21. April 2018

Der lange Abschied

Hertha spielt heute gegen Frankfurt, und in zwei Stunden werde ich mich dann auch ganz darauf konzentrieren. Aber natürlich ist das Thema des Tages auch für mich der Rücktritt von Arsene Wenger. Die Zeitungen sind heute voll mit Berichten, die alle wie Nachrufe wirken. Mir tun aber nur die BVB-Fans leid, die sich nun mit dem Gedanken beschäftigen müssen, ob Wenger im Pott vielleicht noch ein paar Jahre an seine Karriere dranhängen könnte. Ich bin enorm erleichtert, dass die Personalie bei Arsenal endlich entschieden ist, auch wenn die Nachfolgefrage naturgemäß die allerschwierigste ist.

2004 war Wenger nach der Saison der "Invincibles" auf dem Höhepunkt. Danach gab es für meine Begriffe drei Momente, in denen der lange Niedergang begann.

24. Oktober 2004 Manchester United - Arsenal FC 2:0

Auch in der Saison nach dem Titelgewinn ohne eine einzige Niederlage trat Arsenal noch lange dominant auf. Erst im Oktober riss die Serie, und zwar mit einem Skandalspiel in Old Trafford. Der Schiedsrichter spielte eine unrühmliche Rolle.


17. Mai 2006 FC Barcelona - Arsenal FC

Das Champions League-Finale, das so unglücklich lief. Näher kam Wenger dem größten denkbaren Erfolg für einen europäischen Clubtrainer nicht.


23. Februar 2008 Birmingham City - Arsenal FC

Ich war an dem Tag unterwegs zu einem Auswärtsspiel von Hertha in Wolfsburg, deswegen sah ich dieses Spiel nicht vollständig, aber die entscheidende Szene hatte ich mitgekriegt: Martin Taylor brach damals Eduardo mit einem brutalen Foul das Bein. Arsenal führte bis zur letzten Minute 2:1, bekam dann aber noch ein Gegentor. Der Faden, der damals riss, konnte niemals mehr neu geknüpft werden. Das Fanvideo von dem Elfmeter ist großartig und furchtbar zugleich.


Nun, da die Sache klar ist, kann ich Wenger auch wieder Respekt zollen. Ich würde mir Thomas Tuchel als seinen Nachfolger wünschen. Die Europa League Spiele in den kommenden zwei Wochen kann ich mir jetzt mit klarer Perspektive ansehen, denn mir ging es zuletzt tatsächlich schon eher darum, dass Wengers Erfolglosigkeit so deutlich wird, dass er unmöglich noch einmal in eine weitere Saison gehen kann. Nun würde ich ihm zum Abschied noch einen großen Erfolg wünschen.

Geschrieben von marxelinho am 21. April 2018.

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15. April 2018

Klassenrunterschied

Hertha macht erstaunlich konsequent mit dem Projekt weiter, in der Rückrunde eine möglichst vollständige Kopie der Hinrunde zu erstellen. Seit dem Spiel gegen Bremen, also seit dem 20. Spieltag ist die Punktausbeute aus beiden Runden identisch, und wenn dieses Gesetz bis zum Ende noch intakt bleibt, dann könnte man jetzt schon sagen, was herauskommt: Hertha würde dieses Jahr mit 47 Punkten beenden, das sind zwei weniger als im Jahr davor, als nach einem deutlich unausgeglicheneren Auftritt 49 Punkte zu Buche standen - und eine Europacup-Teilnahme.

Man könnte das Phänomen so auf den Punkt bringen: in den Jahren davor war Hertha sehr unausgeglichen, zwischen Hin- und Rückrunde gab es einen beträchtlichen Unterschied. In diesem Jahr kompensiert die Mannschaft diese Unausgeglichenheit durch extreme Ausgeglichenheit. Mit dem 2:1 gegen Köln steht das Torverhältnis jetzt wieder auf Null, und die Siege und Niederlagen (je neun) halten sich bei naturgemäß überwiegenden Unentschieden (zwölf) die Waage.

Nächste Woche böte sich zwar gegen Frankfurt möglicherweise ein Pflücksieg wie gegen Bayer 04 an (eine wackelnde Mannschaft nach englischer Woche), aber inzwischen könnten einen die statistischen Finessen dieses Jahres fast schon mehr interessieren als das, was die Saison sportlich noch in sich birgt. Ein würdiges Saisonfinale gegen Leipzig in jedem Fall. Davie Selke kann es schon riechen.

Der Sieg gegen Köln kam auf eine Weise zustande, dass man daraus nicht viel ableiten wird. Ein Klassenunterschied, wie er in der kommenden Saison wohl wieder bestehen wird, war nicht auszumachen. Hertha begann stark (zwei Minuten), danach war das ein mittelmäßig kompetenter, vergleichsweise offener Bundesligakick, an dem in Halbzeit eins vor allem eine Personalie interessant war: das Abschiedsspiel von Mitchell Weiser.

Er war in der Saison davor einer der Hoffnungsträger einer neuen, jüngeren Hertha. Seither ist irgendetwas passiert, Spekulationen verbieten sich und sind auch nicht nötig, aber es ist offensichtlich, dass er derzeit nicht (und wohl insgesamt nicht mehr) in die Mannschaft gehört. Wir erinnern uns: er kam mit der Euphorie des Junioren-EM-Titels im Sommer zurück. Für keinen der drei Helden lief die Saison danach gut, aber Niklas Stark arbeitet sich gerade auf konservative Weise wieder an ein gewisses Niveau heran, und Selke hatte gestern einen kleinen Aufbruch nach einer langen Durststrecke, an der das Team, die Betreuer und er selber wohl ungefähr in gleichen Teilen Aktien hatten.

Weiser war gegen Köln defensiv wie offensiv schwach. Einmal hielt er sich minutenlang hoch aufgerückt auf rechts parat, aber die Kollegen nahmen ihn gar nicht wahr und fummelten zentral herum. Der Wechsel zur Pause war eine konsequente Reaktion, allerdings setzte Pal Dardai ein Signal: er brachte nicht Pekarik, sondern Leckie. Damit rückte Lazaro nach hinten - eine Position, auf der beim Auswärtssieg in Leipzig vor Weihnachten berühmt (in Frankzanderland) geworden war.

Beide Hertha-Tore hatten mit diesem Wechsel zu tun, denn beide entstanden aus Seitenverlagerungen nach weiterem Gefummel auf rechts. Zweimal brachte Plattenhardt dann den Ball von links in die Mitte, wo Dardai eine Doppelspitze aufgeboten hatte. Zweimal passte es für Selke.

Vor dem zweiten Tor hatte sich vor allem Kalou noch gezeigt. Er ist bekanntlich nicht mehr 20, trotzdem probiert er noch vergleichsweise am häufigsten etwas aus, geht in direkte Duelle, bleibt oft hängen, aber er schafft auch manchmal Raum. In diesem Fall sah er den Raum für Plattenhardt, und er brachte den Ball tatsächlich nach einer relativ anspruchsvollen Drehung im Zentrum dort hinaus. Der Gegner war in beiden Fällen geistig noch bei der Hertha-Überladung auf rechts.

Köln hatte noch beste Chancen auf einen späten Ausgleich, und Hertha hätte sich über ein Remis nicht beschweren dürfen. Aber die drei Punkte blieben in Berlin. Man kann hier eigentlich seriöserweise nicht einmal mehr von einem Arbeitssieg sprechen, letztlich war es wohl einfach so, dass Ausgeglichenheit zwar nicht viele Tore schießt, der Mut der Verzweiflung (den Köln zeigte) aber noch seltener.

Hertha ist also auf dem besten Weg, das Saisonziel zu erreichen: einen Platz in den Top Ten. Von den zehn möglichen Positionen wird es im Endeffekt zwar eine am unteren Rand des Saisonziels, aber das unausgesprochene und überdeutliche ist jetzt schon erreicht: Hertha ist konsolidiert. Jetzt aber bitte nicht auf diesem Niveau einmauern.

PS Die merkwürdigen Einspielungen alle fünf Minuten (Jetzt wird jeackat und so Zeug) - was war das denn? Kam das von Hertha? Das hatte ja etwas von Hirnstalking!


Geschrieben von marxelinho am 15. April 2018.

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Jörg (am 16. April 2018)

Die merkwürdigen Einspielungen waren für mich auch der interessanteste Nebenschauplatz. Für mich gehörte dazu: Die Ostkurve skandierte einmal "Keuter raus", und hatte ein passendes Spruchband als Mini-Choreo vorbereitet. Das ist ein merkwürdiger Konflikt, dessen Konfliktlinien für mich gar nicht so klar sind: wer ist da gegen wen und gegen was? Die merkwürdigen Einspielungen waren für mich eine Art Virtualisierung und gleichzeitig eine Vermarketingisierung (im Sinne von Branding und Corporate Identity) des Ortes Olympiastadion. Gefallen hat mir das auch nicht; Hertha muss nicht noch einmal klarmachen, dass sie ein Berliner Verein ist, und dass der Duktus des Berlinerns irgendwie lässig ist und sich selbst damit in Verbindung bringen. Beim Spiel war ich überrascht von der offensiven Aufstellung und dann sogleich entsetzt, dass sich Kalou und Ibisevic um den Ball bei der ersten Großchance stritten. Mich hat gefreut, dass Leckie ein so guter Wechsel wa. Obwohl die ganze Weiser-Geschichte natürlich schade ist. Ich würde mich freuen, wenn Hertha ein Club werden könnte, der Spieler wie Weiser bis zu einem Wechsel wie zu Bayern, Dortmund oder ins international spielende Ausland halten kann.
08. April 2018

Im Frühling fällt das Obst nicht von alleine

Eine halbe Stunde lang stand Hertha BSC gestern auf Platz 8 der Tabelle, hätte also einen großen Sprung gemacht und die gesamte Ausgangslage für die restlichen Spiele noch einmal grundlegend verändert. Es war ein Packing-Spiel: mehrere Gegner in einer Bewegung zu überbrücken. Ein Sieg gegen Gladbach war zum Greifen nahe, es fehlte nur eine Kleinigkeit: ein bisschen Vertrautheit mit dem Torerfolg. Weil es Hertha daran aber massiv fehlt, konnte Gladbach zurückkommen, das Spiel ging mit 1:2 verloren, und weil der FC Bayern gegen Augsburg vier Treffer erzielte, ging es in der Tabelle trotzdem einen Platz nach oben. Ironischerweise.

Spiele gegen Gladbach sind erfahrungsgemäß immer relativ offen. So war das auch in der Hinrunde, als Hertha schnell drei Gegentreffer einfing, und dann eine Stunde begeisternden Angriffsfußball zeigte, allerdings den dritten Treffer nicht fand. Gestern fiel das Führungstor zu einem günstigen Zeitpunkt. Man kann darüber diskutieren, wie sehr das alles Absicht war: der lange Ball von Niklas Stark in den Strafraum sah aus wie ein Traumpass, wenn man allerdings seine meist experimentellen Schläge nach vorn mitbedenkt, wird man da eher einen gewissen Anteil Zufall dazudenken. Jedenfalls konnte Selke mit Unterstützung von Unterstützung von Vestergaard den Ball so weiterleiten, dass Kalou nur noch abstauben musste.

Kalou und Selke waren dann auch in der zweiten Halbzeit die Protagonisten des Dramas. Beide hatten hochkarätige Chancen, die oft von Maier und Darida ausgingen. Selke im Speziellen erwies sich mehrfach als klassischer Zielspieler, man sah aber auch, dass es ihm an Routine fehlt: zweimal hätte er vermutlich noch ein bisschen mit dem Abschluss warten können. Ruhe im entscheidenden Moment ist eben nicht selbstverständlich, wenn man vielleicht das Gefühl hat, viel (zu viel) beweisen zu müssen. Selke hatte aus den Vorwochen auch eine individuelle Geschichte mitgebracht - Zweifel an seinen Qualitäten.

Die eine Großchance, die am ehesten als hundertprozentige zu sehen war, hatte jedoch Kalou. Dass er in diesem Moment das Tor nicht traf, ließ erkennen, dass auch ein Veteran vieler großer Spiele vor dem berühmten Moment des Zweifels nicht gefeit ist: eines Tages wird die Wissenschaft vielleicht messen können, was da in einem Spieler vorgeht, der am Ende einer tollen Bewegung nur noch abschließen muss. Der Ball ging rechts am Tor vorbei.

Der Rest ist Routine. Gladbach war nie vollständig aus dem Spiel. Die Einwechslung von Drmic gab den einstudierten Spielzügen mit kurzen Zuspielen in die Zwischenräume vor dem Strafraum und Weiterleitung auf die Flanke ein neues Ziel. Hertha ließ sich düpieren.

Für den möglichen Sieg fehlte etwas, was die Mannschaft ohnehin nie in besonderem Maß besaß, und in dieser Rückrunde fast vollständig verlernt hat: Entschlossenheit. Die wenigen Siege von Hertha (seit dem heroischen, leider vollständig folgenlos gebliebenen 3:2 in Leipzig) warne Fallobst-Siege: Leverkusen war reif und wurde gepflückt, gegen den HSV reichte eine intensive Viertelstunde, und schon da war der Siegtreffer eher glücklich.

Dieser Mangel an Entschlossenheit hat mit dem Missverständnis zu tun, das Pal Dardai ständig kommuniziert: er spricht immer von Lernen (und sagt damit indirekt: später, irgendwann einmal, werden daraus Erfolge). Er weiß sicher selbst gut genug, dass man Erfolg nur durch Erfolg lernen kann. Deswegen ist es so erstaunlich, dass er ein Team geschaffen hat, das konkret mit Toren und insgesamt mit Siegen fremdelt.

Immerhin war der Auftritt in Gladbach spielerisch gut. Selbst nach dem Rückstand gab es noch Chancen auf einen Ausgleich. Die Mannschaft hat Potential, es fehlt vor allem im mentalen Bereich. Die letzten fünf Spiele werden so oder so spannend. Denn nun gilt es, das Saisonziel zu verteidigen. Hertha steht in den Top Ten. Wäre jetzt Schluss, hätte Hertha erreicht, was das deklarierte Ziel ist, und die Saison müsste trotzdem als große Enttäuschung gezählt werden. Dagegen wäre nun fünfmal Geschick und Entschlossenheit zu setzen. Dann müsste Hertha sich nicht weiter in den neutralen Zonen der Liga vor sich selbst verstecken.

Geschrieben von marxelinho am 08. April 2018.

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Jörg (am 08. April 2018)

Wenn man von der Freude am Siegen abstrahieren könnte, so wäre das doch ein Spiel, das Freude gemacht hat, oder? Die Lücke im Mittelfeld war geschlossen, alle sieben Minuten (wahrscheinlich war es noch öfter) wurde eine gute Chance herausgespielt, und das mit schönen Kombinationen. Mir hat weniger Entschlossenheit gefehlt als Konzentration. Weiser wirkt momentan etwas abwesend, schon halb aus Berlin weg, er steht dann beim ersten Gegentor zu weit weg vom Mann. Und Lustenberger ist so ausgelernt und erfahren, da darf er nicht so breit gestreut in ein Tackling gehen. Meine Frage an Dardai wäre: warum hat er in der 60. Minute keine Wechsel vollzogen? Er hätte vielleicht mit einer frischen Kraft einem Konzentrationsverlust durch Erschöpfung vorbeugen können. Er hätte vielleicht dann auch auf den Matchwinner Hazard besser reagieren können. Ich würde denken, dieses Spiel wurde nicht in der Offensive nicht gewonnen, sondern in der Abwehr verloren. Für mich war's bitter-süß, insgesamt.
07. April 2018

Hurra-Fußball und Naja-Fußball

"Was wollen Sie noch sehen von Hertha BSC in den verbleibenden sechs Spielen?" Diese Frage in der Pressekonferenz vor dem Auswärtsspiel in Mönchengladbach ging bezeichnenderweise zuerst an Michael Preetz, erst später sollte dann auch Pal Dardai noch Erwartungen für das Saisonfinale formulieren.

In beiden Fällen fiel die Antwort naturgemäß defensiv aus. In den Zwischentönen konnte man eine leicht unterschiedliche Sichtweise zumindest erahnen: Der Manager würde sich freuen, wenn er die Mannschaft irgendwann "befreit aufspielen" sehen würde, der Trainer spricht von "Hurra-Fußball", mit dem notabene nicht zu rechnen ist.

Irgendwo dazwischen liegt das, was Hertha eigentlich lernen muss. Beispiele für Hurra-Fußball gab es zuletzt verschiedentlich zu sehen: das Länderspiel Deutschland-Spanien war eines, wobei da das Hurra nicht im bedenkenlosen Ausschwärmen der ganzen Mannschaft nach vorn lag, sondern in der exzellenten technischen Qualität, mit der fast jede Ballweiterleitung zu einem kleinen Hurra der Anerkennung anheben ließ; das Champions League-Spiel von Liverpool gegen Manchester City war ein anderes, hier lag das Hurra in der Intensität, mit der Liverpools Offensivformation dem Gegner zusetzte (in dieser Form hat Jürgen Klopp wirklich so etwas wie ein Copyright auf diesen Fußball, und in Salah hat er seinen momentan idealen Spieler dafür gefunden). In beiden Fällen gab es keinen Widerspruch zwischen Hurra und Absicherung.

Mit Blick auf Hertha müsste man fragen: Was ist das Gegenteil von Hurra-Fußball? Wenn ein Auftritt wie in der ersten Halbzeit gegen Wolfsburg schon als zufriedenstellend gilt, dann ist es der Mannschaft immerhin gelungen, die Erwartungen zu ihren Gunsten einzupegeln. Sie spielt verlässlich einen Naja-Fußball, mit sporadischen Intensitätsspitzen, die aber nie so lange dauern, dass ein Gegner wirklich in Schwierigkeiten kommen würde.

Es spricht also alles dafür, auch die Erwartungen zu dosieren. Gegen Gladbach hat Hertha im Herbst verloren, es wäre also schon ein Unentschieden eine Verbesserung. Ich schaue derzeit deswegen so genau auf die Komplementärergebnisse aus dem Herbst, weil Hertha in der Hinrunde in der zweiten Hälfte ganz gut zurechtkam - wenn das ähnlich gelingen könnte, dann könnte diese Saison sogar doch noch einen Lernerfolg bringen: dann wäre zumindest das Ungleichgewicht zwischen den Saisonhälften beseitigt. Dies jedoch um den Preis einer generellen Nivellierung. In den Vorjahren gab es immerhin auch Saisonphasen, in denen Hertha über den eigenen Möglichkeiten spielte. Daran wagt im Moment niemand mehr zu denken.

Es geht nun vor allem darum, kleine, aber deutliche Zeichen zu setzen. Zu oft hatte man zuletzt den Eindruck, dass die meisten Spieler schon zufrieden sind, wenn sie ihre Position bekleiden - dabei sollten sie etwas daraus machen. Der Wille, sich in das Spiel einzubringen, es zu prägen, mit mutigen, leidenschaftlichen Aktionen, aber auch mit klugem, inspirierendem Freilaufen und mit Einladungen, sich anspielen zu lassen (nicht mit utopischen Doppelpässen), eine Aggressivität, die etwas anderes ist als dumme Offensivfouls, das fehlt, und das hat noch überhaupt nichts mit Hurra-Fußball zu tun.

Hertha steht ganz knapp davor, ein vergeudetes Jahr bilanzieren zu müssen, hat aber noch alles in der Hand, die Zeichen auf Optimismus für die kommende Saison zu stellen. Niemand erwartet in sechs Spielen einen Durchmarsch auf Platz sieben, aber mehr als der Angriff auf den VfL Wolfsburg (der zur Zeit in der Remisbilanz noch zwei Spiele vorn liegt) sollte doch möglich sein.

Geschrieben von marxelinho am 07. April 2018.

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06. April 2018

Beinharter Protestkauf

Das Hinspiel gegen ZSKA Moskau im Viertelfinale der Europa League war für Arsenal eher ein Trainingsspiel. Ohne große Mühe, aber mit viel Esprit gelangen vier Tore, defensiv gab es durchaus Lücken, aber die russische Mannschaft war in keinerlei Hinsicht ein satisfaktionsfähiger Gegner.

Arsene Wenger stellte seine erste Elf auf - mit einer Einschränkung, die sich als Bereicherung erwies: weil Aubameyang in der EL nicht spielen darf, war Lacazette der zentrale Angreifer. Und so konnte man die eine oder andere Reminiszenz an tolle Momente aus der Hinrunde sehen. Denn Arsenal hat in dieser Saison schon gezeigt, dass im Spiel nach vorn immer noch eine Menge Potential da ist - und Mkhitaryan lässt dieses Potential noch wachsen.

Es gab ja Anfang Dezember 2017 so eine Art Schlüsselspiel. Damals verlor Arsenal daheim gegen Manchester United mit 1:3, das Ergebnis war Ausdruck zweier höchst unterschiedlicher Ansätze. United gewann mit zynischer Effizienz (zu der die Arsenal-Defensive auch nachdrücklich einlud), während Özil & Co. brillante Spielzüge in Serie auf den Platz brachten, aber nur einen Treffer schafften.

Schon damals war zu erkennen, dass Özil offensichtlich gern und gut mit Lacazette zusammenspielt. Der Dritte im Bunde war damals noch Alexis Sanchez. Der französische Stürmer hatte nach dem Jahreswechsel einen Durchhänger, und im März war er dann auch eine Weile verletzt. Insgesamt aber war durchaus zu sehen, warum Arsenal für ihn im Sommer viel Geld ausgegeben hatte.

Der Zukauf von Aubameyang war wohl in erster Linie eine Protesthandlung gegen das sinkende Renommee von Arsenal. Es zeichnen sich allerdings auch Möglichkeiten ab, Aubameyang und Lacazette gemeinsam spielen zu lassen - die ideale Personalverteilung ist das allerdings nicht.

Das hat mit der Formation im Zentrum zu tun. Arsenal spielt ja zumeist mit zwei Dreiergruppen, eine geht von Xhaka aus, gestern ergänzt von Wilshere und Ramsey - die drei spielen flexibel, aber gestaffelt. Ramsey, sonst eine Position weiter hinten, war gestern sehr oft im Strafraum, und erzielte auch einen technisch hochwertigen Treffer.

Davor dann Özil plus Mkhitaryan und Zentralstürmer, wobei Özil gern hinter Xhaka zurückfällt, weil er es mag, den Ball abzuholen, und dann aus der Tiefe die Bewegung zu organisieren. Gegen einen schwachen Gegner wie ZSKA nimmt er sich dann alle Freiheiten eines Kreisläufers, wobei Mkhitaryan ihn dabei perfekt ergänzt.

Wenn Lacazette und Aubameyang gemeinsam spielen, fällt entweder Wilshere oder Ramsey weg, also ein dynamischer Faktor durch die Mitte, oder Mkhitaryan. In jedem Fall hätte Arsenal für die nächste Saison im Kern eine sehr interessante Formation schon parat.

Handlungsbedarf besteht eher in der Defensive. Koscielny kommt allmählich in die Situation, in der Sol Campbell einmal war: ein langjähriger Führungsspieler, von dem nicht mehr klar ist, ob er noch Stammspieler sein soll. (Ein analoges Problem gab es später mit Per Mertesacker.) Mustafi sehe ich als Ergänzungsspieler, wobei er immer wieder eigentlich sehr solide agiert.

Arsenal braucht also im Grunde zwei neue Innenverteidiger, und natürlich einen Tormann. Das ist aber alles relativ gegenüber dem viel wichtigeren Umstand der Trainerfrage. Der glänzende Sieg gegen ZSKA sollte in entsprechenden Überlegungen keine Rolle spielen.

Geschrieben von marxelinho am 06. April 2018.

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02. April 2018

Drei Eier zu Ostern

Gegen starke Konkurrenz durch Ostereiersuche hat Arsenal einen 3:0-Sieg gegen Stoke City geschafft. Offiziell wurden 59371 Zuschauer gezählt, de facto waren es deutlich weniger, was nach Arsene Wenger mit dem "family happening" am Feiertag zu tun haben könnte. Er räumte aber auch ein: Arsenal "don't go for a lot in the League".

Platz 5 ist das Maximalziel, das Arsenal sich in der Liga in dieser Saison noch setzen könnte. Die Aufstellung gegen Stoke ließ jedoch deutlich erkennen, dass man Platz 6 bereits akzeptiert hat - um ihn gegen Burnley zu verteidigen, bedurfte es aber trotzdem eines Sieges. Der gelang schließlich trotz einer miserablen Leistung über zwei Drittel des Spiels.

Xhaka und Mkhitaryan waren die prominentesten Pausierer, an ihrer Stelle spielten Elneny und Welbeck. In der Defensive vertrat Calum Chambers Koscielny. Die ganze Formation ist derzeit "in transition", es gibt allerdings einen Fixpunkt. Mesut Özil hat ja verlängert, und man sieht ihm auch an, dass er seine Verantwortung wahrnehmen möchte. Man konnte das unter anderem an einem Disput sehen, den er mit Hector Bellerin hatte: nach einem zu spät gespielten Pass bekam der junge Katalane eine längere Stellungnahme von Özil. Auf Twitter gab es später ein Nachspiel.

Das Spiel ist nicht weiter der Rede wert. Es gab einen Pass von Özil auf Aubameyang, der in die ewige Galerie des Fußballs gehört, aber nicht als Assist zählt, weil Butland ein Tor verhinderte. Alles bei Arsenal ist derzeit Skizze, solange unklar ist, wer in der kommenden Saison der Manager sein wird. Ramsey und Wilshere sollten eigentlich neue Verträge unterschreiben, sie gehören für mich auf jeden Fall in eine künftige Offensivformation bei Arsenal.

Im Grunde müsste aufgrund der Leistung in der Premier League (nicht nur in diesem Jahr, der Trend ist seit Jahren unübersehbar) klar sein, dass Arsene Wenger im Sommer vorzeitig aufhören muss. Es gibt allerdings noch die Europa League, also die Chance auf einen nicht nebensächlichen Titel, der noch dazu zur Teilnahme an der Champions League berechtigen würde. Die beiden Spiele gegen ZSKA Moskau zögern also eine Entscheidung in der Trainerfrage weiter hinaus. Wenn sie nicht hinter den Kulissen doch schon gefallen ist.

Die voreilige Meldung des Kicker, dass Thomas Tuchel im Sommer bei Arsenal anfangen soll, ist auf eine Weise untergegangen, die mich inzwischen sogar eher wieder meinen lässt, da könnte doch etwas dahinter sein. In Paris wird man sich vermutlich früher in die Karten schauen lassen. Das spricht wiederum eher dafür, dass Tuchel zu PSG geht, denn Arsenal wird eine Entscheidung eventuell erst nach dem 16. Mai bekannt machen - der Termin hängt recht eindeutig mit dem Abschneiden in der Europa League zusammen. Je früher Arsenal ausscheidet, desto früher müssen sich die Verantwortlichen deklarieren.

Dabei wäre sogar noch ein Idealszenario denkbar: Arsene Wenger gewinnt noch einmal einen Titel, und kann dann mit allen Ehren emeritiert werden. Vielleicht will er es dann aber auch in der CL noch einmal wissen. Aber gut, so weit sind wir noch lange nicht. In absehbarer Zeit könnte sich allenfalls die Ungewissheit wegen Tuchel klären. Er wäre für meine Begriffe ideal für Arsenal. Und Arsenal wäre perfekt auch für ihn. Ein klein wenig habe ich die Hoffnung, dass er das auch so sieht.

Geschrieben von marxelinho am 02. April 2018.

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01. April 2018

Fight Club

Eines der kleinen Charakteristika von Pal Dardai ist, dass er nach dem Spiel fast immer sofort zum Interview kommt. Ich deute das so, dass das einfach schnell hinter sich haben will, er weiß aber auch, das es wichtig ist, selbst Stichworte für die Interpretation des Geschehenen zu geben. Im Grunde läuft die ganze aktuelle Saison auf einen Begriff hinaus, auf den er gestern auch wieder verfiel: Das torlose Remis gegen Wolfsburg im Olympiastadion am Samstagabend zu ungewohnter Stunde war ein "Kampfspiel".

Es hörte sich an, als hätte er gern etwas anderes gesagt, aber es lief dann doch wieder auf etwas Vertrautes hinaus. Ein Kampfspiel ist für Pal Dardai ein Spiel, in dem die Mannschaft nicht so ins Spiel kommt, dass sie Qualitäten zeigen könnte, die sich sie sich erarbeiten könnte, wäre Hertha nicht als Ausbildungsverein derzeit noch - und anscheinend auf ungewisse Zeit - darauf angewiesen, das Spielen zurückzustellen und irgendwie anders zu einem Erfolg zu kommen, der angesichts der konsequent aufgeschobenen Ansprüche eben auch schon in einem torlosen Remis in einem Heimspiel bestehen kann.

Gestern fühlte sich das so an, als würde die Mannschaft am liebsten genau die Distanz zum Abstiegskampf halten wollen, die sie seit Wochen auch gegen alle weitergehenden Hoffnungen verteidigt. Hertha will mit dem Anstiegskampf nichts zu tun haben, sich aber jederzeit auf ihn berufen können - auf die sichere Distanz dazu, die entfiele, wenn man sich für das Geschehen im einstelligen Tabellenbereich interessieren würde.

Auf diese Weise kommen neutralisierte Nichtspiele wie das gegen Wolfsburg zustande. In Halbzeit eins gibt es noch den einen oder anderen Versuch, dann aber wird immer deutlicher, dass ein Punkt besser ist als keiner, und wenn dann ein Gegner so matt daherkommt wie gestern der VfL, dann entsteht eben ein elastischer Nichtangriffspakt, der zwischen den Strafräumen teilweise auch hartnäckig erfochten wird. Das gilt dann als Kampfspiel.

Der repräsentative Spieler für diesen Ansatz ist Fabian Lustenberger, der bei Pal Dardai höher im Kurs steht denn je (Lustenberger spielt derzeit immer), auch wenn seine Grundhaltung weiterhin der Blick und die Körperhaltung in Richtung Jarstein ist. Lustenberger übt eine Art mimetischer Macht aus. Darida wird ihm immer ähnlicher, gestern sah sogar der vielversprechende Arne Maier schon ein bisschen danach aus.

Weiter vorn hat Hertha offensichtlich kaum eingeübte Muster, außer ein paar utopische Andeutungen von einem brillant wuselnden Kurzpass- und Kreiselfußball (Leckie und Weiser, der nach dem Spiel durchblicken ließ, dass er gedanklich schon anderswo ist). Ob Selke oder Ibisevic oder gar Schieber spielt, macht keinen Unterschied, das Spiel erreicht sie kaum einmal.

Mit dem Punkt gegen Wolfsburg hat Hertha zum dritten Mal hintereinander das Resultat aus der Hinrunde wiederholt. Es ist also immer noch einiges drin in dieser Saison. Aber die Kultur der Verweigerung von Ansprüchen hat sich inzwischen tief eingeprägt, sie wird schwer zu überwinden sein. Sie hat wohl auch ursächlich mit dem Temperament von Pal Dardai zu tun, der sich eben doch in Lustenberger stärker wiederzuerkennen scheint als in - ja, in wem eigentlich? Es fällt schwer, in der Mannschaft jemand zu finden, der vom Temperament, von der Ambition, von der Individualität her eine  Alternative darstellt.

Das ist schon eine bemerkenswerte Nivellierung, die da stattgefunden hat. Bisher hat Pal Dardai sich schon aus einigen kritischen Situationen ganz gut herausmanövriert. Die aktuelle Situation ist deswegen besonders kritisch, weil man sie ohne Weiteres in einen Minimalerfolg umdeuten kann. Bei den noch ausstehenden sechs Spielen kommt es nun schon weniger auf die noch möglichen 18 Punkte an, als darauf, etwas anzudeuten, wohin Hertha sich entwickeln könnte - aber auch so schon deutet sich ein Sommer mit einem gröberen Kaderumbruch an, denn in der augenblicklichen Verfassung sieht man da viele Spieler, die anderswo besser (dran) wären. Hertha muss sich also auf Plünderungsversuche einstellen.

Davon ausgenommen sind sicher Fabian Lustenberger und Pal Dardai.

Geschrieben von marxelinho am 01. April 2018.

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25. März 2018

Nachrichtengefälle

Man könnte einen kleinen Wiener Kongress des Fußballs abhalten über das, was sich an diesem Wochenende rund um Thomas Tuchel vernehmen ließ. Er wird aller Voraussicht nach in der kommenden Saison wieder arbeiten, er hat sicher gute Optionen, allmählich müssen sich die Perspektiven klären. Dann ging es plötzlich Schlag auf Schlag: Am Freitag wurde bekannt, dass der FC Bayern nicht der neue Arbeitgeber sein wird, und dass es auch schon einen neuen Arbeitgeber gibt - einen europäischen Topclub.

Außerdem hieß es, Bayern hätte ihn gern verpflichtet, aber zu spät gefragt. Ich wollte mir am Sonntagnachmittag in aller Ruhe überlegen, wie sich das aus Sicht von TT darstellen könnte. Schließlich habe ich in dieser Sache auch ein Interesse: ich würde ihn gern bei Arsenal sehen.

Sonntagmittag ging der Kicker dann mit einer Nachricht live, die sehr bestimmt klang: Tuchel wechselt zum FC Arsenal. Wenn das stimmt, ist es ein echter Scoop. Allerdings sind inzwischen sechs Stunden vergangen, und der Kicker steht mit der Nachricht weiterhin allein da. Niemand zieht nach, die Süddeutsche dementiert inzwischen sogar schon.

Was an der Kicker-Nachricht von Beginn an verdächtig wirkte, ist der Umstand, dass sie Tuchel eigentlich nur schaden kann. Denn wenn er bei Arsenal schon unterschrieben hätte, dann wäre es von höchster Dringlichkeit für alle Beteiligten (im Wesentlichen Ivan Gazidis, Arsene Wenger und Thomas Tuchel), dass die Verkündigung zu deren Bedingungen und gesichtswahrend für Wenger erfolgt. Auch wenn es also vielleicht eine Vereinbarung gibt, könnte diese durch die Tatsache der frühzeitigen, externen Vermeldung wieder hinfällig sein.

Tuchel hat auch noch andere Optionen. Paris Saint Germain ist eine, Chelsea eher nur Backup. Danach wird die Liste auch schon dünn. Möglicherweise kommt der Arsenal-Scoop aus Tuchels eigenem Lager, und ist einfach eine Ente, um die Oberhoheit über das Wochenende zurückzugewinnen, und die Unterschrift in Paris ist schon lange trocken.

Ein Blick auf die aktuelle Situation bei Arsenal würde eigentlich unbedingt für die Kicker-Nachricht sprechen, denn angesichts dieser Saison (die man bis auf die Europa League wohl abgeschrieben hat) muss für den Sommer eine Lösung her. Allerdings ist diese schon seit vier bis fünf Jahren überfällig, sodass man sich durchaus auch vorstellen kann, dass die Agonie mit Wenger dort noch eine Weile weitergeht.

Bleibt als unmittelbar interessante Frage eigentlich nur: Was hat den Kicker geritten, mit diesem Bericht vorzupreschen? Naheliegende, aber kurzsichtige Antwort: die Nachricht muss ihnen höchst plausibel erschienen sein. Aber sie müssen doch auch gewusst haben, dass sie deren Substanz mit der Form der Veröffentlichung höchstwahrscheinlich zerstören.

In irgendeiner Form hat sich der Kicker hier anscheinend instrumentalisieren lassen. Vermutlich lässt sich die Sache notdürftig rekonstruieren, sobald Tuchels "Entscheidung", die jetzt vielleicht noch einmal neu zu treffen ist, auf dem Tisch liegt. Das wird dann mein kleiner Wiener Kongress des Fußballs: da sitzen dann am Tisch England, Frankreich, Deutschland, Qatar, USA. Usbekistan, Putinstan, und aus der Ferne schauen Audi und die Telekom zu.

Im Übrigen würde ich mir wünschen, dass Aaron Sorkin über diesen Nachmittag im Haus Tuchel (Official) einen Film macht. Ich bin sicher, es gab eine Menge Fast Talking.

Geschrieben von marxelinho am 25. März 2018.

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17. März 2018

Hoch die internationale Intentionalität

Die Pausenansprache von Pal Dardai in Hamburg hätten wahrscheinlich die meisten Fans gern gehört. Denn es stand viel auf dem Spiel. Hertha hätte sich ohne Weiteres heute eine Krise zuziehen können. In der ersten Halbzeit war nicht alles schlecht, aber ein entscheidender Faktor wies in die falsche Richtung: Die Initiative war einmal mehr nicht auf der Seite von Hertha. Und in dem Moment, in dem die Mannschaft sich darum bemühte, lief sie in einen Konter.

Interessanterweise behalf sich Dardai in diesem Moment mit psychologischem Wissen aus Abstiegskämpfen. Er machte den Spielern die fragile Situation klar, in der der HSV in diesem Moment war, mit einem deutlichen Lebenszeichen, das aber noch 45 Minuten überleben musste. Hertha musste dieses Lebenszeichen direkt attackieren, und das gelang der Mannschaft dann auch in der Periode, auf die es wirklich ankam: die ersten 15 Minuten nach der Pause.

Wobei der Ausgleich im Grunde noch nicht eigentlich Ausdruck dieses Handelns war, denn eine Flanke aus dem Halbfeld, wie Plattenhardt sie schlug, ist (bei aller Qualität des konkreten Balls) ja auch Ausdruck einer Verlegenheit. Der HSV ließ sich von diesem individuellen Moment überrumpeln, in dem ein Herthaner Qualitäten entdeckte, die er zuletzt oft vermissen hatte lassen.

Danach befürchtete ich schon, dass wieder Sicherheitsfußball einkehren würde, und so war es dann auch, aber zum Ende dieser Viertelstunde intensiven Bemühens gab es noch einmal eine Bewegung mit Intentionalität. Arne Maier ging in den Strafraum, sein technisch anspruchsvoller Querpass ging mit ein wenig Glück genau zu Kalou, der eben erst eingewechselt worden war, und der Minimal-Talisman (Minimalisman) waltete einmal mehr dieses Amtes.

Ich würde die beiden Halbzeiten nicht zu sehr auseinanderdividieren. Die drei Großchancen zeugten immerhin (auf miserablem Rasen) von einer gewissen Spielkultur - gegen eine bisher in diesem Jahr desolate Mannschaft musste man aber auch ein bisschen Durchsetzungswillen erwarten, und den zeigte Hertha erst danach. 15 Minuten Mentalität erwiesen sich letztendlich als knapp ausreichend.

Aufgrund der Erfahrungen aus der Hinrunde können wir auch die Rückrunde in zwei Hälften teilen, und da zeigt sich, dass Hertha bisher genau so vorankommt wie im Herbst auch. Ein Remis gegen Freiburg, ein Sieg gegen den HSV. Das Heimspiel gegen Wolfsburg wäre in zwei Wochen eine Gelegenheit, zu zeigen, dass man sich nicht mit dem Allernötigsten zufrieden gibt. Ein Sieg gegen den HSV ist heuer das Allernötigste für eine Mannschaft, die mit dem Abstiegskampf nichts zu tun haben will.

Das sieht man auch daran, dass die drei Punkte in der Tabelle nichts bewirkt haben: Hertha steht auf Platz 11, die Distanz zu Platz 7 beträgt vier Punkte. Auch Pal Dardai hat heute gerade einmal das Allernötigste getan, um eine Trainerdiskussion, die keine "Trainerdiskussion" sein soll, mit Argumenten zu versorgen und sie nicht in den Leerlauf der Frustration verfallen zu lassen.

Aber wie es eben ist mit jedem Sieg: Er legt die Grundlage für Hoffnungen. Es wird uns nicht schwer fallen, sie im Zaum zu halten. Aber auf besseren Unterlagen und mit dem unabwendbaren Frühling in der Außenwelt kann man vielleicht noch das eine oder andere Experiment mit Initiative erhoffen.

Geschrieben von marxelinho am 17. März 2018.

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Jörg (am 18. März 2018)

Meine Liste der Lücken und offenen Baustellen in dem, was Dardai erreicht hat, wäre diese: 1. Spieler sind immer wieder unkonzentriert. Der erfolgreiche HSV-Konter gestern war eigentlich unnötig, Weiser steht nicht richtig, das Gegenpressing war ungeschickt. 2. Vorn fehlt häufig entweder Glück oder 5cm. Wie auch gegen Freiburg hatte Ibisevic gestern einige Chancen, die er nicht nutzen konnte. In der Hinrunde sind die Stürmer häufig ungewöhnlich effektiv, in der Rückrunde holt die Statistik sie dann wieder ein. 3. Vorn fehlt auch häufig entweder die Energie oder die Automatismen fürs Freilaufen und Anspielbar-Sein, systemisch werden zu wenig Chancen generiert. Im Spiel gestern hat Plattenhardt immer wieder gestikuliert: ich habe niemanden, den ich jetzt anspielen kann. Immerhin stachelt die Mannschaft sich gegenseitig an, auch von Ibisevic hat man das gesehen. 4. Das defensive Mittelfeld neigt dann und wann zu allzu großer Defensivität. Obwohl Lustenberger eigentlich wegen seiner Spielintelligenz einer meiner Lieblingsspieler ist. 5. Ungenauigkeit im Zuspiel. Entweder wissen die Spieler zu wenig, wo sie ihre Mitspieler erwarten können oder sie haben technische Defizite. 6. Halbgare Mentalität, vielleicht. Die Spieler spielen halt nicht immer wie gegen Bayern, mit 100% Einsatz und Schärfe. Diese Lücken und Baustellen verstellen meines Erachtens den Blick auf die Entwicklung, die durch Dardai angetrieben wurde. 1.) und 2.) sind effektiv am wichtigsten, 3.) muss sich Dardai am ehesten zuschreiben lassen. Positiv gesehen wäre mein Bild, dass Hertha unter Dardai einen intuitiven, schlitzohrigen Fussball spielt, der aus einer sicheren Defensive heraus ein offensives Maschinchen laufen lässt, das alle sieben Minuten eine Chance generiert. Mit etwas Personalkontinuität kann man damit um internationale Plätze spielen, ohne eine Mannschaft von der Qualität wie Schalke haben zu müssen.
11. März 2018

Dünn ist die Berliner Luft

In der Pressekonferenz vor dem Heimspiel gegen den SC Freiburg mussten Pal Dardai und Michael Preetz eine Frage beantworten. "Braucht Hertha einen Spielmacher?" Sie gaben eine Antwort, die man jederzeit unterschreiben kann: Die Mannschaft ist der Spielmacher. Im heutigen Fußball ist es unzeitgemäß, sich von einem genialen Individuum abhängig zu machen.

Allerdings bleibt dann natürlich die konkrete Nachfrage: Wenn die Mannschaft der Spielmacher ist (und Michael Preetz hat das konsequent bis in die erste Reihe der Spieleröffnung zurück erweitert und auf Mats Hummels als Beispiel verwiesen), ist dann also Karim Rekik ein Spielmacher? Marvin Plattenhardt? Fabian Lustenberger?

Damit haben wir das Problem sehr deutlich vor Augen: Die kollektive Verteilung der Herstellung des Spiels funktioniert nur bedingt. Ein paar sinnlose lange Bälle von Rekik sind nur ein Beispiel für einen Mangel, der in Summe am Samstag zu einem trostlosen torlosen Remis geführt hat. Ein halbe Stunde hat Hertha sich um einen Sieg bemüht, zwei der drei besten Torchancen kamen durch Balleroberungen weit vorne zustande.

Danach kam nichts mehr. Christian Streich, der Trainer des SC, machte die unschuldigste aller Mienen, als er später sagte, "die letzten sechzig Minuten" hätte seine Mannschaft das Spiel gut im Griff gehabt. Auch Pal Dardai räumte recht offen ein, dass Hertha nach einer halben Stunde mit den Bemühungen am Ende war.

Das ist doch ein bisschen früh für eine Bundesligamannschaft, von der es heißt, sie wäre fit. Das bedeutet weiters, dass die Einwechslungen keinerlei Unterschied machten (so war es auch, weder Selke noch Duda noch später Darida fielen auch nur mit positiven Ansätzen auf).

Spielmacher sind Spieler, die ein besonderes Auge haben, allerdings muss ihnen auch etwas ins Auge fallen. Sie können einen Raum bemerken, werden den Ball aber nur in diesen Raum spielen, wenn passend jemand in diese Richtung läuft. Gegen Freiburg gab es bald nur noch wenig Raum, und Hertha lief auch eher darum herum.

Schon in der ersten halben Stunde, als es noch Chancen gab, fiel auf, dass die offensiven Aktionen mehrfach entweder utopisch waren (Doppelpässe, die nicht im Traum zu erreichen waren), oder aber technisch schlampig gespielt (Lazaro nach einer Bemühung von Kalou). Angeblich trainiert Hertha seit einem halben Jahr fast nur offensive Spielzüge - wohin diese "Automatismen" gehen, ist unergründlich.

Vielleicht verschwinden sie dort, wo auch das Selbstvertrauen hin verschwunden ist. Vielleicht aber auch einfach in der Bequemlichkeit, die in Rune Jarstein den primären Orientierungspunkt des Spiels sieht. Fabian Lustenberger ist dafür das markanteste Beispiel, er lässt sich manchmal durchaus zu interessanterem Spiel bewegen (siehe Leverkusen), aber an seiner Generalanlage wird sich nichts mehr ändern: er nimmt jeden Ball so an, dass zuerst einmal ein Pass nach hinten naheliegt.

In der 80. Minute raffte sich die Ostkurve noch einmal kurz auf, aber das "Aufhören, Aufhören" von den bürgerlichen Rängen setzte sich durch. Ich habe nicht gerufen, aber die Lage ist ernst. Gestern hätte es auch nicht gereicht, ein wenig mutiger zu wechseln (wenn Pekarik rausgeht und Hertha auf Dreierfünferkette umstellt, hätte Maier auf dem Platz bleiben können, der zwar auch nicht brillant war, aber immer noch deutlich produktiver als Lustenberger). Die Mannschaft verschafft sich Enttäuschungen, und reagiert dann darauf mit Vorsicht.

Zum Trost kann man allenfalls sagen: Auch das erste Spiel gegen den SC Freiburg war schwach, Hertha hat einen Punkt gemacht, und danach in der Hinrunde noch 14. Die Mannschaft ist schwach, aber die Liga ist nicht viel besser, es geht auch so noch Manches.

Allerdings ist derzeit der Eindruck nicht so leicht von der Hand zu weisen, dass die dreijährige Ausbildungsreise mit Pal Dardai an einen toten Punkt gekommen ist. Sie begann mit einer Rettungskonsolidierung, und wurde seither zu einer Dauerkonsolidiering, die inzwischen Zeichen einer Lähmung erkennen lässt. Die "letzten sechzig Minuten" gegen Freiburg ließen jedenfalls keine Mannschaft erkennen, die sich nach Kräften ein Erfolgserlebnis verschaffen wollte. Oder vielleicht doch nach Kräften, aber dann waren es eben geringe Kräfte. Von einer zweiten Luft war nichts zu verspüren. Die Berliner Luft ist ein Lüftchen - wenig Moos, wenig los.

Geschrieben von marxelinho am 11. März 2018.

2 Kommentare

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Jörg (am 12. März 2018)

Wie immer eine sehr gute Analyse, Deine Selbstvergewisserungs-Soliloquien helfen mir jedes Mal, das kommentierte Spiel besser zu verstehen und zu verdauen. Mich hat das Spiel gegen Freiburg an das gegen Mainz erinnert. Gegen Mainz hat Hertha auch eine halbe Stunde gefällig gespielt, und dann wollte die Mainzer Mannschaft einfach die Punkte etwas mehr und hat die Herthaner in ihrer etwas unkonzentrierteren, weniger scharfen Spielweise zu Fehlern gezwungen. Freiburg dagegen war am Ende froh, einen Punkt mitzunehmen, und Petersen war nicht so gut drauf wie Quaison. Das Hertha-Spiel war nach 30 Minuten von einer klaffenden Lücke im Mittelfeld geprägt. Die Abwehr und das defensive Mittelfeld fand weiter vorn keine Abspielstationen. Die Angriffsreihe war zu weit entfernt und nicht in der Lage, sich frei zu laufen. Das wurde meines Erachtens etwas besser mit Darida und Duda, beide haben die Lücke geschlossen, dennoch war in der Angriffsreihe weiterhin niemand anspielbar. Im Vergleich zum Bayernspiel hat der Mannschaft die Schärfe gefehlt und der Wille, einen Ball zu bekommen, um eine entscheidende Aktion zu starten oder abzuschließen. Ibisevic hatte zwei sehr gute Chancen, ihm fehlten aber jeweils etwa fünf Zentimeter, die er näher am Tor hätte sein müssen, um den Ball ins Tor drücken zu können. Interessant fand ich, dass das Publikum zum Ende hin durch seine Pfiffe Lustenberger zu einem mehr nach vorn orientierten Spiel motiviert hat, das war ein schönes Beispiel dafür, wie nicht nur der Trainer sondern auch das Publikum in ein Spiel eingreifen kann. Dennoch meine ich weiterhin, dass man die derzeit in der Tat recht unattraktive Herthaspielweise nicht nur dem Trainer anlasten kann. Die nicht sehr ambitionierte Vorgabe des Managers war für diese Saison, in die Top 10 der Bundesliga zu kommen. Und ich finde das auch nicht falsch. Es gibt viele Mannschaften, die von einer ungewohnten Doppelbelastung von Europa League und Bundesliga überfordert werden, das ist vorher häufig nicht abzusehen. Und vor einigen Jahren war es ein running gag, dass Dieter Hoeneß einen Champions-League-Platz für Hertha einforderte und immer nur ein zweistelliger Tabellenplatz erreicht wurde. Zudem neigt der Berliner an sich zu großer Schnauze und Größenwahn (was ich auch gar nicht nicht unsympathisch finde, was aber zu Problemen führen kann). So bin ich bereit, unter diesen laschen, drucklosen, unattraktiven Spielen zu leiden und Hertha als Ausbildungsverein in einer Konsolidierungsphase zu sehen, und dabei nicht eine Dardai-muss-weg-Stimmung zu verfallen.
marxelinho1892 (am 13. März 2018)

Danke für das Wort Soliloquien. Mir liegt gar nicht daran, gegen Pal Dardai Stimmung zu machen. Es ist nur wichtig, ihn kritisch zu begleiten. Und seine Bilanz nach drei Jahren ist eben deutlich gemischt mit einer allmählich klarer werdenden Tendenz, dass er möglicherweise Hertha niemals zu einem aktiven und längerfristigen Europacupkandidaten machen wird. Ich weiß, das ist sehr schwer, aber diese Saison ist die, in der Signale in diese Richtung angebracht gewesen wären (trotz des zurückhaltenden Top 10-Ziels). Ich meine erkennbare Entwicklungsschritte. Sie fehlen einfach (Andeutungen waren da, sind aber verschwunden).