17. Februar 2018

Holprige Ausrede

Pal Dardai hatte keine Lust, nach der Heimniederlage gegen Mainz groß etwas zu sagen. Die PK war kurz, er war extrem schmallippig, immerhin gab es eine Einordung: er hatte "das schlechteste Heimspiel" in seiner Amtszeit als Cheftrainer bei Hertha BSC gesehen. Wir auch!

Es war vielleicht das wichtigste Spiel in dieser Rückrunde, denn es hätte mit einer Bestätigung des Siegs in Leverkusen tatsächlich so etwas wie eine Absage an das Mittelmaß erkennbar werden können. Stattdessen hat die Mannschaft sich in fast schon provokanter Weise desinteressiert gezeigt.

Der sehr schlechte Rasen war sicher ein Faktor. Zuerst einmal auf der rein sachlichen Ebene. Man staunt, dass Hertha sich so etwas bieten lässt, ich weiß aber natürlich nicht, ob es eine Angelegenheit des Vermieters ist oder des Mieters. Eines ist sicher: für Hertha BSC ist dieser Rasen ein enormer Nachteil. Es ist zwar logischerweise so, dass er für beide Mannschaften der gleiche Rasen ist, behindert wird aber doch vor allem das Spiel, das zu machen wäre.

Übrigens ist das auch eine Angelegenheit, die bei der Stadiondiskussion eine Rolle spielen muss. Wenn man wirklich überlegt, das Oly umzubauen, würde das ja auch eine Absenkung des Spielfelds mit sich bringen - was das wiederum für die Belüftung etc bedeuten würde, muss alles eruiert werden.

Man kann jedenfalls relativ klar sagen, dass Hertha sich mit dem katastrophalen Spielfeld (auf dem seit Jahren gefühlt mindestens die Hälfte der Heimspiele stattfinden) massiv selbst schädigt. Dazu kommt der psychologische Faktor: Der Rasen dient als Ausrede, und zwar fast noch mehr vor als nach dem Spiel. So kommt überhaupt erst die Rhetorik von einem "Kampfspiel" zustande.

Es fand nicht statt. Mainz hatte die ganze erste Halbzeit hindurch mehr und bessere Chancen, und in der zweiten Halbzeit gab Hertha nach dem zweiten Gegentreffer im Grunde auf. Von den Rängen riefen die Leute: "Aufhören." Und die Spieler antworteten in Körpersprache: "Nichts wäre uns lieber."

Zyniker könnten jetzt sagen: Das Fehlen von Arne Maier konnte nicht kompensiert werden. Vermutlich ist das ratlose Gestochere aber für die 11 auf dem Rasen genauso mysteriös wie für uns, die wir von oben zuschauen, und die wir uns wundern, dass Marvin Plattenhardt seit Wochen meistens spielt, als hätte er alle WM-Hoffnungen längst begraben, dass Niklas Stark ein Fühungsspieler offensichtlich nur für eine U21 sein kann, usw. Das hat aber alles vor allem damit zu tun, dass Hertha sehr oft den Funken nicht findet, an dem sich ein Spiel beleben kann. Und dann kommt eben leicht etwas heraus wie Freitagabend: ein gähnendes Motivationsloch auf schlechtem Rasen.

Warum erweckt Hertha so oft den Eindruck, die Mannschaft wäre schlecht auf ein Spiel eingestellt? Pal Dardai deutet gelegentlich an, dass die Sache für ihn auch rätselhaft ist. Das lässt darauf schließen, dass sie etwas mit ihm zu tun hat. Spontan habe ich es gleich nach dem Spiel in einem Tweet auf die Formel gebracht: Die Mannschaft kann mit dem Druck nicht umgehen, den der Trainer ihr nicht macht.

Geschrieben von marxelinho am 17. Februar 2018.

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10. Februar 2018

Von hinten ran an den Stau

Den Matchplan gegen Bayer 04 Leverkusen hätte wahrscheinlich auch ein mittleres Fankonklave halbwegs so hinbekommen, wie Pal Dardai & Co. ihn heute für Hertha BSC aufgestellt hatten, und wie die Mannschaft ihn dann relativ locker umgesetzt hat. Die Werkself ist ja - anders als der Ausbildungsverein aus Berlin - noch in zwei Wettbewerben vertreten, musste dafür allerdings unter der Woche einigen Aufwand treiben.

Es ging also darum, maximale Spielkontrolle so zu gestalten, dass sich vielleicht irgendwann Fehler provozieren lassen könnten. Darida in der Rolle des zentralen Anläufers ist für solche Situationen prädestiniert. Und er - als die Verkörperung des Matchplans - war es dann auch, der kurz vor der Pause an der vorentscheidenden Situation beteiligt war. Davor war es weitgehend ein offenes Spiel zwischen geschlossenen Strafräumen gewesen.

Eine Umschaltsituation tief in der gegnerischen Hälfte ging von Lustenberger und Darida aus, und Lazaro brachte die Sache gekonnt zum Abschluss. In der zweiten Halbzeit konnte dann Kalou noch einen Aussetzer von Tah nützen: wie er den Ball da mit dem weit vorgestreckten rechten Fuß in die Spur brachte, das war schon noch einmal ein deutliches Zeichen seiner Klasse, wie auch die Art und Weise, wie er dann unter Druck die Ruhe bewahrte.

Das war also wieder die effiziente Hertha, die jetzt zum ersten Mal das Mittelmaß so ganz leicht in Richtung Optimismus angestupst hat. In der Tabelle steht zwar weiterhin Platz 11 zu Buche, aber Hertha ist jetzt hinten dran am Pulk. Und der Pulk reicht fast bis Platz 4.

Nicht, dass Hertha dort hingehören würde. Aber die Leistung gegen Bayer war doch immerhin so solide, dass man auf ihr aufbauen kann. Auffällig war einmal mehr Jordan Torunarigha, dessen Auswechslung hoffentlich nicht mit einer gravierenden Blessur zu tun hatte. Arne Maier hat auch wieder gespielt, und seine Aufstellung gerechtfertigt.

Bleibt als interessanter Punkt vor allem, warum Davie Selke so wenig ins Spiel findet. Pal Dardai ließ ihn heute 90 Minuten auf dem Platz, im Abspann der Übertragung konnte man dann sogar noch eine Umarmung mit Ibisevic sehen - das wäre ein professionelles Signal erster Ordnung vom Kapitän. Denn im Grunde hätte Ibisevic auch Gründe zum Reklamieren: Selke zeigt derzeit kaum, was er wohl kann, seine Kombinationsversuche waren gegen Bayer besonders dürftig, es gibt keine Läufe in die Tiefe.

Allerdings war er in die Führungstreffer involviert, und zwar auf eine ganz ähnliche Weise wie bei dem Ausgleich gegen Hoffenheim. Selke ist für mich derzeit das Symptom einer utopischen Hertha, die immer wieder in Andeutungen zu erkennen ist, eine Mannschaft, in der die Jungen ihren Stil, einen filigranen Durchsteckfußball, natürlich nicht wirklich zum Ausdruck bringen können. Dazu ist das taktische Konzept zu strikt, und das Konzept ist nun einmal mit Fug und Recht eher konservativ.

Für Pal Dardai war es ein gelungener Jahrestag. Seit drei Jahren ist er Hertha-Coach. Dieses Mal musste er in der Pause nur zwei kleine Änderungen vornehmen, sagte er im Interview gleich nach dem Match auf Sky. Jetzt muss ich mir das Spiel noch einmal anschauen. Wenn ich draufkomme, was er gesagt hat, oder wenn jemand anderer draufkommt, dann kennen wir den Trainer wieder ein bisschen besser, mit dem Hertha den Weg der Ausbildung geht.

Geschrieben von marxelinho am 10. Februar 2018.

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04. Februar 2018

In den Eingeweiden der Liga

Wieder unentschieden, immerhin dieses Mal nicht torlos: Hertha BSC kann (und will) sich weiterhin nicht so recht entscheiden, was von dieser Saison zu wollen ist. Das 1:1 gegen Hoffenheim lohnt sich für eine Analyse wohl nur für Fans, die am Fußball die Details lieben - und jedes kleine Indiz, aus dem man eine Tendenz machen könnte, wo nicht so richtig eine ist.

Das Spiel gegen Hoffenheim war ein schönes Beispiel für die Neutralisierungstendenzen im deutschen Fußball. Immerhin hatte Hertha dieses Mal so viel Initiative, die Neutralisierungsbemühungen weiter weg vom eigenen Tor stattfinden zu lassen. Vom Oberrang aus war deutlich zu erkennen, dass sich das Spiel vor allem in der ersten Hälfte wesentlich in einem Bereich rund um die Mittellinie konzentrierte. Die Viererkette hatte offenbar so einen imaginären Äquator vierzig Meter vor dem Tor im Kopf.

Allerdings hatte Hoffenheim ein vergleichbares Projekt, presste also gar nicht sonderlich hoch, sondern interessierte sich auch allenfalls für gelegentliche Exkursionen in das letzte Drittel, das bei Hertha das erste war, in dem so wenig wie möglich stattfinden sollte.

Eine längere Konfusion von Niklas Stark ermöglichte dann allerdings doch eine relevante Aktion sogar im Hertha-Sechzehner: Sie endete mit einem Foul an Schulz und einem Elfmeter. Den Rückstand egalisierte Salomon Kalou in der zweiten Halbzeit nach einer Flanke von Lazaro. Mit den Toren werde ich mich noch eigens beschäftigen.

Progressionstheoretisch gesehen (lat. progressio: Entwicklung, Fortschritt, Ausbildung) brachte das Spiel drei Themen: die Innenverteidigung, das zentrale Mittelfeld und die Sturmspitze.

In der Innenverteidigung zeichnet sich nach dem Angang von Langkamp eine gewisse Linkslastigkeit ab. Will heißen, dass Niklas Stark derzeit nicht viel mehr auf die Reihe bekommt als einen soliden Langkamp mit Tendenz zur Fehleranfälligkeit. Zum Spielaufbau kommt von ihm nur das Allernötigste. Natürlich räumt er auch eine Menge ab. Torunarigha hatte aber das deutlich stärkere Spiel, und er ist nur die Zweitbesetzung für Rekik. Stark hingegen wäre eigentlich designiert für eine Führungsrolle, im Sommer bei der U21-EM hatte er das auch ausgestrahlt - derzeit fehlt diese Ausstrahlung.

Im Mittelfeld kam Vladimir Darida zurück, damit war der status quo ante Arnem (Arne Maier) wiederhergestellt, und tatsächlich wirkte Hertha auch gleich wieder ein bisschen konservativer. Es war das erste Spiel für Darida nach einer langen Pause, und er war auch entscheidend an dem Spielzug zu dem Ausgleich beteiligt - insgesamt war das aber tendenziell wieder die vorsichtigere Hertha. Der Schuss Dynamik, den Maier brachte, war wieder weg. Es wird spannend, wie die Betreuer demnächst mit dieser Dreierkonstellation (die bis Jahresbeginn tendenziell noch eine Viererkonstellation mit Stark war) umgehen werden.

Für das zweite Hertha-Tor in der Rückrunde war auch ein Faktor, dass Ibisevic ins Spiel kam. Damit hatte Hertha wieder eine Doppelspitze, und bei der Lazaro-Flanke viel Personal im Fünfer. Selke verfehlte, Kalou stand perfekt, Ibisevic war noch dahinter. Leider verzichtete Pal Dardai auf die entsprechende weitere Umstellung auf Hauruck, indem er Mittelstädt erst zu einem Zeitpunkt brachte, als man die Einwechslung nur noch als eine Einverständniserklärung mit dem Remis sehen konnte.

Es war also insgesamt ein weiterer Safety-First-Nachmittag mit Hertha. Kleinzeug macht auch Mist, sagt der Bauer. Wenn Hannover heute verliert, wäre Hertha sogar in die Top Ten eingedrungen - wieder einmal mehr als Folge einer Art Liga-Peristaltik als aufgrund von erkennbarer Initiative. Immerhin lässt sich die Rückrunde so an, dass man immer noch den Eindruck haben kann, dieser Mannschaft könnte noch der berühmte Knopf aufgehen. Vielleicht schon gegen Bayer 04 - irgendwie habe ich das Gefühl, dass die taktische Konstellation dieser Begegnung der gegenwärtigen, tastenden Hertha liegen könnte.

Geschrieben von marxelinho am 04. Februar 2018.

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Natalie Keil (am 04. Februar 2018)

Mir gefällt vor allem, wie sehr Torunarigha - außer, daß er JEDEN Ball hatte - vertikal denkt und damit entlastet, öffnet. Könnte vor Freude immer quietschen, wie er das (seinen IV-Job) macht. Ich habe Maier auch sehr vermißt. Auch, wenn Darida den Ausgleich eingeleitet hat, den Konter hat er wiederum verdaddelt. Da war einfach mehr drin aufs ganze Spiel gesehen. Den nötigen Drive dafür bringen aber die Nachwuchsspieler. Wir brauchen dringend einen 10er.
03. Februar 2018

Konzentration und Vision

Über einen Mangel an Themen müssen wir uns vor dem Heimspiel gegen die TSG 1899 Hoffenheim nicht beschweren. Hertha hat es in Bremen nicht geschafft, der Rückrunde ein erstes Momentum zu verpassen. Das Etikett Mittelmaß, das derzeit durch die Statistik (neutrale Tordifferenz wie auch ausgeglichene Ergebnisbilanz mit je sechs Siegen und Niederlagen bei acht Remis) erhärtet wird, verträgt sich nicht mit der Ausbildungserzählung. Voriges Jahr konnte sich Hertha auf kaum höherem Niveau sogar nach Europa schummeln. Dieses Jahr wird schon für die Top Ten mehr Klarheit erforderlich sein, als es die ersten drei Spiele 2018 erkennen ließen.

Der Abgang von Sebastian Langkamp (von Pal Dardai in der PK als "gute Trennung" bezeichnet) betrifft ein erstes Thema: Die spieleröffnende Kompetenz der Innenverteidiger. Besonders auf Niklas Stark wird hier zu achten sein. Er hat bisher im neuen Jahr von den interessanten Passversuchen kaum einen an den Mann gebracht, auch seine Andeutungen von Vorstößen über die Mittellinie brachten nichts ein. Stark gilt als eine der interessanteren "Aktien" von Hertha BSC, sein Wert (und sein Karriereverlauf) wird sich nicht zuletzt daran entscheiden, ob es ihm gelingt, in sein Aufbauspiel Konzentration und Vision hineinzubekommen - und ob die Mannschaft ihm dabei hilft. Vision ist hier durchaus in einem doppelten Sinn zu verstehen - als Fähigkeit, den Raum vor sich zu entziffern, wie auch als Fähigkeit, ihn interessant zu verändern.

Langkamp war auf jeden Fall kein Visionär, bei Stark ist dieses Talent derzeit auch eher verkümmert. Das hat aber auch damit zu tun, dass die Mannschaft nicht so richtig zu wissen scheint, wie und wann sie in einem Spiel initiativ werden soll. Pal Dardai hat mit Blick auf Hoffenheim wieder von "Geduld" gesprochen (auch von einem Platz, der ein anspruchsvolles Spiel nicht zulassen wird). Gleichwohl braucht es allmählich auch Signale, dass Hertha aus Spielen nicht nur vielleicht beiläufig hinten heraus oder durch Standards etwas mitnehmen will, sondern dass die Mannschaft aus eigenen Stücken ein Ziel hat. Gegen Stuttgart und den BVB gab es diese Signale, sie waren aber zu zufällig über die Matchdauer verteilt, um richtig Wirkung zu zeigen.

Das dritte Thema betrifft die Formation in der Offensive. Im Herbst hatte Dardai mehrfach auf eine Doppelspitze mit Ibisevic und Selke gesetzt (und die Taktik darauf ausgerichtet, indem er vor allem auf Flanklen setzte). Nach dem Bremenspiel kritisierte er Selke für seine Versuche, sich in das Spiel zu integrieren, indem er lange und falsche Wege ging. Wir dürfen gespannt sein, welchen Schluss der Coach heute daraus zieht, zumal Duda ja verletzt ist. Es wäre für meine Begriffe verkehrt, Selke jetzt eine Pause zu verordnen. Er ist potentiell ein exzellenter Stürmer, und sicher nicht seine Schuld, dass die Mannschaft es relativ selten schafft, bis zu ihm zu kommen.

Hoffenheim steht in der Tabelle fast Schulter and Schulter mit Hertha, ist aber als Mannschaft immer noch besser definiert, wenn auch nur durch das ausgeprägtere Pressing. Dass Hertha sich dieser Liga-Orthodoxie nicht anschließen will, sondern meist tiefer steht, allerdings auch nur selten den dadurch längeren Weg zu Abschlussaktionen überbrücken kann, ist eigentlich eine Paradoxie - ein ungedeckter Vorgriff, denn genau besehen hätte Hertha genug Gründe, diese Taktik (die ja im Grunde immer noch vor allem eine Survivaltaktik ist, was man vor allem an S04 unter Tedesco gut sehen kann) nicht zu verachten.

Hertha verachtet diesen Stil ja auch nicht, er kommt allerdings nur unstrukturiert zum Einsatz. Wir können nur hoffen, dass die Entscheidungen, die Pal Dardai heute treffen muss (Torunarigha? Darida? Ibisevic?) mit einem Matchplan zu tun haben, der nicht nur Geduld, sondern auch Initiative enthält.

Geschrieben von marxelinho am 03. Februar 2018.

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01. Februar 2018

Zweiter Bildungsweg

Wer in den letzten Tagen den Instagram-Account von Mesut Özil im Auge hatte, konnte schon das eine oder andere Indiz für eine Vertragsverlängerung beim Arsenal FC erkennen. Jedenfalls zeigte er sich dort als versierter Londoner, der auch vor der Tube nicht zurückschreckt. An der Niederlage in Swansea am Dienstagabend (1:3 nach einem schweren Fehler von Petr Cech) konnte aber weder Özil noch der erste Auftritt von Henrikh Mkhitaryan für die Gunners etwas ändern.

Man muss die Veränderungen vom Mittwoch (vom Deadline Day mit der Verpflichtung von Aubameyang und der Bekanntgabe der Vertragsverlängerung von Özil zu Rekordbedingungen bis 2021) auf jeden Fall in Zusammenhang mit der ernüchternden Situation in der Liga sehen: Arsenal hat sechs Punkte Rückstand auf Platz 5 (Tottenham) und acht auf Platz 4 (Chelsea). Der jahrelang "angestammte" Platz, der zumindest für die Qualifikationsrunde für die CL berechtigt, liegt in weiter Ferne. Bleibt als Weg in die Königsklasse noch die Europa League - auf diese Weise erst wurde es möglich, dass dieses Jahr noch fünf (!) Teams aus der Premier League im Achtelfinale der Champions League dabei sind.

Dass Özil anders als Alexis Sanchez sich für Arsenal entschieden hat, wird viele Gründe haben, die ich natürlich nur erahnen kann. Es fiel allerdings auf, dass er zuletzt immer deutlicher eine Führungsrolle in der Mannschaft reklamiert hat - oft wirkt er auf dem Platz ja eher introvertiert, nun zeigt er sich auch gestisch mehr, beinahe könnte man meinen, dass er sich ohne den Alphaspieler Sanchez bei Arsenal wohler fühlt.

Trotzdem hat ein Transfer wie der von Aubameyang auch Auswirkungen auf die Verlängerung mit Özil. Arsenal zeigt mit diesem Neuzugang nicht so sehr eine bessere Kaderplanung, vielmehr geht es einfach darum, überhaupt noch Potenz erkennbar zu machen. De facto ist Aubameyang inzwischen ein zweifelhafter Spieler, von dem erst noch geklärt werden muss, ob er noch einmal eine professionelle Phase hinbekommt. Sven Mislintat, der vom BVB verpflichtete neue Chefscout bei Arsenal, scheint daran zu glauben.

Özil hat immer gesagt, dass die sportliche Perspektive für ihn das wichtigste Argument für einen Verbleib bei Arsenal ist. Bei Aubameyang könnte man nun fragen, ob da nicht sportliche Perspektive mit einem großen (vor einem halben Jahr für Arsenal noch zu großen) Namen verwechselt wird. Im Sommer hat Arsenal für auch nicht wenig Geld aus Frankreich Alexandre Lacazette verpflichtet, der ein sehr gutes erstes Saisondrittel hatte, seither aber schwächelt.

Nun zeichnet sich nominell eine potentiell hochkarätige Offensivformation ab, mit Özil und Mkhitaryan hinter Aubameyang, und mit Jack Wilshere als Verbindung zu Xhaka oder Ramsey im defensiveren Mittelfeld. Als Sechser firmierte zuletzt vor allem Elneny, der aber dafür noch nicht der Weisheit letzter Schluss sein kann (immerhin ist Coquelin endlich weitergezogen). Manche spekulieren darauf, dass Ainsley Maitland-Niles, die Nachwuchsentdeckung dieser Saison, endlich der seit Ewigkeiten ersehnte neue Vieira werden könnte - derzeit scheut Wenger noch davor zurück, ihn zentral einmal auszuprobieren.

Ramsey, Iwobi, Welbeck, Lacazette wären alle nicht erste Wahl, es sei denn, Ramsey (bisher eher immer ein Achterzehner) würde nach hinten rücken. Die Verteidigung ist bis auf Bellerin eine Baustelle - selbst Koscielny sieht dieses Jahr oft alt aus (zum Beispiel beim ersten Treffer von Swansea am Dienstag). Wojciech Sczeszny, den Wenger weggeschickt hat, ist inzwischen bei Juve zu einem Spitzenkeeper gereift, während Arsenal hinter Cech niemand hat. Die Defensive muss also runderneuert werden.

Die alles entscheidende Frage betrifft aber natürlich den Trainer. Es ist schwer zu sagen, wie weit Wenger derzeit noch das Heft in der Hand hat. Jedenfalls ist deutlich, dass er von viel mehr Leuten umgeben ist als früher, die Entscheidungsprozesse sind nicht einfacher geworden - früher (nach dem Abgang von David Dein) hat er alles einsam entschieden, jetzt schwirren zwischen ihm und CEO Ivan Gazidis jede Menge Leute herum. Erstaunlich bleibt dabei, dass er mit Steve Bould nach wie vor einen sehr altmodischen Cotrainer neben sich hat  - hier sehe ich am ehesten Potential für eine innovative Neuverpflichtung.

Es spricht alles dafür, dass Arsenal versuchen wird, den Weg von Manchester United aus dem Vorjahr zu gehen - mit der Europa League würde man nicht nur einen Titel, sondern auch den Zugang zur Champions League gewinnen. Dazu sind allerdings noch fünf Runden zu gewinnen, und Gegner wie Atletico Madrid, Neapel und, na ja, der BVB sind auch noch dabei. Selbst wenn dieser Coup gelingen sollte, bliebe immer noch das Abschneiden in der Liga als der eigentliche Index für die Entwicklung. Da sieht es momentan trübe aus. Aber am Samstag gegen Everton könnte schon ein anderes Arsenal zu sehen sein.

Geschrieben von marxelinho am 01. Februar 2018.

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28. Januar 2018

Matchplanmatch

Drei Spiele, zwei Punkte, ein Tor. Das ist die ernüchternde Zwischenbilanz von Hertha BSC für die bisherige Rückrunde. Von den positiven Ansätzen im Dezember ist bis auf auf tolles Solo von Lazaro gestern in Bremen nicht viel geblieben. Vor allem gegen Teams, von denen man sich eigentlich positiv abgrenzen könnte, tut Hertha sich sehr schwer.

In Bremen gab es angeblich einen Matchplan, jedenfalls plauderte Pal Dardai ihn vor dem Spiel munter aus. Zwanzig Minuten hoch und mutig pressen - vermutlich war der Hintergedanke dabei, ein frühes Tor zu erzielen und Bremen dann kommen zu lassen. Bremen kam aber von der ersten Minute an mit einem Matchplan, auf den Pal Dardai & Co kein Copyright haben können, weil es dabei ja eigentlich nicht um Raketenwissenschaft geht, sondern um eine einfache Frage: Wer will das Spiel?

Hertha wollte es jedenfalls in der ersten Halbzeit nicht, und in der zweiten Halbzeit dann auch nur unter Vorbehalt. Die Passivität vor der Pause hatte beinahe etwas von einer Hypnose. Man hatte den Eindruck (ich war nicht live dabei), man hätte da alles Mögliche reinrufen können, es hätte nicht gewirkt. Erst in der Kabine konnte Pal Dardai mit dem Finger schnippen: Hallo, aufwachen.

Schon oft hat sich die Mannschaft von ganz normalem Pressing völlig aus dem Spiel nehmen lassen. Gegen Gladbach in der Hinrunde gab es in so einer Situation drei Gegentore, gegen Wolfsburg eine chaotische erste Halbzeit. Gegen Bremen stand immerhin die Null. Aber die Versuche, sich zu befreien und irgendetwas mit dem Spiel anzufangen, blieben äußerst dürftig. Dabei fiel auch niemand auf: alle waren gleichermaßen zaghaft und mit dem Reagieren vollauf beansprucht.

Da der Bremer Matchplan auch nicht aufging (hohes Pressing ohne Torerfolg wird irgendwann riskant), bekam Hertha in Halbzeit zwei ein paar Zehen in die Tür. Wie sehr die Mannschaft aber mit ihrer Ratlosigkeit haderte, konnte man an Davie Selke sehen, der zunehmend desparater auf Einzelaktionen im Niemandsland verfiel (einen dubiosen Freistoß, den er dabei herausholte, setzte Lazaro kraftlos in die Mauer), und sich dann eine der unnötigsten Verwarnungen aller Zeiten abholte. Man musste tatsächlich einen Ausschluss befürchten, er machte dann auch Ibisevic Platz.

Das Problem, das nun leider tatsächlich schon wieder eines ist (wir haben alle im Kopf: die Rückrundenbilanzen der letzten Jahre, die vielen schwachen ersten Halbzeiten unter Pal Dardai), hat allem Anschein nach eine mentale Ebene, die aber auch etwas mit der inneren Hierarchie in der Mannschaft zu tun haben wird. Niklas Stark ist ein Innenverteidiger mit einigem Potential in den klassischen Aufgabenbereichen (Lufthoheit bei Standards, Blocken), aber seine spieleröffnenden Pässe sind so schwach, dass man sich damit einmal beschäftigen sollte (muss ja nicht gleich ein Hummels aus ihm werden).

Torunarigha hat seine Verlegenheit bei Ballbesitz auch gestenreich erkennbar gemacht - was natürlich auch niemandem hilft. Von Torunarigha wird man mehr Souveränität noch nicht erwarten, von Niklas Stark vielleicht doch schon ein bisschen, oder auch er von sich selbst, wenn er mehr werden will als ein durchschnittlicher Ligacrack in einer unterdefinierten Mannschaft.

In der Vorbereitung hat Hertha ab und zu eine Fünferkette bei spieleröffnendem Ballbesitz probiert, mit einem zentralen Quarterback und an die Mittellinie vorgerückten Außendeckern. Bremen sorgte gestern dafür, dass die Mannschaft sich das nicht zutraute. Bleibt also die Frage, wie man in einer Situation die Initiative zurückgewinnt, in der ein Gegner das Spiel macht, das man selber machen möchte - Hertha wurde von Bremen ausgepresst, Hoffenheim wird ähnlich spielen.

Pal Dardai sendet vielleicht ein wenig zu viele gemischte Signale aus. Seine Rhetorik (er will drei Punkte, notfalls dreckig) widerspricht seiner allgemeineren Erzählung vom Ausbildungsjahr. Hertha täte gut daran, sich mit konkreten Erwartungen aus einzelnen Spielen zurückzuhalten. Stattdessen könnte man den Ganzjahresanspruch konsequenter ernst nehmen: Ein Spiel ist dann gut, wenn es erkennen lässt, wohin die Mannschaft gehen will. Vor allem vor diesem Hintergrund war das Spiel in Bremen eine Enttäuschung.




Geschrieben von marxelinho am 28. Januar 2018.

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26. Januar 2018

Ein Foto bei Gelegenheit

Zum Leben eines Fans gehören auch die "photo opportunities". Manche sammeln Selfies mit Stars, ich mache das nur selten, weil ich selten Selbstbildnisse mache. Einmal habe ich in Amsterdam auf dem Flughafen Rivaldo gesehen, der auf einer Fahrtreppe an mir vorbeifuhr. Ich hätte ihm nachlaufen sollen, denn er ist für mich ein Fußballgott, und er wirkte auch wie einer - eine imposante Erscheinung, die gerade deswegen ein wenig surreal daherkam, weil ich seine Beine nicht sehen konnte. Er wurde an mir vorbeigeschoben wie eine Statue.

Im Sommer 2006 war ich gerade in der Stadt unterwegs, als ich eine Textnachricht von meiner damaligen Lebensgefährtin bekam. "Arsene Wenger in Galeries Lafayettes! Get going!" Damals hatte ich noch eine sehr hohe Meinung von dem Trainer von Arsenal, der wegen der WM in Deutschland war (es war der Sommer des Sommermärchens). Ich tat mein Bestes, um so schnell wie möglich aus Kreuzberg in die Friedrichstraße zu kommen (zwischendurch kamen weitere Nachrichten: "He's in shorts. His legs are so thin - amazing", "I think he's buying underwear" - meine Lebensgefährtin, eine gebürtige Kanadierin, teilte damals meinen Premier League-Fimmel, achtete aber auch auf andere Dinge).

Mit Arsene Wenger hätte ich damals sehr gern ein Foto gemacht, aber ich kam zu spät. Heute würde ich mich dafür eher genieren. Ich erzähle das alles, weil ich am Donnerstag im Martin Gropius-Bau ein Foto mit Salomon Kalou gemacht habe. Eine befreundete Kollegin vom tip hat das für mich erledigt. Die Gelegenheit ergab sich am Rande einer Veranstaltung, in der Kalou über sein Leben sprach - es war einer dieser typischen Motivationstalks, bei denen es nicht so sehr darauf ankommt, was genau gesagt, sondern wie es herüberkommt.

Und Salomon Kalou hat da eine sehr gute Figur gemacht. Ich wäre wohl gar nicht hingegangen, wenn er mir nicht zuletzt zunehmend zu imponieren begonnen hätte - als Spieler in der Mannschaft, als Führungsfigur, die kein großes Aufhebens von sich macht. Im Gropius-Bau sprach er einfach und überzeugend von seinen Erfahrungen in der Kindheit in Afrika und bei den verschiedenen Stationen als Fußballer in Europa.

Als ihn dann jemand fragte, auf welcher Station seines Karriere er sich am besten gefühlt hätte, nannte er Hertha BSC und Berlin, und es klang auch deswegen überzeugend, weil er dafür einen einfachen Grund nannte (immerhin hat er mit dem FC Chelsea die Champions League gewonnen, konnte also auch andere Momente anführen): Der Salomon Kalou, der derzeit in Berlin (und heute Abend in Bremen) zu sehen ist, ist im besten Sinne gereift. Er weiß mehr über das Leben, über den Fußball und über die Welt.

Und das sieht man auch seinem Spiel an, das natürlich, wie das der ganzen Mannschaft, "in Ausbildung" ist, das aber insgesamt im besten Sinne vorbildlich ist. Es zählt zu den Verdiensten von Pal Dardai, dass er Kalou in Berlin eine Perspektive geboten hat, die ihn auch persönlich sehr zu befriedigen scheint. Als ich ihn da so sprechen sah im Gropius-Bau, da war ich stolz, dass Salomon Kalou in Berlin und für Hertha spielt. Stolz, wie halt ein Fan manchmal stolz ist - wir tun ja nichts dazu, außer ein wenig Energie, und zwar am liebsten positive. Mir kommt vor, man kann ein wenig von all dem auf dem Foto sehen.



MGB Perspektive: Wie ich wurde, was ich bin (Veranstaltungsreihe)

Geschrieben von marxelinho am 26. Januar 2018.

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Natalie Keil (am 29. Januar 2018)

Amor! <3 Alles gesagt.
24. Januar 2018

Daumenkino

Trefferanatomie (2): Davie Selke, 1:0 gegen den BVB, 19.1.2018

Wenn es eine Blau(weiß)pause für eine spielende Hertha in dieser Rückrunde braucht, dann würde dieser Treffer schon ganz gut passen: Gleich nach der Pause, nach einer ersten Halbzeit, an deren Ausgang schon zwei interessante Situationen über rechts zustandegekommen waren, bringt Davie Selke Hertha nach einer Kombination über 12 Stationen in Führung. Ein Tor, an dem fast die ganze Mannschaft beteiligt war.

12 Sekunden nach dem Anstoß bekommt Skjelbred nach einer ungenauen Kombination des BVB den Ball. Er legt zurück zu Lustenberger, dem nicht viel anderes übrigbleibt, als den Ball nach vor zu schlagen. Weigl bringt auch nicht mehr zuwege als einen Rebound, der kommt zu Stark, und wieder geht es in die andere Richtung, nun aber mit einem entscheidenden Unterschied: Duda, nebenbei immer so etwas wie der Manndecker von Weigl in diesem Spiel, steht besser zum Ball und legt ihn gut und kurz zurück zu Skjelbred, der nun einen offensiven Pass spielen kann.

Er öffnet das Spiel nach links, bezieht Kalou ein, der zieht ein paar Gegner auf sich, spielt zurück zu Skjelbred, der nun mit ein paar schnellen Schritten entscheidenden Raum gewinnt, nur ein paar Meter, und er spielt dann auch einen Querpass zu Maier, der nun die Möglichkeit zu einer Seitenverlagerung hat. Noch ist weiterhin nichts gefährlich, wir sind im Mittelfeld, allerdings schon in der Hälfte des BVB. Maier spielt hinaus zu Weiser, der tauscht den Ball einmal mit Lazaro, und mit einer geschickten Ballmitnahme (gar nicht ohne bei dem holprigen Boden im Oly an diesem Abend) ist Lazaro plötzlich rechts draußen vertikal unterwegs.

Ondrej Duda, der am Anfang der ganzen Bewegung stand, wartet nun in idealer Position auf den Doppelpass, und Lazaro bekommt den Ball so perfekt zurück, dass er einen höchst wirksamen Flachpass an den Fünfmeterraum spielt (kurz vor der Pause hatten Maier und Lazaro in vergleichbarer Position noch keinen sinnvollen Ball zustandegebracht). Im Zentrum lässt Selke sich gerade so weit nach außen abdriften, dass er den Ball mustergültig gegen die Laufrichtung verwerten kann (Sokratis kommt nicht an den Ball, obwohl er ihn fast hautnah vorbeiflitzen spüren kann).

Wer war nicht involviert? Nur Thomas Kraft und Marvin Plattenhardt. Sicher war der BVB noch nicht ganz wach in diesem Moment, aber  vermutlich war es gerade die latente Trägheit der ganzen Aktion, die allerdings von perfekten Beschleunigungen geprägt war, die dafür sorgten, dass das alles so gelingen konnte. Eine Teamaktion, die man sich am liebsten als Daumenkino ausdrucken würde. Fußball ist Inspiration mit 24 Entscheidungen in der Sekunde, hat schon Godard ganz richtig gesagt. Mein Mann der Aktion ist Per-Ciljan Skjelbred, der hier idealtypisch zeigt, wie ein Sechserachter (zu dem er erst durch Arne Maier geworden ist) das Spiel zugleich zusammennäht und auftrennt.

Geschrieben von marxelinho am 24. Januar 2018.

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21. Januar 2018

Teilen und Tauschen

Ziemlich furios hat Arsenal gestern Crystal Palace abserviert. Nach 23 Minuten stand es 4:0, hinten hinaus gab es dann noch einen Gegentreffer. An der Situation ändert sich nicht viel. Platz 6 am Ende der Spitzengruppe und außerhalb der europäischen Ränge wird Arsenal nicht so schnell los werden.

Es war das erste Spiel nach Alexis Sanchez, dessen Wechsel zu Manchester United inzwischen als fix gilt - und zwar in Form eines Gegenschäfts: An seiner Stelle soll Henrikh Mkhitaryan zu Arsenal kommen - einer meiner absoluten Lieblingsspieler. Ein interessantes Manöver, das vor allem die Frage aufwirft, was es mit Mesut Özil zu tun hat.

Die Aufstellung gegen Palace enthielt vielleicht einen Teil einer möglichen Antwort. Die Rückkehr von Monreal veranlasste Arsene Wenger dazu, zu einer Viererkette zurückzukehren, mit Mustafi und Koscielny zentral und Bellerin rechts. Im Mittelfeld nahm er Elneny dazu, sodass Xhaka ein wenig offensiver positioniert war, vor allem aber bekam Jack Wilshere dadurch eine sehr zentrale Rolle in einem 4-2-4, mit Özil eher auf rechts, und Iwobi links, sowie Lacazette als Mittelstürmer.

De facto ergab das ein extrem bewegliches Quartett, das durch den dynamischen Monreal links zusätzlich unter Strom gesetzt wurde. Das vierte Tor gehört zu den Sternstunden aller Arsenal-Mannschaften: ein kühner Vertikalpass von Wilshere auf Özil im mittigen Strafraum, der legt mit der Sohle nach hinten ab (das, was wir in Österreich meistens Fersler nennen, ist oft ein unterer Vorderfußer, wenn ich nicht falsch sehe), und Lacazette steht ideal für einen unhaltbaren Flachschuss.

Die Spielfreude, die in diesen Szenen zu erkennen war, wird veredelt durch einen fast schon mönchischen Ernst, mit dem Mesut Özil am Werk ist. Er freut sich auch, wenn etwas gelingt, und war über diese eine spezielle Vorlage sichtlich stolz, aber er freut sich meistens eher ruhig, bei den Jubeltrauben ist er nun immer der letzte, der das Siegel der Gemeinschaft auf seine immer interessanter werdende Weise verwaltet.

Lange dachte auch ich, dass er seine Zukunft und seinen Status in einem Zusammenhang mit Sanchez sieht, dass also gewissermaßen die beiden Alphaspieler einander wechselseitig den Alphastatus des Clubs garantieren, und dass entsprechend beide gemeinsam die Konsequenzen ziehen würden, wenn dieser Status nicht mehr ausreichend gegeben ist. Das ist nun aber schon lange der Fall. Und doch sieht es momentan so aus, als könnte Özil vielleicht bei Arsenal verlängern - dass er mit Mkhitaryan (gestern vertreten durch Iwobi) etwas Besonderes ergeben könnte, ist klar.

Ebenso wichtig war aber in den letzten Wochen das Comeback von Jack Wilshere, der eigentlich schon zum Ausgedinge zu zählen schien, der als verletzungsanfälliges, ewiges Talent erscheinen musste, und der nun von Spiel zu Spiel mehr seine Qualitäten zeigt: Dynamik mit dem Ball, robuste Raumkontrolle im Zentrum, "blindes" Kombinationsverständnis.

Es gibt keinen Grund, daraus mehr zu machen als eine Momentaufnahme. Mit der Verpflichtung des jungen griechischen Verteidigers Konstantinos Mavropanos korrigiert Wenger immerhin auch die Tatsache, dass er zuletzt viermal in diesem Bereich jedenfalls nicht befriedigend richtig gelegen war (Chambers, Gabriel Paulista, Mustafi und Holding haben allesamt eher nicht avanciertes CL-Niveau, nicht dass Arsenal insgesamt derzeit etwas damit zu tun hätte).

Bleibt als abschließende Frage für heute: Braucht Arsenal Aubameyang? Ich meine: nein. Es geht bei diesem Transfer eher darum, einen halbwegs großen Namen mit einem Club zu verbinden, der inzwischen Schwierigkeiten hat, in dieser Preisklasse mitzumischen. Und vermutlich müssen wir die Einwilligung in das Tauschgeschäft Sanchez-Mkhitaryan auch so verstehen, dass die Aussichten auf eine Verpflichtung von Thomas Lemar verschwindend gering sind.

Immerhin hat der Sieg gegen Crystal Palace gezeigt, dass das Momentum zu Beginn der dichten vier Monate, die nun bevorstehen, gar nicht so schlecht ist. Wenn jetzt Mesut Özil noch den Vertrag verlängern würde, dann wären mit einem Schlag viele Klarheiten geschaffen, und Arsenal könnte selbst mit seinem legendären, der Gegenwart schon ein bisschen entrückten Trainer noch einiges zustandebringen.

Geschrieben von marxelinho am 21. Januar 2018.

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20. Januar 2018

Startelf und Stammelf

An den Auswechslungen kann man meistens ganz gut erkennen, was eine Mannschaft (und ihr Betreuer) von einem Spiel noch will. Gestern im Heimspiel gegen den BVB war das allerdings gar nicht so klar. Es stand 1:1, eine Viertelstunde war noch zu spielen, da kam Leckie für Duda, und der Slowake schien selbst nicht ganz zu wissen, ob er das Feld gemächlich oder in einer Stimmung der Dringlichkeit verlassen sollte. Ein paar Minuten folgte das gleiche Procedere mit Darida für Kalou, was man dann immerhin schon als einen eher defensiven Wechsel sehen konnte - oder als Vorgriff auf eine neue Jobbeschreibung für Darida, von dem ja erst einmal deutlich werden muss, wo der denn im Mittelfeld künftig hingehören könnte.

Es blieb dann beim 1:1. Hertha hatte hinten hinaus sogar noch Glück, hätte aber insgesamt mit ein bisschen Geschick auch gewinnen können. Der BVB ist in seiner derzeitigen Verfassung keineswegs ein übermächtiger Gegner. Hertha wiederum hat seinem Selbstverständnis als Ausbildungsverein in einer beständigen Übergangsphase eine gewisse Ehre gemacht.

Die größte Ausbildungsanstrengung galt in diesem Fall Ondrej Duda. Er sollte an die Stammelf herangeführt werden, indem er einen Platz in der Startelf bekam. In mancherlei Hinsicht wurde Duda zum Mann des Abends, leider nicht nur in wünschenswerter. Dass er vor dem Gegentor einen haarsträubenden Pass spielte, sorgte sicher für Verwirrung, aber da gab es noch genug Chancen, zu intervenieren; dass er einen möglichen Treffer von Kalou verhinderte, indem er aus Abseitsposition noch eingriff, mag man der Übermotivation eines hochbegabten Ergänzungsspielers zuschreiben.

Grund zum Hader gab Duda vor allem, weil er in interessanten Momenten das Spiel langsam machte. Hertha hatte gegen den BVB viele Räume, und es gelang auch immer wieder, mit klugen Verlagerungen, manchmal auch mit technischen Finessen, den Raum sogar noch vielversprechend zu öffnen. Mehrfach war es dann Duda, der in einer spannenden vertikalen Bewegung auf den Ball stieg, anstatt - wie es seine Aufgabe als Einfädler wäre - den richtigen Moment für den Ball in den Lauf des armen Selke zu finden. Der Mittelstürmer war wie schon gegen Stuttgart nicht perfekt integriert, es fehlte im Offensivspiel an wechselseitigem Verständnis. Es gab aber auch viele Anzeichen für kreative Kompetenz. Sie wurde nur durch die Zerstreutheiten behindert, die schon von hinten heraus zum Spiel von Hertha gehören (im Tennis spricht man von unforced errors - Hertha macht viele unerzwungene Fehler).

Pal Dardai verzichtete schließlich auf eine dritte Einwechslung, es gab dieses Mal also keinen Trostpreis für den Kapitän, von dem wir nun hoffen müssen, dass er dieses Signal nicht persönlich nimmt. Es war nämlich wohl doch vor allem eines an die Mannschaft: mit dem einen Punkt war Pal Dardai letztlich zufrieden. Ich war es auch, wir mussten es wohl sein, weil Dortmund zum Ende hin dem Sieg doch deutlich näher war - die Situation mit Yarmolenko in der Nachspielzeit werde ich, wie so vieles andere, in der Konserve noch begutachten.

Auf dem Foto sieht man die Wolke, die aus dem BVB-Block just in der Phase kam, in der Hertha gleich nach der Pause durch Selke in Führung ging. Der Nebel waberte dann fast zehn Minuten lang über eine Drangperiode der Borussen, bis sich diese und die Sichtbehinderung wieder legte. Die Spielkontrolle aus der (naturgemäß weniger spannenden) ersten Halbzeit aber gewann Hertha nicht mehr zurück.


Geschrieben von marxelinho am 20. Januar 2018.

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