19. April 2019

Sauberes Tuch

Ein Freistoßtor von Alexandre Lacazette in der 36. Minute hat gestern das Europa-League-Viertelfinale zwischen Neapel und Arsenal relativ frühzeitig entschieden. Danach hätte Neapel vier Tore erzielen müssen, diese Aufgabe erwies sich bald als zu groß. Es wurde also nicht das Drama, das ich ein wenig befürchtet hatte, sondern ein überraschendes "clean sheet" und ein sehr eindeutiges Gesamtergebnis: 3:0.

Spannend war also nur die erste halbe Stunde. Und auch da war es in erster Linie ein Aspekt, der von Interesse war: die hohe Linie von Arsenal. Unai Emery hatte die naheliegende Formation gewählt: Hinten drei Mann, Koscielny zwischen Monreal und Sokratis, davor Xhaka und Torreira, auf den Außenpositionen die schnellen Kolasinac und Maitland-Niles, ganz vorne Lacazette und Aubameyang, und dazwischen der erste Anläufer und allgegenwärtige Initiator Ramsey. Özil musste auf die Bank, weil Xhaka wieder da war. Und später, als Ramsey sich verletzte, kam Mkhitaryan - das war ein kleines Signal, dass Özil gegen Crystal Palace eher gebraucht wird, als in den internationalen Spielen auswärts.

Bei der hohen Linie von Arsenal war nicht ganz klar, ob dahinter eine taktische Idee von Carlo Ancellotti stand, oder ob sie ein Ergebnis der Absichten von Arsenal war. In den ersten zehn Minuten fand das Spiel fast nur in der Hälfte von Neapel statt, dann begannen die Italiener, sich ein wenig einzubringen. Sie versuchten es mit dem Mittel, mit dem Arsenal in dieser Saison mehrfach schmerzhaft Bekanntschaft gemacht hat: hohe Bälle hinter die letzte Linie.

Allerdings zeigten sich Koscielny und Co. auch dieses Mal, wie schon im Hinspiel, hochkonzentriert: sie stellten Insigne und Milik regelmäßig abseits, mehrfach waren die Entscheidungen sehr knapp, aber es klappte immer. Es ist aber natürlich eine nervenaufreibende Angelegenheit. In diesen zwanzig Minuten bis zum Tor zeigte Arsenal durchaus Wirkung: Ballverluste von Aubameyang und Torreira führten auch zu gefährlichen Kontern. Hätte Neapel in dieser Phase getroffen, wäre Arsenal womöglich ins Wanken geraten.

Dann gab es aber den Freistoß. Xhaka stand auch beim Anlauf, Lacazette aber traf mit dem Rechten in die Torwartecke. Er kann das. Im Vergleich ist Aubameyang derzeit fast außer Form, er sorgte zwar für den kuriosen Treffer in Watford (indem er Ben Foster in einen Abschlag funkte), aber bei ihm läuft es zur Zeit nicht so gut. Mit den zwei Seminfinals gegen Valencia und den noch ausstehenden fünf Premier-League-Spielen wird Emery aber alle verfügbaren Kräfte benötigen. Und Mesut Özil werden wir am Sonntag aller Voraussicht nach auch wieder sehen - bei Ramsey könnte die Saison vorzeitig zu Ende sein. Es sei denn, Arsenal kommt ins Finale der Europa League: bis Ende Mai in Baku sind es noch fast sechs Wochen.

Geschrieben von marxelinho am 19. April 2019.

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18. April 2019

Forza Rossa

Eine spannende Europacupwoche erreicht heute Abend für mich ihren Höhepunkt: Arsenal muss in Neapel versuchen, einen 2:0-Vorsprung aus dem Hinspiel zu verteidigen. Das ist sowieso keine geringe Herausforderung. Eine besondere Note bekommt die Angelegenheit aber noch dadurch, dass die Diskrepanz zwischen Heim- und Auswärtsform bei den Gunners in diesem Jahr ungewöhnlich markant ist.

Am Montag gab es zwar ein 1:0 in Watford, aber auch da war die Leistung alles andere als überzeugend. Davor war das 0:1 bei Everton einer der enttäuschendsten Auftritte überhaupt unter Unai Emery. Nichtsdestoweniger steht Arsenal momentan auf Platz 4 in der Liga, das Restprogramm hat aber einen eindeutigen Akzent: zwei Heimspielen gegen Crystal Palace und Brighton stehen drei schwere Fahrten zu den Wolves, nach Leicester und nach Burnley gegenüber.

Die konkreten Termine hängen dabei auch noch ein wenig davon ab, ob Arsenal ins Halbfinale der Europa League gelangt. Es spricht alles für ein hoch spannendes Spiel heute Abend. Denn schon das Hinspiel war packend. Napoli hatte einige exzellente Chancen, versäumte aber ein Auswärtstor in einem Spiel, wie es in dieser Form selten geworden ist: Arsenal dominierte mit fantastischen, raumgreifenden Kombinationen, Napoli spielte gelegentlich gefinkelte Konter, in der zweiten Halbzeit machte Napoli dann teilweise das Spiel, während Arsenal noch tolle Chancen auf ein drittes Tor hatte. Es war alles offen und kontrolliert zugleich.

Zu den Überraschungen in dieser Phase der Saison zählt die Rolle von Mesut Özil. Die Irritationen aus der ersten Saisonhälfte scheinen ausgeräumt. Emery zeigt sich als Pragmatiker, er lässt Özil nun wieder häufig in der zentralen Offensivpositionen alle Freiheiten. Das hat einerseits mit der Doppelspitze Lacazette-Aubameyang zu tun, die vor allem in den großen Spielen zum Einsatz kommt, andererseits mit der Rolle von Aaron Ramsey, der auch auf der Achterposition stark ist - eigentlich ist er dort am besten.

Sein Abgang ist extrem bedauerlich. Er ist als Arsenal-Identifikationsfigur derzeit unvergleichlich, und er spielt wie ein Leader. Er bringt Özil in Form, und er schießt selbst Tore. Ich bin mir relativ sicher, dass Arsenal die Situation inzwischen anders einschätzen würde als vor ein paar Monaten, als der Vertrag zu erneuern war. Vielleicht hat Emery ja einen Mittelfeldspieler im Hinterkopf, den er gern haben würde. Da fällt immer wieder der Name Ever Banega, der für meine Begriffe aber Torreira zu stark in die Quere käme.

Interessant sind einige der neuen Gewichtungen in der Mannschaft: die beiden Außenspieler Kolasinac und der immer wichtiger werdende Maitland-Niles haben Mkhitaryan und Ibowi de facto zu Ergänzungsspielern gemacht, während Lacazette im Standing derzeit sogar vor Aubameyang kommt. Xhaka war eine Weile verletzt, er scheint für Emery aber eine absolute Instanz zu sein, und er zeigt sich dieser Verantwortung auch zunehmend besser gewachsen.

Arsenal wird im Sommer nicht viel investieren können - jedenfalls nicht im Vergleich zu der direkten Konkurrenz um die ersten vier Plätze in England. Der Kern eines spannenden Kaders lässt sich aber schon einmal nominieren: Leno, Bellerin, Kolasinac, Maitland-Niles, Xhaka, Torreira, Guendouzi, Lacazette, Aubameyang, Iwobi. Dazu unter Vorbehalt Özil, den Arsenal sicher lieber von der Gehaltsliste bekommen würde. Fehlt also eine komplette Defensive, fehlen zwei Winger (ich denke, man wird auch Mkhitaryan lieber weiterschicken wollen), fehlt ein Mann im Zentrum. Fehlt ein Aaron Ramsey.

Mit den letzten Vier in der Champions League bin ich übrigens hochzufrieden. Ajax war ein Vergnügen (Total Tiki Taka), Spurs sind zwar die Erzrivalen von Arsenal, ich sehe sie aber sehr gern, für Liverpool und Klopp könnte das ohnehin ein großes Jahr werden, und Barca gegen Liverpool - wer wollte das nicht sehen?!

Sollte Arsenal heute weiterkommen, dann ginge es im Halbfinale der Europa League aller Wahrscheinlichkeit nach gegen Valencia, und ein denkbares Finale wäre eine englische Angelegenheit: gegen Chelsea. Im Idealfall wären es in dieser Saison noch neun Spiele für Arsenal. Speriamo!

Geschrieben von marxelinho am 18. April 2019.

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16. April 2019

Anspruchsvolles Einvernehmen

Vier Jahre sind im Fußball eine lange Zeit. Wir Fans von Hertha hatten zuletzt vier Jahre lang das Glück, die Betreuung unserer Lieblingsmannschaft in den Händen eines echten Herthaners zu wissen. Bei Pal Dardai konnte man schon während seiner Zeit als Spieler ahnen, dass er einmal als Coach oder in einer anderen verantwortlichen Funktion in Frage kommen würde. 2015 sprang er ein - schon damals war er kein Feuerwehrmann, sondern ein Versprechen für die Zukunft.

Diese Zukunft wird nun in diesem Sommer enden. Das hat der Verein heute bekannt gegeben. Die Rede ist von einer einvernehmlichen Entscheidung. Das deutet an, dass das Tischtuch damit nicht zerschnitten sein muss. Vielleicht kommt Dardai tatsächlich im Sommer 2020 wieder, um im Nachwuchsbereich weiterzuarbeiten. Für Hertha wäre das, gerade wegen seiner nun schon riesigen Bundesligaerfahrung, ein kaum zu überschätzender Gewinn. Bis dahin ist aber noch viel Zeit, und Angebote von anderen Clubs für eine Aufgabe in der Bundesliga sind absehbar.

Die Entscheidung ist schmerzhaft. Es hätte auch viel dafür gesprochen, sie erst im Mai zu kommunizieren. Das wäre aber bei den notorisch auf das Trainerkarussel fixierten deutschen Fußballmedien schwer durchzuhalten gewesen.

Bei aller Wehmut bin ich aber der Meinung, dass die Entscheidung richtig ist. Der Grund dafür liegt tatsächlich in den Ansprüchen, die Hertha BSC stellen muss. Allerdings sind diese anders zu beschreiben als mit den ollen Klischees von der Berliner Selbstüberschätzung.

Hertha hat vor Beginn dieser Saison einen einstelligen Tabellenplatz als Ziel ausgegeben. Das klang vorsichtig. Sieht man nun allerdings die Tabelle an, ist zu bemerken, dass die Vereine, die auf den Positionen eins bis neun stehen, allesamt untermauert haben, dass sie dort sein wollen. Konkret heißt das nämlich: dass sie de facto alle um Europa mitspielen (wollen), egal ob sie das ausdrücklich sagen oder nicht.

Entsprechend könnte man fragen: War das Ziel zu hoch gesteckt? Wenn man hier mit ja antworten wollte, wäre das eine Absage an das Prinzip der Entwicklung. Dann müsste man das Ziel mit Vermeidung des Abstiegskampfs bei gleichzeitiger Vermeidung der Spannungskonkurrenz angeben. Das wäre absurd für den Verein aus der Hauptstadt, der nicht länger so tun kann, als wäre er auf einer Ebene mit Mainz oder Augsburg.

Nein, das Saisonziel war richtig so gesetzt. Es ist auch das Personal vorhanden, es zu erreichen. Konkret bedeutet das aber, dass Hertha in die Hälfte seiner Spiele de facto mit dem Anspruch gehen muss, Favorit zu sein und sie nicht nur irgendwie zufällig, sondern willentlich (und wissentlich) gewinnen zu wollen.

Und das war genau der springende Punkt, an dem Pal Dardai das Saisonziel unterminiert hat. Er wollte letztendlich niemals den Außenseiterbonus aufgeben, hinter dem er sich als Trainer zu Beginn gar nicht verstecken musste, den er aber später länger beansprucht hat, als es der Sache zuträglich war.

Deswegen steht Hertha nun in seiner vierten vollständigen Saison dort, wo er die Mannschaft de facto haben will: in einer anspruchslosen Situation. Das ist umso bedauerlicher, als deutlich zu erkennen war, dass im Sommer etwas einstudiert wurde - Hertha hat Spielzüge und Muster drauf, aber es fehlt der Mannschaft an einem mentalen Repertoire, damit umzugehen. Das ist eine Schlüsselfrage für einen Cheftrainer, und an dieser ist Pal Dardai gescheitert. Bei Hertha, wohlgemerkt. Er ist offensichtlich in vielerlei Hinsicht eine große Begabung, und er kann noch viel erreichen.

Mit Hertha ist er zweimal in den Europacup gekommen, beide Mal waren das Saisonen, in denen Hertha tendenziell überbewertet war, wie sich im Europacup selbst dann ja auch gezeigt hat - da waren die Auftritte in einer Weise volatil, wie es kein Betreuerteam zulassen sollte.

Mit seiner letztlich doch immer wieder zu defensiven Grundhaltung (weit über die Spiele hinaus) hat er auch sein größtes Verdienst unterminiert: denn die Heranführung von jungen Spielern an die erste Mannschaft bringt nur dann etwas, wenn man aus dieser Mannschaft gleichzeitig ein Projekt mit Perspektive macht. Wenn das ausbleibt, werden sich die Erfahrungen mit den Boateng-Brüdern oder mit Nico Schulz wiederholen, und Hertha stärkt à la longue nur die Konkurrenz.

Konkrete Angelegenheiten wie die angeblich so sportwissenschaftlich exakte Belastungssteuerung und Ähnliches muss Michael Preetz mitbedenken bei der nun wahrscheinlich härtesten Entscheidung seiner Karriere. Denn er wird viele Fans gegen sich haben, und er muss nun jemand präsentieren, der für die Ansprüche steht, die Pal Dardai - zuletzt vor allem in dem Pressegespräch nach der Niederlage gegen Düsseldorf - zu vehement zurückgewiesen hat.

Hertha hat in den Jahren seit dem Wiederaufstieg eigentlich nur einmal eine ähnliche Situation erlebt. Damals überraschte Berlin die Liga mit Lucien Favre. Ob der Markt dieses Mal eine ähnliche innovative (man muss leider sogar sagen: disruptive) Figur hergibt? Ich bin gespannt. Und ich bin Pal Dardai dankbar für viele Spielzüge, auf denen sein Nachfolger schon aufbauen wird können.

Geschrieben von marxelinho am 16. April 2019.

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15. April 2019

Ausstudierter Fußball

Das Auswärtsspiel in Hoffenheim ist mit einem erwartbaren Ergebnis absolviert worden. Hertha war, wie es mit diesem klangvollen englischen Wort heißt, "depleted", also in einem niedrigen Teilbereich der verfügbaren Kräfte, und hat bei dem 0:2 immerhin die rote Laterne in der Kategorie Laufleistung Mannschaft Jahreswertung an Schalke 04 abgegeben.

Konkret war es ein merkwürdiges Spiel, eine halbe Stunde flog es Hertha um die Ohren wie kein anderes in diesem Jahr, der Ball ging aber nur einmal ins Tor. Danach spielte Hertha mit, in Halbzeit zwei sogar spielgestaltend, ein Remis schien unter Umständen denkbar - bis zu einem Konter, den Reiss Nelson (von Arsenal geliehen!) verwertete.

Man kann bei diesem Beispiel nebenbei ein wenig über das Videoschiedsrichtern nachdenken, nämlich über dessen Grenzen: was nützen kalibrierte Linien, wenn die Kamera nicht auf Ballhöhe ist? Und wie dick sind eigentlich die Linien? Auf das Feld umgelegt, sind sie deutlich breiter als ein Schuh von Pekarik. Pal Dardai entfiel diesbezüglich jedenfalls eine im weitesten Sinn erkenntnisskeptische Bemerkung, für die er Zustimmung verdient.

Das Tor zählte aber, und damit war die Sache durch. Sie ist ja sowieso durch. Hertha hat diese Saison an anderen Tagen vermurkst, und nun geht es vor allem noch darum, in der Rückrundentabelle nicht mehr zu deutlich nach ganz unten zu rutschen.

Pal Dardai wird in der SZ noch mit einem bedeutsamen Satz zitiert: "Am Anfang der Saison haben wir einstudierten Fußball gespielt, nun sind wir nicht eingespielt, das muss man akzeptieren." Den letzten Satzteil sagt er sowieso gern: "Das muss man akzeptieren." Das ist fast schon die parallele rhetorische Figur zu seinem Lieblingstopos vom Vorwurf, zu dem es keinen Anlass gibt.

Tatsächlich haben wir in dieser Saison Hoffnungen gefasst, weil wir diesen einstudierten Fußball gesehen haben. Die Selbstreflexion muss also mit der Suche nach Gründen beginnen, warum dieses Vermögen verloren gegangen ist. Es taucht ja auch jetzt noch gelegentlich auf, aber es ist selten spielentscheidend - und genau darum geht es aber im Sport: Fähigkeiten (erworbene und geschenkte) entscheidend werden zu lassen.

Das ist ein Bereich, in dem Hertha am meisten zu arbeiten haben wird. Das sind Wachstumsbereiche, in denen es auch sehr auf Faktoren wie Identifikation und Perspektive ankommt - die Auswechslung von Lazaro kann man zumindest als ein kleines Indiz dafür nehmen, dass diese trübe Rückrunde schon Spuren in der Kaderstatik zu hinterlassen beginnt. Denn das ist nun einmal ein wichtiger Befund: sehr viele der Hertha-Spieler haben individuell eine gute Perspektive, der Club hat ihnen nur in diesem Jahr eine mögliche gemeinsame genommen. Durch das systematische Understatement des Trainers. Nun ist auch niemand mehr eingespielt.

Klünter und Mittelstädt wurden von Dardai eigens hervorgehoben. Ich finde auch, dass Mittelstädt immer mehr zum Herthaner der Saison wird. Er hat gestern keineswegs fehlerlos gespielt, aber er hat auch gezeigt, wie lernwillig er ist. Im Vergleich zu seinem direkten Konkurrenten, dem radikal einbeinigen Marvin Plattenhardt hat Mittelstädt aus sich einen relativ vielseitigen, tendenziell schon fast beidfüßigen Spieler gemacht, der das Spiel als permanten Lernprozess interpretiert. Er könnte zu einer Stütze der nächsten Hertha werden, jener Mannschaft, die nach dem Sommer von vorn anfangen muss - und die wir, ich bin mir sicher, kaum wiedererkennen werden.

Geschrieben von marxelinho am 15. April 2019.

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von Jörg (am 15. April 2019)
Im Fussball gibt es bei den meisten Mannschaften einen Zyklus von Erfolg und Krise. Gefühlt ist das jetzt die erste richtige Krise, erst recht wenn man auch noch gegen Hannover verlieren sollte. Wenn Preetz jetzt Fühler ausstreckt nach anderen Trainern finde ich das richtig, vorausgesetzt er schafft es, das nicht an die Öffentlichkeit kommen zu lassen. Kandidaten wie Breitenreiter oder Tedesco würde ich nicht als Verbesserung empfinden, Kandidaten wie Klinsmann lassen sich wahrscheinlich nicht realisieren. Hartmann hat viel zu wenig Erfahrung, auch wenn ich es schön finden würde, einen früheren Spieler interimsmäßig als Trainer wieder zu sehen. Vor einem Jahr hatte ich noch auf Niko Kovac als nächsten Hertha-Trainer gehofft, das hat sich ja inzwischen auch zerschlagen. Mit anderen Worten, ich glaube es ist schwer einen besseren als Dardai zu finden. Und: einen Trainer in der ersten richtigen Krise zu feuern, das kommt mir falsch vor. Dardais Stärken sind das Entwickeln junger Spieler, seine Medien-Arbeit und vielleicht auch seine Strategie. Seine Schwächen sind das konstante Pushen und Fordern im psychologischen Bereich sowie, anscheinend, eine Mannschaft über eine Saison eingespielt zu halten. Inwieweit da eine Aufgabenteilung mit Widmayer bestand, kann ich natürlich nicht beurteilen. Wenn Dardai bleibt, ist der nächste Widmayer die wichtigste Position in der nächsten Saison. Die zweitwichtigste ist das offensive Mittelfeld. Wenn Lazaro, Stark, Duda, Grujic gehen, sollte ordentlich Geld in die Kassen gespült werden. Preetz ist derzeit zwar nicht so gut wie Bobic, seine Einkaufspolitik war in der letzten Zeit aber schon ziemlich gut, und Dardai hat die Neuen immer sehr gut weiterentwickelt. Wenn man keinen Kevin-Prince fürs offensive Mittelfeld findet und keinen sehr guten Ersatz für Widmayer, würde vielleicht ein Modell funktionieren, in dem Dardai zum Sportdirektor ernannt würde?
13. April 2019

Zeitschleifen im Niemandsland

Hertha BSC wird morgen das Spiel bei der TSG 1899 Hoffenheim mit einem vorletzten Aufgebot bestreiten müssen. Aber das macht jetzt auch nichts mehr. Pal Dardai hat in der PK vor dem Spiel die Rhetorik der Ausreden fortgesetzt, und damit auch das Spiel morgen im Grunde aus dem Spiel genommen: "Muss man akzeptieren so ein Jahr."

Was ist das also bisher für ein Jahr? Wenn nicht groß noch etwas Überraschendes passiert, wird eine Mannschaft, die vom Personal her zu deutlich mehr befähigt ist, sich für das Niemandsland entschieden haben. Das hat dann auch nichts mit der berühmten Zeit zu tun, die es "kostet", eine Mannschaft zu entwickeln. Man kann nämlich nur dann lernen, wenn man etwas probiert. Eintracht Frankfurt und Werder Bremen sind von den Voraussetzungen her mit Hertha ohne Weiteres vergleichbar - dort herrscht keine Kultur der Ausrede.

Pal Dardai spricht von "unsicheren Spielern". Aber diese Unsicherheit hat er wesentlich mitzuverantworten. Einen Trainer, der die Teamlaufleistung (Hertha ist inzwischen auf Platz 18 angekommen) als zufriedenstellend bezeichnet, während offensichtlich sowohl beim Anlaufen wie beim Freilaufen deutliche Defizite bestehen, kann man nicht mehr ernst nehmen, auch wenn er natürlich andeutet, dass er damit nur beschwichtigen will.

Er hat allerdings auch mit einer falschen Taktik zu schwachen Eindrücken beigetragen, indem er einzelne Spieler auf den Außenpositionen (auch läuferisch) überfordert hat, als schon klar war, dass das übervolle (und zu wenig bewegliche) Zentrum die erwünschte Kompaktheit gar nicht zuwege bringt.

Ich gebe zu, es klingt ein wenig hilflos, sich jetzt so plötzlich so deutlich gegen Pal Dardai auszusprechen. Aber es kam tatsächlich nicht aus dem Nichts, er hatte halt das Glück, dass gegen Gladbach ein guter Matchplan sehr gut aufging, und dass in dem freien Spiel gegen den BVB auch etwas von den Talenten im Kader wieder erkennbar wurde, wie es zu Beginn dieser Saison zu großem Optimismus berechtigte.

Im Sommer wird der Markt vermutlich mit dem Hochdrucksauger durch den Kader fegen, und dann wird diese vergeudete Saison doch noch einmal in ihrer Charakteristik deutlich werden. Dann folgt nämlich nicht das Jahr fünf unter Pal Dardai, sodass er sich dann allmählich irgendwann wirklich an einer Entwicklung messen lassen müsste, sondern das Jahr eins einer neuen Rechnung.

Hertha wird nämlich dann wieder ganz von vorne anfangen müssen, mit dem einfachen Saisonziel Klassenerhalt. Der Vorteil: man kann mit der Rhetorik der Ausreden dann auch wieder von vorn beginnen. Das kann dann auch Pal Dardai gern selbst machen, von dem es vielleicht eines Tages heißen wird: Er hat Hertha über viele Jahre sicher durch Zeitschleifen im Niemandsland geführt.

Vielleicht aber findet er ja doch noch einen Weg zu einer Kultur der Ambition. Zur Not würde ich diese Hoffnung sogar "von außen" an ihn herantragen. Auch wenn Hertha sich gegen Erwartungshaltungen "von außen" so gern verwahrt. Sie sind aber nun einmal da, und nicht, weil Berliner Fans naiv wären, sondern weil das in der Natur des Spiels liegt: wer sich nicht darauf einlässt, dass es im Fußball um Gewinnen geht, hat die Teilnahme auch dann verwirkt, wenn de jure der Klassenerhalt fast schon sicher ist. Denn einfach nur auf eine Weise drinnenzubleiben, bei der es um möglichst wenig geht, kann drinnen wie draußen niemand genügen.

Und es war auch nicht das Saisonziel. Der Blick auf die ersten neun zeigt, dass man in diesem Jahr einen einstelligen Tabellenplatz nur erreicht, wenn man anders als nur abwartend an die Sache herangeht. Das hat Hertha immer dann nicht getan, wenn es darauf ankam. Nun gibt es in den sechs ausstehenden Spielen nur noch Gelegenheit zu Teilrehabilitation, aber auch da stapelt Pal Dardai schon wieder tief: neun Punkte sollen es noch werden, damit "so ein Jahr" wenigstens einen Punkt besser wäre als "so ein Vorjahr". Es wäre eine Enttäuschung, und inzwischen ist es eine mit Ansage.

Geschrieben von marxelinho am 13. April 2019.

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von Jan (am 13. April 2019)
Schön, dass du du wieder da bist!
07. April 2019

Keine weiteren Fragen


Pal Dardai kann der Mannschaft keinen Vorwurf machen. Dann bleibt eigentlich nur der, dass er sie betreut. Michael Hartmann sollte für die letzten sechs Spiele in dieser Saison diese Aufgabe übernehmen.

Geschrieben von marxelinho am 07. April 2019.

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von Jörg Ossenkopp (am 07. April 2019)
Ja, das war glaube ich das schlechteste Spiel, was ich seit langem im Olympiastadion gesehen habe. Die Mannschaft hat sich so ein Alibi-Umlaufen des zentralen Mittelfelds angeeignet, ohne dass sich dadurch Anspielstationen in der Offensive ergeben. Gegen Mainz war das auch schon so, da ging das noch einmal gut. Aber in der Offensive fehlt Einsatz und Koordination in den Laufwegen und in der Ballbewegung. Kalou und Leckie haben sich mehr als einmal gegenseitig gestört. Es gab drei oder vier Pässe oder Flanken in den gegnerischen Strafraum, ohne dass jemand gelaufen wäre um sie anzunehmen. Viel zu häufig wurden Offensivspielzüge vom ballführenden Spieler unnötig verzögert, abgebrochen oder gar per Fehlpass in eine gegnerische Konterchance verwandelt. Der einzige Lichtblick war für mich gestern, dass Dilrosun wieder auf dem Platz stehen konnte. Vielleicht ist es ein Problem, dass Widmayer zum Saisonende weggeht und nicht mehr das nötige Feuer hat. Vielleicht ist es ein Problem, dass es jetzt keinen erfahrenen Spieler gibt, der die Mannschaft auf dem Feld mitreißen kann (Kalou kann das nicht). Vielleicht ist auch Pal senior das größte Problem, weil er sich mit zu wenig zufrieden gibt und eher die Psyche junger Spieler schont als der Mannschaft seine Spielvision aufzuzwingen. Auf jeden Fall ist jetzt Preetz gefragt. Dardai raus, dafür ist es mir persönlich immer noch zu früh.
06. April 2019

Hinrunde und Unrunde

Sieben Spiele hat die Saison noch. Für Hertha BSC geht es um nichts mehr, und doch könnte das heutige Heimspiel gegen Fortuna Düsseldorf richtungweisend werden wie nur selten eines. Im Falle einer neuerlichen Niederlage wäre nämlich das Debakel von Leipzig als richtungweisend bestätigt, und es wäre dann nur noch schwer dagegen anzukommen, dass auch diese Rückrunde wieder eine Unrunde zu werden droht.

Hertha muss also unbedingt gegen die Mannschaft gewinnen, die sie im November erst so richtig in die Spur gebracht hat, mit einem Totalausfall nach anfänglicher Dominanz. Heute droht ein Rückfall in die Tiefen der zweiten Tabellenhälfte, und die Minimalvariante des Saisonziels gerät allmählich auch außer Sichtweite. Zur Klarstellung: Hertha hatte ja nicht Platz 9 als Ziel ausgegeben, sondern einen einstelligen Tabellenplatz. Platz 9 wäre also im Rahmen des Saisonziels schon die enttäuschendste Variante.

Jetzt versuche ich das Ganze noch einmal unter positiven Vorzeichen: Mit einem Sieg gegen die Fortuna hätte Hertha heute die Möglichkeit, für die restlichen dann noch sechs Spiele ein gutes Vorzeichen zu setzen. Es geht nämlich keineswegs um nichts mehr, es geht beinahe um mehr als sehr viel - vor großen Worten sollte man sich im Fußball hüten, andernfalls wäre ich versucht, zu sagen: es geht um alles, jedenfalls, was die Ära von Michael Preetz anlangt.

Heute ist wohl die letzte Gelegenheit, der Mannschaft noch einmal so etwas wie eine Versuchung zu einem Momentum zu entlocken. Wenn das nicht gelingt, droht der Rest der Rückrunde in individuelle Projekte zu zerfallen: es sind einfach zu viele Spieler, auf die eine interessante Transferperiode warten könnte, und die Chance, gemeinsam ein Projekt zu skizzieren, ist im Grunde für dieses Jahr schon vertan.

Finanziell steht Hertha wieder ungefähr da, wo sie bei Abgang Dieter Hoeneß stand, bei gestiegenen Umsatzziffern und besserer Kaderstruktur, aber nichtsdestoweniger: die Verbindlichkeiten sind beträchtlich, die Investorenfrage(n) sind geostrategisch aufgeladen, die Berliner Stadtpolitik hat sich gerade in der Stadionfrage als kongenial zu dem Ungeschick von Hertha erwiesen.

Mit einem europäischen Wettbewerb hätte Hertha einen Anreiz gehabt, den interessantesten Kader seit langem nach Möglichkeit zusammenzuhalten. Bei einer Saison zum Vergessen, wie sie nun droht, wäre unter Umständen die gegenteilige Lösung zu erwägen: ein möglichst großer Ausverkauf, um mit 50-60 Millionen die gröbsten Schulden loszuwerden, und wieder einmal mit dem kleinsten Saisonziel Nichtabstieg und einer "Mijatovic-Mannschaft" von vorn anzufangen. Mit dieser Chiffre meine ich eine Mannschaft, die um ablösefreie, gestandene Kräfte ein pragmatisches Ensemble für kurzfristige Minimalziele versammelt. Wie es in den Wiederaufstiegssaisonen war.

Die angebliche Verpflichtung des belgischen Verteidigers Boyata wäre ein Indiz dafür, dass diese Option zumindest nicht auszuschließen ist. Niklas Stark rückt damit noch ein bisschen deutlicher ins Schaufenster.

Man soll mit dem Wort Schicksalsspiel vorsichtig sein. Aber Hertha BSC hat heute Nachmittag eines.

Geschrieben von marxelinho am 06. April 2019.

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31. März 2019

Dosen sunt Omen

Ein Fußballtrainer hat viele Aufgaben: er muss eine Mannschaft aufstellen, vor allem aber muss er sie auch einstellen. Sie muss zum Anpfiff eines Spiels für eine spezifische Aufgabe bereit sein, sie muss eine Vorstellung haben, was auf sie zukommt, und wie damit umzugehen ist.

Es deutet viel darauf hin, dass Pal Dardai vor allem in diesem Bereich an sich arbeiten muss. Hertha ist in dieser Saison schon häufig entweder apathisch oder lethargisch in Spiele gegangen. Gestern gegen Leipzig wurde daraus eine gefährliche Konstellation: die Dosen sind (abgesehen von einem heroischen, allerdings für das Selbstverständnis der Mannschaft folgenlosen Auswärtsspiel vor eineinhalb Jahren) eindeutig der Angstgegner. Hertha war in einer Weise chancenlos, die ein Licht auf die ganze Saison wirft.

Da ist der Mythos von den starken Leistungen gegen "die Großen". Gladbach war zweimal bedenklich schwach gegen Hertha, und zeigt sich sowieso auf dem absteigenden Ast. Die Bayern sind in diesem Jahr insgesamt alles andere als unangefochten, und Hertha hat vor allem im Auswärtsspiel aus eigenem Versäumen nicht mehr geholt. Der BVB liegt Hertha, weil er ein offenes Spiel anbietet, aber so begeisternd das vor zwei Wochen anzusehen war, so deutlich verdient war letztlich auch diese Niederlage.

Bleibt als "große" (reiche) Mannschaft in Deutschland RB Leipzig. Hier wäre für Hertha wirklich ein Gradmesser, und hier zeigen sich Jahr für Jahr die Grenzen mehr als deutlich.

Das Debakel gestern hatte auch einen taktischen Aspekt. Hertha hat die Saison mit einer Dreierkette begonnen, das war damals eine interessante Variante, die sich seither weitgehend verstetigt hat, sich für meine Begriffe aber schon eine Weile deutlich als verfehlt erweist. Um es ganz einfach zu sagen: die fehlenden Doppelpositionen außen sind gravierender als der zusätzliche Mann in der Mitte, wenn erstens Lustenberger einen katastrophalen Tag hat wie gestern, viel wichtiger aber: wenn er eigentlich gar nicht gebraucht wird, weil die Gefahr an anderer Stelle beginnt.

Gestern war Lustenberger mehrfach ratlos, wo er eigentlich eingreifen sollte. Er wäre als Sechser gebraucht worden, dort gibt es aber seit längerem Abstimmungsprobleme zwischen Maier und Grujic - der Coach hat schließlich Maier abgestraft, was ich als unfair empfand, denn Grujic ist schon seit einiger Zeit defensiv anfällig. Der beste Mittelfeldspieler, den Hertha seit langem angeblich hat, hat sich auch als sehr irdisch erwiesen.

Ich habe das Spiel gestern nicht zuletzt unter dem Eindruck der Pressekonferenz vom Donnerstag gesehen, bei der vor allem Michael Preetz einen so verdrossenen und verdrießlichen Auftritt hingelegt hat, dass man sich über die Leistung der Mannschaft nicht mehr so stark wundern muss.

Hertha hängt im Moment ziemlich in der Luft: die Stadionpläne stoßen auf Widerstand (was inzwischen eher patzige Reaktionen bei Hertha provoziert), die Finanzen sind, ich sage es vorsichtig, momentan nur als gewagte Spekulation auf die stillen Reserven in einem immerhin spannenden Spielerkader zu vertreten, und sportlich ist die Saison nun tatsächlich vorbei. Da war das gestrige Spiel nur die logische Konsequenz aus einer Reihe von auffälligen "Ausfällen": gegen Leverkusen, gegen Wolfsburg, gegen Freiburg, selbst gegen Mainz in Halbzeit eins.

Die Frage der Einstellung zieht sich also durch alle Bereiche. Das positive Selbstbild, auf dem eine erfolgreiche Leistung beruht, fehlt. Stattdessen gibt es die üblichen Andeutungen, dass "von außen" etwas an den Club herangetragen wird, was Hertha nicht erfüllen kann oder will. Ich bin einer von außen, und ich kann nur sagen: als Fan stelle ich keine Ansprüche, aber ich sehe mich als kleiner Teil einer Clubkultur, an der ich positiv mitwirken will. Aber die negativen Vorzeichen waren an diesem Wochenende stärker, und die Verantwortlichen haben keine Mittel gefunden (zum Teil nicht einmal gesucht), um sie zu entschärfen.

Geschrieben von marxelinho am 31. März 2019.

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17. März 2019

Finessen und Petitessen

"Es liegt an nichts." Mit dieser zugespitzen Formulierung hat Lucien Favre gestern den Sieg seiner Mannschaft in einem spannenden Spiel analysiert. Ein paar Minuten später in derselben Pressekonferenz war er dann ein wenig präziser: "Es lag an nicht viel." Der BVB gewann vor ausverkauftem Haus mit 3:2 durch einen Treffer von Sancho/Reus in fast allerletzter Minute.

Die Liga sollte sich bei Hertha bedanken, und zwar aus zwei Gründen: Die Meisterschaft bleibt spannend, und das Topspiel an diesem Samstagabend wurde diesem Label gerecht. Hertha hat keinen Autobus vor dem Tor von Rune Jarstein geparkt, sondern ein offenes Spiel angeboten, und ist schließlich knapp, wenn auch verdient unterlegen.

Vor ein paar Wochen hatte ich noch gehofft, Hertha könnte sich aus dem Titelrennen nobel heraushalten durch einen Sieg gegen die Bayern und gegen den BVB. Nun wurden es zwei Niederlagen, aber mit deutlich unterschiedlicher Charakteristik. In München wäre etwas drinnen gewesen, da war der Matchplan letztlich zu vorsichtig. Gestern war auch viel drin, aber am Ende hatte der BVB so viele Kleinigkeiten auf seiner Seite, dass die zweite Halbzeit zunehmend einseitiger wurde.

Zu den Kleinigkeiten mit bedeutender Wirkung würde ich zählen: Lazaro war nach seiner kurzen Verletzungspause noch nicht wieder voll da; Grujic hatte zwar in der zweiten Halbzeit eine neuerliche Führung auf dem Fuß, war aber defensiv nicht immer auf der Höhe; zwischen Torunarigha und Mittelstädt klappte die Abstimmung nicht immer ideal, Wolf wurde zunehmend gefährlicher.

Viel wurde über die Szene geredet, in der Duda vielleicht im Strafraum gefoult wurde. Kann man geben, muss man aber nicht - und so wäre es auch gewesen, wenn der VAR eine Überprüfung der Szene vorgeschlagen hätte. Ich würde sogar meinen, dass die Videobilder den Schiedsrichter wohl eher dazu bewogen hätten, bei seiner ersten Entscheidung zu bleiben. Die Schlüsselszene in der zweiten Halbzeit war der Pfostenschuss von Grujic. Da hatte Hertha einfach ein paar Zentimeter Pech.

Meine Lieblingsszene in dem ganzen Spiel hatte mit einem Tor nichts zu tun, dafür aber mit möglichen Entwicklungen der Mannschaft: es war in der 24. Minute, meine ich, Hertha war auf dem rechten Flügel unterwegs, brach dann aber ab, der Ball ging hinten herum, kam zu Torunarigha, und der hätte nun orthodox den Hintenrum-Move vollenden können und nach links hinaus spielen können - wo Hertha sich wohl wieder festgespielt hätte. Torunarigha aber sah, dass Maier vertikal auf den Sechzehner los startete, in einen extrem interessanten Raum. Er spielte den Pass dann zu hart, Maier kam nicht dran. Trotzdem war das ein Moment, in dem sich eine initiativere Hertha zeigte. Eine potentiell großartige Hertha.

Bei Torunarighas Aussschluss wird man vor allem über das erste Foul sprechen müssen: diese gelbe Karte hätte er vermeiden können, mit der Attacke war nichts gewonnen bzw. auch nur vermieden, sie kam wohl, so deute ich das, aus seinem großen Selbstbewusstsein: mit seiner privilegierten Physis ist er einer der besten Tackler, in diesem Fall aber ging er zu weit. Er wird der Mannschaft fehlen, schon jetzt ist er ein absoluter Schlüsselspieler.

Arne Maier ebenso. Die gestrige Konzeption, die Grujic meistens hinter Maier und Duda vorsah (bei aller Flexibilität je nach Dortmunder Gewusel), ergab einige tolle offensive Läufe von Maier - überhaupt war das gestern ein Spiel, in dem beide Mannschaften kombinierten, es war wieder etwas von dieser Inspiration zu sehen, und von den Mustern, mit denen Hertha die Saison begann.

Der BVB ist in diesem Jahr die beste Mannschaft in Deutschland. Ob sie das in drei Wochen in München bestätigen oder nicht, muss uns nicht kümmern - ich persönlich sympathisiere mit Schwarzgelb, auch wegen Lucien Favre. Aber wichtiger ist mir, dass auch Hertha sich gestern als Spitzenmannschaft gezeigt hat, eine Mannschaft der erweiterten Ligaspitze. Dieser Kader hat großes Potential, die Angebote werden dem Club im Sommer um die Ohren fliegen (Selke, Stark, Lazaro, Maier, Torunarigha, alles noch halbe Schnäppchen, selbst Mittelstädt, der offensichtlich an seinem rechten Fuß arbeitet und den ehemaligen 26-Millionen-Kandidaten Plattenhardt überflügelt hat, könnte ein neuer Nico Schulz werden).

Acht Spiele bleiben nun noch, um die Bedingungen für den absehbaren Umbruch im Sommer so gut wie möglich selbst setzen zu können: um ein Projekt in Berlin zu skizzieren, das sich auch in Spielen im Alltag der Liga als begeisternd erweist.

Geschrieben von marxelinho am 17. März 2019.

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15. März 2019

Grundlinienduell

Nur eine Viertelstunde brauchte Arsenal gestern, um den Rückstand aus dem Hinspiel bei Stade Rennes im Achtelfinale der Europa League aufzuholen: nach fünf Minuten traf Aubameyang zur Führung, und zehn Minuten später legte er einen schönen Kopfball für Maitland-Niles auf. Er war davor allerdings im Abseits gestanden, und damit hatte der Abend auch gleich einen weiteren Akzent.

Denn Stade Rennes hatte sich vor dem Spiel schon verwundert gezeigt, dass Lacazette - eigentlich für drei Spiele gesperrt nach einer Tätlichkeit in Weißrussland im Sechzehntelfinale gegen Bate - plötzlich doch auflaufen durfte, seine Sperre war reduziert worden. Es passte dann irgendwie ins Bild, dass der Franzose, gestern glücklos und übermotiviert, eigentlich alle Voraussetzungen für eine gelb-rote Karte erbrachte, erstaunlicherweise aber nur einmal verwarnt wurde.

Arsenal kontrollierte das Spiel eine Halbzeit lang mit einer Formation, die beinahe vollständig der vom Sonntag gegen ManU entsprach, mit zwei Unterschieden: in der Europa League lässt Emery bisher Cech spielen, der in seiner letzten Saison ist, und nun von einem abschließenden Finale träumt - die Europa League spielt dieses Jahr in Baku um den Titel. Mustafi musste Sokratis vertreten, der nach seinem Ausschluss in Rennes gesperrt war.

In der Formation ergab das eine Doppelspitze, dahinter Özil und Ramsey (Assist zum ersten Tor). Für die restliche Saison von Arsenal wird aber entscheidend sein, dass Maitland-Niles fit bleibt. Er kommt aus dem Nachwuchs und war ursprünglich einmal ein defensiver Mittelfeldspieler, wurde dann aber, noch unter Wenger, ein paar Mal links hinten eingesetzt, und vertritt nun rechts hinten Bellerin. Und zwar sehr gut. Gemeinsam mit dem seit Wochen auffälligen Kolasinac hat Arsenal damit wieder eine beidseitige Dynamik. Alle drei Tore beruhten auf Spielzügen, die bis an die Grundlinie gingen.

Taktisch übrigens alles sehr ähnlich der Grundformation, die Pal Dardai in diesen Wochen bevorzugt, mit leichten Akzenten ganz vorne, und natürlich in der Interpretation: Kolasinac spielt seinen Part wesentlich dynamischer und initiativer als Mittelstädt.

Arsenal hat jetzt zwei Wochen Pause, eine ungewöhnliche Situation ausgerechnet in der heißesten Phase der Saison. Und gerade jetzt stehen viele Vorzeichen auf positiv: die Defensive hat sich unter Führung von Koscielny halbwegs gefunden, Özil ist wieder integriert, Ramsey befindet sich auf einer heroischen Abschiedstournee (er läuft und kämpft unübertroffen), Aubameyang hat seinen Spaß wiedergefunden.

Heute wird das Achtelfinale der Europa League ausgelost, zu den möglichen Gegnern zählt auch die Frankfurter Eintracht, und Slavia Prag, das sich überraschend gegen Sevilla durchsetzte. Wie schon zuletzt wäre Prag mein Wunschgegner.

Geschrieben von marxelinho am 15. März 2019.

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