18. Juni 2018

Werch ein Illtum

Der eine oder andere Herthaner hatte gestern einen Gedanken, der vielleicht sogar Marvin Plattenhardt selbst durch den Kopf geschossen sein könnte, auch wenn er das nie zugeben dürfte: "Wenn heute alles gut geht, dann spielt er vielleicht die ganze WM." Der Linksverteidiger von Hertha kam kurzfristig in die Mannschaft gegen Mexiko, weil Jonas Hector nicht fit war. Das Spiel endete 0:1, und plötzlich sind viele nicht mehr ganz so optimistisch, wie lange denn "die ganze WM" für Deutschland überhaupt dauern wird.

Mit detaillierten Analysen muss ich mich hier nicht beschäftigen, unübersehbar war in jedem Fall, dass das deutsche Spiel rechtslastig war und dort auch mehr Probleme hatte - wieviel das damit zu tun hatte, dass die Stammspieler mit Plattenhardt auf links fremdelten, muss der Spekulation überlassen bleiben. Der viel gerühmte Ankerspieler Toni Kroos, der bei Spieleröffnung meistens fast an die Seite von Mats Hummels zurückfällt, hatte jedenfalls auffällig kaum ein Auge für den links an der Mittellinie wartenden Kollegen.

Man mochte sich von fern an das Jahr 2006 erinnert fühlen, als die Nationalelf rechts hinten einen Herthaner dabei hatte: Arne Friedrich war damals so auffällig ein Fremdkörper, dass er einem schon leid tun musste. Er konnte sich 2010 in Südafrika rehabilitieren.

Wir können jedenfalls einiges über die Logik von Karrieren aus diesem Spiel lernen. Es kommt nämlich nicht nur darauf an, dass ein Spieler seine Gelegenheit nutzt. In diesem Fall hat zu einem nicht geringen Teil auch die Mannschaft die Gelegenheit für ihn verpatzt. Plattenhardt ist nur ein Randaspekt in einer Mannschaft, der die Balance im Zentrum fehlte - leider ging Mesut Özil in der zweiten Halbzeit in einer dann schon radikal offensiven Formation ein wenig verloren, sodass auch seine Verächter wieder Argumente für ihr Vorurteil sammeln konnten. Sie werden es gegen Schweden dafür (auch) mit Gündogan (statt Khedira) zu tun bekommen. Alles andere wäre eine Überraschung. Özil aber droht die Bank.

Wenn es eine Skepsis der Kollegen gegenüber Plattenhardt gab, dann hat sie allerdings auch ein Motiv. Denn zu einem Außenspieler der Weltklasse fehlen ihm eben doch entscheidende Aspekte. Er flankt gut, wenn er in die Nähe der Grundlinie kommt, und er hat diese spezielle Intensivbeschleunigung drauf, die ihm die paar Zentimeter Raum verschafft, die er braucht, um den Ball am Gegenspieler vorbeizubringen. Plattenhardt hat aber eben diese eine, fundamentale Beschränkung: alle seine Lösungen führen zur Außenlinie. Weil er so radikal einseitig auf seinen linken Fuß (und auf die entsprechende Hirnhälfte?) festgelegt ist, kann er sich in das Kreislinienpowerplay, vor dem sich die deutsche Mannschaft in der zweiten Halbzeit sah, nur teilweise einschalten.

Schon im Ligaalltag habe ich mich oft gewundert, dass Plattenhardt an der Überwindung dieser Einseitigkeit, die ich fast als Behinderung wahrnehme, nicht arbeitet. Es wäre auch für das Spiel von Hertha eine enorme Bereicherung, wenn er den "Haken nach innen" (so nannte das Christoph Kramer gestern im ZDF) und vor allem den kurzen Pass in die Mitte in sein Repertoire aufnehmen könnte.

Die Nationalmannschaft könnte ihm da neue Aspekte erschließen. Leider hat das Ergebnis gegen Mexiko nun den Ergebnisdruck so erhöht, dass für Lernprozesse kaum noch Zeit ist. Und wenn Jonas Hector sich im Lauf der Woche regeneriert, wird er vermutlich am Samstag spielen - und danach die ganze WM. Auch wenn diesbezüglich derzeit sehr oft das Gesetz einer Serie beschworen wird, die regierenden Weltmeistern nur drei Spiele zugesteht.

Geschrieben von marxelinho am 18. Juni 2018.

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17. Juni 2018

Einigkeit und Recht und Allah

Mesut Özil und die Magie des Spiels

Die BILD kommt in meinem Leben normalerweise nicht vor. Ich schaue allenfalls gelegentlich hinein, wenn jemand im Zug ein Exemplar liegenlässt. So kam ich neulich zu einer Kolumne von Alfred Draxler. Es war einer dieser abscheulichen Texte, in denen jemand ein dumpfes Gefühl scharf zu machen versucht. Draxler ereiferte sich über Mesut Özil, weil der zu seinem Wahlkampffoto mit dem türkischen Präsidenten Erdogan nichts weiter sagen will. Özil soll erst dann wieder in der deutschen Nationalelf spielen dürfen, wenn er - diese Zuspitzung von mir hat der Söder provoziert - zu Kreuze gekrochen kommt.

Natürlich wäre es auch aus meiner Sicht besser gewesen, wenn Özil sich nicht für den Fototermin hergegeben hätte. Zumal er ja in Kommunikationsangelegenheiten ziemlich gut beraten wird, sodass zu befürchten steht, dass dahinter auch ein simples Mehrheitskalkül stand: Vergrößerung der Reichweite durch einen Schulterschluss mit dem mutmaßlichen künftigen Regionaldespoten.

Zugleich darf man aber nicht vergessen, dass Mesut Özil viele Rollen zugleich spielt: er ist ein deutscher Nationalspieler, der dies aber nur wurde, nachdem er lange Zeit ein "türkisch-deutsches Streitobjekt" war (so lautet eine Kapitelüberschrift in seinem Buch Die Magie des Spiels, das ich aus gegebenem Anlass jetzt gelesen habe). Und er ist ein globaler Superstar, der passenderweise einen Lebensmittelpunkt schon lange in London hat, der einzigen wirklichen Weltstadt in Europa.

Fast könnte man dabei an eine Verschiebung des Ressentiments denken: diejenigen, die ihn jetzt dafür beschimpfen, dass er den Türken in sich nicht amputiert hat (bei dem Erdogan-Termin müsste man psychologisch wohl auch seine komplizierte Vatergeschichte mitdenken, die Özil in dem Buch andeutet), hassen ihn in Wahrheit dafür, dass er nicht nur der Türkei, sondern auch Deutschland längst entwachsen ist.

Fußball spielt er aber in konkreten Mannschaften. Bei Arsenal, einem Premier-League-Club, damit in einer Weltauswahl; und für Deutschland, das Land, für das er seinen türkischen Pass zurückgab, was in seinem Buch ausführlich erzählt wird, weil es nur gegen den Widerstand der türkischen Behörden möglich war. Özil wird häufig dafür gescholten, dass er bei der Hymne nicht mitsingt. Dabei wird selten bedacht, dass sein Schweigen noch viel provozierender ist: er betet nämlich zu Allah, während die Kollegen "Einigkeit und Recht und Freiheit" beschwören. Einen deutlicheren Beweis dafür, dass der Islam zu Deutschland gehört, gibt es nicht. Deswegen ist Özil sogar das idealere Hassobjekt für die Nationalisten als Gündogan.

Die Sache hat noch eine weitere bittere Ironie: Viele von denen, die Özil wegen seiner Unterstützung des Autokraten Erdogan kritisieren, würden eine ähnliche Wahlkampfhilfe für den russischen Machthaber Putin keineswegs anstößig finden. Es macht in dieser Logik eben einen Unterschied, ob einer sich im Orient und als Muslim über das Recht stellt, oder im Abendland und als (wenn auch orthodoxer) Christ - den Putin sowieso nur spielt, und zwar mit unübersehbarem Zynismus.

Für Özil entscheidet sich in diesem Sommer sehr viel: bei Arsenal hat er ab Juli endlich wieder einen Trainer (nach drei Jahren unter Wenger, in denen die Mannschaft mehr oder weniger sich selbst überlassen war), und bei der Nationalmannschaft wird viel davon abhängen, ob Joachim Löw ihn heute in die erste Elf stellt.

In dem Buch wird ziemlich gut deutlich, dass der hochinteressante und von Kränkungen nicht freie Entwicklungsroman von Mesut Özil zu einer Abkapselung geführt hat. Er wird alles tun, um auch weiterhin die Blase zu verteidigen, die er sich geschaffen hat, und aus der manchmal Botschaften kommen, die fast schon intergalaktisch wirken, wie das Bild aus Mekka, das ihn im Pilgergewand gezeigt hat.

Sportlich wie menschlich gibt es derzeit wenige Geschichten im Fußball, die ich spannender finde. Özil könnte als Fußballer noch zwei, drei große Jahre vor sich haben, und sich damit zugleich die Freiheit erarbeiten, seine einzigartige Position allmählich mit mehr Leben zu füllen als mit dem faden Kinderhumanismus, den ihm seine Leute derzeit in die Tweets füllen. Ob er eines Tages als vollkommen leere globale Supermarke oder als große Integrationspersönlichkeit endet, hängt auch davon ab, wie sehr es den deutschen Kleingeistern in diesem Sommer gelingt, ihn festzunageln: auf einen Moment, in dem er wohl zugleich ein kleiner Junge aus einer Großfamilie aus der Gegend um Zonguldak und ein Premier-League-Star mit einer digitalen Weltgemeinde war. Mit beiden Identitäten ist er zugleich auch deutscher Nationalspieler. Wer das nicht aushält, mag zum Pfeifen in den Wald gehen.

Mesut Özil (mit Kai Psotta): Die Magie des Spiels, Bastei Lübbe 2017

Geschrieben von marxelinho am 17. Juni 2018.

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14. Juni 2018

Die Welt zu Gast bei Feinden


Heute beginnt also die Fußball-Weltmeisterschaft. In den letzten Tagen habe ich ein paar Mal mit Leuten darüber diskutiert, wie damit umzugehen ist. Ich habe mich dabei meistens auf einen hilflosen Halbwitz zurückgezogen und gesagt: "Ich werde die WM boykottieren, indem ich mir alle Spiele anschaue."

Viele werden nicht einmal verstehen, warum ich ein Problem habe. Viele andere haben ähnliche Probleme wie ich, nicht mit dem Veranstalterland Russland, sondern wegen des Regimes, das dort die Macht hat. Für meine Begriffe besteht das fundamentale Problem darin, dass Russland aktuell zwei Kriege führt: gegen die Ukraine, vor allem aber gegen Syrien. Zwar hat die russische Intervention in Syrien dazu geführt, dass Präsident Assad (schon jetzt einer der übelsten Verbrecher des 21. Jahrhunderts) als Sieger der Bürgerkriegs gilt. De facto aber ist dieser Bürgerkrieg nicht zu Ende, sondern nur zu Tode erschöpft.

In der Ukraine ist die Sache im Grunde auch klar: Russland hat massiv das Völkerrecht gebrochen. Darauf kann man entweder reagieren, indem man das Recht der Stärkeren anerkennt (die servile Lösung, die überraschend viele Anhänger hat), oder indem man auf einem "rule based system" besteht und deswegen auf Sanktionen.

Viel grundsätzlicher teile ich allerdings die Meinungen derjenigen, die meinen, dass Putins System einen allgemeineren Krieg führt, der in seiner Charakteristik eine ganz andere Begrifflichkeit erfordert: die kulturellen Aspekte (der lächerliche Virilismus, der Kirchennationalismus, die Ablehnung des westlichen Individualismus) sind ja nur Camouflage für ein globales Räubersystem, dem daran gelegen ist, das System der "Oasen" (der Bereiche, die sich den ohnehin schwachen Gesetzen der regelbasierten Welt entziehen) zum vorherrschenden zu machen.

Da passt die FIFA natürlich prächtig dazu.

Ich werde mir trotzdem die Spiele anschauen, und ich werde auch leidenschaftlich sein. Der Kampf, den ich skizziert habe, entscheidet sich nicht an einer Veranstaltung, und Freunde in Russland (Menschen, die auch Risiken eingehen, indem sie gegen Putin demonstrieren) haben mir klargemacht, dass ein Boykott auch nicht in ihrem Sinne wäre. In meinem Fall wäre es ohnehin nur ein Fernsehboykott.

Ich werde für England sein, für Senegal, für Polen, für Frankreich, für Spanien und für viele andere, unter bestimmten Umständen vielleicht sogar für Deutschland, in Sachen Deutschland auf jeden Fall für Mesut Özil (der bei der Hymne gern weiter nicht mitsingen kann), natürlich auch für Marvin Plattenhardt. Ich werde heute Nachmittag bei Rohöl (Saudi-Arabien) gegen Drohöl (Russland) für Russland sein, wegen Wassili Grossman (was jetzt niemand verstehen muss).

Das Bild zeigt eine Sommermärchenszene anno 2018, die sich mir heute morgen in Gelsenkirchen dargeboten hat.

Im Übrigen empfehle ich den Twitter-Account von Rebecca Harms.

Geschrieben von marxelinho am 14. Juni 2018.

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09. Juni 2018

Vertrauensnachschuss

Saisonbilanz (2): Pal Dardai

Ein paar Tage vor der Fußball-WM stellt das aktuelle Wochenende eine interessante Zwischenzeit dar. Die U16 spielt heute Mittag noch ein Finale, das zur abgelaufenen Saison zählt, zugleich wissen wir seit gestern auch schon den Gegner für das erste Pflichtspiel der Profis in der kommenden: Eintracht Braunschweig im DFB-Pokal. Bevor der nationale Fußball in den Mittelpunkt rückt (für mich schon morgen Nachmittag, wenn Österreich ein Testspiel gegen Brasilien austrägt), will ich heute noch eine abschließende Überlegung zu Hertha im Jahr 2017/18 anstellen. Sie betrifft den Trainer, Pal Dardai, und sein Team.

Wir sollten eine Trainerdiskussion führen, auch wenn natürlich klar ist, dass Hertha diesen Sommer den Chefcoach nicht auswechseln wird. Auch in meinen Augen wäre das ein zu radikaler Schritt, aber es macht trotzdem Sinn, sich zu vergegenwärtigen, dass es eine Reihe von Gründen dafür gibt, zumindest Überlegungen in diese Richtung anzustellen.

Pal Dardai und Rainer Widmayer haben Hertha im Februar 2015 übernommen und einen Abstieg vermieden. 2016 und 2017 spielte Hertha erfolgreich um die europäischen Plätze, in beiden Saisonen gab es einen eklatanten Unterschied zwischen der Hinrunde (stark) und der Rückrunde (höchst bedenklich). In diesem Jahr hat sich alles ein wenig normalisiert. Hertha hatte mit dem Abstiegskampf und mit dem Rennen um Europa nichts zu tun, hatte im Grunde mit überhaupt nichts etwas zu tun.

Was hätte man von diesem Jahr vernünftigerweise erwarten können? Statistisch vielleicht zwei, drei Punkte mehr und eine positive Tordifferenz, das fände ich einen guten Anspruch im Anschluss an die erfolgreichen Jahre davor, die sich aber nie erfolgreich anfühlten. Vor allem aber bin ich wohl nicht der einzige Fan, der eigentlich das ganze abgelaufenen Jahr hindurch nach Anzeichen gesucht hat, wie es mit diesem Kader unter diesen Betreuern weitergehen könnte. Diesbezüglich war die Saison eine Riesenenttäuschung (mit der einen Ausnahme des Auswärtsspiels in Leipzig, die bezeichnenderweise völlig folgenlos blieb).

Hertha hat in diesem Jahr jegliche Charakteristik eingebüßt. Selbst im Verlauf einzelner Spiele gab es immer wieder mehrere "Gesichter" zu sehen, als Generalnenner bleibt aber nur ein Befund von bestürzender Verweigerung von Ambition. Viel zu oft wurde ein schlechter Sicherheitsfußball gespielt. Die Integration begabter Offensivspieler wie Selke, Lazaro oder Maier gelang (aus allerdings unterschiedlichen Gründen) nur in Ansätzen. Hoffnungsträger aus der Zeit davor (Weiser, Stark, Plattenhardt, Darida) hatten ein mäßiges Jahr.

Auch hier fällt auf: Hertha hatte nie eine Linie, die über einen längeren Zeitraum probiert wurde. Am ehesten war eine klassische abwartende Konzeption erkennbar: Kompaktheit in der eigenen Hälfte und Hoffnung auf Umschaltsituationen knapp hinter der Mittellinie. Das ist so ziemlich der konservativste Ansatz, der heute denkbar ist. Nicht von ungefähr wurden viele erste Halbzeiten verschlafen.

Offensive Muster sind kaum zu erkennen. Wir müssen befürchten, dass sie entweder nicht trainiert werden oder nicht greifen. Dazu kommt das ungelöste Zehnerproblem, das mit dem Pressingproblem (wie weit vorn und wie organisiert?) zusammenhängt. Darida ist kein Zehner, Lazaro ist auf dem Flügel besser, Duda brachte nichts, aber das sind alles nur Symptome, dass Hertha mit dem Dreieck 6-8-10 nichts anfangen kann. Gute Angriffe durch das Zentrum kann man beinahe an einer Hand abzählen, und es gab sie fast nur in Spielen mit Arne Maier.

Pal Dardai hatte seinen Höhepunkt mit Hertha im Dezember 2016. Seither ist nicht wirklich viel schief gegangen, aber es wurde viel Zeit vertan. Das kann man an der Liste der Kollegen erkennen. Im Grunde hat die Liga in den Jahren, in denen Dardai bei Hertha der Boss ist, einen personellen Innovationsschub vollendet, der Dardai plötzlich ein wenig alt aussehen lässt: Tedesco, Kohfeldt, Baum, selbst Breitenreiter, dazu natürlich Hasenhüttl und Nagelsmann, und selbst der HSV, wiewohl abgestiegen, hat mit Titz einen konstruktiven Mann gefunden. Das ist in etwa das Feld, an dem die Trainerpersonalie von Hertha zu messen ist, und da ist doch deutlich, dass ein Kohfeldt zum Beispiel deutlich mehr Fantasie auslöst als Pal Dardai.

Das ist kein Grund, ihm das Vertrauen zu entziehen, zumal gute Alternativen rar sind. Dieser Sommer ist lang genug, auch für ihn, um Perspektiven zu finden, um sich ein wenig neu zu erfinden. Es spricht einiges dafür, dass Hertha die kommende Saison mit einem der interessantesten Kader seit langem beginnen wird. Die Integration der hauseigenen Akademiker ist einer der Pluspunkte von Dardai, nun wird es aber darauf ankommen, die Innovationskraft der Jungen nicht durch den Lustenbergerismus zu hemmen, auf den Dardai so große Dinge zu halten scheint. Lustenberger zeigt dem Spiel meistens die kalte Schulter, Maier hingegen den wendigen Rist.

Die Ansprüche wachsen in Berlin keineswegs in den Himmel. Die Hoffnungen auf die neue Saison sind nicht komplizierter als das Leben selbst: es ist zu hoffen, dass Hertha nicht einfach ein weiteres Jahr so halbwegs hinter sich bringt, sondern etwas aus diesem Jahr macht. Außer ein paar Andeutungen hat die abgelaufene Saison nichts gebracht. Es wird nun alles darauf ankommen, wie diese Andeutungen (Selke und Maier als Spieler wie als Faktoren) aufgegriffen werden. Darauf bin ich jetzt schon gespannt. Die Trainerdiskussion wird sowieso weitergehen, und ich hoffe sehr, dass Pal Dardai schließlich die besseren Argumente haben wird.

Geschrieben von marxelinho am 09. Juni 2018.

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05. Juni 2018

Ein Mann in Watutinki

Hertha BSC 2017/2018: Wie gut waren die Spieler?

Marvin Plattenhardt wird für Deutschland nach Russland fahren, und das heißt: auch für Hertha BSC. Wir Herthaner werden einen Mann in Watutinki haben. Das ist ein willkommener Anlass, noch einmal auf die Bundesligasaison zurückzublicken und zu schauen, wie sich die Hertha-Spieler gezeigt haben. Im Vorjahr habe ich ein Einzelrating gemacht, dieses Jahr versuche ich es anders: es geht mir nicht so sehr darum, die Spieler jeden für sich zu bewerten (das sollen berufenere Experten tun), sondern ich möchte versuchen, ein wenig zu verstehen, wie sich in diesem Jahr Mannschaftsleistungen und invididuelle Leistungen zueinander verhalten.

Das eine ergibt sich ja immer aus dem anderen, auf eine geheimnisvolle Weise aber in beide Richtungen: die Mannschaft spielt nicht einfach dann besser, wenn jeder individuell brilliert, sondern auch die Einzelleistungen hängen sehr von dem Gesamtauftritt ab.

Wir können gut mit Plattenhardt einsteigen, von dem man auf den ersten Blick eigentlich sagen muss, dass er eine enttäuschende Saison gespielt hat. Jedenfalls vor dem Hintergrund der Leistungen ein Jahr davor. Sieben Assists in diesem Durchlauf, davon allerdings zwei sehr wichtige in der späten Phase (gegen Hamburg und Köln). Vor seinen Freistößen muss sich niemand mehr fürchten, im Aufbauspiel ist er wegen seines vollständig tauben rechten Fußes (mit dem er gelegentlich einen halboffensiven Pass ins Zentrum spielen könnte) beschränkt.

Was für den linken Außendecker gilt, gilt tendenziell für die meisten Spieler im Kader. Sie haben sich in diesem Jahr nicht weiterentwickelt - dies alles aber eben vor dem Hintergrund, dass die Mannschaft insgesamt ein Ambitionsproblem hatte, das sie wohl doch von Pal Dardai übertragen bekam. Nicht zufällig wurde Lustenberger zu einem der wichtigsten Spieler, vom Coach immer wieder hervorgehoben wegen seiner angeblichen guten "Antizipation", für mich die Symbolfigur eines (auch ganz buchstäblich) rückwärts gewandten Sicherheitsfußballs, der nicht einmal wirklich sicher war.

Im zentralen Mittelfeld gab es mit Arne Maier immerhin eine Spielerentdeckung, aus der eine andere Hertha hervorgehen könnte: eine Mannschaft mit einer Ballverarbeitung auf der Höhe des neueren Fußballs, dazu ein geschickter Zweikämpfer, in jeder Hinsicht ein integrierender Spieler. Skjelbred hatte seine besten Spiele neben Maier. Darida fügte das Spiel nur in Ansätzen zusammen, bei ihm ist auch unklar, wo er besser hinpasst - als Zehner ist er ja vor allem erster Anläufer, wobei Hertha ja durchwegs ein schwach definiertes Pressing spielte, auch in dieser Hinsicht nicht Fisch (Simeone) und schon gar nicht Fleisch (Guardiola).

Die zweite Entdeckung war Davie Selke. Er war zugleich der "Königstransfer", es wäre also eine Blamage gewesen, hätte er sich nicht gezeigt. Der Coach war sich bei ihm nicht immer ganz sicher, aber in beiden Runden machte er sich hinten heraus stark bemerkbar. Seine Aggressivität ist grenzwertig, und ein individuelles Entwicklungsthema, sein Laufstil ist schräg, aber er ist gefährlich und hat Charisma.

Das gilt auch für Salomon Kalou, der in diesem Jahr schon sehr deutlich Probleme mit dem Spiel hatte, der es aber (fast schon würde ich sagen: durch reine Aura) auf unglaubliche zwölf Tore und drei Assists brachte - eine Leistung, die sich wohl nicht wiederholen lassen wird, wenn Hertha hoffentlich im neuen Jahr einen konstruktiveren Fußball spielt. In gewisser Weise war Kalou unser "man of the season" - er war selten wirklich gut, aber er war zumindest oft da, wenn es darauf ankam.

Leckie und Lazaro, ebenfalls in ihrer ersten Hertha-Saison, waren beide zu unbeständig, um über Andeutungen hinauszukommen. Dass Lazaro Potential hat, ist klar, aber er ist noch nicht ideal integriert - kein Wunder bei der Mannschaft, die häufig aus Individualverwaltungen von Aufgabengebieten bestand, wo man sich ein Zusammenspiel erhoffen würde.

In der Defensive tauchte im zweiten Hallbjahr das Problem auf, dass links mit Torunarigha ein möglicherweise herausragendes Talent hinter dem weitgehend überzeugenden Neuzugang Karim Rekik auf Einsätze warten muss, während rechts eine der großen Saison-Enttäuschungen mehr oder weniger konkurrenzlos war. Es mag hart klingen, wenn ich Niklas Stark so negativ hervorhebe, aber er erschien mir als einer der neuralgischen Punkte einer Hertha, die defensiv keineswegs so kompakt war, wie man es ihr nachsagt (und wie sie sich selbst sieht), und die beim Spielaufbau so schwer in die Gänge kommt.

Das Dogma, dass ein Linksfuß nur links in der Innenverteidigung spielen darf (oder dass links in der Innenverteidigung nur ein Linksfuß spielen darf), wird zum Beispiel von Mats Hummel und vom FC Bayern widerlegt (wie auch von Der Mannschaft). Hummels und Boateng bevorzugen beide den rechten Fuß. Die Zurücksetzung von Torunarigha ist auch Ausdruck eines schlechten Dogmas bei Hertha: quer durch die Formation gibt es im Passrepertoire fußbedingte halbseitige Lähmungen, deswegen enden so viele Spielzüge im Dickicht an den Außenbahnen. Es wäre interessant, Torunarigha aus seiner Konditionierung auf links einmal herauszuholen, er könnte mittig in einer Dreierkette spielen oder sogar rechts statt Stark, es könnte auf die ganze Mannschaft ausstrahlen. Er hat Anzeichen für singuläres Talent gezeigt, man würde ungern in sechs, acht Jahren einen weiteren Herthaner (wie Jerome Boateng) die Champions League gewinnen sehen, den man hier zu früh ziehen lassen musste.

Bei Ondrej Duda ist nicht ganz klar, woran es haperte (am mangelnden Vertrauen des Trainers oder am mangelnden Angebot des Spielers), aber es haperte eindeutig, und es sieht viel danach aus, dass das nichts mehr wird. Der Vorgänger von Davie Selke in der Rolle des Königstransfers ist inzwischen ein Fehleinkauf. Auch dieses Problem hat einen systemischen Aspekt in der mangelnden Konzeption von Hertha, wo weder Ballbesitzfußball noch Umschaltspiel jemals so weit kultiviert wurden, dass die Mannschaft sich bei ihren Vollzügen wiedererkennten hätte können. Sie hat also nie wirklich Muster ausgebildet.

Damit bin ich auch schon bei meinem Hauptpunkt: der Hauptfaktor von Hertha BSC in der abgelaufenen Saison war Pal Dardai. Die Trainerdiskussion (die keine Trainerdiskussion sein soll) folgt dieser Tage.

Geschrieben von marxelinho am 05. Juni 2018.

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28. Mai 2018

Bonusmaterial

Sonntagnachmittag gab es in meinem Heimkino einen Saisonhöhepunkt. Es war zugleich ein kleines Geschenk, ein Bonusmaterial zum Trost nach einer sportlich nicht gerade begeisternden Saison für Hertha BSC: Die U19 schaffte "Historisches" (Arne Maier) und wurde erstmals deutscher Meister - in einem Finalspiel gegen Schalke 04, ausgetragen in Oberhausen, also eher auswärts.

Erstaunlich, wie schnell man mit so einer Mannschaft vertraut wird, die ich erst im Halbfinale gegen den BVB zum ersten Mal so richtig als Ensemble wahrgenommen habe (als Pool der 1999er kannten wir sie natürlich schon ein wenig, mit Maier, Kade, Baak). In mancherlei Hinsicht verkörpert die Mannschaft von Michael Hartmann einen Entwurf, den man den Profis ohne Weiteres auch anbieten könnte: denn zumindest ein bisschen was von der Dynamik, die hier immer wieder zu sehen ist, würde der ersten Elf nicht schaden.

Im Nachwuchsbereich geht es ja wie in allen Bereichen des Lebens auch ständig darum, eine gute Balance zu finden: zwischen taktischer Ausbildung und "naturwüchsigem" Talent, zwischen Teamarbeit und Eigeninitiative. Die U19 ist in der Konstellation von Sonntag eine spannende Skizze für eine mutigere Hertha auch im Profibereich.

Den Titel holten die "Bubis", wie sie sich in den sozialen Netzwerken ironisch nennen, allerdings mit pragmatischen Mitteln. So blieb Jastrzembski anfangs auf der Bank, was wohl auch mit der Verletzung von Baak zu tun hatte, er wurde durch Kastrati vertreten, der mehr als Jahr jünger als die meisten Kollegen ist. Hartmann setzte auf ein stärkeres Mittelfeld zur Absicherung, Arne Maier spielte damit weiter vorn, als man ihn im Oly meistens zu sehen bekam.

Die beiden Treffer in der ersten Halbzeit fielen nach Standards. Hertha hatte das Spiel nicht gerade unter Kontrolle, Schalke gelang aber erst nach der Pause der Anschlusstreffer, schließlich traf Arne Maier mit einem abgefälschten Weitschuss entscheidend.

Die Übertragung war großartig, sie hatte etwas Familiäres, Pal Dardai war tatsächlich mit seiner Frau angereist und bemühte sich keineswegs um professionelle Distanz. Hertha hat vor der Sommerpause noch einmal von sich reden gemacht. Nun müssen das die Spieler individuell tun - das wird schwer genug werden für sie, und für Leute wie mich gibt es eine neue Beobachtungsmenge. Ich werde mich auch dafür interessieren, wie es mit Leuten wie Max Mulack oder Panzu Ernesto weitergeht - und mit der Fußballdynastie Dardai.

Die Spannung zwischen Samstag (Champions League) und Sonntag (Nachwuchs) macht den eigentlichen Reiz des Fußballs aus. Was dazwischen liegt, sind Geschichten. Im Idealfall wird aus den Geschichten etwas Historisches. Damit hat Hertha am Sonntag im Kleinen begonnen.

Geschrieben von marxelinho am 28. Mai 2018.

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23. Mai 2018

Der teilwissende Baske

Auf die Entscheidung, die heute bekannt gegeben wurde, habe ich seit Wochen inständig gewartet: Arsenal hat einen neuen Trainer. Unai Emery wechselt von Paris Saint Germain nach London, Thomas Tuchel wurde schon früher als Nachfolger von Emery in Paris bekannt gegeben. In den letzten Tagen hatte viele mit Mikel Arteta als Nachfolger von Arsene Wenger gerechnet, ob das eher ein Spin war, oder ob Emery tatsächlich kurzfristig den Vorzug bekam, lässt sich auch nach Lektüre der meisten britischen Zeitungen schwer sagen.

Eines aber ist jetzt doch klar: Arsenal hatte noch keinen Plan, als Arsene Wenger gefeuert wurde. Dass es eine Kündigung war, ist ziemlich eindeutig. Wenger selbst macht auch gar kein großes Geheimnis daraus. Es wurde also zuerst die eine Personalie geklärt, bevor die andere in Angriff genommen wurde.

Heimlich hatte ich ja doch eine Weile noch gedacht, dass es so etwas wie ein akkordiertes Vorgehen gibt: zuerst gibt es ausreichend Gelegenheit für einen würdigen Abschied von Wenger (das klappte ja dann auch ganz gut), dann wird die bereits vorbereitete Lösung präsentiert.

Es hätte sicher einen Moment gegeben, um auf Tuchel zuzugehen, allerdings wurde das durch das frühe Ausscheiden von PSG aus der Champions League erschwert. Anfang März konnte Ivan Gazidis, der CEO von Arsenal, noch nicht aus der Deckung, obwohl auch damals schon klar war, dass Wenger unbedingt abgelöst werden musste.

Tuchel wäre mein persönlicher Favorit gewesen, er hätte auch vom Typ her ideal in die Rolle des "Professors" gepasst. Zugleich hat er sich in den letzten Wochen beim BVB ja sehr klug von diesem Image entfernt, er zählt für mich neben Jürgen Klopp auch zu den interessantesten Persönlichkeitsdarstellern im heutigen Fußball. Mit diesem Wort will ich sagen, dass bei öffentlichen Figuren wie Klopp oder Tuchel natürlich immer die Inszenierung mitzubedenken ist. Beide sind ausgesprochene Talente in diesem Metier.

Arsenal hat also eine Weile gesucht, und ist nun bei einem dreifachen Europa League-Sieger fündig geworden. Emery wird es mit einer deutlich anderen Hierarchie als der allmächtige Wenger zu tun haben. Eine der großen Fragen für die Zukunft ist sicher, ob der Technokrat Gazidis nun Strukturen geschaffen hat, die Arsenal wieder wettbewerbsfähig machen. Offensiv erscheint mir die Personalsituation bei den Spielern eigentlich hinreichend, unklar ist vor allem, wie der Kern der Mannschaft verbessert werden kann: das Tor, die Innenverteidigung und das defensive Mittelfeld sind die neuralgischen Zonen.

Zum Beispiel interessiert mich sehr, wie Emery mit Xhaka umgeht. Ich könnte mir auch vorstellen, dass zwei neue Innenverteidiger kommen müssen, und für das Tor bringen die britischen Zeitungen schon Kevin Trapp in Stellung. Von Emery sagen viele, dass er Spieler individuell besser machen kann (wenn sie nicht, wie Neymar, meinen, schon alles zu können). Der Kader von Arsenal hat zahlreiche Spieler, die keineswegs am Limit gespielt haben: Da gäbe es also gut zu tun.

Gazidis hat mit der Ablösung von Wenger durch Gazidis nach Meinung der meisten Beobachter auch einen Machtkampf um die Initiative bei Arsenal gewonnen. Dabei ist durchaus unklar, ob er dabei überhaupt profilierte Gegner (mit einem eigenen Konzept der zumindest Vorstellungen) hatte. Trotzdem musste er natürlich moderieren. Der vorzeitige Abschied von Wenger war sein großer Move. Mit Emery spielt er nun ein bisschen auf Sicherheit. Trotzdem steckt in der ganzen Sache genügend Fantasie.

Hiermit sehe ich mich auch wieder offiziell als Gooner. Die Phase der Lethargie, die mit den langen Abschied vom allwissenden Elsässer kam, ist auch bei mir vorbei.

Geschrieben von marxelinho am 23. Mai 2018.

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19. Mai 2018

Potemkinsches Stadion

Beim Pokalfinale heute Abend wird das Olympiastadion wieder einmal glänzen. Es wird ausverkauft sein, und man wird eine moderne Arena klassizistischen Zuschnitts erleben, die klug saniert wurde und weiterhin an das Gebäude erinnert, in dem 1936 das faschistische Deutschland sich feiern ließ.

Wenn Hertha im August die Saison eröffnen wird, dann wird es - wenn nicht gleich zu Beginn die Bayern kommen - wieder ein wenig anders sein: das Oly wird vermutlich halbleer sein, die Stimmung ist trotzdem meistens gut, wegen der Ostkurve, die allerdings auch nicht unverwüstlich ist.

Inzwischen kennen wir alle das Datum, auf das es im Zusammenhang mit dem Oly ankommt: 2025 hat Hertha BSC die Möglichkeit, den Spielort neu zu bestimmen, weil dann der Pachtvertrag mit dem Olympiastadion endet. Dieses Datum liegt lange genug in der Zukunft, um sich dafür grundsätzlich etwas zu überlegen. Zugleich ist es aber auch schon ganz schön knapp, wenn man bedenkt, dass wir vor einer Jahrhundertentscheidung für Hertha stehen.

Denn ein neues Stadion baut man nicht alle Tage, und ein neues Stadion soll es sein. Darauf hat sich Hertha festgelegt, und zwar völlig zu Recht. Gestern wurde im Sportausschuss des Berliner Abgeordnetenhaus darüber diskutiert. Das Protokoll von Uwe Bremer lässt erkennen, dass wir vor einer hoch delikaten Phase stehen, denn Hertha muss für seine Idee eine politische Mehrheit finden, und zwar auch bei Leuten, die - obwohl sie im Sportausschuss sitzen - nicht unbedingt so klingen, als wären sie fußballaffin.

Das kann man zum Beispiel aus einem Statement von Notker Schweikhardt (Grüne) heraushören: Er fragt, schreibt immerhertha, ob es nicht sinnvoller sei, in Spieler zu investieren, statt in Steine. Das ist sicher gutgemeint, verrät aber, dass der Mann keine Ahnung hat. Denn Hertha wird in den nächsten Jahren sowohl in Spieler wie in Steine investieren müssen. Schweikhardt spricht also von einer Scheinalternative.

Die Gratwanderung, die gestern quasi offiziell begonnen hat, besteht ja gerade darin, dass einerseits das Projekt Stadionneubau (auf dem Olympiagelände) der Berliner Politik verkauft werden muss, während es gleichzeitig im Hintergrund den (bisher unbekannten) Investoren verkauft werden muss, die dafür das Geld geben würden. Hertha spielt also gewissermaßen mit offenen Karten, auf denen aber noch nichts stehen darf. Oder anders gesagt: Hertha muss einen Bluff spielen, der erst noch mit einem Blatt unterlegt werden muss.

Die Berliner Politik hat, wie mich nicht überrascht, einen schlechten Kompromiss eingebracht. Ein Vertreter des Senats hat Pläne für einen Umbau des Olympiastadions vorgestellt, die es substantiell verändern würden. Mit Denkmalschutz hat das nichts mehr zu tun, im Gegenteil wäre das dann ein Mehrzweckfunktionsbau. Der Umbau würde im Oly dann der Normalzustand: Laufbahn rein, LED rauf, etcpipapo. Und eines der raren Beispiele in der Berliner Stadtgeschichte nach 1989 für einen gelungenen Kompromiss zwischen Architekturgeschichte und Funktionsnotwendigkeiten ginge verloren. Man hätte stattdessen ein Potemkinsches Stadion mit lauter Paravents.

Hertha hat sich festgelegt. Das nehmen manche Abgeordnete dem Club krumm. Aber der Lösungsvorschlag, den Hertha vorgelegt hat, ist nun einmal der beste. Und zwar nicht nur für Hertha, sondern auch für die Stadt. Im Idealfall würde Berlin einen Bundesligaverein bekommen, von dessen sportlichem Erfolg und internationaler Strahlkraft die Stadt enorm profitieren könnte.

Dafür müssten allerdings eine ganze Reihe von Wetten aufgehen. Aber dafür ist es eben auch notwendig, dass kleingeistige Parteipolitik (von der AfD ist nichts anders zu erwarten, aber die anderen Fraktionen könnten schon einmal ein bisschen aus dem Verwaltungsmodus in den Perspektivmodus umschalten) nicht einen Moment verdirbt, in dem es ums Ganze geht.

Natürlich wäre das alles leichter, wenn Hertha mit einer Begeisterung werben könnte, die auch eine sportliche Grundlage hat. Diese Grundlage hat die abgelaufene Saison deutlich unterminiert, aber auch davon muss man abstrahieren. Clubs wie Gladbach oder Mainz haben es längst hingekriegt, Stadien zu bauen, die ihnen angemessen sind. Hertha ist spät dran, man sollte den Bemühungen keine mit LED-Screens verhängte Muschelkalksteine in den Weg legen.

Geschrieben von marxelinho am 19. Mai 2018.

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17. Mai 2018

Doppelbelichtung

Die Übertragung aus dem Fußballpark Hohenbuschei in Dortmund am Mittwoch von dem U19-Spiel zwischen dem BVB und Hertha BSC war auch eine Übung in Perspektivwechsel. Wegen der niedrigeren Kameraposition sieht man so ein Spiel eher so wie die Beteiligten am Spielfeldrand, es gibt keinen Hochsitz wie den, von dem aus ich die Profis beobachte.

Hertha kam nach dem 4:0 im Hinspiel fast noch einmal ins Schwimmen. Die Formulierung liegt nahe angesichts zweier Unterbrechungen wegen Sturzregen, die zweite dauerte ziemlich lang, da stand es 2:0 für den BVB, und es waren noch ungefähr zehn Minuten offen. Dann fiel sogar noch das 3:0, und es fehlte nur noch ein Tor für ein Comeback, wie es im Jugendfußball keineswegs ungewöhnlich wäre.

Hertha hatte aber auch noch etwas zuzusetzen: Arne Maier kam ins Spiel und zog sofort die Fäden. Mit ein bisschen Glück brachte ein Konter schließlich das erlösende Tor durch Muhammed Kiprit. Hertha steht im Finale gegen Schalke 04 - gespielt wird am Sonntag nach dem CL-Finale in Oberhausen.

Als ich neulich von der S-Bahn Pichelsberg zum Hinspiel im Amateurstadion spazierte, da hörte ich ein paar Sätze aus einer Diskussion von Fans mit, die von einem Angebot des FC Liverpool für Kiprit wissen wollten. Heute schreibt der Kicker, dass Kiprit wohl das Angebot von Hertha annehmen wird, in den Profikader aufzurücken. Wir können wirklich gespannt sein, wie sich die Karrieren dieses Jahrgangs entwickeln werden. Und auf Michael Hartmann sollten wir auch ein Auge haben.

Die U19 hat zwar gestern drei Gegentore kassiert, ein Faktor war dabei aber wohl auch die Verletzung und Auswechslung von Florian Baak. Insgesamt aber hat diese Mannschaft einen sehr guten ganzheitlichen Ansatz: Das Heimspiel und nun auch das Rückspiel waren ja auch deswegen so begeisternd, weil der Nachwuchs die taktischen Vorbehalte noch nicht so stark berücksichtigen muss. Beide Spiele waren auf eine Weise offen, wie es bei den Profis nicht mehr möglich wäre.

Es ging munter hin und her, eigentlich war es ein ideales Fußballspiel, das tatsächlich von Strafraum zu Strafraum geführt wurde und nicht vorwiegend im mittleren Drittel. Ein taktisches Foul an Julius Kade war so ein Indiz für die Dynamik, mit der die U19 immer wieder herausspielt, die schnellen Flügelspieler sind sowieso ein Vergnügen, und es gab ein paar sehenswerte Passfolgen - interessanterweise scheinen die Jungen weniger eingeschränkt (oder selbstbeschränkt) in ihren Möglichkeiten am Ball, eine Facette, die Arne Maier auch bei den Profis schon erkennen lässt.

Das kleine Beobachtungsexperiment, das sich mit diesem Saisonausklangsgeschenk eines unerwarteten Finals verbindet (eine Art Doppelbelichtung, denn ich sehe die Jungen und die Profis vor dem geistigen Auge immer gleichzeitig), macht jedenfalls Lust auf den Sommer bei Hertha. Auf einen Sommer, in dem der Profikader mehr denn je durchlässig werden dürfte für den eigenen Nachwuchs. Wenn das eine Konsequenz aus dieser Saison ist, dann wäre das auf jeden Fall ein versöhnlicher Aspekt.

Geschrieben von marxelinho am 17. Mai 2018.

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16. Mai 2018

Zwangshaarschnitt

Hertha BSC in der Weltliteratur

In Berlin war politisch oft eine Menge los. Die heutige Gemütlichkeit passt gut zu den Vergleichen mit der Gründerzeit, also mit der wirtschaftlich erfolgreichen Zeit im späten 19. Jahrhundert, als auch Hertha gegründet wurde (wonach die Epoche dann benannt wurde). Ganz anders aber in den 1920er Jahren (Babylon Berlin) und dann wieder ab 1960. Da war Berlin eine Stadt der Revolte, so heißt es jedenfalls in dem Buch von Michael Sontheimer und Peter Wensierski. Von der Studentenbewegung bis zu den Hausbesetzern und bis zu den Dissidenten im Osten reicht hier der Bogen, von Ton Steine Scherben bis Wolf Biermann, vom SDS bis zum Bauhof.

An einer Stelle kommt auch Hertha BSC vor. Leider nicht sehr vorteilhaft. Es sind die Fans, an die sich ein Veteran der Gammlerbewegung erinnert. "Für Langhaarige war es echt gefährlich damals. Du bist von den Hertha-Fans fast gelyncht worden." So erzählt es Shortie Mährländer.

Sagen wir es vorsichtig: In der blauweißen Fankultur um 1966 dürfte es Gruppen gegeben haben, die gesellschaftspolitisch eher auf der konservativen Seite standen, und die wohl auch dem einen oder anderen handfesten Hinweis auf eine Anpassung an die allgemeine Norm (die sich gerade auflöste) nicht abgeneigt war.

Noch in den nuller Jahren musste ich, wenn ich mich in Berlin als Hertha-Fan zu erkennen gab, oft beteuern, dass sich die Fanszene stark verändert hat. Deutschland hat sich ingesamt stark verändert, das hat wesentlich mit 1968 zu tun. Die Springerpresse kann nicht mehr so unverblümt hetzen wie damals, und das Problem mit den Rechtsradikalen hat Hertha in den Griff bekommen.

Aber das Image ist nicht vollständig verschwunden: Hertha ist ein Provinzclub mit rabiaten Fans, die ihr Weltbild aus der Zeitung mit den vier Buchstaben beziehen. Leider tragen die meistens peinlichen Kampagnen, mit denen Hertha sich "ironisch" als balinernder Hauptstadtclub zeigen will, in der Regel dazu bei, dass das Gegenteil haften bleibt: Hertha ist und bleibt weltberühmt in Spandau.

Die Fans haben heute andere Gegner: Sie wenden sich nicht zuletzt gegen die Image-Industrie, die aus Hertha eine programmierte Marke machen möchte. Das ist eine Akzentverschiebung, die auch Bände spricht: heute müssten sich eher die geschniegelten Agenturtypen mit dem dezenten Undercut-Zitat vor den Ultras fürchten.

Michael Sontheimer / Peter Wensierski: Berlin Stadt der Revolte, Chr. Links Verlag 2018, 448 Seiten, 25 Euro

Geschrieben von marxelinho am 16. Mai 2018.

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