06. Juli 2019

Kleiner Kreis

Die lange Sommerpause hat ihre eigene Dramaturgie. Seit einigen Tagen trainiert die Mannschaft wieder, der Beginn der neuen Spielzeit ist nun schon näher als das Ende der alten, das Allergröbste an Entzug ist also bald überstanden. Morgen gibt es in Neuruppin sogar schon wieder ein Spiel - ich werde einer der Fans sein.

Zur Einstimmung habe ich mir heute das Vorstellungsvideo mit Ante Covic angesehen. Die Hausberufung des neuen Trainers wurde zu einer Zeit entschieden, als Hertha noch nicht als Club mit der Kohle galt. Jetzt, unter den neuen Umstände, geht von dieser Personalie eine beruhigende Wirkung aus. Hertha wird vorerst das Amateurstadion im Dorf lassen.

Rein sprachlich kommt mit Covic ein sehr berlinischer Sound ins Spiel. Pal Dardai war auf dieser Ebene sicher der originellste Erstligatrainer seit Trappattoni. Covic spricht wie das Berlin, das ich jeden Tag auf der Straße und in der U-Bahn höre. Er ist nicht alte Schnauze, sondern junges Idiom - ein Deutsch, das die Schleifspuren spannender Biographien in angedeuteten Zischlauten mitführt. Oder ein Deutsch, das die jahrhundertealte Nachbarschaft mit den slawischen Sprachen in sich trägt.

Inhaltlich war natürlich noch nichts Weltbewegendes zu erwarten. Auch die beiden Cotrainer haben in einen Interview für die Hertha-Seite eher ein rhetorisches Aufwärmprogramm als richtungsweisende Aussagen geboten. Am ehesten konnte man noch einen Satz von Ante Covic als strategischen Hinweis verbuchen: es wird nicht so sehr auf die Formation ankommen, als darauf, für die Spieler ihre optimale Entfaltungsmöglichkeit zu schaffen. Da gibt es bei einem Kader von derzeit gut 30 Leuten durchaus Moderationsbedarf.

Vollkommen verdrängt hatte ich, dass Covic damals mit Otto Rehhagel schon einmal die Profis betreut hat. Das lässt sich vielleicht am besten einordnen, in dem man eine Parallele zu Michael Preetz zieht: der Otto-Moment war für meine Begriffe seine größte Fehlentscheidung. Heute steht er als Manager Sport ziemlich gut da, der Kader, den er über die letzten Jahre zusammengestellt hat, kann sich sehen lassen, und ist auf jeden Fall für die obere Ligahälfte konkurrenzfähig.

Dieses Potential muss Covic nun mobilisieren. Pal Dardai hat es insgesamt eher gehemmt. Das war wohl das ausschlaggebende Moment für den Trainerwechsel. Es braucht keine Raketenwissenschaft, um aus Hertha eine bessere Mannschaft als im Vorjahr zu machen. Hertha wird aber in diesem Jahr ganz andere Erwartungen moderieren müssen - nicht so sehr von den Fans, würde ich meinen, sondern von einer Branchenöffentlichkeit, die mit Hertha sowieso gern das größere Ressentiment gegen die Hauptstadt auflädt.

Vor diesem Hintergrund war die erste PK von Ante Covic noch eine beschauliche Veranstaltung. Man war unter sich, die vertrauten Stimmen aus dem Off. Diese kleinen Kreise kennt Ante Covic, und sie kennen Ante Covic. Der Hauptstadtclub ist im Alltag durchaus vorstädtisch. Covic hat sich mit Mirko Dickhaut auch einen engen Vertrauten aus der Trainerausbildung geholt.

Und nun kann die Sache beginnen. Große Trainerkarrieren sind immer Emanzipationsbewegungen - aus den kleinen Kreisen des Gelernten in die Souveränität, das Spiel zu seinem Besten zu befreien. Ante Covic hat derzeit noch nicht sehr viel mehr vorzuweisen, als dass er ein echter Herthaner ist. Für einen Club, der ein wenig plötzlich in eine neue Zeitrechung geschubst wurde (Stunde null plus Kohle), ist das aber ganz passend.

Geschrieben von marxelinho am 06. Juli 2019.

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30. Juni 2019

Der große Kohle-Einstieg

Wo muss Hertha sich verstärken?

Drei Tage nach der großen Neuigkeit herrscht an Unklarheiten kein Mangel. Hertha hat einen Teileigentümer für die KGaA gefunden. 125 Millionen Euro seien bereits überwiesen. Tennor bekommt einen Sitz im Beirat und zwei im Aufsichtsrat.

Der Spiegel hat mit seiner Geschichte das Tempo vorgegeben, so sieht es jedenfalls aus. Hertha kommuniziert bisher nur mit einer dürren Mitteilung hinterher. Der Spiegel hatte allerdings guten Zugang zu Windhorst. Jedenfalls entsteht so nicht zwingend der Eindruck, dass Tennor und Hertha die Kommunikation über die Veröffentlichung der neuen Sachlage brillant miteinander abgestimmt haben.

Man muss daraus kein Vorzeichen machen. Es ist nur ein kleines Indiz dafür, dass Verein und Investor nicht notwendigerweise immer dieselben Interessen haben müssen. Bei der Kaderplanung für die neue Saison werden wir wohl schon in den nächsten Wochen ein wenig mehr auch darüber erfahren, wie Tennor sich Hertha vorstellt. Das Ganze wird begleitet von Boulevard-Medien, die jede Menge Ideen haben, was mit der "Windhorst-Kohle" geschehen könnte.

Ironischerweise kommt das Geld zu einem Zeitpunkt, da Hertha als Firma es dringend benötigt (die Außenstände, von denen Ingo Schiller bei der MV im Juni keine Silbe verlieren wollte, dürften nicht viel geringer sein als die 125 Millionen von Tennor). Sportlich hingegen sehe ich eigentlich keinen Bedarf für Riesenschritte. Es sei denn, man will die Strategie der letzten paar Jahre über den Haufen werfen, und Qualität nicht entwickeln, sondern zukaufen.

Über die personellen Perspektiven kann man nach der Saison 2018/2019 ein paar Feststellungen durchaus riskieren. Hertha hat, auch nach dem Abgang von Lazaro, einen hochinteressanten Kader, der ziemlich gut zu den sportlichen Ambitionen passt. Diese Ambitionen wird man auch 2019/2020 mit einem einstelligen Platz gut benennen können, denn es spricht alles dafür, dass alle Clubs in diesem Bereich auch als Kandidaten für europäische Plätze lange im Rennen sein werden. Saisonziel Platz 9 oder besser bedeutet also in strategischem Understatement: Das Ziel ist Europa, aber die Liga ist sehr eng.

Schon die Definition des Saisonziels wird also ein interessanter Punkt. Hertha blieb im Vorjahr aus verschiedenen Gründen unter Potential: Mentalität, Aufwand (Laufleistung), Verletzungshistorie (hängt womöglich mit Belastungssteuerung, also mit Aufwand, zusammen).

Die Spieler für eine bessere Leistung waren da. Es sind sogar jetzt schon teilweise zu viele.

Im Tor ist das Duo Jarstein (Nummer eins) und Kraft (verlässlicher Vertreter) so etabliert, dass inzwischen ein regelrechter Stau an Nachfolgern entstanden ist. Spätestens nächstes Jahr müsste Körber (Vertrag verlängert, ausgeliehen an Osnabrück) eine Chance bekommen, oder man zieht ihm gleich Smarsch vor.

In der Defensive geht es noch um einen denkbaren Transfer von Niklas Stark. Links kann man den Wettbewerb zwischen Mittelstädt und Plattenhardt durchaus fortsetzen. Rechts wäre natürlich interessant, einen mehrfach verwendbaren Spieler wie Lazaro (oder davor Weiser) zu bekommen, allerdings gibt es auch da mit Klünter einen Spieler, dessen Potential noch nicht wirklich erforscht ist. Im Zentrum ist die linke Seite für mich die entscheidende: Rekik sehe ich eigentlich nicht als Stammspieler, zudem muss sich die Sache mit Torunarigha in verschiedener Hinsicht klären. Das betrifft seine körperlichen Probleme, vielleicht braucht er aber auch einfach einmal nur eine Weile echtes Vertrauen. Er zählt zu den größten Talenten, die Hertha jemals hatte.

Im Mittelfeld herrscht nach der Verpflichtung von Löwen und der Verlängerung der Leihe von Marko Grujic ein dichtes, und spannendes Angebot. Sidney Friede ist derzeit noch schwer einzuschätzen, sollte aber auch ein Faktor sein. Skjelbred könnte unter Covic durchaus noch eine spannende Funktion als Mentalitätsreserve und gelegentlicher Absicherer bekommen. Duda war eigentlich immer besser, wenn er eher als Achter positioniert war, als auf der Zehn. Arne Maier sollte sich als Stammspieler weiterentwickeln.

Im Angriff haben wir eine analoge Situation zu der von Torunarigha. Selke ist ein potentieller Ausnahmespieler, den Hertha aber noch zu selten ins Spiel brachte. Da Ibisevic verlängert wurde, kommt auf Ante Covic da eine frühe Vorentscheidung zu: für meine Begriffe muss Selke in dieser Saison endlich die Gelegenheit bekommen, sich wirklich zu zeigen. Das hinge dann von ihm ab, aber auch von der Spielanlage, und von der Rolle, die Ibisevic zugeteilt bekommt. Bisher taucht Selke in Transfergerüchten nicht auf, das wundert mich ein bisschen. Vielleicht schnappt ihn ja noch jemand weg.

Auf den Flügeln hat Michael Preetz eine kleine Vorentscheidung getroffen, indem er Jastrzembski gegenüber Palko Dardai einen Vorrang eingeräumt hat. Das finde ich plausibel, und gibt Hertha links mit Dilrosun und Old Boy Salomon (und als Backups Leckie, der die Seite wechseln kann, oder Mittelstädt) gute Optionen. Wie gesagt, nicht für den Angriff auf die Champions League, aber für eine vernünftige Entwicklung auf Grundlage des bisher Erarbeiteten.

Somit bleibt als Wunschtransfer eigentlich nur: ein Mann für die rechte Offensivseite, der auch in einer Vierer- oder Fünferkette spielen kann, also in etwa das Profil von Lazaro und Weiser hat, und der Klünter nicht alle Chancen raubt. Sollte Niklas Stark wechseln, und vielleicht sogar auch, wenn er bleibt, wäre es vermutlich hilfreich, einen Innenverteidiger als Backup zu haben, idealerweise einen, der auf beiden Seiten spielen kann. Aber auch in diesem Fall könnte man dem eigenen Nachwuchs vertrauen: auf Florian Baak trifft diese Jobbeschreibung weitgehend zu. Boyata müssen wir uns erst anschauen.

Was ist mit dieser kleinen Zusammenschau sagen will: Hertha hat sich in den letzten drei, vier Transferperioden einen Status erarbeitet, der im Grunde genau wünschenswert ist. Die Frustrationen der letzten Saison hatten nicht per se mit dem Personal zu tun (es war ausreichend Qualität vorhanden), sondern damit, wie es eingestellt wurde.

Es braucht also im Grunde keine 80 oder 90 Millionen. Sollte Hertha tatsächlich Summen in dieser Höhe ausgeben, und womöglich sogar schon in diesem Sommer, dann wäre das auf jeden Fall das Ende der bisherigen Strategie. Ich persönlich fand Hertha selten so spannend wie im Vorjahr, und auch selten so frustrierend: denn es war so offensichtlich, dass mehr möglich war. Dieses Mehr jetzt einfach zuzukaufen, ist sicher auch eine Möglichkeit. Allerdings nicht unbedingt die spannendste.

Geschrieben von marxelinho am 30. Juni 2019.

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von Uwe Bremer (am 30. Juni 2019)
Bei Hertha BSC gibt es zwei Aufsichtsräte: Der Aufsichtsrat des Hertha e.V wurde im Mai 2018 für vier Jahre gewählt. Vorsitzender ist Torsten-Günter Klein, Stellvertreter Andreas Schmidt. Der Aufsichtsrat der Hertha KGaA stellt Hertha selbst zusammen, bzw. er wird zum Teil von Aktionären gestellt. Aktuell hat der Aufsichtsrat der KGaA neun Mitglieder. Vorsitzender ist Karl Kauermann. Es waren zuletzt 2 KKR-Vertreter dabei. Außerdem ist dort Mitglied Horst Pudwill, der Genussscheine gezeichnet hat.
von Jörg (am 01. Juli 2019)
Für Kalou und Ibisevic sollte eine Nachfolge gefunden werden. Der Sturm ist m.E. nicht dicht genug besetzt. Doch die größte Lücke ist für mich das offensive Mittelfeld. Duda war nicht richtig konstant, für mich hat sich das im Spiel der letzten Saison deutlich niedergeschlagen. Löwen kann ich noch nicht einschätzen, Maier ist super aber hat wenig in der Offensivposition gespielt. Rekik finde ich - wenn er seine Fehler abstellen kann - auf oberem Bundesliganiveau. Auch Lazaro reißt eine Lücke, die idealerweise noch gefüllt wird.
28. Juni 2019

König Pyramidas

Seltsam, wie sich manchmal die Dinge ergeben. Gestern Nachmittag las ich in einem Artikel des Kicker über die Transfersache Valentino Lazaro zum ersten Mal ausdrücklich, dass Hertha BSC nach dem Rückkauf der Anteile von KKR Schulden im dreistelligen Bereich hat - und dass die Lizenz für die kommende Saison mit Auflagen verbunden ist.

Wenige Stunden später dann der Paukenschlag: Hertha BSC hat einen neuen Investor. Es handelt sich um "die global agierende Investment Firma Tennor Holding BV, deren Aufsichtsrat der deutsche Unternehmer Lars Windhorst innehat". Für 37,5 Prozent Beteiligung an der KGaA fließen Hertha 125 Millionen zu. Eine Aufstockung auf 49,9 Prozent zu einem dann höheren Preis steht im Raum.

Damit ist Hertha wohl alle Sorgen los. Allerdings kommen einige neue hinzu. Denn das Geld, mit dem der Hauptstadtclub das Erreichen neuer sportlicher Ziele ermöglichen will, ist keineswegs eine neutrale Größe. Hertha schmeißt sich mit diesem Move direkt an den globalen Finanzkapitalismus ran. Windhorst ist kein Scheich, aber er ist der Dealer der Scheichs. Er verschafft ihnen die eine Droge, die den größten Kick gibt: Rendite.

Vor wenigen Tagen erst hat Tennor BV eine Anleihe über 1,5 Milliarden Euro aufgelegt, verzinst mit 5,75 Prozent bis 2024. Das ist angesichts des derzeitigen Zinsniveaus eine spektakuläre Rate. Tennor (eingetragen in den steuerschonenden Niederlanden, Firmensitze in London und Berlin) sammelt dieses Geld ein, und muss es in fünf Jahren mit entsprechenden Aufschlägen zurückzahlen. Dazwischen muss es die Differenz erwirtschaften.

Hertha ist nun ein Posten in diesem Spiel. Woher hat Tennor das Geld? Seriöse Investoren werden hier eher auf Abstand bleiben - dazu ist das Geschäftsfeld zu unklar. So weit man den Medien entnehmen kann, ist Windhorst weltweit tätig, hält auch nicht unbedingt Abstand zu Steuerparadiesen, und kümmert sich nicht im Geringsten um politische Belange, Menschenrechte, ökologische Aspekte. Ein "ethischer" Investor ist er mit Sicherheit nicht. Ich würde es zugespitzt so zusammenfassen: Windhorst macht sich für die Reichen dieser Welt erbötig, sie noch reicher zu machen, indem er für sie nach Ertragsmöglichkeiten sucht, und schneidet dabei bestens mit.

Kurz gesagt: Windhorst verkörpert nahezu perfekt den gegenwärtigen, globalen Kapitalismus, einen Kapitalismus, der spätestens in den 1970er Jahren begann, die produzierende Wirtschaft immer stärker unter Druck zu setzen. Denn Geld will immer mehr Geld, und irgendwo muss das ja erarbeitet werden. Windhorst ist eines der Gesichter dieser Schieflage: das Kapital übt immer stärkeren Druck auf die Arbeit und auf die Realwirtschaft aus. Man spricht von Finanzialisierung. Das ist ein technisches Wort für den Umstand, dass der Kapitalismus in dieser Form per definitionem ein Pyramidenspiel ist, das hinten hinaus immer einen Dummen braucht. Windhorst ist der König Pyramidas dieser Welt.

Zu Beginn dieses Jahres hatte ich einmal die Gelegenheit, mit Michael Preetz ein paar Worte zu wechseln. Ich habe ihm damals die Investorenfrage gestellt: Würde Hertha bei der Suche auch Kriterien berücksichtigen, die ich im weitesten Sinn unter dem Stichwort "Global Financial Integrity" zusammenfassen würde? Er gab natürlich eine politische Antwort: "Es wird ein Investor sein, der zu Hertha passt."

Der neue Sachverhalt mit Hertha BSC, Tennor BV und Lars Windhorst wird uns im Detail noch ausführlich beschäftigen. Mein erster Eindruck ist aber doch eindeutig: Wenn dieses Investment zu Hertha passt, dann passe ich nicht mehr zu Hertha.

Geschrieben von marxelinho am 28. Juni 2019.

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von Jörg (am 29. Juni 2019)
Ja, das ist hart. Ich kann dem wenig Positives abgewinnen. Muss man so etwas jetzt machen, um an Bayern und Dortmund nicht den Anschluss zu verlieren? Das spräche nicht für die Bundesliga. Zweierlei könnte positiv sein: vielleicht schafft es Hertha jetzt wirklich einmal, große Namen in die Mannschaft zu bekommen, die das Stadion füllen. Und: abstrakt war ja seit Jahrzehnten klar, dass der Standort Berlin sich noch mehr als Vorteil nutzen lassen kann. Anscheinend sieht Tennor das auch so, vielleicht gibt es jetzt mal neue Annäherungen an dieses alte Thema. Mehr Positives fällt mir schwer zu sehen. Ich bin nicht sicher, ob ich der Hertha-Führung zutraue, auf Augenhöhe mit solchen Investoren zu agieren. Ganz abgesehen von den ethischen Aspekten. Und der Zeitpunkt, dass mit Union jetzt ein Berliner Verein in der Bundesliga ist, der zumindest vom Image her gegensätzlich auftritt, ist besonders hart.
30. Mai 2019

Hinter Baku die Steppe

Vor zwei Jahren war ich einmal ein paar Tage in Baku. Eine windige Stadt mit protzigen Hochhäusern. Man spürt die Einseitigkeit des Reichtums. Von Europa ist Aserbaidschan weit entfernt, die relevanten Bezugspunkte sind Istanbul, Moskau und Teheran. Hinter Baku kommt dann schon das Kaspische Meer, und Turkmenistan, ein Steppenstaat. In Baku fand gestern das Finale der Europa League statt. Arsenal war schon am Samstan angereist. Chelsea kam erst am Dienstag, als wollte man die Sache kurz und schmerzlos hinter sich bringen.

Chelsea gewann mit 4:1, und bescherte Arsenal eine der bittersten Stunden in einem nun doch schon ziemlich lange fortschreitenden Niedergang. Das Finale war nur eine halbe Stunde lang offen. Danach verlor Arsenal das Momentum, hielt noch bis zur Pause dagegen, in der zweiten Halbzeit zerlegte die Dreieroffensive Hazard-Giroud-Pedro die Fünferkette von Arsenal.

Taktisch ging es immer um die Frage, wer Dominanz auf den Außenbahnen schafft. Emery entschied sich dafür, Maitland-Niles und Kolasinac große Verantwortung aufzubürden. Das ging eine Weile gut, beide kamen in aussichtsreiche Positionen, aber Kolasinac schafft sich mit seinen Läufen Möglichkeiten, für die ihm dann alles fehlt: Technik, fußballerische Intelligenz, Intuition. Seine letzten Pässe sind sehr oft von großer Sinnlosigkeit.

Maitland-Niles wurde zum negativen Mann des Spiels. Er hatte häufig Schwierigkeiten mit dem Positionsspiel, der Elfmeter, den er verschuldete, war direkter Ausdruck seiner vielen Verspätungen. Er ist zweifellos einer der interessantesten Spieler bei Arsenal, im Grunde aber ein typischer Wenger-Profi: er wird vielleicht nie "fertig" werden.

Der andere Spieler des Spiels war früher einmal bei Arsenal: Olivier Giroud zeigte sich als Mittelstürmer der Extraklasse. Hazard wird sicher in allen Berichten hervorgehoben werden, sicher auch zu Recht, aber Giroud fügte alles zusammen.

Bei Chelsea lieferten die Schlüsselspieler in einem entscheidenden Spiel. Bei Arsenal verursachte Aubameyang den vierten Gegentreffer, er beendete damit ein Spiel, zu dem er wenig beitrug. Das Signalbild aber lieferte Mesut Özil: bleich verließ er in der 77. Minute den Platz für Willock, er wurde später noch einmal auf der Reservebank gefilmt, ein Haufen Elend. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er sich von diesen Bildern noch einmal erholt. Arsenal wird ihm noch zwei Jahre ein bedeutendes Gehalt zahlen müssen, wenn sich nicht eine Transferlösung findet, die dann wohl nur in der Türkei oder in einer Scheichwelt zu finden sein wird.

Heute ist nicht der richtige Tag, um die Grundsatzfragen zu diskutieren, die absolut unvermeidlich sind. In einem normalen Club müsste über Unai Emerys erste Saison diskutiert werden. Arsenals Saison war de facto Anfang April vorbei, mit der Niederlage gegen Everton begann eine Phase, in der das Team nur noch erschöpft durch den Bewerb wankte. Dass selbst so noch bis kurz vor Ende ein Platz unter den Top 4 in England möglich war, und dass das EL-Finale erreicht wurde, spricht meines Erachtens dafür, dass die EPL dieses Jahr hinter den Top 2 ziemlich matt war, und dass die Europa League nicht wirklich ernst zu nehmen ist.

Arsenal steht vor einem wegweisenden Transfersommer, mit einem Trainer, dessen Strategien im Lauf der Saison zunehmend unklarer wurden, mit einer Clubführung (Raul Sanllehi), die bisher nichts weiter zuwege gebracht hat, als Sven Mislintat zu vertreiben, und mit einem amerikanischen Besitzer, den außer seinen Renditen nichts interessiert. Dass er nun Geld zuschießen soll, wie viele Fans fordern, wäre aber der verkehrte Weg. Arsenal hat nach wie vor gute Voraussetzungen. Der Weg zurück in die Elite, wenn er denn überhaupt denkbar ist, muss aus den eigenen Möglichkeiten heraus gestaltet werden: ein Vorbild könnte dabei ausgerechnet der Erzrivale sein.

Tottenham ist derzeit dort, wo Arsenal vor zehn, zwölf Jahren war, nach dem Auszug aus Highbury. Außer dem Stadion ist bei Arsenal derzeit aber alles in Richtung Mittelmaß gerichtet. Bei Tottenham hingegen könnte der "overstretch" am Samstag noch zu einem historischen Moment führen.

Geschrieben von marxelinho am 30. Mai 2019.

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19. Mai 2019

Entlastungssteuerung

Eine kleine Einordnung: Vor neun Jahren stieg Hertha nach einer katastrophalen Saison mit 20 Niederlagen und 24 Punkten aus der ersten Bundesliga ab. Trainer war damals Friedhelm Funkel, der das negative Momentum nach dem chaotischen Scheitern von und mit Lucien Favre in keiner Phase umkehren konnte. Gestern musste Hertha am letzten Spieltag auch das spät ausgerufene Minimalsaisonziel Platz 10 kassieren, denn dort steht nun Fortuna Düsseldorf. Der Betreuer: Friedhelm Funkel.

Im Fußball kommt es nicht nur darauf an, was man falsch macht, sondern auch, wann man etwas falsch macht. Pal Dardai wurde gestern verabschiedet, nachdem er Hertha vier Jahre lang stabilisiert hat. Aus den Abschlussplatzierungen 7, 6, 10 und 11 rechnet er einen soliden Durchschnitt heraus, andere (es scheint eine Minderheit zu sein) sehen eher die Tendenz. Pal Dardai hat in den vier Jahren viel richtig gemacht, es lief aber insgesamt dann doch in die falsche Richtung.

Auch damit hatte es zu tun, dass der Frühlingsnachmittag und eine gewisse Abschiedsstimmung das 1:5 gegen Bayer 04 in den Schatten stellten. Die Klatsche im letzten Spiel ist inzwischen Hertha-Tradition, ich trug es in diesem Jahr mit Fassung, weil ja schon die letzten Wochen ein wenig surreal gewesen waren. In unserem bürgerlichen Sektor wurde viel über die Verlängerung der Dauerkarte geredet - eine (nicht repräsentative) Mehrheit wird darauf verzichten, war zu vernehmen.

In jedem Fall nicht verlängern wird dieser freundliche Herr, der aus gegebenem Anlass seine erste Dauerkarte mitgebracht hatte. Wir saßen dieses Jahr nebeneinander und haben das eine oder andere Mal abgeklatscht, wenn Hertha etwas gelungen war. Er ist 85 Jahre alt und war 1952 zum ersten Mal bei Hertha. Wir wünschen alle einen schönen und langen Lebensabend.


Pal Dardai sprach dieses Jahr des Öfteren von Belastungssteuerung. Friedhelm Funkel sprach am Wochenende in einem Interview von Laktattests, an denen er sich nur zum Teil orientieren wollte. Denn im Fußball geht es darum, über Grenzen zu gehen. Das hat die Fortuna für ihre Verhältnisse häufig geschafft, und auch da ist es wieder bezeichnend, dass die Wende in einem Spiel gegen Hertha kam, in dem die Elf von Pal Dardai unter ihren Grenzen blieb. Und zwar so deutlich, dass ich von einem Saisontrend sprechen würde: Entlastungssteuerung.

Im letzten Spiel zog Marco Grujic ein paar Fäden, aber hinten kam Hertha mit den flinken Läufen einer jungen Mannschaft nie richtig zurecht. Pal Dardai hingegen setzte einmal mehr auf Ibisevic. Davie Selke, eines der wichtigsten Assets im Kader, mochte sich gestern beinahe schon ein wenig gedemütigt vorkommen. Zum Ende seiner Amtszeit hat der zuletzt sichtlich erleichtert wirkende Chefcoach noch einmal so richtig seiner Neigung nachgegeben, Seniorität über alles zu stellen.

Es passte aber auch zu einer Anhängerschaft, die sich mangels sportlicher Erfolge auf die nur leicht ironisch verbrämte Feier eines verdienten Langzeit-Herthaners als Fußballgott verlegte: Fabian Lustenberger kam mit Lucien Favre, und blieb über alle Tiefen hinweg. Zu den wenigen Höhen in dieser Zeit trug er Kleinigkeiten bei. Sein größtes Spiel hatte er bei dem heroischen Sieg in Leipzig, aus dem bezeichnenderweise nichts hervorging. Wir Fans sind hilflose Wesen. Ohne Einfluss auf das Geschehen, an dem wir hängen, suchen wir nach Trostpreisen.

Vereinstreue ist zweifellos ehrenwert, und wenn einer ein sympathischer Kerl ist wie "Lusti", dann freut man sich noch mehr darüber. Er war aber halt auch das Gesicht einer stagnierenden Hertha, und damit zum Ende hin passenderweise einer der Lieblingsspieler von Pal Dardai. Die angebliche Spielintelligenz von Lustenberger halte ich für einen Mythos. Denn Intelligenz hat es an sich, dass sie an sich selber wächst. Davon war nicht viel zu sehen. Ich wünsche ihm natürlich das Allerbeste, bin aber auch ein wenig erleichtert, dass ein Spieler weniger im Kader ist, mit dem ein Trainer es sich ein wenig zu leicht machen kann.

In einer Stunde breche ich zur Mitgliederversammlung auf. Wenn ich die Tagesordnung richtig deute, wird Ingo Schiller gar nicht sprechen. Dabei wäre sein Bericht der allerwichtigste. Über die finanzielle Situation von Hertha werden wir aber auch in den nächsten Wochen noch genügend erfahren. Indirekt, durch Spielerverkäufe.

Geschrieben von marxelinho am 19. Mai 2019.

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13. Mai 2019

Hausberufung

Schlechte Nachrichten für Zecke Neuendorf: Wenn das mit Ante Covic schiefgeht, dann wird Hertha es nicht noch einmal mit einer Hausberufung probieren können. Für den derzeitigen Trainer der U15 haben sich also heute die Perspektiven verschlechtert, dass er irgendwann Chefcoach wird. Natürlich ist das der nebensächlichste Aspekt, und man könnte das Gleiche über Michael Hartmann sagen.

In jedem Fall machte Hertha BSC heute eine deutliche Aussage: Es muss sich etwas ändern, ohne dass sich viel ändern soll. Nächste Woche wird es bei der Mitgliederversammlung auch einen Bericht der Geschäftsführung Finanzen geben müssen - ich vermute, dass Geld auch eine Rolle gespielt hat bei der Entscheidung für Ante Covic als neuen Cheftrainer. Hertha kann sich die meisten derzeit interessanten Trainer wohl schlicht nicht leisten. Und bei Oliver Glasner (geht vom LASK in Österreich zu Wolfsburg) hat man geschlafen, das wäre allerdings auch ein riskanter Move gewesen.

Die Sache mit Ante Covic hat verschiedene Aspekte. Der erste betrifft die Ansage: Hertha macht damit keine. Es wird nicht viel übrig bleiben, als wieder tiefzustapeln. Das muss nicht verkehrt sein, und kann sich im Falle eines guten Saisonstarts schnell ändern. Für den Sommer aber und für die individuellen Ambitionen der Spieler wird es erst einmal danach aussehen, dass sie in Berlin nicht unbedingt einen attraktiven Arbeitsplatz mit spannenden Profilierungsmöglichkeiten vorfinden. Covic geht auf dieser Ebene mit einer Hypothek an die Arbeit. So einen Kader, wie Pal Dardai ihn dieses Jahr hatte, wird er vermutlich nicht mehr haben.

Der Kader war aber auch häufig dezimiert. Das führt zu einem weiteren Aspekt. Bei Hertha gab es dieses Jahr ein dichtes Bündel unspezifischer Probleme. Die Einstellung in vielen Spielen, in denen die Spieler als "Mentalitätszwerge" (um Jürgen Klopps Begriff von den "Mentalitätsgiganten" zu variieren) auftraten, war nur ein Aspekt; zahlreiche Verletzungen und insgesamt wenig überzeugende Physis nötigen zumindest zu einer Nachfrage, ob es mit der von Pal Dardai so gern beschworenen Wissenschaftlichkeit bei der Belastungssteuerung wirklich so weit her ist; dazu kommen taktische Defizite, denn abgesehen von einigen guten offenen Spielen und einem gut aufgegangenen Matchplan gegen Gladbach in der Rückrunde waren die Strategien von Hertha selten klar erkennbar. Die anfängliche Innovation der Dreierfünferkette wurde bald zu einer Belastung, gerade dann aber hielt Pal Dardai stur daran fest.

Mit einem Wort: Die ganze Betreuung muss auf den Prüfstand. Ob Ante Covic dazu die nötige Vision mitbringt? Immerhin soll es noch einen zweiten Co-Trainer geben, das darf dann auf keinen Fall eine Alibi-Personalie werden, sondern da muss Hertha sich am besten eine wirklich innovative Fachkraft holen - und zwar am besten wirklich von außen.

Im Umgang mit dem Nachwuchs wird es darauf ankommen, den Kardinalfehler von Pal Dardai zu vermeiden: er hat viele junge Spieler an die erste Mannschaft herangeführt, hat dann aber die ganze erste Mannschaft so behandelt, als wäre sie noch zu schonen, weil sie ja "noch nicht so weit" ist. Damit hat er auch den Jungen die Entwicklung teilweise verbaut. Bei anderen Clubs sind die 19- und 20-Jährigen teilweise deutlich weiter.

Michael Preetz ist mit dieser Entscheidung mächtiger denn je bei Hertha - damit aber auch so angreifbar wie schon lange nicht mehr. Jetzt ist noch einmal deutlicher geworden, was für eine großartige Gelegenheit sich in dieser Saison bot, mit spannendem Personal ein "statement of intent" abzugeben. Die Gelegenheit wurde vertan. Ante Covic muss nun versuchen, ohne große Veränderungen große Veränderungen zu bewirken. Vielleicht ist er ja tatsächlich dafür genau der richtige Mann.

Geschrieben von marxelinho am 13. Mai 2019.

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12. Mai 2019

Oldies but Oldies

Acht Punkte aus den letzten vier Spielen für Hertha BSC: Fast könnte man meinen, die beste Lösung wäre ein Rücktritt vom Rücktritt. Also doch mit Pal Dardai in die neue Saison? Eine ernsthafte Option kann das nicht sein, und es ist wohl auch besser so.

Hertha hat gestern Augsburg mit 4:3 geschlagen. Es war ein verdienter Sieg, in dessen Details es allerdings ein wenig chaotisch zuging. Es brauchte auch einen sehr späten, "weichen" Elfmeter. Hertha agierte insgesamt dominant, so richtig umkämpft wirkte das Spiel im Fernsehen aber nicht. Eher müsste man sagen, dass der Faktor Kompaktheit in den Untiefen des tabellarischen Niemandslands verschwand.

Es ging für beide Mannschaften um nichts mehr, und defensiv zeigten sie das auch: Lustenberger, Rekik, Duda boten freies Geleit zu Gegentoren, Rekik legte sogar Hand an. Die Spielzüge von Augsburg trugen große Fragezeichen über das Feld: sind wir hier in einem Wettbewerbsspiel der deutschen Fußballbundesliga?

Es ist weitgehend dem Umständen geschuldet, fällt aber doch auf, dass der scheidende Chefcoach hinten hinaus noch einmal stark auf die Veteranen setzt: Skjelbred wird gebraucht, keine Frage, Lustenberger auch, Kalou ist unverbrüchlich Stammspieler (wenn auch schon lange keine scharfe Waffe mehr), und Ibisevic ist wieder ganz klarer erster Mann in der Offensive.

Das bedeutet umgekehrt ein demotivierendes Saisonende für Davie Selke, und in ähnlicher Form für Dilrosun und Torunarigha. Das sind drei Positionen, über die sich ein künftiger Cheftrainer schon einmal Gedanken machen kann. Gestern haben wir auch ein paar nicht ganz uninteressante Minuten mit Pascal Köpke gesehen, auch er wird sich über die Hierarchie im Angriff in der nächsten Saison Gedanken machen. Denn Vedad Ibisevic wird dann auch noch da sein. Sein Vertrag wird verlängert.

Dardai muss sich über all das keine Gedanken mehr machen. Für die Kaderplanung sind das aber wichtige Punkte. Vielleicht sehen wir ja gegen Bayer 04 im letzten Spiel dann noch eine etwas stärker in die Zukunft gedachte Formation, allerdings wird Pal Dardai nach dem Sieg in Augsburg vermutlich Argumente für sein  Motto Oldies but Oldies sehen. So ist das auch eines der Ergebnisse dieser Saison: zwei der größten Begabungen (Selke und Torunarigha) sind am Ende immer noch strukturell zweite Wahl.

Da es für Leverkusen am kommenden Samstag noch um viel gehen wird, dürfte sich ein ähnlich irreales Spiel wie gestern in Augsburg nicht wiederholen. Und schließlich müssen die Verantwortlichen am Sonntag in der Mitgliederversammlung ihr Blatt zeigen: die Trainerfrage wird dann zu einem Appendix des Geschäftsberichts.

Geschrieben von marxelinho am 12. Mai 2019.

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11. Mai 2019

Obergrenze Mittelmaß

Drei Wochen Denkpause liegen hinter mir. Heute steige ich wieder ein. Die Saison ist noch spannend genug: fünf Spiele, zwei in der Bundesliga, eine Runde Premier League morgen, und dann zwei europäische Finals, mit vier Mannschaften aus der besten Liga der Welt. Wenn die Premier League die beste Liga der Welt ist, heißt das zwar auch, dass das nicht unbedingt die beste aller möglichen Welten ist, aber auf jeden Fall die irdischste.

Hertha spielt heute in Augsburg. Die letzten drei Spiele (Hannover, Frankfurt, Stuttgart: fünf eher zustandegekommene als erspielte Punkte) habe ich alle gesehen, es gab aber nichts dazu zu sagen. Und ganz bin ich die Irritation noch nicht los, die die aktuelle Saison gebracht hat. Ein vielversprechender Beginn, aus dem keine Inspiration wurde, sondern eine Last. Hertha hat sich unter Führung von Pal Dardai auf Obergrenze Mittelmaß zurückgezogen. Immerhin hat die Clubführung eingesehen, dass das keine gute Devise ist für die Zukunft. Nun warten wir auf die nächste Weichenstellung.

Einstweilen bleiben, nachdem das Saisonziel selbst in seiner niedrigsten Variante verfehlt wurde, Teil- und Nebenziele. Ich habe gelegentlich formuliert, dass für Hertha auch immer ein Saisonziel sein sollte, vor Augsburg abzuschließen. Das ist dieses Jahr schon vor dem heutigen Spiel gewährleistet. Warum aber ist das überhaupt wichtig?

Die Liga zeigt uns dieses Jahr, dass sie weiterhin eng ist, insgesamt aber ziemlich sauber in der Mitte geteilt. Es gibt eine relativ homogene Hälfte, in der im Grunde alle um Europa spielen, und eine zweite Hälfte, in der die zweistelligen Plätze und der Abstieg ausgespielt werden. Herthas Saisonziel war also klug gewählt: man wollte zeigen, dass man zu der ersten Hälfte gehört. Nun bleibt nur die Spitzenposition in der anderen Hälfte.

In diesem Jahr entspricht die Tabelle, sieht man der Anomalie Schalke und vom VfB Stuttgart ab, auch ziemlich genau den Standortfaktoren. Oben stehen die Traditionsclubs, die Geldclubs und die Werksclubs. Weiter unten stehen die Kleinen, die Föderalismuskomponenten der Bundesliga, die - anders als die Premier League in London - keinen Wasserkopf hat. Wo aber steht Hertha? Wieder einmal auf der falschen Seite, bei den Kleinen.

Augsburg hat sich in den letzten Jahren wacker geschlagen, und Hertha konnte selten einen Unterschied markieren. Heute wäre eine Gelegenheit, zumindest einen anzudeuten. Es wäre ein Unterschied, der eben anerkennt, dass Hertha sich mit der Obergrenze Mittelmaß strategisch unter Wert schlägt. Auch mit Untergrenze Mittelmaß könnte Hertha auf Platz 10 landen, aber es wäre dann eine Platzierung, die man nicht halb ironisch, halb resignierend akzeptieren müsste, sondern es wäre dann eben eine Konzession an eine flache Hierarchie in der Liga. Der Fußball verzeiht vieles. Anonymität aber ist unverzeihlich.

Also wäre es schön, wenn Hertha sich heute und nächsten Samstag noch zweimal zeigen würde. Es kann, unter den gegebenen Bedingungen, nur noch eine Andeutung sein. Die Konkretion (der Ambition) muss demnächst von Michael Preetz kommen: eine hausinterne Trainerlösung kann im Grunde nur bedeuten, wieder beim Saisonziel Klassenerhalt anzufangen. Also von fast ganz vorn. Vom Gefühl her ist das auch tatsächlich die Situation, in der Hertha derzeit steht.

Geschrieben von marxelinho am 11. Mai 2019.

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19. April 2019

Sauberes Tuch

Ein Freistoßtor von Alexandre Lacazette in der 36. Minute hat gestern das Europa-League-Viertelfinale zwischen Neapel und Arsenal relativ frühzeitig entschieden. Danach hätte Neapel vier Tore erzielen müssen, diese Aufgabe erwies sich bald als zu groß. Es wurde also nicht das Drama, das ich ein wenig befürchtet hatte, sondern ein überraschendes "clean sheet" und ein sehr eindeutiges Gesamtergebnis: 3:0.

Spannend war also nur die erste halbe Stunde. Und auch da war es in erster Linie ein Aspekt, der von Interesse war: die hohe Linie von Arsenal. Unai Emery hatte die naheliegende Formation gewählt: Hinten drei Mann, Koscielny zwischen Monreal und Sokratis, davor Xhaka und Torreira, auf den Außenpositionen die schnellen Kolasinac und Maitland-Niles, ganz vorne Lacazette und Aubameyang, und dazwischen der erste Anläufer und allgegenwärtige Initiator Ramsey. Özil musste auf die Bank, weil Xhaka wieder da war. Und später, als Ramsey sich verletzte, kam Mkhitaryan - das war ein kleines Signal, dass Özil gegen Crystal Palace eher gebraucht wird, als in den internationalen Spielen auswärts.

Bei der hohen Linie von Arsenal war nicht ganz klar, ob dahinter eine taktische Idee von Carlo Ancellotti stand, oder ob sie ein Ergebnis der Absichten von Arsenal war. In den ersten zehn Minuten fand das Spiel fast nur in der Hälfte von Neapel statt, dann begannen die Italiener, sich ein wenig einzubringen. Sie versuchten es mit dem Mittel, mit dem Arsenal in dieser Saison mehrfach schmerzhaft Bekanntschaft gemacht hat: hohe Bälle hinter die letzte Linie.

Allerdings zeigten sich Koscielny und Co. auch dieses Mal, wie schon im Hinspiel, hochkonzentriert: sie stellten Insigne und Milik regelmäßig abseits, mehrfach waren die Entscheidungen sehr knapp, aber es klappte immer. Es ist aber natürlich eine nervenaufreibende Angelegenheit. In diesen zwanzig Minuten bis zum Tor zeigte Arsenal durchaus Wirkung: Ballverluste von Aubameyang und Torreira führten auch zu gefährlichen Kontern. Hätte Neapel in dieser Phase getroffen, wäre Arsenal womöglich ins Wanken geraten.

Dann gab es aber den Freistoß. Xhaka stand auch beim Anlauf, Lacazette aber traf mit dem Rechten in die Torwartecke. Er kann das. Im Vergleich ist Aubameyang derzeit fast außer Form, er sorgte zwar für den kuriosen Treffer in Watford (indem er Ben Foster in einen Abschlag funkte), aber bei ihm läuft es zur Zeit nicht so gut. Mit den zwei Seminfinals gegen Valencia und den noch ausstehenden fünf Premier-League-Spielen wird Emery aber alle verfügbaren Kräfte benötigen. Und Mesut Özil werden wir am Sonntag aller Voraussicht nach auch wieder sehen - bei Ramsey könnte die Saison vorzeitig zu Ende sein. Es sei denn, Arsenal kommt ins Finale der Europa League: bis Ende Mai in Baku sind es noch fast sechs Wochen.

Geschrieben von marxelinho am 19. April 2019.

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18. April 2019

Forza Rossa

Eine spannende Europacupwoche erreicht heute Abend für mich ihren Höhepunkt: Arsenal muss in Neapel versuchen, einen 2:0-Vorsprung aus dem Hinspiel zu verteidigen. Das ist sowieso keine geringe Herausforderung. Eine besondere Note bekommt die Angelegenheit aber noch dadurch, dass die Diskrepanz zwischen Heim- und Auswärtsform bei den Gunners in diesem Jahr ungewöhnlich markant ist.

Am Montag gab es zwar ein 1:0 in Watford, aber auch da war die Leistung alles andere als überzeugend. Davor war das 0:1 bei Everton einer der enttäuschendsten Auftritte überhaupt unter Unai Emery. Nichtsdestoweniger steht Arsenal momentan auf Platz 4 in der Liga, das Restprogramm hat aber einen eindeutigen Akzent: zwei Heimspielen gegen Crystal Palace und Brighton stehen drei schwere Fahrten zu den Wolves, nach Leicester und nach Burnley gegenüber.

Die konkreten Termine hängen dabei auch noch ein wenig davon ab, ob Arsenal ins Halbfinale der Europa League gelangt. Es spricht alles für ein hoch spannendes Spiel heute Abend. Denn schon das Hinspiel war packend. Napoli hatte einige exzellente Chancen, versäumte aber ein Auswärtstor in einem Spiel, wie es in dieser Form selten geworden ist: Arsenal dominierte mit fantastischen, raumgreifenden Kombinationen, Napoli spielte gelegentlich gefinkelte Konter, in der zweiten Halbzeit machte Napoli dann teilweise das Spiel, während Arsenal noch tolle Chancen auf ein drittes Tor hatte. Es war alles offen und kontrolliert zugleich.

Zu den Überraschungen in dieser Phase der Saison zählt die Rolle von Mesut Özil. Die Irritationen aus der ersten Saisonhälfte scheinen ausgeräumt. Emery zeigt sich als Pragmatiker, er lässt Özil nun wieder häufig in der zentralen Offensivpositionen alle Freiheiten. Das hat einerseits mit der Doppelspitze Lacazette-Aubameyang zu tun, die vor allem in den großen Spielen zum Einsatz kommt, andererseits mit der Rolle von Aaron Ramsey, der auch auf der Achterposition stark ist - eigentlich ist er dort am besten.

Sein Abgang ist extrem bedauerlich. Er ist als Arsenal-Identifikationsfigur derzeit unvergleichlich, und er spielt wie ein Leader. Er bringt Özil in Form, und er schießt selbst Tore. Ich bin mir relativ sicher, dass Arsenal die Situation inzwischen anders einschätzen würde als vor ein paar Monaten, als der Vertrag zu erneuern war. Vielleicht hat Emery ja einen Mittelfeldspieler im Hinterkopf, den er gern haben würde. Da fällt immer wieder der Name Ever Banega, der für meine Begriffe aber Torreira zu stark in die Quere käme.

Interessant sind einige der neuen Gewichtungen in der Mannschaft: die beiden Außenspieler Kolasinac und der immer wichtiger werdende Maitland-Niles haben Mkhitaryan und Ibowi de facto zu Ergänzungsspielern gemacht, während Lacazette im Standing derzeit sogar vor Aubameyang kommt. Xhaka war eine Weile verletzt, er scheint für Emery aber eine absolute Instanz zu sein, und er zeigt sich dieser Verantwortung auch zunehmend besser gewachsen.

Arsenal wird im Sommer nicht viel investieren können - jedenfalls nicht im Vergleich zu der direkten Konkurrenz um die ersten vier Plätze in England. Der Kern eines spannenden Kaders lässt sich aber schon einmal nominieren: Leno, Bellerin, Kolasinac, Maitland-Niles, Xhaka, Torreira, Guendouzi, Lacazette, Aubameyang, Iwobi. Dazu unter Vorbehalt Özil, den Arsenal sicher lieber von der Gehaltsliste bekommen würde. Fehlt also eine komplette Defensive, fehlen zwei Winger (ich denke, man wird auch Mkhitaryan lieber weiterschicken wollen), fehlt ein Mann im Zentrum. Fehlt ein Aaron Ramsey.

Mit den letzten Vier in der Champions League bin ich übrigens hochzufrieden. Ajax war ein Vergnügen (Total Tiki Taka), Spurs sind zwar die Erzrivalen von Arsenal, ich sehe sie aber sehr gern, für Liverpool und Klopp könnte das ohnehin ein großes Jahr werden, und Barca gegen Liverpool - wer wollte das nicht sehen?!

Sollte Arsenal heute weiterkommen, dann ginge es im Halbfinale der Europa League aller Wahrscheinlichkeit nach gegen Valencia, und ein denkbares Finale wäre eine englische Angelegenheit: gegen Chelsea. Im Idealfall wären es in dieser Saison noch neun Spiele für Arsenal. Speriamo!

Geschrieben von marxelinho am 18. April 2019.

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