22. Februar 2019

Die Macht der Gefühle

Mit einem 3:0 im Heimspiel gegen Bate Baryssau hat Arsenal gestern die Blamage aus dem Auswärtsspiel eine Woche davor korrigiert. Man musste das 0:1 in Minsk nicht besonders ernst nehmen, ein katastrophaler Platz ist in so einem Spiel häufig ein fast ebenso gewichtiger Gegner wie die Mannschaft, mit der man es zu tun bekommt.

Arsenal ist also in der Europa League eine Runde weiter, unter den letzten 16 gibt es auf jeden Fall eine Reihe von Titelkandidaten, für das Achtelfinale könnte es aber auch noch einmal eine "leichte" Aufgabe werden. Mein Wunschgegner wäre Slavia Prag. Da könnte ich sogar für wenig Geld hinfahren.

Man muss das Spiel gestern nicht groß analysieren, um zu bemerken, dass es spielerisch kein Meilenstein war: Zwei der drei Treffer fielen nach Eckbällen (Mustafi und Sokratis als Torschützen, das sagt schon eine Menge), der dritte war ein Eigentor, nach einer Hereingabe von Aubameyang, der nach rechts ausgewichen war.

Özil spielte auf der Zehn. Für den Regisseur musste Emery die Formation der letzten Wochen verändern. Er bot eine Viereroffensive auf, mit Mkhitaryan und Iwobi auf den Flügeln. Lacazette war gesperrt, damit erübrigte sich die Frage nach der Doppelspitze. Kolasinac bekam eine Pause, und damit auch die Fünferkette.

Das wären die Aspekte des Tages. Ein Text im Independent wirft aber eine grundsätzlichere Frage auf: Jonathan Liew diagnostiziert bei Arsenal 2019 ein Syndrom, das er aus der Psychologie entlehnt: Anhedonia. Wörtlich übersetzt könnte man sagen: Freudlosigkeit. Ein Unvermögen, irgendetwas tiefer (und schon gar nicht lustvoll) zu empfinden.

Da ist was dran. Und Mesut Özil ist vielleicht sogar das Sinnbild dafür, in seinem Bemühen, in ein Spiel zurückzufinden, von dem er nicht genau sagen kann, wo es inzwischen ist. Emery wiederum ist dazu gezwungen, ständig an der Formation zu basteln, jetzt ist Koscielny wieder verletzt, die Verteidigung laboriert an personellen wie an strukturellen Problemen.

Es gab in dieser Saison bisher im Grunde nur einen begeisternden Moment: das war das 4:2 gegen Tottenham. Das Rückspiel steht in einer Woche an, und dann gleich darauf auch noch das Heimspiel gegen Manchester United - beide Spiele sind für das Rennen um Platz 4 entscheidend, wobei Arsenal aber dann auch gegen Southampton oder Newcastle die "eingeplanten" Punkte holen muss.

Die Teilnahme an der Champions League wäre sicher ein Argument bei Transfers im Sommer. Doch selbst wenn Arsenal sich qualifizieren sollte, ist Konkurrenzfähigkeit im wichtigsten europäischen Bewerb nicht von selbst gewährleistet. Arsenal bietet derzeit das Bild eines Clubs, der alle Verantwortung seinem Trainer auflädt: die amerikanischen Besitzer, der neue Finanzdirektor, die sportliche Leitung durch Raul Sanllehi erwecken weniger den Eindruck, dass sie Emery in Ruhe arbeiten lassen wollen, als dass sie sich hinter ihm verstecken.

Der Spanier nimmt die Herausforderung an. Er coacht nicht nur aktiv, er agiert auch bewusst für die Kameras. Gestern zog er richtiggehend eine Show ab. Er steht eben ganz allein in der Auslage bei einem Club, bei dem vielleicht nicht Freudlosigkeit, aber doch eine merkwürdige Diskretion herrscht. Vielleicht ist das aber auch ganz bezeichnend, wenn man im Grunde nicht viel mehr als ein Randposten im Portfolio eines Mannes ist, der mit den amerikanischen Sportarten viel mehr anfangen kann.

Geschrieben von marxelinho am 22. Februar 2019.

0 Kommentare

Kommentieren

20. Februar 2019

Bolzplatzmentalität

Für den Kommentator von Sport 1 ist der Name Nikos Zografakis ein "Zungenbrecher". Man kann in dieser Bemerkung einen Rest des deutschen (Herren-)Provinzialismus erkennen, der bei den Stimmen aus dem Off im Fußball immer noch deutlich ausgeprägt ist. Für Hertha-Fans ist Zografakis ein geläufiger Name, spätestens seit dem Meistertitel, den die U19 im vergangenen Sommer geholt hat.

Es gäbe da übrigens noch ein paar andere Zungenbrecher: Jastrzembski oder Ngankam. Oder wie wäre es mit Aouchiche? Oder Ruiz-Atil? Okay, das sind jetzt schon Namen aus der gegnerischen Mannschaft, die wir gestern in der UEFA Youth League beobachten konnten. Hertha BSC gegen Paris Saint-Germain. Es war eine großartige Gelegenheit, einen "Vorschein" dessen zu verspüren, was im Fußball möglich sein kann - passenderweise gab es dann am Abend noch ein großes Spiel in Anfield in der Liga der richtigen Champions, an der Hertha BSC aus guten Gründen nicht beteiligt ist.

Die Jahrgänge 1999 bis 2001 machen dem Club aber schon eine Weile alle Ehre, und das 2:1 (0:1) ist ein weiterer Schritt. Das Amateurstadion hat gerade die richtige Größe, damit man so richtig dran sein kann am Spiel, und doch noch etwas von der Formationsarbeit mitkriegt. PSG hatte eine etwas jüngere Mannschaft nach Berlin entsandt. Wir wurden bald auf die Nummer 10 aufmerksam, ein schmächtiger Junge, in Österreich würden wir sagen: "a Zniachtl". Kays Ruiz-Atil, geboren in Lyon, familiäre Beziehungen nach Marokko, und trotz seiner 16 Jahre schon eine Seele des Spiels.

Die U19 von Hertha ist unter Michael Hartmann ein gut ausbalanciertes Ensemble mit systemisch eingehegter, aber nicht gelähmter Bolzplatzmentalität, gestern in einem klassischen 4-4-2. PSG ging in Führung, es gab unschöne Szenen bei einem Eckball, die Ostkurve war in diesem Fall ein kleiner Westwinkel, vor dem ein schwarzer Spieler aus Paris die Ecke treten musste. Ich weiß, dass es im Fußball auch immer darum geht, Gegner nicht nur zu schlagen, sondern auch zu verunglimpfen und sie bei Gelegenheit mit Bier zu überschütten. Aber muss man wirklich jugendliche Gäste so empfangen?

Aus dem Eckball wurde ein Tor, und ein ausgelassenes Jubelrudel direkt vor den Augen der Hertha-Ultras. In der zweiten Halbzeit spielte Hertha in die Richtung, in der wir auch standen, und nach einer Kombination über die linke Seite legte Jastrzembski für Krebs auf, und wenige Minuten vor dem Ende jagte Zografakis den Ball mit einem technisch feinen Weitschuss ins Ziel.

Krebs sieht man auf dem Bild, das mein Freund Ludger Blanke gemacht hat, auf dem Zaun. Es war ein toller Nachmittag zum Auftakt eines viel versprechenden Fußballfrühlings. Der FC Bayern lieferte dann wenige Stunden später dem Liverpool FC ein leidenschaftliches Duell, und nun bleibt vorerst nur zu wünschen, dass die Profis von der Hertha am Samstag in der Versicherungsarena in München auch einen Vorschein weiterer Möglichkeiten erkennen lassen. Mit Zungenbrechern wie Selke oder Duda oder Maier.

Geschrieben von marxelinho am 20. Februar 2019.

0 Kommentare

Kommentieren

17. Februar 2019

Pizza Capricciosa

Durch das Nachdenken über Ereignisse geistert ein Satz von Marx, der eigentlich von Hegel ist, und den jeder Kommentator des Zeitgeschehens gelegentlich gut brauchen kann: Wesentliches ereignet sich häufig zweimal, meinte Hegel, und Marx ergänzte - "famously", wie die Briten sagen würden -: einmal als Tragödie, einmal als Farce.

Auf den Fußball lässt sich das nicht ohne Weiteres umlegen, denn der Fußball ist ein Spiel, und ein Spiel kann nicht tragisch sein. Man könnte also variieren: im Fußball ereignet sich alles Wichtige von vornherein als Farce, und wiederholt sich gelegentlich als Posse. Oder als Blödheit. Oder als Wunder.

Der späte Ausgleich von Werder Bremen gestern Abend im Olympiastadion hatte mindestens Züge einer Farce, er war aber auf einer anderen Seite auch ein Wunder. Für Claudio Pizarro muss es gewesen sein, als würde sich die Welt seinem Willen fügen: er sah eine breite Mauer aus blauweißen Spielern vor sich, und entschied sich für den einfachsten aller Tricks, er schoss unten durch, oder dazwischen durch, denn so richtig hoch sprang eigentlich niemand, aber die Beine öffneten sich doch, es reichte für eine Abfälschung, die Lazaro, der zur Vorsicht nach hinten in Richtung Torlinie wegbrach, noch einmal abfälschte, sodass es für Jarstein wie eine Demütigung aussehen müsste. Sieh her, der Ball kommt sogar noch in deine Richtung, aber erwischen kannst du ihn leider nicht.

Für Hertha hat Ondrej Duda vor noch gar nicht langer Zeit ein ähnliches Freistoßtor erzielt. Im Fußball wiederholt sich ja wirklich ständig alles, niemals identisch, aber in doch deutlich erkennbaren Mustern. Man muss nur lang genug dabei sein, und man wird irgendwann anfangen, sich ständig zu erinnern - das war doch gestern genauso wie damals, als ... ja, natürlich, als die Bayern in der 96. Minute noch einen Ausgleich schafften. Der Unterschied war, dass die Nachspielzeit gegen Bremen berechtigt war, die gegen die Bayern damals auch. Also kein Unterschied, aber doch zwei unvergleichbare Ereignisse.

Hertha hatte Werder dominiert, nach einer ersten Viertelstunde, die ein wenig wacklig war. Bei den beiden gelben Karten, die Niklas Stark nicht bekam, kann man auch über Einmaligkeit und Wiederholung reden - hätte er die erste bekommen, hätte er die zweite nie bekommen können, jedenfalls nicht für das eine Foul, zu dem es nur kommen konnte, weil er die erste nicht bekam.

In jedem Fall hatte Hertha mit elf Mann das zweite und das dritte Drittel der ersten Halbzeit hindurch sehr stark gespielt. Selke erzielte das Tor, traf auch noch einmal den Pfosten, Duda setzte einen Freistoß mit mächtiger Gurke an die Querlatte. In Halbzeit zwei schlich sich dann vielleicht ein Gran Arroganz ein, denn Werder ließ sich so deutlich auf sichere Distanz halten, dass auch ohne große Entlastung nichts mehr passieren musste. Bis in die letzten Minuten des Spiels, denn besonders in diesen Minuten kann bekanntlich alles passieren, und oft beginnt es mit einem spekulativ in Richtung Sechzehner geschlagenen hohen Ball. Er fiel in die Gegend, in der Lustenberger einen Zweikampf mit Sargent irregulär abschloss.

Dann kam die Capricciosa.

Seltsame Situation also: Hertha ist als Mannschaft derzeit so gut, dass sie das Spiel gleich für den Gegner auch noch spannend machen muss. Gegen die Bayern wird das wahrscheinlich ein wenig anders sein. Und dann kommt ein Gegner, den eine Mannschaft, die so gut ist, wie Hertha, eigentlich unbedingt schlagen muss: Mainz. Da wird sich Hertha aber vielleicht daran erinnern, dass es gegen Mainz schon viele lähmende Spiele gab. Womit sich wieder eine Frage stellt: wie entkommt man der Wiederholung des Falschen durch Wiederholung des Richtigen? Am besten durch Vermeidung von Posse und Farce.

Geschrieben von marxelinho am 17. Februar 2019.

0 Kommentare

Kommentieren

10. Februar 2019

Allgemeiner Eigensinn

Als ich seinerzeit, es ist schon einige Zeit her, selber noch Fußball spielte, in einer Schülermannschaft in Oberösterreich in den siebziger Jahren, da gab es, in einer unbegriffenen Ahnung späteren Systemfußballs, den Vorwurf, einer wäre ein "eigensinniger" Spieler. In dem Vorwurf schwang auch immer Respekt mit, denn eigensinnig konnten nur gute Techniker sein. Idioten waren auch eigensinnig, bekamen dafür aber nie den Ball.

Salomon Kalou war gestern beim Auswärtsspiel in Gladbach in einem wichtigen Moment im besten Sinn eigensinnig. Eine offensive Situation im Strafraum war so verworren, dass sie nur mit einem Dribbling zu lösen war. Kalou fand diese Lösung, entschädigte die Mannschaft und die Fans damit für zahlreiche sinnlose Eigensinnigkeiten in den letzten Wochen, und brachte ein Spiel auf Kurs, das für Hertha-Fans vielleicht einmal einen bedeutenden Platz im Erinnerungskabinett einnehmen könnte.

Denn beim 3:0 klappte alles, es war aber auch fast alles bedacht worden. Gladbach ist keine übermächtige Mannschaft, sondern eine, die geduldig auf ihre Momente wartet. Es war also klar, dass das ein Matchplanmatch werden würde. Und Kalou sorgte dafür, dass es der Hertha-Matchplan wurde.

Ich steige mit dem Talisman von der Elfenbeinküste quer in die Erzählung von diesem Samstag ein, denn natürlich war das der Tag von Davie Selke. In der 55. Minute begab der Hertha-Stürmer sich auf eine sehr weite Reise: er bekam den Ball in der eigenen Hälfte auf der linken Seite, der Weg zum Tor schien unendlich, dazu hatte Matze Ginter (Nationalverteidiger) die Innenbahn. Selke, in diesem Moment taktisch zum Eigensinn im allgemeinen Interesse delegiert, trat an, verschaffte sich einen Vorteil, und dann kamen die Skillz. Selke brach ab, Ginter brach, erleichtert, auch ab, aber Selke hatte nur abgebrochen, um erneut anzutreten. Er beschleunigte noch einmal, und war nur schon im Sechzehner, dann im Fünfer.

Inzwischen war aber auch Personal in diese Bereiche zurückgekehrt, defensives Personal und dazu der blauweiße Intuitionsspieler Duda. Selke packte eine letzte Finte aus, und bediente den Kollegen, der wie schon des Öfteren in dieser Saison nur einschieben musste. Es war eine Weltklassetat der Nummer 27. Später krönte er seinen Tag mit einem Kopfballtor zum 3:0 nach Ecke von Duda.

Dass Hertha nach dem Pokalspiel gegen Bayern so in die Liga zurückkehren würde, war nicht zu erwarten gewesen. Man kann allerdings aus dem Gladbachspiel interessante Schlüsse auf die Betreuungsarbeit ziehen. Denn gestern war die Mannschaft exzellent aufgestellt. Die Formation war geradezu radikal verändert, dafür reichten drei Manöver, die aber alle deutlich in das Spiel ausstrahlten.

Ibisevic blieb auf der Bank, wodurch Selke endlich einmal der Target Man sein konnte, die Rolle, für die er wegen seiner vielfältigen Talente so gut geeignet ist. Hertha bekam wegen des Verzichts auf die Doppelspitze wieder ein Außenspiel, das zwar nach innen tendierte (Kalous Tor), aber auch defensiv für größere Sicherheit sorgte. Mein zweiter Mann des Spiels war Mittelstädt, der in vielen Kleinigkeiten eine spannende Entwicklung erkennen lässt.

Entscheidend war aber die Neubesetzung der Außenpositionen in der hinteren Linie. Klünter deutet an, dass er eine Option sein kann, das war schon gegen die Bayern (dort eine Position weiter vorn) zu erkennen. Der Clou war aber wohl Torunarigha als Vertretung von Plattenhardt. Hertha hatte damit endlich wieder ein Gefüge aus flexiblen Zweierachsen (Torunarigha-Mittelstädt, Grujic-Klünter, Klünter-Kalou, da gab es einen Super Pass, usw), in die sich Kollegen einschalten können. Torunarigha schlägt weniger Flanken, und ist deswegen vermutlich nur eine Aushilfe (und ein Fingerzeig) auf dieser Position, aber sein Spiel ist so viel variantenreicher als das des dramatisch einbeinigen Plattenhardt.

Hertha war auf Gladbach bestens vorbereitet, und das nach einer schlimmen Woche mit zwei dürftigen Heimspielen. Jetzt besteht gegen Bremen am kommenden Samstag eine ideale Gelegenheit, die Klischees zu bestätigen: Bei der Hertha, die wir kennen, müsste nun eigentlich ein desinteressierter Auftritt her. Mal sehen, ob da jemand für eine Überraschung gut ist.

Geschrieben von marxelinho am 10. Februar 2019.

0 Kommentare

Kommentieren

07. Februar 2019

Entscheidung ohne Punkt

Hertha BSC hat gestern eine eherne Pokal-Regel verletzt: Man darf im Achtelfinale ausscheiden, zumal gegen den FC Bayern. Aber es muss spannend sein. Es muss dem Charakter eines Ausscheidungsspiels Genüge getan werden. Die besondere Logik der Herausforderung, die in der Liga über 34 Spieltage gestreckt ist, muss zugespitzt werden. Für diese Umstände gibt es ein eingebürgertes Wort: im Pokal erwartet man einen Pokalfight.

Es war aber fad. Das Resultat (2:3 nach Verlängerung) klingt zwar nicht danach, aber dieses Spiel war nach zehn Minuten zu Ende. Nach einem hektischen Auftakt (Fehlentscheidung gegen Goretzka und Rekik, Tor durch Mittelstädt, Ausgleich durch Gnabry) übernahmen die Bayern das Kommando, und Hertha machte nicht wirklich Anstalten, auch etwas übernehmen zu wollen. Jedenfalls nicht Verantwortung für das Spiel.

In der zweiten Halbzeit gab es noch einen dusseligen Gnadenakt von Außenrist15, den Davie Selke sich nicht entgehen ließ. Danach spielte Hertha endgültig nur noch auf Elfmeterschießen.

Ich habe den Verdacht, dass Pal Dardai daran nicht ganz unschuldig ist. Immerhin ließ er mit seiner Aufstellung einen anderen Plan erkennen: er verzichtete auf die Doppelspitze, brachte dafür Mittelstädt und Kalou, eine Variante, die sich aber nur beim Führungstreffer bestätigte. Der Talisman aus der Elfenbeinküste hat seit seiner Verletzungspause einiges an Zauber verloren.

Im Mittelfeld bekam der wackere Recke Skjelbred einen Einsatz, aber es lag nicht an einem einzelnen Spieler. Die Bayern wären gestern zu schlagen gewesen, sie spielten allerdings selbst noch mit den Restbeständen des Guardiola-Fußballs eine routinierte Dominanz aus, gegen die Hertha ein bisschen mehr hätte mobilisieren müssen als eine prinzipielle Unentschlossenheit.

Pal Dardai war selbst das Gesicht und die Stimme dieser ambivalenten Strategie. Er machte das Thema Elfmeterschießen vor dem Spiel unnötig groß, und vergaß auf das Exempel, das Hertha selbst noch in der Ligahinrunde gegen die Bayern gegeben hatte: schnelles, mutiges Kombinationsspiel über die Flügel und eine Mannschaftsleistung, aus der sich niemand ausnahm. Gestern gingen bei den wenigen Angriffen in der zweiten Halbzeit von vornherein nur drei, vier Leute überhaupt mit nach vorn. Der Ausgleich war eine Einzelleistung des hungrigsten Spielers, der in der internen Hierarchie aber immer noch hinter dem gewiss verdienstvollen Vedad Ibisevic steht.

Am Ende gab es die zwei Stehsätze: "Ich kann der Mannschaft keinen Vorwurf machen." Und: "Wir sind noch nicht so weit." Zumindest auf den zweiten Satz kann man antworten: Hertha war in dieser Saison auf jeden Fall schon einmal weiter. Und der Pokalfight gegen Bayern wäre eine Gelegenheit gewesen, daran anzuschließen. Das Ergebnis wäre womöglich auch dann nicht anders gewesen - im Cup kann man aber auch mit Niederlagen berühmt werden. Nicht jedoch mit einer halbherzigen Spekulation auf eine Entscheidung vom Punkt nach 120 Minuten.

Geschrieben von marxelinho am 07. Februar 2019.

0 Kommentare

Kommentieren

04. Februar 2019

Baustellenmanagement

Alex Iwobi, Flügelspieler von Arsenal, hatte gestern eine Guardiola-Erfahrung par excellence. Das Spiel gegen Manchester City hatte gerade drei Viertel der ersten Minute hinter sich, Iwobi bekam an der rechten Ecke des eigenen Strafraums den Ball, doch vor ihm stand Aymeric Laporte, nominell der linke Außendecker bei City. Iwobi wackelte ein paar Mal mit dem Fuß, Laporte wackelte nicht, schnappte sich den Ball, und nur sehr wenig später führte City durch einen Treffer von Kun Aguero mit 1:0.

Am Ende stand es 3:1, und Arsenal hatte nur ungefähr eine halbe Stunde lang halbwegs dagegengehalten. Das zweite Tor fiel kurz vor der Pause, das dritte hätte man wegen Handspiels auch zurücknehmen können, aber die Möglichkeiten von Arsenal waren doch sehr beschränkt.

Rechts spielte Lichtsteiner, nachdem Bellerin langfristig und Maitland-Niles kurzfristig ausfallen. Für meine Begriffe wäre Jenkinson eindeutig vorzuziehen, aber der kommt anscheinend nur für Cupeinsätze in Frage, also in diesem Jahr bei Arsenal nicht mehr - es sei denn, gegen Bate Barissau in der Europa League.

Mesut Özil blieb 90 Minuten auf der Bank. Seine Zeit könnte aber noch kommen, denn nun sind die Verhältnisse für  Arsenal in diesem Jahr geklärt: Platz 4 ist das einzige Ziel, das seriöserweise anzustreben ist. Und das ist auch keineswegs abzuschreiben, denn bis zum Saisonende warten nur noch zwei Gegner aus den Top 6 (Tottenham und ManU).

Lehren aus der Niederlage von gestern: Es geht auch ohne Granit Xhaka, im Grunde geht es mit Torreira und Guendouzi sogar besser. Das Problem bleibt die rechte Seite, was sich vielleicht mit der Rückkehr von Mkhitaryan bessern könnte, aber auch der ist in der Rückwärtsbewegung keine Leuchte.

Arsenal lässt sich schon die ganze Saison die Bälle um die Ohren schießen, diagonale Verlagerungen raffen sie überhaupt, aber auch hohe Bälle hinter die letzte Linie (eine Spezialität von Liverpool, die Klopp seinem Repertoire hinzugefügt hat, tun immer wieder weh). Gestern tauchte zum ersten Mal ein später Wenger-Transfer auf, der junge Grieche Mavropanos, der für die Innenverteidigung gedacht ist.

Insgesamt ist das eindeutig noch ein Wenger-Kader, und man kann sehen, dass der alte Elsässer (der damals ja alles allein entschied) durchaus ein Auge für Talent hatte - er hatte nur keines für Organisation, und er ließ seine Talente taktisch und strategisch mit ihren Fähigkeiten allein.

Emery hat nun ein anstrengendes System, das in Ansätzen auch funktioniert: zu jedem ballführenden Gegner jagt sofort ein Spieler hin, Balleroberungen soll es quer über das Feld geben, und dann soll die Post abgehen. Arsenal kann auch Dominanzspiel, dafür fehlte zuletzt aber meistens dann doch ein Spieler vom Typ Özil. Guendouzi ist das schon in Ansätzen, es spricht alles dafür, auf ihn zu setzen. Er wird aber erst dann wirklich gut, wenn er sich die Haare schneiden lässt. Da hat er wohl aber Angst davor (Simson-Mythos).

Ich greife einmal ein wenig vor und skizziere eine Arsenal-Mannschaft, wie sie nächste Saison aussehen könnte: Im Tor Leno (leider nur eine Durchschnittslösung, aber Arsenal wird auf dieser Position wohl nicht investieren). Die Dreierkette muss im Grunde ganz neu aufgestellt werden: Holding und Mavropanos könnten eine Rolle spielen, Sokratis nicht mehr, Mustafi auf keinen Fall, Koscielny als Talisman. Mittelfeld: Xhaka muss überwunden werden. Guendouzi und Torreira brauchen gute Backups. Mit Kolasinac und Bellerin kann man arbeiten, auch mit Lacazette und Aubameyang. Bleibt Özil, die Funktion bzw. der Spieler.

Interessant waren die 25 Minuten von Denis Suarez gestern: er ist der erste richtige Emery-Transfer, kam von Barcelona, er sah absolut hilflos aus. Ich erwähne dass, weil er für die Aufgaben gedacht ist, auf die es ankommt, auf die vorletzten und letzten Pässe, also für den Bereich Özil.

Arsenal hat im Grunde derzeit nur eine Doppelspitze (in die sich Aubameyang wohl oder übel fügt), und ein talentiertes Mittelfeldduo (Torreira und Guendouzi), der Rest ist Baustelle. Mit dieser Baustelle gibt es jetzt noch 13 Spiele und die Europa League.

Geschrieben von marxelinho am 04. Februar 2019.

0 Kommentare

Kommentieren

03. Februar 2019

Unterzahlspiel

Gestern war ich auch versucht, mir das Heimspiel von Hertha gegen Wolfsburg lieber zu Hause anzusehen. Ich fuhr dann aber doch hinaus, bekam unterwegs eine minimale Andeutung von Winter zu verspüren, und danach ein Bundesligaspiel von der Sorte, von der Hertha sich doch eigentlich allmählich emanzipieren möchte.

Für die Mannschaft wäre es eine Gelegenheit für einen wichtigen Lernschritt gewesen: endlich einmal auch dann erfolgreich zu sein, wenn davor schon ein bisschen was gelungen war. Der Auftakt in die Rückrunde war ordentlich, nun bestand die Möglichkeit, eine Tendenz anzudeuten.

Hertha verlor mit 0:1. Bei der Ursachenforschung wird man mentale Faktoren berücksichtigen müssen, der Schlüssel lag für meine Begriffe aber doch just in jenen Formationsfragen, mit denen nicht nur ich mich zuletzt ein wenig beschäftigt habe.

Ich spitze es zu: Hertha spielte 90 Minuten mit einem Mann weniger. Ich spreche von Fabian Lustenberger, und ich meine nicht seine individuelle Leistung, sondern seine Funktion. Das Spiel von Hertha ist 2019 bisher so mittig wie das Parteienspektrum vor dem neuen Populismus. Vorne ackert eine Doppelspitze, die mangels Versorgung ihren eigenen Flügel ausbreitet (Davie Selke). Hinten bekommt man im entscheidenden Moment die Sache dann aber doch nicht dicht - das Gegentor hatte eine Generalprobe schon vor der Pause, und im Grunde kann man auch Konoplyanka aus der Vorwoche da noch dazuzählen.

Gegen Wolfsburg durch die Mitte gewinnen zu wollen, zeugt nicht von brillanten strategischem Geschick. Und dann nahm der Coach auch noch Maier vom Platz - da hat er vielleicht an Bayern am Mittwoch gedacht, es sah aber nicht danach aus. Die Abstimmung zwischen Grujic und Maier passt nicht mehr ganz, seit sie in diesem Jahr auf einer Linie spielen. Bei dem Mann aus Liverpool, der auch mich schon ins Schwärmen brachte, sieht man allmählich auch, warum Klopp ihn vorerst nicht brauchen kann. Seine Defensivarbeit ist schwach (Chance von Steffen in der 26. Minute!), sein Impact ist auch nicht immer weltbewegend.

Als Kalou dann kam, ging er in die Spitze, wo doch eigentlich Selke hingehört. Am Rande tauchte bei diesem Spiel bei mir die Frage auf: Wo sind eigentlich die Talente hin verschwunden, von denen zu Beginn dieses Jahres die Rede war? Dennis Jastrzembski ist so alt wie Jadon Sancho. Allerdings hat man den Eindruck, dass da im Herbst schon irgendetwas zerbrochen ist. Vielleicht ist er nicht gut genug, vielleicht ist es schwierig, im Grunde die selbe Position zu spielen wie der Sohn des Cheftrainers. Gegen Wolfsburg hätte Hertha dringend Optionen auf dem Flügel gebraucht - die beiden Jungen waren nicht einmal im Kader.

Stattdessen hat Hertha sich einmal mehr durch eine Hereingabe von der Seite düpieren lassen. Die eigenen Flanken hingegen waren durchweg schwach. Plattenhardt bekam vom Trainer eine Live-Sanktion durch Auswechslung. Einen Teil der Verantwortung kann er getrost zurückspielen: Er war nicht gut, litt aber auch unter der Konzeption. (Seinen rechten Fuß sollte er aber doch einmal in Erwägung ziehen - ich wiederhole mich.)

Die Mannschaft ist ein Spiegel des Trainers. Pal Dardai möchte sich gern etwas trauen, aber er möchte vor allem Erreichtes absichern. Damit kommt man im Fußball allenfalls ins Niemandsland der Tabelle. Dorthin hat sich Hertha gestern fallen lassen, und muss nun sehen, wo wieder Boden unter den Füßen zu finden ist.

Geschrieben von marxelinho am 03. Februar 2019.

0 Kommentare

Kommentieren

02. Februar 2019

Überzahlspiel

Eine spannende Woche liegt vor Hertha BSC: Wolfsburg und Bayern daheim und dann noch Gladbach auswärts, an Bremen und die Bayern im Ligaspiel kann man auch schon den einen oder anderen Gedanken hegen. Hertha wird sich eine Weile in der oberen Tabellenhälfte umtun - das Cupspiel bildet dabei ein Nadelöhr in einen möglicherweise spannenden Frühling.

Bei den vielen Spielen wird es sicher auch personelle Varianten geben. Die Varianten stehen in diesen Wochen auch im Zeichen individueller Karriereplanungen: bei Fabian Lustenberger fiel bereits eine Entscheidung, bei Vedad Ibisevic müssen Spieler und Verein wohl bald eine treffen. Bei zwei weiteren Spielern könnte im Sommer trotz laufender Verträge etwas passieren, sollten sie in der Rückrunde wenig spielen: Kalou und Torunarigha.

Das hat alles mit einem Umstand zu tun, über den ich neulich schon geschrieben habe, und den die Kollegen von der Hertha Base zuletzt an Fabian Lustenberger festgemacht haben: Hertha hat immer einen Spieler zu viel - oder eine Position zu wenig, je nachdem.

Tatsächlich sind die Veränderungen in den ersten beiden Spielen der Rückrunde am deutlichsten an Arne Maier zu erkennen. Er spielt nun eine Position weiter vorn, ist nicht mehr der haltende Sechser. Gegen Nürnberg gab es diese Position de facto gar nicht mehr, gegen Schalke rückte Lustenberger auf diese Rolle in eine Raute. Die Auswirkungen dieser Formation auf das Flügelspiel (bzw. die latente Überforderung von Plattenhardt, Lazaro kommt besser zurecht mit dieser Jobbeschreibung) wurden schon erwähnt.

Die Formation steht von zwei Seiten her auch unter dem Druck individueller Ambition: Torunarigha und Kalou. Beide gehören eigentlich in die erste Elf von Hertha, für beide ist nicht so richtig Platz. Bei Selke ist die Situation anders: er spielt zwar, muss sich aber als Goalgetter gedulden. Er muss mit Assists und mit Wühlarbeit punkten.

Die neue Position von Maier kann man besonders gut bei dem Kontertor sehen, mit dem Hertha gegen Schalke begeisterte: der Spielzug wird von Grujic eröffnet, und dann marschiert eine Fünferzange los. Schalke ist bei diesem Move von Beginn an hoffnungslos in Unterzahl. Selke ist schon hier im Grunde der Flügelmann (später schlägt er eine Flanke auf Ibisevic zum zweiten Tor), er deutet Duda auch den orthodoxeren Pass an, wir kennen die Alternative, weil Grujic sie so elegant veredelt hat.

Lustenberger war zu diesem Zeitpunkt im Mittelkreis. Fünf Herthaner waren gar nicht mitgegangen. Es war ein Konter nur mit dem nötigsten Personal. Entscheidend ist aber, dass der Maier aus dem Dezember 2018 diesen Konter auch hätte spielen können, allerdings wäre hinter ihm ein riesiger Leerraum entstanden. Den hat Lustenberger abgesichert.

Mittelfristig wird Hertha aber doch um ein ausgeprägteres Flügelspiel nicht herumkommen, also die Zentrale anders organisieren müssen. Plattenhardt und Lazaro brauchen Partner. Das bedeutet auch, dass die Doppelspitze eine Ausnahme bleiben wird. Die Sache mit Ibisevic wird hart: er ist für Hertha eine absolute Identifikationsfigur geworden, seine Leistung dieses Jahr ist beeindruckend. Aber es wird an der Zeit, mehr mit Selke zu arbeiten: sein Talent ist zu groß. Mit einem Wort: ich würde mit Ibisevic nicht verlängern. Jedenfalls nicht für den Spielerkader. In jeder anderen Funktion würde ich ihn sehr gern weiter bei Hertha sehen. Ich könnte mir sehr gut vorstellen, dass er irgendwann ein spannender Trainer wird. Klug genug ist er auf jeden Fall.

Mit dem Heimspiel gegen Wolfsburg beginnt das Februar-Puzzle. Das Tolle ist: es gibt dabei eigentlich keine Teile, die man ungern in die Hand nimmt.

Geschrieben von marxelinho am 02. Februar 2019.

0 Kommentare

Kommentieren

26. Januar 2019

Halb voll ist fast leer


Hertha musste gestern Abend gegen Schalke 04 eine deutliche Niederlage hinnehmen. Ich meine nicht das Ergebnis, ich meine die Zuschauerzahl: 43027 bei einem Topspiel bei Fluchtlicht am Freitagabend, das ist kein gutes Zeichen. Dabei hatte der Winter sich Zeit gelassen, es war zwar kalt, aber nicht extrem, und erst heute morgen liegt eine kümmerliche Schneedecke in Berlin.

Hat das gleichzeitig im Fernsehen übertragene Handballspiel eine Rolle gespielt? Wenn das der Fall wäre, wäre das eine Verstärkung des schlechten Vorzeichens, denn dann müsste man das ja doch als ein Indiz dafür nehmen, dass die Liga schlechte Abwehrkräfte gegen Hypes hat. Oder ist es doch ein Berliner Phänomen?

Die Unentwegten, zu denen ich auch zählte, sahen ein spannendes Spiel und schließlich ein 2:2. Zweimal ging Schalke in Führung, zweimal kam Hertha noch vor der Pause zurück. Insgesamt geht das Ergebnis wohl in Ordnung, eher gab es sogar leichte Vorteile für Schalke. Hertha war insgesamt die bessere Mannschaft, machte aber auch die ausgeprägteren Fehler.

Und dann war noch die Szene mit dem Foul von Rekik an Schöpf, die ich erst im Fernsehen in ihrem Ausmaß erkannte. Die gelbe Karte war wohl eine Fehlentscheidung. Ein Platzverweis wäre angemessen gewesen.

Duda und Grujic waren bei Hertha die prägenden Figuren, leider auch bei den Gegentoren. So pendelt sich alles immer wieder ein. Von Grujic war ich in der Hinrunde phasenweise auch begeistert, inzwischen haben wir gelernt, dass sein Defensivspiel deutliche Schwächen hat: im Zweikampf nicht immer geschickt, in der Rückwärtsbewegung auch ab und zu träge, in der Antizipation schwach - beim 0:1 durch Konoplyanka ist der es, der begreifen müsste, dass Duda wohl Hilfe im Raum brauchen wird.

Duda war bei beiden Gegentoren wichtig. Hertha ist in der Lage, ein Spiel zu machen, und insgesamt funktioniert auch das Kompaktspiel ganz gut. Aber es gab Lücken, in der zweiten Halbzeit auffällig durch das Zentrum. Die Raute ist auch ein Faktor im Spielaufbau. Maier und Grujic warten oft auf gleicher Höhe auf den Ball, und zwar ziemlich weit vorn.

Trotzdem hatte Hertha schöne, sogar einige begeisternde Spielzüge. Für einen Sieg hätte es aber etwas Besonderes gebraucht, man spürte, dass innerlich das Unentschieden als hinreichend galt. Mit seinen späten Einwechslungen gab Pal Dardai dann auch noch das offizielle Signal dafür. Er nahm Maier vom Feld, und ließ Lustenberger drauf.

Zugleich verwies dieser späte Wechsel,  bei dem auch noch Mittelstädt kam, auf einen interessanten taktischen Aspekt. Hertha spielt derzeit mit zwei Spitzen und einem reichhaltigen Mittelfeld. Was fehlt, ist das Flügelspiel. Das hat auch mit Abwesenheiten zu tun (Dilrosun, Leckie). Und mit einer Überzahl: wenn Duda und Grujic fit sind, oder wenn Lustenberger (demnächst vielleicht besser Stark?) aus der Dreierkette nach vorn gezogen wird, dann ist einfach kein Platz für richtige Winger.

Hertha war aber zu Beginn der Hinrunde vor allem wegen dieses Kontraktionsspiels stark: der Ball ging oft durch die Mitte nach außen, und dann in Richtung Strafraum. Nun fehlen die Duos auf den Seiten, Plattenhardt und Lazaro müssen fast alles allein machen, und Selke bereitete als Aushilfswinger einen schönen Treffer für Ibisevic vor.

Die letzten paar Minuten spielte Hertha nominell wieder mit zwei Mann auf den Flügeln, wobei Mittelstädt kaum mehr an den Ball kam, und Kalou ein paar falsche Entscheidungen traf. Man sah aber, dass dies mittelfristig die bessere Variante sein dürfte. Bleibt die Frage, wo man eher einen Mann opfern sollte? Im Sturm wäre das dann entweder Ibisevic oder Selke - beide spielen derzeit auf ihre Art ziemlich gut. Im Zentrum wäre das Grujic, Duda oder Maier - wir erinnern uns, im Sommer begann Duda als Achter neben Maier in einem 3-4-3.

Das sind spannende Fragen, aber sie sind wohl spannend eher für unverbrüchliche Fans. Nächsten Samstag spielt Hertha wieder daheim gegen Wolfsburg. Es wird ein richtungweisendes Spiel. Ob über die Kerngruppe der Fans hinaus jemand davon Notiz nehmen wird? Zweifel sind angebracht.

Geschrieben von marxelinho am 26. Januar 2019.

0 Kommentare

Kommentieren

21. Januar 2019

Warme Füße

Der FC Nürnberg hätte allen Grund, gegen Hertha eine Klage wegen Ungleichbehandlung einzubringen. In der Hinrunde durften Abstiegskandidaten nämlich berechtigt hoffen, aus Begegnungen mit dem Hauptstadtclub gestärkt oder jedenfalls kurzfristig belebt hervorzugehen. Zum Auftakt der Rückrunde machte Hertha aber keine Faxen und fuhr mit einem 3:1 nach Hause. Es bedurfte keiner berauschenden Leistung, einige Feinheiten und drei entschlossene Schüsse reichten gegen einen richtig schwachen Gegner.

Ich war per Übertragung dabei. Zu lebhaft waren noch die Erinnerungen an eine Auswärtsfahrt vor sieben Jahren (nicht acht, wie ich gestern versehentlich getwittert habe), als ich mir in Nürnberg kalte Füße holte, und Hertha sich auf den Weg in Richtung Abstieg machte. Im Vergleich dazu steht Hertha derzeit doch ziemlich gut da, mit Position sieben in der Tabelle sogar richtig erfreulich.

Den Sieg in Nürnberg darf sich auch Pal Dardai zuschreiben. Er hat klug aufgestellt. Im Sommer zu Ligabeginn fiel ja auf, wie sehr Hertha von der Formation mit Dreierkette profitiert hatte. Dieses Mal war die innere Statik wegen des Fehlens von Flügelspielern wie Dilrosun eine deutlich andere: vor der absichernden Fünferklammer (oder der linkslastigen Viererkette) arbeitete ein Dreieck, und ganz vorn gaben Ibisevic und Selke eine Doppelspitze. Der Weg führte eher durch das Zentrum zu zwei Zielspielern, die gute Richtungen vorgaben.

Wäre der Pfostentreffer von Selke ein Tor gewesen, wäre die Formation auch in Ziffern schön symmetrisch aufgegangen: denn beide Stürmer glänzten auch als Vorbereiter. Davie Selke zeigt sich als Musterprofi, dem aber auch von Experten (Didi Hamann bei Sky am Sonntagnachmittag ist sowieso gut) die entsprechende Wertschätzung widerfährt.

Damals im Hinspiel war der verblüffende Effekt der neuen Formation, dass wir eine überraschend elastische Hertha sahen, die nicht mehr auf das Spiel über die Außenbahn limitiert war. Wir erinnern uns aber auch an einen Elfmeter und an Dusel gegen Ende. Dieses Mal blieb der Pfiff gegen Stark wegen Handspiels im Strafraum aus, und die bessere Mannschaft setzte sich durch.

Es war ein Pflichtsieg für eine Mannschaft, die um die europäischen Plätze so lange wie möglich mitspielen möchte - das ist eine alternative Formulierung für das offizielle Saisonziel. Die Saisonzieldebatte ist müßig, keine Frage, aber man kommt ihr nicht aus. Hertha möchte zur oberen Hälfte der Liga gehören, und von den entsprechenden Platzierungen reichen sechs oder sieben für Europa. Nicht einmal der vorsichtige Pal Dardai wird sich darauf versteifen, dass Hertha unbedingt auf Platz 8 landen muss.

Geschrieben von marxelinho am 21. Januar 2019.

0 Kommentare

Kommentieren