14. Januar 2019

Genie und Plansinn

Die Premier League hat wie üblich bestens über die Winterpause der Bundesliga hinweggeholfen. Einige der Topspiele waren wirklich das Riesengeld wert, das auf der Insel mit Fernsehrechten bewegt wird. Und auch die Mannschaften hinter den Top 6 zeigen regelmäßig sehr kompetente Leistungen, das musste gerade Arsenal am Wochenende wieder feststellen: das London-Derby gegen eine höchst rationale Mannschaft von West Ham United ging mit 0:1 recht schnöde verloren.

Damit tendiert Arsenal wieder mehr zum unteren Ende der Top 6 als zu den CL-Plätzen. Und die wichtigste Personalie in diesem Zusammenhang ist inzwischen ein überdeutliches Zeichen: Mesut Özil stand neuerlich nicht im Kader, dieses Mal gab es auch gar keine diplomatische Sprachregelung mehr dazu. Im Grunde ist das Tischtuch damit offiziell zerschnitten. Die Frage ist allerdings, ob die Rechnung aufgeht.

Denn es ist eindeutig eine Rechnung. Özil ist für Arsenal zu teuer. Seine höchst luxuriöse Vertragsverlängerung war ja damals eine Kompensationsentscheidung: Arsene Wenger wollte nach dem Angang von Alexis Sanchez unbedingt verhindern, dass Arsenal auch noch seinen zweiten Weltstar verlieren würde. Und Özil hatte ohnehin keine großen Möglichkeiten, also entschied er sich (in dieser Reihenfolge, lässt sich mutmaßen) für das Geld, für London und für Arsenal.

Gegen West Ham hätte die Mannschaft von Unai Emery einen Regisseur gut gebrauchen können. Arsenal kommt unter Emery derzeit häufig über die Flügel, mit einem sehr offensiven Kolasinac und bald auch wieder mit Bellerin. Im Zentrum fehlt aber oft ein Faktor, vor allem, wenn Lacazette und Aubameyang gemeinsam spielen. Gegen West Ham spielten Xhaka und Guendouzi im Mittelfeld, ohne großen Erfolg. Ramsey kam spät, auch er wird Arsenal verlassen, auch er wäre wohl zu teuer.

Die Indizien sind deutlich: Arsenal muss sich finanziell hinten anstellen. Der Kader ist dünn, die Defensive hat große Probleme. Investitionen im Ausmaß von Liverpool (140 Millionen für van Dijk und Alisson) sind astronomisch außer Reichweite. Aber auch bei den punktuellen Interventionen fehlt die Präzision: Torreira ist zweifellos eine Bereicherung, und Guendouzi belebt die Fantasie. Zentral hängt das Mittelfeld aber weiterhin an Xhaka, von dem inzwischen doch deutlich ist, dass er seine brillanten Ansätze niemals in eine konsistente, prägende Form überführen wird. Gegen West Ham hat Emery ihn ausgewechselt - ein kleiner Hinweis darauf, dass er auch allmählich unzufrieden werden könnte.

Bei Özil stellt sich zunehmend die Frage, ob Emery in dieser Angelegenheit eigene, sportliche Erwägungen in den Mittelpunkt stellt, oder ob er einfach Vorgaben der (neuen) Geschäftsleitung umsetzt. Wobei das ja ein riskanter Poker ist. Denn es kann durchaus sein, dass passende Angebote ausbleiben. Dann wäre Özil im Grunde vorzeitig im Ruhestand, und Arsenal müsste einen Vertrag erfüllen, auf dessen sportliche Gegenleistung Emery inzwischen sehr prinzipiell eine Verzichtserklärung abgegeben hat.

Am Samstag kommt Chelsea ins Emirates. Das wird dann so ziemlich die letzte Gelegenheit für Arsenal, die Rückrunde auf Kurs CL-Plätze zu bekommen. Nach allem, was der Club derzeit so kommuniziert, muss man sich aber darauf einstellen, dass Arsenal nicht wirklich in diese Liga gehört. Der Vertrag mit Mesut Özil hat aber noch CL-Dimensionen. Deswegen passt er wohl nicht mehr.

Geschrieben von marxelinho am 14. Januar 2019.

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23. Dezember 2018

Rutschen und Rumpeln

Das wird eine interessante Aufgabe für das Betreuerteam von Hertha BSC in der Winterpause: Schlüsse ziehen aus dieser Hinrunde. Das abschließende 1:3 bei Bayer Leverkusen enthielt noch einmal das eine oder andere Verallgemeinerbare: eine Defensive in Zeitlupe (Gegentreffer eins und drei), eine markante Verletzung (Leckie), eine gewisse Säumigkeit bei der Spielteilnahme (Gegentreffer eins).

Dazu kommt ein Umstand, für den die Betreuer nichts können: die Platzverhältnisse in Leverkusen waren katastrophal, das haben sie mit den Platzverhältnissen im Olympiastadion gemein. Die Bundesliga lässt im Winter auf Feldern spielen, die nicht sein müssten. Dass ausgerechnet auf diesem Gebiet so schlechte Arbeit an so vielen Spielorten geleistet wird (oder an der falschen Stelle gespart wird), ist ein Skandal. In England ist auch nicht alles perfekt, aber ein derartiges Gerutsche und Gerumpel sehe ich dort selten.

Der zweite Gegentreffer "gehörte" jedenfalls dem Rasen. Damit war Hertha vor eine Aufgabe gestellt, für die sie selbst wenig Beispiele vorrätig hält: heroische Comebacks zählen nicht zur Identität. Gegen Leverkusen wäre vielleicht sogar noch etwas gegangen, wenn - Havertz nicht kurz nach der Pause zu einem fast schon absurden Tor eingeladen wird. Genauer gesagt erging die Einladung an Aranguiz. In einer Szene, in der das Spiel fast stand, in der alle auf etwas warteten, was dann ja doch nur ein Pass werden konnte, machte Torunarigha eine Bewegung, die einen besonderen Pass provozierte. Hertha hebelte sich in diesem Moment selbst aus.

Danach war immer noch viel Zeit. Pal Dardai reagierte dann aber auf die Verletzung von Leckie konservativ, und brachte Pekarik statt Dennis "The Menace" Jastrzembski oder wenigstens seinen Sohn Palko. Der schon vor Ibisevic offensiv eingewechselte Köpke hatte noch eine Gelegenheit zu einem sehenswerten Treffer, der aber nicht zustandkam, weil der Ball rechts am Tor vorbeiging. Selke rieb sich auf, er ist irgendwie der Mann der Hinrunde für mich, unermüdlich, ideenreich, aber nicht ganz so effektiv, wie es wünschenswert gewesen wäre.

Ich erwähne Jastrzembski oder Palko deswegen, weil Hertha die Hinrunde mit sehenswertem Flügelspiel begonnen hatte, am Ende waren die Flügel aber schon ziemlich lahm. Die Rückrunde hat den Vorteil, dass sie im Zeichen von länger werdenden Tagen gespielt wird. Sie hat auch den Vorteil, dass Hertha auf Rückrunden nicht spezialisiert ist. Das ist ein Befund, den man nicht verallgemeinern sollte. Sondern ihn nach Möglichkeit widerlegen.

Postskriptum: Saison 2016/2017 Bayer Leverkusen gegen Hertha HSC 3:1 am 17. Spieltag, 6:2 am 34. Spieltag. Ich sehe da eine kleine Serie, die nach Unterbrechung schreit.

Geschrieben von marxelinho am 23. Dezember 2018.

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19. Dezember 2018

Tanz hinweg den tiefen Rasen

Eine Runde vor Halbzeit in der Bundesliga haben wir jetzt schon mehr als genug Material, um jedes erdenkliche Resultat irgendwie einordnen zu können. Die Niederlage von Hertha in Düsseldorf - eigentlich ganz normal für ein Spitzenteam, auch der BVB hat gestern in der "verbotenen Stadt" (wie ein geistreicher Hertha-Fan gestern getwittert hat) verloren.

Auch das 2:2 zwischen Hertha und Augsburg gestern lässt sich einordnen - allerdings hatte es durchaus Ausnahmecharakter. Denn lange Zeit war diese Begegnung so etwas wie der Minimalkonsens der engen Liga. Und das bedeutete: bleierner Abgleich von Grundkompetenzen mit starker Tendenz zum torlosen Remis.

Und nun so ein ein Tor wie der Ausgleich der Fuggerstädter (ich gestehe: die sportkommentatorische Neigung zum Synonym beginnt mir verspätet Spaß zu machen): ein Move wie von einem Pino Bausch des Fußballs, ein Square Dance mit Plattenhardt und Torunarigha als Maiden, die korrespondierend ihre Gliedmaßen wackeln (und den Ball durch) ließen, und mit Koo als dem intrikatesten Kleinraumdeuter seit der Erfindung der Box in der Box.

Das Tor war ein Leckerbissen, dem Hertha aber davor auch zwei vorgegeben hatte: ein dynamischer Antritt von Lazaro, der zu einem Abstauber von Duda führte (der Slowake eigentlich wieder im Touché-Modus, also keineswegs mit einem forschen Abschluss, aber Luthe ließ trotzdem passieren), davor ein Manöver mit dem Hertha-Wizard Davie Selke, das Leckie abschloss. Der Australier war auch beim Führungstor für Augsburg durch Hinteregger beteiligt, er kam nicht an einen Eckball von Schmid, die Differenz zum Torschützen fällt für mich unter die prinzipiellen Unwägbarkeiten, die ein Corner produziert, und die auch Hertha gelegentlich ganz geschickt nutzt.

Schon zur Pause konnte sich Pal Dardai für seine originelle Taktik bestätigt sehen. Er hatte Leckie als zweite Spitze neben Selke gebracht, Duda neben Maier, Pekarik hinter Lazaro, Mittelstädt vor Plattenhardt. Die Tore fielen durch die Mitte, in der zweiten Halbzeit fiel dann aber doch auf, dass Flügelspiel, die große Errungenschaft einer aus dem Zentrum heraus neu belebten Hertha in dieser Saison, derzeit mangels Personal eher ausfällt.

Hertha spielte in der zweiten Halbzeit nicht mehr wirklich auf Sieg. Pal Dardai gab dann sogar noch ein Neutralisierungssignal, als er Ibisevic brachte, allerdings nicht für Pekarik, wie ich meinte, sondern für Selke, der für die widrigen Verhältnisse ein sehr gutes Spiel gemacht hatte. Mit Ibisevic und Selke (und dem starken Leckie noch eine Viertelstunde auf dem rechten Flügel) hätte Hertha das Spiel gewonnen - hätte, hätte, Menschenkette. Ich bin mir der Anfechtbarkeit meiner Behauptung bewusst.

Ist ja auch irgendwie nicht so wichtig. Der katastrophale Rasen, die schüttere Kulisse, die kurzen Regenerationszeiten vor Weihnachten, all das verleiht der späten Phase der Hinrunde einen Charakter des Provisorischen. Die 16 Spiele vor dem abschließenden gegen Bayer 04 ergeben für Hertha-Fans ein arges Durcheinander. Wer Schlüsse ziehen will, sollte vielleicht besser Blei gießen. Aber dafür ist es noch zu früh.

Und die Lektion aus dem ersten Spiel kann man dann vor dem 18. im neuen Jahr noch einmal hervorkramen: die Dreierfünferkette wurde zu schnell wieder zu den Akten gelegt. Sobald wieder Personal dafür vorhanden ist, wäre die elastische Hertha noch einmal einen Versuch wert.

Und wenn dann im Februar die Bayern zum Pokalspiel kommen, wird hoffentlich ein neuer Rasen verlegt sein. Obwohl sich mit Davie Selke auch ein fieses Kick & Rush gut machen würde. Aber ich greife vor. Gestern habe ich sogar schon vom Rückspiel gegen Augsburg fantasiert: Frühling in Schwaben, Grujic (der da schon einen Fünfjahresvertrag in Berlin unterschrieben hat, finanziert von dem neuen Groß- und Stadioninvestor, einem derzeit noch unbekannten Weddinger Startup, das alle Welt im Februar 2019 mit einem emissionslosen Treibstoff verblüfft) dirigiert eine wirbelnde Hertha, und Selke überholt mit einem Hattrick seine Konkurrenten in der Torschützenliste. Sind so Träume. Wird sicher wieder ein Tanz.

Geschrieben von marxelinho am 19. Dezember 2018.

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16. Dezember 2018

Jahresform mit Tagesformfehlern

Ich hätte einen kleinen Vorschlag für Pal Dardai: er täte besser daran, das Wort Tagesform aus dem Verkehr zu ziehen. Seine Aufgabe als Trainer besteht schließlich darin, eine Mannschaft zu bilden, die - möglichst unabhängig von Verletzungsproblemen, aktuellen Umständen und allen erdenklichen Widrigkeiten - einen erkennbaren Fußball spielt. Unbestritten gibt es so etwas wie Tagesform, als Trainer wird er aber vor allem auf alles schauen, was über die Tagesform hinausgeht.

Und da muss man nach dem 1:2 in Stuttgart eben sagen, dass Hertha zum dritten Mal in dieser Hinrunde ein Spiel, in dem die Mannschaft lange Zeit in allen Bereichen dominiert hat, nicht gewonnen hat - gegen Freiburg riss nach einem überraschenden Ausgleich der Faden, gegen Düsseldorf veränderte der Ausschluss von Mittelstädt alles. Gegen Stuttgart ließ Hertha eine Mannschaft zurück ins Spiel kommen, die davor 45 Minuten lang an Ratlosigkeit kaum zu überbieten war.

Dreimal Tagesform ergibt ein Muster. Zumal in einer Saison, die insgesamt wenig Verlässliches erkennen lässt. Hertha hat gegen Schalke und Bayern gewonnen (beide Male hatte der Gegner eine Tagesform, die ebenfalls auf größere Zusammenhänge hindeutete), Hertha hat gegen den BVB spät ein Remis gerettet (dieses Comeback ist besonders untypisch, denn normalerweise hat die Mannschaft so etwas nicht in Repertoire), Hertha hat wenigstens Hannover geschlagen - ausnahmsweise ein Sieg gegen eine desolate Mannschaft.

Nach fünfzehn Spielen ist zwar nicht zu bestreiten, dass Hertha in diesem Jahr eine "spannende Mannschaft" hat, wie Michael Preetz in der PK vor dem Stuttgart-Spiel sagte. Gegen die alten Probleme gibt es aber nur Andeutungen von Ansätzen. Hertha hat unter Pal Dardai ein Problem mit der Einstellung. Das äußerte sich, nach dem Abschied vom Abstiegsgespenst, zwei Jahre lang in Hinrunden, bei denen niemand so recht wusste, wie es geschah, und Rückrunden, die wie Korrekturen einer geschummelten Schulbarbeit wirkten.

Im Vorjahr führte das Einstellungsproblem zu einer anonymen Spielzeit, bei der man Hertha auch in die Lostrommel hätte werfen können, wo wenig schien die Mannschaft an Einfluß auf ihr Geschick interessiert.

In diesem Jahr ist vieles anders, gegen Stuttgart aber war wieder die Hertha aus dem Vorjahr da. Zum Teil auch personell, wegen des Ausfalls von Maier. Aber es wäre absurd, Skjelbred individuell etwas vorzuwerfen. Die ganze Mannschaft kam offensichtlich nicht damit zurecht, dass sie Stuttgart so mühelos eine Halbzeit lang dominieren konnte. In Wahrheit war das auch in Halbzeit eins wieder die zaudernde Hertha, die keinen Sinn dafür hat, sich ein Spiel zu schnappen.

Pal Dardai sprach vor der englischen Woche, von der nun noch ein Heimspiel gegen Augsburg und ein Auswärtspiel in Leverkusen, von vier Punkten aus drei Spielen. Die Mannschaft erhöhte angeblich auf sieben. Der Trainer hätte dieses Geplänkel niemals eröffnen dürfen, auch wenn es den Medien Spaß macht, und man es seiner "authentischen" Außendarstellung als Gewinn zurechnet.

Der Idealfal wäre doch der: Hertha wäre eine spannende Mannschaft, wenn sie in jedes Spiel in der Bundesliga mit einer realistischen Chance auf einen Sieg, und mit einem Konzept und einer Einstellung dafür geht. Dann reicht es wirklich, nach dem Spiel die Punkte zu zählen, und nicht schon während des Spiels die denkbaren. Und während des Spiels zu spielen. Und zwar intelligent und mit einem Wissen um die eigenen Fähigkeiten, und bei passender Gelegenheit mit einer Dominanz, die aus den eigenen Mitteln kommt.

Gegen Stuttgart war das gestern eine Dominanz, die aus dem schwarzen Loch der gegnerischen Mannschaft eine Halbzeit lang als Vorspiegelung falscher Tatsachen erwuchs - in der Halbzeit wechselte das Spiel dann gleichsam den Aggregatzustand, und Hertha stand neben sich. Das sind alles Erfahrungen, die auf den wahren Sachverhalt von Hertha BSC hinweisen: diese spannende Mannschaft gehört ins Niemandsland der Tabelle. Pal Dardai wird erst dann ein großer Trainer, wenn er ein plausibles Konzept für eine Jahresform entwickelt. Die kann dann immer noch schwanken, aber dann wüsste die Mannschaft wenigstens, worum es geht. Derzeit weiß sie gerade wieder einmal nicht, wie ihr geschieht.

Geschrieben von marxelinho am 16. Dezember 2018.

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09. Dezember 2018

Unausgeglichene Gerechtigkeit

Es wird Zeit, dass jemand eine Psychologie des VAR schreibt. Das Fußballspiel bekommt durch den Videoassistent (oder eben: den Video Assistant Referee) eine Außenstelle, die dann besonders stark auf ihre quasi-religiöse Dimension verweist, wenn sie sich nicht meldet.

Kurz vor Ende der Begegnung zwischen Hertha und Eintracht Frankfurt hätte sich "Köln" angeblich melden sollen. Bei einem Zweikampf zwischen Grujic und Jovic wurde gezogen und gezerrt, wobei die Bilder darauf hindeuten, dass es mehr war als ein Zweikampf - einen eindeutigen Beweis (also einen Videobeweis) enthielten sie nicht. Zweifellos wäre ein Elfmeter vertretbar gewesen. Aber war es eine gravierende Fehlentscheidung, aus dem Spiel heraus (also von der Wahrheit auf dem Platz her) keinen zu geben?

Hertha führte zu diesem Zeitpunkt immer noch 1:0, den Führungstreffer kurz vor der Pause hatte Grujic per Kopf nach einer Ecke von Plattenhardt erzielt. Die Psychologie kommt für mich als Zuschauer in den Sekunden ins Spiel, in denen wir auf das Eingreifen aus Köln warten. Ich war einer Erkältung wegen nicht im Stadion, kannte also die Zeitlupe schon, die Grujic belastete.

Unweigerlich tauchen in solchen Momenten halb bewusste Erinnerungen an Ereignisse in der Kindheit auf. Ich habe etwas angestellt, und nun muss ich damit rechnen, dass es entdeckt wird. Das waren Stunden, manchmal Tage einer nagenden Ungewissheit, in meinem Fall noch zusätzlich geprägt durch eine katholische Erziehung, die mich mit einem metaphysischen Beobachter rechnen ließ. Die beiden Faktoren spielten natürlich zusammen: Gott und die Eltern - und andere Autoritätspersonen in meiner damals noch kleinen Welt. Und dazu übrigens noch die Aufforderung, das zu beichten, wobei wir schließlich doch nicht ertappt wurden.

Gestern meldete sich Gott nicht. In der Liga heißt Gott Köln, mit bürgerlichem Namen hieß Köln gestern Bibiana Steinhaus (nicht Beglau, wie ich in einer Verwechslung nicht nur zweier Personen, sondern auch meiner beruflichen Sphären geschrieben hatte). Häufig wird erwähnt, dass Gott / Köln beim VAR der Bundesliga in einem Keller arbeitet, wodurch die Sache etwas von einem Höhlengleichnis bekommt. Bilder flackern an einer Wand, sie zeigen aber nur Ideen von einem Spiel. Zu einem widerspruchslosen Universum setzt sich das Spiel auch dann nicht zusammen, wenn man alle Bilder (alle Angles) davon sieht.

Das geht aus dem Umstand hervor, dass Adi Hütter - der österreichische Trainer der Eintracht - die Totalperspektive gleich ganz auf seine Seite reklamierte. Er beanstandete nämlich auch den Eckball vor dem Tor, wollte davor ein Foul von Plattenhardt gesehen haben. Damit hatte die Eintracht das Spiel in der besten aller möglichen Welten gewonnen, nämlich in dem virtuellen Universum, in dem Tatsachen und Möglichkeiten zusammengerechnet werden, und in dem Gott / Köln alles ausgleicht.

Dieses Universum liefe allerdings langfristig auf ein ewiges Nullnull hinaus.

Der Sieg von Hertha war gestern sicher ein wenig glücklich. Unverdient war er nicht. Das war ein hoch professioneller Auftritt, bei dem letztlich Platzfehler und Zweikampfbewertungen entschieden. Also ein typisches Dezemberspiel, das allerdings durchaus Qualitäten hatte.

Pal Dardai hatte auf die Probleme der letzten Wochen reagiert. Die Doppelspitze war keineswegs programmatisch auf ein Offensivspektakel gemünzt, wie es in der Vorberichterstattung auf Sky prognostiziert worden war. Sie war eher, in der Pointiertheit der Formation mit einem aus der Tiefe kommenden und in der Tiefe arbeitenden Ibisevic, eine diskrete Variante einer Außenseitertaktik.

Arne Maier gab hinterher ein tolles Interview, er war bei Sky der Mann des Spiels. Er hielt eine insgesamt sehr homogene Mannschaft zusammen. Einen Spieler würde ich gern noch hervorheben: Leckie wird gerade immer interessanter, er muss nur seine finalen Aktionen noch klarer spielen.

Als ich schließlich in der 87. Minute mit dem Unausweichlichen rechnete, nämlich mit dem in die Luft gezeichneten Rechteck, das auf den VAR verweist, da kam überraschenderweise nichts. Und in diese Lücke gehe ich jetzt mit meiner Deutung: die Entscheidung im Keller von Köln war richtig. Die Situation war keineswegs so eindeutig, wie hinterher alle taten. Die Bilder lösen das Gerangel nicht auf.

Sie zeigten übrigens an anderer Stelle sehr genau, warum Davie Selke das 2:0 misslang - weil der Ball versprang. Fußball ist auch unter den Augen eines Gottes, der in Köln in einem Keller sitzt, kein determiniertes Universum. Sondern ein wenig chaotisch. Selbst in einem Spiel, das stark von Ordnungsbemühungen zweier weitgehend gleich starker Mannschaften geprägt war. Der Sieg geht in Ordnung, weil er so im Spielbericht steht. Die Statistik ist das andere Ende der Gerechtigkeit. Die Statistik erlöst das Chaos aus der Hölle der ewigen Revidierbarkeit. Hertha hat nun 23 Punkte.

Geschrieben von marxelinho am 09. Dezember 2018.

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von Oliver (am 09. Dezember 2018)
Schöner Verschreiber, ich liebe Bibiana Beglau! Ich stelle mir gerade vor, wie sie im Keller in Köln als Gott über unsere Hertha und unser Seelenheil entscheidet! Und ich liebe auch Bibiana Steinhaus und danke ihr für diese gute Entscheidung!
08. Dezember 2018

Mittelfeld mit Beinfreiheit

Hertha bestreitet an diesem Wochenende das Topspiel der Ligarunde - ungeachtet des Revier-Derbies kann das Match mit Eintracht Frankfurt im Olympiastadion durchaus Interesse für sich reklamieren. Die Sportgemeinde aus Hessen hat sich nachdrücklich als Kandidat für Europa etabliert, Hertha hat zwischendurch eine Phase im Vorjahrsmodus (mit reduzierter Ambition) eingelegt und muss heute zeigen, ob das eine Phase war - oder ob einige gute Spiele in dieser Saison eher als Ausnahme zu werten sind.

Zwei Personalien machen in diesem Zusammenhang Hoffnung: Jordan Torunarigha und Marko Grujic. Der junge Verteidiger wird sicher noch eine Weile an seiner Balance zwischen Genie und Unbekümmertheit arbeiten müssen, er hat aber definitiv Anlagen zum Genie. Die spannendste Personalie bei Hertha ist im Moment aber eindeutig Marko Grujic. Das hat mit seiner Vertragssituation zu tun: Er ist ausgeliehen vom FC Liverpool, dort bekam er bisher keine seriöse Chance, bei Hertha aber fiel er sofort auf.

Seine Qualitäten sind deswegen so wichtig, weil sie in Arne Maier eine Entsprechung haben: beide spielen deutlich vertikaler, als es bei Hertha in all den Jahren seit dem Wiederaufstieg üblich war. Grujic hat gegenüber Maier aber noch die Vorzüge seiner spezielleren Athletik und einer offensichtlicheren Dominanz - nicht von ungefähr gibt es zwischen den beiden eine Arbeitsteilung, in der Maier den defensiveren Part hat.

Nebenbei ist das eigentlich eine der größten Überraschungen in dieser Hertha-Saison bisher: wie anstandslos Maier die Sechserposition übernommen hat, also die Zentrale vor der letzten Linie. Vor zehn Jahren, als Hertha unter Lucien Favre mit dem jungen Gojko Kacar eine ähnliche Figur wie Grujic zu etablieren versuchte, da spielte meistens noch ein absichernder Sechser. Der heutige Coach Pal Dardai stand in einer Tradition konservativer "Maschinisten" oder "haltender" bzw. verhaltener Mittelfeldspieler, die von Niko Kovac über Dardai bis zu Lustenberger/Skjelbred reicht. Nun spielt diese Position mit Maier erstmals ein Spieler, der bei aller Solidität doch immer nach vorn denkt.

Und direkt vor und de facto oft neben oder irgendwo im Kraftfeld rund um ihn herum ist Marko Grujic eine herausragende Größe. Seine Statur trägt wesentlich zu einem Mittelfeld mit deutlich erweiterter Beinfreiheit bei Hertha bei. Er hat nun in Interviews gesagt, dass er sich vorstellen könnte, ein weiteres Jahr bei Hertha zu bleiben, wenn die Qualifikation für einen europäischen Bewerb gelingt. Das würde aber bedeuten, dass die Entscheidung erst spät fiele. Vermutlich wird es aber schon im Winter Angebote geben, in England kursieren auch Behauptungen, dass Liverpool schon im Winter verkaufsbereit sein könnte - dagegen würde Hertha sicher ein Veto einlegen, von dem dann zu sehen wäre, wie schwer es wiegt.

Offensichtlich ist die Aufgabe bei einem Aspirantenclub in der Bundesliga derzeit genau der richtige Einstieg für Grujic. Sein Potential geht aber deutlich darüber hinaus. Reicht es aber auch für seinen großen Traum, sich bei Liverpool durchzusetzen?

Nach dem CL-Spiel gegen PSG gab es neulich einen interessanten Text über die Mittelfeld-Probleme bei Klopps Team: Barney Ronay empfahl einen "midfield rethink". Die Schlüsselpersonalie ist dabei Jordan Henderson, den man pointiert als den Lustenberger der Reds bezeichnen könnte - ein Spieler, der gefühlt immer schon da war (er kam 2011 aus Sunderland), und der eine Position blockiert, wie viel Fans meinen. Naby Keita und Fabinho müssen erst integriert werden, zuletzt spielt auch Shaquiri in dem traditionellen 4-3-3 in der Dreierlinie im Mittelfeld. Dazu kommt noch Wijnaldum, und der Mann, der "immer" spielt: James Milner.

Im Grunde müsste Klopp das System ändern, um Grujic gut integrieren zu können. Dafür spricht nicht viel. Hertha kann in der Personalie aber sowieso nur auf Sicht fahren. Und das bedeutet vorerst einmal: in den vier Spielen bis Weihnachten sollte Grujic am besten so unauffällig wie möglich so herausragend wie möglich agieren. Da das bekanntlich nicht geht, bleibt sowieso nur eine Alternative: die Mannschaft muss einem ihrer attraktivsten Kollegen ein Umfeld bieten, das mit seinen Möglichkeiten mithalten kann. Im Grunde ist also alles ganz einfach: Mit Grujic für Grujic um Grujic kämpfen und siegen. Das gilt dann im selben Maß für die anderen "stillen Reserven": für Davie Selke, für Jordan Torunarigha, und natürlich auch für Arne Maier.

Geschrieben von marxelinho am 08. Dezember 2018.

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06. Dezember 2018

Der Alltag nach dem Allwissenden

Vier Punkte aus zwei Spielen gegen Konkurrenz aus den Top 6: Der Arsenal FC müsste eigentlich zufrieden sein mit den Ergebnissen seit Sonntag. Zuerst das massive 4:2 im Derby gegen Tottenham, und gestern dann bei unwirtlichen Bedingungen ein 2:2 in Old Trafford gegen Manchester United. Damit ist die Mannschaft von Unai Emery seit 20 Spielen (13 in der Premier League, fünf in der Europa League und zwei im EFL-Cup) ungeschlagen. Eine kleine Einschränkung bei den Meriten muss man allerdings machen: Manchester United ist derzeit nur dem Nimbus nach ein Top 6-Team, die Leistungen sind mittelmäßig.

Von Arsenal hingegen haben viele im ersten Jahr nach Arsene Wenger nicht viel erwartet. Das hat auch viel mit Manchester United zu tun, wo seit dem Abgang von Alex Ferguson 2013 nur ein zweiter Platz gelang, im Grunde aber immer noch Übergangsphase ist. Sie haben aber auch keinen guten Trainer: Jose Mourinho ist offensichtlich ein Auslaufmodell, der ja auch schon argumentiert wie der späte Arsene Wenger, also vorwiegend mit alten Verdiensten.

Unter Unai Emery hat sich Arsenal aber überraschend gut gefunden. Zu Beginn gab es zwei Niederlagen gegen Manchester City und Chelsea, seither war auch nicht alles eitel Wonne, aber gerade die letzten Wochen lassen zunehmend Muster und Qualitäten erkennen. Auffälligerweise vollzieht sich die Entwicklung neuerdings ohne Özil. Für den "Einfädler" ist zur Zeit kein Platz in einer Formation, die zumeist als 3-4-3 angelegt ist. Offiziell wurden zuletzt zweimal Rückenprobleme als Grund dafür genannt, dass Özil nicht einmal im Aufgebot war.

Dabei geht es in der Spielanlage unter Emery durchaus um Qualitäten à la Özil. Das Passspiel geht eindeutig in Richtung Spielkontrolle, es ist variantenreich und enthält viele Seitenverlagerungen, auch die hinteren Drei werden intensiv einbezogen. Es hat also nicht viel mit dem Mythos vom Kurzpassfußball zu tun, der Arsene Wenger so lange nachhing, sondern eher mit den Vorzügen einer kontrahierenden Formation. Dabei rücken die Außenspieler (derzeit vor allem Kolasinac, während Bellerin gestern in Old Trafford weniger aktiv war) sehr oft sehr weit vor, Läufe in die Tiefe gibt es sonder Zahl, und der hochinteressante Jungstar Guendouzi probiert - von etwas weiter hinten - den Özil-Stil.

Das Derby gegen Tottenham war englischer Fußball in Reinkultur: ein Spiel, wie es in dieser Intensität in Deutschland undenkbar ist. Da sind die Unterschiede zwischen den Ligen geradezu gigantisch, und wir können nur hoffen, dass die aktuellen Tendenzen in der Bundesliga (hin zu einer breiteren Spitze) längerfristig wirksam werden.

Aubameyang und Lacazette sind zwei Topstürmer, gerade weil ihre Positionen nicht hundertprozentig zusammenpassen. Wenn beide gemeinsam spielen, bekommt die Formation von Arsenal etwas "Unreines", und zwar im besten Sinn: dann spielt wirklich die ganze Mannschaft auf zwei unberechenbare Individualisten zu.

Die beiden Verletzungen von Holding und Ramsey gestern in Old Trafford, dazu die vielen gelben Karten lassen erkennen, dass es ein Abnützungsspiel war, drei Tage nach dem ekstatischen Heimsieg im Nordlondon-Derby. Und so wird es in England jetzt weitergehen bis nach Weihnachten. Da könnte sich dann doch zeigen, dass der Kader von Arsenal möglicherweise in der Tiefe nicht stark genug ist. Und selbst für Özil könnte es wieder etwas zu tun geben - allerdings spricht nun doch vieles dafür, dass er den luxuriösen Langzeitvertrag, den er heuer unterschrieben hat, nicht erfüllen wird.

Ob man sich hingegen mit Ramsey doch noch einmal zusammensetzen wird? Er ist seit vielen Jahren einer meiner Lieblingsspieler, man kann ihn sich schwerlich irgendwo anders vorstellen. Aber es scheint, als hätte Arsenal da die Tür definitiv zugemacht. Seltsam eigentlich.

Nun beginnt eine Serie von Spielen für Arsenal, in denen drei Punkte Pflicht sind - das waren unter Wenger die Spiele, in denen es immer wieder Enttäuschungen gab. Das wird auch unter Emery nicht anders sein, zu groß ist der Verschleiß in der Premier League in den Wochen vor Weihnachten. Zwei Tage vor Silvester steht dann das Auswärtsspiel in Anfield an - darauf läuft im Moment alles zu. Und man kann in jedem Fall schon einmal sagen: unter Emery ist Arsenal wieder Top 4-Kandidat. Und zwar nicht nur von den Punkten her. Arsenal ist - mit einem kleinen, aber spannenden Kader - wieder eines der interessantesten Teams der Liga: Mehr konnte man sich im ersten Halbjahr nach dem allwissenden Elsässer nicht wünschen.

Geschrieben von marxelinho am 06. Dezember 2018.

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02. Dezember 2018

Worte und Taten

Fußball ist ein Spiel, bei dem zwei Mannschaften einen Vortrag halten, und wenn eine dabei das letzte Wort hat, bekommt sie drei Punkte. So war das auch gestern in Hannover, wobei das schöne Wort "Vortrag", das in der Kommentatorensprache ab und zu verwendet wird, in diesem Fall wirklich Sinn macht: der Vortrag besteht beim Fußball darin, den Ball sinnvoll nach vorne zu tragen, bis er hinter der entscheidenden Linie landet.

Das Tagwerk ist im Fußball also ein Tragwerk ohne Hände, es bedarf für den Vortrag einer tragfähigen Grundlage. Diese war bei Hertha gegen einen allerdings schwachen Gegner wieder gegeben. Jordan Torunarigha kam in die Mannschaft zurück, er war zu Saisonbeginn ja Teil dieses phasenweise erstaunlichen Ensembles gewesen, das damals für eine Weile eine fliegende Hertha ausmachte. Eine überfliegende.

Dann erwischte Torunarigha eine Verletzung, und Patrick Hermann trat Marko Grujic für ein paar Wochen aus dem Bewerb, und alte Einstellungsprobleme verbanden sich mit ständig wechselnden Personalsituationen zu einer mittelmäßigen mittleren Phase der Hinrunde.

Gegen den Abstiegskandidaten aus Hannover musste Hertha zeigen, ob auf die positiven Ansätze aus dem Sommer weitere Schritte folgen können. Das nüchterne 2:0 ist ein wichtiger Schritt. Denn es wurde mit einem vergleichsweise zurückhaltenden Vortrag erzielt, ohne große rhetorische Manöver, aber mit jederzeit interessanten Argumenten.

Nicht nur aufgrund zweier Torbeteiligungen hatte Jordan Torunarigha besonderes Gewicht. Er ist unübersehbar eines der größten Talente, die Hertha jemals hervorgebracht hat, und wenn in seinem Fußballerhirn die Dinge gut zusammenwachsen (Einstellungen, Koordination, Konzentration, Ethos, Inspiration), dann könnte er größer als Jerome Boateng werden - und dieser Berliner Junge ist immerhin Weltmeister, CL-Sieger und Brillendesigner geworden.

JT hat häufig etwas Kokettes in seinen Bewegungen, vor allem seine Hände wirken manchmal so, als wollten sie sagen, dass sie für die Koordination der elastischen Beine gar nicht gebraucht werden. Wenn er schlecht spielt, sieht das lächerlich aus, häufiger aber wirkt es genial.

So ließ er gestern auch einen Ball, den er selbst mit einer brillanten Umschaltbewegung in seine Richtung suggeriert hatte, fast schon über die Torauslinie schlittern, ehe er ihn doch noch auf eine Flanke schickte, für die Ibisevic nur noch das tun musste, was man bei guten Vorträgen eben häufig macht: man nickt. Man nickt ein, aber anders, als man bei schlechten Vorträgen manchmal einnickt.

Das war dann schon die Entscheidung. Davor hatte Hertha einige vielversprechende Konter nicht gut ausgespielt, vor allem Kalou fehlt derzeit ein bisschen die Präzision. Aber insgesamt sah das alles sehr vernünftig aus: defensiv wieder kompakter, und mit Maier und Grujic im Zentrum zwei Kollegen, die jederzeit das Wort ergreifen können.

Ganz vorne brachte Pal Dardai mit Ibisevic und Selke eine sogenannte Doppelspitze. Das funktionierte gut, nicht zuletzt deswegen, weil Selke so herrlich Chaos machen kann. Mit Torunarigha, Grujic und Selke hat Hertha derzeit drei Langbeiner, die magische Dinge bewerkstelligen.

Vier Spiele gibt es nun noch vor Weihnachten. Mit dem Sieg in Hannover ist der Anschluss an interessanten Tabellenbereiche wieder hergestellt. Nun geht es darum, die Argumente zu schärfen, und zwar gegen Gegner, die auch etwas zu melden haben. Ich bin ganz Ohr.

Geschrieben von marxelinho am 02. Dezember 2018.

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27. November 2018

Das große Rad

Am Samstag gegen Hoffenheim war ich im Olympiastadion, bei der Mitgliederversammlung gestern Abend konnte ich hingegen nicht dabei sein. Es ist allerdings reizvoll, sich diese beiden Ereignisse einmal gemeinsam anzusehen - ein turbulentes 3:3 gegen einen Mitbewerber um die europäischen Plätze (wenn man Hertha in dieses Rennen einmal großzügig einbezieht), und ein geschäftlicher Ausblick, den man vielleicht in erster Linie so zusammenfassen muss: Hertha dreht jetzt an einem wirklich großen Rad.

Das Spiel am Samstag hat etwas bestätigt, was sich schon seit einer Weile angedeutet hat: Hertha hat ihren Charakteristika (das Phlegma fiel dieses Mal wegen des früheren Gegentors weg, die Kompaktheit war ohnehin nie eines, die Elastizität zeigte sich in enormem Maß) ein weiteres hinzugefügt: Naivität. Eine unsichere Ersatz-Innenverteidigung fand schwache Unterstützung durch die anderen Mannschaftsteile, die erste Hälfte hätte leicht schon mit einem Debakel enden können, in der zweiten Halbzeit ließ Hoffenheim nach, Hertha brauchte aber trotzdem einen Glücksschuss von Lazaro, um noch einen Punkt mitzunehmen.

Die Entwicklung der Mannschaft sieht also in etwa so aus: Ansätze zu einem ansehnlichen Offensivspiel sind zu erkennen, dafür ist die Grundlage verloren gegangen - 20 Gegentore nach 12 Spielen sind ein bedenklicher Wert.

In Geschäftsbetrieb gibt es keine direkte Analogie zu Gegentoren, aber auch da läuft nicht immer alles so, wie man es sich wünschen würde. Der Geschäftsführer Finanzen hat, nach allem, was ich den Tickern entnehmen konnte, bei der MV wie gewohnt eine wolkige Präsentation gegeben, die ich ungefähr so zusammenfassen würde: Hertha verschuldet sich ganz schön hoch, um wieder an 100 Prozent der Anteile zu kommen. Diese Schulden sollen dann auch nicht durch einen künftigen Investor beseitigt werden, denn dessen Geld wird ja für den Stadionbau gebraucht.

Ingo Schiller hat offensichtlich bewusst keine Summen genannt, wir dürfen also gespannt sein, wie hoch die Verbindlichkeiten von Hertha BSC mit Ende des Jahres sein werden - es sind ja schon welche vorhanden, dazu kommt dann eine nicht billige Anleihe, die aber nur etwas mehr als die Hälfte des Betrags abdeckt, den KKR bekommen wird. Ein wenig erstaunlich finde ich es schon, dass der Aufsichtsrat da nicht auf größere Klarheit drängt, andererseits muss man aber als Fan selbst darauf hoffen, dass nicht zu deutlich auffällt, wie sehr Hertha eigentlich ins Risiko geht.

Schließlich soll im ersten Quartal 2019 der Erbpachtvertrag für den Stadionbau abgeschlossen werden, und dafür muss politische Überzeugungsarbeit geleistet werden. Da sieht es nicht gut aus, wenn ein Unternehmen mit beträchtlichen Verbindlichkeiten ein umfangreiches Vorhaben auf den Weg bringen will, das irgendwo in den Bereich der Viertelmilliarde gehen wird.

Die Schlüsselaussage von Ingo Schiller war, dass seiner Meinung nach die Verbindlichkeiten, auf die Hertha sich derzeit einlässt, alle aus dem laufenden Betrieb zurückgeführt werden können. Das ist auf Grundlage des Umsatzwachstums bis zu einem gewissen Grad plausibel, allerdings ist schon die ebenfalls angeführte Kategorie der stillen Reserven ein klassischer Puffer, der im Grunde fiktional ist (richtig werthaltig wäre er ja nur, wenn Hertha für jeden verkauften Spieler einen gleichwertigen Gratisersatz aus dem eigenen Nachwuchs oder einen ablösefreien Spieler bekommen würde).

Wie der laufende Betrieb in drei, vier Jahren aussehen wird, ist dabei die entscheidende Frage. Der Betrieb der ersten Liga hat sich an deutlich wachsende Medieneinnahmen gewöhnt. Allerdings wird die Situation derzeit eher wieder unübersichtlicher, und es ist keineswegs gesagt, dass die DFL beim nächsten Abschluss - mit tendenziell verstärkter Fragmentierung durch neue Streaming-Anbieter - erneut einen Blockbustervertrag zustandebringt. Ganz zu schweigen von den Fans, denen das ja alles aufgeladen wird - wir zahlen ja mit immer neuen Monatsbeiträgen für Sky, DAZN and Eurosport jetzt schon satt, und wenn dann Amazon auch noch einsteigt, mal sehen.

Hertha geht also in einer spannenden Zeit in die Offensive, ist im Vergleich zu nicht wenigen Konkurrenten damit aber spät dran: im Grunde steht hier der letzte Stadionneubau in der ersten Liga an (und auch einer der wichtigsten). Ein wenig schummrig könnte einem bei all dem schon werden, dabei gilt aber auch immer schon eines der wichtigsten Gesetze in der Finanzwelt: man muss halt alles schönreden, sonst klappts schon gar nicht.

Geschrieben von marxelinho am 27. November 2018.

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22. November 2018

Gutes Geld und schlechtes Geld

Es ist eine sehr nebensächliche Ironie des Ligakalenders, dass Hertha BSC die beiden Heimspiele gegen zwei besonders verhasste Investorenclubs hintereinander austrägt: Vor drei Wochen verlor Hertha im Olympiastadion gegen RB Leipzig klar mit 0:3, und nun kommt am Samstag die TSG 1899 Hoffenheim. Gegen deren Mäzen Dietmar Hopp gab es (auch von Hertha-Fans) immer wieder Fangesänge, gegen die ich - neben der unflätigen Sprache - vor allem einwenden würde, dass sie naiv sind.

Dietmar Hopp oder Dietrich Mateschitz sind in der gegenwärtigen politischen Situation und in der globalen Ökonomie von heute nicht das Problem (auch wenn Mateschitz seinen Reichtum zu einem kleinen Teil auf die Propagierug von politischen Inhalten verwendet, die ich nicht unterstütze, sondern gegen die ich mich engagiere).

Ich möchte deswegen heute einen Vorschlag machen, wie die Fanszene mit dem Thema Geld, notabene mit Zuschüssen durch Investoren, ein wenig systematischer umgehen könnte, als bloß zwei reiche Männer zu beschimpfen, die zufällig gerade zur Hand sind.

Mein Vorschlag hat auch einen konkreten Kontext in der gegenwärtigen Situation von Hertha BSC. Denn in Berlin stehen große finanzielle Bewegungen an, ein neues Stadion soll gebaut werden (für das es dann auch Namensrechte geben wird), ein Investor oder Investoren werden gesucht.

In dieser Situation, aber auch für den Fußball generell, würde ich vorschlagen, dass man eine Art Ethik-Codex einführt (zuerst einmal auf der Ebene der DFL, wobei ich mir in der Frage der Chancen meines Vorschlags natürlich keine Illusionen mache). Diese Selbstverpflichtung einer Liga (die idealerweise irgendwann von der ganzen Uefa getragen werden würde) sollte einen Unterschied zwischen legitimen und illegitimen Investments machen.

Illegitime Investments wären alle, die mit Geld getätigt werden, das aus Zusammenhängen stammt, die mit der freiheitlich-demokratischen Grundordnung und ihren Ansprüchen an Transparenz und (Steuer-)Gerechtigkeit nicht zu vereinbaren sind. Es tut mir leid, dass sich das nicht einfacher sagen lässt, aber die Sache ist sowieso kompliziert genug.

Ich versuche ein paar Beispiele:

Abzulehnen wären Investitionen mit Mitteln aus Korruption, Kleptokratie und Steuerevasion. Das gilt auch dann, wenn entsprechende Vorgänge schon länger zurückliegen, und das Vermögen inzwischen (symbolisch wie konkret) gewaschen wurde. Roman Abramowitsch wäre in dieser Sicht kein satisfaktionsfähiger Geschäftspartner (und wird es auch in diesem Leben nicht mehr), Alisher Usmanow sowieso nicht, aber auch der kürzlich verunglückte, beliebte thailändische Magnat Vichai Srivaddhanaprabha, der sich bei Leicester City engagierte, wäre ein Grenzfall.

Abzulehnen wären weiters Investititonen mit staatlichen und staatsnahen Mitteln aus undemokratischen Systemen: Darunter fällt selbstverständlich alles, was aus Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten kommt, aus Saudi-Arabien (das gerade versucht, die FIFA zu kaufen), aus der Volksrepublik China, aber auch aus Aserbaidschan (Atletico Madrid spielte eine Weile mit dem Logo Land of Fire auf der Brust). Manchester City und PSG hätten nach dieser Logik niemals zu den Scheichclubs werden dürfen, die sie derzeit sind.

Nicht anzulehnen wären nach dieser Logik jedoch Investments mit - ich sage es jetzt einmal bewusst naiv - ehrlich erwirtschaftetem Geld - wobei da die Kriterien natürlich logischerweise fließend sind. Für solche Zuwendungen müssten einfach die Regeln eines plausiblen und durchsetzbaren Financial Fair Play gelten. Bei Dietmar Hopp und Dietrich Mateschitz gibt es also nichts zu beanstanden, und es ist lächerlich, die beiden ad personam zu verunglimpfen, wenn es doch eigentlich darum geht, dass der Fußball sich eine Verfassung gibt, die nach Fairness strebt.

Eine Selbstverpflichtung in der hier angedeuteten Form würde eine Brandmauer zwischen den entfesselten globalen Profiteurskapitalismus und das hochattraktive Spekulationsobjekt Fußball ziehen. Ich weiß selbst, wie realistisch dieses Szenario ist. Aber ich wollte es doch einmal vorgeschlagen haben.

Geschrieben von marxelinho am 22. November 2018.

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von Jörg (am 24. November 2018)
Traumhaft, Dein Vorschlag :-) Im Ernst, gibt es nicht vielleicht schon irgendwo ein Gremium, das Geldgeber so klassifiziert? Transparency International? Solch eine Klassifizierung könnte bestimmt interessant sein auch für andere Bereiche. Und wie würde man KKR einordnen? Und wenn im Negativen, was hieße das für Dich als Fan?