15. September 2019

Schlechte Erfahrungswerte

Sandro Schwarz hat gestern nach dem 2:1 von Mainz 05 gegen Hertha BSC ein paar einfache Worte gefunden: "Wir haben ein umkämpftes Spiel auf unsere Seite gezogen. Damit haben wir einen Erfahrungswert geschaffen." Zum Ergebnis zählt auch, dass Hertha nun - nach vier Spieltagen - am Ende der Tabelle steht. Wichtiger ist aber vielleicht: die Mannschaft hat einen Erfahrungswert bestätigt.

Und dieser reicht tief in die Ära von Pal Dardai zurück. Er besteht im wesentlichen darin, dass mit einer abwartenden ersten Halbzeit eine Grundlage dafür geschaffen wird, dass am Ende schon ein Remis irgendwie als Erfolg wirken kann. Und eine Niederlage wie die gestern immerhin als unglücklich erscheinen mag.

Sie war aber programmiert. Denn nach den zwei Niederlagen, die auf das Remis in München folgten, stellte Ante Covic die Mannschaft gegen die davor erfolgloseste Mannschaft in der neuen Saison so ein, als müsste sie sich mit einer Außenseitertaktik zum Erfolg mogeln. Auf den ersten Blick mag das ja plausibel sein: Mainz den Ball überlassen, eine Mannschaft, die auch unter Druck steht, spielen lassen, um ihr durch Konter die Luft auszulassen. Es hätte natürlich aufgehen können, aber wir kennen diesen Matchplan aus den letzten fünf Jahren zur Genüge, und er ging, zumal gegen vermeintlich schwächere Gegner, sehr häufig nicht auf.

Jordan Torunarigha ließ sich kurz vor der Pause aus der Fünferkette locken, verlor einen Kopfball, und damit kam Mainz zu einem Spielzug, den Marius Wolf auf der anderen Seite milde interessiert beobachtete. Dass er längst dessen Teil war, fiel ihm dann im Interview nach dem Spiel immerhin auf, wenn auch eher eindimensional: "Klar, das war mein Mann." Das träfe zu, wenn Fußball aus Paarlaufen bestünde. Er hätte besser von einem auch bei ihm feststellbaren umfassenderen Mangel an Konzentration gesprochen.

Der hat aber wohl mit der abwartenden Einstellung zu tun. Bei einer Fünferkette gibt es ja tendenziell eine defensive Überzahl, aus der man sich gelegentlich auch geistig abmelden kann, ohne dass es groß auffällt. Bis dann eben ein Tor fällt. Mainz hatte schon davor gefährliche Möglichkeiten.

Die Rhetorik, dass Hertha die besseren Chancen hatte, wäre also zu relativieren. Der Coach brauchte in der zweiten Halbzeit lang, um endlich auf eine naheliegende Alternative zu kommen: Mehr Ballbesitz verstand sich von selbst, zu einer gelungenen Vielfalt brauchte es aber Wege über die Flügel. Covic wollte aber hinten sehr lange keinen opfern, und brachte zuerst Kalou (wirkungslos) und zu spät Dilrosun (Flanke auf Grujic zum Ausgleich).

Covic überrascht mich bei den Interviews immer wieder mit einem interessanten Blick auf das Spiel. Er scheint manche Probleme durchaus richtig zu sehen, so wies er ausdrücklich auf die Szene vor dem schließlich entscheidenden Eckball hin, in der auch ich eine Schläfrigkeit von Plattenhardt beanstanden würde - das würde ich mir aber gern noch einmal philologisch ansehen.

Der Coach hat nun aber schon beträchtliche Schwierigkeiten, aus dem großen Kader etwas herauszuholen. Gestern war die Formation für meine Begriffe von Beginn an verkehrt, auch deswegen, weil Plattenhardt und Wolf nicht die Fußballer sind, die mit der Doppelrolle, die sie in der Fünferkette spielen müssen, zurechtkommen. Ein 4-4-2 oder noch besser ein 4-2-3-1 mit mehr Initiative von Beginn an und mit Selke in der Mitte wäre viel angemessener gewesen.

Niklas Stark ist zwar Nationalspieler, seine Form ist aber durchaus dazu angetan, ihn neben Rekik auf die Bank zu setzen. Boyata hatte zumindest einige Andeutungen von Autorität und auch Ansätze in der Spieleröffnung. Für ein vertikaleres Spiel fehlen aber auch deswegen die Möglichkeiten, weil Hertha hartnäckig wenig läuft. Auch das setzt sich seit Pal Dardai bruchlos fort. Und Ante Covic, der sich eigentlich von seinem verdienstvollen, aber schließlich zu limitierten Vorgänger absetzen wollte, beginnt, dessen Mittel zu kopieren.

Damit hat Hertha schon nach vier Spielen eine seltsame Trainerdiskussion: nicht wenige meinen, mit Dardai wäre alles besser geblieben. Das ist Unsinn. Hertha musste etwas Neues probieren, aber Ante Covic hat gestern das eine Spiel, das er vielleicht nur für einen Beweis von Eigenständigkeit und Innovation hatte, für eine schlechte Übung in Herkömmlichkeit genützt. Also nicht genützt.

PS Der teuerste Neuzugang, Dodi Lukebakio, stellt uns alle vor ein Rätsel: Was soll man mit ihm tun? Zwei Spiele hat er nun eine Ballbehandlung gezeigt, die ihn als Zielspieler unbrauchbar macht. Zudem ist unklar, ob er für einen kombinierenden Fußball wirklich geeignet ist. Es wäre eine traurige Ironie, wenn der für meine Begriffe gute Kaderplaner Michael Preetz mit den ersten zwanzig von den schäbigen Tennor-Millionen einen Fehleinkauf getätigt hätte.

Geschrieben von marxelinho am 15. September 2019.

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01. September 2019

Wandernemesis

Gestern Abend nach der Niederlage von Hertha in Gelsenkirchen und dem Sieg von Union gegen den BVB (für Schalke quasi auch noch ein indirekter Derbyerfolg) dämmerte mir für einen Moment, dass diese Saison auch das Potential für eine riesengroße Blamage enthält: Nicht auszudenken (aber es gehört nun einmal zu unserem Verhältnis zur Zukunft, uns auch solche Sachen auszudenken), wenn Hertha am Ende hinter Union stünde, oder (wenn schon, dann den haarsträubenden Gedanken auch zum fatalen Ende denken) wenn Hertha gar den Platz des vermeintlichen Fixabsteigers aus Köpenick einnehmen würde.

So weit sind wir natürlich noch lange nicht, und es besteht noch nicht einmal Grund, eine Trainerdebatte auszurufen - obwohl man auch da gestern das Gefühl haben konnte, dass es mit Ante Covic unter Umständen ganz schnell gehen könnte. Die morbiden Gedankenspiele hatten im wesentlichen ein Motiv: Dodi Lukebakio, den teuersten Neuzugang, den es bei Hertha jemals gab.

Im Vorjahr spielte er bei Fortuna Düsseldorf unter Friedhelm Funkel. Zweimal ließ Hertha sich von Funkel blamieren, stand schließlich in der Tabelle hinter dem designierten Absteiger aus Düsseldorf, und sah zweimal dämlich aus gegen einen Coach, der vor Jahren hilflos für Hertha eine Abstiegssaison mit Europacupreisen abmoderiert hatte.

Womit wir beim Spiel gegen Schalke gestern wären. Hertha verlor verdient (und peinlich) mit 0:3. Und zwar, ich spitze zu, weil Ante Covic sich von dem Königstransfer Lukebakio dazu verführen ließ, mit einer Funkel-Taktik anzutreten. Eigentlich hatte er ja den ganzen Sommer hindurch erzählt, dass er an einer anderen Hertha arbeitete: einer Ballbesitzmannschaft, die ein Spiel gestalten kann.

Nirgendwo sonst wäre ein solches Vorgehen näher gelegen als auf Schalke - bei einer Mannschaft, die seit gefühlten Ewigkeiten daheim nicht gewonnen hatte. Aber Hertha wollte lieber den kleinen Upset von München neulich wiederholen - gegen eine Mannschaft, die dadurch erst stark wurde. Schalke bekam mit jeder Minute mehr vom Ball, fand Gefallen an einer zu diesem Zeitpunkt noch wirkungslosen Dominanz, während Lukebakio ab und zu mit Bällen gefüttert wurde, die ihm nicht schmeckten.

Dass Herthas Defensive einen Hang ins Kabarettistische hat, wissen wir schon lange. Gestern fielen die beiden entscheidenden Tore kurz vor und kurz nach der Pause - im ersten Fall war es ein Kumulationseffekt: Hertha hatte Schalke solange das Spiel überlassen, bis der Gegner keine andere Möglichkeit mehr sah, als es zu übernehmen. Den entscheidenden Fuß hatte dabei wieder einmal Caligiuri im Spiel, die alte Wander-Nemesis.

Das vorentscheidende zweite dann gleich nach der Pause hatte zwei Facetten. Erstens eine jämmerliche Flanke von Marvin Plattenhardt (eine von zahlreichen unzureichenden "Hereingaben", beginnend mit einem grotesken Eckball von Lukebakio, aber auch Mittelstädt bekam in den Trinkpausen sicher kein Zielwasser). Zweitens einen weit aufgerückten Niklas Stark, der eine Art Parodie des Zweikampfs zeigte, mit dem David Luiz vor einer Woche in Liverpool sich gegen Mo Salah lächerlich machte.

Das war dann ein Faktor Naivität nach einer Halbzeit mit einer halb aufgegangenen halbgaren Taktik. Hertha kennt sich ja damit aus, erste Halbzeiten herzuschenken, und Comebacks kennt sie allenfalls aus den Rocky-Filmen. Verloren wurde das Spiel gestern letztendlich im Mittelfeld. Die Laufwege von Marco Grujic hatten etwas von einem Oberschiedsrichter, der immer nach der besten Beobachterposition am Rande des Getümmels sucht. Darida ist emsig, aber ist er ein guter Fußballer? Arne Maier ist jedenfalls ein besserer. Er fehlt sehr.

In zwei Wochen beginnnt die Saison zum zweiten Mal - für Hertha mit einem Kellerduell gegen Mainz. Wenn dort wieder alles auf den gestern fußtauben Ballmagneten am rechten Flügel ausgerichtet wird, werde ich mich schon mal diskret nach der Nummer von Otto Rehhagel umhören.

Geschrieben von marxelinho am 01. September 2019.

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26. August 2019

Die Macht der Gefühle

"Man hat sich das anders vorgestellt." Hertha BSC hat gestern das erste Heimspiel der Saison gegen den VfL Wolfsburg mit 0:3 verloren. Und Ante Covic hat in der ganz kurzen Pressekonferenz nach dem Spiel genau die richtigen Worte gefunden. Er sprach von Balance und von Gefühlswelten.

Er hätte auch sagen können: Gefühlswalten. Das Spiel hatte einen hektischen Beginn mit zwei Elfmeterszenen in den ersten zehn Minuten. Der erste, für Hertha, wurde zurückgenommen, der zweite, für Wolfsburg, wurde nicht überprüft, und wurde ausgeführt. In beiden Fällen gibt es bei ruhiger Betrachtung keine Einwände.

Ins Stadion allerdings gehen die Wenigsten wegen ruhiger Betrachtung. Das Publikum war aufgebracht. Zudem stand Schiedsrichter Winkmann nach der ersten Szene ungewöhnlich lange an der Seitenlinie. Ungewöhnlich nicht zuletzt angesichts einer Szene, die doch rasch zu durchschauen war. Fast schon hatte man das Gefühl, er genieße das Pfeifkonzert.

Weil es ein heißer Sonntag war, gab es zwei Trinkpausen, damit ein Match, das aus vier Vierteln statt aus zwei Halbzeiten bestand. In der ersten Trinkpause war Vedad Ibisevic dabei zu sehen, wie er immer noch mit dem Linienrichter über die Szene mit Karim Rekik diskutierte. Er war da wohl noch in der Gefühlswelt eines, der sich verschaukelt fühlte. Ob diese Ablenkung in der zweiten Halbzeit auch noch eine Rolle spielte, als er nach einem schönen Pass von Grujic die beste Szene in einem da schon deutlich festgefahrenen Spiel hatte, ist naturwissenschaftlich nicht zu eruieren. Ich unterstelle es einfach einmal.

Ibisevic blieb bis zum Ende auf dem Platz, Selke und Redan kamen noch hinzu, da war die Balance dann natürlich weg. Aber auch da wäre es für den ebenfalls eingewechselten Löwen durchaus möglich gewesen, den defensiven Zweikampf, der sich zwischen Stark und Brekalo abzeichnete, auch auf sich zu beziehen, und mit einem Sprint die Balance in dieser heiklen Szene zu verändern. Löwen hätte ohne Weiteres die Innenseite für Brekalo zulaufen können, eine Andeutung hätte wohl genügt, und Stark wäre von dem Dilemma erlöst gewesen, das ihn allein hilflos aussehen ließ.

Hertha lief keine 111 Kilometer gestern, fünf Kilometer weniger als Wolfsburg, die nach dem frühen Führungstreffer natürlich in erster Linie zuliefen. Der Matchplan von Oliver Glasner sah wohl ungefähr so aus, wie er dann aufging. Glasner kam vom LASK in die Bundesliga. Er war vermutlich die interessanteste (preisgünstige) neue Trainer-Aktie in dieser Bundesliga-Saison. Zumindest die ersten beiden Spiele scheinen das zu bestätigen.

Die paar Meter intensives Laufen, die Löwen vor dem 0:2 nicht für notwendig hielt, sparte sich auch Karim Rekik vor dem vorentscheidenden 0:1. Er machte lieber den Logenbesucher, der interessiert einen Zweikampf von Niklas Stark verfolgte, mal eben noch ohne den Gedanken, er könnte von dessen Ausgang betroffen sein. Gegen Klaus kam er folgerichtig deutlich zu spät.

Den Zuschauern im Olympiastadion könnte auch danach in Halbzeit eins noch das eine oder andere Scheunentor aufgefallen sein, das die Hertha-Defensive weit öffnete - Wolfsburg stand mehrmals mit drei oder vier Offensiven gegen die ungeordneten Zwei von Herthas hoch aufgerückter Innenverteidigung. Das waren Momente fehlender Balance.

Hertha verlor das Spiel aber wohl doch in erster Linie, weil die Gefühlswelten übermächtig waren. Die Mannschaft ließ sich frustrieren. Von Lukebakio kamen haarsträubende Hereingaben. Der Coach wurde auch ungeduldig und sorgte für Personalfülle im Zentrum. Das Publikum führte ein Privatduell mit Wolfsburgs Keeper um jede Sekunde beim Abstoß, und sorgte damit ebenfalls für Unruhe. Das ganze Oly war eine Gefühlswelt, aus der allmählich die Spielfreude entwich, und nach neunzig Minuten war Hertha BSC in der neuen Saison - in deren Alltag, der in München noch nicht begonnen hatte - angekommen.


Geschrieben von marxelinho am 26. August 2019.

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25. August 2019

Klare Sache

Das Spiel kam ein bisschen zu früh für Arsenal - das war verschiedentlich zu lesen nach dem 1:3 im Auswärtsspiel gegen den FC Liverpool gestern. Dritte Runde der Premier League, für viele Arsenal-Fans auch dritte Runde einer neuen Zeitrechnung. Denn der Transfersommer hatte manche ein wenig euphorisch werden lassen. Gegen die Mannschaft von Jürgen Klopp gab es auch das eine oder andere Hoffnungszeichen. Aber insgesamt war die Sache klar.

Im zweiten Jahr unter Unai Emery ist Arsenal von seiner einstigen Identität in Spitzenspielen doch ziemlich weit entfernt. Es hatte phasenweise groteske Züge, wie stark Liverpool zupacken konnte. Teilweise war das fast schon Grundlinienpressing. Der junge Spanier Dani Ceballos, für ein Jahr von Real Madrid ausgeliehen, wurde im Grunde an der Cornerfahne von ein paar Roten gestellt, und spielte in der Not einen Querpass auf den eigenen Elferpunkt, wo Mané nicht scharf genug verwertete.

Bis zu einem gewissen Grad war das extrem hohe Pressing von Liverpool aber auch durch die Taktik von Arsenal gewollt. Emery hatte nominell ein 4-3-3 gewählt, de facto war es ein 5-3-2, weil Guendouzi hinten rechts häufig neben Maitland-Niles gebunden war. Wie der Ball vom eigenen Sechzehner zu den (notabene: schnellen) Spitzen Aubameyang und Pepe kommen konnte, das wurde zwar ein paar Mal vorexerziert. Zu einem Tor reichte es aber nicht.

Kurz vor der Pause traf Matip nach einem Corner per Kopf. Es war eine Strafraumszene, die man gern in Superzeitlupe aus allen Winkeln studieren würde, denn es zeigte perfekt, wie sehr es bei Eckbällen auf Zentimeter ankommt - sowohl in Sachen "delivery", als auch beim Springen und Ringen. Das sind dann wirklich Durchsetzungsszenen, und Liverpool hat mit van Dijk da jemanden, der für Matip auch Raum schafft.

Die entscheidenden Gegentore nach der Pause gehörten David Luiz, neu verpflichtet von Chelsea. Besonders das dritte war für einen erfahrenen Profi eine Blamage, denn sich so nahe an der Mittellinie ohne Rückversicherung so unbedacht in einen Zweilkampf mit Mo Salah zu werfen, zeugt von wenig Verstand.

Dabei war Luiz ja ein entscheidendes Puzzlestück bei den Sommer-Bewegungen. Denn wenn man die Zugänge auf einen Nenner bringen wollte, wird deutlich, dass genau das taktisch Profil von gestern dabei im Hintergrund stand: Arsenal verzichtet auf das Spiel, will nur seine schnelle Frontlinie in gute Positionen bringen. Dafür steht auch Kieran Tierney (noch verletzt, aber so etwas wie ein Kolasinac mit besserem letzten Pass), dafür steht natürlich Rekordtransfer Pepe (gestern mit einer Großchance, bei der er einen anderen Spielverlauf in den Beinen hatte).

Mesut Özil spielt in diesen Plänen derzeit wieder einmal keine Rolle. Er war gestern nicht im Kader. Es sieht danach aus, dass Arsenal ihm deutlich zu verstehen gibt, sich mit dem Kontakt nach Washington seriös zu beschäftigen. Mit Ceballos steht sein Vertreter für diese Saison bereit, der junge Joseph Willock deutete gestern an, dass er ein neuer Ramsey werden könnte.

Bleibt die Frage der defensiven Stabilität. Mit der gestrigen Taktik hat Arsenal immerhin eine Waffe von Liverpool ausgeschaltet: hohe Bälle hinter die letzte Linie waren zuletzt oft gefährlich gewesen, das ging dieses Mal nicht, dazu stand Arsenal zu tief, erst nach dem 0:2 gab es Räume für Salah.

Für meine Begriffe fehlte Arsenal gestern auch ein Leader: Sokratis ist dafür zu einfältig, David Luiz fremdelte sichtlich, und Xhaka, der neue Kapitän, machte sich erst bemerkbar, als es schon 0:3 stand. Klopp hat viel Geld in eine absolute Säule investiert, und neben van Dijk wird nun auch Matip besser, dazu kommt mit Fabinho eine Reihe davor gleich eine weitere Säule. Bei Arsenal fehlt die Staffelung in der Mannschaft. Xhaka hätte da eine große Aufgabe, ich fürchte, auch ihm fehlt da etwas Entscheidendes: als Arsenal-Kapitän halte ich ihn für eine Notlösung. Es hat etwas Beunruhigendes, wie lange er diesen neuralgischen Posten jetzt schon mit genau der Qualität besetzt, die ihn immer wieder vor einem Austausch bewahrt, die aber doch im entscheidendem Bereich mangelhaft ist. Eine Art Niko Kovac (Spieler) auf etwas höherem Niveau.

Nächste Woche geht es jetzt gleich zu Tottenham. Das wird sicher ein offeneres Spiel. Das Rückspiel gegen Liverpool findet dann erst im Mai 2020 statt - in England ist der Spielplan auch ein Spektakel.

Geschrieben von marxelinho am 25. August 2019.

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17. August 2019

Emotionale Erkenntnisse

Dreimal habe ich Hertha jetzt schon in der Allianz-Arena in München gesehen. Gestern Abend war mit Abstand das beste dieser drei Erlebnisse. Mit dem Spiel und dem Ergebnis hat das nur bedingt zu tun, dazu war der Stadion-Effekt einfach zu stark. Für eine konzentrierte Wahrnehmung waren die Bedingungen nicht ideal. Dafür hatte ich eine Fan-Erfahrung par excellence: hoch oben am Rand des Hertha-Blocks, ein Bad in blauweißer Energie, und mit diesem Taktikblick, bei dem das Spiel auf dich zukommt oder sich von dir entfernt.

Beim ersten Mal vor vielen Jahren waren wir eine Stunde lang in der prallen Sonne gesessen und bekamen vom Spiel fast nichts mit. Beim zweiten Mal war ich allein an einem bitterkalten Winternachmittag und sah eine chancenlose Hertha. Gestern erst erlebte ich, was dieses Stadion kann: eine Komprimierung von Leidenschaft, die umso stärker ist, je höher oben man sitzt.

Natürlich habe ich vom Spiel dann doch eine Menge mitbekommen. Im Olympiastadion sitze ich mit Feldherrenblick in der Nähe der Mittellinie. Gestern spielten die Bayern in der der ersten Halbzeit auf unsere Hälfte, wir standen hinter Jarstein, und hinter einer Defensive, die manchmal vor unlösbaren Aufgabe zu stehen schien. Jedenfalls dann, wenn im Mittelfeld der Ball durch einen Hackentrick verloren geht.

Ich habe nachgesehen, und festgestellt, dass der Rasen in Berlin wie in München die gleichen Ausmaße hat: 105 x 68 Meter. Gestern wurde mir klar, wie breit so ein Feld ist. Obwohl Hertha mit einer Art Fünferkette antrat, gab es zahlreiche Koordinationsprobleme, aber auch viele tolle Momente, in denen im letzten Moment ein Tackling gelang.

Man kann wohl sagen, dass Hertha gestern eine strategische Selbstbescheidung gewählt hat: Unter Pal Dardai war vor allem das Auswärtsspiel vor wenigen Monaten ein Versuch, mit kultiviertem Ballbesitzspiel die Sache so weit zu beruhigen, dass ein gepflegter Abtausch von Chancen vielleicht zu einem Erfolg führen könnte. Ante Covic hingegen setzte auf lupenreinen Konterfußball, und ging doch hinten eine Menge Risiko. Denn gerade die linke Defensivseite von Hertha hatte mächtig zu kämpfen.

Das werde ich mir alles in den nächsten Tagen noch einmal in Ruhe ansehen. Wenn der erste Gegner in der Saison die Bayern sind, kann man mit "Erkenntnissen" gern noch ein wenig warten. Das war ein emotionaler Einstieg in die Saison 2019/2012. "Zum Rückspiel kommen wir dann mit Coutinho", texte gestern ein Freund. Ich könnte mir vorstellen, dass Lukas Klünter nach dem gestrigen Abend sich darauf freut.

Geschrieben von marxelinho am 17. August 2019.

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16. August 2019

Vor den Augen der Welt

Dieses Jahr passt es einfach: Auf dem Weg nach Österreich mache ich in München Station, und schaue Hertha live gegen den FC Bayern. Ein besonderes Spiel nicht nur für die beiden Mannschaften, sondern auch für die Liga: denn ein Klassiko in der ersten Runde (also Bayern - Dortmund) würde wenig Sinn machen, während Bayern - Hertha so etwas wie ein denkbarer Klassiko ist. Für die globale Reichweite ist das jedenfalls heute ein bedeutender Moment für "Berlins Fußballclub Nummer eins".

Im Vorjahr kam Bayern genau zum richtigen Zeitpunkt nach Berlin. Und Pal Dardais Hertha hatte noch genügend Schwung aus einer Vorbereitung, in der stark an offensiven Spielzügen gearbeitet wurde - so hatte es den Anschein. Die erste Halbzeit war jedenfalls ein Exempel für eine dynamische, dominante Hertha (mit Maier, mit Mittelstädt, mit Dilrosun, mit Duda). Natürlich kann man nicht immer so spielen, aber es war doch ein wenig rätselhaft, warum später in der Saison so viele lethargische erste Halbzeiten folgten.

Beim Auswärtsspiel wäre Bayern 2019 auch durchaus verwundbar gewesen, aber da war Pal Dardai bereits in dem Sicherheitsmodus, der ihn letztlich den Job gekostet hat. Hertha sollte sich nichts mehr trauen. So wurde es ein uninteressantes Nil-One.

Heute hat Hertha unter den Augen der Weltöffentlichkeit eine spannende Gelegenheit, sich zu präsentieren: Nicht so sehr als das neue Spekulantenvehikel mit den niedrig hängenden Früchten, sondern mit einer Mannschaft, die auf langjähriger, geschickter Kaderplanung beruht. Zur Erinnerung: 2014 kamen für insgesamt weniger als vier Millionen Euro Rune Jarstein, Salomon Kalou, Marvin Plattenhardt und Per-Ciljan Skjelbred. Nur der Keeper ist noch eindeutiger Stammspieler, aber alle vier spielen noch eine Rolle, und sie wurden seither ergänzt durch spannende Leute wie Mittelstädt (einer der Auffälligsten schon wieder im Pokal am vergangenen Wochenende), Maier (für den ich eine schwierige Saison erwarte) oder Dilrosun.

Dazu kommt heute vielleicht schon die auch symbolisch auffälligste aktuelle Verstärkung: Lukebakio, der Mann mit den drei Toren gegen den FC Bayern dahoam. Der wäre nicht dabei, wenn Tennor BV nicht bei Hertha eingestiegen wäre. Nun ist er der neue Königstransfer - er wird in dieser Rolle hoffentlich besser bestehen als Valentin Stocker, der 2014 in dieser Rolle zu Hertha kam, und den ich diese Woche beim FC Basel wiedergesehen habe. Er schied in der CL-Qualifikation gegen den LASK aus Linz aus, der Stadt, in der ich aufs Gymnasium ging.

Michael Preetz und Ingo Schiller haben diese Woche der SZ ein Interview gegeben, das ein interessantes Detail enthielt: es klang relativ deutlich durch, dass der Deal mit Windhorst ein wenig unter Zeitdruck zustandekam, weil die Millionen noch in die Bilanz per Ende Juni mussten, die dann auf der Mitgliederversammlung im Herbst präsentiert werden wird.

Die etwas merkwürdigen Umstände der Bekanntgabe des Deals wären damit ein bisschen besser verständlich. Bis heute hat man übrigens nicht den Eindruck, dass Hertha und Windhorst gut abgestimmt kommunizieren. Der Investor ließ es zu, dass sehr früh das Ausstiegsszenario eines Börsengangs in Umlauf kam - was nicht im Sinn des Vereins sein kann, denn das würde ja nichts anderes bedeuten als einen Handel von Vereinsanteilen, auf den Hertha keinen Einfluss mehr haben kann. Da wäre dann schnell klar, dass an einem 50+1 auch für die KGaA durchaus gelegen sein müsste.

Na ja. Das sind langfristige Sachen. Heute wird Ante Covic erste Hinweise geben, wie er mit dem umfangreichen Personal zu arbeiten gedenkt: Setzt er weiterhin auf den aktuell auch formstarken Kapitän, oder agiert er flexibel und zieht gegen den starken Gegner den unberechenbareren Selke vor? Bringt er Lukebakio von Beginn an? Folgende erste Elf wird es wohl werden: Jarstein. Mittelstädt/Torunarigha - Rekik - Stark - Klünter. Grujic - Darida - Duda. Lukebakio - Ibisevic - Kalou.

Geschrieben von marxelinho am 16. August 2019.

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10. August 2019

Unsere Stadt - unser Verein

Die Sommerpause ist überstanden. Die Zeit, in der ich als Ersatzhandlung deutlich öfter als gewöhnlich meinen Twitter-Feed konsultiert habe, ist zu Ende. Morgen wird wieder Fußball gespielt, unter Wettbewerbsbedingungen und mit Formationen, die nicht wie seltsame Mischungen aus Zweibesetzungsexperimenten und Drittbesetzungserprobungen aussehen.

Hertha beginnt die Saison 2019/2020 unter neuen Vorzeichen: der Teilverkauf von Anteilen der KGaA an eine Investment-Firma hat die finanzielle Situation deutlich entspannt. Ich habe negativ auf diesen Einstieg reagiert, und will noch einmal kurz die Gründe erläutern. Mit der Person von Lars Windhorst haben sie nur am Rande zu tun.

Meiner Meinung nach befindet sich der globale Kapitalismus gerade in einer entscheidenden Phase. Das entfesselte Geld hat (und das meine ich jetzt nicht bildhaft) den ganzen Globus als Geisel genommen. Wenn es nicht gelingt, die weltweit brutal durchgesetzten Profitinteressen einzuhegen, werden wir bald wieder die Feudalbedingungen haben, die unter vielen Schmerzen zumindest in Europa so halbwegs überwunden wurden.

Vor diesem Hintergrund gibt es nur zwei Formen von Investments: solche, die sich dieser Lage bewusst  sind, und die sich an den beiden entscheidenden Kriterien Gerechtigkeit und Naturschutz orientieren, und alle anderen, denen es einfach um Rendite geht, koste es, was wolle. Tennor gehört, nach allem, was man in Erfahrung bringen kann, in die zweite Kategorie.

Deswegen wäre es mir lieber, Hertha hätte andere Geldgeber gefunden, mit denen man Aspekte wie Innovation und Nachhaltigkeit (oder überhaupt irgendeine Form von sinnvollerer Produktivität als Jachtverlängerung für Abzocker) verbindet. Das ist nicht gelungen, wurde vielleicht auch gar nicht versucht. Das Management stand ja auch unter Druck: ohne Tennor stünde Hertha finanziell ganz schön bedenklich da, wie nebenbei auch deutlich wurde.

Vor diesem Hintergrund kann mann nun positiv festhalten, dass die sportliche Leitung gut mit der veränderten Situation umgegangen ist. Die Verstärkungen sind im Rahmen der mittelfristigen Strategie geblieben. Lukebakio wäre natürlich ohne Tennor nicht finanzierbar gewesen, aber eine negative Transferbilanz von unter zehn Millionen ist angesichts der Beträge, mit denen der Investor eingestiegen ist, nachhaltig. Das ist auch deswegen wichtig, weil Hertha das Image nicht egal sein kann. Wenn man schon durch den Investor als Miniversion eines Oligarchenvereins dasteht, will (oder soll) man nicht auch nicht so auftreten. Das weiß Michael Preetz.

Der Kader ist groß und hat viele spannende Aspekte. Er ist wahrscheinlich sogar zu groß. Es wird viele Härten geben dieses Jahr, und zum Teil könnten sie spannende Spieler betreffen: Arne Maier, Jordan Torunarigha oder Davie Selke. Die Spiele in der Vorbereitung waren allesamt wenig aussagekräftig, deswegen macht es wenig Sinn, hier Prognosen abzugeben oder eine Wunschelf zu nominieren.

Dass mit Ante Covic ein weiterer Coach aus dem eigenen Haus die Verantwortung übernommen hat, begrüße ich vor dem Hintergrund des Investments noch ein bisschen deutlicher. Eine (teurere) Prestige-Personale (David Wagner oder gar Erik ten Hag, die beiden Namen kursierten) war vor Tennor ohnehin nicht darstellbar, jetzt wäre so etwas aber ein Signal, das nur unnötig schlechten Druck machen würde. Ein Talent wie Oliver Glasner hat man sich entgehen lassen, aber auch das hätte viel Unwägbarkeiten mit sich gebracht. Trainerentscheidungen sind im Grunde unberechenbar (Bosz/BVB zum Beispiel), deswegen passt das mit Covic schon. Bewähren muss er sich natürlich, aber darüber können wir erst ab morgen sinnvoll sprechen.

In diesem Sinne: unsere Stadt - unser Verein (und nicht der von Tennor) - Hertha BSC.

Geschrieben von marxelinho am 10. August 2019.

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27. Juli 2019

Premjer-Liha

Im November 2017 traf ich bei einer Veranstaltung am Abend vor dem Europa-League-Spiel zwischen Hertha BSC und Zorya Lugansk auf Igor Kovtun, einen wichtigen Vertreter der Zorya-Ultras. Ich habe damals ein kleines Gespräch mit ihm gefilmt - über sein Team, über die politischen Umstände (Lugansk liegt in den Gebieten der Ukraine, die von russisch unterstützten Separatisten "übernommen" wurden), über die Schwierigkeiten eines Teams vom Rande Europas, sich mit kleinen Budgets durchzuschlagen.

An diesem Wochenende beginnt in der Ukraine in der Premjer-Liha die neue Saison. Zorya spielt gegen Worskla Poltawa, was ganz gut passt, denn Igor lebt seit 2014 in Poltawa, während sein Team im zentralukrainischen Saporoschje eine vorübergehende Heimat gefunden hat, an der sich aber so schnell nichts ändern wird.

Aus diesem aktuellen Anlass habe ich mit Igor in Poltava telefoniert, und er hat mich eine halbe Stunde lang auf den neuesten Stand gebracht: Zorya hat einen neuen Trainer (den in Deutschland gut bekannten Victor Skripnik, in diesem Zusammenhang fällt auch kurz der Name Davie Selke), Ukraine hat einen neuen Präsidenten, und einen neuen Titel: die U20 wurde diesen Sommer Weltmeister.

Über all das und einiges mehr habe ich mit Igor gesprochen - er ist für meine Begriffe ein exzellenter Interpret seines Clubs.

Hier gehts zum Audio

Geschrieben von marxelinho am 27. Juli 2019.

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06. Juli 2019

Kleiner Kreis

Die lange Sommerpause hat ihre eigene Dramaturgie. Seit einigen Tagen trainiert die Mannschaft wieder, der Beginn der neuen Spielzeit ist nun schon näher als das Ende der alten, das Allergröbste an Entzug ist also bald überstanden. Morgen gibt es in Neuruppin sogar schon wieder ein Spiel - ich werde einer der Fans sein.

Zur Einstimmung habe ich mir heute das Vorstellungsvideo mit Ante Covic angesehen. Die Hausberufung des neuen Trainers wurde zu einer Zeit entschieden, als Hertha noch nicht als Club mit der Kohle galt. Jetzt, unter den neuen Umstände, geht von dieser Personalie eine beruhigende Wirkung aus. Hertha wird vorerst das Amateurstadion im Dorf lassen.

Rein sprachlich kommt mit Covic ein sehr berlinischer Sound ins Spiel. Pal Dardai war auf dieser Ebene sicher der originellste Erstligatrainer seit Trappattoni. Covic spricht wie das Berlin, das ich jeden Tag auf der Straße und in der U-Bahn höre. Er ist nicht alte Schnauze, sondern junges Idiom - ein Deutsch, das die Schleifspuren spannender Biographien in angedeuteten Zischlauten mitführt. Oder ein Deutsch, das die jahrhundertealte Nachbarschaft mit den slawischen Sprachen in sich trägt.

Inhaltlich war natürlich noch nichts Weltbewegendes zu erwarten. Auch die beiden Cotrainer haben in einen Interview für die Hertha-Seite eher ein rhetorisches Aufwärmprogramm als richtungsweisende Aussagen geboten. Am ehesten konnte man noch einen Satz von Ante Covic als strategischen Hinweis verbuchen: es wird nicht so sehr auf die Formation ankommen, als darauf, für die Spieler ihre optimale Entfaltungsmöglichkeit zu schaffen. Da gibt es bei einem Kader von derzeit gut 30 Leuten durchaus Moderationsbedarf.

Vollkommen verdrängt hatte ich, dass Covic damals mit Otto Rehhagel schon einmal die Profis betreut hat. Das lässt sich vielleicht am besten einordnen, in dem man eine Parallele zu Michael Preetz zieht: der Otto-Moment war für meine Begriffe seine größte Fehlentscheidung. Heute steht er als Manager Sport ziemlich gut da, der Kader, den er über die letzten Jahre zusammengestellt hat, kann sich sehen lassen, und ist auf jeden Fall für die obere Ligahälfte konkurrenzfähig.

Dieses Potential muss Covic nun mobilisieren. Pal Dardai hat es insgesamt eher gehemmt. Das war wohl das ausschlaggebende Moment für den Trainerwechsel. Es braucht keine Raketenwissenschaft, um aus Hertha eine bessere Mannschaft als im Vorjahr zu machen. Hertha wird aber in diesem Jahr ganz andere Erwartungen moderieren müssen - nicht so sehr von den Fans, würde ich meinen, sondern von einer Branchenöffentlichkeit, die mit Hertha sowieso gern das größere Ressentiment gegen die Hauptstadt auflädt.

Vor diesem Hintergrund war die erste PK von Ante Covic noch eine beschauliche Veranstaltung. Man war unter sich, die vertrauten Stimmen aus dem Off. Diese kleinen Kreise kennt Ante Covic, und sie kennen Ante Covic. Der Hauptstadtclub ist im Alltag durchaus vorstädtisch. Covic hat sich mit Mirko Dickhaut auch einen engen Vertrauten aus der Trainerausbildung geholt.

Und nun kann die Sache beginnen. Große Trainerkarrieren sind immer Emanzipationsbewegungen - aus den kleinen Kreisen des Gelernten in die Souveränität, das Spiel zu seinem Besten zu befreien. Ante Covic hat derzeit noch nicht sehr viel mehr vorzuweisen, als dass er ein echter Herthaner ist. Für einen Club, der ein wenig plötzlich in eine neue Zeitrechung geschubst wurde (Stunde null plus Kohle), ist das aber ganz passend.

Geschrieben von marxelinho am 06. Juli 2019.

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30. Juni 2019

Der große Kohle-Einstieg

Wo muss Hertha sich verstärken?

Drei Tage nach der großen Neuigkeit herrscht an Unklarheiten kein Mangel. Hertha hat einen Teileigentümer für die KGaA gefunden. 125 Millionen Euro seien bereits überwiesen. Tennor bekommt einen Sitz im Beirat und zwei im Aufsichtsrat.

Der Spiegel hat mit seiner Geschichte das Tempo vorgegeben, so sieht es jedenfalls aus. Hertha kommuniziert bisher nur mit einer dürren Mitteilung hinterher. Der Spiegel hatte allerdings guten Zugang zu Windhorst. Jedenfalls entsteht so nicht zwingend der Eindruck, dass Tennor und Hertha die Kommunikation über die Veröffentlichung der neuen Sachlage brillant miteinander abgestimmt haben.

Man muss daraus kein Vorzeichen machen. Es ist nur ein kleines Indiz dafür, dass Verein und Investor nicht notwendigerweise immer dieselben Interessen haben müssen. Bei der Kaderplanung für die neue Saison werden wir wohl schon in den nächsten Wochen ein wenig mehr auch darüber erfahren, wie Tennor sich Hertha vorstellt. Das Ganze wird begleitet von Boulevard-Medien, die jede Menge Ideen haben, was mit der "Windhorst-Kohle" geschehen könnte.

Ironischerweise kommt das Geld zu einem Zeitpunkt, da Hertha als Firma es dringend benötigt (die Außenstände, von denen Ingo Schiller bei der MV im Juni keine Silbe verlieren wollte, dürften nicht viel geringer sein als die 125 Millionen von Tennor). Sportlich hingegen sehe ich eigentlich keinen Bedarf für Riesenschritte. Es sei denn, man will die Strategie der letzten paar Jahre über den Haufen werfen, und Qualität nicht entwickeln, sondern zukaufen.

Über die personellen Perspektiven kann man nach der Saison 2018/2019 ein paar Feststellungen durchaus riskieren. Hertha hat, auch nach dem Abgang von Lazaro, einen hochinteressanten Kader, der ziemlich gut zu den sportlichen Ambitionen passt. Diese Ambitionen wird man auch 2019/2020 mit einem einstelligen Platz gut benennen können, denn es spricht alles dafür, dass alle Clubs in diesem Bereich auch als Kandidaten für europäische Plätze lange im Rennen sein werden. Saisonziel Platz 9 oder besser bedeutet also in strategischem Understatement: Das Ziel ist Europa, aber die Liga ist sehr eng.

Schon die Definition des Saisonziels wird also ein interessanter Punkt. Hertha blieb im Vorjahr aus verschiedenen Gründen unter Potential: Mentalität, Aufwand (Laufleistung), Verletzungshistorie (hängt womöglich mit Belastungssteuerung, also mit Aufwand, zusammen).

Die Spieler für eine bessere Leistung waren da. Es sind sogar jetzt schon teilweise zu viele.

Im Tor ist das Duo Jarstein (Nummer eins) und Kraft (verlässlicher Vertreter) so etabliert, dass inzwischen ein regelrechter Stau an Nachfolgern entstanden ist. Spätestens nächstes Jahr müsste Körber (Vertrag verlängert, ausgeliehen an Osnabrück) eine Chance bekommen, oder man zieht ihm gleich Smarsch vor.

In der Defensive geht es noch um einen denkbaren Transfer von Niklas Stark. Links kann man den Wettbewerb zwischen Mittelstädt und Plattenhardt durchaus fortsetzen. Rechts wäre natürlich interessant, einen mehrfach verwendbaren Spieler wie Lazaro (oder davor Weiser) zu bekommen, allerdings gibt es auch da mit Klünter einen Spieler, dessen Potential noch nicht wirklich erforscht ist. Im Zentrum ist die linke Seite für mich die entscheidende: Rekik sehe ich eigentlich nicht als Stammspieler, zudem muss sich die Sache mit Torunarigha in verschiedener Hinsicht klären. Das betrifft seine körperlichen Probleme, vielleicht braucht er aber auch einfach einmal nur eine Weile echtes Vertrauen. Er zählt zu den größten Talenten, die Hertha jemals hatte.

Im Mittelfeld herrscht nach der Verpflichtung von Löwen und der Verlängerung der Leihe von Marko Grujic ein dichtes, und spannendes Angebot. Sidney Friede ist derzeit noch schwer einzuschätzen, sollte aber auch ein Faktor sein. Skjelbred könnte unter Covic durchaus noch eine spannende Funktion als Mentalitätsreserve und gelegentlicher Absicherer bekommen. Duda war eigentlich immer besser, wenn er eher als Achter positioniert war, als auf der Zehn. Arne Maier sollte sich als Stammspieler weiterentwickeln.

Im Angriff haben wir eine analoge Situation zu der von Torunarigha. Selke ist ein potentieller Ausnahmespieler, den Hertha aber noch zu selten ins Spiel brachte. Da Ibisevic verlängert wurde, kommt auf Ante Covic da eine frühe Vorentscheidung zu: für meine Begriffe muss Selke in dieser Saison endlich die Gelegenheit bekommen, sich wirklich zu zeigen. Das hinge dann von ihm ab, aber auch von der Spielanlage, und von der Rolle, die Ibisevic zugeteilt bekommt. Bisher taucht Selke in Transfergerüchten nicht auf, das wundert mich ein bisschen. Vielleicht schnappt ihn ja noch jemand weg.

Auf den Flügeln hat Michael Preetz eine kleine Vorentscheidung getroffen, indem er Jastrzembski gegenüber Palko Dardai einen Vorrang eingeräumt hat. Das finde ich plausibel, und gibt Hertha links mit Dilrosun und Old Boy Salomon (und als Backups Leckie, der die Seite wechseln kann, oder Mittelstädt) gute Optionen. Wie gesagt, nicht für den Angriff auf die Champions League, aber für eine vernünftige Entwicklung auf Grundlage des bisher Erarbeiteten.

Somit bleibt als Wunschtransfer eigentlich nur: ein Mann für die rechte Offensivseite, der auch in einer Vierer- oder Fünferkette spielen kann, also in etwa das Profil von Lazaro und Weiser hat, und der Klünter nicht alle Chancen raubt. Sollte Niklas Stark wechseln, und vielleicht sogar auch, wenn er bleibt, wäre es vermutlich hilfreich, einen Innenverteidiger als Backup zu haben, idealerweise einen, der auf beiden Seiten spielen kann. Aber auch in diesem Fall könnte man dem eigenen Nachwuchs vertrauen: auf Florian Baak trifft diese Jobbeschreibung weitgehend zu. Boyata müssen wir uns erst anschauen.

Was ist mit dieser kleinen Zusammenschau sagen will: Hertha hat sich in den letzten drei, vier Transferperioden einen Status erarbeitet, der im Grunde genau wünschenswert ist. Die Frustrationen der letzten Saison hatten nicht per se mit dem Personal zu tun (es war ausreichend Qualität vorhanden), sondern damit, wie es eingestellt wurde.

Es braucht also im Grunde keine 80 oder 90 Millionen. Sollte Hertha tatsächlich Summen in dieser Höhe ausgeben, und womöglich sogar schon in diesem Sommer, dann wäre das auf jeden Fall das Ende der bisherigen Strategie. Ich persönlich fand Hertha selten so spannend wie im Vorjahr, und auch selten so frustrierend: denn es war so offensichtlich, dass mehr möglich war. Dieses Mehr jetzt einfach zuzukaufen, ist sicher auch eine Möglichkeit. Allerdings nicht unbedingt die spannendste.

Geschrieben von marxelinho am 30. Juni 2019.

2 Kommentare

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von Uwe Bremer (am 30. Juni 2019)
Bei Hertha BSC gibt es zwei Aufsichtsräte: Der Aufsichtsrat des Hertha e.V wurde im Mai 2018 für vier Jahre gewählt. Vorsitzender ist Torsten-Günter Klein, Stellvertreter Andreas Schmidt. Der Aufsichtsrat der Hertha KGaA stellt Hertha selbst zusammen, bzw. er wird zum Teil von Aktionären gestellt. Aktuell hat der Aufsichtsrat der KGaA neun Mitglieder. Vorsitzender ist Karl Kauermann. Es waren zuletzt 2 KKR-Vertreter dabei. Außerdem ist dort Mitglied Horst Pudwill, der Genussscheine gezeichnet hat.
von Jörg (am 01. Juli 2019)
Für Kalou und Ibisevic sollte eine Nachfolge gefunden werden. Der Sturm ist m.E. nicht dicht genug besetzt. Doch die größte Lücke ist für mich das offensive Mittelfeld. Duda war nicht richtig konstant, für mich hat sich das im Spiel der letzten Saison deutlich niedergeschlagen. Löwen kann ich noch nicht einschätzen, Maier ist super aber hat wenig in der Offensivposition gespielt. Rekik finde ich - wenn er seine Fehler abstellen kann - auf oberem Bundesliganiveau. Auch Lazaro reißt eine Lücke, die idealerweise noch gefüllt wird.