25. November 2019

Abführmittel

Unter Hertha-Fans gibt es schon lange einen eingeführten Begriff für den Umstand, der gestern das Auswärtsspiel in Augsburg entschieden hat: Sie sprechen von "Hintenrumscheiße". Ein Mittel, das im heutigen Fußball aufgrund seiner raumgreifenden Schnelligkeit ganz normal geworden ist, ist bei Hertha zu einem Mittel geworden, die Raumerschließung zu vermeiden. Der Rückpass zum Torwart, bei agileren Mannschaften ein Relais, ist bei Hertha zum Relaxantium geworden. Also zu einem Abführmittel.

Gestern kam der katastrophale Fehler dann ausgerechnet durch Rune Jarstein. Wir erinnern uns: Als Pal Dardai die Mannschaft übernahm, war eine seine ersten Personalentscheidungen die Beförderung von Jarstein. Er galt als der bessere Fußballer im Vergleich zu Thomas Kraft, und muss dadurch leider auch als Promotor der Hintenrumscheiße gelten. Denn die Mannschaft machte von dieser Möglichkeit deutlich zu häufig Gebrauch.

Jarstein war in den letzten Jahren ein sehr guter, phasenweise ein herausragender Keeper. Gestern wirkte er schon vor der relevanten Szene schläfrig. Und die Mannschaft tat auch nichts, um ihn aufzuwecken. In der ersten Viertelstunde, als das Spiel noch offen war, gab es zwei Andeutungen von Spielzügen, der Rest war abwartender Kontrollfußball ohne Kontrolle. Also genau das, wovon man von Hertha in diesem Jahr schon zu viel gesehen hatte.

Beide Gegentore in dieser Phase fielen durch Pressing. Mittelstädt meint, er hätte alle Zeit der Welt, um einen Ball wegzuschlagen, er trifft aber Richter. Den Freistoß schlägt Max brillant so, dass es zu einer Meinungsverschiedenheit in Herthas Hintermannschaft kommt. Der Großteil spielt auf Abseits (bleibt also stehen, was natürlich auch die  bequemere Lösung ist), einer zweifelt an dieser Strategie, wirksam eingreifen kann und will niemand. Ein Gegentreffer, der einen Trainer zur Verzweiflung treiben müsste. Fans eigentlich auch, aber wir haben einfach schon zu viel erlebt mit Hertha, um nicht achselzuckend und resigniert wieder einmal alle Hoffnungen auf eine interessante Saison fahren zu lassen. Sie sind natürlich leicht wiederbelebbar, diese Hoffnungen, niemand lebt auf Dauer gern mit Resignation.

Es war ein Schlüsselspiel gestern, wie auch das bei Union vor einiger Zeit schon eines war. Der Vergleich bringt es auf den Punkt: Hertha lässt sich unter Ante Covic von rechtschaffenen Fußballarbeitsgruppen ganz einfach auspressen. Engagiertes Anlaufen und Zustellen reicht leicht, um Hertha aus dem Konzept zu bringen. Das berühmte Herausspielen, von dem Covic gern spricht, gelingt nicht, weil zu wenige Spieler dafür Verantwortung übernehmen. Es gab sehr diskrete Ansätze gestern in den ersten fünfzehn Minuten, eine geringfügig verbesserte Beweglichkeit im zentralen Mittelfeld und mit einem einrückenden Dilrosun. Aber schwache Tagesform (Skjelbred) und die tief eingeprägte Hintenrumscheiße verhinderten positive Erfahrungen.

Im Grunde ist Ante Covic damit geliefert. Denn gestern wurde deutlich, dass seine Arbeit über die von Pal Dardai nicht hinausführt. Und das war ja der Auftrag. Leider ist die Arbeit von Michael Preetz, der jetzt schon über einige Jahre eine sehr gute Personalplanung macht, damit von der Spitze her beschädigt. Er hat sich zum zweiten Mal mit einem Trainer assoziiert, der Hertha nicht weiterbringt, und der nun schon Gefahr läuft, auch die Konsolidierung unter Dardai zu gefährden.

Im Sommer hätte es Möglichkeiten gegeben, dem Club von außen Impulse zu geben. Ich denke vor allem an Oliver Glasner. Es gab da ein Fenster der Gelegenheit. Michael Preetz muss sich nun wohl doch vorwerfen lassen, dass er lieber in der Komfortzone blieb: Mit Covic konnte er im Grunde nur gewinnen, denn jetzt ist auch noch nichts verloren, Platz 11 ist für Hertha in dieser Saison immer noch drin. Allerdings kaum unter Covic.

Bedauerlich ist diese Angelegenheit nicht nur aus persönlichen Gründen. Ich hätte mich sehr gefreut, wenn Covic reüssiert hätte, aber nun muss wohl eine rasche Lösung her - vielleicht mit Labbadia bis zum Sommer? Man könnte allenfalls noch argumentieren, dass das Comeback von Arne Maier eine allerletzte Chance für Covic bringen könnte, gegen den BVB noch einmal eine Mannschaft zu formieren, die sich von der Hintenreinscheiße, die aus der Hintenrumscheiße leicht wird, zu emanzipieren.

Wir sollten uns alle wünschen, dass bis Weihnachten noch Schritte zu einer Entwicklung sichtbar werden. Denn andernfalls könnte der Geldesel einen Strategiewechsel verlangen: Übersprungshandlungen mit dem Scheckbuch.

PS Es war nicht ohne Ironie, dass selbst der übertragende Sender von der Hintenrumscheiße schon genug hatte. Das zweite Tor entging der Regie um ein Haar, weil Sky lieber eine Zeitlupe zeigte als den "Spielaufbau" von Hertha.

Geschrieben von marxelinho am 25. November 2019.

2 Kommentare

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von Alex S. (am 25. November 2019)
Eklatant ist auch, dass wie unter Dardai, die Mannschaft immer weniger läuft als der Gegner. Damit fängt es doch an oder? Immer 3-5 km weniger als der Gegner... Frei nach dem Motto: Hauptsache das Gehalt kommt pünktlich, aber heute renn ich nicht so viel!
von Sven (am 27. November 2019)
Toller Artikel. Trifft voll die Situation.
10. November 2019

Teufel bleib drinnen

Das "spannendste Fußballprojekt Europas" gegen das spannendste Fuselmarketingprojekt Europas: kann man das schon ein Traditionsderby nennen? Ich meine, ja, denn Hertha BSC hat die Standortfaktoren, die Lars Windhorst und sein neuer Sachverständiger Jürgen Klinsmann entdeckt zu haben meinen, ja schon seit einer Weile. Geworden ist bisher nicht viel daraus, das sah man vor allem immer dann, wenn es gegen die Konkurrenz aus der Nachbarstadt ging: Dort wurde mehr oder weniger aus der Retorte ein europäischer Spitzenclub gezogen, und Windhorsts Strategen, wenn es denn welche gibt, werden das Fallbeispiel sicher studieren.

Bisher hat Hertha im Olympiastadion gegen Leipzig immer eine Lektion bekommen. Gestern war das anders. Das 2:4 hatte so viele Faktoren, dass sportliche Aspekte nur zum Teil von Belang waren. Es gab zwei Halbzeiten, und in beiden Halbzeiten zwei Schlüsselereignisse. Hertha begann mit einer lupenreinen Außenseitertaktik, Fünferkette und vorne zentral Lukebakio. Grujic auf der Bank, stattdessen Rekik neben Boyata und Stark.

Das ging eine halbe Stunde ganz gut, dann erzielte Mittelstädt (mit dem rechten Fuß, den er wohl - Marvin Plattenhardt könnte das interessieren - trainiert hat, denn es ist sein nominell schwächerer) einen sehenswerten Führungstreffer. In diesem Moment war das Konzept aufgegangen. Danach spielte Leipzig allerdings seinen entscheidenden Vorteil aus: Der Sky-Kommentator benannte ihn ganz richtig mit "Ballsicherheit unter Druck". Dazu kam genau jene detaillierte Laufarbeit, mit der man hartnäckig verteidigende Gegner mürbe macht. Beide Faktoren sind bei Hertha (noch) nicht befriedigend entwickelt. Herthaner wirken oft hektisch, und laufen zu häufig nur in ballnahen Situationen.

Über den Elfmeter gegen Rekik kann man lange streiten. Nach den derzeitigen Handspielregeln, die auf jeden Fall im Zweifel für den Stürmer sind, war es einer. Das zweite Gegentor vor der Pause hatte dann schon ein kleines Vorspiel, weil Hertha inzwischen große Schwierigkeiten beim Herausspielen hatte. Das ist eben auch ein Aspekt bei der gewählten Taktik: man ist sehr oft hinten am und im eigenen Sechzehner, da passieren nun einmal potentiell mehr Dinge. Ballverluste rächen sich schneller.

Mit dem Rückstand bekam Hertha in der zweiten Halbzeit mehr Spielanteile. Und es wuchs der Anteil der Unparteiischen. Dass Ilsanker nach seinem Foul an Dilrosun keine zweite gelbe Karte bekam, war keine Ermessensentscheidung, sondern Willkür. Dann kam die Szene mit Laimer und Stark. Sie wirkt nun sonnenklar, aber es war live doch deutlich komplexer: es gibt ja zwei VAR-Instanzen, denn auch der übertragende Sender sieht sich Szenen immer mehrfach an, und auch bei Sky brauchten sie ziemlich lange, bis sie die Verletzung durch den erhobenen Oberarm und das damit einher gehende Handspiel so entwirrt hatten, dass klar war: es hätte vor allem Handelfmeter geben müssen. "Köln" wird nur schwer erklären können, warum hier die Revision ausblieb.

Selbst zu diesem Zeitpunkt hätte Hertha aber noch gute Chancen auf einen Punkt gehabt. Allerdings wechselte Ante Covic unglücklich. Plausibel wäre gewesen, schon relativ früh in Halbzeit zwei die Dreierkette aufzulösen und das Mittelfeld zu stärken: Grujic für Rekik wäre der naheliegende Wechsel gewesen, dazu Selke (oder von mir aus Ibisevic) für Klünter, Wolf eine Reihe nach hinten. Hertha hätte die müder werdenden Leipziger auf jeden Fall vor Probleme gestellt.

Rekik war dann ein drittes Mal an einem Gegentor beteiligt, als er gegen Kampl das Abseits aufhob. Damit war die Sache gelaufen. Der Treffer von Selke gab den wunden Seelen vieler Blauweißer immerhin noch Gelegenheit zu ironischen Kommentaren.

Hertha steht nun hinter Union und riecht schon den Abstiegskampf. Zum vorläufigen Trost kann man nur sagen, dass die teilweisen Leistungen in dieser bisherigen Saison auch den Schluss zulassen, dass gegen alle noch kommenden Gegner bis Weihnachten etwas möglich ist. Es waren leider meist Leistungsbeweise über 30 oder 40 Minuten. Es fehlt, bei allen differenzierten Matchplänen, eine Grundkostanz. Gegen Augsburg gibt es nun aber wirklich keine andere Möglichkeit, als über neunzig Minuten bedingungslos (das heißt nicht: auf Teufel kaum raus) auf Sieg zu spielen.

PS Aus der Fernsehferne sah es so aus, als wäre der Rasen im Oly schon wieder in einem bedenklichen Zustand. Es ist Anfang November!

Geschrieben von marxelinho am 10. November 2019.

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von Toddy (am 10. November 2019)
So kongruent, wie ich bei allen Kommentaren bin, habe ich hier 2 Anmerkungen Ich habe meine Dauerkarten auch Hingehwilligen überlassen und war Ohrenzeuge auf Sky. Dass unser Investor im Interview immer wieder Hertha Berlin statt Hertha BSC sagte, irritierte mich( gelinde gesagt) 11m Rekik -Nö- Beurteilt wird die Szene im Fast-Standbild - In der Totalen erkennt man, dass bei dem Laufduell Rekik mit natürlich pendelnden Armen nebenher spurtet Beim Abseits war er zwar hinten letzter Mann, wäre aber trotzdem nicht ausreichend gewesen, da beim Pass noch ein Herthaner näher zum eigenen Tor stand - Egal hätte, wenn und aber, bin ich in Resümee voll dabei #hahohe
09. November 2019

Berichtspflichten

Diese Woche haben neue Zeiten bei Hertha BSC begonnen. Mit der Nominierung von Jürgen Klinsmann in den Aufsichtsrat der KGaA endet die Periode, in der die Dreierkonstellation aus Michael Preetz, Ingo Schiller und Werner Gegenbauer sich mit gefügigen Gremien alles untereinander ausmachen konnte. Mit dem nunmehrigen Hälfteeigentümer Tennor BV wachsen sicher auch die Berichtspflichten.

Der erste, der das zu spüren bekommen wird, ist Michael Preetz. Er hat mit Ante Covic zum zweiten Mal in Folge einen Eigenbautrainer eingesetzt. Passenderweise beginnen heute mit einem Spiel gegen Leipzig die Herausforderungen. Denn bisher hat Covic zwar in Ansätzen erkennen lassen, dass er mehr will als sein Vorgänger, der letztendlich eine Mannschaft geformt hatte, die alles verweigerte, was über das Notwendigste hinaus ging.

Aber im Ergebnis steht Covic mehr oder weniger da, wo Hertha schon unter Dardai meist stand. Ohne die drei Pflichtsiege gegen die schwächsten Teams der Liga wäre Hertha tief im Abstiegskampf. In allen Spielen, die dieses Jahr mit Niederlagen endeten, gab es Phasen, in denen Covics Team erkennen ließ, dass mehr möglich wäre - umso ärgerlicher sind diese Niederlagen, die alle unnötig, im Endeffekt aber dann halt doch verdient waren.

Gegen Union hat Hertha einmal mehr eine erste Halbzeit verschwendet, und die zweite dann auch nicht wirklich genützt. Es war auffällig, dass das Pressing die Mannschaft überfordert hat. Dabei ging Union damit ja auch bis zu einem gewissen Grad ins Risiko. Wenn es Hertha gelungen wäre, ruhig und interessant gegen diese frühe Störung anzugehen, wenn alle daran mitgearbeitet hätten, den Ball über die erste Linie von Union hinweg zu bringen, wäre das genau der Ballbesitzfußball gewesen, von dem Covic zu Beginn des Jahres sprach. Es kam nicht dazu, aus einer Mischung aus Lethargie und Nervosität, wie es den Anschein hatte.

In diesem Zusammenhang legt sich noch einmal ein Wort zu dem leidigen Thema der Laufarbeit nahe. An der Spitze der Liga steht derzeit mit Gladbach ein laufintensives Team. Hertha hat meist mittelmäßige Werte, und man sieht es bei den Spielen mit freiem Auge. Es fehlen nicht nur viele intensive Läufe, es fehlen vor allem die kleinen Läufe, manchmal sind es nur Schritte, mit denen auch ballferne Spieler sich ständig auf den Ball beziehen. Im Idealfall sind gerade auch bei Ballbesitz in der hintersten Linie alle Feldspieler in Bewegung, um eine bewegliche Formation zu erzeugen, die viele Möglichkeiten schafft - vertikale Bälle in den Raum vor der gegnerischen Defensivkette sind besonders spannend.

Ich habe ein wenig den Eindruck, dass Covic sich zu viel von den individuellen Fähigkeiten von Grujic erwartet, der ja tatsächlich unter Druck manchmal ganz gut einen Gegner hinter sich lassen kann. Er wirkte aber zuletzt häufig überfordert, vielleicht auch mental, und über seine Defensivqualitäten müssen wir nicht mehr viel sagen - sie sind wohl der Grund, dass er auch dieses Jahr in Berlin spielt und nicht an der Anfield Road mit Naby Keita um einen Platz im Kader der Reds rittert.

Neben der Laufarbeit fällt auch noch ein Detail auf. Hertha hat Eckbälle dieses Jahr zum Teil schwach verteidigt, zwei Niederlagen gehen direkt darauf zurück. Hertha schießt aber auch die eigenen Ecken auffällig oft schwach (notabene Lukebakio). Da gibt es also eine Negativ-Negativ-Korrelation, die eigentlich leicht zu korrigieren wäre, aber dafür nimmt sich anscheinend niemand die Zeit.

Insgesamt wirkt die Mannschaft auf dem Platz unstrukturiert, auch in Bezug auf die innere Hierarchie. Es gibt keine Spieler, an denen sich andere aufrichten können. Ibisevic ist ein zweifelhafter Kapitän, weil er meistens mit sich selbst und seinen Leidenschaften beschäftigt ist. Unter den Jüngeren hat Hertha inzwischen eine ganze Reihe von Halbroutiniers, die Ansprüchen eher nicht gerecht werden: Nach Plattenhardt deutet derzeit Stark an, dass er sich wohl nicht zu einem Spieler von richtigem Format entwickeln wird.

Ante Covic muss neben der taktischen Formation auch so etwas wie eine dynamische Formation finden, die nicht von Spielern dominiert wird, die gerade einmal eben so ihre Minimallegitimation für ihre Position erbringen. Ich bin nach wie vor der Meinung, dass im Zweifelsfall Torunarigha spielen sollte, weil sein Potential offensichtlich am größten ist, und auch Selke statt Ibisevic.

Gegen Leipzig wird es heute eine Riesenleistung brauchen, um nicht neuerlich unterzugehen. Ich könnte mir folgende Formation vorstellen: Jarstein. Mittelstädt - Torunarigha - Boyata - Wolf. Löwen - Grujic - Darida. Lukebakio - Selke - Dilrosun.

Geschrieben von marxelinho am 09. November 2019.

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03. November 2019

Hineinlesen und Herauslesen

Es fällt schwer, etwas zu der Niederlage von Hertha gestern bei Union zu bemerken. Es war ein restlos enttäuschendes Spiel, das zudem durch für meine Begriffe indiskutables Fanverhalten überschattet wurde.

Ante Covic war in der PK nach dem Spiel bemerkenswert schmallippig, und ließ sich am Ende zu einer Formulierung hinreißen, die gar nicht zu seiner meist relativ eleganten Rhetorik passte: "Wir sind in der Tabelle immer noch vor Union." Das stimmt. Der Unterschied beträgt einen Punkt.

Wenn das jetzt das neue Saisonziel ist (sich von den Eisernen nicht überholen lassen), dann könnte man sogar die Taktik gestern plausibel finden: Hertha hätte dann einfach konsequent auf ein torloses Remis gespielt, wurde am Ende aber von Boyata (oder vom Schiedsrichter) um die Früchte dieser Arbeit gebracht. Ich fürchte, den Elfer konnte man geben.

Damit liegen am Ende einer turbulenten Woche, mit einem unnötig dramatischen Pokalspiel und zwei nicht minder unnötigen Niederlagen in der Liga, einige Einordnungen nahe. Hertha hatte gestern gegen Union nicht nur keine spielerischen Mittel (auf Grundlage fehlenden Engagements blieben die Skills unproduktiv), sondern auch keine Erzählung. Es war die bestens bekannte, schwach definierte, ins Anonyme tendierende Mannschaft aus West-Berlin, die in Köpenick versuchte, mit unterkühltem Leerlauf ein hoch aufgeladenes Spiel zu entschärfen. Der Versuch war von Erfolg gekrönt - so kann es allerdings nicht gemeint gewesen sein.

Ante Covic muss nun wieder von vorn damit beginnen, von Pal Dardai unterscheidbar zu werden. Gestern war das ein absoluter Pal-Auftritt, ein kümmerlicher Versuch, ein Spiel so lange nicht anzunehmen, bis es eventuell aus Versehen auf die eigene Seite fällt. Nun wartet nächste Woche Leipzig, normalerweise müsste man von einem Angstgegner sprechen, allerdings kennt Hertha keine Angst. Dazu ist die Mannschaft tendenziell zu apathisch.

Zehn, fünfzehn Minuten in Halbzeit zwei kann man vielleicht ausnehmen, da hätte das Spiel eine andere Dynamik bekommen können. Die blauweißen Brandstifter auf den Rängen haben ihrer Mannschaft vermutlich auch in dieser Hinsicht geschadet, denn die zweite Halbzeit bekam auch deswegen kaum einen Rhythmus, weil die Unterbrechung alles unter Vorbehalt setzte. Es gewann dann die Mannschaft, die etwas (von sich) zu erzählen hat, gegen die Mannschaft, von der man gestern den Eindruck bekommen konnte, dass sie sich auch für ihren eigenen Trainer unlesbar macht. Was bleibt ihm also, als verzweifelt aus der Tabelle ein Pünktchen Berechtigung herauszulesen?

Geschrieben von marxelinho am 03. November 2019.

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27. Oktober 2019

Flutschpartie

Hertha sammelt unnötige Niederlagen. Das 2:3 gegen Hoffenheim wies auffällige dramaturgische Parallelen zu dem 1:2 in Mainz auf. Rückstand, Comeback, und dann ein Corner, der schlecht verteidigt wird und alles zunichte macht. Es gab natürlich auch Unterschiede: gestern war das ein Heimspiel, und Hertha spielte eine relativ starke erste Viertelstunde. Danach aber konnte man ein wenig Ratlosigkeit erkennen: nach drei verpassten Chancen noch mehr ins Risiko gehen, oder erst einmal ein wenig abwarten?

Es sind die Unklarheiten einer Mannschaft, die nicht genau weiß, wissen kann, wo sie steht. Es sind auch persönliche Unklarheiten: Marco Grujic wird nur dann ein kompletter und großer Mittelfeldspieler (wofür er die Anlagen hat), wenn er seine defensive Lethargie überwindet. Marvin Plattenhardt war einmal ein Spieler mit großer Perspektive auf einer der nachgefragtesten Positionen im Weltfußball - einige Jahre später ist er ein beschämend einbeiniger Wackelkandidat mit einem allzu überschaubaren Repertoire. Marius Wolf hat elastische Beine und ein großes Repertoire, spielt dann aber wieder Bälle, bei denen man das Gefühl hat, er wüsste nicht, wo er sich befindet.

Die Fans haben den wunderschönen Herbsttag offensichtlich genossen (ich bin unterwegs und musste mich mit dem Rechner zuschalten), live muss es eine stimmungsvolle Sache gewesen sein. Aber es war kein gutes Spiel, auch nicht in der Phase, in der die zwei Tore nach dem 0:2 gelangen. Immerhin muss man Ante Covic zugute halten, dass er gut gewechselt hat: Duda spielte den schönen Pass auf Darida, der zum Ausgleich führte. Kalou hatte allerdings außer dem Tor keine weitere gute Aktion, und das war für mich der Eindruck, der alles überwog: keinem einzigen Herthaner gelang es, einmal so etwas wie Kontinuität ins Spiel zu bringen, auf einzelne gute Aktionen folgte konfuses Zeug.

Die berühmte Klarheit in den Aktionen hat fast die ganze Zeit gefehlt. Dazu kam schon zum zweiten Mal in Serie ein Referee, der bei seinen Zweikampfbewertungen vollkommen willkürlich schien (mit einer allerdings deutlichen Tendenz gegen Hertha). Die Fernsehreporter zeigen dann immer vermeintlich bedeutsame Szenen, was sie allerdings nicht in den Blick bekommen, ist die Zerstörung des Spiels durch fortwährende Unklarheit in der Leitung.

Personell ist bei Hertha nun wieder allgemeiner Gleichstand hergestellt. Ibisevic hat Selke ein paar Tore voraus, hat für meine Begriffe aber mit seiner Erregbarkeit keinen guten Einfluss auf die Mannschaft. Boyata erwies sich gestern als genauso fahrig wie Stark oder Rekik häufig, ich sehe keinen Grund, Torunarigha komplett von der ersten Elf wegzuschließen. Maier fehlt sehr. Jetzt gibt es aber ohnehin eine englische Woche, da wird es wohl ein wenig Mischung in den Aufstellungen geben.

PS Heimspiele haben den Vorteil, dass die gastgebende Mannschaft den Rasen nach ihrem Gutdünken wässern kann. Hertha (allen voran Boyata, aber auch Wolf) war gestern wie bei einer Rutschpartie unterwegs. Sinn der Sache?

Geschrieben von marxelinho am 27. Oktober 2019.

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von Jörg (am 27. Oktober 2019)
Gestern war ich im Stadion. Momentan macht es mir Spaß, die Mannschaft spielen zu sehen, auch wenn die Punkte nicht gemacht werden. Die Punkte werden durch fehlende Zuordnung in der Defensive abgegeben, sowohl in der Innenverteidigung als auch im defensiven Mittelfeld. Solange ich aber nicht das Gefühl habe, Hertha spielt wie ein Absteiger (so wie vor ein paar Spieltagen) offensiv ohne Durchschlagskraft und ohne Möglichkeit, sich auf den Gegner einzustellen, solange macht mir die Mannschaft mit ihren Offensivzügen und Einzelkönnern (Dilrosun, Lukebakio, auch Kalou hatte gestern starke Solos) gerade Spaß. Ich rege mich sehr auf über die Böcke im Defensivbereich und freue mich sehr über die Juwelen in der Offensive. Ob wir so Europa erreichen, das bezweifle ich aber leise :-)
20. Oktober 2019

Der Stempel in der Schublade

Hertha BSC kam gestern mit einem Punkt und einer üblen Nachrede aus Bremen zurück. Die Mannschaft hätte "nichts für das Spiel getan", behauptete ein enttäuschter Gegner. Er meinte mit einigem Recht, dass Werder den Sieg verdient gehabt hätte. Hertha hatte aber auch den Punkt verdient, und sehr wohl eine Menge für das Spiel getan. Nimmt man noch eine kontroverse Szene dazu, in der Ibisevic wohl schon bald nach dem frühen Gegentor einen Elfer hätte bekommen können, hätte das auch ein ganz anderes Spiel werden können.

Es ging nämlich nicht so sehr darum, welche Mannschaft wieviel vom Spiel macht - in dieser Hinsicht war es ein relativ ausgeglichenes Spiel mit Vorteilen für die Heimmannschaft. Es ging um "impact". Wie kann man einem Spiel den Stempel aufdrücken? Die beiden Teams mussten sich ihre Anteile mit einem Schiedsrichter teilen, der sich durch Unsichtbarkeit stark in den Vordergrund drängte: Brych war gestern ein Exempel für eine Spielleitung, bei der er deutlich zu viel durch- und weiterwinkte - auch so kann man sich wichtigmachen.

Das Gegentor kam früh, und hatte mit schulgemäßer Bespielung von Zwischenräumen zu tun. Ein prächtiger Diagonalpass aus der letzten Reihe in den Raum vor Herthas letzter Linie, Sargent ist ganz allein vor Rekik oder hinter Grujic, leitet den Ball auf außen weiter und bekommt ihn prompt zurück - er ist immer noch allein, weil das alles zu schnell für Hertha geht. Das Bein, das man gerade noch notdürftig in den Schuss bringt, sorgt dann für die Ablenkung in die Unhaltbarkeit. Bremen hatte später noch ein paar ähnliche Momente, so richtig bekam Hertha die agilen Läufe und geschickten Rückgaben an die Strafraumgrenze nie in den Griff. Rashica bekam auch noch zwei mustergültige Hereingaben an den Fünfer, die eigentlich das Spiel hätten entscheiden müssen.

Dann griff Ante Covic zu seinem Stempel. Er heißt Lukebakio, er ersetzte Dilrosun, der bis auf einen schönen Zwischenlinienlauf von rechts wenig ins Spiel fand. Lukebakio führte sich so ein, wie er zuletzt gelegentlich Zweifel an seiner generellen Qualifikation aufblitzen ließ. Er lief blindlings in einen Pulk, und hatte Schwierigkeiten bei der Ballverarbeitung. Dann aber bekam er eine Möglichkeit auf links, die genau für seine Athletik gemacht war, ein eigentlich schon verunglückter Move, bei dem er auch noch ausrutschte, er befreite sich aber mit einem sehr schönen Manöver, gegen alle Fliehkräfte, und hatte damit den Ball perfekt in der Schussbahn. Das war der Moment, den Hertha bis dahin vergeblich gesucht hatte: Wirkung.

Für einen Sieg in Bremen fehlte es gestern bei allen Spielern an Wirksamkeit. Wolf begann stark, war dann aber kaum mehr zu sehen. Grujic ist defensiv sowieso oft ein wenig zu neutral, und suchte nach offensiven Momenten. Ibisevic erlebte, wie sich ein Spiel für Selke oft anfühlt. Mittelstädt und Klünter kamen nach vorn wenig zur Geltung und ließen hinten doch häufig Lücken. Aber Hertha spielte mit, kombinierte, ansatzweise sogar sehenswert - es war ein spannendes, auch taktisches, aber lebendiges Bundesligaspiel.

Ein PS zu der Elfmeterszene: Der normale Ablauf wäre hier, dass Brych auf Strafstoß entscheidet, denn mit freiem Auge sah alles danach aus, und dass dann unter Umständen der VAR sieht, dass Pavlenka den Ball minimal berührt. Ibisevic sprach danach von einer Schublade, in der die Referees ihn haben. Man muss fairerweise sagen, dass er zum Innenausbau dieser Schublade seit Jahren wesentlich beiträgt - nicht weil er ein unfairer Spieler wäre, aber wegen seiner starken Emotionalität. Gestern ließ vor allem eine Szene in Halbzeit zwei, ein offensichtliches Foul gegen ihn im Mittelfeld, erkennen, dass Brych wohl tatsächlich ein Vorurteil gegen ihn hat: in dieser Szene hätte er niemals weiterlaufen lassen dürfen.

Aber auch das war bloß ein Aspekt in einem Spiel, in dem am Ende die Bemühungen größer waren als die Wirkungen.

Geschrieben von marxelinho am 20. Oktober 2019.

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19. Oktober 2019

Deckungsschattenspiele

Zum dritten Mal beginnt heute die Saison in der Bundesliga von vorn. Für Hertha trifft dies in einem besonderen Maß zu. Bisher gab es sieben Spiele, das erste in München war das Freispiel, es lief dort ganz gut. Dann gab es drei Niederlagen, alle unnötig, in der Konsequenz aber verdient, denn Ante Covic reagierte auf die relativ unglückliche Niederlage gegen Wolfsburg falsch und stellte die Mannschaft auf eine Außenseitertaktik um. Die Spiele gegen Schalke und Mainz gingen nicht zuletzt aufgrund mangelnder oder zu später Initiative verloren.

Es folgten drei Siege, ein dürftiger gegen Paderborn, ein für die Verhältnisse von Hertha ekstatischer gegen Köln, und ein abgeklärter gegen eine sehr schwache Fortuna aus Düsseldorf. Der Blick auf die Tabelle ist deutlich: diese drei Mannschaften stehen ganz unten, es waren also absolute Pflichtsiege. Hertha hat sich gerade auch unter Pal Dardai mit solchen Pflichtsiegen immer schwer getan.

Für Ante Covic waren diese neun Punkte entscheidend. Nun wird sich zeigen, ob sie eine Grundlage für mehr sein können. Denn seine Aufgabe ist ja eigentlich, den Leistungsschnitt der Mannschaft gegenüber Pal Dardai zu heben. Zwar standen unter dem späten Pal (Coach) die Zeichen auf Abwärtskonsolidierung, und es wäre schon ein kleiner Fortschritt, wenn Covic die Hertha in Sichtweite zum umfangreichen Spitzenmittelfeld der Liga halten könnte.

De facto aber macht seine Bestellung nur dann Sinn, bzw. wird er nur dann zu einem maßgeblichen Hertha-Trainer, wenn er Hertha in der engen Liga im oberen Segment konkurrenzfähig machen kann: Eine Konsolidierung im Niemandsland der Tabelle ist in der "vielleicht spannendsten Phase in der Geschichte von Hertha" (Michael Preetz) nicht mehr als Erfolg zu vermitteln. Dazu sind die letzten Abstiege inzwischen zu weit weg, außerdem hat Tennor nicht investiert, um Hertha auf Platz 11 einzumauern.

Werder Bremen ist in dieser Situation der ideale Gegner. Nicht nur die Nachbarschaft in der Tabelle, auch viele andere Faktoren weisen auf Parallelen hin: Kohfeldt könnte für Covic in mancherlei Hinsicht ein Vorbild sein, vor allem was die Spielanlage betrifft. Werder habe ich kaum einmal mit einer reinen Außenseitertaktik gesehen. Covic wird hoffentlich heute den Fehler von Gelsenkirchen nicht wiederholen, als er alles auf einen damals noch indisponierten Lukebakio zuschnitt, was ihm die Mannschaft mit Passivität dankte.

Es könnte ein spannendes, offenes Spiel werden, bei dem Hertha vor allem weiter am Flügelspiel arbeiten muss. Mit Dilrosun, Lukebakio und Wolf stehen drei Kandidaten für zwei Plätze zur Verfügung, für Kalou wird es wohl schon schwer, für Leckie wohl auch. Dass manche, wie ich auch, noch vor wenigen Wochen auf mehr Chancen für Dennis Jastrzembski hofften, ist nahezu vergessen. So brutal ist das Geschäft.

PS Wie immer gefällt mir gut, wie Ante Covic über das Spiel spricht. In einigen Kleinigkeiten verrät er durchaus, woran gearbeitet wird: zum Beispiel, ein absolut wesentlicher Faktor im heutigen Fußball, dass man auch "gedeckte Spieler" anspielen kann, und die dann Lösungen finden, zum Beispiel Grujic. Auch da gibt es Nuancen, minimale Bewegungen aus der Deckung, die schon andeuten, dass es eine Lösung darüber hinaus geben kann. Das Spiel besteht eben nicht nur aus den "intensiven Läufen", sondern auch aus den intuitiven Schritten, die ein begabter Kollege im Augenwinkel (im peripheren Sehen) bemerkt und die ihm eine Passidee suggerieren können. Wäre doch toll, wenn Hertha sich allmählich besser zur "Entfaltung" (aktuelles Lieblingswort von Covic?) bringen könnte.


Geschrieben von marxelinho am 19. Oktober 2019.

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15. Oktober 2019

Die allerkrummsten Beine


Am 24. April 1991 stand es kurz vor dem Ende des Spiels zwischen Roter Stern Belgrad und dem FC Bayern München 1:2. Champions League Halbfinale. "Wäre es beim 1:2 geblieben, hätte es Verlängerung gegeben. Vielleicht hätten die Bayern dann die besseren Beine und Ideen gehabt, um es ins Finale zu schaffen. Vielleicht wäre dann überhaupt alles anders gekommen, der Krieg nicht nach Bosnien, ich nicht zu diesem Text", schreibt Sasa Stanisic in seinem Buch Herkunft, das diese Woche mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde. Er schreibt weiter: "Das 2:2 habe ich nicht gesehen. Zu diesem Zeitpunkt - es lief die 90. Minute - standen alle, das ganze Stadion stand, vielleicht stand sogar das ganze Land ein letztes Mal gemeinsam hinter einer Sache." Das Land hieß Jugoslawien. Sasa Stanisic war damals 13 Jahre alt. Er hätte gern die krummsten Beine des Universums gehabt, krumm wie die von Darko Pancev, genannt Kobra.

Geschrieben von marxelinho am 15. Oktober 2019.

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05. Oktober 2019

Zweidrittelgesellschaft

Na also! Gestern Abend blieb Hertha nichts mehr anderes übrig, als ein Spiel zu machen. Sich gegen Fortuna Düsseldorf hinten reinzustellen und abzuwarten, das hätte bedeutet, dass der Schiedsrichter den Ball zwischen beiden Teams hin und her hätte tragen müssen, die ihn beide nicht wollten. Hertha aber wollte den Ball, hatte ihn auch oft, und machte etwas damit.

Sieht man von einer kleinen Verschnaufpause Mitte der ersten Halbzeit ab, in der die Fortuna dann auch gleich und sehr gegen die Tendenz des Spiels in Führung ging, hatte Hertha alles im Griff. Die drei Tore waren Resultat größerer Beweglichkeit, es gab ein initiativeres Flügelspiel, und es gab Vedad Ibisevic im Strafraum.

Ante Covic ist ja immer noch dabei, den Kader kennenzulernen. Das geht nun einmal nur unter Wettkampfbedingungen. Zwar hatte er Darida auch schon im Sommer wieder als potentiellen Stammspieler entdeckt, aber erst jetzt passt er so richtig in die Formation, da hinten Skjelbred absichert. Duda zahlt drauf.

Dilrosun, von vielen Blauweißen inzwischen Skillrosun genannt, hat auf der rechten Seite bei Wolf eine Reaktion bewirkt - der Neuzugang packte gestern auch den einen oder anderen Trick aus, brachte dann zwar nicht alle Bälle ideal an den Mitspieler, aber doch mehr als nur die eine Flanke, die es Ibisevic ermöglichte, den Rückstand rasch zu egalisieren.

Wolf zieht auch gern nach innen, wodurch sich für das Laufwunder Darida Räume auf dem Flügel öffnen - zum Beispiel bei der Flanke, bei der Dilrosun im Stafraum auftauchte: 2:1 noch vor der Pause.

Die Fortuna ist in diesem Jahr bisher deutlich von den Leistungen des Vorjahrs entfernt. Wir dürfen dabei allerdings nicht vergessen, dass es 2018/19 ausgerechnet Hertha war, die Funkels Elf erst belebte. Dieses Mal kam das Spiel früher, und es war ein Heimspiel, und es wurde eine klare Sache. Hertha hat sich den Erfolg auch erlaufen: Deutlich größere Beweglichkeit als so oft in den letzten Monaten war einer der Schlüssel zum Erfolg.

Nun kann man sich das Wochenende gelassen anschauen, aus einer Position ganz am Ende des dichten Pulks, der dieses Jahr die obere Tabellenhälfte ausmacht. Ob Hertha sich da inmitten aller dieser nahezu gleichwertigen Mannschaften längerfristig einreihen und vielleicht sogar noch ein paar Plätze gutmachen kann, ist natürlich ungewiss. Aber es gibt doch leise Anzeichen, dass die drei Siege zuletzt das Selbstverständnis in die richtige Richtung verändert haben: die Niederlage in Mainz hatte ja vor allem damit zu tun, dass Hertha dort wie ein Außenseiter aufgetreten war.

Nun hat die Mannschaft erste Erfahrungen mit dem Fußball gemacht, von dem Covic im Sommer sprach. Fortuna kam da gerade recht, vor allem in Halbzeit zwei hatte das manchmal schon den Charakter eines Trainingsspiels. Die Gegner der kommenden Wochen sind genau richtig, um die Einordnung weiter zu präzisieren: Bremen und Hoffenheim teilen mit Hertha augenblicklich die Rolle, beide sehen sich auch weiter oben, aber weiter oben ist es ungeheuer dicht: die erweiterte Tabellenspitze geht in diesem Jahr bis Platz 11 oder 12. Die Liga ist eine Zweidrittelgesellschaft. Und in dieser Konkurrenz kommt es sehr darauf an, dass Spiele gegen die wenigen verbliebenen Außenseiter gewonnen werden. Hertha hat gestern einen dieser "Pflichtsiege" geschafft. Das ist für die hiesigen Verhältnisse mehr, als man meinen würde.

Und wenn man dann noch in Rechung stellt, dass die drei Niederlagen zu Saisonbeginn auf klassischen Findungsproblemen beruhten (Defensivformation gegen Wolfsburg, Taktik gegen Schalke und Mainz), kann man die drei Siege seither durchaus als Schritte in die Richtung sehen, die über die Selbstbehinderung unter Pal Dardai vielleicht allmählich hinausführen könnte. Das war ja der Anspruch an Ante Covic. Sein erste "Krise" hat er jedenfalls bestanden.

Geschrieben von marxelinho am 05. Oktober 2019.

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01. Oktober 2019

Doktorarbeit

Achim Beierlorzer wollte nach dem 4:0 von Hertha am Sonntag in Köln wissen, wer da das Drehbuch geschrieben hat. Wie immer im Fußball handelt es sich um ein Werk ohne Autor, zu dem jedoch viele Ärzte beigetragen haben. So ist das ja auch im Kino manchmal: damit ein Drehbuch wirklich gut wird, muss manchmal darum herumgedoktort werden.

Ante Covic hatte da auch die eine oder andere Idee im Köfferchen. Er hatte Darida statt Duda auf die 10 gestellt. Und er brachte den Vedator zu einem Zeitpunkt, als es galt, eine Entscheidung herbeizuführen.

Man muss wie immer Vorsicht walten lassen. Es hätte nämlich auch alles ganz anders laufen können. Hertha begann wie üblich passiv. Dieses Mal dauerte diese Phase aber nur etwa eine Viertelstunde, danach begann die Mannschaft vorsichtig, sich ein wenig von dem Spiel anzueignen. Dem Führungstreffer durch Dilrosun (Weitschuss, Spanndrall, verblüffende Flugbahn jedenfalls für Horn) ging Ballbesitz in der gegnerischen Hälfte voraus, konkret ein Pass durch Darida, der damit zum Spielgestalter wurde.

Darida war es auch, der wenig später einen haarigen Ball so erwischte, dass Merés Bewegung (ebenfalls an diesem Ball interessiert) zu einem dramatisch wirkenden Foul wurde. Eine rote Karte nach Intervention des VAR war die Folge.

In Halbzeit zwei gab es noch einmal eine kleine Andeutung von blauweißer Passivität, die Räume erwiesen sich aber als zu groß, als dass Hertha da nicht hineingehen hätte müssen. Und der Trainer brachte Ibisevic, der sich spektakulär einführte: ein mustergültiger Laufweg im Strafraum brachte ihn an das Ende einer Hereingabe von Klünter, der es an die Grundlinie geschafft hatte (wo Hertha in diesem Jahr noch selten war). Da war Selke gerade erst ausgewechselt worden.

Für den designierten Nachfolger von Ibisevic war es damit ein frustrierender Abend, denn er hatte sich aufgerieben, während der Joker gleich noch ein zweites Tor machte, also eine der Geschichten des Abends schrieb. Wir können gespannt sein, welche Folgerungen Covic aus dieser Sequenz (Selke startet, Ibisevic macht als Joker die Tore) zieht. Es muss ja nicht naheliegender Weise heißen, dass der Kapitän deswegen gegen Düsseldorf wieder in die Startelf kommt. Viele Fans werden es sich aber wünschen.

Immerhin gibt es nach dem zweiten Sieg in Folge erste Indizien dafür, dass Covic ein Team findet. Boyata und Stark spielen sich ein. Skjelbred gibt im Zentrum Sicherheit, wobei seine spieleröffnenden Versuche von der Liberoposition aus nicht der Weisheit letzter Schluss waren. Grujic hat immer noch so ein bisschen ein Beteiligungsproblem, oder man könnte auch sagen: ein Abwägungsproblem, wie weit er sein offensichtliches Eleganzbedürfnis den schmutzigen (und beschleunigenden) Aspekten des Spiels opfern will.

Dilrosun ist endlich wieder dort, wo wir ihn vor einem Jahr schon hingejubelt haben: er macht Unterschiede in einer Mannschaft, die genau das am wenigsten gewöhnt ist - einen Unterschied machen zu wollen.

Die Reihenfolge der Gegner bringt nun bis zum Spiel gegen den BVB lauter Herausforderungen, die gerade deswegen so tückisch sind, weil man drei Punkte in allen Fällen als Ziel ausgeben könnte - auch auswärts in Bremen, zum Beispiel. Man muss halt in jedem Fall den Drehbuchdoktor auf seine Seite bringen. Mit Abwarten geht das selten. Aber fürs Erste ist Hertha ja nun aus der gröbsten Passivität heraußen.

Geschrieben von marxelinho am 01. Oktober 2019.

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