23. Mai 2020

Altherrenfußball

Thomas Müller hat das wohl anders gemeint, als er vergangene Woche nach dem Spiel bei Eisern Union von einem Fußball sprach, der ihn an Begegnungen zwischen alten Herren erinnert. Komisch, aber bei diesem Begriff muss ich immer an Hans "Buffy" Ettmayer denken, dem man schon in seiner aktiven Karriere den Stil eines älteren Herren nachsagte. Also so ein bisschen schillernd zwischen Genie und Päuschen.


Während der ersten Halbzeit des Geisterderbys zwischen Hertha und Union gestern hatte ich zum Teil das paradoxe Gefühl, ein Youtube-Video aus einer verblichenen Zeit des Fußballs zu sehen, dabei aber auf Ultra-HD-Auflösung herangezoomt. Später wurde mir noch eine andere Widersprüchlichkeit klar: bei diesen Spielen hören wir ganz genau, wie die Spieler den Ball treffen, das kenne ich so nur aus dem Amateurstadion, wo wir direkt dran sitzen. Die Übertragungen kombinieren also einen Effekt von Nähe, nämlich den von kleinen Fußballspielen, mit einem Effekt von Distanz, denn gespielt wird im und für das Fernsehen. Bis Ende Juni mag das eine vertretbare Lösung sein sein. Eine Perspektive ist es nicht.

Wie schon gegen Hoffenheim ließ Herha uns eine Halbzeit lang Zeit, das Spiel so halb konzentriert zu verfolgen und die Rundherumaspekte dieser melancholischen Veranstaltung zu bedenken. In Halbzeit zwei machte die Mannschaft dann Ernst, und erneut erwies sich der alte Herr in den Reihen als der entscheidende Mann. Vedad Ibisevic ist für Trainer Labbadia der Schlüssel zu einer funktionierenden Organisation, als Zielspieler wie als Verteiler. Dass der Führungstreffer fast wie eine Kopie des zweiten Treffers in Hoffenheim erscheinen muss, deutet auf Strukturen. Dass Lukebakio Gelegenheit bekam, sich für den eher mäßigen Auftritt in Sinsheim zu rehabilitieren, hat noch mehr mit diesen Strukturen zu tun.

Hätte das Derby vor ausverkauftem Haus stattgefunden, hätte es sicher eine Menge "Nebengeräusche " gegeben, denn schon im Herbst hatten es sich ja Fans, denen der Fußball im Grunde egal ist, nicht nehmen lassen, sich in den Vordergrund zu drängen. Nun fand das Derby vor verschlossenen Türen statt. Morgen findet die Mitgliederversammlung in Form einer digitalen Zusammenkunft statt. Unter außerordentlichen Bedingungen werden die Bedingungen für eine nächste Normalität geschaffen, die mit der vertrauten nicht so schnell wieder etwas zu tun haben dürfte. Liegt es daran, dass Ibisevic in diesem Tag wie ein Held aus der Zukunft wirkt?

Geschrieben von marxelinho am 23. Mai 2020.

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17. Mai 2020

Ellbogengesellschaft

Eine Weile habe ich gestern auf Sky das Fake-Audio mitlaufen lassen, heruntergedimmte Fangesänge aus der Konserve. Dann habe ich aber doch auf die andere Version umgeschaltet, um Hertha in Sinsheim zu sehen und auch ein bisschen zu hören. Das Spiel war eine Halbzeit lang ein wenig seltsam, in der zweiten Halbzeit wirkte es dann schon relativ normal, mit dem nicht ganz gewohnten Aspekt allerdings, dass Hertha mit drei Toren das Spiel klar für sich entschied.

Über die generellen Aspekte des Neustarts der Liga können wir diese Woche noch einmal in aller Ruhe ausführlich diskutieren. Ich habe mir natürlich auch die Stellungnahme der Harlekins angesehen, und weiß um die Streitpunkte in dieser Angelegenheit. Fußball hat aber immer diese beiden Ebenen - man kann mit seiner Entwicklung unzufrieden sein, und schaut doch die Spiele.

Ich habe also gestern dann letztendlich doch einfach ein Match gesehen. Eines, in das Hertha mit einem neuen Trainer ging: Bruno Labbadia. Er ist für mich fast schon so etwas wie ein Inbegriff der Bundesliga, zu einem größeren Engagement wird es wohl nie reichen (in England sehe ich ihn nicht), aber in der Riege der hier Tätigen ist er doch auf eine bemerkenswerte Weise beständig und professionell.

Er fand auch eine, wie sich zeigte, gute Mischung für die erste Elf. Schlüsselentscheidung war die für Ibisevic. Der Veteran spielte zugleich umsichtig und zielstrebig. Vor der großen Chance von Cunha in Halbzeit eins trat er den Gegner zwar übel, da hätte bei einem Tor sicher der Video-Referee intervenieren müssen. Aber das war nur eine von vier Szenen, in denen Herthaner vor der Pause zeigten, dass sie erst wieder in die Gänge kommen mussten. Bei Boyatas Foul hätte man auch härter sanktionieren können, aber es wurde wohl doch ein bisschen mitbedacht, dass da fehlende Matchpraxis ein Faktor war.

Das ging dann auch ziemlich schnell mit der Matchpraxis. Die zweite Halbzeit sah für mich schon sehr normal aus. Die Wendigkeit von Mittelstädt vor dem zweiten Treffer, der Fintenreichtum von Cunha vor dem dritten, das war guter Fußball. Der Sieg war in dem Maß verdient, in dem im Fußball ein Match oft nach einem Treffer eine Richtung bekommt. Hertha hatte diese Richtung zu diesem Zeitpunkt schon vorgegeben, aber der junge Hoffenheimer Beier hatte auch die Möglichkeit, das zu ändern.

Abends konnte man dann noch gelegentlich lesen, die Herthaner hätten ungebührlich gejubelt. Das ist idiotisch. Die Liga hat sich für diese besondere Situation ein paar besondere Regeln gegeben, einige dienen in erster Linie der Außendarstellung. Ich fände es besser, wenn das anders kommuniziert würde: Der Matchbetrieb versucht, für die restlichen Spieltage einen geschützten Raum zu schaffen, und er tut dies auch in einem öffentlichen Interesse, denn eine ganze Reihe von Teilbereichen der Gesellschaft suchen derzeit nach Formen, ihren Betrieb wieder aufzunehmen. Der Spitzenfußball probiert eben eine aus, die für ihn praktikabel scheint. Wenn ein Trainer auf drei Meter Abstand ein Interview gibt, muss er keine Maske tragen. Denn das müsste er auch im "richtigen" Leben nicht.

Der Neustart fällt in eine Zeit der Nervosität, denn es gibt erste Anzeichen von Alltag, und die meisten spüren doch, wie fragil das alles ist. Gestern habe ich keinen Exzess der Profitsucht, sondern eine Andeutung von Alltag erlebt. Es tat gut.

Geschrieben von marxelinho am 17. Mai 2020.

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16. Mai 2020

Strafraumszenen

Zwei Monate haben wir nun ohne neuen Fußball zugebracht. In dieser merkwürdigen Zeit hat mich kaum etwas mehr bewegt als die Bilder von Fans, die ich gelegentlich bei einem alten Spiel gesehen habe. Ich habe in alles ab und zu hineingeschaut, womit Sky die Leere zu überbrücken versuchte. Ich habe das Champions League Finale von 1997 noch einmal gesehen, bei dem ich besonders deutlich wahrgenommen habe, wieviel sich in meinem Leben seither verändert hat. Ich habe verschiedene Features gesehen, und dabei bemerkt, was ich eh wusste: Fußball interessiert mich nicht in Ausschnitten. Ganze Spiele aber vermögen mich sofort wieder zu fesseln, ich könnte also auch aus der Konserve halbwegs gut leben, sollte einmal keinerlei Aussicht auf aktuellen Spielbetrieb mehr bestehen.

Die Bilder von den Fans gingen mir deswegen so nahe, weil sie für eine Realität stehen, die Ende Februar noch selbstverständlich war, und wir verloren haben. Dass man sich mit wildfremden Menschen abklatscht, weil einer da unten ein Tor geschossen hat, das ist ein schräger Aspekt von Gemeinschaft, wie auch, wenn man mit unbekannten Menschen das Dunkel eines Kinosaals teilt, in dem ein Film unsere Konzentration auf sich zieht. Das eine ist mein Beruf, ich schreibe über solche Erlebnisse, derzeit sind die auch unterbunden.

Eine Mehrheit der Deutschen lehnt die Wiederaufnahme des Spielbetriebs der Bundesliga in der Form von "Geisterspielen" ab, habe ich heute morgen gelesen. Ich zähle nicht zu dieser Mehrheit. Ich meine dahinter einen billigen Reflex zu spüren. Der Fußball muss, wie alle anderen Bereiche der Gesellschaft und der Wirtschaft, eine Lösung finden, wie er weitermachen kann. Es steht ja keineswegs fest, dass zu Beginn einer neuen Saison dann wieder alles wie gehabt sein wird - eher müssen wir vom Gegenteil ausgehen, auch die kommende Spielzeit wird stark beinträchtigt sein.

Es kommt also darauf an, auszuprobieren, was möglich ist. Dass es dabei zuerst einmal vor allem um Fernsehgelder geht, sollte man nicht beanstanden. Ich bin seit 20 Jahren Kunde des Bezahlfernsehens, und trotz allen Ärgers, den Premiere, dann Sky, später auch DAZN uns immer wieder bereiten (und dann auch noch eine Kartellbehörde, der die Fußballfans egal sind), sind die Vorteile doch unbestreitbar: Dass man in Deutschland seit vielen Jahren alle Spiele der ersten beiden Ligen sehen kann, ist ein Luxus, der mit dem Gegenwert von, sagen wir, zwei Packungen Zigaretten pro Monat für meine Begriffe vertretbar abgegolten wird. Und für dieses System in erster Linie beginnt die Liga heute wieder.

Salomon Kalou hat mit seinem Video angeblich die ganze Sache noch einmal in Frage gestellt. Dabei hat er eigentlich in aller Arglosigkeit nichts anderes getan, als einige Widersprüche offen gelegt, die das Konzept der DFL enthält: denn es sind auch taktische Konzessionen an eine fragile Öffentlichkeit, wenn die Clubs in der Quarantäne auf Abstand miteinander essen, und einander nicht die Hand geben dürfen, während sie natürlich heute Nachmittag im Schweiß ihres Angesichts wieder die Fünfmeterräume bevölkern werden, wenn es einen Eckball gibt.

"Die Räume waren sehr groß", hat der neue Hertha-Trainer Bruno Labbadia über ein Testspiel erzählt, bei dem Hertha neulich gegen Hertha gespielt hat. Die Spieler kommen aus einer Wartezeit, in der ihre Gruppenkoordination nicht unbedingt besser geworden sein wird. Ich denke, wir müssen uns auf mäßige Spiele einstellen, vielleicht sogar auf grenzwertige. Vielleicht aber sind wir in einer Woche, wenn Hertha dann gegen Union das Derby spielt. schon ein Stück näher an einer zumindest sportlichen Normalität. Von einer gesellschaftlichen müssen wir vorerst nicht reden.

Geschrieben von marxelinho am 16. Mai 2020.

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von Natalie (am 16. Mai 2020)
Das mit dem Fragmentfußball geht mir ähnlich, sonst versteht man ein Spiel auch gar nicht. Man guckt einen Film ja auch komplett, sonst hat man den Film nicht gesehen, um in Deinem Bild zu bleiben. Mein Szenario kennst Du ein wenig. Jetzt Saisonabbruch, die Geisterspiele als Option um eine neue Saison zu starten. Daß es irgendwann irgendwie weitergehen würde, ist klar. Ich halte es einfach für zu früh. Auch und gerade vor dem gesellschaftlichen Hintergrund und weil es, wie Du richtig sagst, viel zuviel Widersprüche gibt. Da hast Du Kalou richtig eingeordnet, aber er hat zuvorderst sich selbst und uns Herthanern als Spottadresse Nr.1 damit einen Bärendienst erwiesen und gleichzeitig die Schwachstellen offengelegt. Menschen machen Fehler, dürfen sich allerdings keine leisten. Vor allem all jene im Alltag. Daß man bei den Geisterspielen voraussichtlich auf Schauspielerei verzichtet, ist durchaus ein Vorteil, aber es gibt viele Abers auf/ am Rasen: Wenn es doch zu Infektionen kommt, mögliche gesundheitliche Folgeschäden, Verletzungsgefahr, Abstiege/ Aufstiege, Gefälle/ Schere große/ kleine Clubs Kaderstärke noch größer, ggf Druck, der auf Spieler/ Vereine ausgeübt wird, Sonderbehandlung, ggf falsches Signal an Nachahmerstaaten, die größere Probleme mit Corona haben, europäische Ligen, UEFA... Der unverschleierte Blick auf das reine Produkt Fußball tut mir weh, auch, weil ich ganz egoistisch finde, daß Fußball ein Volkssport ist und die Gemeinschaft braucht als Teil seines Wesens. Ich brauche das als Teil meines Wesens.
15. Mai 2020

Wiesenballsport


Ich bin mit einem Bein schon bei den Amateuren, schrieb eine in meinen Kreisen prominente Herthanerin zuletzt gelegentlich. Sie hat für die bevorstehenden Geisterspiele nichts übrig. Zwei Monate lang habe ich diese Seiten einem Ansturm von Werbung für Potenz- und Diätmittel überlassen. Heute habe ich den Spam gelöscht. Ab morgen bin ich wieder dabei. (Für den Hinweis auf das Video: Dank an Valdano.)

Geschrieben von marxelinho am 15. Mai 2020.

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von Valdano (am 15. Mai 2020)
Und Valdano dankt Christian!
von Natalie (am 15. Mai 2020)
Darauf freue ich mich, und das Ringen mit mir selber wird substanziell. Etwas aufgeben zu müssen, das man liebt, ist schwer. Temporär? Muß man das überhaupt, wird man sich sonst untreu, wenn nicht? Das Ritual, die Freunde. Hertha und die Mitgliedschaft wird immer bleiben, aber boykottiere ich, boykottiere ich nicht und halte Papp-Protest hoch? Hertha mit und ohne Windhorst. Ich bin niedergeschlagen. Der Profi-Fußball ist schon lange Kommerz, aber seit Corona sehe ich fast nur noch die Fratze.
08. März 2020

Durchwinken und Abnicken

In diesen merkwürdigen Wochen entdeckt die Mannschaft von Hertha BSC neue Eigenschaften an sich: sie hat nun plötzlich Comeback-Qualitäten. Voraussetzung dafür sind aber natürlich beträchtliche Setback-Qualitäten. Gegen Bremen gab es schon wieder zwei Gegentore gleich zu Beginn, anders als gegen Köln wurden dann aber nicht fünf daraus, sondern ein 2:2, das immerhin im Kampf gegen den Abstieg hilfreich ist, auch wenn der karge Punkt jetzt nicht den großen Sprung in die gemütliche Zone bedeutet.

Gemütlich ist vielleicht auch nicht der richtige Ausdruck für die Einstellung vor allem von Klünter und Stark in den ersten Minuten. Ich würde eher von einer Indifferenz sprechen: Beide fanden eine Einstellung zum Spiel erst, als es schon wieder nach einer Katastrophe roch. Ich halte diese acht Tore, die Hertha zuletzt insgesamt in drei ersten Halbzeiten bekam, für ein Symptom der Gesamtsituation, die Michael Preetz erzeugt hat, indem er Alexander Nouri nach Klinsmanns Abgang weitermachen ließ.

Die Botschaft dieser Entscheidung ist ja deutlich: die Saison ist abgeschrieben, es reicht, wenn mit Gewurstel noch ein paar Punkte hereinkommen, die den Klassenerhalt sichern. Und zu diesem Gewurstel reicht es dann doch noch, weil der Kader ja nicht so schlecht besetzt ist. Gestern waren mit Cunha, Torunarigha, Darida, Mittelstädt und Wolf immerhin fünf Spieler zumindest deutlich bemüht. Energie und Intensität sind nun einmal ein Faktor im Fußball, und gestern hat Hertha zumindest in dieser Hinsicht etwas gezeigt.

Plan und Zusammenspiel sind dann schon eine andere Angelegenheit. Das Remis gegen Bremen hatte eher Aspekte von Anarchie. Cunha ist sowieso schwer in ein System zu bringen, er will das Spiel an seinen rechten Fuß ketten und es damit aufladen. Torunarigha bemerkte gestern irgendwann, dass Positionsspiel gegen die bald wieder verunsicherten Bremer wenig Sinn macht. Er war schon gegen Düsseldorf ein immenser Faktor.

Da aus dem Spiel gestern niemand groß Schlussfolgerungen ziehen muss, sollten die Fans sich eher allmählich überlegen, wie sie sich auf die Mitgliederversammlung im Mai vorbereiten. Denn es spricht einiges davor, es dieses Mal nicht mit Abnicken und Durchwinken bewenden zu lassen. Der Zeitpunkt war nie besser, ein paar grundsätzliche Sachen zu diskutieren.

Geschrieben von marxelinho am 08. März 2020.

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03. März 2020

Kurzer Pass zum langen Abschied

Der Kommentator von DAZN sprach gestern konsequent von einer B-Elf, die Arsenal im FA Cup gegen den FC Portsmouth aufgestellt hatte. Man hätte auch von einem Perspektivteam sprechen können: eine sehr jugendliche Formation gegen einen Drittligisten. Saka, Guendouzi, Martinelli, Willock, Nketiah und Nelson, dazu ein paar erfahrene Herren weiter hinten (Luiz, Sokratis), der neue Innenverteidiger Mari. Lucas Torreira musste früh ausgewechselt werden, für ihn kam Ceballos. Zweimal zog Nelson über rechts das Tempo an, das reichte zu Treffern durch Sokratis und Nketiah.

Es war das erste Spiel nach dem Ausscheiden aus der Europa League am vergangenen Donnerstag, nach einem sehr späten Auswärtstor von Olimpiacos Piräus. Ich habe selten einen so intensiven Moment mit Arsenal erlebt, ein absoluter Thriller von einem Match, mit einem schlimmen Ende. "Arsenal will not recover from this in a decade", habe ich danach getwittert. So fühlte es sich an, so könnte er aber auch durchaus kommen.

Denn der Club befindet sich an einem wegweisenden Punkt. Die Qualifikation für die Champions League ist nun nur noch in der Liga möglich. Der Abstand zu Platz 4 ist gar nicht so groß, acht Punkte bei einem Spiel mehr als Chelsea. Aber Arsenal steckt in einem dichten Pulk, wenn die Saison so weitergeht, kann es ohne weiteres sein, dass nächstes Jahr die Wolverhampton Wanderers in der Königsklasse auflaufen.

2016/2017 war Arsenal zum letzten Mal in diesem Bewerb vertreten, damals war im Achtelfinale Schluss, in zwei Spielen gegen die Bayern, die mit einem Torverhältnis von 2:10 endeten. Arsene Wenger konnte auch danach noch mehr als ein Jahr weitermachen, der Sieg im FA-Cup 2017 übertünchte die bereits deutlichen Defizite.

Für Arsenal hängt vom Ausgang dieser Saison nahezu alles ab. Ein viertes Jahr ohne Champions League würde wahrscheinlich bedeuten, dass der Kader im Sommer geplündert wird: Aubameyang, der Talisman, ist dann 31, sein Vertrag läuft bis 2021. In einer Liste der 100 besten Fußballer, die der Guardian kürzlich veröffentlichte, waren von Arsenal nur zwei Spieler vertreten: Auba und Lacazette (der auf Platz 99). Das sagt eine Menge über den Kader aus. In dieser komplizierten Saison haben sich einige junge Spieler gezeigt: Saka und Martinelli sind am auffälligsten, auch sie wären schwer zu halten, bliebe Arsenal im Niemandsland des Fußballs stecken.

Mikel Arteta hätte dann eine ganz andere Aufgabe als bei Manchester City, wo er an der Seite von Guardiola aus dem Vollen schöpfen konnte und Talente wie Sterling entwickeln half. Er müsste Aufbauarbeit nahezu von ganz unten leisten. Ob er dazu in der Lage ist, kann man bisher noch nicht einschätzen. Er hatte unzweifelhaft einen positiven Effekt auf die Spieler, inzwischen spürt man aber schon wieder regelmäßig das typische Arsenal-Phlegma. Granit Xhaka ist dafür das interessanteste Beispiel: er war mit Arsenal schon am Ende, hatte dann ein heroisches Comeback in einem spektakulären Derby gegen Chelsea, inzwischen ist er weitgehend der Spieler von vorher, spielt seinen Stiefel, gilt nun aber wieder als Stütze.

Aubameyang traf gegen Olimpiacos mit einem Fallrückzieher, es war ein großartiges Tor nicht nur für ihn, es war ein Ensemblekunststück. Umso mehr muss ihn getroffen haben, dass sein Erfolg sechs Minuten später durchgestrichen wurde, weil Arsenal eine Flanke nicht verteidigte. Den vorentscheidenden Fehler machte übrigens Bernd Leno, der einen keineswegs schwierigen Rückpass in einen Corner für Olimpiacos verwandelte. Seinen Stellvertreter Martinez, der gestern spielte, halte ich für keinen genügenden Ersatz. Im Grunde bräuchte Arsenal auch zwei neue Keeper.

Mesut Özil, der am meisten verdient, will bis 2021 bei Arsenal bleiben. Das ist aus seiner Sicht nur vernünftig, denn sportlich wird er es in keine Topmannschaft mehr schaffen, auch wenn sein Spiel zuletzt wieder interessanter wurde. Er bemüht sich, und Arteta schenkt ihm auch Vertrauen. Özil gehört nicht mehr zu den Top 100, aber er hat in guten Momenten immer noch die Ausstrahlung eines Weltstars. Und er spielt unnachahmlich. Im Moment zählt es also zu meinen kargen Freuden als Arsenal-Fan, den langsamen Abschied von Mesut Özil zu beobachten, oder, im Idealfall, das späte Glück.

Arsenal hat jetzt noch elf Spiele in der diesjährigen Premier League. Wenn es Arteta gelingt, das Personal gut auf diese Herausforderung einzustellen und die richtige Mischung aus Erfahrung und Talent zu finden, dann könnte er schon in seinem ersten Jahr bei Arsenal etwas Großes schaffen. Platz 4 wäre im Grunde eine Sensation. Es kann nun aber kein anderes Ziel geben.

Geschrieben von marxelinho am 03. März 2020.

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01. März 2020

Organisierte Praxis

Fußball ist ein einfaches Spiel, das durch das Auftreten einer gegnerischen Mannschaft kompliziert wird. An diesen berühmten Satz musste ich gestern wieder denken, als ich mir das 3:3 zwischen Hertha und Fortuna Düsseldorf (nachträglich) ansah. Nebenbei wollte ich zudem herausfinden, von dem denn diese treffende Bemerkung stammt. Und siehe da, es ist Jean-Paul Sartre: "En fait, dans un match de football, tout se complique du fait de la présence de l'équipe adverse." So steht es in der Kritik der dialektischen Vernunft, im zweiten Teil, der sich mit Gruppen in der Geschichte beschäftigt, und dort wiederum in einer Passage über "Organisierte Praxis und Funktion".

Alles kompliziert sich durch einen Gegner. So ist das normalerweise, aber bei Hertha hat sich in diesem Jahr fast alles ohne einen Gegner kompliziert. Wer nach einem Beispiel für einen Chaosclub sucht, wird beim Big City Club in Berlin fündig. Dabei ist auch hier alles ganz normal: eine Entscheidung folgt auf die andere, jede Entscheidung reagiert auf eine Situation, irgendwann sind es so viele Entscheidungen, dass man sie vielleicht besser einem Zufallsgenerator überlassen würde.

Der arme Alexander Nouri, der zur Zeit Cheftrainer von Hertha BSC ist, weil Michael Preetz nach dem überraschenden Abgang von Jürgen Klinsmann den deutlichen Schnitt vermeiden wollte, der eigentlich unumgänglich war, Nouri trifft also dauernd Entscheidungen. Zum Teil reklamiert er dabei Rückendeckung von Experten (den Torwartwechsel empfahl der Torwarttrainer, hieß es). Zum Teil probiert er halt einfach ein wenig herum: Dilrosun und Lukebakio wieder rein, zur Pause dann wieder raus.

Lukebakio wird das Klinsmann-"Dossier" vermutlich nicht gelesen haben, er spielte aber, als wäre ihm an schlechter Nachrede sehr gelegen. Watford, wo man für ihn keine Verwendung mehr hatte, hat gestern übrigens den FC LIverpool geschlagen. Jürgen Klopp betreut nun wieder eine Mannschaft von "Vincibles". Das ist das Schöne am Fußball in England: er ist voller adverser Equipen.

Düsseldorf hat sich deswegen einen Trainer aus England geholt, die Fortuna hat sich unter Uwe Rösler sofort zu einem Ligaverbleibskandidaten entwickelt, und sich dann am Freitag aber so über das Fehlen eines Gegners gewundert, dass Hertha sich in Halbzeit zwei plötzlich doch noch zu erkennen gab. Mit einer unorthodoxen Taktik, nämlich mit Torunarigha in einer offensiven Rolle (defensiv war ungefähr so wirksam gewesen wie Lukebakio), und mit Cunha an allen Ecken und Enden des Spiels.

Der Anschlusstreffer zum Anschlusstreffer war dann allerdings wieder so ein Späßchen vom Fußballgott, der wenig dafür übrig hat, wie sich das Spiel durch Kompetenz zunehmend in eine organisierte Praxis verwandelt. Er verhöhnt gern beide Mannschaften, in diesem Fall durch ein Eigentor, das der Torschütze wahrscheinlich noch immer nicht begreift. Er sah jedenfall sehr verdutzt aus. Der Fußballgott sieht ja schon länger seine Allmacht durch Systemtrainer bedroht. Insofern könnte man auch sagen, dass bei Hertha, wo noch nie ein System wirklich gegriffen hat, der Fußball noch als Religion betrieben wird. Vorwissenschaftlich, archaisch, abergläubisch (Geld kauft Europa), autoadvers.

PS Auch wenn der wesentliche Teil der aktuellen Probleme auf Entscheidungen zurückzuführen ist, nämlich auf eine Überdosis davon, muss Michael Preetz morgen früh einen Trainer präsentieren, also schon wieder eine Entscheidung treffen: Die Saison geht noch zehn Spiele, in denen vom Abstieg bis zu Platz 7 theoretisch jede Menge möglich ist. Alexander Nouri allerdings kann das nicht, das ist mehr als deutlich. Wir können davon ausgehen, dass es derzeit sehr schwierig ist, einen fähigen Mann für zehn Spiele nach Berlin zu lotsen. Erstens gibt es nicht viele von dieser Sorte, und zweitens ist die Aufgabe maximal unattraktiv. Trotzdem muss Preetz etwas tun. Er ist in einem Entscheidungsdilemma, das er nur auf eine Weise lösen kann: dezisionistisch, also durch entschiedenes Entscheiden.


Geschrieben von marxelinho am 01. März 2020.

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von arnfinn (am 02. März 2020)
Habe ich etwas verpasst? Wieso muss Preetz „morgen“ einen Trainer präsentieren? Ich vermute er hofft, dass sich Mannschaft irgendwie in den nächsten drei Spielen ins Ziel rettet, dann kann man die Saison zu Ende wurschteln…
16. Februar 2020

Regionalmetropolenclub

Am Freitagabend gab es eine Neuigkeit, von der man mit ein bisschen Ironie sagen könnte, dass sie vor allem in Berlin mit großem Interesse aufgenommen werden müsste. Manchester City wird von der Uefa für zwei Saisonen von der Teilnahme an der Champions League ausgeschlossen - der Fall geht noch vor das CAS, es wäre aber ein Riesenskandal, wenn das Urteil kassiert würde.

Skandalös ist natürlich auch, dass es einen Datenhack brauchte, damit die Uefa sich genauer ansah, was im Grunde mit freiem Auge zu erkennen war. Wie auch immer, wenn das Urteil durchgeht, dann könnte eine der Folgen sein, dass im Sommer nicht nur Niko Kovac, sondern auch Pep Guardiola auf dem Markt ist.

And now for something completely different: Hertha hat gestern ein Ostwestfalen ein Duell im Abstiegskampf gegen den Small City Club oder Regionalmetropolenverein SC Paderborn mit 2:1 für sich entschieden, und hat derzeit, weil Bremen und Düsseldorf auch verloren, neun Punkte Abstand zu Platz 16. Es war die erste Interpretation des derzeitigen Spielerangebots durch Team Nouri. Hertha spielte mit einer Dreierkette, in der Rekik den Vorzug vor Torunarigha erhielt.

Rechts spielte Pekarik, wo vor allem der Sky-Kommentator Michael Born eigentlich Klünter erwartet hätte. Vorne spielten die Neuen: Piatek und Cunha. Im Mittelfeld spielten die Zwillinge, Ascacibar und Skjelbred, davor oder halb daneben Arne Maier. Links Mittelstädt. Es war eine sinnvolle Formation, mit der Spielaufbau auf ein Minimum reduziert werden konnte. Es reichte zu zwei Treffern, mit denen der eine Gegentreffer gegenstandslos wurde, bei dem sich Boyata und Jarstein ähnlich blamierten wie neulich Torunarigha gegen Onisiwo.

Zur Pause kam Darida für Skjelbred, womit die Formation ein bisschen konstruktiver wurde. Arne Maier deutete ein paar Mal an, dass er spielgestaltend etwas einbringen kann, nach wie vor meine ich, dass er das umso besser tut, je weiter hinten er damit beginnt. Cunha spielte wie einer, der sich bei den Jetlag-Pillen ein wenig in der Dosierung vertan hat, sein entscheidendes Tor hatte entsprechend einen nicht geringen Faktor Kuriosität.

Interessant war, wie hart Steffen Baumgart danach mit seiner eigenen Mannschafts ins Gericht ging. Ein bisschen blöd müssen sie sich wirklich vorkommen: sie spielen gegen einen Big City Club, der sich auf eine altertümliche Strategie zurückzieht, wie eine ostwestfälische Variante eines Guardiola-Teams (also variantenreichen Dominanzfußball, halt mit ein bisschen weniger Qualität als Sterling oder Aguero), und bekommen hinten zwei blöde Tore. Hertha hat die Punkte, und konnte sich auf "die Unruhen" (Nouri) der vergangenen Woche hinausreden, dass sie eher auf die schlichte Art errungen wurden.

Das Heimspiel gegen Köln wird dann schon eher ein Gradmesser. Wobei es im Grunde in dieser Spielzeit eh schon egal ist, wie Hertha punktet, im Sommer steht sowieso noch einmal ein großer Umbruch an. Und ein weiterer Neubeginn.

Das Exempel Manchester City wird Hertha dabei nicht so sehr wegen Guardiola interessieren, sondern aus einem anderen Grund: Wenn Tennor BV weiteres Geld in den Big City Club stecken will, stellt sich dann ja bald einmal die Frage der Zulässigkeit. Bisher war alles gut, von nun aber kommt man schnell in den Verdacht des Finanzdopings. Zwar ist die Liga da nicht übermäßig streng, aber einfach so mit Millionen um sich werfen geht jetzt auch nicht mehr so leicht.

Geschrieben von marxelinho am 16. Februar 2020.

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15. Februar 2020

Team 100 Prozent

Auf dem Höhepunkt einer hektischen Woche saß am Donnerstag dann also Lars Windhorst zwischen Werner Gegenbauer und Michael Preetz, und die Luft war dick vor lauter Commitment. Am Dienstag, als "unser Jürgen" in der ganzen Einsamkeit eines im Hotel lebenden globalen Fußballwanderarbeiters eine Entscheidung traf, die er wahrscheinlich längst bereut, hatte ich die Situation noch tendenziell falsch eingeschätzt. Ich ging davon aus, es gäbe es Team 49,9 Prozent, zu dem auch Windhorst zu zählen wäre. Am Donnerstag saß dann aber bei der Pressekonferenz ein Team 100 Prozent – auf zehn oder gar dreißig Jahre?

Es war eine im Detail dann doch sehr ergiebige und auch staunenswerte Veranstaltung. Der Investor machte noch einmal klar, welcher Unterschied zwischen seinem Einstieg und dem Equity-Engagement von KKR besteht. Denn es stimmt ja, Tennor hat nun eine Menge zu sagen bei Hertha, aber ein vorab besprochenes Exit-Datum gibt es nicht. Tennor muss auf Wertsteigerung setzen, und hat dann verschiedene Möglichkeiten, die investierten Summe zurückzubekommen. Windhorst sprach nicht von ungefähr von Sponsoren, die Hertha aufgrund der Attraktivität von Klinsmann schon aufgereiht hatte. Das könnte zumindest auf beabsichtigte jährliche Gewinnentnahmen hindeuten. Details werden wir in den Bilanzen sehen.

Windhorst bekannte (in seiner Sprache: "committete") sich zu einem langfristigen Engagement. Und er ließ sehr deutlich erkennen, wo er schon Grund zu Freude sah: im Winter war Hertha der größte Fußballclub der Welt, was die Ausgaben betraf. Es hat ihn also die schiere Ziffer beeindruckt, die Hertha in die Welt gesetzt hat. Der sportliche Ertrag der vier Verpflichtungen wird sich erst allmählich weisen, wobei es dann auch noch informelle Bilanzen geben wird: Piatek gegen Selke, Ascacibar gegen Löwen, vielleicht auch irgendwann Tousart gegen Grujic (wo immer der nächstes Jahr spielt) oder sogar gegen Maier.

Denn wir werden natürlich auch die Talente im Auge behalten, mit denen Hertha keine Geduld hatte, oder die (wie Löwen) kaum eine Chance bekamen.

Preetz und Gegenbauer haben ihre Version der Ereignisse durchgesetzt. Zwischen Windhorst und Gegenbauer passt nur ein Handschlag, nämlich der, mit dem der Präsident dem Kollegen Unternehmer versichert hat, dass bei Hertha alles gut ist. Gegenbauer sprach für meine Begriffe ein wenig zu viel von einem "störungsfreien" Ablauf dieser Störungswoche. Insgesamt wirkt er, kurz vor einer neuerlichen Kandidatur für die Funktion, die er inzwischen schon gefühlte Ewigkeiten ausübt, wie jemand, der vielleicht mit einer Rolle als Ehren- oder Alterspräsident schon besser beraten wäre.

Michael Preetz ist in der augenblicklichen Konstellation die eigentliche Kristallisationsfigur. Seine vielen Gegner haben längst genügend Munition, sie rechnen einfach in Form einer Addition zusammen, was man besser nicht in eine Tabelle stellt: Rehhagel, Babbel, Skibbe, Covic. Was man ihm tatsächlich vorwerfen muss: er hat in seiner inzwischen langen Amtszeit nur einen Trainer entdeckt, nämlich Pal Dardai, und auch der hat ihn auf halbem Weg der Konzeptarbeit verlassen.

Geschäftsführer Sport müssen einen Kader zusammenstellen, und dafür einen geeigneten Betreuer finden. Die erste Aufgabe hat Preetz in den letzten fünf Jahren ziemlich gut bewältigt, auch wenn zum Beispiel für meine Begriffe bei Lukebakio inzwischen begründete Zweifel an seiner Qualität vorzubringen sind - aber das ist ein Argument vor allem im Vergleich zu der Summe, die Hertha für ihn ausgegeben hat.

Preetz hat sich angreifbar gemacht, weil er zu blauäugig auf die interne Lösung Covic gesetzt hat. Der vergangene Sommer war der Moment, in dem Hertha einen Impuls von außen gebraucht hätte - auch für Preetz selbst wäre eine solche Herausforderung gut gewesen. Mit der Entscheidung für Klinsmann hat er das dann nachgeholt, er hätte ahnen können, dass das mit Friktionen endet.

Nun ist er gerade im Begriff, seinen Fehler aus dem Sommer en miniature zu wiederholen: Jetzt einfach mit Nouri und Feldhoff weiterzumachen, ist ein grobes Versäumnis. Preetz hätte diese Woche Initiative zeigen müssen, und einen neuen Trainer bis Juni präsentieren. Jetzt ist er wieder in der typischen Schleife drinnen: er muss von Spieltag zu Spieltag entscheiden, ob noch einmal ein Eingriff notwendig ist. Der eine Moment, das Team 100 Prozent von sich aus zu komplettieren, ist diese Woche verstrichen. So sitzt Klinsmann heute immer noch als Phantom auf der Bank.

Geschrieben von marxelinho am 15. Februar 2020.

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11. Februar 2020

Zerrüttungsprobe

Aus gegebenem Anlass habe ich gerade nachgeschaut, wieviele Übersetzungen es für das englische Wort "disruption" gibt: es sind ein paar, ich muss nicht alle aufzählen, aber Störung, Spaltung, Bruch, Riss, Zerreißung, Zersetzung, Zerrüttung geben ja schon einmal ein recht deutliches Bild. In gewissen Kreisen hat die Idee einer Entwicklung durch Brüche schon seit einiger Zeit eine gewisse Prominenz, vor allem deswegen, weil man damit sagenhafte Kursentwicklungen von börsennotierten Unternehmen in Bereichen verbindet, von denen die Welt vor kurzer Zeit noch gar nichts wusste.

Heute hat Jürgen Klinsmann aus heiterem Himmel seine eigene Disruption bei Hertha BSC zerrüttet. Oder er hat seine Störung kurzgeschlossen. Oder er hat seinen Riss in einen Abgrund verwandelt. Er kam vor wenigen Wochen mit großem Stab, dichtete für eine Weile die Defensive der Mannschaft ab, bis sie gegen Mainz am Wochenende wieder löchrig wurde. und nun hat er seinen Rücktritt als Cheftrainer erklärt. Er zieht sich auf die Position als Aufsichtsrat zurück, aus der er künftig die "handelnden Personen" wieder beaufsichtigen wird.

Mit einem Wort: Das Team 50,1 (Preetz und sein Godfather Gegenbauer) hat sich gegen das Team 49,9 durchgesetzt. Dass es einen Machtkampf gab, musste man immer voraussetzen, ein Weilchen haben sich die Fraktionen notdürftig arrangiert, nun hat wohl allem Anschein nach Klinsmann zum falschen Zeitpunkt die Machtfrage gestellt.

Ich unterstelle einmal, dass schon die Transferentscheidungen des Winters ein Ausdruck des Machtkampfs waren. Bei Piatek gibt es gute Argumente, dass diese Verpflichtung sinnvoll war, man konnte das auch schon erkennen. Bei Ascacibar ist die Sache angesichts der sieben Millionen für Löwen im Sommer und angesichts von Arne Maier (den ich tendenziell eher als Sechser sehe) schon weniger klar (billig war er zudem auch nicht, aber wir haben es ja). Bei Tousart muss man ingesamt den Eindruck einer widersprüchlichen Angelegenheit haben, nicht nur wegen Grujic, den man damit ja praktisch jetzt schon zu den Akten gelegt hat.

Hertha hat im Winter nicht wenig Geld ein bisschen rasch hinausgeschossen. Geld, das man im Sommer mit mehr Überblick über die Lage (viele sind mit der Gesamtsituation unzufrieden) viel besser hätte einsetzen können. Jedenfalls angesichts einer Saison, von der tatsächlich über den Klassenerhalt hinaus allenfalls noch das Ziel ausgegeben werden kann, den Kader besser zu strukturieren, indem man um ein Gerüst bereits vorhandener Spieler einen Mannschaftskern entwickelt. Aber das wäre eine Strategie, die dem evolutionären Prinzip entspricht, und nicht dem disruptiven, das Investoren gern vertreten, weil sie mit ihren Investitionen am liebsten disruptiven Erfolg hätten.

Dazu ist Fußball nicht das richtige Metier. Ich bin sicher, Team 50,1 hat das geduldig auseinandergesetzt, auf die Jacht vor Florida (ein Disruptionssymbol in jeder Hinsicht) sind sie trotzdem gegangen. Wenn Michael Preetz das 0,1 Prozent, an dem derzeit seine berufliche Existenz hängt, retten will, muss er jetzt eine Trainerentscheidung treffen, die den Pyrrhussieg von heute so lange sicherstellt und in sportlichen Erfolg verwandelt, dass im Sommer zu den Bedingungen von Hertha BSC weitergearbeitet werden kann. Torkelt der Verein weiter so durch die Saison, gibt es im Sommer vielleicht kein Team 50,1 mehr, sondern nur noch Tennor BSC.

PS Es versteht sich für meine Begriffe von selbst, dass am Samstag in Paderborn kein Vertreter des Teams 49,9 auf der Bank sitzen darf.

Geschrieben von marxelinho am 11. Februar 2020.

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von klaus ungerer (am 11. Februar 2020)
babbel - skibbe - rehhagel - covic - klinsmann. alle paar jahre ist hertha bsc aufgrund desolater trainerfindung die lachnummer der nation. für meine begriffe hat preetz seine allerletzte kugel verschossen. als abteilungsleiter etwa einer gebäudereinigungsfirma wäre er bei einer vergleichbaren performance schon längst weg.
von Jörg (am 12. Februar 2020)
Von Klinsmann hatte ich mir mehr erwartet. Ich habe mich gefreut, als er kam. Weil ich mir dachte, dass er sich das gut überlegt hat und dass die Fakten, zu denen er im Vorfeld viel besser Zugang hatte als wir hier außerhalb, für ihn attraktiv aussahen sowie für ein gutes Endergebnis ausreichend. Dass sein derzeitiges Zwischenergebnis kein so richtig gutes ist, das müsste ihm so klar sein wie allen anderen auch, und dass man da keine langfristige Zusage im Profifussball erwarten kann, sollte ihn nicht überrascht haben. Bei den Einkäufen war er sicher federführend, und da hätte ich erwartet, dass er aus all diesen Einkäufen nun beginnt eine funktionierende Mannschaft zu formen. Bei diesem Mangel an Konstanz, Kommunikationsfähigkeit und Verantwortungsbereitschaft, den Klinsmann gerade gezeigt hat, halte ich ihn für eine Fehlbesetzung im Aufsichtsrat. Selbst wenn ich mich freue, dass er Hertha wohlgesonnen ist und hoffe, dass er weiter Mitglied bleibt.