09. Dezember 2018

Unausgeglichene Gerechtigkeit

Es wird Zeit, dass jemand eine Psychologie des VAR schreibt. Das Fußballspiel bekommt durch den Videoassistent (oder eben: den Video Assistant Referee) eine Außenstelle, die dann besonders stark auf ihre quasi-religiöse Dimension verweist, wenn sie sich nicht meldet.

Kurz vor Ende der Begegnung zwischen Hertha und Eintracht Frankfurt hätte sich "Köln" angeblich melden sollen. Bei einem Zweikampf zwischen Grujic und Jovic wurde gezogen und gezerrt, wobei die Bilder darauf hindeuten, dass es mehr war als ein Zweikampf - einen eindeutigen Beweis (also einen Videobeweis) enthielten sie nicht. Zweifellos wäre ein Elfmeter vertretbar gewesen. Aber war es eine gravierende Fehlentscheidung, aus dem Spiel heraus (also von der Wahrheit auf dem Platz her) keinen zu geben?

Hertha führte zu diesem Zeitpunkt immer noch 1:0, den Führungstreffer kurz vor der Pause hatte Grujic per Kopf nach einer Ecke von Plattenhardt erzielt. Die Psychologie kommt für mich als Zuschauer in den Sekunden ins Spiel, in denen wir auf das Eingreifen aus Köln warten. Ich war einer Erkältung wegen nicht im Stadion, kannte also die Zeitlupe schon, die Grujic belastete.

Unweigerlich tauchen in solchen Momenten halb bewusste Erinnerungen an Ereignisse in der Kindheit auf. Ich habe etwas angestellt, und nun muss ich damit rechnen, dass es entdeckt wird. Das waren Stunden, manchmal Tage einer nagenden Ungewissheit, in meinem Fall noch zusätzlich geprägt durch eine katholische Erziehung, die mich mit einem metaphysischen Beobachter rechnen ließ. Die beiden Faktoren spielten natürlich zusammen: Gott und die Eltern - und andere Autoritätspersonen in meiner damals noch kleinen Welt. Und dazu übrigens noch die Aufforderung, das zu beichten, wobei wir schließlich doch nicht ertappt wurden.

Gestern meldete sich Gott nicht. In der Liga heißt Gott Köln, mit bürgerlichem Namen hieß Köln gestern Bibiana Steinhaus (nicht Beglau, wie ich in einer Verwechslung nicht nur zweier Personen, sondern auch meiner beruflichen Sphären geschrieben hatte). Häufig wird erwähnt, dass Gott / Köln beim VAR der Bundesliga in einem Keller arbeitet, wodurch die Sache etwas von einem Höhlengleichnis bekommt. Bilder flackern an einer Wand, sie zeigen aber nur Ideen von einem Spiel. Zu einem widerspruchslosen Universum setzt sich das Spiel auch dann nicht zusammen, wenn man alle Bilder (alle Angles) davon sieht.

Das geht aus dem Umstand hervor, dass Adi Hütter - der österreichische Trainer der Eintracht - die Totalperspektive gleich ganz auf seine Seite reklamierte. Er beanstandete nämlich auch den Eckball vor dem Tor, wollte davor ein Foul von Plattenhardt gesehen haben. Damit hatte die Eintracht das Spiel in der besten aller möglichen Welten gewonnen, nämlich in dem virtuellen Universum, in dem Tatsachen und Möglichkeiten zusammengerechnet werden, und in dem Gott / Köln alles ausgleicht.

Dieses Universum liefe allerdings langfristig auf ein ewiges Nullnull hinaus.

Der Sieg von Hertha war gestern sicher ein wenig glücklich. Unverdient war er nicht. Das war ein hoch professioneller Auftritt, bei dem letztlich Platzfehler und Zweikampfbewertungen entschieden. Also ein typisches Dezemberspiel, das allerdings durchaus Qualitäten hatte.

Pal Dardai hatte auf die Probleme der letzten Wochen reagiert. Die Doppelspitze war keineswegs programmatisch auf ein Offensivspektakel gemünzt, wie es in der Vorberichterstattung auf Sky prognostiziert worden war. Sie war eher, in der Pointiertheit der Formation mit einem aus der Tiefe kommenden und in der Tiefe arbeitenden Ibisevic, eine diskrete Variante einer Außenseitertaktik.

Arne Maier gab hinterher ein tolles Interview, er war bei Sky der Mann des Spiels. Er hielt eine insgesamt sehr homogene Mannschaft zusammen. Einen Spieler würde ich gern noch hervorheben: Leckie wird gerade immer interessanter, er muss nur seine finalen Aktionen noch klarer spielen.

Als ich schließlich in der 87. Minute mit dem Unausweichlichen rechnete, nämlich mit dem in die Luft gezeichneten Rechteck, das auf den VAR verweist, da kam überraschenderweise nichts. Und in diese Lücke gehe ich jetzt mit meiner Deutung: die Entscheidung im Keller von Köln war richtig. Die Situation war keineswegs so eindeutig, wie hinterher alle taten. Die Bilder lösen das Gerangel nicht auf.

Sie zeigten übrigens an anderer Stelle sehr genau, warum Davie Selke das 2:0 misslang - weil der Ball versprang. Fußball ist auch unter den Augen eines Gottes, der in Köln in einem Keller sitzt, kein determiniertes Universum. Sondern ein wenig chaotisch. Selbst in einem Spiel, das stark von Ordnungsbemühungen zweier weitgehend gleich starker Mannschaften geprägt war. Der Sieg geht in Ordnung, weil er so im Spielbericht steht. Die Statistik ist das andere Ende der Gerechtigkeit. Die Statistik erlöst das Chaos aus der Hölle der ewigen Revidierbarkeit. Hertha hat nun 23 Punkte.

Geschrieben von marxelinho am 09. Dezember 2018.

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von Oliver (am 09. Dezember 2018)
Schöner Verschreiber, ich liebe Bibiana Beglau! Ich stelle mir gerade vor, wie sie im Keller in Köln als Gott über unsere Hertha und unser Seelenheil entscheidet! Und ich liebe auch Bibiana Steinhaus und danke ihr für diese gute Entscheidung!
08. Dezember 2018

Mittelfeld mit Beinfreiheit

Hertha bestreitet an diesem Wochenende das Topspiel der Ligarunde - ungeachtet des Revier-Derbies kann das Match mit Eintracht Frankfurt im Olympiastadion durchaus Interesse für sich reklamieren. Die Sportgemeinde aus Hessen hat sich nachdrücklich als Kandidat für Europa etabliert, Hertha hat zwischendurch eine Phase im Vorjahrsmodus (mit reduzierter Ambition) eingelegt und muss heute zeigen, ob das eine Phase war - oder ob einige gute Spiele in dieser Saison eher als Ausnahme zu werten sind.

Zwei Personalien machen in diesem Zusammenhang Hoffnung: Jordan Torunarigha und Marko Grujic. Der junge Verteidiger wird sicher noch eine Weile an seiner Balance zwischen Genie und Unbekümmertheit arbeiten müssen, er hat aber definitiv Anlagen zum Genie. Die spannendste Personalie bei Hertha ist im Moment aber eindeutig Marko Grujic. Das hat mit seiner Vertragssituation zu tun: Er ist ausgeliehen vom FC Liverpool, dort bekam er bisher keine seriöse Chance, bei Hertha aber fiel er sofort auf.

Seine Qualitäten sind deswegen so wichtig, weil sie in Arne Maier eine Entsprechung haben: beide spielen deutlich vertikaler, als es bei Hertha in all den Jahren seit dem Wiederaufstieg üblich war. Grujic hat gegenüber Maier aber noch die Vorzüge seiner spezielleren Athletik und einer offensichtlicheren Dominanz - nicht von ungefähr gibt es zwischen den beiden eine Arbeitsteilung, in der Maier den defensiveren Part hat.

Nebenbei ist das eigentlich eine der größten Überraschungen in dieser Hertha-Saison bisher: wie anstandslos Maier die Sechserposition übernommen hat, also die Zentrale vor der letzten Linie. Vor zehn Jahren, als Hertha unter Lucien Favre mit dem jungen Gojko Kacar eine ähnliche Figur wie Grujic zu etablieren versuchte, da spielte meistens noch ein absichernder Sechser. Der heutige Coach Pal Dardai stand in einer Tradition konservativer "Maschinisten" oder "haltender" bzw. verhaltener Mittelfeldspieler, die von Niko Kovac über Dardai bis zu Lustenberger/Skjelbred reicht. Nun spielt diese Position mit Maier erstmals ein Spieler, der bei aller Solidität doch immer nach vorn denkt.

Und direkt vor und de facto oft neben oder irgendwo im Kraftfeld rund um ihn herum ist Marko Grujic eine herausragende Größe. Seine Statur trägt wesentlich zu einem Mittelfeld mit deutlich erweiterter Beinfreiheit bei Hertha bei. Er hat nun in Interviews gesagt, dass er sich vorstellen könnte, ein weiteres Jahr bei Hertha zu bleiben, wenn die Qualifikation für einen europäischen Bewerb gelingt. Das würde aber bedeuten, dass die Entscheidung erst spät fiele. Vermutlich wird es aber schon im Winter Angebote geben, in England kursieren auch Behauptungen, dass Liverpool schon im Winter verkaufsbereit sein könnte - dagegen würde Hertha sicher ein Veto einlegen, von dem dann zu sehen wäre, wie schwer es wiegt.

Offensichtlich ist die Aufgabe bei einem Aspirantenclub in der Bundesliga derzeit genau der richtige Einstieg für Grujic. Sein Potential geht aber deutlich darüber hinaus. Reicht es aber auch für seinen großen Traum, sich bei Liverpool durchzusetzen?

Nach dem CL-Spiel gegen PSG gab es neulich einen interessanten Text über die Mittelfeld-Probleme bei Klopps Team: Barney Ronay empfahl einen "midfield rethink". Die Schlüsselpersonalie ist dabei Jordan Henderson, den man pointiert als den Lustenberger der Reds bezeichnen könnte - ein Spieler, der gefühlt immer schon da war (er kam 2011 aus Sunderland), und der eine Position blockiert, wie viel Fans meinen. Naby Keita und Fabinho müssen erst integriert werden, zuletzt spielt auch Shaquiri in dem traditionellen 4-3-3 in der Dreierlinie im Mittelfeld. Dazu kommt noch Wijnaldum, und der Mann, der "immer" spielt: James Milner.

Im Grunde müsste Klopp das System ändern, um Grujic gut integrieren zu können. Dafür spricht nicht viel. Hertha kann in der Personalie aber sowieso nur auf Sicht fahren. Und das bedeutet vorerst einmal: in den vier Spielen bis Weihnachten sollte Grujic am besten so unauffällig wie möglich so herausragend wie möglich agieren. Da das bekanntlich nicht geht, bleibt sowieso nur eine Alternative: die Mannschaft muss einem ihrer attraktivsten Kollegen ein Umfeld bieten, das mit seinen Möglichkeiten mithalten kann. Im Grunde ist also alles ganz einfach: Mit Grujic für Grujic um Grujic kämpfen und siegen. Das gilt dann im selben Maß für die anderen "stillen Reserven": für Davie Selke, für Jordan Torunarigha, und natürlich auch für Arne Maier.

Geschrieben von marxelinho am 08. Dezember 2018.

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06. Dezember 2018

Der Alltag nach dem Allwissenden

Vier Punkte aus zwei Spielen gegen Konkurrenz aus den Top 6: Der Arsenal FC müsste eigentlich zufrieden sein mit den Ergebnissen seit Sonntag. Zuerst das massive 4:2 im Derby gegen Tottenham, und gestern dann bei unwirtlichen Bedingungen ein 2:2 in Old Trafford gegen Manchester United. Damit ist die Mannschaft von Unai Emery seit 20 Spielen (13 in der Premier League, fünf in der Europa League und zwei im EFL-Cup) ungeschlagen. Eine kleine Einschränkung bei den Meriten muss man allerdings machen: Manchester United ist derzeit nur dem Nimbus nach ein Top 6-Team, die Leistungen sind mittelmäßig.

Von Arsenal hingegen haben viele im ersten Jahr nach Arsene Wenger nicht viel erwartet. Das hat auch viel mit Manchester United zu tun, wo seit dem Abgang von Alex Ferguson 2013 nur ein zweiter Platz gelang, im Grunde aber immer noch Übergangsphase ist. Sie haben aber auch keinen guten Trainer: Jose Mourinho ist offensichtlich ein Auslaufmodell, der ja auch schon argumentiert wie der späte Arsene Wenger, also vorwiegend mit alten Verdiensten.

Unter Unai Emery hat sich Arsenal aber überraschend gut gefunden. Zu Beginn gab es zwei Niederlagen gegen Manchester City und Chelsea, seither war auch nicht alles eitel Wonne, aber gerade die letzten Wochen lassen zunehmend Muster und Qualitäten erkennen. Auffälligerweise vollzieht sich die Entwicklung neuerdings ohne Özil. Für den "Einfädler" ist zur Zeit kein Platz in einer Formation, die zumeist als 3-4-3 angelegt ist. Offiziell wurden zuletzt zweimal Rückenprobleme als Grund dafür genannt, dass Özil nicht einmal im Aufgebot war.

Dabei geht es in der Spielanlage unter Emery durchaus um Qualitäten à la Özil. Das Passspiel geht eindeutig in Richtung Spielkontrolle, es ist variantenreich und enthält viele Seitenverlagerungen, auch die hinteren Drei werden intensiv einbezogen. Es hat also nicht viel mit dem Mythos vom Kurzpassfußball zu tun, der Arsene Wenger so lange nachhing, sondern eher mit den Vorzügen einer kontrahierenden Formation. Dabei rücken die Außenspieler (derzeit vor allem Kolasinac, während Bellerin gestern in Old Trafford weniger aktiv war) sehr oft sehr weit vor, Läufe in die Tiefe gibt es sonder Zahl, und der hochinteressante Jungstar Guendouzi probiert - von etwas weiter hinten - den Özil-Stil.

Das Derby gegen Tottenham war englischer Fußball in Reinkultur: ein Spiel, wie es in dieser Intensität in Deutschland undenkbar ist. Da sind die Unterschiede zwischen den Ligen geradezu gigantisch, und wir können nur hoffen, dass die aktuellen Tendenzen in der Bundesliga (hin zu einer breiteren Spitze) längerfristig wirksam werden.

Aubameyang und Lacazette sind zwei Topstürmer, gerade weil ihre Positionen nicht hundertprozentig zusammenpassen. Wenn beide gemeinsam spielen, bekommt die Formation von Arsenal etwas "Unreines", und zwar im besten Sinn: dann spielt wirklich die ganze Mannschaft auf zwei unberechenbare Individualisten zu.

Die beiden Verletzungen von Holding und Ramsey gestern in Old Trafford, dazu die vielen gelben Karten lassen erkennen, dass es ein Abnützungsspiel war, drei Tage nach dem ekstatischen Heimsieg im Nordlondon-Derby. Und so wird es in England jetzt weitergehen bis nach Weihnachten. Da könnte sich dann doch zeigen, dass der Kader von Arsenal möglicherweise in der Tiefe nicht stark genug ist. Und selbst für Özil könnte es wieder etwas zu tun geben - allerdings spricht nun doch vieles dafür, dass er den luxuriösen Langzeitvertrag, den er heuer unterschrieben hat, nicht erfüllen wird.

Ob man sich hingegen mit Ramsey doch noch einmal zusammensetzen wird? Er ist seit vielen Jahren einer meiner Lieblingsspieler, man kann ihn sich schwerlich irgendwo anders vorstellen. Aber es scheint, als hätte Arsenal da die Tür definitiv zugemacht. Seltsam eigentlich.

Nun beginnt eine Serie von Spielen für Arsenal, in denen drei Punkte Pflicht sind - das waren unter Wenger die Spiele, in denen es immer wieder Enttäuschungen gab. Das wird auch unter Emery nicht anders sein, zu groß ist der Verschleiß in der Premier League in den Wochen vor Weihnachten. Zwei Tage vor Silvester steht dann das Auswärtsspiel in Anfield an - darauf läuft im Moment alles zu. Und man kann in jedem Fall schon einmal sagen: unter Emery ist Arsenal wieder Top 4-Kandidat. Und zwar nicht nur von den Punkten her. Arsenal ist - mit einem kleinen, aber spannenden Kader - wieder eines der interessantesten Teams der Liga: Mehr konnte man sich im ersten Halbjahr nach dem allwissenden Elsässer nicht wünschen.

Geschrieben von marxelinho am 06. Dezember 2018.

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02. Dezember 2018

Worte und Taten

Fußball ist ein Spiel, bei dem zwei Mannschaften einen Vortrag halten, und wenn eine dabei das letzte Wort hat, bekommt sie drei Punkte. So war das auch gestern in Hannover, wobei das schöne Wort "Vortrag", das in der Kommentatorensprache ab und zu verwendet wird, in diesem Fall wirklich Sinn macht: der Vortrag besteht beim Fußball darin, den Ball sinnvoll nach vorne zu tragen, bis er hinter der entscheidenden Linie landet.

Das Tagwerk ist im Fußball also ein Tragwerk ohne Hände, es bedarf für den Vortrag einer tragfähigen Grundlage. Diese war bei Hertha gegen einen allerdings schwachen Gegner wieder gegeben. Jordan Torunarigha kam in die Mannschaft zurück, er war zu Saisonbeginn ja Teil dieses phasenweise erstaunlichen Ensembles gewesen, das damals für eine Weile eine fliegende Hertha ausmachte. Eine überfliegende.

Dann erwischte Torunarigha eine Verletzung, und Patrick Hermann trat Marko Grujic für ein paar Wochen aus dem Bewerb, und alte Einstellungsprobleme verbanden sich mit ständig wechselnden Personalsituationen zu einer mittelmäßigen mittleren Phase der Hinrunde.

Gegen den Abstiegskandidaten aus Hannover musste Hertha zeigen, ob auf die positiven Ansätze aus dem Sommer weitere Schritte folgen können. Das nüchterne 2:0 ist ein wichtiger Schritt. Denn es wurde mit einem vergleichsweise zurückhaltenden Vortrag erzielt, ohne große rhetorische Manöver, aber mit jederzeit interessanten Argumenten.

Nicht nur aufgrund zweier Torbeteiligungen hatte Jordan Torunarigha besonderes Gewicht. Er ist unübersehbar eines der größten Talente, die Hertha jemals hervorgebracht hat, und wenn in seinem Fußballerhirn die Dinge gut zusammenwachsen (Einstellungen, Koordination, Konzentration, Ethos, Inspiration), dann könnte er größer als Jerome Boateng werden - und dieser Berliner Junge ist immerhin Weltmeister, CL-Sieger und Brillendesigner geworden.

JT hat häufig etwas Kokettes in seinen Bewegungen, vor allem seine Hände wirken manchmal so, als wollten sie sagen, dass sie für die Koordination der elastischen Beine gar nicht gebraucht werden. Wenn er schlecht spielt, sieht das lächerlich aus, häufiger aber wirkt es genial.

So ließ er gestern auch einen Ball, den er selbst mit einer brillanten Umschaltbewegung in seine Richtung suggeriert hatte, fast schon über die Torauslinie schlittern, ehe er ihn doch noch auf eine Flanke schickte, für die Ibisevic nur noch das tun musste, was man bei guten Vorträgen eben häufig macht: man nickt. Man nickt ein, aber anders, als man bei schlechten Vorträgen manchmal einnickt.

Das war dann schon die Entscheidung. Davor hatte Hertha einige vielversprechende Konter nicht gut ausgespielt, vor allem Kalou fehlt derzeit ein bisschen die Präzision. Aber insgesamt sah das alles sehr vernünftig aus: defensiv wieder kompakter, und mit Maier und Grujic im Zentrum zwei Kollegen, die jederzeit das Wort ergreifen können.

Ganz vorne brachte Pal Dardai mit Ibisevic und Selke eine sogenannte Doppelspitze. Das funktionierte gut, nicht zuletzt deswegen, weil Selke so herrlich Chaos machen kann. Mit Torunarigha, Grujic und Selke hat Hertha derzeit drei Langbeiner, die magische Dinge bewerkstelligen.

Vier Spiele gibt es nun noch vor Weihnachten. Mit dem Sieg in Hannover ist der Anschluss an interessanten Tabellenbereiche wieder hergestellt. Nun geht es darum, die Argumente zu schärfen, und zwar gegen Gegner, die auch etwas zu melden haben. Ich bin ganz Ohr.

Geschrieben von marxelinho am 02. Dezember 2018.

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27. November 2018

Das große Rad

Am Samstag gegen Hoffenheim war ich im Olympiastadion, bei der Mitgliederversammlung gestern Abend konnte ich hingegen nicht dabei sein. Es ist allerdings reizvoll, sich diese beiden Ereignisse einmal gemeinsam anzusehen - ein turbulentes 3:3 gegen einen Mitbewerber um die europäischen Plätze (wenn man Hertha in dieses Rennen einmal großzügig einbezieht), und ein geschäftlicher Ausblick, den man vielleicht in erster Linie so zusammenfassen muss: Hertha dreht jetzt an einem wirklich großen Rad.

Das Spiel am Samstag hat etwas bestätigt, was sich schon seit einer Weile angedeutet hat: Hertha hat ihren Charakteristika (das Phlegma fiel dieses Mal wegen des früheren Gegentors weg, die Kompaktheit war ohnehin nie eines, die Elastizität zeigte sich in enormem Maß) ein weiteres hinzugefügt: Naivität. Eine unsichere Ersatz-Innenverteidigung fand schwache Unterstützung durch die anderen Mannschaftsteile, die erste Hälfte hätte leicht schon mit einem Debakel enden können, in der zweiten Halbzeit ließ Hoffenheim nach, Hertha brauchte aber trotzdem einen Glücksschuss von Lazaro, um noch einen Punkt mitzunehmen.

Die Entwicklung der Mannschaft sieht also in etwa so aus: Ansätze zu einem ansehnlichen Offensivspiel sind zu erkennen, dafür ist die Grundlage verloren gegangen - 20 Gegentore nach 12 Spielen sind ein bedenklicher Wert.

In Geschäftsbetrieb gibt es keine direkte Analogie zu Gegentoren, aber auch da läuft nicht immer alles so, wie man es sich wünschen würde. Der Geschäftsführer Finanzen hat, nach allem, was ich den Tickern entnehmen konnte, bei der MV wie gewohnt eine wolkige Präsentation gegeben, die ich ungefähr so zusammenfassen würde: Hertha verschuldet sich ganz schön hoch, um wieder an 100 Prozent der Anteile zu kommen. Diese Schulden sollen dann auch nicht durch einen künftigen Investor beseitigt werden, denn dessen Geld wird ja für den Stadionbau gebraucht.

Ingo Schiller hat offensichtlich bewusst keine Summen genannt, wir dürfen also gespannt sein, wie hoch die Verbindlichkeiten von Hertha BSC mit Ende des Jahres sein werden - es sind ja schon welche vorhanden, dazu kommt dann eine nicht billige Anleihe, die aber nur etwas mehr als die Hälfte des Betrags abdeckt, den KKR bekommen wird. Ein wenig erstaunlich finde ich es schon, dass der Aufsichtsrat da nicht auf größere Klarheit drängt, andererseits muss man aber als Fan selbst darauf hoffen, dass nicht zu deutlich auffällt, wie sehr Hertha eigentlich ins Risiko geht.

Schließlich soll im ersten Quartal 2019 der Erbpachtvertrag für den Stadionbau abgeschlossen werden, und dafür muss politische Überzeugungsarbeit geleistet werden. Da sieht es nicht gut aus, wenn ein Unternehmen mit beträchtlichen Verbindlichkeiten ein umfangreiches Vorhaben auf den Weg bringen will, das irgendwo in den Bereich der Viertelmilliarde gehen wird.

Die Schlüsselaussage von Ingo Schiller war, dass seiner Meinung nach die Verbindlichkeiten, auf die Hertha sich derzeit einlässt, alle aus dem laufenden Betrieb zurückgeführt werden können. Das ist auf Grundlage des Umsatzwachstums bis zu einem gewissen Grad plausibel, allerdings ist schon die ebenfalls angeführte Kategorie der stillen Reserven ein klassischer Puffer, der im Grunde fiktional ist (richtig werthaltig wäre er ja nur, wenn Hertha für jeden verkauften Spieler einen gleichwertigen Gratisersatz aus dem eigenen Nachwuchs oder einen ablösefreien Spieler bekommen würde).

Wie der laufende Betrieb in drei, vier Jahren aussehen wird, ist dabei die entscheidende Frage. Der Betrieb der ersten Liga hat sich an deutlich wachsende Medieneinnahmen gewöhnt. Allerdings wird die Situation derzeit eher wieder unübersichtlicher, und es ist keineswegs gesagt, dass die DFL beim nächsten Abschluss - mit tendenziell verstärkter Fragmentierung durch neue Streaming-Anbieter - erneut einen Blockbustervertrag zustandebringt. Ganz zu schweigen von den Fans, denen das ja alles aufgeladen wird - wir zahlen ja mit immer neuen Monatsbeiträgen für Sky, DAZN and Eurosport jetzt schon satt, und wenn dann Amazon auch noch einsteigt, mal sehen.

Hertha geht also in einer spannenden Zeit in die Offensive, ist im Vergleich zu nicht wenigen Konkurrenten damit aber spät dran: im Grunde steht hier der letzte Stadionneubau in der ersten Liga an (und auch einer der wichtigsten). Ein wenig schummrig könnte einem bei all dem schon werden, dabei gilt aber auch immer schon eines der wichtigsten Gesetze in der Finanzwelt: man muss halt alles schönreden, sonst klappts schon gar nicht.

Geschrieben von marxelinho am 27. November 2018.

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22. November 2018

Gutes Geld und schlechtes Geld

Es ist eine sehr nebensächliche Ironie des Ligakalenders, dass Hertha BSC die beiden Heimspiele gegen zwei besonders verhasste Investorenclubs hintereinander austrägt: Vor drei Wochen verlor Hertha im Olympiastadion gegen RB Leipzig klar mit 0:3, und nun kommt am Samstag die TSG 1899 Hoffenheim. Gegen deren Mäzen Dietmar Hopp gab es (auch von Hertha-Fans) immer wieder Fangesänge, gegen die ich - neben der unflätigen Sprache - vor allem einwenden würde, dass sie naiv sind.

Dietmar Hopp oder Dietrich Mateschitz sind in der gegenwärtigen politischen Situation und in der globalen Ökonomie von heute nicht das Problem (auch wenn Mateschitz seinen Reichtum zu einem kleinen Teil auf die Propagierug von politischen Inhalten verwendet, die ich nicht unterstütze, sondern gegen die ich mich engagiere).

Ich möchte deswegen heute einen Vorschlag machen, wie die Fanszene mit dem Thema Geld, notabene mit Zuschüssen durch Investoren, ein wenig systematischer umgehen könnte, als bloß zwei reiche Männer zu beschimpfen, die zufällig gerade zur Hand sind.

Mein Vorschlag hat auch einen konkreten Kontext in der gegenwärtigen Situation von Hertha BSC. Denn in Berlin stehen große finanzielle Bewegungen an, ein neues Stadion soll gebaut werden (für das es dann auch Namensrechte geben wird), ein Investor oder Investoren werden gesucht.

In dieser Situation, aber auch für den Fußball generell, würde ich vorschlagen, dass man eine Art Ethik-Codex einführt (zuerst einmal auf der Ebene der DFL, wobei ich mir in der Frage der Chancen meines Vorschlags natürlich keine Illusionen mache). Diese Selbstverpflichtung einer Liga (die idealerweise irgendwann von der ganzen Uefa getragen werden würde) sollte einen Unterschied zwischen legitimen und illegitimen Investments machen.

Illegitime Investments wären alle, die mit Geld getätigt werden, das aus Zusammenhängen stammt, die mit der freiheitlich-demokratischen Grundordnung und ihren Ansprüchen an Transparenz und (Steuer-)Gerechtigkeit nicht zu vereinbaren sind. Es tut mir leid, dass sich das nicht einfacher sagen lässt, aber die Sache ist sowieso kompliziert genug.

Ich versuche ein paar Beispiele:

Abzulehnen wären Investitionen mit Mitteln aus Korruption, Kleptokratie und Steuerevasion. Das gilt auch dann, wenn entsprechende Vorgänge schon länger zurückliegen, und das Vermögen inzwischen (symbolisch wie konkret) gewaschen wurde. Roman Abramowitsch wäre in dieser Sicht kein satisfaktionsfähiger Geschäftspartner (und wird es auch in diesem Leben nicht mehr), Alisher Usmanow sowieso nicht, aber auch der kürzlich verunglückte, beliebte thailändische Magnat Vichai Srivaddhanaprabha, der sich bei Leicester City engagierte, wäre ein Grenzfall.

Abzulehnen wären weiters Investititonen mit staatlichen und staatsnahen Mitteln aus undemokratischen Systemen: Darunter fällt selbstverständlich alles, was aus Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten kommt, aus Saudi-Arabien (das gerade versucht, die FIFA zu kaufen), aus der Volksrepublik China, aber auch aus Aserbaidschan (Atletico Madrid spielte eine Weile mit dem Logo Land of Fire auf der Brust). Manchester City und PSG hätten nach dieser Logik niemals zu den Scheichclubs werden dürfen, die sie derzeit sind.

Nicht anzulehnen wären nach dieser Logik jedoch Investments mit - ich sage es jetzt einmal bewusst naiv - ehrlich erwirtschaftetem Geld - wobei da die Kriterien natürlich logischerweise fließend sind. Für solche Zuwendungen müssten einfach die Regeln eines plausiblen und durchsetzbaren Financial Fair Play gelten. Bei Dietmar Hopp und Dietrich Mateschitz gibt es also nichts zu beanstanden, und es ist lächerlich, die beiden ad personam zu verunglimpfen, wenn es doch eigentlich darum geht, dass der Fußball sich eine Verfassung gibt, die nach Fairness strebt.

Eine Selbstverpflichtung in der hier angedeuteten Form würde eine Brandmauer zwischen den entfesselten globalen Profiteurskapitalismus und das hochattraktive Spekulationsobjekt Fußball ziehen. Ich weiß selbst, wie realistisch dieses Szenario ist. Aber ich wollte es doch einmal vorgeschlagen haben.

Geschrieben von marxelinho am 22. November 2018.

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von Jörg (am 24. November 2018)
Traumhaft, Dein Vorschlag :-) Im Ernst, gibt es nicht vielleicht schon irgendwo ein Gremium, das Geldgeber so klassifiziert? Transparency International? Solch eine Klassifizierung könnte bestimmt interessant sein auch für andere Bereiche. Und wie würde man KKR einordnen? Und wenn im Negativen, was hieße das für Dich als Fan?
11. November 2018

Gebrauchte Wochen

Gestern war wieder einmal so ein Tag, der einen zum Fußball-Nihilisten machen könnte. Hertha spielt in Düsseldorf (die Fans wissen, die größere deutsche Öffentlichkeit erinnert sich vielleicht vage: belasteter Ort), im Spiel geht es um drei Punkte, auf dem Spiel steht ein guter Saisonstart, der allmählich nach einer Bestätigung verlangt.

Hertha verliert mit 1:4, obwohl 40 Minuten lang alles nach einer sicheren Kiste ausgesehen hatte. Der Genauigkeit halber muss man dazusagen, dass die sichere Kiste unausgepackt zwischen den beiden Teams stand, und beide wenig Anstalten machten, sich ihrer zu bemächtigen. Dann griff Maximilian Mittelstädt dem Fortunaten Zimmer in den Lauf, die Sache sah aus der Perspektive des Schiedsrichters wohl dramatischer und nach Ellbogeneinsatz aus, jedenfalls gab es eine gelbe Karte, für den jungen Linksverteidiger der Hertha war es allerdings schon die zweite im Spiel.

Hertha hatte in Düsseldorf gestern also zwei Herausforderungen - 40 Minuten lang hatte sie Zeit, sich eines Spiels zu bemächtigen, das weiter offen nicht sein konnte. Danach musste sie 45 Minuten lang in Unterzahl versuchen, sich gegen Widrigkeiten zu behaupten und vielleicht Andeutungen des Charakters einer Spitzenmannschaft zu machen. Ich weiß nicht, welches der beiden Versäumnisse gravierender ist, vermutlich aber doch zuerst einmal das erste.

Pal Dardai hatte mit seiner Aufstellung dazu beigetragen, dass die Mannschaft schwer in die Gänge kam. Denn die elastische Hertha der ersten paar Ligawochen war mit Darida und Maier in einer Schelle-und-Lusti-Konstellation schon fast wieder die phlegmatische Hertha, die wir eigentlich viel besser kennen. Umständlich bemühten sich alle, die Flügelformationen wenigstens in Ansätzen ins Spiel zu bekommen - und als Duda einmal unvermutet eine Chance im Strafraum bekam, da ließ seine Körperspannung erkennen, dass er sich zu sehr an die Leichtigkeit des Toreschießens gewöhnt hat, die ihm in den schöneren Wochen des Jahres zugeflogen war.

Der Schiedsrichter hatte gestern auch keinen guten Tag, er ließ der Fortuna fast alles durchgehen, und war streng mit Mittelstädt. Aber Hertha hätte nicht so auseinanderfallen dürfen. Das Thema Körperspannung wurde in Halbzeit zwei noch eklatanter, als Jordan Torunarigha nach Verletzungspause links hinten ins Spiel kam. Er ließ sich mehrfach widerstandslos überlaufen, mit einem Wort: der Einsatz kam zu früh. Andererseits könnte man ja auch meinen, dass ein junger Spieler, der die Saison stark begonnen hat, heiß sein könnte auf sein Comeback, und sich darum bemüht, konzentriert sein Talent einzubringen.

Das Unheil nahm dann ohnehin im Zentrum seinen Lauf, die zweite Halbzeit war zum Haareraufen, und am Ende stand die Formel vom gebrauchten Tag. Hertha beginnt diese Tage aber schon wieder zu sammeln, Vergleiche vor allem mit dem Heimspiel gegen Freiburg drängen sich auf. Und im Grunde ist die Sache schon nicht mehr zu übersehen: Die Mannschaft hat ihr älteres Selbst wiedergefunden. Das ist schon wieder die Hertha aus dem Vorjahr, die ihre Defizite geradezu systematisch aus einem Mangel an Mentalität heraus entwickelte. Individuell mag in diesem Jahr mehr Talent vorhanden sein, aber die gemeinsame Neutralisierung gelingt schon wieder ganz gut.

Und deswegen war ich gestern ein paar Stunden lang Fußball-Nihilist. Weil der Versuch, diese Bemühungen konstruktiv zu beobachten, im Grunde lächerlich ist. Und dieses Mal mache ich Ernst: von nun an gibt es hier nur noch strikte Werkimmanenz. Ein Spiel ist ein Spiel, aus dem nichts hervorgeht. Ein Spieltag ist kein Puzzlestück, sondern eine Aufdeckung in einem Memory, in dem es niemals zwei gleiche Karten gibt. Fußball ist die Abwesenheit von Sinn. Leider ertappe ich mich aber gerade schon wieder bei dem Gedanken, dass die Mannschaft aus ihren Versäumnissen Konsequenzen ziehen könnte. Ich werde es wohl nie lernen.

Geschrieben von marxelinho am 11. November 2018.

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05. November 2018

Sortiermaschine

Mit dem trüben, kalten Samstagabend wollte ich am Sonntag nichts zu tun haben. Mit dem 0:3 von Hertha gegen Leipzig, mit dem Schweigen der Ostkurve wollte ich mich in aller Ruhe auseinandersetzen. Die deutliche und eindeutige Niederlage lässt sich im Verlauf der Hinrunde vielleicht noch relativieren, das Zerwürfnis zwischen Teilen der Fans und der Clubleitung scheint hingegen gravierend. Und das alles an einem Wochenende, an dem der Spiegel mit einer Titelgeschichte wieder deutlich machte, welche gigantischen (Finanz-)Interessen am Fußball zerren.

Hertha hatte gegen die Dosen keine Chance - dabei gab es gar nicht wenige Torchancen, es war ein offenes, spannendes, teilweise hochklassiges Bundesligaspiel. Leipzig war aber in allen entscheidenden Belangen besser, wobei Pal Dardai dieser Überlegenheit mit einer eigenwilligen Formation in die Karten spielte: er schickte eine Sechserkette hinaus, mit Lustenberger zwischen Stark und Rekik, und mit Plattenhardt und Mittelstädt links hinten in einem Knäuel, das sich meist nur in Vorstöße für RB auflöste. Maier war in der Zentrale oft allein, oder genauer, Leipzig war es ein Leichtes, zwischen den Linien zu spielen, weil Hertha de facto nur eine hatte.

Man konnte auch so immer noch sehen, dass Hertha in der Lage ist, von hinten herauszuspielen, aber Leipzig spielte vor allen vorne hinein, mit einer Beweglichkeit, die von der vorgeblichen Kompaktheit der Heimmannschaft wenig übrig ließen. Zweimal hintereinander hat Hertha es jetzt meiner Meinung nach gegen eine Spitzenmannschaft mit einer untauglichen Taktik probiert - die Fortschritte in der Spielkonzeption kommen auf diese Weise nicht (entscheidend) zum Tragen.

Individuelle Defizite (über Marvin Plattenhardt wird heftig diskutiert, seine Auswechslung zur Pause wäre eigentlich unumgänglich gewesen) und das Fehlen wichtiger Spieler (Torunarigha, Grujic) spielen eine Rolle, man hat auch das Gefühl, dass die individuellen Qualitäten nicht mehr optimal eingebracht werden können (Selke, Dilrosun, am Samstag auch Duda).

Vor den sieben verbleibenden Spielen in der Hinrunde hängt Hertha am unteren Ende eines dichten Pulks, der die europäischen Plätze unter sich ausmachen wird. Die Liga ist eine Sortiermaschine, der man nur mit viel Geschick in die Rädchen greifen kann. Der Spielplan bringt bis Weihnachten vor allem Begegnungen mit Mannschaften, gegen die Hertha sich zumindest nicht als Außenseiter sehen muss - am Samstag gegen Düsseldorf wartet der diffizile Fall eines Gegners, gegen den drei Punkte eigentlich ein Muss sind. Hoffenheim, Frankfurt, Leverkusen, das könnten alles Gelegenheit sein, sich auf einer bestimmten Höhe in der Liga zu bestätigen.

Dazu müssen die Betreuer aber das Verhältnis von Risiko und Stärken wieder besser justieren. Hertha lässt sich derzeit zu häufig auskontern. Und sucht schon wieder nach einer Balance in der Zentrale des Spiels. Alles ganz normal im November.

Geschrieben von marxelinho am 05. November 2018.

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28. Oktober 2018

Außer Rand und Band

Hertha hat gestern ein 2:2 gegen den BVB erkämpft, auswärts und gegen eine Mannschaft, die wenige Tage davor Atletico Madrid mit 4:0 deklassiert hatte. Das Ergebnis ist aller Ehren wert, aber an diesem Morgen stellt sich auch für mich die Frage: überlege ich mir was zum Spiel, oder zu den Ereignissen im Im Hertha-Fanblock, zu den Auseinandersetzungen der Hauptstadtmafia mit der Polizei?

Michael Preetz sprach anschließend von einer bitteren Notiz, und er korrigierte sich gleich selbst, denn es war ja eben "mehr als eine Randnotiz". Die Gewalt der Fans (die mit der Verteidigung eines Transparents gerechtfertigt wurde) stellt Herthas Leistung in einen Schatten.

Ich will mich trotzdem zuerst einmal mit dem Spiel beschäftigen, denn das Thema, das in Dortmund gestern wieder einmal virulent wurde, wird uns ohnehin durch eine ganze Woche hindurch beschäftigen, an deren Ende dann RB Leipzig nach Berlin kommen wird. Man kann sich ungefähr vorstellen, wie sehr diese Begegnung nun durch Ultras überhöht werden wird. Und zwar auf allen anderen als der sportlichen Ebene.

Zum Spiel. Der BVB hat diese Saison keineswegs souverän begonnen, dabei aber fast immer gepunktet, und allmählich wirklich Tempo aufgenommen. Anfangs schien Lucien Favre die Mannschaft förmlich zu hemmen mit seiner Vorsicht: da brachte er dann Dahoud als offensivsten Mann vor Witsel und Delaney. Die Mannschaft hat sich, wenn ich das richtig sehe, für ihren Trainer gerade rechtzeitig entfesselt, sodass Favre nun selbst dem virtuosen Offensivspiel nicht mehr entgegenstehen mag.

Gegen Hertha brachte er mit Sancho, Götze, Reus und Guerreiro immerhin eine subtil besser abgesicherte Formation. Pal Dardai setzte auf eine Fünferkette mit Lustenberger zwischen Stark und Rekik, und er brachte einmal mehr Mittelstädt statt Plattenhardt in einem wichtigen Spiel.

Ich war als Fernsehzuschauer dabei, und dachte mir schon nach fünf Minuten, dass ich lieber live zusehen würde. Denn wenn ein Spiel so aus den Fugen gerät, wie das gestern der Fall war, dann hätte ich lieber eine Totale, als dass ich das auch noch in der Zerschneidung einer Übertragung aushalten muss. Selten habe ich mir bei einem Fußballspiel so sehr gewünscht, ich könnte es mit einem Ordnungsruf auf Null setzen, damit es dann mit ein bisschen mehr Vernunft weitergehn könnte.

Zu dem wilden Hin und Her trug Hertha durch eine überraschende Spielkonzeption bei: Pal Dardai ließ sehr riskant verteidigen. Stark und Rekik rückten teilweise weit in die gegnerische Formation vor, normalerweise würde man sagen, sie ließen sich herausziehen, aber das schien alles ganz beabsichtigt zu sein. Im Grunde hätte Dortmund das gestern auch mit 4:1 oder 5:2 gewinnen müssen. Aber sie brachten eben nur zwei Angriffe zu Ende.

Wobei man sagen muss, dass das erste BVB-Tor, das mit Hilfe des VAR als irregulär gewertet wurde, bereits extrem auf der Kante (auf der kalibrierten Linie) war. Bald darauf ging der BVB dann trotzdem in Führung, nun war es ein lupenreiner Konter, ein Tor, das keine zurechungsfähige Mannschaft in der Liga so bekommen darf. Es passte auch gar nicht zu Pal Dardais Statements, der ja darauf hoffte, eine Stunde lang den Kasten sauber zu halten, danach konnte man weitersehen.

Die ganze Zeit hindurch war auch deutlich, dass Hertha über die spielerischen Mittel verfügt (hätte), den BVB ein wenig konservativer zu bearbeiten, ihn also tiefer in Empfang zu nehmen. Das Herausspielen bei Ballgewinn hat ja bei Hertha offensichtlich inzwischen echte Qualität, und der Konter über Mittelstädt, der zum ersten Ausgleich führte, begann zwar nicht ganz am eigenen Sechzehner, aber tief genug.

In der zweiten Halbzeit hielt Hertha das Spiel so offen, wie es bei der Qualität der BVB-Offensive - die gestern bei Hakimi links hinten begann - eben nur sein kann. Irgendwo in den Tiefen des Chaos dieses Spiels konnte man die Matrize eines Clasicos sehen: Hertha ist in der Lage, einen begeisternden BVB spannend herauszufordern. Für meine Begriffe war diese Herausforderung gestern deutlich zu chaotisch, aber das Ergebnis lügt auf eine gewisse Weise dann doch nicht.

Mit viel Glück und viel Willen (und mit Davie Selke, dem neuen Experten für Zweikämpfe, über die man Laokoongruppentraktate schreiben könnte) holte Hertha einen Punkt. In einem Spiel, das ich eigentlich als vercoacht bezeichnen würde, das aber doch zu einem kleinen Triumph für Pal Dardai und sein Team wurde. Denn man sah auch gestern, dass Hertha dieses Jahr da ist, um in der Bundesliga spannenden Fußball zu spielen.

Geschrieben von marxelinho am 28. Oktober 2018.

1 Kommentare

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von Jörg (am 28. Oktober 2018)
Das Passspiel von Dortmund war wirklich sehenswert. Zwar unterlief dabei der ein oder andere Fehlpass, doch wenn die Abfolgen von langen, raumöffnenden Pässen und kleinen Ablagen für einen nahen Mitspieler kamen, dann war das großartig. Hertha wurde schwindlig gespielt. Was kann man dagegen tun? Näher am Mann stehen? Doppeln? Die Räume besser zustellen? Härter in den Zweikampf gehen? Dortmund war in dieser Phase einfach besser, als eingespielte Mannschaft und in den geschmeidigeren Einzelakteuren. Auffällig war, wie sehr Dortmund nach dem 1:0 plötzlich nachgelassen hat und Hertha im Mittelfeld wieder atmen konnte. Da zeigte sich, dass die Defensive der Dortmunder nicht so aufmerksam und nicht so erfahren ist, eigentlich merkwürdig bei einer Favre-Mannschaft. Die Einstellung von Hertha stimmte jedenfalls. Dass man aus den letzten 4 Spielen 6 Punkte mitnimmt, damit hätte man vorher vielleicht rechnen können, die Art und Weise, wie das dann jedoch passiert ist, war für mich wirklich überraschend: himmelhoch jauchzend und langweilig/betrübt.
25. Oktober 2018

Some Sexy Football

Vor zwei Tagen erschien im Guardian ein kleiner Text, mit dem noch vor vier oder fünf Wochen wohl niemand gerechnet hätte: Are Arsenal genuine contenders for the Premier League title? Die aktuellen Ziffern weisen jedenfalls in diese Richtung. Arsenal steht mit 21 Punkten auf Platz 4 in einem extrem engen Pulk von fünf Teams, getrennt nur durch zwei Punkte. Die Premier League hat schon länger diese kompakte Spitze von vier bis sechs Teams, die nur im Vorjahr einen Alleingang von Manchester City erlaubte, in der Regel aber spannende Bewerbe ergibt - in Deutschland könnte sich die Sache dieses Jahr ein bisschen in diese Richtung normalisieren, wenn es mehr als drei oder vier Mannschaften gelingt, die Bayern zu fordern.

Arsenal begann die neue Ära unter Unai Emery mit zwei Niederlagen gegen Manchester City und Chelsea. Seither hat die Mannschaft aber alles gewonnen, nicht immer überzeugend, auf 90 Minuten gesehen aber immer effektiv. Heute Abend steht mit Sporting Lissabon in der Europa League ein wichtiger Gradmesser an. Am Sonntag dann ein Auswärtsspiel bei Crystal Palace, und eine Woche später wird es richtig ernst: dann kommt Liverpool ins Emirates.

Hier sind einige Aspekte der positiven Entwicklung.

Das defensive Mittelfeld: Granit Xhaka ging in die dritte Saison seit seinem Wechsel bei Arsenal, nach wie vor ist er vor allen in seinem defensiven Verhalten nicht hundertprozentig überzeugend. Dazu kamen zwei Neue: Lucas Torreira, der durch seinen WM-Einsatz spät zur Mannschaft stieß, und der hochbegabte Matteo Guendouzi, ein 19 Jahre alter Franzose. Aaron Ramsey, bei dem es um die Frage der Vertragsverlängerung ging, hat Emery von Beginn an nicht für die 8er-Position neben und vor Xhaka in Betracht gezogen.

Anfangs spielte vor allem Guendouzi, seit einiger Zeit aber ist Torreira nun fester Teil der Mannschaft. Er ist ein großartiger Typ: Mit 1,68 nicht gerade der neue Patrick Vieira, aber ein Beißer, dabei im Passspiel durchaus umsichtig. Er hat Autorität, trotz seiner Körpergröße. Nach wie vor ist Arsenal defensiv keineswegs kompakt, aber derzeit wiegt das Offensivspiel das mehr als auf.

Der Sturm: Unai Emery hatte von dem späten Arsene Wenger ein Puzzle aufzulösen bekommen. Denn in der Winterpause kam ja mit Aubameyang ein Superstar, eine Transferperiode davor war aber mit Lacazette schon ein spannender Angreifer gekommen. Aubameyang war in vielerlei Hinsicht ein Panikkauf, mit dem eher das Prestige von Arsenal wiederhergestellt werden sollte, als dass eine präzise Überlegung erkennbar gewesen wäre. Emery hat das Puzzle gelöst, indem er häufig Lacazette und Aubameyang gemeinsam aufstellt. Tatsächlich war in vielen engeren Spielen der letzten Wochen der bulligere Lacazette der entscheidende Angreifer. Er ist spielintelligent, aber auch extrem cool im Abschluss.

Iwobi entwickelt sich unter Emery sehr gut, rechts gibt es die Option mit Mkhitaryan, und Özil ist nun, nachdem die Vertragsverhandlungen mit Ramsey ergebnislos blieben, im Zentrum unumstritten. Auch da hatte Emery durchaus ein wenig gezögert: eine Weile sah es so aus, als wollte er Ramsey als den neuen Özil installieren, und als würde er den deutschen Spitzenverdiener eher unter Druck setzen wollen. Gegen Leicester am Montag war Özil dann aber Kapitän, und wurde im Lauf des Spiels zum Dreh- und Angelpunkt einer extrem beweglichen Formation, die schließlich eines der Tore dieser Saison als absolutes kollektives Kunstwerk fabrizierte.

Bleibt als Problemzone die Defensive - die aber natürlich schon bei Mkhitaryan oder Iwobi beginnt. Im Tor hat Emery anfangs auf Cech gesetzt, der sich dann aber eine Muskelverletzung zuzog - ich denke nicht, dass Leno noch einmal ins zweite Glied rücken muss, denn er überzeugt bisher. Holding und Mustafi bilden eine vertretbare, aber natürlich keine felsenfeste Innenverteidigung, wobei beide derzeit durchaus Punkte sammeln. Links hinten musste gegen Leicester Lichtsteiner (und später Xhaka!) aushelfen, der Schweizer Routinier wurde danach von Emery ausdrücklich positiv hervorgehoben. Bellerin war zuletzt eher ein Sorgenkind, er wurde auch oft alleingelassen, zeigt aber vor allem offensiv zunehmend mehr.

Bei all dem geht Arsenal mit einem überraschend dünnen Kader durch die bisherige Saison. Maitland-Niles, Kolasinac und zuletzt auch Monreal sind verletzt, in der Defensive spielt Mavropanos (eine Wenger-Entdeckung) keine Rolle, offensiv ist allenfalls noch Danny Welbeck ein Faktor. Dann kommt schon ein Teenager wie der hochinteressante Smith Row. Man wird also auch sehen müssen, wie sehr die Mannschaft die Strapazen einer Saison mit vielen Begegnungen bewältigt. Derzeit wirken alle fit und spritzig.

Es wird aber alles von den direkten Duellen abhängen. Arsenal war zuletzt in den Top 6 kein Faktor, gegen Spitzenteams gab es immer wieder peinliche Niederlagen. Allerdings enthielten schon die beiden Spiele, die gegen City und Chelsea verloren wurden, durchaus einige Hinweise auf eine etwas bessere Wettbewerbsfähigkeit.

Bei all dem würde ich meinen, dass Unai Emery die Mannschaft stilistisch nur unwesentlich verändert hat. Es sind wohl eher andere Faktoren, die eine Rolle spielen: er scheint die Spieler wirklich anzusprechen, und nun wissen sie auch schon, dass sie Lösungen haben. Zudem wird im Detail durchaus klug rotiert: gegen Leicester begann Aubameyang auf der Bank, auch Welbeck ist jederzeit für einen Platz in der ersten Elf gut. Nur Xhaka, Bellerin und Mustafi spielen eigentlich immer.

Als Zwischenbilanz könnte man also sagen: der Mann, der das Wort "performance" so unverwechselbar Spanisch ausspricht und überhaupt ziemlich radebrecht, hat Arsenal gar nicht so schlecht auf Kurs gebracht. Die Spieler sind offensichtlich selbst beeindruckt von dem, was sie können: gegen Leicester gab es Momente, in denen wieder etwas von dem großartigen Esprit erkennbar war, für den Arsenal einmal stand. Das war aber eigentlich ein Zwischenspiel, denn davor stand Arsenal ja für öde Effizienz: "boring Arsenal". Nicht in diesen Tagen. Sogar die Sitze im Emirates, das zuletzt häufig ausverkauft, aber nie voll war, beginnen sich wieder zu füllen. Und Mesut Özil lässt sich von der aktuell guten Stimmung sogar dazu hinreißen, positive Signale nach Deutschland zu schicken. Ich würde es ihm wirklich wünschen, dass er seine Verächter noch einmal eines viel Besseren belehren könnte.

Geschrieben von marxelinho am 25. Oktober 2018.

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