30. Mai 2019

Hinter Baku die Steppe

Vor zwei Jahren war ich einmal ein paar Tage in Baku. Eine windige Stadt mit protzigen Hochhäusern. Man spürt die Einseitigkeit des Reichtums. Von Europa ist Aserbaidschan weit entfernt, die relevanten Bezugspunkte sind Istanbul, Moskau und Teheran. Hinter Baku kommt dann schon das Kaspische Meer, und Turkmenistan, ein Steppenstaat. In Baku fand gestern das Finale der Europa League statt. Arsenal war schon am Samstan angereist. Chelsea kam erst am Dienstag, als wollte man die Sache kurz und schmerzlos hinter sich bringen.

Chelsea gewann mit 4:1, und bescherte Arsenal eine der bittersten Stunden in einem nun doch schon ziemlich lange fortschreitenden Niedergang. Das Finale war nur eine halbe Stunde lang offen. Danach verlor Arsenal das Momentum, hielt noch bis zur Pause dagegen, in der zweiten Halbzeit zerlegte die Dreieroffensive Hazard-Giroud-Pedro die Fünferkette von Arsenal.

Taktisch ging es immer um die Frage, wer Dominanz auf den Außenbahnen schafft. Emery entschied sich dafür, Maitland-Niles und Kolasinac große Verantwortung aufzubürden. Das ging eine Weile gut, beide kamen in aussichtsreiche Positionen, aber Kolasinac schafft sich mit seinen Läufen Möglichkeiten, für die ihm dann alles fehlt: Technik, fußballerische Intelligenz, Intuition. Seine letzten Pässe sind sehr oft von großer Sinnlosigkeit.

Maitland-Niles wurde zum negativen Mann des Spiels. Er hatte häufig Schwierigkeiten mit dem Positionsspiel, der Elfmeter, den er verschuldete, war direkter Ausdruck seiner vielen Verspätungen. Er ist zweifellos einer der interessantesten Spieler bei Arsenal, im Grunde aber ein typischer Wenger-Profi: er wird vielleicht nie "fertig" werden.

Der andere Spieler des Spiels war früher einmal bei Arsenal: Olivier Giroud zeigte sich als Mittelstürmer der Extraklasse. Hazard wird sicher in allen Berichten hervorgehoben werden, sicher auch zu Recht, aber Giroud fügte alles zusammen.

Bei Chelsea lieferten die Schlüsselspieler in einem entscheidenden Spiel. Bei Arsenal verursachte Aubameyang den vierten Gegentreffer, er beendete damit ein Spiel, zu dem er wenig beitrug. Das Signalbild aber lieferte Mesut Özil: bleich verließ er in der 77. Minute den Platz für Willock, er wurde später noch einmal auf der Reservebank gefilmt, ein Haufen Elend. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er sich von diesen Bildern noch einmal erholt. Arsenal wird ihm noch zwei Jahre ein bedeutendes Gehalt zahlen müssen, wenn sich nicht eine Transferlösung findet, die dann wohl nur in der Türkei oder in einer Scheichwelt zu finden sein wird.

Heute ist nicht der richtige Tag, um die Grundsatzfragen zu diskutieren, die absolut unvermeidlich sind. In einem normalen Club müsste über Unai Emerys erste Saison diskutiert werden. Arsenals Saison war de facto Anfang April vorbei, mit der Niederlage gegen Everton begann eine Phase, in der das Team nur noch erschöpft durch den Bewerb wankte. Dass selbst so noch bis kurz vor Ende ein Platz unter den Top 4 in England möglich war, und dass das EL-Finale erreicht wurde, spricht meines Erachtens dafür, dass die EPL dieses Jahr hinter den Top 2 ziemlich matt war, und dass die Europa League nicht wirklich ernst zu nehmen ist.

Arsenal steht vor einem wegweisenden Transfersommer, mit einem Trainer, dessen Strategien im Lauf der Saison zunehmend unklarer wurden, mit einer Clubführung (Raul Sanllehi), die bisher nichts weiter zuwege gebracht hat, als Sven Mislintat zu vertreiben, und mit einem amerikanischen Besitzer, den außer seinen Renditen nichts interessiert. Dass er nun Geld zuschießen soll, wie viele Fans fordern, wäre aber der verkehrte Weg. Arsenal hat nach wie vor gute Voraussetzungen. Der Weg zurück in die Elite, wenn er denn überhaupt denkbar ist, muss aus den eigenen Möglichkeiten heraus gestaltet werden: ein Vorbild könnte dabei ausgerechnet der Erzrivale sein.

Tottenham ist derzeit dort, wo Arsenal vor zehn, zwölf Jahren war, nach dem Auszug aus Highbury. Außer dem Stadion ist bei Arsenal derzeit aber alles in Richtung Mittelmaß gerichtet. Bei Tottenham hingegen könnte der "overstretch" am Samstag noch zu einem historischen Moment führen.

Geschrieben von marxelinho am 30. Mai 2019.

0 Kommentare

Kommentieren

19. Mai 2019

Entlastungssteuerung

Eine kleine Einordnung: Vor neun Jahren stieg Hertha nach einer katastrophalen Saison mit 20 Niederlagen und 24 Punkten aus der ersten Bundesliga ab. Trainer war damals Friedhelm Funkel, der das negative Momentum nach dem chaotischen Scheitern von und mit Lucien Favre in keiner Phase umkehren konnte. Gestern musste Hertha am letzten Spieltag auch das spät ausgerufene Minimalsaisonziel Platz 10 kassieren, denn dort steht nun Fortuna Düsseldorf. Der Betreuer: Friedhelm Funkel.

Im Fußball kommt es nicht nur darauf an, was man falsch macht, sondern auch, wann man etwas falsch macht. Pal Dardai wurde gestern verabschiedet, nachdem er Hertha vier Jahre lang stabilisiert hat. Aus den Abschlussplatzierungen 7, 6, 10 und 11 rechnet er einen soliden Durchschnitt heraus, andere (es scheint eine Minderheit zu sein) sehen eher die Tendenz. Pal Dardai hat in den vier Jahren viel richtig gemacht, es lief aber insgesamt dann doch in die falsche Richtung.

Auch damit hatte es zu tun, dass der Frühlingsnachmittag und eine gewisse Abschiedsstimmung das 1:5 gegen Bayer 04 in den Schatten stellten. Die Klatsche im letzten Spiel ist inzwischen Hertha-Tradition, ich trug es in diesem Jahr mit Fassung, weil ja schon die letzten Wochen ein wenig surreal gewesen waren. In unserem bürgerlichen Sektor wurde viel über die Verlängerung der Dauerkarte geredet - eine (nicht repräsentative) Mehrheit wird darauf verzichten, war zu vernehmen.

In jedem Fall nicht verlängern wird dieser freundliche Herr, der aus gegebenem Anlass seine erste Dauerkarte mitgebracht hatte. Wir saßen dieses Jahr nebeneinander und haben das eine oder andere Mal abgeklatscht, wenn Hertha etwas gelungen war. Er ist 85 Jahre alt und war 1952 zum ersten Mal bei Hertha. Wir wünschen alle einen schönen und langen Lebensabend.


Pal Dardai sprach dieses Jahr des Öfteren von Belastungssteuerung. Friedhelm Funkel sprach am Wochenende in einem Interview von Laktattests, an denen er sich nur zum Teil orientieren wollte. Denn im Fußball geht es darum, über Grenzen zu gehen. Das hat die Fortuna für ihre Verhältnisse häufig geschafft, und auch da ist es wieder bezeichnend, dass die Wende in einem Spiel gegen Hertha kam, in dem die Elf von Pal Dardai unter ihren Grenzen blieb. Und zwar so deutlich, dass ich von einem Saisontrend sprechen würde: Entlastungssteuerung.

Im letzten Spiel zog Marco Grujic ein paar Fäden, aber hinten kam Hertha mit den flinken Läufen einer jungen Mannschaft nie richtig zurecht. Pal Dardai hingegen setzte einmal mehr auf Ibisevic. Davie Selke, eines der wichtigsten Assets im Kader, mochte sich gestern beinahe schon ein wenig gedemütigt vorkommen. Zum Ende seiner Amtszeit hat der zuletzt sichtlich erleichtert wirkende Chefcoach noch einmal so richtig seiner Neigung nachgegeben, Seniorität über alles zu stellen.

Es passte aber auch zu einer Anhängerschaft, die sich mangels sportlicher Erfolge auf die nur leicht ironisch verbrämte Feier eines verdienten Langzeit-Herthaners als Fußballgott verlegte: Fabian Lustenberger kam mit Lucien Favre, und blieb über alle Tiefen hinweg. Zu den wenigen Höhen in dieser Zeit trug er Kleinigkeiten bei. Sein größtes Spiel hatte er bei dem heroischen Sieg in Leipzig, aus dem bezeichnenderweise nichts hervorging. Wir Fans sind hilflose Wesen. Ohne Einfluss auf das Geschehen, an dem wir hängen, suchen wir nach Trostpreisen.

Vereinstreue ist zweifellos ehrenwert, und wenn einer ein sympathischer Kerl ist wie "Lusti", dann freut man sich noch mehr darüber. Er war aber halt auch das Gesicht einer stagnierenden Hertha, und damit zum Ende hin passenderweise einer der Lieblingsspieler von Pal Dardai. Die angebliche Spielintelligenz von Lustenberger halte ich für einen Mythos. Denn Intelligenz hat es an sich, dass sie an sich selber wächst. Davon war nicht viel zu sehen. Ich wünsche ihm natürlich das Allerbeste, bin aber auch ein wenig erleichtert, dass ein Spieler weniger im Kader ist, mit dem ein Trainer es sich ein wenig zu leicht machen kann.

In einer Stunde breche ich zur Mitgliederversammlung auf. Wenn ich die Tagesordnung richtig deute, wird Ingo Schiller gar nicht sprechen. Dabei wäre sein Bericht der allerwichtigste. Über die finanzielle Situation von Hertha werden wir aber auch in den nächsten Wochen noch genügend erfahren. Indirekt, durch Spielerverkäufe.

Geschrieben von marxelinho am 19. Mai 2019.

0 Kommentare

Kommentieren

13. Mai 2019

Hausberufung

Schlechte Nachrichten für Zecke Neuendorf: Wenn das mit Ante Covic schiefgeht, dann wird Hertha es nicht noch einmal mit einer Hausberufung probieren können. Für den derzeitigen Trainer der U15 haben sich also heute die Perspektiven verschlechtert, dass er irgendwann Chefcoach wird. Natürlich ist das der nebensächlichste Aspekt, und man könnte das Gleiche über Michael Hartmann sagen.

In jedem Fall machte Hertha BSC heute eine deutliche Aussage: Es muss sich etwas ändern, ohne dass sich viel ändern soll. Nächste Woche wird es bei der Mitgliederversammlung auch einen Bericht der Geschäftsführung Finanzen geben müssen - ich vermute, dass Geld auch eine Rolle gespielt hat bei der Entscheidung für Ante Covic als neuen Cheftrainer. Hertha kann sich die meisten derzeit interessanten Trainer wohl schlicht nicht leisten. Und bei Oliver Glasner (geht vom LASK in Österreich zu Wolfsburg) hat man geschlafen, das wäre allerdings auch ein riskanter Move gewesen.

Die Sache mit Ante Covic hat verschiedene Aspekte. Der erste betrifft die Ansage: Hertha macht damit keine. Es wird nicht viel übrig bleiben, als wieder tiefzustapeln. Das muss nicht verkehrt sein, und kann sich im Falle eines guten Saisonstarts schnell ändern. Für den Sommer aber und für die individuellen Ambitionen der Spieler wird es erst einmal danach aussehen, dass sie in Berlin nicht unbedingt einen attraktiven Arbeitsplatz mit spannenden Profilierungsmöglichkeiten vorfinden. Covic geht auf dieser Ebene mit einer Hypothek an die Arbeit. So einen Kader, wie Pal Dardai ihn dieses Jahr hatte, wird er vermutlich nicht mehr haben.

Der Kader war aber auch häufig dezimiert. Das führt zu einem weiteren Aspekt. Bei Hertha gab es dieses Jahr ein dichtes Bündel unspezifischer Probleme. Die Einstellung in vielen Spielen, in denen die Spieler als "Mentalitätszwerge" (um Jürgen Klopps Begriff von den "Mentalitätsgiganten" zu variieren) auftraten, war nur ein Aspekt; zahlreiche Verletzungen und insgesamt wenig überzeugende Physis nötigen zumindest zu einer Nachfrage, ob es mit der von Pal Dardai so gern beschworenen Wissenschaftlichkeit bei der Belastungssteuerung wirklich so weit her ist; dazu kommen taktische Defizite, denn abgesehen von einigen guten offenen Spielen und einem gut aufgegangenen Matchplan gegen Gladbach in der Rückrunde waren die Strategien von Hertha selten klar erkennbar. Die anfängliche Innovation der Dreierfünferkette wurde bald zu einer Belastung, gerade dann aber hielt Pal Dardai stur daran fest.

Mit einem Wort: Die ganze Betreuung muss auf den Prüfstand. Ob Ante Covic dazu die nötige Vision mitbringt? Immerhin soll es noch einen zweiten Co-Trainer geben, das darf dann auf keinen Fall eine Alibi-Personalie werden, sondern da muss Hertha sich am besten eine wirklich innovative Fachkraft holen - und zwar am besten wirklich von außen.

Im Umgang mit dem Nachwuchs wird es darauf ankommen, den Kardinalfehler von Pal Dardai zu vermeiden: er hat viele junge Spieler an die erste Mannschaft herangeführt, hat dann aber die ganze erste Mannschaft so behandelt, als wäre sie noch zu schonen, weil sie ja "noch nicht so weit" ist. Damit hat er auch den Jungen die Entwicklung teilweise verbaut. Bei anderen Clubs sind die 19- und 20-Jährigen teilweise deutlich weiter.

Michael Preetz ist mit dieser Entscheidung mächtiger denn je bei Hertha - damit aber auch so angreifbar wie schon lange nicht mehr. Jetzt ist noch einmal deutlicher geworden, was für eine großartige Gelegenheit sich in dieser Saison bot, mit spannendem Personal ein "statement of intent" abzugeben. Die Gelegenheit wurde vertan. Ante Covic muss nun versuchen, ohne große Veränderungen große Veränderungen zu bewirken. Vielleicht ist er ja tatsächlich dafür genau der richtige Mann.

Geschrieben von marxelinho am 13. Mai 2019.

0 Kommentare

Kommentieren

12. Mai 2019

Oldies but Oldies

Acht Punkte aus den letzten vier Spielen für Hertha BSC: Fast könnte man meinen, die beste Lösung wäre ein Rücktritt vom Rücktritt. Also doch mit Pal Dardai in die neue Saison? Eine ernsthafte Option kann das nicht sein, und es ist wohl auch besser so.

Hertha hat gestern Augsburg mit 4:3 geschlagen. Es war ein verdienter Sieg, in dessen Details es allerdings ein wenig chaotisch zuging. Es brauchte auch einen sehr späten, "weichen" Elfmeter. Hertha agierte insgesamt dominant, so richtig umkämpft wirkte das Spiel im Fernsehen aber nicht. Eher müsste man sagen, dass der Faktor Kompaktheit in den Untiefen des tabellarischen Niemandslands verschwand.

Es ging für beide Mannschaften um nichts mehr, und defensiv zeigten sie das auch: Lustenberger, Rekik, Duda boten freies Geleit zu Gegentoren, Rekik legte sogar Hand an. Die Spielzüge von Augsburg trugen große Fragezeichen über das Feld: sind wir hier in einem Wettbewerbsspiel der deutschen Fußballbundesliga?

Es ist weitgehend dem Umständen geschuldet, fällt aber doch auf, dass der scheidende Chefcoach hinten hinaus noch einmal stark auf die Veteranen setzt: Skjelbred wird gebraucht, keine Frage, Lustenberger auch, Kalou ist unverbrüchlich Stammspieler (wenn auch schon lange keine scharfe Waffe mehr), und Ibisevic ist wieder ganz klarer erster Mann in der Offensive.

Das bedeutet umgekehrt ein demotivierendes Saisonende für Davie Selke, und in ähnlicher Form für Dilrosun und Torunarigha. Das sind drei Positionen, über die sich ein künftiger Cheftrainer schon einmal Gedanken machen kann. Gestern haben wir auch ein paar nicht ganz uninteressante Minuten mit Pascal Köpke gesehen, auch er wird sich über die Hierarchie im Angriff in der nächsten Saison Gedanken machen. Denn Vedad Ibisevic wird dann auch noch da sein. Sein Vertrag wird verlängert.

Dardai muss sich über all das keine Gedanken mehr machen. Für die Kaderplanung sind das aber wichtige Punkte. Vielleicht sehen wir ja gegen Bayer 04 im letzten Spiel dann noch eine etwas stärker in die Zukunft gedachte Formation, allerdings wird Pal Dardai nach dem Sieg in Augsburg vermutlich Argumente für sein  Motto Oldies but Oldies sehen. So ist das auch eines der Ergebnisse dieser Saison: zwei der größten Begabungen (Selke und Torunarigha) sind am Ende immer noch strukturell zweite Wahl.

Da es für Leverkusen am kommenden Samstag noch um viel gehen wird, dürfte sich ein ähnlich irreales Spiel wie gestern in Augsburg nicht wiederholen. Und schließlich müssen die Verantwortlichen am Sonntag in der Mitgliederversammlung ihr Blatt zeigen: die Trainerfrage wird dann zu einem Appendix des Geschäftsberichts.

Geschrieben von marxelinho am 12. Mai 2019.

0 Kommentare

Kommentieren

11. Mai 2019

Obergrenze Mittelmaß

Drei Wochen Denkpause liegen hinter mir. Heute steige ich wieder ein. Die Saison ist noch spannend genug: fünf Spiele, zwei in der Bundesliga, eine Runde Premier League morgen, und dann zwei europäische Finals, mit vier Mannschaften aus der besten Liga der Welt. Wenn die Premier League die beste Liga der Welt ist, heißt das zwar auch, dass das nicht unbedingt die beste aller möglichen Welten ist, aber auf jeden Fall die irdischste.

Hertha spielt heute in Augsburg. Die letzten drei Spiele (Hannover, Frankfurt, Stuttgart: fünf eher zustandegekommene als erspielte Punkte) habe ich alle gesehen, es gab aber nichts dazu zu sagen. Und ganz bin ich die Irritation noch nicht los, die die aktuelle Saison gebracht hat. Ein vielversprechender Beginn, aus dem keine Inspiration wurde, sondern eine Last. Hertha hat sich unter Führung von Pal Dardai auf Obergrenze Mittelmaß zurückgezogen. Immerhin hat die Clubführung eingesehen, dass das keine gute Devise ist für die Zukunft. Nun warten wir auf die nächste Weichenstellung.

Einstweilen bleiben, nachdem das Saisonziel selbst in seiner niedrigsten Variante verfehlt wurde, Teil- und Nebenziele. Ich habe gelegentlich formuliert, dass für Hertha auch immer ein Saisonziel sein sollte, vor Augsburg abzuschließen. Das ist dieses Jahr schon vor dem heutigen Spiel gewährleistet. Warum aber ist das überhaupt wichtig?

Die Liga zeigt uns dieses Jahr, dass sie weiterhin eng ist, insgesamt aber ziemlich sauber in der Mitte geteilt. Es gibt eine relativ homogene Hälfte, in der im Grunde alle um Europa spielen, und eine zweite Hälfte, in der die zweistelligen Plätze und der Abstieg ausgespielt werden. Herthas Saisonziel war also klug gewählt: man wollte zeigen, dass man zu der ersten Hälfte gehört. Nun bleibt nur die Spitzenposition in der anderen Hälfte.

In diesem Jahr entspricht die Tabelle, sieht man der Anomalie Schalke und vom VfB Stuttgart ab, auch ziemlich genau den Standortfaktoren. Oben stehen die Traditionsclubs, die Geldclubs und die Werksclubs. Weiter unten stehen die Kleinen, die Föderalismuskomponenten der Bundesliga, die - anders als die Premier League in London - keinen Wasserkopf hat. Wo aber steht Hertha? Wieder einmal auf der falschen Seite, bei den Kleinen.

Augsburg hat sich in den letzten Jahren wacker geschlagen, und Hertha konnte selten einen Unterschied markieren. Heute wäre eine Gelegenheit, zumindest einen anzudeuten. Es wäre ein Unterschied, der eben anerkennt, dass Hertha sich mit der Obergrenze Mittelmaß strategisch unter Wert schlägt. Auch mit Untergrenze Mittelmaß könnte Hertha auf Platz 10 landen, aber es wäre dann eine Platzierung, die man nicht halb ironisch, halb resignierend akzeptieren müsste, sondern es wäre dann eben eine Konzession an eine flache Hierarchie in der Liga. Der Fußball verzeiht vieles. Anonymität aber ist unverzeihlich.

Also wäre es schön, wenn Hertha sich heute und nächsten Samstag noch zweimal zeigen würde. Es kann, unter den gegebenen Bedingungen, nur noch eine Andeutung sein. Die Konkretion (der Ambition) muss demnächst von Michael Preetz kommen: eine hausinterne Trainerlösung kann im Grunde nur bedeuten, wieder beim Saisonziel Klassenerhalt anzufangen. Also von fast ganz vorn. Vom Gefühl her ist das auch tatsächlich die Situation, in der Hertha derzeit steht.

Geschrieben von marxelinho am 11. Mai 2019.

0 Kommentare

Kommentieren

19. April 2019

Sauberes Tuch

Ein Freistoßtor von Alexandre Lacazette in der 36. Minute hat gestern das Europa-League-Viertelfinale zwischen Neapel und Arsenal relativ frühzeitig entschieden. Danach hätte Neapel vier Tore erzielen müssen, diese Aufgabe erwies sich bald als zu groß. Es wurde also nicht das Drama, das ich ein wenig befürchtet hatte, sondern ein überraschendes "clean sheet" und ein sehr eindeutiges Gesamtergebnis: 3:0.

Spannend war also nur die erste halbe Stunde. Und auch da war es in erster Linie ein Aspekt, der von Interesse war: die hohe Linie von Arsenal. Unai Emery hatte die naheliegende Formation gewählt: Hinten drei Mann, Koscielny zwischen Monreal und Sokratis, davor Xhaka und Torreira, auf den Außenpositionen die schnellen Kolasinac und Maitland-Niles, ganz vorne Lacazette und Aubameyang, und dazwischen der erste Anläufer und allgegenwärtige Initiator Ramsey. Özil musste auf die Bank, weil Xhaka wieder da war. Und später, als Ramsey sich verletzte, kam Mkhitaryan - das war ein kleines Signal, dass Özil gegen Crystal Palace eher gebraucht wird, als in den internationalen Spielen auswärts.

Bei der hohen Linie von Arsenal war nicht ganz klar, ob dahinter eine taktische Idee von Carlo Ancellotti stand, oder ob sie ein Ergebnis der Absichten von Arsenal war. In den ersten zehn Minuten fand das Spiel fast nur in der Hälfte von Neapel statt, dann begannen die Italiener, sich ein wenig einzubringen. Sie versuchten es mit dem Mittel, mit dem Arsenal in dieser Saison mehrfach schmerzhaft Bekanntschaft gemacht hat: hohe Bälle hinter die letzte Linie.

Allerdings zeigten sich Koscielny und Co. auch dieses Mal, wie schon im Hinspiel, hochkonzentriert: sie stellten Insigne und Milik regelmäßig abseits, mehrfach waren die Entscheidungen sehr knapp, aber es klappte immer. Es ist aber natürlich eine nervenaufreibende Angelegenheit. In diesen zwanzig Minuten bis zum Tor zeigte Arsenal durchaus Wirkung: Ballverluste von Aubameyang und Torreira führten auch zu gefährlichen Kontern. Hätte Neapel in dieser Phase getroffen, wäre Arsenal womöglich ins Wanken geraten.

Dann gab es aber den Freistoß. Xhaka stand auch beim Anlauf, Lacazette aber traf mit dem Rechten in die Torwartecke. Er kann das. Im Vergleich ist Aubameyang derzeit fast außer Form, er sorgte zwar für den kuriosen Treffer in Watford (indem er Ben Foster in einen Abschlag funkte), aber bei ihm läuft es zur Zeit nicht so gut. Mit den zwei Seminfinals gegen Valencia und den noch ausstehenden fünf Premier-League-Spielen wird Emery aber alle verfügbaren Kräfte benötigen. Und Mesut Özil werden wir am Sonntag aller Voraussicht nach auch wieder sehen - bei Ramsey könnte die Saison vorzeitig zu Ende sein. Es sei denn, Arsenal kommt ins Finale der Europa League: bis Ende Mai in Baku sind es noch fast sechs Wochen.

Geschrieben von marxelinho am 19. April 2019.

0 Kommentare

Kommentieren

18. April 2019

Forza Rossa

Eine spannende Europacupwoche erreicht heute Abend für mich ihren Höhepunkt: Arsenal muss in Neapel versuchen, einen 2:0-Vorsprung aus dem Hinspiel zu verteidigen. Das ist sowieso keine geringe Herausforderung. Eine besondere Note bekommt die Angelegenheit aber noch dadurch, dass die Diskrepanz zwischen Heim- und Auswärtsform bei den Gunners in diesem Jahr ungewöhnlich markant ist.

Am Montag gab es zwar ein 1:0 in Watford, aber auch da war die Leistung alles andere als überzeugend. Davor war das 0:1 bei Everton einer der enttäuschendsten Auftritte überhaupt unter Unai Emery. Nichtsdestoweniger steht Arsenal momentan auf Platz 4 in der Liga, das Restprogramm hat aber einen eindeutigen Akzent: zwei Heimspielen gegen Crystal Palace und Brighton stehen drei schwere Fahrten zu den Wolves, nach Leicester und nach Burnley gegenüber.

Die konkreten Termine hängen dabei auch noch ein wenig davon ab, ob Arsenal ins Halbfinale der Europa League gelangt. Es spricht alles für ein hoch spannendes Spiel heute Abend. Denn schon das Hinspiel war packend. Napoli hatte einige exzellente Chancen, versäumte aber ein Auswärtstor in einem Spiel, wie es in dieser Form selten geworden ist: Arsenal dominierte mit fantastischen, raumgreifenden Kombinationen, Napoli spielte gelegentlich gefinkelte Konter, in der zweiten Halbzeit machte Napoli dann teilweise das Spiel, während Arsenal noch tolle Chancen auf ein drittes Tor hatte. Es war alles offen und kontrolliert zugleich.

Zu den Überraschungen in dieser Phase der Saison zählt die Rolle von Mesut Özil. Die Irritationen aus der ersten Saisonhälfte scheinen ausgeräumt. Emery zeigt sich als Pragmatiker, er lässt Özil nun wieder häufig in der zentralen Offensivpositionen alle Freiheiten. Das hat einerseits mit der Doppelspitze Lacazette-Aubameyang zu tun, die vor allem in den großen Spielen zum Einsatz kommt, andererseits mit der Rolle von Aaron Ramsey, der auch auf der Achterposition stark ist - eigentlich ist er dort am besten.

Sein Abgang ist extrem bedauerlich. Er ist als Arsenal-Identifikationsfigur derzeit unvergleichlich, und er spielt wie ein Leader. Er bringt Özil in Form, und er schießt selbst Tore. Ich bin mir relativ sicher, dass Arsenal die Situation inzwischen anders einschätzen würde als vor ein paar Monaten, als der Vertrag zu erneuern war. Vielleicht hat Emery ja einen Mittelfeldspieler im Hinterkopf, den er gern haben würde. Da fällt immer wieder der Name Ever Banega, der für meine Begriffe aber Torreira zu stark in die Quere käme.

Interessant sind einige der neuen Gewichtungen in der Mannschaft: die beiden Außenspieler Kolasinac und der immer wichtiger werdende Maitland-Niles haben Mkhitaryan und Ibowi de facto zu Ergänzungsspielern gemacht, während Lacazette im Standing derzeit sogar vor Aubameyang kommt. Xhaka war eine Weile verletzt, er scheint für Emery aber eine absolute Instanz zu sein, und er zeigt sich dieser Verantwortung auch zunehmend besser gewachsen.

Arsenal wird im Sommer nicht viel investieren können - jedenfalls nicht im Vergleich zu der direkten Konkurrenz um die ersten vier Plätze in England. Der Kern eines spannenden Kaders lässt sich aber schon einmal nominieren: Leno, Bellerin, Kolasinac, Maitland-Niles, Xhaka, Torreira, Guendouzi, Lacazette, Aubameyang, Iwobi. Dazu unter Vorbehalt Özil, den Arsenal sicher lieber von der Gehaltsliste bekommen würde. Fehlt also eine komplette Defensive, fehlen zwei Winger (ich denke, man wird auch Mkhitaryan lieber weiterschicken wollen), fehlt ein Mann im Zentrum. Fehlt ein Aaron Ramsey.

Mit den letzten Vier in der Champions League bin ich übrigens hochzufrieden. Ajax war ein Vergnügen (Total Tiki Taka), Spurs sind zwar die Erzrivalen von Arsenal, ich sehe sie aber sehr gern, für Liverpool und Klopp könnte das ohnehin ein großes Jahr werden, und Barca gegen Liverpool - wer wollte das nicht sehen?!

Sollte Arsenal heute weiterkommen, dann ginge es im Halbfinale der Europa League aller Wahrscheinlichkeit nach gegen Valencia, und ein denkbares Finale wäre eine englische Angelegenheit: gegen Chelsea. Im Idealfall wären es in dieser Saison noch neun Spiele für Arsenal. Speriamo!

Geschrieben von marxelinho am 18. April 2019.

0 Kommentare

Kommentieren

16. April 2019

Anspruchsvolles Einvernehmen

Vier Jahre sind im Fußball eine lange Zeit. Wir Fans von Hertha hatten zuletzt vier Jahre lang das Glück, die Betreuung unserer Lieblingsmannschaft in den Händen eines echten Herthaners zu wissen. Bei Pal Dardai konnte man schon während seiner Zeit als Spieler ahnen, dass er einmal als Coach oder in einer anderen verantwortlichen Funktion in Frage kommen würde. 2015 sprang er ein - schon damals war er kein Feuerwehrmann, sondern ein Versprechen für die Zukunft.

Diese Zukunft wird nun in diesem Sommer enden. Das hat der Verein heute bekannt gegeben. Die Rede ist von einer einvernehmlichen Entscheidung. Das deutet an, dass das Tischtuch damit nicht zerschnitten sein muss. Vielleicht kommt Dardai tatsächlich im Sommer 2020 wieder, um im Nachwuchsbereich weiterzuarbeiten. Für Hertha wäre das, gerade wegen seiner nun schon riesigen Bundesligaerfahrung, ein kaum zu überschätzender Gewinn. Bis dahin ist aber noch viel Zeit, und Angebote von anderen Clubs für eine Aufgabe in der Bundesliga sind absehbar.

Die Entscheidung ist schmerzhaft. Es hätte auch viel dafür gesprochen, sie erst im Mai zu kommunizieren. Das wäre aber bei den notorisch auf das Trainerkarussel fixierten deutschen Fußballmedien schwer durchzuhalten gewesen.

Bei aller Wehmut bin ich aber der Meinung, dass die Entscheidung richtig ist. Der Grund dafür liegt tatsächlich in den Ansprüchen, die Hertha BSC stellen muss. Allerdings sind diese anders zu beschreiben als mit den ollen Klischees von der Berliner Selbstüberschätzung.

Hertha hat vor Beginn dieser Saison einen einstelligen Tabellenplatz als Ziel ausgegeben. Das klang vorsichtig. Sieht man nun allerdings die Tabelle an, ist zu bemerken, dass die Vereine, die auf den Positionen eins bis neun stehen, allesamt untermauert haben, dass sie dort sein wollen. Konkret heißt das nämlich: dass sie de facto alle um Europa mitspielen (wollen), egal ob sie das ausdrücklich sagen oder nicht.

Entsprechend könnte man fragen: War das Ziel zu hoch gesteckt? Wenn man hier mit ja antworten wollte, wäre das eine Absage an das Prinzip der Entwicklung. Dann müsste man das Ziel mit Vermeidung des Abstiegskampfs bei gleichzeitiger Vermeidung der Spannungskonkurrenz angeben. Das wäre absurd für den Verein aus der Hauptstadt, der nicht länger so tun kann, als wäre er auf einer Ebene mit Mainz oder Augsburg.

Nein, das Saisonziel war richtig so gesetzt. Es ist auch das Personal vorhanden, es zu erreichen. Konkret bedeutet das aber, dass Hertha in die Hälfte seiner Spiele de facto mit dem Anspruch gehen muss, Favorit zu sein und sie nicht nur irgendwie zufällig, sondern willentlich (und wissentlich) gewinnen zu wollen.

Und das war genau der springende Punkt, an dem Pal Dardai das Saisonziel unterminiert hat. Er wollte letztendlich niemals den Außenseiterbonus aufgeben, hinter dem er sich als Trainer zu Beginn gar nicht verstecken musste, den er aber später länger beansprucht hat, als es der Sache zuträglich war.

Deswegen steht Hertha nun in seiner vierten vollständigen Saison dort, wo er die Mannschaft de facto haben will: in einer anspruchslosen Situation. Das ist umso bedauerlicher, als deutlich zu erkennen war, dass im Sommer etwas einstudiert wurde - Hertha hat Spielzüge und Muster drauf, aber es fehlt der Mannschaft an einem mentalen Repertoire, damit umzugehen. Das ist eine Schlüsselfrage für einen Cheftrainer, und an dieser ist Pal Dardai gescheitert. Bei Hertha, wohlgemerkt. Er ist offensichtlich in vielerlei Hinsicht eine große Begabung, und er kann noch viel erreichen.

Mit Hertha ist er zweimal in den Europacup gekommen, beide Mal waren das Saisonen, in denen Hertha tendenziell überbewertet war, wie sich im Europacup selbst dann ja auch gezeigt hat - da waren die Auftritte in einer Weise volatil, wie es kein Betreuerteam zulassen sollte.

Mit seiner letztlich doch immer wieder zu defensiven Grundhaltung (weit über die Spiele hinaus) hat er auch sein größtes Verdienst unterminiert: denn die Heranführung von jungen Spielern an die erste Mannschaft bringt nur dann etwas, wenn man aus dieser Mannschaft gleichzeitig ein Projekt mit Perspektive macht. Wenn das ausbleibt, werden sich die Erfahrungen mit den Boateng-Brüdern oder mit Nico Schulz wiederholen, und Hertha stärkt à la longue nur die Konkurrenz.

Konkrete Angelegenheiten wie die angeblich so sportwissenschaftlich exakte Belastungssteuerung und Ähnliches muss Michael Preetz mitbedenken bei der nun wahrscheinlich härtesten Entscheidung seiner Karriere. Denn er wird viele Fans gegen sich haben, und er muss nun jemand präsentieren, der für die Ansprüche steht, die Pal Dardai - zuletzt vor allem in dem Pressegespräch nach der Niederlage gegen Düsseldorf - zu vehement zurückgewiesen hat.

Hertha hat in den Jahren seit dem Wiederaufstieg eigentlich nur einmal eine ähnliche Situation erlebt. Damals überraschte Berlin die Liga mit Lucien Favre. Ob der Markt dieses Mal eine ähnliche innovative (man muss leider sogar sagen: disruptive) Figur hergibt? Ich bin gespannt. Und ich bin Pal Dardai dankbar für viele Spielzüge, auf denen sein Nachfolger schon aufbauen wird können.

Geschrieben von marxelinho am 16. April 2019.

0 Kommentare

Kommentieren

15. April 2019

Ausstudierter Fußball

Das Auswärtsspiel in Hoffenheim ist mit einem erwartbaren Ergebnis absolviert worden. Hertha war, wie es mit diesem klangvollen englischen Wort heißt, "depleted", also in einem niedrigen Teilbereich der verfügbaren Kräfte, und hat bei dem 0:2 immerhin die rote Laterne in der Kategorie Laufleistung Mannschaft Jahreswertung an Schalke 04 abgegeben.

Konkret war es ein merkwürdiges Spiel, eine halbe Stunde flog es Hertha um die Ohren wie kein anderes in diesem Jahr, der Ball ging aber nur einmal ins Tor. Danach spielte Hertha mit, in Halbzeit zwei sogar spielgestaltend, ein Remis schien unter Umständen denkbar - bis zu einem Konter, den Reiss Nelson (von Arsenal geliehen!) verwertete.

Man kann bei diesem Beispiel nebenbei ein wenig über das Videoschiedsrichtern nachdenken, nämlich über dessen Grenzen: was nützen kalibrierte Linien, wenn die Kamera nicht auf Ballhöhe ist? Und wie dick sind eigentlich die Linien? Auf das Feld umgelegt, sind sie deutlich breiter als ein Schuh von Pekarik. Pal Dardai entfiel diesbezüglich jedenfalls eine im weitesten Sinn erkenntnisskeptische Bemerkung, für die er Zustimmung verdient.

Das Tor zählte aber, und damit war die Sache durch. Sie ist ja sowieso durch. Hertha hat diese Saison an anderen Tagen vermurkst, und nun geht es vor allem noch darum, in der Rückrundentabelle nicht mehr zu deutlich nach ganz unten zu rutschen.

Pal Dardai wird in der SZ noch mit einem bedeutsamen Satz zitiert: "Am Anfang der Saison haben wir einstudierten Fußball gespielt, nun sind wir nicht eingespielt, das muss man akzeptieren." Den letzten Satzteil sagt er sowieso gern: "Das muss man akzeptieren." Das ist fast schon die parallele rhetorische Figur zu seinem Lieblingstopos vom Vorwurf, zu dem es keinen Anlass gibt.

Tatsächlich haben wir in dieser Saison Hoffnungen gefasst, weil wir diesen einstudierten Fußball gesehen haben. Die Selbstreflexion muss also mit der Suche nach Gründen beginnen, warum dieses Vermögen verloren gegangen ist. Es taucht ja auch jetzt noch gelegentlich auf, aber es ist selten spielentscheidend - und genau darum geht es aber im Sport: Fähigkeiten (erworbene und geschenkte) entscheidend werden zu lassen.

Das ist ein Bereich, in dem Hertha am meisten zu arbeiten haben wird. Das sind Wachstumsbereiche, in denen es auch sehr auf Faktoren wie Identifikation und Perspektive ankommt - die Auswechslung von Lazaro kann man zumindest als ein kleines Indiz dafür nehmen, dass diese trübe Rückrunde schon Spuren in der Kaderstatik zu hinterlassen beginnt. Denn das ist nun einmal ein wichtiger Befund: sehr viele der Hertha-Spieler haben individuell eine gute Perspektive, der Club hat ihnen nur in diesem Jahr eine mögliche gemeinsame genommen. Durch das systematische Understatement des Trainers. Nun ist auch niemand mehr eingespielt.

Klünter und Mittelstädt wurden von Dardai eigens hervorgehoben. Ich finde auch, dass Mittelstädt immer mehr zum Herthaner der Saison wird. Er hat gestern keineswegs fehlerlos gespielt, aber er hat auch gezeigt, wie lernwillig er ist. Im Vergleich zu seinem direkten Konkurrenten, dem radikal einbeinigen Marvin Plattenhardt hat Mittelstädt aus sich einen relativ vielseitigen, tendenziell schon fast beidfüßigen Spieler gemacht, der das Spiel als permanten Lernprozess interpretiert. Er könnte zu einer Stütze der nächsten Hertha werden, jener Mannschaft, die nach dem Sommer von vorn anfangen muss - und die wir, ich bin mir sicher, kaum wiedererkennen werden.

Geschrieben von marxelinho am 15. April 2019.

1 Kommentare

Kommentieren

von Jörg (am 15. April 2019)
Im Fussball gibt es bei den meisten Mannschaften einen Zyklus von Erfolg und Krise. Gefühlt ist das jetzt die erste richtige Krise, erst recht wenn man auch noch gegen Hannover verlieren sollte. Wenn Preetz jetzt Fühler ausstreckt nach anderen Trainern finde ich das richtig, vorausgesetzt er schafft es, das nicht an die Öffentlichkeit kommen zu lassen. Kandidaten wie Breitenreiter oder Tedesco würde ich nicht als Verbesserung empfinden, Kandidaten wie Klinsmann lassen sich wahrscheinlich nicht realisieren. Hartmann hat viel zu wenig Erfahrung, auch wenn ich es schön finden würde, einen früheren Spieler interimsmäßig als Trainer wieder zu sehen. Vor einem Jahr hatte ich noch auf Niko Kovac als nächsten Hertha-Trainer gehofft, das hat sich ja inzwischen auch zerschlagen. Mit anderen Worten, ich glaube es ist schwer einen besseren als Dardai zu finden. Und: einen Trainer in der ersten richtigen Krise zu feuern, das kommt mir falsch vor. Dardais Stärken sind das Entwickeln junger Spieler, seine Medien-Arbeit und vielleicht auch seine Strategie. Seine Schwächen sind das konstante Pushen und Fordern im psychologischen Bereich sowie, anscheinend, eine Mannschaft über eine Saison eingespielt zu halten. Inwieweit da eine Aufgabenteilung mit Widmayer bestand, kann ich natürlich nicht beurteilen. Wenn Dardai bleibt, ist der nächste Widmayer die wichtigste Position in der nächsten Saison. Die zweitwichtigste ist das offensive Mittelfeld. Wenn Lazaro, Stark, Duda, Grujic gehen, sollte ordentlich Geld in die Kassen gespült werden. Preetz ist derzeit zwar nicht so gut wie Bobic, seine Einkaufspolitik war in der letzten Zeit aber schon ziemlich gut, und Dardai hat die Neuen immer sehr gut weiterentwickelt. Wenn man keinen Kevin-Prince fürs offensive Mittelfeld findet und keinen sehr guten Ersatz für Widmayer, würde vielleicht ein Modell funktionieren, in dem Dardai zum Sportdirektor ernannt würde?
13. April 2019

Zeitschleifen im Niemandsland

Hertha BSC wird morgen das Spiel bei der TSG 1899 Hoffenheim mit einem vorletzten Aufgebot bestreiten müssen. Aber das macht jetzt auch nichts mehr. Pal Dardai hat in der PK vor dem Spiel die Rhetorik der Ausreden fortgesetzt, und damit auch das Spiel morgen im Grunde aus dem Spiel genommen: "Muss man akzeptieren so ein Jahr."

Was ist das also bisher für ein Jahr? Wenn nicht groß noch etwas Überraschendes passiert, wird eine Mannschaft, die vom Personal her zu deutlich mehr befähigt ist, sich für das Niemandsland entschieden haben. Das hat dann auch nichts mit der berühmten Zeit zu tun, die es "kostet", eine Mannschaft zu entwickeln. Man kann nämlich nur dann lernen, wenn man etwas probiert. Eintracht Frankfurt und Werder Bremen sind von den Voraussetzungen her mit Hertha ohne Weiteres vergleichbar - dort herrscht keine Kultur der Ausrede.

Pal Dardai spricht von "unsicheren Spielern". Aber diese Unsicherheit hat er wesentlich mitzuverantworten. Einen Trainer, der die Teamlaufleistung (Hertha ist inzwischen auf Platz 18 angekommen) als zufriedenstellend bezeichnet, während offensichtlich sowohl beim Anlaufen wie beim Freilaufen deutliche Defizite bestehen, kann man nicht mehr ernst nehmen, auch wenn er natürlich andeutet, dass er damit nur beschwichtigen will.

Er hat allerdings auch mit einer falschen Taktik zu schwachen Eindrücken beigetragen, indem er einzelne Spieler auf den Außenpositionen (auch läuferisch) überfordert hat, als schon klar war, dass das übervolle (und zu wenig bewegliche) Zentrum die erwünschte Kompaktheit gar nicht zuwege bringt.

Ich gebe zu, es klingt ein wenig hilflos, sich jetzt so plötzlich so deutlich gegen Pal Dardai auszusprechen. Aber es kam tatsächlich nicht aus dem Nichts, er hatte halt das Glück, dass gegen Gladbach ein guter Matchplan sehr gut aufging, und dass in dem freien Spiel gegen den BVB auch etwas von den Talenten im Kader wieder erkennbar wurde, wie es zu Beginn dieser Saison zu großem Optimismus berechtigte.

Im Sommer wird der Markt vermutlich mit dem Hochdrucksauger durch den Kader fegen, und dann wird diese vergeudete Saison doch noch einmal in ihrer Charakteristik deutlich werden. Dann folgt nämlich nicht das Jahr fünf unter Pal Dardai, sodass er sich dann allmählich irgendwann wirklich an einer Entwicklung messen lassen müsste, sondern das Jahr eins einer neuen Rechnung.

Hertha wird nämlich dann wieder ganz von vorne anfangen müssen, mit dem einfachen Saisonziel Klassenerhalt. Der Vorteil: man kann mit der Rhetorik der Ausreden dann auch wieder von vorn beginnen. Das kann dann auch Pal Dardai gern selbst machen, von dem es vielleicht eines Tages heißen wird: Er hat Hertha über viele Jahre sicher durch Zeitschleifen im Niemandsland geführt.

Vielleicht aber findet er ja doch noch einen Weg zu einer Kultur der Ambition. Zur Not würde ich diese Hoffnung sogar "von außen" an ihn herantragen. Auch wenn Hertha sich gegen Erwartungshaltungen "von außen" so gern verwahrt. Sie sind aber nun einmal da, und nicht, weil Berliner Fans naiv wären, sondern weil das in der Natur des Spiels liegt: wer sich nicht darauf einlässt, dass es im Fußball um Gewinnen geht, hat die Teilnahme auch dann verwirkt, wenn de jure der Klassenerhalt fast schon sicher ist. Denn einfach nur auf eine Weise drinnenzubleiben, bei der es um möglichst wenig geht, kann drinnen wie draußen niemand genügen.

Und es war auch nicht das Saisonziel. Der Blick auf die ersten neun zeigt, dass man in diesem Jahr einen einstelligen Tabellenplatz nur erreicht, wenn man anders als nur abwartend an die Sache herangeht. Das hat Hertha immer dann nicht getan, wenn es darauf ankam. Nun gibt es in den sechs ausstehenden Spielen nur noch Gelegenheit zu Teilrehabilitation, aber auch da stapelt Pal Dardai schon wieder tief: neun Punkte sollen es noch werden, damit "so ein Jahr" wenigstens einen Punkt besser wäre als "so ein Vorjahr". Es wäre eine Enttäuschung, und inzwischen ist es eine mit Ansage.

Geschrieben von marxelinho am 13. April 2019.

1 Kommentare

Kommentieren

von Jan (am 13. April 2019)
Schön, dass du du wieder da bist!