19. August 2018

Erbsubstanzverlust

Der Fehlstart des Arsenal FC in die Ära nach Arsene Wenger ist perfekt: Mit zwei Niederlagen gegen Manchester City und gestern gegen Chelsea ist es zwar vorerst nur ein kleiner Fehlstart im Rahmen des Bisherigen, denn Arsenal hatte schon jahrelang gegen die unmittelbare Konkurrenz um die Top 4 wenig zu bestellen. Doch das Spiel am kommenden Samstag gegen West Ham United steht jetzt schon unter einigem Druck.

Unai Emery hatte die Mannschaft für das Auswärtsspiel an der Stamford Bridge plausibel adaptiert. Er hielt an Cech im Tor fest, und er brachte erneut den 19 Jahre alten Guendouzi im defensiven Mittelfeld, neben Xhaka. Özil bekam seine Lieblingsposition im Zentrum, das bedeutete für Ramsey die Bank. Links bekam Iwobi eine Chance, rechts blieb Mkhitaryan drin, vorne Aubameyang.

Chelsea führte schnell 2:0. Beim zweiten Tor stand Arsenal mit der Viererkette an der Mittellinie, dabei waren doch schon davor ständig lange Bälle über die Kette hinweg gekommen, und gefährliche Läufe zwischen Mustafi und Sokratis hätten eine Warnung sein können. Morata versetzte Mustafi nach einem Antritt aus der Chelsea-Hälfte. Das war das 0:2, beim 0:1 hatte Mkhitaryan sich wie schon im ersten Spiel gegen City als dürftiger Defensivfaktor gezeigt.

Der Armenier hatte aber auch wesentlichen Anteil am Comeback: das 1:2 erzielte er selbst, nachdem er im Zentrum eine Schusschance bekam. Einen ähnlich harten, technisch sauberen Flachschuss wird man nicht leicht finden, da ist Mkhitaryan schon eine Klasse für sich. Das 2:2 bereitete er rechts von der Grundlinie aus vor, nachdem Arsenal den Ball flink von der einen Seite zur anderen gebracht hatte, über den Verbinder Guendouzi. Iwobi verwertete.

Zur Pause kam schon Torreira für den nach eineinhalb Spielen überdeutlich angezählten Xhaka. Nun versuchten beide Teams, ein wenig mehr Kontrolle ins Spiel zu bringen. Arsenal wurde passiv. Chelsea hatte aber noch einen Spieler ins Spiel zu bringen: Eden Hazard. Für den Treffer zum Sieg brauchte es aber trotzdem einen katastrophalen Pass von Lacazette in die falsche Richtung, der erst das Tempo in einen Move brachte, der die gesamte Arsenal-Defensive überforderte (notabene Bellerin): den Treffer erzielte Marco Alonso, der linke Außendecker von Chelsea, der Zeit hatte, sich im Arsenal-Fünfmeterraum zu betätigen.

Offen bleibt nach den zwei Spielen, ob es ein System von Unai Emery überhaupt gibt. Es gibt Ansätze zu hohem Pressing, allerdings ist nicht ganz klar, zu welchem Zweck. Denn auch die aktuelle Mannschaft von Arsenal hat eigentlich immer noch die Substanz der frühen Wenger-Jahre in sich: und das bedeutet nun einmal, dass Situationen in erster Linie aus Ballbesitz heraus entwickelt werden. Den will Emery aber nicht unbedingt. Er scheint an Guendouzi deswegen so großen Gefallen zu haben, weil der nach Balleroberung die besten öffnenden Pässe spielen kann (gegen City war das deutlicher).

Umgekehrt hat Maurizio Sarri Chelsea schon deutlich auf seine Linie gebracht: Die Mannschaft, die unter Mourinho und Conte lange sehr pragmatisch auf eine Art Kick and Rush 2.0 (rush only Diego Costa) gesetzt hatte, kombiniert nun intensiv. Immer wieder zu intensiv für Arsenal, das mit Mustafi und Sokratis zwei eher altmodische Recken in der Innenverteidigung hat.

Wäre Wenger mit diesen beiden in die Saison gegangen (Koscielny wird zurückkommen, ist aber inzwischen angejahrt), er hätte wohl jetzt schon höhnische Kritik zu gewärtigen. Sowohl auf den Seiten (Bellerin-Mkhitaryan vor allem) wie auch in der Mitte (Mustafi-Guendouzi-Xhaka-Sokratis) passt die Abstimmung nicht, wobei das flexible Spiel von Chelsea auch einige Ansprüche stellte.

Für Unai Emery beginnt die Saison nun nicht bei Null, aber bei null Punkten und 2:5 Toren. Er muss im Grunde die Spielkonzeption von hinten heraus neu aufbauen, nicht von vorn, wie es ihm vorzuschweben scheint. Arsenal braucht Strukturen der Rückwärtsbewegung, und eine vernünftige Balance. Derzeit sieht vieles nach einem Grundmissverständnis aus: Emery ignoriert die DNA des Teams. Die Probleme der Wenger-Zeit sind nun noch deutlicher, die Qualitäten von damals greifen nicht mehr so richtig.

Allzu viel kann man nach zwei Spielen natürlich noch nicht sagen, allerdings haben beide Niederlage deutlich prinzipielle Aspekte. Es könnte durchaus sein, dass Arsenal mit Unai Emery etwas Ähnliches erlebt wie Manchester United anno 2013 mit David Moyes. Den Unterschied macht die Ausgangslage: Moyes übernahm United damals als eine Topmannschaft, und scheiterte dabei, diese Position zu halten. Emery soll Arsenal wieder konkurrenzfähig(er) machen - im Moment ist noch nicht ganz klar, wo er dabei ansetzen will.

Ein Wort zu Mesut Özil: Er wurde für seine Verhältnisse früh ausgewechselt und durch Ramsey ersetzt. Man sieht, wie es sich in die Pressingformation einbringt, aber für seine Qualitäten ist das Spiel von Arsenal zu wenig konstruktiv. Körpersprache bleibt ein Faktor. Ob Emery unbedingt auf ihn setzt, wird sich erst weisen.

Geschrieben von marxelinho am 19. August 2018.

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18. August 2018

An den Wühltischen der Liga

Neulich war ich in Neukölln unterwegs. Ich kam dabei auch an einem Geschäft vorbei, das mir etwas Überraschendes bewusst machte: Ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt eigentlich nicht gewusst, was Tedi ist. Dabei handelt sich bei dieser Marke immerhin um den neuen Hauptsponsor von Hertha BSC. Ein Diskontladen mit undefiniertem Sortiment, Markenzeichen in erster Linie: billig.

Ich will da nicht zuviel hineinlesen. Aber es besteht doch ein gewisses Missverhältnis zwischen den neueren Standortaspekten von Berlin und der Marke, an die sich der größte Fußballclub der Stadt mit seinem Hauptsponsorenvertrag gebunden hat. Nichts gegen Tedi, und schon gar nichts gegen dessen Kundschaft: Hertha geht damit in die Kieze, von den überregionalen, gar internationalen kommunikativen Potentialen der Hauptstadt hält man sich damit hingegen fern.

Deswegen passt dieses Bild ganz gut zu den paar Überlegungen, die ich an diesem Wochenende anlässlich des Saisonstarts anstelle: Montag geht es mit dem DFB-Pokalspiel in Braunschweig los. Hertha geht in die vielleicht wichtigste Saison seit langem.

Wirtschaftlich ist Hertha inzwischen in der zweiten Hälfte der Periode, die durch den KKR-Deal 2014 definiert wurde. Seither muss man ja immer das Jahr 2021 mitdenken, dann wird nämlich mit den Equitisten abgerechnet. In diesem Zusammenhang ist sicher nicht uninteressant, dass Ingo Schiller dieser Tage in einem Interview deutlich erkennen ließ, dass Hertha eigentlich gegen die 50+1-Regelung ist, die im deutschen Ligabetrieb in den ersten beiden Spielklassen gilt.

Das ist auch kaum verwunderlich: schließlich muss man davon ausgehen, dass KKR am Ende ein Drittel des Clubs gehören wird, und das muss dann entweder abgelöst werden, oder KKR muss zu einer Verlängerung des Engagements gewonnen werden. Eine Ablösung muss sich für KKR rechnen, da ist man schnell bei einem Betrag über 50 Millionen, und von diesem Geld sieht Hertha dann nichts. Bleiben also für einen eventuellen Zweitsponsor nur rund 15 Prozent, das sind Preisklassen (sehr grob über den Daumen) von 20-30 Millionen. Phantasie kommt da also nur hinein, wenn man auch die zweite Anteilshälfte einsetzen könnte.

Natürlich habe ich das jetzt abzüglich spekulativer Aspekte überschlagen. Man kann vielleicht Geldgeber (aus China?) finden, die eine ordentlichen Phantasieaufschlag zahlen. In jedem Fall wird diese Frage angesichts der beiden Fristen (2021: KKR, 2025: Stadion) nun monatlich an Brisanz gewinnen.

Vor diesem Hintergrund ist es noch wichtiger, wie Hertha sich sportlich entwickelt. Der Zuschauerschwund bei den Heimatspielen, den man anders nicht nennen kann, hat ganz sicher auch mit dem Umstand zu tun, dass Hertha sich letztes Jahr unter Pal Dardai sportlich eben überhaupt nicht entwickelt hat. Für den Trainer, den ich weiterhin als Sympathieträger sehe, steht das wichtigste Jahr seiner bisherigen Karriere bevor: wenn Hertha dieses Jahr weiterhin die eklatanten Mängel in Sachen Mentalität und Spielanlage aufweist, die 2017/2018 charakterisiert haben, dann ist eine ideale Konstellation verspielt worden. Denn Dardai wäre als Parade-Herthaner natürlich großartig als Langzeitbetreuer, aber das allein reicht halt nicht.

Hat er für größere Ambitionen einen entsprechenden Kader? Die Ambitionen müssten sich in erster Linie auf das Auftreten der Mannschaft beziehen. Das Saisonziel würde ich bewusst nicht mit einem Tabellenplatz beziffern, sondern es anders formulieren: Hertha BSC will in dieser Spielzeit aktiv zu einer spannenden und international konkurrenzfähigen Liga beitragen. Das ist ein höchst anspruchsvolles Ziel, denn es verbietet im Grunde den Malschauenmodus, mit dem Hertha so große Teile der abgelaufenen Saison bestritten hat.

Personell fällt auf, dass Hertha vermutlich versuchen wird, ohne "Königstransfer" auszukommen. Bei den vergleichsweise winzigen Summen, die damit gemeint sind, bedeutet das in erster Linie: Mitchell Weiser wird nicht ersetzt, sondern der Verlust soll kollektiv aufgefangen werden. Probleme sehe ich im Angriff, wo Davie Selke im Grunde nicht ausfallen darf, und im defensiven Mittelfeld, wo Sebastian Rudy gut hinpassen würde, der aber deutlich außerhalb der Möglichkeiten liegt. Sagen wir es ganz deutlich: Hertha wird und kann in dieser Transferperiode nicht investieren.

Dass Michael Preetz selbst nach dem Deadline Day in England Marvin Plattenhardt noch einmal in die Auslage gestellt hat, spricht ja fast Bände. Pal Dardai wird also vieles besser machen müssen, auch individuelle Spieler, denn außer Plattenhardt und Selke enthält der Kader derzeit Phantasie erst wieder am ganz jungen Ende, dort, wo die Akademiker in großer Zahl kooptiert werden. Dieser Aspekt verleiht der kommenden Saison sicher eine romantische Note. Vielleicht zeigt sich Dennis Jastrzembski ja als der bessere Serge Gnabry, und bestätigt sich Arne Maier als der Berliner Aaron Ramsey. Dafür brauchen sie aber ein ambitioniertes Umfeld. Ausreden sollte es von nun an keine mehr geben, denn Hertha gehört nicht an die Wühltische der Liga.

Geschrieben von marxelinho am 18. August 2018.

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13. August 2018

Die Deutung der Andeutung

Same old, same old Arsenal. So lästern die Fans in England gern, die nicht Anhänger der Gunners aus Nord-London sind. Das selbe alte Arsenal verlor gestern 0:2 gegen Manchester City, es war alles neu, und es war alles beim Alten. Die Niederlage war verdient, sie wurde von Unai Emery verantwortet, und nicht mehr von Arsène Wenger.

Natürlich ist City der denkbar härteste Auftaktgegner. Auch ohne De Bruyne und David Silva war das schon wieder ein Ballbesitzfußball der exquisitesten Art. Ich musste nebenbei auch an Pal Dardai denken, der in einem Kicker-Interview vergangene Woche den pragmatischen Stil, mit dem Frankreich Weltmeister wurde, als Bezugspunkt nannte. Wir kommen noch darauf zurück, aber zu einer Orientierungsmarke sollten die vergleichsweise dürftigen Spiele beim Nationenturnier nicht werden. Das wäre zu populistisch. Auf Clubebene zeigt sich jedenfalls ein ganz anderer Fußball, und Manchester City unter Guardiola ist da inzwischen eine Instanz.

Emery überraschte mit zwei Personalien. Im Tor entschied er sich für Cech, und im defensiven Mittelfeld für den jungen Guendouzi neben Xhaka und - das war dann auch schon die Schlüsselpersonalie in Halbzeit eins - neben Mesut Özil. Man kann es auch ganz offen aussprechen: Emery hat das Spiel mit diesem 4-3-3 zuerst einmal vercoacht. Er hatte anscheinend die Idee, dass Aaron Ramsey ganz vorn das Anlaufen führen sollte, dadurch musste aber Özil de facto auf eine defensive Position rücken, hatte es mehrfach mit Mendy zu tun, oder kam gar nicht richtig ins defensive wie ins offensive Spiel.

Bellerin war rechts hinten auch in der zweiten Halbzeit noch mehrfach grob exponiert, dabei hatte sich Guendouzi da schon halbwegs erfangen. Er war für mich der Mann des Spiels, seine defensiven Fehler waren gewichtig, er ließ aber erkennen, dass er ein herausragender Integrationsspieler werden könnte - er braucht dazu allerdings einen wacheren Nebenmann als den gestern schwachen Xhaka, und er braucht Özil in einer anderen Position.

Irgendwie hatte Emerys Formation gestern noch einen Wackelkontakt: Arsenal kam nur ganz selten ins Gegenpressing, also zum hohen Anlaufen. Die Formation wirkte nicht so richtig auf den Kreisläuferfußball von City bezogen: erst später, als Özil zentraler spielte, und Aubameyang mehr über links kam, wurde die Sache ein bisschen besser.

Leider zeigte sich auch, dass Arsenal für die Defensive rätselhaft eingekauft hat: Sokratis mag ein Mentalitätsspieler sein, aber zum Herausspielen gegen eine ihrerseits stark anlaufende City trägt er wenig bei. Gestern wäre eigentlich eine Gelegenheit für ein 3-5-3 gewesen, aber dafür hat Arsenal derzeit keinen einzigen wirklich geeigneten Spieler (Mavropanos kenne ich noch nicht). Maitland-Niles schied früh verletzt aus, damit ist links hinten erst einmal Großbaustelle. Xhaka ist als Mann vor der Zentrale bereits angezählt. Torreira machte nach der Einwechslung ein paar gute Sachen.

Arsenal war im Detail nicht vollständig, insgesamt aber konzeptionell doch eindeutig chancenlos. Die Zeiten, in denen man gegen Manchester City noch auf Augenhöhe spielen konnte, in denen es also darum ging, mehr den Ball zu haben und selbst so viel wie möglich das Spiel zu gestalten, sind vorerst vorbei. Mit Guendouzi deutet sich allerdings an, dass da durchaus Möglichkeiten bestehen.

Nach diesem ersten Spiel kommt mir vor, dass Arsenal in diesem Jahr zu einer interessanten Fallstudie werden kann, denn die Scheinalternative zwischen einer Ballbesitzmannschaft und einer Umschaltmannschaft ist hier noch erkennbar - und bedarf einer Lösung je nach Gegner. Ich denke, man kann diesbezüglich fast eine Regel formulieren: Mannschaften sind umso besser, je klarer es ihnen gelingt, sich von dieser Alternative zu lösen, und beide Modelle ständig zu variieren. Emery sagt das auch, gestern ließ er aber noch nicht erkennen, wie er das zusammenfügen will. Vor allem aber ließ Man City Arsenal keine Gelegenheit dazu.

Ich denke bei all dem natürlich immer auch an Hertha, den Fixpunkt bei meinen Fußballbeobachtungen. Pal Dardais Interview im Kicker stimmt mich ein bisschen besorgt - es klang für mich ein bisschen so, als könnte er aus falschen Schlüssen schon wieder einen Vorrat an Ausreden anlegen. Dabei hat die Saison noch gar nicht begonnen. In England hat sie begonnen, und für Arsenal tatsächlich mit der Erkenntnis, dass sich eine Menge ändern muss. Im August schreibt sich so etwas zum Glück lockerer als im Februar oder März.

Geschrieben von marxelinho am 13. August 2018.

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11. August 2018

Guglmugl

Mein Besuch im Linzer Stadion (aka Gugl) vor zweieinhalb Wochen stand unter einem guten Stern: der LASK besiegte Lilleström souverän mit 4:0, die Anhänger ("Laskla") waren in Topform, nun ist der Club, dem ich in Kindertagen anhing (und den ich jetzt so ein bisschen wiederentdeckt habe), eine Runde weiter und muss kommenden Donnerstag versuchen, ein 0:1 aus dem Auswärtsspiel gegen Besiktas Istanbul aufzuholen.

Das ist aber nur einer von vielen Aspekten, die mich dieser Tage beschäftigen, da die Saison in Österreich schon läuft, wie auch in England, wo es gestern losging. Auf Hertha werden wir zeitgerecht kommen, dieses Wochenende steht im Zeichen von Arsenal. Morgen beginnt ausgerechnet gegen den Titelverteidiger Manchester City etwas Neues: die Gunners werden zum ersten Mal von Unai Emery aufgestellt. Die Zeit nach Arsene Wenger hat begonnen. Allein das reicht mir schon für eine wohlige Stimmung.

Es wird ein Match mit vielen Nebenaspekten werden. Der spanische Trainer, dessen Englisch zweifellos nich eine Weile Thema sein wird (hoffentlich verschwindet es auch irgendwann), wird mit Arsenal nach einer neuen Balance suchen. Ich könnte mir folgende erste Elf vorstellen: Leno. Bellerin - Sokratis - Holding - Kolasinac. Xhaka - Ramsey - Özil. Aubameyang - Mkhitaryan - Lacazette. Eher nicht in der ersten Elf zu erwarten, auf längere Sicht aber sehr interessant ist der junge Emile Smith Rowe, der während der Vorbereitung stark auf sich aufmerksam machte.

Für Mesut Özil beginnt morgen der dritte Teil seiner Karriere. Er ist nun nicht mehr deutscher Nationalspieler (und auch nicht mehr Weltmeister, auch wenn er den Titel von 2014 natürlich für immer zu Buche stehen hat), er ist Spielmacher bei einem Europa League-Teilnehmer in der besten und bestvermarkteten Liga der Welt. Er kann als sportliches Ziel nur noch die Champions League haben (und vielleicht einen EM-Titel, falls sich in Deutschland eine Menge ändert, was eher nicht zu erwarten ist).

Das Spiel gegen die Citizens findet auch zu einem klubpolitisch sensiblen Zeitpunkt statt: Denn bei Arsenal hat sich das Teilhaberpatt aufgelöst, der amerikanische Mehrheitseigentümer Stan Kroenke hat den usbekisch-russischen Drittelanteilshaber Alisher Usmanow ausgekauft und steht nur kurz davor, den Club vollständig zu übernehmen. Die Implikationen sind enorm, die Fans sind nicht begeistert. Die Aufbruchsstimmung steht also unter allerlei Vorbehalten.

Geschrieben von marxelinho am 11. August 2018.

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21. Juli 2018

Sommermärchen


Dieses Bild habe ich vor der Weltmeisterschaft in Gelsenkirchen gemacht. Wenige Wochen nach dem Turnier mit dem unrühmlichen deutschen Abschneiden passt es fast noch besser. Hier dient es mir heute aber als ein Dokument des Übergangs: das alte Fußballjahr ist vorbei, das neue steht unmittelbar bevor. Kommenden Donnerstag spielt in Linz der LASK in einer Qualifikationsrunde für die Europa League gegen Lilleström. Das wird für mich das erste Pflichtspiel der Saison.

Der LASK ist ein Club aus der Stadt, in der ich ins Gymnasium gegangen bin (in Deutschland sagt man, glaube ich: aufs Gymnasium, in Oberösterreich geht man ins Gymnasium so, wie man in Deutschland zur Schule geht - wir sind immer in die Schule gegangen). Meine ersten Fußballmedien waren die Oberösterreichischen Nachrichten und der ORF.

Heute morgen habe ich mit wenigen Klicks den Kader des LASK aus der Saison 1972/73 gefunden, und sofort wird mir ganz seltsam wegen all der Namen (jeder reimt sich auf Madeleine): der Keeper, auf den ich hielt, hieß Schröttner; in der Defensive zählten wir auf Recken wie Kiesenebner, Sturmberger oder Gebhardt (an den gebürtigen Ungarn Barnabas Liebhaber kann ich mich nicht erinnern, dabei ist das ein besonderer Name); das Mittelfeld mit dem Hans Kondert und dem Franz Viehböck hatte Klasse, zudem war damals August (Gustl) Starek beim LASK, was ich jetzt auch nicht gedacht hätte; und dann noch der Sturm: Ernst Knorrek.

Helmut Köglberger, den ich eigentlich erwartet hätte, war damals in Wien tätig und kam dann erst später wieder zum LASK zurück. Er war ein Besatzungskind, dunkelhäutig, der Heli. Geza Gallos, den ich besonders intensiv geliebt habe, kam erst ein Jahr später. Der Brasilianer Chico, den ich nicht so richtig mitbekam, hörte vor der Saison 72/73 auf. So ist also aus dem Angriff dieser Saison nur Knorrek wirklich präsent in meinen Ganglien.

Mit dem LASK werde ich mich in dieser Saison auch ein wenig beschäftigen, dazu kommt der neue Trainer bei Arsenal (wo ich diese Woche die Red Membership verlängert habe, die Röte des Rots meiner Mitgliedschaft besagt dabei nicht mehr, als dass ich die billigste gewählt habe, Platinum wäre auch zu haben gewesen), und dann natürlich die Bewährungsprobe für Pal Dardai: Heuer kann er zeigen, ob er ein Bundesligatrainer mit Perspektive ist.

Das kommt aber dann alles in ein paar Wochen. Als kleinen Vorgeschmack auf meine Rückkehr ins Linzer Stadion (auf die Gugl) habe ich hier ein Matchdokument aus den 1960er Jahren gefunden. Der Lask spielte damit mit einem 5-1-4: Kitzmüller. Pichler - Schreiber - Sturmberger - Szabo - Trubrig. Viehböck. Chico - Köglberger - Liposinovic - Sabetzer.


Geschrieben von marxelinho am 21. Juli 2018.

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Oliver Buhl (am 26. Juli 2018)

Lieber Marxelinho, wie immer alles sehr schön und interessant, für mich haben die Namen der Hertha Spieler von 79/80 diese Bedeutung, die Saison, in der die große Mannschaft der 70er Jahre abstieg und auseinanderfiel. Wer weiß was geschehen wäre, wenn sie in der vorigen Saison in das UEFA Cup Finale eingezogen wären. Mein Großvater wiederum war zehn Jahre alt, als Hertha Deutscher Meister wurde und bejubelte die nach Berlin zurückkehrende Mannschaft. Leider konnte er mir nie selber davon erzählen, er fiel 1944 auf dem Rückzug in der Nähe von Lemberg. Immer wenn du von deinen Reisen in diese Regionen schreibst, muss ich an ihn denken und wie gerne ich mit ihm über Hertha gesprochen hätte, auch einmal vielen Dank für diese interessanten Berichte aus einer Welt die selbst hier in Berlin der Großteil nicht wirklich wahrnimmt. "Aufs Gymnasium gehen " scheint mir daher zu kommen, dass man betonen will, auf eine hohe Schule zu gehen, nach oben, typisch deutsch, denke ich. Heute eigentlich bedeutungslos , wenn fast 60 Prozent versuchen Abitur zu machen. Und ich warte natürlich sehr gespannt auf einen Kommentar zu Özil und freue mich darauf.
27. Juni 2018

Markenrechte und Starkenrechte

Unter den individuellen Geschichten bei dieser WM beschäftigt mich derzeit am meisten die von Mo Salah. Der ägyptische Superstar soll Probleme mit seinem nationalen Verband haben. Auslöser waren Fototermine mit dem tschetschenischen Diktator und Starkmann Kadyrow, an denen Salah allem Anschein nach gut gelaunt teilnahm. Nachträglich hat er aber offensichtlich das Gefühl, dass er benutzt wurde.

Der Sache ist schwer auf den Grund zu kommen, weil die meisten Zeitungen nur voneinander abschreiben. Im Kern ist es wohl so, dass es schon vor Wochen einen Termin mit Salah in Grosny gab. Plausibel wirkt auch das Detail, dass Kadyrow selbst Salah zu einem Training bringen ließ, an dem der Spieler wegen seiner Rekonvaleszenz eigentlich noch nicht teilnehmen hätte sollen. Verbürgt ist, dass Salah bei einem Bankett vor der Abreise der ägyptischen Delegation zum Ehrenbürger Tschetscheniens ernannt wurde.

Bei allen diesen Fotogelegenheiten sieht man Salah nicht an, dass er ein Problem mit Kadyrow hat. Es ist auch müßig, darüber zu spekulieren, welche politischen Ansichten er hat. In der FAZ gab es kürzlich immerhin einen sehr interessanten Text über die diffizile Positionierung von Salah gegenüber dem ägyptischen Diktator Sisi.

Salah ist ein Volksheld. Die Natur seines Heldentums wird aber zum Beispiel aus einem seiner Tweets deutlich: er beruft sich immer wieder auf die 100 Millionen Ägypter, für die er auch den Elfmeter verwandelt hat, der die Teilnahme an der WM in Russland gesichert hat. Für diese 100 Millionen hält er aber auch ausdrücklich seine Schuhe in die Kamera: I wear those for 100 Million Egyptians.

Der Werbewert eines sympathischen Muslims für die gesamte arabische Welt ist tatsächlich kaum zu überschätzen, und so wird man wahrscheinlich nicht ganz verkehrt liegen, wenn man vermutet, dass nicht zuletzt Konzerne wie Adidas wenig Freude daran haben, wenn Salah sich mit einem Extremisten wie Kadyrow zeigt. Was von Salah gebraucht wird, ist ein integrativer Islam: da treffen sich politische und ökonomische Interessen einmal tatsächlich in einem (wirtschafts)liberalen Sinn.

Wir würden Salah gern als einen ganz normalen Menschen sehen, als einen sympathischen jungen Mann "aus dem Volk", der er wohl auch ist (hier habe ich Bilder von seiner Hochzeit gefunden, allein darüber könnte man Abhandlungen schreiben). Wir haben aber nur einen sehr ungefähren Begriff von den Interessen, die an ihm zerren - die Andeutungen aus dem ägyptischen WM-Camp lassen in Ansätzen etwas erkennen. Schon vor der WM gab es ja einen anderen Sponsorenkonflikt, in dem Salah mit einem individuellen Vertrag gegen den des Verbands stand.

Ein englischer Experte zieht aus der ganzen Sache einen radikalen Schluss. Liverpool sollte Salah so schnell wie möglich verkaufen. In wenigen Wochen werden wir ihn wieder Clubfußball spielen sehen. Da kann er dann wieder ganz normal von Europa aus Strahlkraft entwickeln und Märkte zusammenführen. Eine Weltmeisterschaft nationaler Verbände aber führt fast notwendigerweise zu Konflikten wie dem angedeuteten: nationale Markenbildung (zumal von Ländern mit Unrechtsherrschern) steht eben manchmal gegen individuelle und geschäftliche.

Die Spieler sind "Botschafter" in vielerlei Hinsicht. Manchmal ist es wohl leichter, einen alles entscheidenden Elfmeter in der Nachspielzeit zu verwandeln, als in allen diesen Angelegenheiten eine gute Position zu finden. Die FIFA behauptet, bei der WM ginge es um Fußball, und nur um Fußball. Auch ich falle darauf immer wieder hinein, jedenfalls für die 90 Minuten. Darüber hinaus aber bin ich dem Weltverband fast dankbar, denn diese WM ist wirklich ein Lehrstück für die Geopolitik unseres Lieblingssports. Kein erbauliches, aber ein erhellendes.

Geschrieben von marxelinho am 27. Juni 2018.

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18. Juni 2018

Werch ein Illtum

Der eine oder andere Herthaner hatte gestern einen Gedanken, der vielleicht sogar Marvin Plattenhardt selbst durch den Kopf geschossen sein könnte, auch wenn er das nie zugeben dürfte: "Wenn heute alles gut geht, dann spielt er vielleicht die ganze WM." Der Linksverteidiger von Hertha kam kurzfristig in die Mannschaft gegen Mexiko, weil Jonas Hector nicht fit war. Das Spiel endete 0:1, und plötzlich sind viele nicht mehr ganz so optimistisch, wie lange denn "die ganze WM" für Deutschland überhaupt dauern wird.

Mit detaillierten Analysen muss ich mich hier nicht beschäftigen, unübersehbar war in jedem Fall, dass das deutsche Spiel rechtslastig war und dort auch mehr Probleme hatte - wieviel das damit zu tun hatte, dass die Stammspieler mit Plattenhardt auf links fremdelten, muss der Spekulation überlassen bleiben. Der viel gerühmte Ankerspieler Toni Kroos, der bei Spieleröffnung meistens fast an die Seite von Mats Hummels zurückfällt, hatte jedenfalls auffällig kaum ein Auge für den links an der Mittellinie wartenden Kollegen.

Man mochte sich von fern an das Jahr 2006 erinnert fühlen, als die Nationalelf rechts hinten einen Herthaner dabei hatte: Arne Friedrich war damals so auffällig ein Fremdkörper, dass er einem schon leid tun musste. Er konnte sich 2010 in Südafrika rehabilitieren.

Wir können jedenfalls einiges über die Logik von Karrieren aus diesem Spiel lernen. Es kommt nämlich nicht nur darauf an, dass ein Spieler seine Gelegenheit nutzt. In diesem Fall hat zu einem nicht geringen Teil auch die Mannschaft die Gelegenheit für ihn verpatzt. Plattenhardt ist nur ein Randaspekt in einer Mannschaft, der die Balance im Zentrum fehlte - leider ging Mesut Özil in der zweiten Halbzeit in einer dann schon radikal offensiven Formation ein wenig verloren, sodass auch seine Verächter wieder Argumente für ihr Vorurteil sammeln konnten. Sie werden es gegen Schweden dafür (auch) mit Gündogan (statt Khedira) zu tun bekommen. Alles andere wäre eine Überraschung. Özil aber droht die Bank.

Wenn es eine Skepsis der Kollegen gegenüber Plattenhardt gab, dann hat sie allerdings auch ein Motiv. Denn zu einem Außenspieler der Weltklasse fehlen ihm eben doch entscheidende Aspekte. Er flankt gut, wenn er in die Nähe der Grundlinie kommt, und er hat diese spezielle Intensivbeschleunigung drauf, die ihm die paar Zentimeter Raum verschafft, die er braucht, um den Ball am Gegenspieler vorbeizubringen. Plattenhardt hat aber eben diese eine, fundamentale Beschränkung: alle seine Lösungen führen zur Außenlinie. Weil er so radikal einseitig auf seinen linken Fuß (und auf die entsprechende Hirnhälfte?) festgelegt ist, kann er sich in das Kreislinienpowerplay, vor dem sich die deutsche Mannschaft in der zweiten Halbzeit sah, nur teilweise einschalten.

Schon im Ligaalltag habe ich mich oft gewundert, dass Plattenhardt an der Überwindung dieser Einseitigkeit, die ich fast als Behinderung wahrnehme, nicht arbeitet. Es wäre auch für das Spiel von Hertha eine enorme Bereicherung, wenn er den "Haken nach innen" (so nannte das Christoph Kramer gestern im ZDF) und vor allem den kurzen Pass in die Mitte in sein Repertoire aufnehmen könnte.

Die Nationalmannschaft könnte ihm da neue Aspekte erschließen. Leider hat das Ergebnis gegen Mexiko nun den Ergebnisdruck so erhöht, dass für Lernprozesse kaum noch Zeit ist. Und wenn Jonas Hector sich im Lauf der Woche regeneriert, wird er vermutlich am Samstag spielen - und danach die ganze WM. Auch wenn diesbezüglich derzeit sehr oft das Gesetz einer Serie beschworen wird, die regierenden Weltmeistern nur drei Spiele zugesteht.

Geschrieben von marxelinho am 18. Juni 2018.

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17. Juni 2018

Einigkeit und Recht und Allah

Mesut Özil und die Magie des Spiels

Die BILD kommt in meinem Leben normalerweise nicht vor. Ich schaue allenfalls gelegentlich hinein, wenn jemand im Zug ein Exemplar liegenlässt. So kam ich neulich zu einer Kolumne von Alfred Draxler. Es war einer dieser abscheulichen Texte, in denen jemand ein dumpfes Gefühl scharf zu machen versucht. Draxler ereiferte sich über Mesut Özil, weil der zu seinem Wahlkampffoto mit dem türkischen Präsidenten Erdogan nichts weiter sagen will. Özil soll erst dann wieder in der deutschen Nationalelf spielen dürfen, wenn er - diese Zuspitzung von mir hat der Söder provoziert - zu Kreuze gekrochen kommt.

Natürlich wäre es auch aus meiner Sicht besser gewesen, wenn Özil sich nicht für den Fototermin hergegeben hätte. Zumal er ja in Kommunikationsangelegenheiten ziemlich gut beraten wird, sodass zu befürchten steht, dass dahinter auch ein simples Mehrheitskalkül stand: Vergrößerung der Reichweite durch einen Schulterschluss mit dem mutmaßlichen künftigen Regionaldespoten.

Zugleich darf man aber nicht vergessen, dass Mesut Özil viele Rollen zugleich spielt: er ist ein deutscher Nationalspieler, der dies aber nur wurde, nachdem er lange Zeit ein "türkisch-deutsches Streitobjekt" war (so lautet eine Kapitelüberschrift in seinem Buch Die Magie des Spiels, das ich aus gegebenem Anlass jetzt gelesen habe). Und er ist ein globaler Superstar, der passenderweise einen Lebensmittelpunkt schon lange in London hat, der einzigen wirklichen Weltstadt in Europa.

Fast könnte man dabei an eine Verschiebung des Ressentiments denken: diejenigen, die ihn jetzt dafür beschimpfen, dass er den Türken in sich nicht amputiert hat (bei dem Erdogan-Termin müsste man psychologisch wohl auch seine komplizierte Vatergeschichte mitdenken, die Özil in dem Buch andeutet), hassen ihn in Wahrheit dafür, dass er nicht nur der Türkei, sondern auch Deutschland längst entwachsen ist.

Fußball spielt er aber in konkreten Mannschaften. Bei Arsenal, einem Premier-League-Club, damit in einer Weltauswahl; und für Deutschland, das Land, für das er seinen türkischen Pass zurückgab, was in seinem Buch ausführlich erzählt wird, weil es nur gegen den Widerstand der türkischen Behörden möglich war. Özil wird häufig dafür gescholten, dass er bei der Hymne nicht mitsingt. Dabei wird selten bedacht, dass sein Schweigen noch viel provozierender ist: er betet nämlich zu Allah, während die Kollegen "Einigkeit und Recht und Freiheit" beschwören. Einen deutlicheren Beweis dafür, dass der Islam zu Deutschland gehört, gibt es nicht. Deswegen ist Özil sogar das idealere Hassobjekt für die Nationalisten als Gündogan.

Die Sache hat noch eine weitere bittere Ironie: Viele von denen, die Özil wegen seiner Unterstützung des Autokraten Erdogan kritisieren, würden eine ähnliche Wahlkampfhilfe für den russischen Machthaber Putin keineswegs anstößig finden. Es macht in dieser Logik eben einen Unterschied, ob einer sich im Orient und als Muslim über das Recht stellt, oder im Abendland und als (wenn auch orthodoxer) Christ - den Putin sowieso nur spielt, und zwar mit unübersehbarem Zynismus.

Für Özil entscheidet sich in diesem Sommer sehr viel: bei Arsenal hat er ab Juli endlich wieder einen Trainer (nach drei Jahren unter Wenger, in denen die Mannschaft mehr oder weniger sich selbst überlassen war), und bei der Nationalmannschaft wird viel davon abhängen, ob Joachim Löw ihn heute in die erste Elf stellt.

In dem Buch wird ziemlich gut deutlich, dass der hochinteressante und von Kränkungen nicht freie Entwicklungsroman von Mesut Özil zu einer Abkapselung geführt hat. Er wird alles tun, um auch weiterhin die Blase zu verteidigen, die er sich geschaffen hat, und aus der manchmal Botschaften kommen, die fast schon intergalaktisch wirken, wie das Bild aus Mekka, das ihn im Pilgergewand gezeigt hat.

Sportlich wie menschlich gibt es derzeit wenige Geschichten im Fußball, die ich spannender finde. Özil könnte als Fußballer noch zwei, drei große Jahre vor sich haben, und sich damit zugleich die Freiheit erarbeiten, seine einzigartige Position allmählich mit mehr Leben zu füllen als mit dem faden Kinderhumanismus, den ihm seine Leute derzeit in die Tweets füllen. Ob er eines Tages als vollkommen leere globale Supermarke oder als große Integrationspersönlichkeit endet, hängt auch davon ab, wie sehr es den deutschen Kleingeistern in diesem Sommer gelingt, ihn festzunageln: auf einen Moment, in dem er wohl zugleich ein kleiner Junge aus einer Großfamilie aus der Gegend um Zonguldak und ein Premier-League-Star mit einer digitalen Weltgemeinde war. Mit beiden Identitäten ist er zugleich auch deutscher Nationalspieler. Wer das nicht aushält, mag zum Pfeifen in den Wald gehen.

Mesut Özil (mit Kai Psotta): Die Magie des Spiels, Bastei Lübbe 2017

Geschrieben von marxelinho am 17. Juni 2018.

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14. Juni 2018

Die Welt zu Gast bei Feinden


Heute beginnt also die Fußball-Weltmeisterschaft. In den letzten Tagen habe ich ein paar Mal mit Leuten darüber diskutiert, wie damit umzugehen ist. Ich habe mich dabei meistens auf einen hilflosen Halbwitz zurückgezogen und gesagt: "Ich werde die WM boykottieren, indem ich mir alle Spiele anschaue."

Viele werden nicht einmal verstehen, warum ich ein Problem habe. Viele andere haben ähnliche Probleme wie ich, nicht mit dem Veranstalterland Russland, sondern wegen des Regimes, das dort die Macht hat. Für meine Begriffe besteht das fundamentale Problem darin, dass Russland aktuell zwei Kriege führt: gegen die Ukraine, vor allem aber gegen Syrien. Zwar hat die russische Intervention in Syrien dazu geführt, dass Präsident Assad (schon jetzt einer der übelsten Verbrecher des 21. Jahrhunderts) als Sieger der Bürgerkriegs gilt. De facto aber ist dieser Bürgerkrieg nicht zu Ende, sondern nur zu Tode erschöpft.

In der Ukraine ist die Sache im Grunde auch klar: Russland hat massiv das Völkerrecht gebrochen. Darauf kann man entweder reagieren, indem man das Recht der Stärkeren anerkennt (die servile Lösung, die überraschend viele Anhänger hat), oder indem man auf einem "rule based system" besteht und deswegen auf Sanktionen.

Viel grundsätzlicher teile ich allerdings die Meinungen derjenigen, die meinen, dass Putins System einen allgemeineren Krieg führt, der in seiner Charakteristik eine ganz andere Begrifflichkeit erfordert: die kulturellen Aspekte (der lächerliche Virilismus, der Kirchennationalismus, die Ablehnung des westlichen Individualismus) sind ja nur Camouflage für ein globales Räubersystem, dem daran gelegen ist, das System der "Oasen" (der Bereiche, die sich den ohnehin schwachen Gesetzen der regelbasierten Welt entziehen) zum vorherrschenden zu machen.

Da passt die FIFA natürlich prächtig dazu.

Ich werde mir trotzdem die Spiele anschauen, und ich werde auch leidenschaftlich sein. Der Kampf, den ich skizziert habe, entscheidet sich nicht an einer Veranstaltung, und Freunde in Russland (Menschen, die auch Risiken eingehen, indem sie gegen Putin demonstrieren) haben mir klargemacht, dass ein Boykott auch nicht in ihrem Sinne wäre. In meinem Fall wäre es ohnehin nur ein Fernsehboykott.

Ich werde für England sein, für Senegal, für Polen, für Frankreich, für Spanien und für viele andere, unter bestimmten Umständen vielleicht sogar für Deutschland, in Sachen Deutschland auf jeden Fall für Mesut Özil (der bei der Hymne gern weiter nicht mitsingen kann), natürlich auch für Marvin Plattenhardt. Ich werde heute Nachmittag bei Rohöl (Saudi-Arabien) gegen Drohöl (Russland) für Russland sein, wegen Wassili Grossman (was jetzt niemand verstehen muss).

Das Bild zeigt eine Sommermärchenszene anno 2018, die sich mir heute morgen in Gelsenkirchen dargeboten hat.

Im Übrigen empfehle ich den Twitter-Account von Rebecca Harms.

Geschrieben von marxelinho am 14. Juni 2018.

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09. Juni 2018

Vertrauensnachschuss

Saisonbilanz (2): Pal Dardai

Ein paar Tage vor der Fußball-WM stellt das aktuelle Wochenende eine interessante Zwischenzeit dar. Die U16 spielt heute Mittag noch ein Finale, das zur abgelaufenen Saison zählt, zugleich wissen wir seit gestern auch schon den Gegner für das erste Pflichtspiel der Profis in der kommenden: Eintracht Braunschweig im DFB-Pokal. Bevor der nationale Fußball in den Mittelpunkt rückt (für mich schon morgen Nachmittag, wenn Österreich ein Testspiel gegen Brasilien austrägt), will ich heute noch eine abschließende Überlegung zu Hertha im Jahr 2017/18 anstellen. Sie betrifft den Trainer, Pal Dardai, und sein Team.

Wir sollten eine Trainerdiskussion führen, auch wenn natürlich klar ist, dass Hertha diesen Sommer den Chefcoach nicht auswechseln wird. Auch in meinen Augen wäre das ein zu radikaler Schritt, aber es macht trotzdem Sinn, sich zu vergegenwärtigen, dass es eine Reihe von Gründen dafür gibt, zumindest Überlegungen in diese Richtung anzustellen.

Pal Dardai und Rainer Widmayer haben Hertha im Februar 2015 übernommen und einen Abstieg vermieden. 2016 und 2017 spielte Hertha erfolgreich um die europäischen Plätze, in beiden Saisonen gab es einen eklatanten Unterschied zwischen der Hinrunde (stark) und der Rückrunde (höchst bedenklich). In diesem Jahr hat sich alles ein wenig normalisiert. Hertha hatte mit dem Abstiegskampf und mit dem Rennen um Europa nichts zu tun, hatte im Grunde mit überhaupt nichts etwas zu tun.

Was hätte man von diesem Jahr vernünftigerweise erwarten können? Statistisch vielleicht zwei, drei Punkte mehr und eine positive Tordifferenz, das fände ich einen guten Anspruch im Anschluss an die erfolgreichen Jahre davor, die sich aber nie erfolgreich anfühlten. Vor allem aber bin ich wohl nicht der einzige Fan, der eigentlich das ganze abgelaufenen Jahr hindurch nach Anzeichen gesucht hat, wie es mit diesem Kader unter diesen Betreuern weitergehen könnte. Diesbezüglich war die Saison eine Riesenenttäuschung (mit der einen Ausnahme des Auswärtsspiels in Leipzig, die bezeichnenderweise völlig folgenlos blieb).

Hertha hat in diesem Jahr jegliche Charakteristik eingebüßt. Selbst im Verlauf einzelner Spiele gab es immer wieder mehrere "Gesichter" zu sehen, als Generalnenner bleibt aber nur ein Befund von bestürzender Verweigerung von Ambition. Viel zu oft wurde ein schlechter Sicherheitsfußball gespielt. Die Integration begabter Offensivspieler wie Selke, Lazaro oder Maier gelang (aus allerdings unterschiedlichen Gründen) nur in Ansätzen. Hoffnungsträger aus der Zeit davor (Weiser, Stark, Plattenhardt, Darida) hatten ein mäßiges Jahr.

Auch hier fällt auf: Hertha hatte nie eine Linie, die über einen längeren Zeitraum probiert wurde. Am ehesten war eine klassische abwartende Konzeption erkennbar: Kompaktheit in der eigenen Hälfte und Hoffnung auf Umschaltsituationen knapp hinter der Mittellinie. Das ist so ziemlich der konservativste Ansatz, der heute denkbar ist. Nicht von ungefähr wurden viele erste Halbzeiten verschlafen.

Offensive Muster sind kaum zu erkennen. Wir müssen befürchten, dass sie entweder nicht trainiert werden oder nicht greifen. Dazu kommt das ungelöste Zehnerproblem, das mit dem Pressingproblem (wie weit vorn und wie organisiert?) zusammenhängt. Darida ist kein Zehner, Lazaro ist auf dem Flügel besser, Duda brachte nichts, aber das sind alles nur Symptome, dass Hertha mit dem Dreieck 6-8-10 nichts anfangen kann. Gute Angriffe durch das Zentrum kann man beinahe an einer Hand abzählen, und es gab sie fast nur in Spielen mit Arne Maier.

Pal Dardai hatte seinen Höhepunkt mit Hertha im Dezember 2016. Seither ist nicht wirklich viel schief gegangen, aber es wurde viel Zeit vertan. Das kann man an der Liste der Kollegen erkennen. Im Grunde hat die Liga in den Jahren, in denen Dardai bei Hertha der Boss ist, einen personellen Innovationsschub vollendet, der Dardai plötzlich ein wenig alt aussehen lässt: Tedesco, Kohfeldt, Baum, selbst Breitenreiter, dazu natürlich Hasenhüttl und Nagelsmann, und selbst der HSV, wiewohl abgestiegen, hat mit Titz einen konstruktiven Mann gefunden. Das ist in etwa das Feld, an dem die Trainerpersonalie von Hertha zu messen ist, und da ist doch deutlich, dass ein Kohfeldt zum Beispiel deutlich mehr Fantasie auslöst als Pal Dardai.

Das ist kein Grund, ihm das Vertrauen zu entziehen, zumal gute Alternativen rar sind. Dieser Sommer ist lang genug, auch für ihn, um Perspektiven zu finden, um sich ein wenig neu zu erfinden. Es spricht einiges dafür, dass Hertha die kommende Saison mit einem der interessantesten Kader seit langem beginnen wird. Die Integration der hauseigenen Akademiker ist einer der Pluspunkte von Dardai, nun wird es aber darauf ankommen, die Innovationskraft der Jungen nicht durch den Lustenbergerismus zu hemmen, auf den Dardai so große Dinge zu halten scheint. Lustenberger zeigt dem Spiel meistens die kalte Schulter, Maier hingegen den wendigen Rist.

Die Ansprüche wachsen in Berlin keineswegs in den Himmel. Die Hoffnungen auf die neue Saison sind nicht komplizierter als das Leben selbst: es ist zu hoffen, dass Hertha nicht einfach ein weiteres Jahr so halbwegs hinter sich bringt, sondern etwas aus diesem Jahr macht. Außer ein paar Andeutungen hat die abgelaufene Saison nichts gebracht. Es wird nun alles darauf ankommen, wie diese Andeutungen (Selke und Maier als Spieler wie als Faktoren) aufgegriffen werden. Darauf bin ich jetzt schon gespannt. Die Trainerdiskussion wird sowieso weitergehen, und ich hoffe sehr, dass Pal Dardai schließlich die besseren Argumente haben wird.

Geschrieben von marxelinho am 09. Juni 2018.

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