26. September 2020

Entfremdung beim zweiten Date

Gestern wurde im Olympiastadion wieder gesungen. Es waren zwar bloß 4000 Fans zugelassen, aber die Ostkurve verbreitete doch eine Andeutung von klassischem Support in schwierigen Tagen (eine Menge Speichel wird auch geflogen sein durch die nun schon herbstliche Luft). Das Spiel war dann aber danach, die ohnehin immer stark bemühte Ironie des "Wir holn die Meisterschaft" schnell wieder zu verstauen. Maske der Besonnenheit drüber.

Hertha verlor gegen Eintracht Frankfurt vollkommen verdient und folgerichtig mit 1:3. Und der Prozess des Kennenlernens, der mit einer neuen Saison immer einher geht, brachte schon am zweiten Tag (beim zweiten Date, würden wir Fans sagen) eine merkliche Entfremdung. Was ist das eigentlich für eine Mannschaft, der wir da folgen?

Nun, es ist eine Mannschaft, die doch deutliche Zeichen jener Disruption zeigt, von der Hertha sich seit Windhorst den Erfolg verspricht. "Wir haben jetzt Geld", dieser Satz von Aufsichtsrat Torsten Jörn-Klein, von den DAZN-Schnipslern zu einem Slogan hervorgehoben, steckt der Mannschaft nicht in den Knochen, aber doch als Fragezeichen im System.

Hertha hat zweifellos jetzt Spieler für etwas Besonderes. Aber von einem Plan war nicht viel zu sehen. Die Eintracht war organisiert, Hertha hoffte auf Inspiration. Man könnte jetzt länger über Boyata schreiben, aber der neue Kapitän war immer schon ein solider Innenverteidiger mit einem Hang zum Ungestümen. Also im Grunde keine Idealbesetzung, sondern ein akzeptabler Kompromiss.

Der systemische Ansatzpunkt für eine schwache Leistung vor allem in Halbzeit eins ist aber dort zu suchen, wo Hertha trotz vieler Millionen eine Lücke im Kader gelassen hat. In dem Dreieck, das zu Beginn von Stark, Tousart und Darida besetzt wurde. Der Franzose ist immerhin die teuerste Verstärkung, die Hertha sich jemals geleistet hat. Es ist natürlich noch zu früh für eine Einschätzung, gestern war er einer der unglücklichen Akteure (gegen Braunschweig war er weitgehend unsichtbar, gegen Bremen lief es für ihn okay).

Wichtig ist aber eines: Hertha hat viel Geld ausgegeben, 10 Millionen für den momentan schon fast wieder vergessenen Ascasibar, 25 Millionen für Tousart, selbst die längst obsoleten 7 Millionen für Löwen zählen da noch dazu, ohne dabei eine wesentliche Aufgabe wirklich zu lösen: nämlich einen Sechser zu finden, der sowohl Bälle anfängt, erobert, als auch mehr als nur schematisch verteilt. Niklas Stark spielt die Position meistens zu neutral, gegen die Eintracht blieb das ganze Mittelfeld radikal unproduktiv, bis auf zwei lange Bälle von Arne Maier, der zum Pechvogel des Spiels wurde, weil er sich nach seiner Einwechslung zur Pause bald verletzte. Hertha hat einige potentielle Achter, aber weiterhin keinen unumstrittenen Sechser.

Gestern war das Zentrum defensiv wie offensiv neben der Rolle, was sich in dem dritten Frankfurter Treffer durch Rode (und dem beträchtlichen Freiraum, den er dabei hatte) dann auch konkret manifestierte. Man kann das als Tagesform oder als ungenügende Einstellung verbuchen. Man kann es aber auch mit einer Veränderung der Club-Strategie in Zusammenhang bringen. Die Winter-Transferphase, also die erste mit den Windhorst-Millionen (und mit dessen Leuten: Arne Friedrich und, damals, Klinsmann) erweist sich nun als Hypothek. Denn der Integration von Tousart, der als Trophäe natürlich spielen muss, wird nun vieles untergeordnet: nicht zum Besten der Organisation, wie zu sehen war.

Cunha ist natürlich eine Bereicherung, und an guten Tagen kann er Fußball zu einem Fest machen. Er bringt aber auch eine Anarchie in die Formation, für die Hertha dann doch nicht die Spieler hat, zumal nicht, wenn ein Hoffnungsträger wie Mittelstädt unter Form spielt. Frankfurt hatte gestern in allen Bereichen Spieler, von denen individuell kaum jemand herausragt, aber man sah eine organisch gewachsene Einheit. Ein funktionales Ensemble.

Man spricht heute gern von Disruption, wenn es um die großen Sprünge wirtschaftlichen Erfolgs geht. Neue Phänomene, die unseren Alltag komplett umdrehen. Im Fußball steht Hertha derzeit für eine Logik der Disruption: einen Weg, der sich nicht mehr in Schritten, sondern in Sprüngen vollziehen soll (auch wenn die Rhetorik natürlich das Gegenteil beschwört). Für den Augenblick aber haben wir nicht mehr als die trivialste Form von Disruption: eine unberechenbare Mannschaft.

Geschrieben von marxelinho am 26. September 2020.

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20. September 2020

Flexibles Eckenverhältnis

Ironie war bisher nicht unter den Qualitäten, die man mit Bruno Labbadia verbindet. Er präsentiert sich bevorzugt als nüchterner Verfechter eines funktionalen Fußballs. Er steht weniger für einen Stil als für eine Haltung, und selbst diese Haltung ist nicht sonderlich spezifisch: er sucht halt auch irgendwie nach der Balance zwischen Kompaktheit und Kreativität, die den heutigen Fußball zunehmend mehr zu einem Planspiel mit gelegentlichen Momenten der Unberechenbarkeit machen.

Mit Ironie hatte es denn auch nichts zu tun, dass Labbadia gestern Hertha in Bremen so aufstellte, dass man dabei an ein berühmtes Stilistikum von Werder denken konnte: sie selige Raute aus den Tagen von Baumann, Micoud, Ernst und Lisztes. Stark, Darida, Tousart und Cunha waren gestern entsprechend angeordnet, wobei man natürlich gleich fragen kann, ob man mit Cunha überhaupt etwas anordnen kann, gar etwas geometrisches. Hertha hatte gestern ein Eckenverhältnis, denn eine Raute besteht nun einmal aus Linien und Ecken, blieb aber flexibel.

40 Minuten lang war das auch weitgehend belanglos, weil sich da zwei noch wenig orientierte Bundesligisten miteinander abplagten. Dann ging Hertha aber mit einem Treffer in Führung, der im besten Sinn Ausdruck von Taktik war: Denn es war Tousart, der in der Formation die halblinke Position vor Stark versah, der in einer noch wenig gefährlichen Situation den Ball bekam. Er spielte einen kurzen Pass, der an sich eher Alibicharakter hatte, es war auch der orthodoxe, es war wirklich Fußball nach Plan, zugleich aber passte die Dosierung genau, und vor allem passte die Dynamik von Mittelstädt, der erstens zur Stelle war, und zweitens eine perfekte Hereingabe produzierte, flach und scharf und eine gute Chance für Piatek, der sich zentral um eine Verwertung bemühte. Auf den Mittelstürmer konzentrierten sich auf die Bremer Defensiven, den Ball verfehlten aber alle bis auf Pekarik, der auf der anderen Seite noch ein bisschen weiter vorn angekommen war als sein Pendant Mittelstädt.

Das ist ja auch ein Aspekt der Geometrie der Raute: Die Außenverteidiger haben einige Meter zu bewältigen. Der Führungstreffer von Hertha hatte etwas Schematisches, und damit eine beträchtliche Schönheit. Und Labbadia, der sein Fußballideal sicher auch in einem Cunha, Cordoba oder Lukebakio realisiert sieht, hatte ein Geschenk von dem Spieler bekommen, mit dem er sich offensichtlich besonders stark identifiziert: von dem ehrlichen Fußballarbeiter Peter Pekarik, der selbst mit seinem Undercut noch nach Kleingewerbeverband aussieht und nicht nach Stammeskrieger.

Das Tor ordnete das Spiel. Es gehörte fortan Hertha, was sich noch vor der Pause bestätigte, indem die Raute eine kleine Inversion produzierte: einem Ballgewinn durch Cunha ließ Darida einen exzellenten Pass auf Lukebakio folgen. Der war zu diesem Zeitpunkt der linke Stürmer in einem 4-4-2 und wählte für den Abschluss konsequenterweise das kurze Eck und eine Granate.

Es war nicht zuletzt Labbadia selbst, der zuletzt mehrfach auf eine unausgewogene Vorbereitung und eine unfertige Mannschaft hingewiesen hatte. Nach der Pokalpleite gegen Braunschweig ging Hertha also schon mit einer kleinen Negativ-Folklore in das erste Ligawochenende. Nach dem 4:1 von gestern muss man sicher auch das beträchtliche Bremer Unvermögen erwähnen: Hertha hätte sich über 90 Minuten schon sehr dumm anstellen müssen, das Spiel nicht zu gewinnen.

Aber die Form des Sieges hatte dann doch auch noch etwas Zeichenhaftes: die Mannschaft ist eben nicht nur das Investorenprodukt, das sie durch die Verstärkungen (Tousart, Cunha, Cordoba) zweifellos auch ist. Sie ist auch das Produkt der inzwischen langfristigen Arbeit von Manager Preetz (Pekarik, Boyata, Stark, Darida, Lukebakio), und sie ist das Produkt einer hausinternen Entwicklungsabteilung: Torunarigha und vor allem der kontinuierlich lernwillige Mittelstädt.

Labbadia hat also nur behauptet, er hätte keine Mannschaft. Und er hat es wahrscheinlich sogar so gemeint, ganz ohne Ironie. Er war sich vermutlich selbst nicht sicher. Gestern hat sich Hertha aber als interessantes Team geoutet – oder: gerautet.

Geschrieben von marxelinho am 20. September 2020.

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13. September 2020

Heiterer Himmel

Der Arsenal FC hatte - gemeinsam mit Aufsteiger Fulham - die Ehre, die neue Premier League-Saison zu eröffnen: Samstagmittag in Craven Cottage, ohne Publikum. Es wurde ein souveräner 3:0-Sieg. Nach einem sehr merkwürdigen Sommer war das ein Zeichen dafür, dass Mikel Arteta nicht nur die Mannschaft, sondern bis zu einem gewissen Grad den ganzen Club neu ausrichtet.

Die Beförderung vom Head Coach zum Team Manager brachte das auch deutlich zum Ausdruck. Merkwürdig war der (kurze) Sommer, weil eine Weile ganz und gar nicht klar war, ob es einen plausiblen Plan für Verstärkungen gab. Zu diesem Zeitpunkt war allenfalls klar, dass Willian von Chelsea kommen würde - ein relativ hoch bezahlter 32Jähriger, der noch dazu von Kia Joorabchian vertreten wird. Das ist der Agent, dem zu diesem Zeitpunkt ein ungebührlich hoher Einfluss auf die Kaderplanung bei Arsenal nachgesagt wurde.

In diesen Tagen, in denen auch der Name Coutinho immer wieder fiel, konnte man beinahe den Eindruck gewinnen, dass die Arsenal-Spitze (Sportdirektor Edu und Sportmanager Raul Sanllehi) den Verein eher nach Gutdünken führten als mit einem klaren Plan. Der Hinauswurf wichtiger Scouts sorgte auch für Argwohn - nachdem Sanllehi früher ja auch schon den Kaderplaner Sven Mislintat beseitigt hatte.

Dann wurde aber Mitte August aus heiterem Himmel die Trennung von Sanllehi bekannt gegeben. Gründe wurden nicht genannt, allerdings hieß es einige Tage davor, dass die Verpflichtung von Pepe im Sommer 2019 "untersucht" wurde. Arsenal zahlte damals 72 Millionen Pfund für einen Offensivspieler, der im ersten Jahr große Anpassungsschwierigkeiten hatte. Und nun sollte mit Willian jemand wieder vor allem für diese Position kommen.

Die zweite Arsenal-Verpflichtung in diesem Sommer war gestern dann gleich zu sehen: Gabriel Magalhaes, ein Innenverteidiger, der für eine Zusammenarbeit mit William Saliba designiert ist. Für diese Position hatte Arsenal zwar kurz davor auch noch Pablo Mari gekauft, der aber zur Zeit verletzt ist, und auch nicht viel kostete. Dennoch, so richtig nach überlegtem Handeln sah das alles nicht aus.

Im letzten Saisonspiel gewann Arsenal schließlich den FA Cup und sicherte sich damit die Europa-League-Teilnahme. Trotz Platz 8 in der Premier League-Tabelle 2020 hinterließ die Saison damit einen gewissen Optimismus. Und gestern gegen Fulham gab es tatsächlich mehrere positive Indizien.

Am wichtigsten würde ich den Umstand nehmen, dass die Mannschaft neunzig Minuten lang hochkonzentriert wirkte und jederzeit zu wissen schien, was zu tun war. Das große Problem unter Arsene Wenger war ja sein naiver Glaube an das Vermögen begabter Spieler, die Aufgabe auf dem Platz schon irgendwie lösen zu können. Es zeigt sich aber immer wieder, dass Mannschaften umso besser funktionieren, je mehr sie instruiert sind. Arsenal unter Arteta ist eine sehr klar erkennbare Funktionseinheit.

Mit folgenden Modulen: ein spielstarker Torhüter, der mit der Dreierkette hinten keinerlei Scheu hat, auch unter Druck in und um den Sechzehner klare Pässe zu spielen, sodass Arsenal nun tatsächlich von hinten herauskommt. Unter Emery war das fast schon neurotisch gewesen, wie sehr die Spieler in solchen Momenten Panik schoben. Nun haben sie die Ruhe. Bellerin und Maitland-Niles spielen die Außenläufer, im Zentrum spielte gestern Elneny neben Xhaka. Vorne dann Lacazette als erster Presser, flankiert von Aubameyang und Willian.

Das dritte Tor trug dann schon Züge eines Trademark Moves: Willian spielt von ganz rechts aus dem offensiven Halbfeld einen langen Querpass zu Aubameyang, der von links zum Sechzehner zieht und mit einem Schlenzer abschließt. Saka hatte ihm zuletzt im Community Shield einen fast identischen Treffer ermöglicht.

Mit Özil ist das Tischtuch offensichtlich zerschnitten. Er wird noch bis Ende Juni 2021 seinen hochdotierten Vertrag behalten, aber nicht mehr spielen. Es sieht nicht danach aus, dass er sich zu einer anderen Lösung bereit erklärt, und zwingen kann man ihn nicht. Arsenal wird also noch ein weiteres Jahr sehr hohe Personalkosten haben, da wird eine Neustrukturierung wohl erst dann beginnen können.

Das heißt auch, dass der verhasste amerikanische Eigentümer Stan Kroenke offensichtlich diesen Sommer etwas zuschießt. Das aber könnte wieder mit der überzeugenden Arbeit von Arteta zu tun haben.

Geschrieben von marxelinho am 13. September 2020.

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12. September 2020

Weichkäse

Hertha BSC hat die neue Pflichtspielsaison mit einer Big-City-Ladung Absurdität eröffnet. In dem Pokalspiel bei Eintracht Braunschweig sah es lange Zeit so aus, als könnte eigentlich nichts schiefgehen, abgesehen davon, dass dauernd etwas schief ging. Während wir dann um die 60. Minute vor allem mit der Frage beschäftigt waren, wie Petr Pekarik in den gegnerischen Fünfer geraten war (er traf zum 3:3), zeigte sich gleich darauf auf der anderen Seite die fundamentale Tatsache des Spiels: Hertha hatte es nie unter Kontrolle.

Der dreifache Torschütze Kobylanski fand vor dem Sechzehner einen absurden Freiraum vor, in den er von seinem Kollegen Kaufmann (einseitiges Kopfballduell mit Plattenhardt) den Ball für einen sehenswerten Schuss geliefert bekam. Eine Art Verschärfung des Freistoßtreffers aus der 2. Minute, der auch schon nicht ohne war.

Kurz darauf folgte eine Szene, die vor allem zu Fragen inspiriert, an welchem Punkt die Karriere von Niklas Stark die falsche Abzweigung genommen hat. Wobei Braunschweig da die Freiräume im Zentrum schon zu Anwandlungen von einem gelben Ballett nützte: für die kokette Weiterleitung von Ben Balla auf Abdullahi hatte es ein paar Minuten davor schon eine Probe gegeben. Der neue Keeper Schwolow, der einen wenig erfreulichen Abend hatte, trug mit einer kurzen Unentschlossenheit beim Herauslaufen wahrscheinlich zu Starks unglücklicher Figur bei.

Am Ende war es die ganze Hertha, die in dieser Figur verewigt wird: das 4:5 ist nun ein Fall für die Geschichtsbücher. Selbst für die Verhältnisse des DFB-Pokals war das ein spektakuläres Spiel.

Es stand im Zeichen der Ungewissheit, die Hertha durch negative Ergebnisse in den Vorbereitungsspielen, durch kaum zu ignorierende Medienberichte und schließlich auch durch die Aussagen von Bruno Labbadia herauf beschworen hatte. Dass mit Stark (Zweikampfquote: 33 %) und Rekik (25%!) nicht die erste Innenverteidigung vor dem neuen Torhüter antreten musste, erwies sich dann tatsächlich als Problem. Spielentscheidend war aber das zentrale Mittelfeld. Dort hatte Hertha nie das Kommando.

An dem neuen Mann Lucas Tousart lief das Spiel für meine Begriffe weitgehend vorbei. Er war aber auch in einer originellen Formation aufgeboten worden, nominell neben Mittelstädt, der seine Aufgaben aber sehr freigeistig versah, vom Ballabholen zwischen Stark und Rekik bis zu Abschlüssen auf der anderen Seite. Da auch Darida sehr viel diagonal driftete, und Lukebakio, Cunha und der lange Zeit überraschend produktive Leckie originell in viele Räume gingen, sah Hertha offensiv immer ziemlich gut aus.

Braunschweig aber hatte dadurch eine Menge Räume, in die sie ihrerseits mit großem Geschick gingen. Das war schon eine sehr gute Leistung von der Mannschaft von Daniel Meyer, ermöglicht allerdings eben dadurch, dass Hertha ein absurdes Gegenteil von kompakt war. Porös? La ricotta?

Labbadia hat im Mittelfeld viele Optionen. Maier kam nur für ein paar Minuten, selbst Stark ist auf der 6 besser als in der Innenverteidigung. Tousart ist aber natürlich als Königstransfer gesetzt - wie er sich zurechtfindet, davon wird in den nächsten Wochen viel abhängen bei Hertha. Nach einer Autorität, an der sich ein labiler Defensivkomplex aufrichten kann, sah er noch nicht aus.

Ein kleiner Stecker ist der Saison gestern schon mal gezogen worden. Ich habe mich entschieden, sie nach Möglichkeit als normale Saison zu betrachten, obwohl davon natürlich im Grunde keine Rede sein kann. Andererseits war das, was gestern alles absurd war, alles strikt Fußball. Und das ist viel besser als kein Fußball.

Geschrieben von marxelinho am 12. September 2020.

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06. August 2020

Prahlrechte

Die Verpflichtung von Alexander Schwolow durch Hertha BSC kann man naturgemäß so oder so sehen. Die einen freuen sich über eine vielversprechende neue Nummer 1 im besten Alter. Die anderen ärgern sich, dass ein vielversprechender Tormann im besten Alter nicht bei dem wichtigsten Verein der Welt unterschrieben hat (ihrem), sondern bei einem Konkurrenten, der im Moment finanziell und vielleicht sogar sportlich (ein bisschen) besser dasteht.

In meinem Twitter-Feed tauchten jedenfalls neulich ein paar unhöfliche Bemerkungen über Hertha und das Geld auf, dann wurde ich von einem Schalke-Fan blockiert, dem ich eigentlich gar nicht folgen wollte. Ich hatte mich zu einer Replik hinreißen lassen, die tatsächlich nicht ganz adäquat war: ich hatte darauf hingewiesen, dass Schalke seit 2007 von Gazprom gesponsert wird, was meiner Meinung nach Kritik an dem Investment von Windhorst bei Hertha zumindest zum Teil aufwiegt.

Ich möchte allerdings gar nichts aufwiegen. Mich interessiert, wie Erfolg zustandekommt, und ich freue mich über Erfolge mehr, die auch den Ansprüche genügen, die man in anderer als bloß sportlicher Hinsicht haben könnten. Da passt es leider derzeit weder bei Hertha noch bei Schalke optimal.

Schalke hat sich schon 2007 nicht zuletzt über Vermittlung des Tierschlachtungsindustriellen Tönnies mit Gazprom eingelassen, einem staatsnahen Unternehmen aus einem Staat, der in den Jahren danach intensiv daran gearbeitet hat, die auch in besseren Zeiten notdürftige "regelbasierte Ordnung" (Angela Merkel) der Staatengemeinschaft auszuhöhlen und zu verlassen. Russland ist heute ein destruktiver Pariastaat, und Gazprom hilft auch auf den Trikots von Schalke dabei, das zu beschönigen.

Hertha BSC wiederum hat die Umgehung der auch in besseren Zeiten notdürftigen 50+1-Regel für Clubs in der deutschen Bundesliga umgangen, indem man inzwischen 66,6 Prozent der KGaA an eine Gesellschaft veräußert hat, von der man nicht viel mehr weiß, als dass ein gewisser Lars Windhorst sie öffentlich vertritt. Das Problem dabei ist meiner Meinung nach, dass unklar ist, welches Geld Windhorst hier eigentlich investiert. Seine Geschäftstätigkeit ist, jedenfalls sieht das für Laien so aus, maximal darauf ausgerichtet, die Herkunft der eingesetzten Summen zu verdunkeln. Das ist, angesichts der gigantischen Summen an (ich sags mit einer vorsichtigen Verallgemeinerung:) abgezweigtem Geld in der ganzen Welt, keine Kleinigkeit.

Ich würde mir wünschen, dass Hertha BSC Geschäfte nur mit Partnern macht, die höchsten Ansprüchen an Transparenz genügen. Das ist ein frommer Wunsch, und Herrn Schiller sicher nicht zu vermitteln.

Das Engagement von Windhorst bei Hertha erweitert nun deutlich die Möglichkeiten von Hertha BSC in sportlicher Hinsicht, schränkt allerdings ein wenig die "Legitimität" ein. Hertha ist jetzt auch ein angeschobener Club, die Fans könnten nun gegen Hopp oder die Dosen nur noch singen, wenn sie einen Selbstwiderspruch in Kauf nehmen. Mir ist an moralischer Oberhoheit nicht gelegen, mir wäre nur lieber, Hertha hätte einen besseren Weg gefunden als dem Ausverkauf der Bundesliga an die zweifelhafteren Bereiche des internationalen Kapitalismus die Tür ein Stück weiter zu öffnen.

Als Fan freue ich mich über die Verpflichtung von Schwolow. Das Video anlässlich seiner Verpflichtung zeigt ihn mit Michael Preetz, das offizielle Signing-Foto auf Twitter zeigt den Geschäftsführer Sport gemeinsam mit dem Sportdirektor Arne Friedrich - ein subtiler Hinweis darauf, dass die 66,6 % aus der KGaA zumindest nicht ganz ohne Einfluss auf die nominell hundertprozentig unabhängige Tätigkeit der GmBH sein dürften. Wobei die Photo Opportunity mit Friedrich wahrscheinlich eher eine symbolische Konzession ist, denn der Schwolow-Transfer hat doch ganz die Anmutung eines klassischen Preetz-Moves: Fakten schaffen statt Gerüchte streuen.

In England spricht man von "bragging rights", wenn Fans von rivalisierenden Clubs aufeinander treffen. Wenn Arsenal ein Derby gegen Tottenham gewinnt, dann sind die Prahlrechte für eine Weile in Islington daheim. Das Wort sagt viel über die seltsame Existenz, die wir als Fußballfans führen: intensiv teilnehmend an etwas, was wir nur sehr beschränkt beeinflussen können. Derzeit ist auch das letzte Band gekappt: die physische Anwesenheit bei Spielen. Der Schalke-Fan, der mich auf Twitter blockiert hat, hat damit in etwa auch den Handlungsspielraum umrissen, den der moderne Fußball seinen Anhängern lässt.

Geschrieben von marxelinho am 06. August 2020.

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02. August 2020

Heiliges Kanonenrohr

Gestern Abend ging nun auch die Saison des zweiten Fußballvereins zu Ende, dem ich anhänge. Arsenal gewann das FA-Cup-Finale gegen Chelsea im Wembley-Stadion mit 2:1, durch zwei Treffer von Aubameyang. Es war ein ungeheuer wichtiger Erfolg, denn in der Liga kam Arsenal dieses Mal nur auf Platz 8. Der Titel im FA Cup bringt auch einen Startplatz in der Europa League mit sich - immerhin.

Arsenal begann die Saison mit Unai Emery, am 22. Dezember übernahm Arteta, dazwischen hatte eine Weile Freddie Ljungberg ausgeholfen. Die Gründe für das Scheitern von Emery werden wir im Detail nie erfahren, aber es war immer offensichtlich, dass der Faktor Sprache eine große Rolle spielte. Emery kam mit dem Englischen einfach nicht zurecht. Irgendwann "verlor" er die Kabine, soll heißen: er erreichte die Mannschaft nicht mehr.

Arteta, der viel besser Englisch spricht, hatte einen unmittelbaren Effekt, ganz offensichtlich weiß die Mannschaft unter seiner Leitung deutlich besser, was zu tun ist. Der Sieg gegen Chelsea ist auch als Ausdruck seines eigenen Lernprozesses zu sehen: er musste mit dem unrunden Kader erst zurechtkommen.

Am besten funktionierte in den letzten Wochen ein 3-4-3 bzw. 5-2-3, mit David Luiz hinten zentral, mit einem Mittelfeld-Duo Xhaka und Ceballos, und mit einer prominenten Angriffsformation, die ein bisschen nach Prunkstück aussieht: Aubameyang von links, Lacazette als erster Verteidiger zentral, und Pepe über rechts. Pepe wurde vor einem Jahr für sehr viel Geld verpflichtet, es hat sehr lang gedauert, bis halbwegs erkennbar wurde, ob er ein komplettes Missverständnis ist. Gestern war er stark, und das hat sich seit Wochen abgezeichnet. Er hat immer noch etwas Chaotisches in seinem Spiel, aber er ist nun deutlich besser integriert.

Die Geschichten des Finales haben alle Namen. Im Tor spielte Martinez, der ewige Ersatzmann, der nach einer Knieverletzung von Leno gegen Brighton aushelfen musste. Er erwies sich als sehr verlässlich, ist offensichtlich im Team auch sehr beliebt, und Arsenal hat nun das Problem, dass Martinez eigentlich zu gut ist, um als Nummer 2 in die nächste Saison zu gehen.

Im Mittelfeld erwies sich Dani Ceballos in den letzten Wochen als große Bereicherung. Er ist noch am ehesten so etwas wie ein Ballverteiler, in einer Formation, in der es keinen Zehner gibt. Vor zwei Wochen gegen Aston Villa (eine 0:1-Niederlage) ließ Arsenal erkennen, dass diese Formation auch in den Leerlauf geraten kann, mit Ballgeschiebe und links nach rechts und zurück. Doch Ceballos hat mit seiner Ballsicherheit und seinen vertikalen Bällen das Spiel von Arsenal belebt. (Seine kurzen Corner sind allerdings weiterhin ein Rätsel: Warum verzichtet Arsenal auf dieses probate Mittel? José Mourinho amüsiert sich darüber sicher köstlich. Tottenham schlug Arsenal kürzlich durch einen Kopfballtreffer nach Corner.)

Der Mann des Spiels aber war Aubameyang. Das entscheidende Tor erzielte er, indem er Zouma versetzte, eine Einzelleistung am Ende eines Spielzugs, der mit einem dynamischen Vorstoß von Bellerin begann. Aubameyang ist Kapitän, und er spielt wie einer: mannschaftsdienlich, effizient, inspirierend. Jetzt warten alle darauf, ob er seinen Vertrag verlängert. Selbst wenn er das nicht tut: Müsste man ihn unbedingt verkaufen? Er hat noch ein Jahr Vertrag, und seine Ablöse ist längst amortisiert. Nächstes Jahr wird er 32.

Aber die Vertragsangelegenheit hat natürlich stark symbolischen Wert. Wenn Arsenal Aubameyang diesen Sommer verkauft, dann gibt es im Kader keinen Superstar mehr. Außer Mesut Özil, der gestern nicht dabei war, wie auch Guendouzi, der unter Arteta anfangs viel gespielt hat, dem er dann aber das Vertrauen entzogen hat, und zwar offensichtlich endgültig. Özil ist nur für die Buchhaltung noch Arsenal-Spieler, und er wird es vielleicht noch ein Jahr bleiben.

Unabhängig von dem Spiel gestern war natürlich schon klar, dass die Arbeit von Arteta weitergehen soll. Er hat Arsenal bisher vor allem stabilisiert, zum Teil durch Aufwertung von Spielern, deren Grenzen auch weiterhin nicht zu übersehen sind (Mustafi, Xhaka, Luiz). Der Sieg im FA Cup ist ein wichtiger Akzent vor diesem Sommer mit einer kurzen Vorbereitung. Viel Geld für Verstärkungen wird es nicht geben. Immerhin haben Saka und Martinelli, zwei jugendliche Hoffnungsträger, sich langfristig an den Club gebunden.

Vor allem aber hat Arteta gezeigt, dass er mit einer instruierten Mannschaft auch individuelle Defizite aufwiegen kann. Arsenal ist derzeit weit davon entfernt, eine große Mannschaft zu sein. Aber es gibt Anzeichen dafür, dass das nächste Jahr interessant werden könnte.

Geschrieben von marxelinho am 02. August 2020.

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28. Juni 2020

Die Labbadia-Tabelle

Die Schlusstabelle der Bundesliga-Saison 2019/2020 enthält eine kleine Big-City-Pointe: die Clubs aus der Hauptstadt liegen fast einträchtig mittendrinn, Schulter an Schulter, getrennt nur durch sieben Tore, die Union weniger erzielt hat (bei auch einem Gegentor weniger). Für die Eisernen ist das ein riesiger Erfolg, für Hertha ist es im Vergleich zu den Jahren davor eher business as usual, und verrät wenig von dem Chaos dieses Spieljahres.

Ein Rückblick wird sinnvollerweise zweizuteilen sein: die Wiederaufnahme des Spielbetriebs im Mai ging bei Hertha ja mit der Bestellung von Bruno Labbadia einher. Dessen Bilanz ist deutlich besser als die Gesamtsaison: 9 Spiele, 13 Punkte, Torverhältnis 18:11, Punkteschnitt 1,44 (zum Vergleich: 34 Spiele, 41 Punkte, 48:59, also minus 11, Punkteschnitt 1,2 unter Covic/Klinsmann/Nouri/Labbadia).

Labbadia hatte einen sehr guten Start mit einem 3:0 in Hoffenheim und einem 4:0 gegen Union, das im Endeffekt fast vollständig den gesamttabellarischen Unterschied zum Stadtrivalen ausmachte (hätte Hertha 1:0 gewonnen, wären die Teams, natürlich rein theoretisch, nur durch die Anzahl der erzielten Treffer getrennt). Das 2:0 gegen Leverkusen brachte noch eine reife Leistung zum Abschluss, die Niederlage gestern gegen Gladbach machte hingegen deutlich, wo Hertha steht - nämlich völlig zu Recht auf Platz 10 und schließlich doch deutliche acht Punkte von einem europäischen Bewerb getrennt.

Gladbach ist so etwas wie der Musterverein der Bundesliga: es gibt dort kein Finanzdoping, keine Standortvorteile, nur eine große Tradition und seit vielen Jahren sehr kompetente und vor allem auch kontinuierliche Arbeit. Das ist bemerkenswert, weil auch Max Eberl keineswegs alle Trainerentscheidungen perfekt gelingen. Gestern konnte man aber sehen, dass Gladbach unter Marco Rose gegenüber Hertha doch deutlich weiter ist. Denn in Sachen Spielgestaltung lief bis auf eine Phase in der zweiten Halbzeit bei Hertha nichts. Das passt zu dem Eindruck aus dem Leverkusen-Spiel, wo Hertha sich so richtig eingrub, und geschickt einem dem Ruf nach größeren Gegner die Luft ausließ.

Labbadia hat die Mannschaft für meine Begriffe vor allem mental offensichtlich gut erreicht. Er hat anfangs auf ein Gerüst aus Veteranen gesetzt, hat Pekarik, Skjelbred und Ibisevic (re)aktiviert, und hat Ansätze dafür geschaffen, dass die Mannschaft aus sich heraus funktioniert. Hertha ließ sich auch in diesem Jahr häufig fremdbestimmen, durch schwache Leistungen zu Beginn von Spielen, durch Abwarten, durch mäßige Konzentration. Labbadia hat wohl erste Ansätze geschaffen, dass die Mannschaft einen autonomen Kern findet, der sowohl in Spielen mit Außenseiterrolle (Leverkusen) wie mit Favoritenrolle (Union) funktioniert. Hertha hatte dabei auch Glück, dass die Eisernen im Derby eine ungewöhnlich schwache Leistung brachten.

Gegen Team wie Augsburg, Freiburg und Frankfurt zeigte sich, dass die Fortschritte fragil sind. Das kann nicht anders sein angesichts der außergewöhnlichen Umstände. Einige Schlüsse für die kommende Saison lassen sich aber schon ziehen.

Jordan Torunarigha: Der Innenverteidiger ist zum Glück langfristig (wenn auch ohne offiziell veröffentlichtes Enddatum) an Hertha gebunden. Es wäre eventuell sogar sinnvoll, seinen Vertrag dieses Jahr noch einmal anzupassen, also ihn aufzuwerten und auszudehnen. Sieht man von gelegentlichen Ungeschicktheiten wie beim Solo von Kamada gegen Frankfurt ab, ist er eine Säule. Mit ihm sollte man sehr spezifisch an den langen Pässen bei der Spieleröffnung arbeiten, da passen Intuition und Ausführung oft noch nicht zusammen. Und er ist auch mit seinen Läufen ein Faktor.

Arne Maier: Ich sehe ihn auf der Sechs und dort als Spielgestalter. Er kam zuletzt von der Bank, und hat, mit seiner Wendigkeit vor allem, und mit seinen Pässen immer einen Unterschied gemacht. Keinen großen, aber das wird noch. Ich weiß, dass mit Tousart ein Mann für diese Position kommt. Zuletzt hat sich gezeigt, dass Hertha mit einer flachen 6er-8er-Achse besser funktioniert. Stark war auch überraschend gut neben Grujic, der seinerseits insgesamt keine Argumente für eine weitere Saison bei Hertha gesammelt hat. Schade, denn man sieht auch immer noch das Potential.

Darida: Die Lunge der Liga funktioniert besser, wenn Cunha dabei ist. Denn eines der Erfolgsrezepte von Hertha zu Beginn der Labbadia-Spiele war die linke Offensivseite, die sehr flexibel bespielt wurde. Das ging mit den Problemen von Plattenhardt, Mittelstädt und Cunha bald wieder verloren, und Darida hatte danach so viel zu tun, dass er diese Integrationsrolle im linken offensiven Bereich nicht mehr so gut hinbekam bzw. ihm dafür die Partner fehlten. Im Grunde aber könnte man mit Darida als linksflexiblem defensiven Zehner und Cunha als freigeistigem Linksaußen durchaus ein spannendes Modul für die Mannschaft 20/21 sehen.

Lukebakio: Würde man Valentino Lazaro oder vielleicht sogar Mitchell Weiser fragen, ob sie vielleicht besser bei Hertha geblieben wären, was wäre die (ehrliche) Antwort? Auf jeden Fall hat Hertha auf der rechten Seite derzeit einen Hochkaräter, der immer wieder stutzig macht. Lazaro hatte sicher die insgesamt deutlich bessere, mannschaftstragende Bilanz, aber Lukebakio hat zuletzt angedeutet, dass er vielleicht doch auch in die Bereiche des Spiels hineinfindet, die als Mannschaft gespielt werden. Nebenbei: hat er jemals ein Dribbling gewonnen?

Hertha hat im aktuellen Kader das Patchwork für eine interessante Formation in einer kommenden Spielzeit, über die wir noch wenig sagen können. Die Labbadia-Tabelle deutet mindestens darauf hin, dass man nicht unbedingt teuer einkaufen muss, um kommendes Jahr um Platz 6 mitspielen zu können. Für Platz 3 oder 4 würde es sowieso einer längerfristigen Strategie bedürfen, und da wird sich dann auch von Labbadia zeigen, ob das in seinem Repertoire ist. Bisher war er mit Basics befasst, er hat eine wirre Saison halbwegs in Ordnung gebracht. Und er hat Hertha auch durch sein Auftreten gut getan.

Geschrieben von marxelinho am 28. Juni 2020.

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10. Juni 2020

Neureich ohne Ölscheich

In den letzten Tagen habe ich mich zwischendurch ein wenig mit Firmenrecht befasst. Als Laie, und aus aktuellen Gründen. Über Hertha BSC war ja zu lesen, dass Tennor BV seine Anteile auf rund 60 Prozent erhöhen wird, dafür gibt es im Lauf des Jahres weiteres Geld: 150 Millionen Euro. Als Verstoß gegen die 50+1-Regel gilt das nicht, und zwar aus Gründen, die ich mir erst klar machen musste.

Seither weiß ich, was eine Komplementär-GmbH ist. Die Hertha BSC GmbH & Co KGaA besteht also de facto aus zwei Gesellschaften, von denen die GmbH der Co KGaA komplementär gegenübersteht. Beide haben allerdings denselben Unternehmenszweck, nämlich den (aus den Vereinsaktivitäten ausgegliederten) Profifußballbetrieb von Hertha BSC. Tennor BV kauft Anteile an der Co KGaA, Hertha BSC behält die Mehrheit in der GmbH.

Das erinnert ein bisschen an die Sache mit den zwei Öltanks.


Oder aber an den berühmten Kuchen, den man haben und zugleich auch essen kann. Die Sache mit den zwei Hochzeiten, auf denen man nicht tanzen kann, muss man hingegen abwandeln: Hertha tanzt auf einer Hochzeit, aber in zweierlei Gestalt. Und hält sich dabei an eine Regel, die man eigentlich als 150 minus eins bezeichnen müsste, denn so viel von den 200 Prozent der beiden Gesellschaften dürfte sie nach der 50+1-Regel wohl veräußern. Das wäre dann aber ein schönes Gewirr von Aufsichtsräten.

Hertha wird mit Tennors Millionen endgültig "neureich", schreibt der Tagesspiegel. Das Investment hat verschiedene Aspekte, ich will versuchen, sie mir ein wenig zu vergegenwärtigen.

Was bedeutet es für die 50+1-Regel in der Bundesliga? Sie wird natürlich immer deutlicher als eine Fassade erkennbar, die bei zunehmend mehr Vereinen nur noch der Form nach eingehalten wird. Es findet sich immer eine Form, wie man sie (zuletzt in Leipzig) "elegant und rechtskonform" ignorieren kann. Man muss sie gar nicht abschaffen, solange es Möglichkeiten wie die von Hertha genutzte gibt, sie zu umgehen. Zwar verbleibt die Geschäftsführung der GmbH bei Hertha, aber die 60 Prozent der Co KgaA sind dann eindeutig in der Hand von Tennor.

Sollte es zu einem Weiterverkauf kommen, hat Hertha im Grunde keinerlei Handhabe. Wenn Tennor BV sich also entschließen sollte (ich skizziere jetzt den schlimmsten, aktuell natürlich nicht unbedingt wahrscheinlichen Fall), seine Anteile nach Saudi-Arabien oder an einen Fonds irgendeiner anderen Rohstoff-Diktatur mit zweifelhafter Menschenrechtsbilanz zu veräußern, kann niemand etwas tun. Außer ein höheres Angebot machen. Hertha ist nun dem Weltmarkt des Kapitals ausgeliefert, und wir wissen alles, mit welchen Playern man es da zu tun hat.

Von der anderen Seite aus gesehen wird das Engagement eher rätselhafter. Was hat Lars Windhorst eigentlich vor? Wenn die Ankündigungen stimmen, dann wird er bis Ende des Jahres 400 Millionen Euro in einen Club in der notorisch ausgeglichenen deutschen Liga gesteckt haben. Das ist immerhin fast ein Drittel der Gesamtsumme der einzigen laufenden Tennor-Anleihe, von der man öffentlich etwas weiß: Sie beläuft sich auf 1,5 Milliarden Euro und wird in vier Jahren fällig. Tennor muss dann also 1,5 Milliarden plus fast sechs Prozent Zinsen auszahlen.

Windhorst spricht bei Hertha aber von einem Investment, das über 20, 30 Jahre laufen könnte. Das klingt so, als würde ihn die Sache tatsächlich interessieren. Und so mag es ja auch sein. Vielleicht hat er Feuer gefangen für den Fußball in seinen sportlichen und geschäftlichen Dimensionen. Im Kontext seiner Firma macht das Engagement bei Hertha so aber nicht wirklich Sinn. Denn er muss die 1,5 Milliarden bis 2024 ja irgendwie erwirtschaften. Bei Hertha ist in diesem Zeitraum auch mit sehr viel Optimismus nicht leicht eine Wertsteigerung denkbar, aufgrund derer die 400 eingesetzten Millionen dann vielleicht 600 oder 800 wert wären.

Das wird schon aus dem bisher Erreichten deutlich. Hertha wirtschaftet ja schon eine Weile mit dem Geld von Windhorst. Wir haben also erste Anhaltspunkte, was sich mit den genannten Summen erreichen lässt. Im Winter wurden Ascacibar, Piatek und Cunha verpflichtet. Im Frühling kam mit Bruno Labbadia ein neuer Trainer, der Ibisevic statt Piatek spielen ließ. Und Skjelbred erwies sich als der bessere Ascacibar. Das ist natürlich nur eine Momentaufnahme, aber sie sagt etwas über den Wirkungsfaktor Geld.

Auch die Transfers, die Michael Preetz im Sommer (noch vor Tennor) getätigt hat, künden nicht unbedingt davon, dass es auf Big Spending ankommt: Boyata kam ablösefrei und ist jetzt endlich eine Stütze. Lukebakio war für die Verhältnisse von Hertha relativ teuer, ist auch schnell und schießt ab und zu Tore, erwies sich aber als bemerkenswert dürftiger Fußballer. Bleibt also Cunha als echte Verstärkung.

Für Hertha kommt die Möglichkeit, sich grundlegend neu aufzustellen, in einer Zeit großer Ungewissheit. Für einen Financier wie Windhorst mag das wie eine gute Gelegenheit aussehen. De facto war es aber die Trainerpersonalie, auf die es in diesem Jahr bei Hertha am meisten ankam. Das bleibt die schwierigste Entscheidung, und sie hat mit Geld relativ wenig zu tun. Für den Moment hat Hertha da mit dem deutschen Mancini (Boyata über Labbadia) eine gute Wahl getroffen.

Schon im Sommer aber werden wir sehen können, ob die neuen Konstellationen bei Hertha einer vernünftigen Arbeit zuträglich sind. Für meine Begriffe waren schon die Transfers im Winter zum Teil von Aktionismus geprägt. Ein wenig Skepsis macht also durchaus Sinn.

Geschrieben von marxelinho am 10. Juni 2020.

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28. Mai 2020

Innendarstellung

Allmählich wird klarer, was es mit diesen Fußballspielen ohne Publikum hat. Am ersten Wochenende war ich einfach nur froh, wieder Bewegung auf einem Rasen zu sehen. Dann kam das Derby. Gestern spielte Hertha schließlich in Leipzig, gegen einen Club, gegen den es - abgesehen von einem heroischen Sieg - fast immer ernüchternde Pleiten gab.

Das leere Stadion hat einen naheliegenden Effekt. Es lässt das Spiel mit sich allein. Es ist gleichsam, als würde man es direkt Opta zum Fraß vorwerfen. Normalerweise empfinde ich die Massen im Stadion als Ablenkung, die mich von meinem konzentrierten Blick auf das Spiel trennt. Nun merke ich, dass sie eine schützende Hülle der Emotion sind, die nicht nur mich, sondern auch das Spiel vor zu viel Transparenz bewahren. Das Geisterspiel ist nackt.

Und ihm fehlt die Rückkopplung mit einer unmittelbaren Rezeption. Wir haben alle schon erlebt, was da für wundersame Dinge passieren können in einem vollen Stadion. Wie sich da etwas übertragen kann von der Mannschaft auf die Kurve, oder von den Rängen auf ein Team. Die Geisterspiele aber ernähren sich ausschließlich von sich selbst, sie sind wie Zellkulturen, denen nichts zugeführt wird, also ein Experiment im Leerlauf. Es sind Spiele zum Zweck der (Fernseh-)Übertragung, denen es aber genau daran mangelt: an der Übertragung, die normalerweise das resonante Oval erzeugt.

Natürlich habe ich mich trotzdem gefreut, dass Hertha die Sache gestern gut gemacht hat. Julian Nagelsmann berief sich nach dem 2:2 darauf, dass die Dosen zwei Tage weniger für die Regeneration hatten, so hatte es ihnen der dichte Spielplan beschert. Hertha ist unter Labbadia zu einer sehr homogenen Mannschaft geworden, das System hat nach dem Hoffenheim-Spiel mit Darida einen zusätzlichen Pressing-Faktor bekommen.

Gegen Union funktionierte allerdings die Balance zwischen Cunha und Darida besser. Der Brasilianer ist ja nicht wirklich ein Flügelspieler, Darida aber kam gegen die Eisernen viel über links, gestern war er klarerweise viel stärker defensiv gebunden. Beide Mannschaften boten einander wenig an. Ein Nachteil für Hertha war sicher das frühe Ausscheiden von Plattenhardt. Darida spielte danach (unverständlicherweise) eine Reihe von ruhenden Bällen kurz, und verschenkte damit einen der wichtigsten Faktoren in einem Spiel mit einer starken Tendenz zur bloßen Neutralisierung.

Mit den Dribblings von Cunha hatte Hertha schließlich das spielerisch bessere Mittel, während Leipzigs Tore (nach einem Eckball und nach einem sehr haltbaren Schuss) nicht gerade von dramatischer Dominanz zeugen. Hertha ließ Leipzig nicht zur Entfaltung kommen, die einstige Nemesis wirkte wenig bedrohlich.

In jedem Fall hat für Hertha die Saison unter Labbadia noch einmal mehr oder weniger von vorn begonnen. Die Mannschaft hat wieder ein Gefüge, und er hat offensichtlich auch das größte Defizit behoben: von der merkwürdigen Apathie, die schon unter Dardai oft zu verzeichnen war, ist derzeit nichts mehr zu sehen. Für die Verhältnisse eines Geisterspiels war Hertha gestern ausgesprochen lebendig.

Geschrieben von marxelinho am 28. Mai 2020.

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23. Mai 2020

Altherrenfußball

Thomas Müller hat das wohl anders gemeint, als er vergangene Woche nach dem Spiel bei Eisern Union von einem Fußball sprach, der ihn an Begegnungen zwischen alten Herren erinnert. Komisch, aber bei diesem Begriff muss ich immer an Hans "Buffy" Ettmayer denken, dem man schon in seiner aktiven Karriere den Stil eines älteren Herren nachsagte. Also so ein bisschen schillernd zwischen Genie und Päuschen.


Während der ersten Halbzeit des Geisterderbys zwischen Hertha und Union gestern hatte ich zum Teil das paradoxe Gefühl, ein Youtube-Video aus einer verblichenen Zeit des Fußballs zu sehen, dabei aber auf Ultra-HD-Auflösung herangezoomt. Später wurde mir noch eine andere Widersprüchlichkeit klar: bei diesen Spielen hören wir ganz genau, wie die Spieler den Ball treffen, das kenne ich so nur aus dem Amateurstadion, wo wir direkt dran sitzen. Die Übertragungen kombinieren also einen Effekt von Nähe, nämlich den von kleinen Fußballspielen, mit einem Effekt von Distanz, denn gespielt wird im und für das Fernsehen. Bis Ende Juni mag das eine vertretbare Lösung sein sein. Eine Perspektive ist es nicht.

Wie schon gegen Hoffenheim ließ Herha uns eine Halbzeit lang Zeit, das Spiel so halb konzentriert zu verfolgen und die Rundherumaspekte dieser melancholischen Veranstaltung zu bedenken. In Halbzeit zwei machte die Mannschaft dann Ernst, und erneut erwies sich der alte Herr in den Reihen als der entscheidende Mann. Vedad Ibisevic ist für Trainer Labbadia der Schlüssel zu einer funktionierenden Organisation, als Zielspieler wie als Verteiler. Dass der Führungstreffer fast wie eine Kopie des zweiten Treffers in Hoffenheim erscheinen muss, deutet auf Strukturen. Dass Lukebakio Gelegenheit bekam, sich für den eher mäßigen Auftritt in Sinsheim zu rehabilitieren, hat noch mehr mit diesen Strukturen zu tun.

Hätte das Derby vor ausverkauftem Haus stattgefunden, hätte es sicher eine Menge "Nebengeräusche " gegeben, denn schon im Herbst hatten es sich ja Fans, denen der Fußball im Grunde egal ist, nicht nehmen lassen, sich in den Vordergrund zu drängen. Nun fand das Derby vor verschlossenen Türen statt. Morgen findet die Mitgliederversammlung in Form einer digitalen Zusammenkunft statt. Unter außerordentlichen Bedingungen werden die Bedingungen für eine nächste Normalität geschaffen, die mit der vertrauten nicht so schnell wieder etwas zu tun haben dürfte. Liegt es daran, dass Ibisevic in diesem Tag wie ein Held aus der Zukunft wirkt?

Geschrieben von marxelinho am 23. Mai 2020.

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