22. Februar 2021

Der Führer war kein Fan

Hertha BSC in der Weltliteratur

Das heutige Fundstück stammt aus Olympia, dem neuen Roman von Volker Kutscher, der die Serie über Gereon Rath schreibt. Krimis mit Schauplatz Berlin in den Jahren 1929 bis 1936. Die Fernsehserie Babylon Berlin beruht auf den Figuren und Geschichten von Kutscher, ist aber chronologisch noch einige Jahre hinterher.

In dem neuen Buch wird ein Fall rund um die Olympischen Spiele im Jahr 1936 erzählt. Dabei geht Charlotte Ritter, die Partnerin von Gereon Rath, einmal zu einem Fußballspiel zwischen Deutschland und Norwegen im Poststadion. Es war ein Viertelfinale des Olympischen Turniers.

Überraschenderweise lässt Hitler sich dort sehen. ""Das waren Deutschlands Fußballfreunde nicht gewohnt, Adolf Hitler besuchte für gewöhnlich keine Fußballspiele, er konnte mit dem Proletensport nicht viel anfangen." Und dann setzt Kutscher fort: "Anders als Charly. Die Leidenschaft für Fußball (und Hertha BSC) hatte sie von ihrem Vater geerbt, der sie schon früh mit in die Plumpe oder ins Poststadion genommen hatte. Reichstrainer Otto Nerz hatte zwar keinen einzigen Herthaspieler, ja nicht einmal einen Berliner, in seinem Olympiakader, dennoch freute sich Charly auf das Spiel."

Über Otto Nerz, den Vorgänger von Sepp Herberger, gibt es bei Wikipedia einen gründlichen Eintrag. Olympia von Volker Kutscher gefällt mir gut, ich kann das Buch empfehlen. Dass Hitler nichts für Fußball übrig hatte, tröstet natürlich nicht über den Nationalsozialismus hinweg, ist aber zumindest ein winziges Stück vom Richtigen im Falschesten. Und dass Charlotte Ritter blauweiß dachte und fühlte, darf uns freuen. Auf der Ehrentribüne der erfundenen Hertha-Fans sitzt sie ganz vorn.

Volker Kutscher: Olympia. Der achte Rath-Roman, Piper 2020

Geschrieben von marxelinho am 22. Februar 2021.

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von Roland Koberg (am 23. Februar 2021)
Aber war nicht das Problem auch, dass Deutschland dieses Spiel gegen Norwegen verlor und deshalb an der Endrunde gar nicht teilnehmen durfte?! Hitler hatte sich angeblich widerwillig breitschlagen lassen, das Olympiastadion (für das er bessere Verwendungsmöglichkeiten sah) für die Finalspiele herzugeben, unter der natürlichen Annahme, dass Deutschland da dabei sein werde. Und dann das. Wie sollst du da zum Fan werden?
29. Januar 2021

Wunder und Zauber

Fünf Jahre ist es jetzt her, da war die Welt für Hertha BSC ausnahmsweise einmal sehr in Ordnung. Rang 3 in der Tabelle, Pal Dardai gab im Aktuellen Sportstudio den Charmeur, der Hauptstadtclub schien auf einem guten Weg. Auch Michael Preetz konnte sich breiter Zustimmung sicher sein, vom Kicker war er im Herbst 2015 zum Einkäufer des Jahres gewählt worden. Aus Freiburg war vor der Saison Darida gekommen (3,8 Millionen), aus Nürnberg Niklas Stark (3 Millionen), ablösefrei von den Bayern kam Mitchell Weiser (von dem damals niemand ahnen konnte, dass er bei Hertha seine beste Zeit haben würde), aus Stuttgart wurde Vedad Ibisevic ausgeliehen.

Hertha arbeitete solide, hatte eine Kader mit Perspektive (auch in finanzieller Hinsicht). Die Saison endete mit einem leichten Dämpfer zum Ende auf Platz 7, hinter Mainz (!), Tordifferenz plusminus Null. 2016/2017 lief auch noch einmal gut, 2017/2018 fiel Hertha ins Mittelmaß zurück, und auch Pal Dardai schien mit seinem Latin (ungarisch für Latein) am Ende zu sein. Die eindeutig erkennbare spielerische Entwicklung unter seiner Anleitung war einer von außen unerklärlichen Apathie gewichen. Hertha BSC langweilte sich auf den Plätzen öffentlich mit sich selbst.

Es gab damals das eine oder andere Indiz, dass es zwischen Preetz und Dardai irgendwann nicht mehr rund lief. Genaueres werden wir wahrscheinlich nie erfahren, aber auch so ist der springende Punkt für diese rätselhafte Entwicklung wohl in dieser Konstellation zu suchen: Dardai war ein Trainer-Debütant, aus dem eigenen Haus. Es war damit zu rechnen, dass seine Methoden irgendwann auch an Grenzen stoßen würden. Das Management Sport hatte die Aufgabe, diesen Prozess so zu moderieren, dass das Ausnahmetalent Dardai gut durch diese Phase finden hätte können, vielleicht sogar an den Herausforderungen gewachsen wäre. Das ist offenkundig nicht gelungen. Die schließliche Ablöse war richtig. Aber inzwischen sehen wir, dass sie Michael Preetz mit einer Beschädigung hinterließ, die er nicht mehr wegarbeiten konnte.

Nun ist Pal Dardai wieder da. Ich halte die Entscheidung für die beste derzeit mögliche, und in Sachen Witz ist er bereits wieder ganz in seinem Element. Im klassischen Deutsch meint Witz ja viel mehr als nur, jemand zum Lachen zu bringen: wer Witz hat, hat einen elastischen Geist, kann mit Herausforderungen gut umgehen, denkt frei und mutig. Ein Trainer ohne Witz ist arm dran, und wenn er dann noch mit magischen Textilien arbeitet (mi dispiace, Bruno Labbadia), ist im Grunde schon alles klar.

Witz ist aber nicht alles. Es gibt vermutlich nicht viele Berufe, die komplexer sind als die Funktion eines Cheftrainers bei einem Bundesligisten. Das zeigt sich ja auch daran, dass das diesbezügliche Personal nicht einmal für die 18 Erstligaclubs ausreicht. Und herausragende Trainerbegabungen, also Erfolgsgaranten wie Klopp, sind weltweit Raritäten. Pal Dardai mochte man vor fünf Jahren zutrauen, sich zu einem besonderen Trainer zu entwickeln. Stattdessen geriet er in eine Phase der Stagnation, aus der er sich nicht mehr zu befreien vermochte.

Dass er trotz dieser Enttäuschung bei Hertha blieb, ist eine bemerkenswerte Entscheidung, und macht nun umso neugieriger auf seinen zweiten Versuch. Unumgänglich wird es aber nun sein, das gesamte sportliche Umfeld auf den Prüfstand zu stellen: er braucht von der Spielanalyse bis zur Gegnerbeobachtung, von der Sportmedizin bis zur Trainingsmethodik ein Team, das seinen Vorstellungen entspricht, das ihn aber auch aus Engführungen befreit. (Wir erinnern uns zum Beispiel: Belastungssteuerung war ein Aspekt, der ihm sehr wichtig war, der aber nicht wirklich gut zu funktionieren schien, denn seine Hertha war schließlich nicht gerade die agilste Mannschaft.)

Dardai braucht ein Umfeld, das ihm erlaubt, zu einem großen Trainer zu reifen (wenn er es drauf hat, was auch noch nicht ausgemacht hat). Die Trennung von Michael Preetz war dafür ein notwendiger Schritt, aber auch so ist eine gute Dosis Skepsis angebracht: Hertha hat vom Präsidenten abwärts zuletzt eher durch bemühte Flapsigkeit als durch Souveränität auf sich aufmerksam gemacht, und vor allem die Moderation des chaotischen Transferwinters vor einem Jahr steckt dem Club immer noch in den Knochen.

Es spricht alles für einen sportlichen Neustart im Sommer. Vielleicht ist Pal Dardai dann ja wieder in einer Phase, in der wir gute Gründe haben, ihm Größeres zuzutrauen. Denn prinzipiell gilt: Erfolg haben macht Spaß, aber Erfolg mit Pal Dardai macht noch ein bisschen mehr Spaß.

Geschrieben von marxelinho am 29. Januar 2021.

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20. Januar 2021

Miami Blues

Was die Trikotfarbe anlangt, kam die TSG 1899 Hoffenheim gestern mit einem "absoluten Hingucker im stylishen Miami-Look". Da zu dem optischen Ereignis auch noch drei Tore im Auswärtsspiel in Berlin dazu kamen, während das Heimteam torlos blieb, hat Hertha nun den Miami Blues. 17 Punkte aus siebzehn Spielen ergeben eine enttäuschende Hinrunde, der 16. Platz ist bedenklich unweit entfernt.

Man muss dazusagen, dass mit nur ein paar kleinen Launen des Schicksals der Punktestand auch anders lauten könnte. Denn gegen Köln war auch ein Sieg drin, und gestern hatte Piatek schon früh die Chance, Hertha mit einem Elfmeter in Führung zu bringen. Sechs Punkte aus den letzten beiden Spielen, und Hertha stünde bei 22, damit dann immerhin im zuletzt meist angestammten Terrain, im Niemandsland der Tabelle.

Nun aber ist Abstiegskampf, und zwar unter verschärften Bedingungen. Denn das Leben und Trainieren in den Corona-Blasen macht alles noch schwieriger, aber auch da gibt es Mannschaften, die besser damit umgehen als andere (nämlich zum Beispiel Hoffenheim, wie sich gestern erwies).

Die Beurteilung der aktuellen Lage hängt stark davon ab, womit man sie vergleichen will oder woran man sie messen will. Naheliegend ist, alles an den Millionen zu messen, die Lars Windhorst in den Verein gebracht hat, aber wir wissen natürlich auch, dass davon gar nicht so viel in neues Personal gehen konnte, wie eigentlich ideal gewesen wäre. Zudem ist doch deutlich zu sehen, dass die Transferaktivitäten seit dem Winter 2019/20 sich sogar eher als disruptiv herausgestellt haben. Ich jedenfalls sehe nicht viel Verstärkung.

Ich messe die aktuelle Situation auch lieber an einer Phase, mit der Hertha-Fans in den letzten Jahren am ehesten Freude haben konnten: es gab unter Pal Dardai immer wieder Spiele, in denen Hertha Ansätze zu interessantem Ballbesitzfußball zeigte. Wir wissen alles, dass das nicht weiterentwickelt wurde, und ich setze auch nicht auf ein Comeback von Pal Dardai als Cheftrainer.

Aber damals war, bevor die Mannschaft dann ein wenig unerklärlich vollkommen den Geist aufgab und zu einem apathischen Hintenrumensemble wurde, vieles in einem guten Gleichgewicht: Preetz fand interessante junge Spieler, Transfersummen und Gehälter waren realistisch, aus dem eigenen Nachwuchs kamen gute Leute.

Heute ist von allem dem nicht mehr viel zu sehen. Spielerische Armut ist die Großüberschrift über der absolvierten Hinrunde. Gerade das Mittelfeld, in das viel investiert wurde, erweist sich kontinuierlich als unproduktiv. Zudem reicht eine einzige Verletzung (Dilrosun), und Hertha muss das Flügelspiel weitgehend einstellen. Von einer Integration der Mannschaftsteile, die zu variantenreichem Aufbauspiel führen könnte, wollen wir gar nicht reden.

Unter Labbadia hat sich bisher auch kein Spieler individuell profiliert. Cunha arbeitet ausschließlich mit seinem beträchtlichen Talent und seinen Skills, bringt aber wenig für ein planvolles Spiel. Lukebakio zeigte von Beginn an viele Anzeichen für einen Fehleinkauf, und kann diesen Eindruck selten widerlegen. Mittelstädt wirkte lange wie ein zwar nicht übermäßig begabter, aber intelligenter und lernbegieriger Profi, dieses Jahr wirkt er, als hätte er seinen Plafond erreicht. Niklas Stark ist Kapitän, Führungsspieler und erster Erklärer (er stellt sich immer zum Interview), er steht aber eben auch für die radikale Mittelmäßigkeit, in die sich alles einpendelt bei Hertha.

Die Stimmung scheint insgesamt von einer seltsamen Mischung aus Ungeduld und Trägheit bestimmt zu sein. Jordan Torunarigha schlägt einmal blöd über den Ball, und schon hat er wieder einen Stammplatz auf der Bank. Lukas Klünter hatte bei Labbadia nie einen Auftrag, und soll abgegeben werden. Pekarik spielt bei Labbadia immer, ist sicher auch ein guter Mann, aber wird dann doch oft gegen Zeefuik ausgetauscht, der manchmal ein bisschen etwas andeutet, selten aber etwas bringt, was Klünter nicht auch schon einmal angedeutet hatte.

Was hinter diesen kurzatmigen Manövern unmöglich wird, ist die Entwicklung einer Mannschaft, die eine Identität hat, in der sie sich wiedererkennen kann. Dazu braucht es ein Gespür für Charaktere, auch ein Gespür für Kommunikationsprozesse, und eine Vorstellung von Perspektive. Arne Maier hatte unter Dardai eine wirklich interessante Saison, und hätte das Zeug zu einer Identifikationsfigur, wurde aber im Covic-Klinsmann-Nouri-Labbadia-Chaos allein gelassen.

Eine Hertha mit Torunarigha, Boyata, Stark (im DM oder in einer Dreierkette) und Maier, alle mit einem Vertrauensvorschuss ausgestattet, aber auch mit einer klaren individuellen Leistungsanleitung, hätte einen erkennbaren Teamkern, eine Identität, auch eine Kontinuität ergeben. 17 Punkte hätte sie in dieser Halbserie sicher auch hingekriegt, ich bin mir sicher, kann es aber natürlich nicht beweisen, dass es deutlich mehr gewesen wären. Stattdessen fremdeln im DM zwei Franzosen miteinander (hat jemand zwischen Guendouzi und Tousart auf dem Feld schon einmal ein Kommunikationssignal bemerkt?), versucht Darida die Defizite in der Spielanlage zuzulaufen, und irrt Lukebakio durch Aufgabenstellungen, die nicht einmal dem großen Innovator Klinsmann eingefallen wären.

Hertha ist im Jahr zwei seit Tennor in einem paradoxen Zustand: Seit dem Investment ist alles anders, nämlich so, wie es meistens war, also unklar, nur mit mehr Personal auf der Bank. Michael Preetz ist nun die bervorzugte Hassfigur vieler Fans. Viele hoffen auch auf die nächste Tranche von Tennor. Die Unverdrossensten hoffen auf Luca Netz. Labbadia sucht nach Ansatzpunkten, findet aber keine. Gegen Werder am Samstag geht alles wieder von vorne los.

Geschrieben von marxelinho am 20. Januar 2021.

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15. Januar 2021

Über den Pass zum Lauf

In einem winterlichen Auswärtsspiel bei West Bromwich Albion hat Arsenal neulich eines der Tore des Jahres erzielt: eine fließende Doppelpass- und Laufwegverknotung, bei der drei Angreifer sechs Verteidiger hilflos dastehen ließen: Smith Rowe auf Saka auf Lacazette auf Smith Rowe auf Saka. Es war ein kleines Kunstwerk an Teamarbeit, ausgelöst von dem kreativen Jungstar Smith Rowe, der meistens mit einem Pass auch einen Lauf ansetzt. So müsste es theoretisch immer sein, dass Spieler den Ball abgeben und im selben Atemzug auch schon die nächste Position suchen, in der sie für das Spiel interessant sein können. Oft sind sie aber erst einmal damit beschäftigt, dem Spiel ein Weilchen zuzusehen, bis sie sich wieder involviert fühlen.

Beim Heimspiel gegen Crystal Palace gestern Abend blieben die wenigen Ansätze zu einem vergleichbaren Flow in der robusten Defensive hängen. Smith Rowe fand auch gestern einige gute Räume, er war aber nicht ganz so präsent wie zuletzt. Saka war nicht ganz so explosiv, Xhaka war wieder einmal eher die hölzerne Ausgabe. Kieran Tierney fehlte ganz und konnte durch Maitland-Niles nicht ersetzt werden. Schließlich brachte Arteta noch Pepe und zog Saka nach links hinten, auch das brachte nichts. Palace hatte sogar die besseren Chancen auf ein Siegtor.

Schon am Wochenende hatte Arsenal im FA Cup 120 Minuten gebraucht, um Newcastle zu knacken - auch da war es eine Pass/Lauf-Kombination von Smith Rowe, die sich als entscheidend erwies. Arsenal hatte zum Jahreswechsel drei Mal in Serie gewonnen. Bedeutsam für den neuen Schwung waren vor allem vier Personalien: Saka löste das Problem auf rechtsaußen, wo weder Pepe noch Willian taugliche Optionen sind. Smith Rowe besetzt nun die lange Zeit vakante Position im zentralen offensiven Mittelfeld (die Özil-Position). Tierney zeigt sich mehr und mehr als Führungsspieler von hinten (wurde aber wohl überbeansprucht, gestern war von Muskelproblemen die Rede). Und Lacazette führt von vorn, als Mann für den letzten Pass oder auch den Abschluss. (Aubameyang kommt jetzt wieder von links, bleibt aber weiterhin eher marginal.)

Arsenal hat in dieser Formation wieder Balance und Inspiration. Allerdings wirkte gestern die ganze Mannschaft müde. Und das Spiel gegen einen Gegner wie Crystal Palace lässt die Müdigkeit eher wachsen: ein völlig unnötiger Ballverlust im offensiven Mittelfeld löst da gern einmal eine Phase vor vier, fünf Minuten aus, die Arsenal braucht, um mit dem Ball wieder das Heft in die Hand zu bekommen: Einwurf, Eckball, vielleicht auch einmal ein Freistoß, das muss alles verarbeitet werden, dabei wäre doch die eigentliche Aufgabe, Palace vor Probleme zu stellen. So schwindet allmählich die Inspiration, und es wird immer mühsamer, das Spiel in Gang zu bringen, geschweige denn es mit Begeisterung zu erfüllen.

Insofern war der Punkt gestern sogar noch ein Erfolg. Am Montag geht es dann auswärts gegen Newcastle, das dürfte ähnlich mühsam werden. Immerhin ist Partey wieder da, seine Zeit bei Arsenal beginnt nun erst so richtig. Insgesamt wird das aber  noch eine sehr lange Saison für Arsenal angesichts der Tatsache, dass der Kader gerade einmal eine gute Stammelf hergibt, jeder Ausfall aber sofort für Probleme sorgt. Denn Druck von der Bank gibt es im Moment kaum, damit auch keine wirklich sinnvolle Rotation, dafür aber Spiele ohne Ende.

Geschrieben von marxelinho am 15. Januar 2021.

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12. Januar 2021

Investitionsoffensivplan

Lars Windhorst denkt gern groß. So sieht er auch die Verpflichtungen, die Hertha BSC im Transferfenster vor einem Jahr getätigt hat. "Die Transferoffensive im Winter. Das war der größte Investititionsoffensivplan, der umgesetzt wurde von allen Clubs in der Welt." So zu hören in der ZDF-Doku über das Investment von Tennor bei Hertha BSC.

Der größte Investitionsoffensivplan von Welt lohnt noch einmal einen Blick, gerade auch angesichts des Spiels in Bielefeld am vergangenen Sonntag. Aber auch einfach, um sich zu vergegenwärtigen, wie Erfolg im Fußball planbar sein könnte, und woran es dann konkret bei Hertha auch immer wieder scheitert.

In Bielefeld war wieder, wie so oft, eine phlegmatische Hertha zu sehen, die nicht in die Gänge kommt, und bei der es vor allem im zentralen Mittelfeld sehr hapert. Das ist aber genau der Bereich, der im Januar 2020 adressiert wurde. Zur Erinnerung: Trainer war damals Jürgen Klinsmann, das Corona-Virus betätigte sich noch diskret in Wuhan, Hertha stand vor den erstern Schritten zum Big City Club.

Verpflichtet wurden damals Tousart (25 Millionen), Piatek (24 Millionen, Ascacibar (10 Millionen und Cunha (18 Millionen). 77 Millionen gab damals kein anderer Club aus. Was hat es gebracht?

Cunha ist zweifellos eine Bereicherung, allerdings zeigt sich auch, dass er für ein planvolles Aufbauspiel nicht unbedingt der beste Partner ist. Er ist eben in hohem Maß Individualist, und sucht auch die entsprechenden Lösungen. Das ergibt manchmal schöne Überraschungen, oft aber auch viele Anregungen, die niemand aufgreift.

Piatek ist ein guter Stürmer, wurde aber ein halbes Jahr später durch Cordoba ersetzt, von dem man sich anscheinend erwartete, dass mit ihm ein direkteres Spiel möglich wäre, Stichwort: Ballbehaupter bei spekulativen Bällen in die Spitze. Heißt auch: latente Abkehr von einem planvollen Aufbauspiel, das davor Piatek zu selten erreicht hatte.

Damit kommen wir zum zentralen Mittelfeld, derzeit meist in einer Dreierkombination mit 6 und Doppel-8, weil es Hertha an Flügelspielern mangelt! Sonst häufig in einer Duo-Formation mit 6 und 8. Tousart blieb noch eine Halbserie in Frankreich und kam erst im (Corona-)Sommer. Ascasibar war ganz kurz so etwas wie ein Stammspieler, damals wirkte er wie ein bescheidenerer Skjelbred. Grujic war damals auch noch da, empfahl sich aber nicht für eine größere Investititon. Löwen war damals ausgeliehen, kam im Sommer aber wieder zurück, eine richtige Chance, sich über einen gewissen Zeitraum zu bewähren, bekam er nie. Arne Maier war damals auch die ganze Zeit da, spielte aus den unterschiedlichsten Gründen aber selten.

Im Sommer wurde mit Matteo Guendouzi ein neuer Mann für das Mittelfeld geholt, er zeigte einige gute Ansätze, gegen Bielefeld war von seinem Mentalitätsspiel auch nicht viel zu sehen. Niklas Stark spielte in dieser Saison eine Weile als Sechser, konnte diese Rolle aber auch nicht prägend besetzen.

Arne Maier ist derzeit in Bielefeld und hat dort offensichtlich bei Uwe Neuhaus keine Karten. Ich habe zuletzt mehrfach getwittert: Arne Maier fehlt sehr. Das war immer nur halb ironisch gemeint. Denn ich bin tatsächlich der Meinung, dass unter den derzeitigen Optionen für das zentrale Mittelfeld der billigste Spieler, der bei Hertha ausgebildete Arne Maier, die beste Option wäre. Er hat es immerhin schon bewiesen, damals war er noch sehr jung, und es ist schon länger her - unter Pal Dardai. Danach hat ihn sein nationaler Ehrgeiz (U21) wohl dazu verleitet, sich zuviel zuzumuten, und es kam zu einer Verkettung, die für Fußballspieler leider Alltag ist: Verletzungsproblem, ungeduldige Trainer. Dass er bei Labbadia nie wirklich eine Chance bekam, wie auch schon bei Klinsmann, kann man durchaus behaupten.

Natürlich kann ich nicht beweisen, dass Hertha zum Beispiel mit dem defensiven Zentrum Torunarigha - Boyata - Stark - Maier besser wäre als derzeit mit Alderete - Stark - Tousart - Guendouzi. Aber es ist doch deutlich, dass der Investitionsoffensivplan wenig bis gar nichts gebracht hat. Tousart ist ein Fremdkörper. Und Ascacibar?

Im Sommer ging der Investitionsoffensivplan weiter. Zeefuik fiel bisher vor allem durch seine Stutzen auf. Alderete schlägt auch ab und zu über den Ball, trotzdem hat Labbadia Torunarigha schon wieder das Vertrauen entzogen. Tousart wird vielleicht einmal ein großer Herthaner, bisher sieht es nicht danach aus.

Ohnehin hängt alles an Labbadia, der eigentlich nur bis Saisonende aushelfen sollte, der aber wegen Corona dann doch "richtiger" Cheftrainer wurde. Eine Handschrift ist nicht zu erkennen. Ein "Projekt" nur dann und nur als Vorwand, wenn es wieder einmal einen Rückschlag gibt.

Das ist also der Alltag bei Hertha BSC. Eine für meine Begriffe bis Sommer 2019 plausible und perspektivisch interessante Kaderplanung wurde durch unüberlegte Zukäufe keineswegs verbessert, sondern es wurde halt einfach Geld ausgegeben. Der neuralgische Moment bleibt für mich der Sommer 2019, also noch vor Tennor, als Michael Preetz es versäumte, einen überzeugenden Nachfolger für Pal Dardai zu finden. Er wählte (wohl auch notgedrungen, denn de facto stand Hertha damals finanziell nach der Auszahlung von KKR sehr fragil da) die billige Lösung Ante Covic.

Preetz ist in dieser schwierigen Situation das schwächste Glied. Auch viele Fans machen ihn zum Sündenbock. Tatsächlich spricht vieles dafür, dass bei Hertha BSC eine Kultur herrscht, die sportlichen Erfolg behindert. Diese prägt allerdings den ganzen Club vom Präsidenten abwärts, und sie wird durch einen Investor, der mit leuchtenden Augen Ausgabenrekorde als Mittel der Wahl feiert, nur bestärkt. Mir wäre lieber, Tennor würde die dritte Rate behalten, Hertha würde das 50+1 einhalten, und Preetz würde einen spannenden Trainer für die Rückrunde finden, der aus dem zweifellos vorhandenen Potential im Kader etwas macht. Das wäre ein realistisches Programm. Saisonziel wäre dann halt wieder der Platz im Mittelfeld, den Hertha derzeit sowieso zu verfehlen droht.

Und wir sollten Arne Maier aus Bielefeld zurückholen. Das wäre mein Investitionsoffensivplan im Winter 2021.

Geschrieben von marxelinho am 12. Januar 2021.

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03. Januar 2021

Ausgeschlenzter Schlendrian

In der dritten Minute des Heimspiels gegen Schalke gab es gestern ein kleines Ereignis mit Seltenheitswert. Marvin Plattenhardt spielte einen Pass mit dem rechten Fuss, in das zentrale Mittelfeld, das eigentlich aus seiner Warte immer eine interessante Zone sein sollte. Da er aber, wie die meisten Fußballer, konsequent einbeinig ist, verzichtet er üblicherweise vollständig auf Zuspiele in Richtung Mittelkreis, obwohl das ein probates Mittel wäre, das Hertha-Spiel flexibler und kreativer zu machen.

Ich vermute einmal, dass das für Fußballer auch eine Abwägungssache ist. Sie sind eben auf einen Spielfuß konditioniert, der linke von Plattenhardt kann ja auch eine Waffe sein. Würden sie sich auf Beidbeinigkeit trainieren, fürchten sie vielleicht um ihre Waffe. Man muss dann allerdings nur einmal ein wenig genauer darauf achten, wie zum Beispiel Julian Brandt mit beiden Füßen Pässe aus dem Gelenk schüttelt, um zu sehen, wie sich ein lebendigeres Kombinationsspiel entwickeln ließe. Beim BVB hapert es dann aber oft wieder an anderen Sachen.

Marvin Plattenhardt hat sich gegen Schalke danach wieder im wesentlichen auf seinen Stammfuß beschränkt, war aber einer der Aktivposten in einer insgesamt deutlich agileren Hertha-Mannschaft, die schließlich mit einem 3:0 den Pflichtsieg gegen Schalke ablieferte. Pflichtsieg deswegen, weil auf die erste Mannschaft, gegen die S04 nach so langer siegloser Serie wieder gewinnen wird, eine ordentliche Blamage wartet. Und Hertha hat das ja durchaus drauf: störrisches Verweigern vor dem Erfolg wie das Turnierpferd vor einem mittelhohen Blumenarrangement, hinter dem das Hindernis versteckt ist.

Man würde ja gern einmal mit einem Psychodetektor so ein Spiel abtasten, wie das gestern, das ungefähr zwanzig Minuten brauchte, bis Hertha bemerkte, dass der übliche Stiefel nicht so interessant ist. Spürt man da von Mann zu Mann die Verunsicherung des Gegners, springt da etwas über von Tragik oder Aufbegehren? Kann Uth ein Spiel verwandeln? Und in welche Richtung? So was kann nicht einmal Opta erfassen, dabei sind das sicher auch physische Prozesse.

Hertha hat jedenfalls die zweite Hälfte der ersten Halbzeit dazu genützt, Schalke in die Schranken zu weisen, und für sich selbst einen Anreiz zu schaffen: es geht auch ohne Phlegma, ohne Schlendrian, es geht sogar besser so, denn Fußball kann ja auch Spaß machen. Sogar auf einem neu verlegten Rasen wie im Olympiastadion, der in anderen Stadien wohl eher unter der Kategorie Holperzone liefe.

Wegen der neu aufgestellten Innenverteidigung (Alderete und Stark wegen Verletzung von Boyata und Zurückstufung von Torunarigha) spielte Tousart als Sechser, Guendouzi und Darida waren in Ermangelung eines ausgeprägten Flügelspiels die Spielgestalter. Anfangs sah das durchaus noch unbeholfen aus: wenn Tousart sich bei Spieleröffnung auf die Liberoposition zurückfallen lässt, sich im Mittelfeld aber alle verstecken, und die Außenverteidiger weit in den Deckungsschatten aufgerückt sind, lässt sich halt kein Spiel eröffnen. Da ist eine taktische Maßnahme dann nicht einmal bis zum ersten Schritt, geschweige denn bis zu einem angestrebten Ende durchdacht worden.

Irgendwie kam dann aber doch so ausreichend Dynamik ins Hertha-Spiel, dass Schalke sich in seine fragilen Bestandteile auflösen konnte. Darida war besonders produktiv, er war der bessere Lukebakio und sogar eine Art Dilrosun, abzüglich unnachahmlicher Einszueins-Finten. So kam Hertha zu einer Tordramaturgie, die für solche Spiele typisch ist: ein Guendouzi-Schlenzer nach Herstellung von Chaos im Schalke-Strafraum, ein Cordoba-Schuss nach mustergültiger Rückgabe von der Grundlinie, ein perfekter Piatek-Minikonter nach vertikalem Chipball vom Darida (Gustostückerl), und es hätte wohl das 4:0 durch Piatek auch noch zählen müssen. (Bisschen komischer Moment übrigens im Fernsehen: hatte Sky da einfach die Bilder nicht, sodass der VAR auch nicht nachschauen konnte? Eine richtige optische Überprüfung blieb aus.)

Von einer Spielanlage ist Hertha nach wie vor ein Stückchen entfernt. Gegen Schalke hat es aber gereicht. Und das neue Jahr beginnt dadurch mit Optimismus.

Geschrieben von marxelinho am 03. Januar 2021.

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30. Dezember 2020

Lieferkette

Die Zeit zwischen den Jahren brachte für Fans von Arsenal einen interessanten Fall von Deja-vu. Gestern vor einem Jahr gab es ein Derby gegen Chelsea, es war das dritte Spiel unter Mikel Arteta. Das Emirates war voll, Aubameyang besorgte eine frühe Führung, und dann wehrte sich die Mannschaft bis fast zum Schluss heroisch gegen den zunehmenden Druck, es gab dann aber doch noch zwei Gegentreffer. Trotz der Niederlage hatte man das Gefühl, dass mit Arteta etwas beginnen könnte. Im nächsten Spiel schlug Arsenal dann ManU mit 2:0. Später kam Corona, und die Saison endete schließlich enttäuschend mit einem 8. Platz.

Am Boxing Day spielte Arsenal nun wieder gegen Chelsea, also fast auf den Tag ein Jahr später. Das Emirates war leer, und Covid sorgte auch für einen Akzent bei der Aufstellung. Arteta musste auf die drei Brasilianer verzichten: Luiz, Willian, Gabriel. Zu seinem Glück, könnte man vielleicht sagen. Arsenal gewann mit 3:1, und die Protagonisten waren sehr wesentlich junge Spieler: Saka, Martinelli, Smith-Rowe. Dazu Xhaka, der ein sehr schönes Freistoßtor beisteuerte, außerdem aber auch einige exzellente Pässe nach links draußen, er schickte Tierney auf Expeditionen, die fast alle interessant und teilweise auch ertragreich waren.

Die Krise von Arsenal in dieser Saison begann im Grunde schon im zweiten Spiel gegen West Ham, als ein schwergängiges Spiel gerade noch einmal so durch eine gute Aktion von Ceballos und das daraus folgende Tor von Nketiah auf die richtige Seite gebracht wurde. Danach kamen viele unentschlossene, teilweise richtiggehend träge Spiele. Ausnahmen gab es ausgerechnet gegen Manchester United und nun gegen Chelsea.

Gestern gegen Brighton ging es also darum, ob sich auch wieder einmal ein Erfolg bestätigen lassen würde. Es war das ideale Spiel für einen solchen Test, denn Brighton spielt wie fast alle Teams in England einen sehr kompetenten Defensivfußball, und Arsenal hat üblicherweise große Probleme, in solchen Spielen die nötige Dynamik zu entwickeln, um den Gegner zu überraschen.

Das einzige Tor war dann eine mustergültige Situation für ein solches Spiel. Ein vertikaler Pass aus der Viererkette fand den Rechtsaußen Saka relativ tief und eher weiter innen mit dem Rücken zu einem Gegenspieler. Es war also eine Gelegenheit für individuelle Brillanz. Saka nahm den Ball mit einer Drehung so mit, dass er Dan Burn nicht nur überrumpelte, sondern sich auch einen Vorsprung im Laufduell verschaffte. Das ging dann bis an die Sechzehnerecke, wobei Saka dann noch die Ruhe hatte, einen genau dosierten Ball auf den unerwartet freien Lacazette zu spielen, der wiederum fand mit einem satten Schuss exakt die 20 Zentimeter zwischen Pfosten und Brightons Nummer 5 Lewis Dunk, die offen waren. Es war ein Paradebeispiel für eine Beschleunigung fast aus dem Nichts.

Diese Kompetenz ist im heutigen Fußball mit allen seinen großen Talenten überraschenderweise trotzdem Mangelware. Es braucht dafür Spieler, die eben alles mitbringen: das Gefühl für den Raum, sich für diesen Pass anzubieten, und die Intuition, ihn in etwas zu verwandeln. In acht von zehn Fällen dient der Pass von Holding nur als ein Platzhalter, denn er wird fast immer wieder nach hinten abgelegt, und bleibt damit ein Routinemanöver. Saka aber macht daraus einen Unterschied. So zeigt sich ein Unterschiedspieler.

Arsenal hatte in diesem Jahr sehr oft das Problem, dass Arteta nicht genügend von der Sorte fand oder auswählte. Willian, der mit diesem Anspruch verpflichtet wurde, hat bisher enttäuscht. Im zentralen Mittelfeld war Arsenal meistens zu konservativ. Tierney braucht, um selbst einen Unterschied zu machen, einen Partner, den er in Aubameyang bisher nicht fand. Mit dem dynamischen Martinelli über links ist Tierney plötzlich wieder sehr oft in spannenden Situationen, an der gegnerischen Grundlinie oder sogar im Strafraum.

Und Smith-Rowe, auf den ich eigentlich gar nicht so stark gehofft hatte, füllt die große verwaiste Zone einer Nummer 10 auf eine Weise aus, die zu Özils genialen Pässen auch noch eine gute Aggression gegen den Ball und einen großen defensiven Aufwand hinzufügt. Arsenal ist also nach Weihnachten aufgewacht. Nun wird viel davon abhängen, wie sehr die Jungen weiterhin das Vertrauen von Arteta behalten, wie gut sie sich auch körperlich behaupten können. In einer wichtigen Frage hat Arteta gegen Brighton ein Indiz bekommen: Lacazette ist im Moment eher der Spieler, der die Hoffnungsträger führen kann, als Aubameyang.

Arsene Wenger hat früher immer davon gesprochen, dass es dauert, aus einer Aufstellung eine Mannschaft zu machen. Das ist eine Puzzle-Arbeit am beweglichen Objekt. Arsenal hat nun aber doch deutlich die Teile für ein Team beisammen. Es braucht im Winter jetzt gar nicht unbedingt weitere große Transfers, es würde schon reichen, wenn Spieler wie Xhaka und Aubameyang sich ein Beispiel an der Differenzarbeit der Jungen nehmen würden. So wie es zum Beispiel Rob Holding schon seit einer Weile tut, einer der eher unterschätzten Arsenal-Helden dieser Saison. Saka hat ihm dieses Mal den Gefallen getan, einen Pass als Auftrag zu nehmen. Und er hat den Auftrag erst weitergegeben, nachdem er ihn umfassend bearbeitet hat. Die Auslieferung übernahm dann Lacazette.

Geschrieben von marxelinho am 30. Dezember 2020.

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20. Dezember 2020

Kanonenfutter

Im 14. Saisonspiel gab es gestern Niederlage Nummer 8 für den FC Arsenal, auswärts bei Everton. Die Situation ist ein Musterbeispiel für die Unwägbarkeiten im Fußball, oder genauer: für die Schwierigkeiten, sich gegen eine Negativserie zu behaupten, wenn sie erst einmal Schwung aufgenommen hat. Die Fans suchen nach Sündenböcken, längst fordern auch viele die Ablösung von Mikel Arteta.

Eine sorgfältige Analyse kann zwar bei der Behebung des Problems helfen, aber auch wiederum nur in begrenztem Maß. Denn Arsenal verliert derzeit anders als noch vor ein paar Wochen. Im Oktober und November war die Mannschaft von einer merkwürdigen Apathie gekennzeichnet, das hat sich jetzt zumindest geändert. Arsenal spielt wieder nach vorn, keineswegs brillant, aber zumindest mit einer gewissen Dringlichkeit. Dafür häufen sich defensive Probleme.

Gegen Southampton am vergangenen Mittwoch war Gabriel Magalhaes der negative Held. Eigentlich gilt der Innenverteidiger als Hoffnungsträger, er kam im Sommer neu aus Lille, für 26 Millionen Euro, und wurde schnell Stammspieler und sogar Stütze. Er wirkt unerschrocken, und strahlt eine gewisse Autorität aus. Seine langen Eröffnungspässe (ein Markenzeichen bisher eher von Luiz) sind allerdings meist sinnlos. Im Spiel gegen das aufstrebende Team von Ralph Hasenhüttl hatte Gabriel drei Zweikämpfe weit entfernt vom eigenen Strafraum, in allen drei Fällen mit Folgen: zuerst ermöglichte er mit einem missglückten Einschreiten fast an der Mittellinie einen Konter, den Walcott mit einem Tor abschloss. In der zweiten Halbzeit holte er sich zwei gelbe Karten, in Unterzahl musste Arsenal schließlich mit dem 1:1 zufrieden sein.

Auch Holding, den ich schätze, rückt immer wieder weit heraus, verteidigt teilweise jenseits der Mittelinie aggressiv gegen den Mann. Dieses wohl abgesprochene Vorgehen ist so auffällig, weil es nicht so richtig zu dem eher unklaren Pressing weiter vorn passt. Und es macht Arsenal natürlich verwundbar.

Gestern fiel der entscheidende Treffer fütr Everton nach einem Corner. Der eigens eingestellte Coach für Setpieces macht sich bisher nicht bemerkbar. Arsenal hat aber auch kaum Zeit für Training in diesem strapaziösen Herbst. Allerdings ist es doch merkwürdig, dass nicht einmal Absprachen zu existieren scheinen, wer zum Beispiel Freistöße übernimmt. Einen geübten  Spieler für diese Spezialdisziplin hat Arsenal nicht. Corner kommen meistens von Willian, gefährlich sind sie selten, einstudiert wirken sie nie.

Willian ist sowieso die Reizfigur. Ich habe auch eine Abneigung gegen ihn. Gestern war er aber in der zweiten Halbzeit doch deutlich bemüht, ein wenig die verwaiste Rolle eines Spielgestalters zu übernehmen, zumindest in Andeutungen. Insgesamt sind seine Leistungen aber nicht überzeugend, und im Sommer hätte ich auf jeden Fall gesagt, dass Arsenal einem 32-Jährigen von Chelsea keinen Dreijahresvertrag geben sollte. Arteta war dafür, einen Unterschiedspieler hat er nicht bekommen.

Seine Personalentscheidungen lassen jedenfalls Raum für Kritik. Gestern entschied er sich für Nketiah im Sturmzentrum, und gegen Lacazette, in Abwesenheit von Aubameyang, der angeblich eine Wadenverletzung hat. Das Vertrauen in Nketiah in allen Ehren, aber Lacazette ist einer, an dem sich eine Mannschaft aufrichten kann, er stoppt auch beim Zurückarbeiten nicht ab, wie Willian, der Iwobi bei der Flanke zusah, die zum ersten Gegentreffer führte.

Maitland-Niles ist für Arteta nur ein Notnagel, dabei ist deutlich zu sehen, dass er auch einer ist, der mit seiner Coolness, seiner Technik, seiner guten Geschwindigkeit etwas beisteuern kann. Ich würde ihn gern im Mittelfeld sehen, neben Ceballos und später neben Partey. Ceballos hat die besten Pässe drauf bei Arsenal, gestattete sich gegen Everton aber auch wieder einmal eine eher bequeme erste Halbzeit.

Die Rückkehr von Martinelli war am Samstag das Hoffnungszeichen. Arsenal hat einen Kern junger Spieler, bei dem es nun darauf ankommt, in welcher Konstellation sie ihre Chance bekommen sollen. Für die Fans ist vor allem Smith-Rowe ein sentimentaler Liebling, sie würden ihn am liebsten sofort als Özil-Ersatz sehen. Für meine Begriffe ist er deutlich noch nicht so weit. Ich will aber doch einmal die utopische Junge-Wilde-Elf nominieren, mit der Arsenal im Frühling durchstarten sollte, wenn ich beim Fußballgott intervenieren könnte: Leno. Tierney - Gabriel - Holding. Saka - Partey - Willock - Maitland-Niles. Aubameyang - Balogun - Martinelli.

Geschrieben von marxelinho am 20. Dezember 2020.

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16. Dezember 2020

Lückenbüßer

Der Kommentator von Sky, Oliver Seidler, ein sachlicher Typ, hat gestern das Wort Prozess tunlichst vermieden. Er hat stattdessen aber von Evolution gesprochen. Hertha BSC befindet sich in einer Evolution, die vom FSV Mainz 05 allerdings mit einer soliden Kompakttaktik auf Pause gesetzt wurde. Auf desolatem Rasen, mit dem das Olympiastadion sich regelmäßig um diese Jahreszeit ligaweit blamiert, endete das Spiel torlos. Und Hertha hängt weiterhin deutlich hinter dem "little city club" aus Köpenick im Niemandsland der Tabelle fest.

Prozess, Entwicklung, Fortschritt, Evolution: das ist der große Mythos im Fußball, der so oft durch zweieinhalb Defensivreihen entzaubert wird. Ergänzt wird diese Rhetorik durch die Rede von einem Umbruch, der bei Hertha vor allem darin bestand, dass zwei Veteranen nicht weiterbeschäftigt wurden: Ibisevic und Skelbred wären demnach prozessauslösende Abgänge gewesen. Und von Jhon Cordoba müssten wir uns nun eigentlich eine Torevolution erwarten, die aufgrund von Verletzung aber derzeit ausbleibt, während Duda in Köln aufzublühen scheint.

Das sind alles Prozessfaktoren. Wie auch der enge Spielplan, bei dem nicht auszuschließen ist, dass schon im Februar die ganze Liga einen Burnout erleidet. Wenn man das alles mitbedenkt, bleibt als Meldung vom Dienstag übrig: Hertha kam an Malong Kunde nicht vorbei. Der defensive Mittelfeldspieler von Mainz, gemeinsam mit Kevin Stöger und Leandro Barreiro, organisierte einen Riegel vor der eigentlichen Defensive. Und Hertha schaffte es kaum einmal, diesen ersten Riegel zu überwinden. Hertha wurde zugestellt, und nicht von Paketboten.

Guendouzi, Stark und Tousart wirkten wie Panzerknacker, die noch nie einen Dietrich gesehen haben. Verlässlich gingen die Bälle irgendwann auf die Außenbahn, wo sie in Kleinklein versickerten. Es war ein Schulbeispiel für grundkompetenten Fußball aus der unteren Tabellenhälfte, bei dem Hertha allerdings die undankbare Rolle zufiel, etwas mehr als die Basics zu probieren, denn eigentlich stand ein Pflichtsieg auf dem Zettel. Da reicht es dann schon, wenn Cunha einen schlechten Tag hat, und alles steht.

Üblicherweise besteht die Hoffnung in so einem Spiel darin, den Gegner allmählich müde zu spielen, sodass sich schließlich doch irgendwo eine Lücke auftut. Man kann sich aber auch selbst müde spielen, zumal an einem Dienstagabend mitten im Dezember. Das war wohl gestern der Fall. Guendouzi, normalerweise in der zweiten Halbzeit besser als in der ersten, verschwand dieses Mal in der Anonymität. Mit den versäumten zwei Punkten tat Hertha Buße für Lücken, die man bei Mainz nicht zu schaffen vermochte.

Evolution ist ein Entwicklungsprozess, der sich (im Rahmen der Naturgesetze) die Gesetze selbst schreibt. In irgendeine Richtung geht es immer, wer sie festlegen kann, ist ein Künstler. Von dieser Kunst ist Hertha BSC seit jeher weit entfernt.

Geschrieben von marxelinho am 16. Dezember 2020.

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von Sorgenkind (am 16. Dezember 2020)
Das war gestern ein Kollektiv-Versagen. Der „Rasen“ potenzierte diesen Eindruck! Eine aber wie immer, gegen den Karnevalsclub, zu erwartende Nichtleistung. Der Druck, hier jetzt auf jeden Fall mit einem Dreier vom Acker zu kommen, war wohl zu hoch!
14. Dezember 2020

Den Sündenbock umstoßen

Der Arsenal FC hatte zuletzt zwei Mal den Termin Sontagabend, 20.15. Und auch wenn in England dabei niemand an den Tatort denkt, ging es dabei auch um Schuldfragen. Whodunit? Gestern gegen Burnley war die Sache leicht aufzuklären: Granit Xhaka ließ sich nach einem taktischen Foul, das er selbst beging, so provozieren, dass er McNeil an die Gurgel ging. Der Referee hätte es mit einer gelben Karte bewenden lassen, aber in Zeiten des VAR gibt es für so etwas kein Pardon: Xhaka musste vom Platz.

Arsenal hatte bis zu diesem Zeitpunkt dominiert, aber Burnley hatte alle Chancen irgendwie vereitelt. Bald darauf verursachte Aubameyang nach einem Corner das einzige Tor des Spiels: ein Eigentor. Endstand: 0:1. Es war die dritten Niederlage für das Team von Mikel Arteta hintereinander, die vierte Heimniederlage in Serie, und die siebte in zwölf Spielen in dieser bisherigen Premier League-Saison. Knapp ein Jahr nach seiner Bestellung ist Mikel Arteta massiv angezählt. Und am Mittwoch geht es schon weiter gegen Southampton, am Samstag auswärts gegen Everton.

Die Gründe für die Krise sind nicht leicht zu eruieren. Arsenal kam ganz gut in die Saison, in den ersten vier Spielen gab es drei Siege und eine Niederlage beim FC Liverpool. Allerdings fiel schon gegen Westham und Sheffield auf, dass die Mannschaft ein wenig schwergängig wirkte. Sie spielte ohne Tempo und Inspiration, es gab wenige Chancen aus dem Spiel heraus. Standardsituation sind auch unter Arteta zum Vergessen.

Das Heimspiel gegen Leicester brachte dann die erste Demütigung, eine bittere Niederlage durch einen makellos aufgegangenen Matchplan von Brendan Rodgers, der die Harmlosigkeit der Gunners mehr oder weniger einkalkuliert hatte und schließlich Jamie Vardy brachte, der das entscheidende Tor machte. Das Derby gegen Tottenham vor einer Woche wird schließlich als ultimativer Mourinho-Sieg in die Geschichte eingehen: zynischer hat selbst der Tullius Destructivus des Fußballs nie gewonnen, 90 Minuten ließ Tottenham die Gunners gegen einen massiven Block prellen, zweimal federten sie mit dem großartigen Duo Kane und Son zurück, das reichte.

Dass Xhaka gestern der Sündenbock wurde, ist bezeichnend. Denn eigentlich hatte Arteta den meistgehassten Spieler im Kader ja schon rehabilitiert. Xhaka war vor einem Jahr bei Arsenal am Ende, er wurde Hertha angeboten, spielte sich dann aber mit einem heroischen Auftritt bei einer unglücklichen Niederlage gegen Chelsea im letzten Winter zurück in das Establishment. Sein Problem sehe ich vor allem darin, dass er im Ligaalltag sehr oft in einen gemütlichen Trab zurückfällt. Er spielt dann unproduktiv und lähmt die Mannschaft damit an einem neuralgischen Punkt, sieht sich aber immer noch als Führungsspieler. Unabhängig von dem Moment gestern wird Arsenal nicht vorankommen, solange Xhaka nicht endgültig überwunden ist.

Dabei hatte Arsenal selbst dieses Problem im Sommer ja adressiert. Die wichtigste Verpflichtung war Thomas Partey von Atletico Madrid, der sein Potential auch schon zeigte: Anfang November gewann Arsenal in Old Trafford mit 1:0 gegen Manchester United. Grundlage des Siegs war eine äußerst homogene taktische Mannschaftsleistung, basierend auf dem exzellent harmonierenden Mittelfeldduo Partey und Elneny. Inzwischen ist Partey allerdings verletzt, gegen Tottenham holte Arteta ihn zu früh zurück, beim vorentscheidenden zweiten Konter humpelte Partey mit erneuter Muskelverletzung ohnmächtig nebenher.

Angesichts der Probleme wirkt es grotesk, dass Willian, ein weiterer Reizspieler, kürzlich in einem Interview erzählte, dass er bei Arsenal nur deswegen einen Dreijahresvertrag unterschrieben hat, weil Arteta ihm einen Dreijahresplan unterbreitet hatte: im ersten Jahr Qualifikation für die Champions League, im dritten Jahr dann der Titel. Willian ist 32, kam von Chelsea (ist also nach Luiz der nächste "Chelsea reject", der Arsenal nicht wirklich weiterhilft), und suchte wohl vor allem einen gut dotierten Altersvertrag. Nun blockiert er gemeinsam mit Pepe, von dem ich mir bei Arsenal nichts mehr erwarte, die rechte Offensivposition, ohne nennenswerte Beiträge. Gestern war er immerhin Teil einer deutlich dynamischeren Mannschaft.

Im Sommer warteten alle Fans vor allem auf eine Vertragsverlängerung von Aubameyang. Der Talisman ist aber in dieser Saison ein Schatten seiner selbst, er wurde lange Zeit auch kaum in chancenreiche Situationen gebracht, und nimmt die Torflaute meist mit einem "smirk" hin, einem ohnmächtigen Lächeln. Er hat nun noch drei Jahre Vertrag, wird wie Willian am Ende 35 sein. Ob er noch einmal zu alter Form zurückkommt? Die Leistung gegen Burnley gestern war im Grunde ein erster Schritt, trotz des Eigentors.

Im Hintergrund schwelt wohl auch die Angelegenheit von Mesut Özil weiter. Der aussortierte Superstar ist ja weiterhin präsent, er ist nicht vom Training freigestellt, alle hoffen nun, dass er im Winter vielleicht endlich zu einem Wechsel bereit ist.

Das Spiel gegen Southampton am Mittwoch ist auch deswegen hoch spannend, weil Ralph Hasenhüttl sich als einer der interessantesten Trainer in der Premier League erwiesen hat. Er wäre vielleicht schon bald ein Kandidat für Arsenal, wo Arteta meiner Meinung nach noch nicht auf der Kippe steht. Aber jetzt kommen drei schwere Spiele, und die Mannschaft erweckt nicht den Eindruck, dass sie wirklich die Mentalität hätte, sich aus der Krise zu befreien. Arteta hat inzwischen auch schon einige Probleme aufgehäuft, er hat weder die beste Position für Aubameyang gefunden (ich meine, er sollte weiterhin von links kommen, und Saka über rechtsaußen), noch ist die Variante mit Lacazette als "spielmachender zweiter Mittelstürmer" wirklich sinnvoll. Maitland-Niles wäre eine Option für das defensive Mittelfeld, das scheint Arteta aber nicht in Erwägung zu ziehen.

Im Moment ist die Lage wirklich so verzwickt, dass im Grunde nur ein Trost hilft: das nächste Spiel ist schon übermorgen.

Geschrieben von marxelinho am 14. Dezember 2020.

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