gegen Nürnberg war ich sehr positiv gestimmt, peripheres Nachdenken während der Woche hat die Sache dann ein wenig zurechtgerückt. Es wird ganz entscheidend darauf ankommen, ob Pal Dardai dieses Jahr ein wenig von seinem Porzellankistendenken abrückt. Wenn nicht alles täuscht, war aber schon die zweiten Halbzeit gegen Nürnberg ein Hinweis darauf, dass er weiterhin eher auf Abwarten setzt.

Nun erwartet niemand, dass Hertha mit fliegenden Fahnen ins Verderben läuft. Hannover hat nicht nur gestern, schon in der Vorsaison gezeigt, dass die Liga nicht nur in der Tabelle, sondern nicht zuletzt auf dem Platz extrem eng geworden ist. Es kommt also darauf an, wie und in welchen Momenten Teams ins Risiko gehen können, ohne dabei die Defensive zu entblößen.

Die neue Formation auf Grundlage einer Dreierkette, mit zwei zentralen Umschaltspielern vor der Abwehr und mit zwei gut abgestimmten Außenlinienpaaren (aus denen jeweils einer in den Halbräumen für Anknüpfungen sorgt) bietet für ein sorgfältiges Offensivspiel exzellente Möglichkeiten. Aber auch da kommt es sehr darauf an, die Möglichkeiten zu erspüren - immerhin hat die Mannschaft vor allem in der ersten Halbzeit gegen Nürnberg angedeutet, dass sie Spielzüge auf Lager hat.

Hertha wird aber nur dann eine gute Saison spielen können, wenn mehrere Spieler sich individuell steigern können. Im Vorjahr gelang der 10. Platz, obwohl es nur ganz wenige solcher Entwicklungen gab: Arne Maier, weil er bei Null begann, Kalou, weil von ihm eigentlich nicht mehr so viel zu erwarten war, Selke, weil er aus einem gebrauchten Jahr bei Leipzig und nach schwierigen Verletzungen immer wieder zurückkam.

In diesem Jahr gibt es Kandidaten, die für Leistungssteigerungen designiert sind: unter den Neuen könnte vor allem Grujic interessant werden, er konkurriert allerdings mit Duda, und irgendwann vielleicht auch wieder mit Darida, dessen Karriere bei Hertha allmählich tragische Züge bekommt. Auf dem linken Flügel ist Maxi Mittelstädt bisher noch eher ein Konsolidierungsspieler, manchmal frage ich mich, ob es nicht von vornherein gescheiter wäre, Plattenhardt vor ihm spielen zu lassen - als den eigentlichen Winger. Aktuell ist die heißeste Kapitalanlage von Hertha allerdings verletzt, es könnte gut sein, dass Pal Dardai für Sonntag zu einer Viererkette zurückkehrt.

Jastrzmembski könnte sich näher an der ersten Elf etablieren, als sein Alter es annehmen lassen würde. Bei all dem wird es aber immer davon abhängen, ob der Coach ein bisschen mehr will als nur irgendwie durch das Jahr zu kommen. Hertha hat das Personal für eine spielende Mannschaft - im Zweifelsfall ist Ballbesitz ja auch die bessere Kompaktheit. Die Arbeit von Favre in Dortmund deutet darauf hin, dass die Ligateams einander immer noch ähnlicher werden, umso stärker kommt es darauf an, Individualitäten zu kultivieren, also Spieler aus dem Sicherheitsbedenken zu befreien, indem man ihnen gute Absicherung, aber auch gute Optionen für ihre Ideen gibt.

Die Art und Weise, wie Michael Preetz den Kader gestaltet hat, weist eigentlich genau in diese Richtung. Kein einziger Neuzugang ist ein Gamechanger, aber alle sind intensiv vernetzbar - es leuchten gleichsam, wie bei diesem Brettspiel Elektrokontakt, die möglichen Verbindungslinien auf, und es ist nun an den Betreuern, aus Hertha ein Team zu machen, das mit kleinen, klugen Bewegungen für Räume sorgt. Vermutlich werden Kontertore noch seltener werden, Führungstreffer werden noch wichtiger werden, das sind alles Tendenzen, die der Kader von Manager Preetz im Ansatz schon berücksichtigt, wie mir scheinen will.

Weil es dadurch immer noch wichtiger wird, wie einzelne Spieler einzelne Situationen lösen, wie sich die Zweikampfwüsten wieder begrünen (beblauweißen) lassen, die sich in der Bundesliga ausbreiten, liegt die Aufgabe von Pal Dardai nicht zuletzt im mentalen Bereich. Er darf, ich wiederhole mich, keine Kultur der Ausrede zulassen. Im Vorjahr war er selber der Vorsprecher dieser Kultur. In diesem Jahr sollte er zum Verfechter einer Courage werden, die zur Absicherung nichts anderes braucht als eine Mannschaft, die ihren eigenen Mut besonnen verteidigt.

Geschrieben von marxelinho am 01. September 2018.

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29. August 2018

Rätselhaftes Charisma

Die Woche bei Arsenal steht im Zeichen der Gerüchte um Mesut Özil. Mit einem 3:1 über West Ham hat die Mannschaft am Samstag zumindest das Allernotwendigste geschafft, um Unai Emery nicht jetzt schon in gröbere Schwierigkeiten geraten zu lassen. Özil war nicht im Kader, ein brasilianischer Journalist behauptet, es hätte einen Eklat während der Trainingswoche gegeben. Emery dementierte naturgemäß, sprach vage von einem Katarrh, ließ aber auch durchblicken, dass Özil wohl auf der Bank begonnen hätte.

Die Sache hat zwei Aspekte: einen persönlichen, und einen taktischen. Die beiden hängen wohl auch zusammen. Gegen West Ham spielte Aaron Ramsey auf der zentralen Offensivposition, die Özil eigentlich für sich reklamiert - oder für die er am besten geeignet ist. Gegen Chelsea wurde dieser Wechsel auch schon vollzogen, dort während des Spiels, als Özil ziemlich früh ausgetauscht wurde.

Ramsey soll bei Arsenal verlängern, ist im letzten Vertragsjahr, und zögert mit einer Unterschrift. Emery möchte ihn offensichtlich behalten, und baut ihn nicht nur zum Führungsspieler auf, sondern sogar zum Spielmacher. Gegen West Ham sah das gar nicht schlecht aus. Die Personalie hat aber auch damit zu tun, dass Ramseys bisheriger Platz nun besetzt ist, weil Arsenal mit Torreira und Guendouzi zwei Spieler für das defensive Mittelfeld gekauft hat, und dann ist da ja auch noch Xhaka. Ramsey muss also nach vorne rücken.

Bisher probiert Emery da noch ziemlich herum, wie sich das Puzzle am besten lösen lässt. Offensiv wird das allmählich interessant, vor allem, nachdem Lacazette noch dazu kam, und Aubameyang aus dem Sturmzentrum in eine flexible Rolle wechselte. Das dritte Tor erzielte dann sogar Danny Welbeck, ein weiterer Stürmer.

Insgesamt aber das das Heimspiel gegen West Ham aus wie ein typisches Spiel unter Arsene Wenger: es war gekennzeichnet von einer dramatisch porösen Überlegenheit. Dabei ist schwer zu sagen, wieviel davon einfach individuelle Begriffsstutzigkeit ist (Mkhitaryan ist defensiv sicher kein Bollwerk, Bellerin wirkt oft desorientiert, und Xhaka fehlt im Stellungsspiel einfach fast jegliche Intuition), und wieviel mangelnde Planung. Mit Sokratis und Mustafi im Zentrum und mit den noch nicht justierten Kräften Guendouzi, Torreira und Xhaka davor bietet Arsenal derzeit auf jeden Fall noch viel Anschauungsmaterial für Fehler beim gemeinsamen Verteidigen.

Der persönliche Aspekt spielt bei der Causa Özil sicher auch eine große Rolle. Er kam aus seinem Sommerurlaub mit dem Paukenschlag des Rücktritts aus der Nationalelf zurück, wurde von Arsenal in Singapur auch offensiv vermarktet, und Emery erklärte ihn zu einem der Kapitäne für die Saison. In den beiden ersten Spielen gegen Manchester City und Chelsea zog er dann sofort wieder die Kritik auf sich, die ihm nun einmal schon tonnenschwer nachhängt: dass sich keine Mannschaft an ihm aufrichten kann.

Es ist tatsächlich ein rätselhaftes Charisma, das ihm eignet. Die ungeheure Popularität in den digitalen Netzwerken scheint seine Introvertiertheit noch zu verstärken. Dort ist er ja eine Kunstfigur, eine gescriptete Realität. Mir kommt allerdings vor, dass seine Ausstrahlung eben viel mit der latenten Melancholie zu tun hat. Ich muss immer an Buster Keaton denken, wenn ich Özil sehe. Auf dem Platz scheint er auch immer vor allem mit sich selbst beschäftigt. Wenn es gut läuft, erkennt man dann aber doch, dass er lebendig ist, wenn es nicht so gut läuft, richtet sich sein Blick ins Leere.

Arsenal könnte seine aktuellen Probleme vermutlich auch ohne Özil lösen. Ob sich die Mannschaft überhaupt noch einmal einen Nimbus erarbeiten kann, hängt nicht entscheidend von ihm ab. Er hat einen Vertrag, wie ihn nur ein unersetzbarer Spieler bekommt, aber vorerst ist es ihm nicht gelungen, diese Position zu rechtfertigen. Jetzt bin ich klarerweise höchst gespannt, wie sich die Sache bis Sonntag weiterentwickeln wird: dann spielt Arsenal in Cardiff.

Geschrieben von marxelinho am 29. August 2018.

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