28. Juni 2020

Die Labbadia-Tabelle

Die Schlusstabelle der Bundesliga-Saison 2019/2020 enthält eine kleine Big-City-Pointe: die Clubs aus der Hauptstadt liegen fast einträchtig mittendrinn, Schulter an Schulter, getrennt nur durch sieben Tore, die Union weniger erzielt hat (bei auch einem Gegentor weniger). Für die Eisernen ist das ein riesiger Erfolg, für Hertha ist es im Vergleich zu den Jahren davor eher business as usual, und verrät wenig von dem Chaos dieses Spieljahres.

Ein Rückblick wird sinnvollerweise zweizuteilen sein: die Wiederaufnahme des Spielbetriebs im Mai ging bei Hertha ja mit der Bestellung von Bruno Labbadia einher. Dessen Bilanz ist deutlich besser als die Gesamtsaison: 9 Spiele, 13 Punkte, Torverhältnis 18:11, Punkteschnitt 1,44 (zum Vergleich: 34 Spiele, 41 Punkte, 48:59, also minus 11, Punkteschnitt 1,2 unter Covic/Klinsmann/Nouri/Labbadia).

Labbadia hatte einen sehr guten Start mit einem 3:0 in Hoffenheim und einem 4:0 gegen Union, das im Endeffekt fast vollständig den gesamttabellarischen Unterschied zum Stadtrivalen ausmachte (hätte Hertha 1:0 gewonnen, wären die Teams, natürlich rein theoretisch, nur durch die Anzahl der erzielten Treffer getrennt). Das 2:0 gegen Leverkusen brachte noch eine reife Leistung zum Abschluss, die Niederlage gestern gegen Gladbach machte hingegen deutlich, wo Hertha steht - nämlich völlig zu Recht auf Platz 10 und schließlich doch deutliche acht Punkte von einem europäischen Bewerb getrennt.

Gladbach ist so etwas wie der Musterverein der Bundesliga: es gibt dort kein Finanzdoping, keine Standortvorteile, nur eine große Tradition und seit vielen Jahren sehr kompetente und vor allem auch kontinuierliche Arbeit. Das ist bemerkenswert, weil auch Max Eberl keineswegs alle Trainerentscheidungen perfekt gelingen. Gestern konnte man aber sehen, dass Gladbach unter Marco Rose gegenüber Hertha doch deutlich weiter ist. Denn in Sachen Spielgestaltung lief bis auf eine Phase in der zweiten Halbzeit bei Hertha nichts. Das passt zu dem Eindruck aus dem Leverkusen-Spiel, wo Hertha sich so richtig eingrub, und geschickt einem dem Ruf nach größeren Gegner die Luft ausließ.

Labbadia hat die Mannschaft für meine Begriffe vor allem mental offensichtlich gut erreicht. Er hat anfangs auf ein Gerüst aus Veteranen gesetzt, hat Pekarik, Skjelbred und Ibisevic (re)aktiviert, und hat Ansätze dafür geschaffen, dass die Mannschaft aus sich heraus funktioniert. Hertha ließ sich auch in diesem Jahr häufig fremdbestimmen, durch schwache Leistungen zu Beginn von Spielen, durch Abwarten, durch mäßige Konzentration. Labbadia hat wohl erste Ansätze geschaffen, dass die Mannschaft einen autonomen Kern findet, der sowohl in Spielen mit Außenseiterrolle (Leverkusen) wie mit Favoritenrolle (Union) funktioniert. Hertha hatte dabei auch Glück, dass die Eisernen im Derby eine ungewöhnlich schwache Leistung brachten.

Gegen Team wie Augsburg, Freiburg und Frankfurt zeigte sich, dass die Fortschritte fragil sind. Das kann nicht anders sein angesichts der außergewöhnlichen Umstände. Einige Schlüsse für die kommende Saison lassen sich aber schon ziehen.

Jordan Torunarigha: Der Innenverteidiger ist zum Glück langfristig (wenn auch ohne offiziell veröffentlichtes Enddatum) an Hertha gebunden. Es wäre eventuell sogar sinnvoll, seinen Vertrag dieses Jahr noch einmal anzupassen, also ihn aufzuwerten und auszudehnen. Sieht man von gelegentlichen Ungeschicktheiten wie beim Solo von Kamada gegen Frankfurt ab, ist er eine Säule. Mit ihm sollte man sehr spezifisch an den langen Pässen bei der Spieleröffnung arbeiten, da passen Intuition und Ausführung oft noch nicht zusammen. Und er ist auch mit seinen Läufen ein Faktor.

Arne Maier: Ich sehe ihn auf der Sechs und dort als Spielgestalter. Er kam zuletzt von der Bank, und hat, mit seiner Wendigkeit vor allem, und mit seinen Pässen immer einen Unterschied gemacht. Keinen großen, aber das wird noch. Ich weiß, dass mit Tousart ein Mann für diese Position kommt. Zuletzt hat sich gezeigt, dass Hertha mit einer flachen 6er-8er-Achse besser funktioniert. Stark war auch überraschend gut neben Grujic, der seinerseits insgesamt keine Argumente für eine weitere Saison bei Hertha gesammelt hat. Schade, denn man sieht auch immer noch das Potential.

Darida: Die Lunge der Liga funktioniert besser, wenn Cunha dabei ist. Denn eines der Erfolgsrezepte von Hertha zu Beginn der Labbadia-Spiele war die linke Offensivseite, die sehr flexibel bespielt wurde. Das ging mit den Problemen von Plattenhardt, Mittelstädt und Cunha bald wieder verloren, und Darida hatte danach so viel zu tun, dass er diese Integrationsrolle im linken offensiven Bereich nicht mehr so gut hinbekam bzw. ihm dafür die Partner fehlten. Im Grunde aber könnte man mit Darida als linksflexiblem defensiven Zehner und Cunha als freigeistigem Linksaußen durchaus ein spannendes Modul für die Mannschaft 20/21 sehen.

Lukebakio: Würde man Valentino Lazaro oder vielleicht sogar Mitchell Weiser fragen, ob sie vielleicht besser bei Hertha geblieben wären, was wäre die (ehrliche) Antwort? Auf jeden Fall hat Hertha auf der rechten Seite derzeit einen Hochkaräter, der immer wieder stutzig macht. Lazaro hatte sicher die insgesamt deutlich bessere, mannschaftstragende Bilanz, aber Lukebakio hat zuletzt angedeutet, dass er vielleicht doch auch in die Bereiche des Spiels hineinfindet, die als Mannschaft gespielt werden. Nebenbei: hat er jemals ein Dribbling gewonnen?

Hertha hat im aktuellen Kader das Patchwork für eine interessante Formation in einer kommenden Spielzeit, über die wir noch wenig sagen können. Die Labbadia-Tabelle deutet mindestens darauf hin, dass man nicht unbedingt teuer einkaufen muss, um kommendes Jahr um Platz 6 mitspielen zu können. Für Platz 3 oder 4 würde es sowieso einer längerfristigen Strategie bedürfen, und da wird sich dann auch von Labbadia zeigen, ob das in seinem Repertoire ist. Bisher war er mit Basics befasst, er hat eine wirre Saison halbwegs in Ordnung gebracht. Und er hat Hertha auch durch sein Auftreten gut getan.

Geschrieben von marxelinho am 28. Juni 2020.

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10. Juni 2020

Neureich ohne Ölscheich

In den letzten Tagen habe ich mich zwischendurch ein wenig mit Firmenrecht befasst. Als Laie, und aus aktuellen Gründen. Über Hertha BSC war ja zu lesen, dass Tennor BV seine Anteile auf rund 60 Prozent erhöhen wird, dafür gibt es im Lauf des Jahres weiteres Geld: 150 Millionen Euro. Als Verstoß gegen die 50+1-Regel gilt das nicht, und zwar aus Gründen, die ich mir erst klar machen musste.

Seither weiß ich, was eine Komplementär-GmbH ist. Die Hertha BSC GmbH & Co KGaA besteht also de facto aus zwei Gesellschaften, von denen die GmbH der Co KGaA komplementär gegenübersteht. Beide haben allerdings denselben Unternehmenszweck, nämlich den (aus den Vereinsaktivitäten ausgegliederten) Profifußballbetrieb von Hertha BSC. Tennor BV kauft Anteile an der Co KGaA, Hertha BSC behält die Mehrheit in der GmbH.

Das erinnert ein bisschen an die Sache mit den zwei Öltanks.


Oder aber an den berühmten Kuchen, den man haben und zugleich auch essen kann. Die Sache mit den zwei Hochzeiten, auf denen man nicht tanzen kann, muss man hingegen abwandeln: Hertha tanzt auf einer Hochzeit, aber in zweierlei Gestalt. Und hält sich dabei an eine Regel, die man eigentlich als 150 minus eins bezeichnen müsste, denn so viel von den 200 Prozent der beiden Gesellschaften dürfte sie nach der 50+1-Regel wohl veräußern. Das wäre dann aber ein schönes Gewirr von Aufsichtsräten.

Hertha wird mit Tennors Millionen endgültig "neureich", schreibt der Tagesspiegel. Das Investment hat verschiedene Aspekte, ich will versuchen, sie mir ein wenig zu vergegenwärtigen.

Was bedeutet es für die 50+1-Regel in der Bundesliga? Sie wird natürlich immer deutlicher als eine Fassade erkennbar, die bei zunehmend mehr Vereinen nur noch der Form nach eingehalten wird. Es findet sich immer eine Form, wie man sie (zuletzt in Leipzig) "elegant und rechtskonform" ignorieren kann. Man muss sie gar nicht abschaffen, solange es Möglichkeiten wie die von Hertha genutzte gibt, sie zu umgehen. Zwar verbleibt die Geschäftsführung der GmbH bei Hertha, aber die 60 Prozent der Co KgaA sind dann eindeutig in der Hand von Tennor.

Sollte es zu einem Weiterverkauf kommen, hat Hertha im Grunde keinerlei Handhabe. Wenn Tennor BV sich also entschließen sollte (ich skizziere jetzt den schlimmsten, aktuell natürlich nicht unbedingt wahrscheinlichen Fall), seine Anteile nach Saudi-Arabien oder an einen Fonds irgendeiner anderen Rohstoff-Diktatur mit zweifelhafter Menschenrechtsbilanz zu veräußern, kann niemand etwas tun. Außer ein höheres Angebot machen. Hertha ist nun dem Weltmarkt des Kapitals ausgeliefert, und wir wissen alles, mit welchen Playern man es da zu tun hat.

Von der anderen Seite aus gesehen wird das Engagement eher rätselhafter. Was hat Lars Windhorst eigentlich vor? Wenn die Ankündigungen stimmen, dann wird er bis Ende des Jahres 400 Millionen Euro in einen Club in der notorisch ausgeglichenen deutschen Liga gesteckt haben. Das ist immerhin fast ein Drittel der Gesamtsumme der einzigen laufenden Tennor-Anleihe, von der man öffentlich etwas weiß: Sie beläuft sich auf 1,5 Milliarden Euro und wird in vier Jahren fällig. Tennor muss dann also 1,5 Milliarden plus fast sechs Prozent Zinsen auszahlen.

Windhorst spricht bei Hertha aber von einem Investment, das über 20, 30 Jahre laufen könnte. Das klingt so, als würde ihn die Sache tatsächlich interessieren. Und so mag es ja auch sein. Vielleicht hat er Feuer gefangen für den Fußball in seinen sportlichen und geschäftlichen Dimensionen. Im Kontext seiner Firma macht das Engagement bei Hertha so aber nicht wirklich Sinn. Denn er muss die 1,5 Milliarden bis 2024 ja irgendwie erwirtschaften. Bei Hertha ist in diesem Zeitraum auch mit sehr viel Optimismus nicht leicht eine Wertsteigerung denkbar, aufgrund derer die 400 eingesetzten Millionen dann vielleicht 600 oder 800 wert wären.

Das wird schon aus dem bisher Erreichten deutlich. Hertha wirtschaftet ja schon eine Weile mit dem Geld von Windhorst. Wir haben also erste Anhaltspunkte, was sich mit den genannten Summen erreichen lässt. Im Winter wurden Ascacibar, Piatek und Cunha verpflichtet. Im Frühling kam mit Bruno Labbadia ein neuer Trainer, der Ibisevic statt Piatek spielen ließ. Und Skjelbred erwies sich als der bessere Ascacibar. Das ist natürlich nur eine Momentaufnahme, aber sie sagt etwas über den Wirkungsfaktor Geld.

Auch die Transfers, die Michael Preetz im Sommer (noch vor Tennor) getätigt hat, künden nicht unbedingt davon, dass es auf Big Spending ankommt: Boyata kam ablösefrei und ist jetzt endlich eine Stütze. Lukebakio war für die Verhältnisse von Hertha relativ teuer, ist auch schnell und schießt ab und zu Tore, erwies sich aber als bemerkenswert dürftiger Fußballer. Bleibt also Cunha als echte Verstärkung.

Für Hertha kommt die Möglichkeit, sich grundlegend neu aufzustellen, in einer Zeit großer Ungewissheit. Für einen Financier wie Windhorst mag das wie eine gute Gelegenheit aussehen. De facto war es aber die Trainerpersonalie, auf die es in diesem Jahr bei Hertha am meisten ankam. Das bleibt die schwierigste Entscheidung, und sie hat mit Geld relativ wenig zu tun. Für den Moment hat Hertha da mit dem deutschen Mancini (Boyata über Labbadia) eine gute Wahl getroffen.

Schon im Sommer aber werden wir sehen können, ob die neuen Konstellationen bei Hertha einer vernünftigen Arbeit zuträglich sind. Für meine Begriffe waren schon die Transfers im Winter zum Teil von Aktionismus geprägt. Ein wenig Skepsis macht also durchaus Sinn.

Geschrieben von marxelinho am 10. Juni 2020.

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28. Mai 2020

Innendarstellung

Allmählich wird klarer, was es mit diesen Fußballspielen ohne Publikum hat. Am ersten Wochenende war ich einfach nur froh, wieder Bewegung auf einem Rasen zu sehen. Dann kam das Derby. Gestern spielte Hertha schließlich in Leipzig, gegen einen Club, gegen den es - abgesehen von einem heroischen Sieg - fast immer ernüchternde Pleiten gab.

Das leere Stadion hat einen naheliegenden Effekt. Es lässt das Spiel mit sich allein. Es ist gleichsam, als würde man es direkt Opta zum Fraß vorwerfen. Normalerweise empfinde ich die Massen im Stadion als Ablenkung, die mich von meinem konzentrierten Blick auf das Spiel trennt. Nun merke ich, dass sie eine schützende Hülle der Emotion sind, die nicht nur mich, sondern auch das Spiel vor zu viel Transparenz bewahren. Das Geisterspiel ist nackt.

Und ihm fehlt die Rückkopplung mit einer unmittelbaren Rezeption. Wir haben alle schon erlebt, was da für wundersame Dinge passieren können in einem vollen Stadion. Wie sich da etwas übertragen kann von der Mannschaft auf die Kurve, oder von den Rängen auf ein Team. Die Geisterspiele aber ernähren sich ausschließlich von sich selbst, sie sind wie Zellkulturen, denen nichts zugeführt wird, also ein Experiment im Leerlauf. Es sind Spiele zum Zweck der (Fernseh-)Übertragung, denen es aber genau daran mangelt: an der Übertragung, die normalerweise das resonante Oval erzeugt.

Natürlich habe ich mich trotzdem gefreut, dass Hertha die Sache gestern gut gemacht hat. Julian Nagelsmann berief sich nach dem 2:2 darauf, dass die Dosen zwei Tage weniger für die Regeneration hatten, so hatte es ihnen der dichte Spielplan beschert. Hertha ist unter Labbadia zu einer sehr homogenen Mannschaft geworden, das System hat nach dem Hoffenheim-Spiel mit Darida einen zusätzlichen Pressing-Faktor bekommen.

Gegen Union funktionierte allerdings die Balance zwischen Cunha und Darida besser. Der Brasilianer ist ja nicht wirklich ein Flügelspieler, Darida aber kam gegen die Eisernen viel über links, gestern war er klarerweise viel stärker defensiv gebunden. Beide Mannschaften boten einander wenig an. Ein Nachteil für Hertha war sicher das frühe Ausscheiden von Plattenhardt. Darida spielte danach (unverständlicherweise) eine Reihe von ruhenden Bällen kurz, und verschenkte damit einen der wichtigsten Faktoren in einem Spiel mit einer starken Tendenz zur bloßen Neutralisierung.

Mit den Dribblings von Cunha hatte Hertha schließlich das spielerisch bessere Mittel, während Leipzigs Tore (nach einem Eckball und nach einem sehr haltbaren Schuss) nicht gerade von dramatischer Dominanz zeugen. Hertha ließ Leipzig nicht zur Entfaltung kommen, die einstige Nemesis wirkte wenig bedrohlich.

In jedem Fall hat für Hertha die Saison unter Labbadia noch einmal mehr oder weniger von vorn begonnen. Die Mannschaft hat wieder ein Gefüge, und er hat offensichtlich auch das größte Defizit behoben: von der merkwürdigen Apathie, die schon unter Dardai oft zu verzeichnen war, ist derzeit nichts mehr zu sehen. Für die Verhältnisse eines Geisterspiels war Hertha gestern ausgesprochen lebendig.

Geschrieben von marxelinho am 28. Mai 2020.

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23. Mai 2020

Altherrenfußball

Thomas Müller hat das wohl anders gemeint, als er vergangene Woche nach dem Spiel bei Eisern Union von einem Fußball sprach, der ihn an Begegnungen zwischen alten Herren erinnert. Komisch, aber bei diesem Begriff muss ich immer an Hans "Buffy" Ettmayer denken, dem man schon in seiner aktiven Karriere den Stil eines älteren Herren nachsagte. Also so ein bisschen schillernd zwischen Genie und Päuschen.


Während der ersten Halbzeit des Geisterderbys zwischen Hertha und Union gestern hatte ich zum Teil das paradoxe Gefühl, ein Youtube-Video aus einer verblichenen Zeit des Fußballs zu sehen, dabei aber auf Ultra-HD-Auflösung herangezoomt. Später wurde mir noch eine andere Widersprüchlichkeit klar: bei diesen Spielen hören wir ganz genau, wie die Spieler den Ball treffen, das kenne ich so nur aus dem Amateurstadion, wo wir direkt dran sitzen. Die Übertragungen kombinieren also einen Effekt von Nähe, nämlich den von kleinen Fußballspielen, mit einem Effekt von Distanz, denn gespielt wird im und für das Fernsehen. Bis Ende Juni mag das eine vertretbare Lösung sein sein. Eine Perspektive ist es nicht.

Wie schon gegen Hoffenheim ließ Herha uns eine Halbzeit lang Zeit, das Spiel so halb konzentriert zu verfolgen und die Rundherumaspekte dieser melancholischen Veranstaltung zu bedenken. In Halbzeit zwei machte die Mannschaft dann Ernst, und erneut erwies sich der alte Herr in den Reihen als der entscheidende Mann. Vedad Ibisevic ist für Trainer Labbadia der Schlüssel zu einer funktionierenden Organisation, als Zielspieler wie als Verteiler. Dass der Führungstreffer fast wie eine Kopie des zweiten Treffers in Hoffenheim erscheinen muss, deutet auf Strukturen. Dass Lukebakio Gelegenheit bekam, sich für den eher mäßigen Auftritt in Sinsheim zu rehabilitieren, hat noch mehr mit diesen Strukturen zu tun.

Hätte das Derby vor ausverkauftem Haus stattgefunden, hätte es sicher eine Menge "Nebengeräusche " gegeben, denn schon im Herbst hatten es sich ja Fans, denen der Fußball im Grunde egal ist, nicht nehmen lassen, sich in den Vordergrund zu drängen. Nun fand das Derby vor verschlossenen Türen statt. Morgen findet die Mitgliederversammlung in Form einer digitalen Zusammenkunft statt. Unter außerordentlichen Bedingungen werden die Bedingungen für eine nächste Normalität geschaffen, die mit der vertrauten nicht so schnell wieder etwas zu tun haben dürfte. Liegt es daran, dass Ibisevic in diesem Tag wie ein Held aus der Zukunft wirkt?

Geschrieben von marxelinho am 23. Mai 2020.

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17. Mai 2020

Ellbogengesellschaft

Eine Weile habe ich gestern auf Sky das Fake-Audio mitlaufen lassen, heruntergedimmte Fangesänge aus der Konserve. Dann habe ich aber doch auf die andere Version umgeschaltet, um Hertha in Sinsheim zu sehen und auch ein bisschen zu hören. Das Spiel war eine Halbzeit lang ein wenig seltsam, in der zweiten Halbzeit wirkte es dann schon relativ normal, mit dem nicht ganz gewohnten Aspekt allerdings, dass Hertha mit drei Toren das Spiel klar für sich entschied.

Über die generellen Aspekte des Neustarts der Liga können wir diese Woche noch einmal in aller Ruhe ausführlich diskutieren. Ich habe mir natürlich auch die Stellungnahme der Harlekins angesehen, und weiß um die Streitpunkte in dieser Angelegenheit. Fußball hat aber immer diese beiden Ebenen - man kann mit seiner Entwicklung unzufrieden sein, und schaut doch die Spiele.

Ich habe also gestern dann letztendlich doch einfach ein Match gesehen. Eines, in das Hertha mit einem neuen Trainer ging: Bruno Labbadia. Er ist für mich fast schon so etwas wie ein Inbegriff der Bundesliga, zu einem größeren Engagement wird es wohl nie reichen (in England sehe ich ihn nicht), aber in der Riege der hier Tätigen ist er doch auf eine bemerkenswerte Weise beständig und professionell.

Er fand auch eine, wie sich zeigte, gute Mischung für die erste Elf. Schlüsselentscheidung war die für Ibisevic. Der Veteran spielte zugleich umsichtig und zielstrebig. Vor der großen Chance von Cunha in Halbzeit eins trat er den Gegner zwar übel, da hätte bei einem Tor sicher der Video-Referee intervenieren müssen. Aber das war nur eine von vier Szenen, in denen Herthaner vor der Pause zeigten, dass sie erst wieder in die Gänge kommen mussten. Bei Boyatas Foul hätte man auch härter sanktionieren können, aber es wurde wohl doch ein bisschen mitbedacht, dass da fehlende Matchpraxis ein Faktor war.

Das ging dann auch ziemlich schnell mit der Matchpraxis. Die zweite Halbzeit sah für mich schon sehr normal aus. Die Wendigkeit von Mittelstädt vor dem zweiten Treffer, der Fintenreichtum von Cunha vor dem dritten, das war guter Fußball. Der Sieg war in dem Maß verdient, in dem im Fußball ein Match oft nach einem Treffer eine Richtung bekommt. Hertha hatte diese Richtung zu diesem Zeitpunkt schon vorgegeben, aber der junge Hoffenheimer Beier hatte auch die Möglichkeit, das zu ändern.

Abends konnte man dann noch gelegentlich lesen, die Herthaner hätten ungebührlich gejubelt. Das ist idiotisch. Die Liga hat sich für diese besondere Situation ein paar besondere Regeln gegeben, einige dienen in erster Linie der Außendarstellung. Ich fände es besser, wenn das anders kommuniziert würde: Der Matchbetrieb versucht, für die restlichen Spieltage einen geschützten Raum zu schaffen, und er tut dies auch in einem öffentlichen Interesse, denn eine ganze Reihe von Teilbereichen der Gesellschaft suchen derzeit nach Formen, ihren Betrieb wieder aufzunehmen. Der Spitzenfußball probiert eben eine aus, die für ihn praktikabel scheint. Wenn ein Trainer auf drei Meter Abstand ein Interview gibt, muss er keine Maske tragen. Denn das müsste er auch im "richtigen" Leben nicht.

Der Neustart fällt in eine Zeit der Nervosität, denn es gibt erste Anzeichen von Alltag, und die meisten spüren doch, wie fragil das alles ist. Gestern habe ich keinen Exzess der Profitsucht, sondern eine Andeutung von Alltag erlebt. Es tat gut.

Geschrieben von marxelinho am 17. Mai 2020.

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16. Mai 2020

Strafraumszenen

Zwei Monate haben wir nun ohne neuen Fußball zugebracht. In dieser merkwürdigen Zeit hat mich kaum etwas mehr bewegt als die Bilder von Fans, die ich gelegentlich bei einem alten Spiel gesehen habe. Ich habe in alles ab und zu hineingeschaut, womit Sky die Leere zu überbrücken versuchte. Ich habe das Champions League Finale von 1997 noch einmal gesehen, bei dem ich besonders deutlich wahrgenommen habe, wieviel sich in meinem Leben seither verändert hat. Ich habe verschiedene Features gesehen, und dabei bemerkt, was ich eh wusste: Fußball interessiert mich nicht in Ausschnitten. Ganze Spiele aber vermögen mich sofort wieder zu fesseln, ich könnte also auch aus der Konserve halbwegs gut leben, sollte einmal keinerlei Aussicht auf aktuellen Spielbetrieb mehr bestehen.

Die Bilder von den Fans gingen mir deswegen so nahe, weil sie für eine Realität stehen, die Ende Februar noch selbstverständlich war, und wir verloren haben. Dass man sich mit wildfremden Menschen abklatscht, weil einer da unten ein Tor geschossen hat, das ist ein schräger Aspekt von Gemeinschaft, wie auch, wenn man mit unbekannten Menschen das Dunkel eines Kinosaals teilt, in dem ein Film unsere Konzentration auf sich zieht. Das eine ist mein Beruf, ich schreibe über solche Erlebnisse, derzeit sind die auch unterbunden.

Eine Mehrheit der Deutschen lehnt die Wiederaufnahme des Spielbetriebs der Bundesliga in der Form von "Geisterspielen" ab, habe ich heute morgen gelesen. Ich zähle nicht zu dieser Mehrheit. Ich meine dahinter einen billigen Reflex zu spüren. Der Fußball muss, wie alle anderen Bereiche der Gesellschaft und der Wirtschaft, eine Lösung finden, wie er weitermachen kann. Es steht ja keineswegs fest, dass zu Beginn einer neuen Saison dann wieder alles wie gehabt sein wird - eher müssen wir vom Gegenteil ausgehen, auch die kommende Spielzeit wird stark beinträchtigt sein.

Es kommt also darauf an, auszuprobieren, was möglich ist. Dass es dabei zuerst einmal vor allem um Fernsehgelder geht, sollte man nicht beanstanden. Ich bin seit 20 Jahren Kunde des Bezahlfernsehens, und trotz allen Ärgers, den Premiere, dann Sky, später auch DAZN uns immer wieder bereiten (und dann auch noch eine Kartellbehörde, der die Fußballfans egal sind), sind die Vorteile doch unbestreitbar: Dass man in Deutschland seit vielen Jahren alle Spiele der ersten beiden Ligen sehen kann, ist ein Luxus, der mit dem Gegenwert von, sagen wir, zwei Packungen Zigaretten pro Monat für meine Begriffe vertretbar abgegolten wird. Und für dieses System in erster Linie beginnt die Liga heute wieder.

Salomon Kalou hat mit seinem Video angeblich die ganze Sache noch einmal in Frage gestellt. Dabei hat er eigentlich in aller Arglosigkeit nichts anderes getan, als einige Widersprüche offen gelegt, die das Konzept der DFL enthält: denn es sind auch taktische Konzessionen an eine fragile Öffentlichkeit, wenn die Clubs in der Quarantäne auf Abstand miteinander essen, und einander nicht die Hand geben dürfen, während sie natürlich heute Nachmittag im Schweiß ihres Angesichts wieder die Fünfmeterräume bevölkern werden, wenn es einen Eckball gibt.

"Die Räume waren sehr groß", hat der neue Hertha-Trainer Bruno Labbadia über ein Testspiel erzählt, bei dem Hertha neulich gegen Hertha gespielt hat. Die Spieler kommen aus einer Wartezeit, in der ihre Gruppenkoordination nicht unbedingt besser geworden sein wird. Ich denke, wir müssen uns auf mäßige Spiele einstellen, vielleicht sogar auf grenzwertige. Vielleicht aber sind wir in einer Woche, wenn Hertha dann gegen Union das Derby spielt. schon ein Stück näher an einer zumindest sportlichen Normalität. Von einer gesellschaftlichen müssen wir vorerst nicht reden.

Geschrieben von marxelinho am 16. Mai 2020.

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von Natalie (am 16. Mai 2020)
Das mit dem Fragmentfußball geht mir ähnlich, sonst versteht man ein Spiel auch gar nicht. Man guckt einen Film ja auch komplett, sonst hat man den Film nicht gesehen, um in Deinem Bild zu bleiben. Mein Szenario kennst Du ein wenig. Jetzt Saisonabbruch, die Geisterspiele als Option um eine neue Saison zu starten. Daß es irgendwann irgendwie weitergehen würde, ist klar. Ich halte es einfach für zu früh. Auch und gerade vor dem gesellschaftlichen Hintergrund und weil es, wie Du richtig sagst, viel zuviel Widersprüche gibt. Da hast Du Kalou richtig eingeordnet, aber er hat zuvorderst sich selbst und uns Herthanern als Spottadresse Nr.1 damit einen Bärendienst erwiesen und gleichzeitig die Schwachstellen offengelegt. Menschen machen Fehler, dürfen sich allerdings keine leisten. Vor allem all jene im Alltag. Daß man bei den Geisterspielen voraussichtlich auf Schauspielerei verzichtet, ist durchaus ein Vorteil, aber es gibt viele Abers auf/ am Rasen: Wenn es doch zu Infektionen kommt, mögliche gesundheitliche Folgeschäden, Verletzungsgefahr, Abstiege/ Aufstiege, Gefälle/ Schere große/ kleine Clubs Kaderstärke noch größer, ggf Druck, der auf Spieler/ Vereine ausgeübt wird, Sonderbehandlung, ggf falsches Signal an Nachahmerstaaten, die größere Probleme mit Corona haben, europäische Ligen, UEFA... Der unverschleierte Blick auf das reine Produkt Fußball tut mir weh, auch, weil ich ganz egoistisch finde, daß Fußball ein Volkssport ist und die Gemeinschaft braucht als Teil seines Wesens. Ich brauche das als Teil meines Wesens.
15. Mai 2020

Wiesenballsport


Ich bin mit einem Bein schon bei den Amateuren, schrieb eine in meinen Kreisen prominente Herthanerin zuletzt gelegentlich. Sie hat für die bevorstehenden Geisterspiele nichts übrig. Zwei Monate lang habe ich diese Seiten einem Ansturm von Werbung für Potenz- und Diätmittel überlassen. Heute habe ich den Spam gelöscht. Ab morgen bin ich wieder dabei. (Für den Hinweis auf das Video: Dank an Valdano.)

Geschrieben von marxelinho am 15. Mai 2020.

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von Valdano (am 15. Mai 2020)
Und Valdano dankt Christian!
von Natalie (am 15. Mai 2020)
Darauf freue ich mich, und das Ringen mit mir selber wird substanziell. Etwas aufgeben zu müssen, das man liebt, ist schwer. Temporär? Muß man das überhaupt, wird man sich sonst untreu, wenn nicht? Das Ritual, die Freunde. Hertha und die Mitgliedschaft wird immer bleiben, aber boykottiere ich, boykottiere ich nicht und halte Papp-Protest hoch? Hertha mit und ohne Windhorst. Ich bin niedergeschlagen. Der Profi-Fußball ist schon lange Kommerz, aber seit Corona sehe ich fast nur noch die Fratze.
08. März 2020

Durchwinken und Abnicken

In diesen merkwürdigen Wochen entdeckt die Mannschaft von Hertha BSC neue Eigenschaften an sich: sie hat nun plötzlich Comeback-Qualitäten. Voraussetzung dafür sind aber natürlich beträchtliche Setback-Qualitäten. Gegen Bremen gab es schon wieder zwei Gegentore gleich zu Beginn, anders als gegen Köln wurden dann aber nicht fünf daraus, sondern ein 2:2, das immerhin im Kampf gegen den Abstieg hilfreich ist, auch wenn der karge Punkt jetzt nicht den großen Sprung in die gemütliche Zone bedeutet.

Gemütlich ist vielleicht auch nicht der richtige Ausdruck für die Einstellung vor allem von Klünter und Stark in den ersten Minuten. Ich würde eher von einer Indifferenz sprechen: Beide fanden eine Einstellung zum Spiel erst, als es schon wieder nach einer Katastrophe roch. Ich halte diese acht Tore, die Hertha zuletzt insgesamt in drei ersten Halbzeiten bekam, für ein Symptom der Gesamtsituation, die Michael Preetz erzeugt hat, indem er Alexander Nouri nach Klinsmanns Abgang weitermachen ließ.

Die Botschaft dieser Entscheidung ist ja deutlich: die Saison ist abgeschrieben, es reicht, wenn mit Gewurstel noch ein paar Punkte hereinkommen, die den Klassenerhalt sichern. Und zu diesem Gewurstel reicht es dann doch noch, weil der Kader ja nicht so schlecht besetzt ist. Gestern waren mit Cunha, Torunarigha, Darida, Mittelstädt und Wolf immerhin fünf Spieler zumindest deutlich bemüht. Energie und Intensität sind nun einmal ein Faktor im Fußball, und gestern hat Hertha zumindest in dieser Hinsicht etwas gezeigt.

Plan und Zusammenspiel sind dann schon eine andere Angelegenheit. Das Remis gegen Bremen hatte eher Aspekte von Anarchie. Cunha ist sowieso schwer in ein System zu bringen, er will das Spiel an seinen rechten Fuß ketten und es damit aufladen. Torunarigha bemerkte gestern irgendwann, dass Positionsspiel gegen die bald wieder verunsicherten Bremer wenig Sinn macht. Er war schon gegen Düsseldorf ein immenser Faktor.

Da aus dem Spiel gestern niemand groß Schlussfolgerungen ziehen muss, sollten die Fans sich eher allmählich überlegen, wie sie sich auf die Mitgliederversammlung im Mai vorbereiten. Denn es spricht einiges davor, es dieses Mal nicht mit Abnicken und Durchwinken bewenden zu lassen. Der Zeitpunkt war nie besser, ein paar grundsätzliche Sachen zu diskutieren.

Geschrieben von marxelinho am 08. März 2020.

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03. März 2020

Kurzer Pass zum langen Abschied

Der Kommentator von DAZN sprach gestern konsequent von einer B-Elf, die Arsenal im FA Cup gegen den FC Portsmouth aufgestellt hatte. Man hätte auch von einem Perspektivteam sprechen können: eine sehr jugendliche Formation gegen einen Drittligisten. Saka, Guendouzi, Martinelli, Willock, Nketiah und Nelson, dazu ein paar erfahrene Herren weiter hinten (Luiz, Sokratis), der neue Innenverteidiger Mari. Lucas Torreira musste früh ausgewechselt werden, für ihn kam Ceballos. Zweimal zog Nelson über rechts das Tempo an, das reichte zu Treffern durch Sokratis und Nketiah.

Es war das erste Spiel nach dem Ausscheiden aus der Europa League am vergangenen Donnerstag, nach einem sehr späten Auswärtstor von Olimpiacos Piräus. Ich habe selten einen so intensiven Moment mit Arsenal erlebt, ein absoluter Thriller von einem Match, mit einem schlimmen Ende. "Arsenal will not recover from this in a decade", habe ich danach getwittert. So fühlte es sich an, so könnte er aber auch durchaus kommen.

Denn der Club befindet sich an einem wegweisenden Punkt. Die Qualifikation für die Champions League ist nun nur noch in der Liga möglich. Der Abstand zu Platz 4 ist gar nicht so groß, acht Punkte bei einem Spiel mehr als Chelsea. Aber Arsenal steckt in einem dichten Pulk, wenn die Saison so weitergeht, kann es ohne weiteres sein, dass nächstes Jahr die Wolverhampton Wanderers in der Königsklasse auflaufen.

2016/2017 war Arsenal zum letzten Mal in diesem Bewerb vertreten, damals war im Achtelfinale Schluss, in zwei Spielen gegen die Bayern, die mit einem Torverhältnis von 2:10 endeten. Arsene Wenger konnte auch danach noch mehr als ein Jahr weitermachen, der Sieg im FA-Cup 2017 übertünchte die bereits deutlichen Defizite.

Für Arsenal hängt vom Ausgang dieser Saison nahezu alles ab. Ein viertes Jahr ohne Champions League würde wahrscheinlich bedeuten, dass der Kader im Sommer geplündert wird: Aubameyang, der Talisman, ist dann 31, sein Vertrag läuft bis 2021. In einer Liste der 100 besten Fußballer, die der Guardian kürzlich veröffentlichte, waren von Arsenal nur zwei Spieler vertreten: Auba und Lacazette (der auf Platz 99). Das sagt eine Menge über den Kader aus. In dieser komplizierten Saison haben sich einige junge Spieler gezeigt: Saka und Martinelli sind am auffälligsten, auch sie wären schwer zu halten, bliebe Arsenal im Niemandsland des Fußballs stecken.

Mikel Arteta hätte dann eine ganz andere Aufgabe als bei Manchester City, wo er an der Seite von Guardiola aus dem Vollen schöpfen konnte und Talente wie Sterling entwickeln half. Er müsste Aufbauarbeit nahezu von ganz unten leisten. Ob er dazu in der Lage ist, kann man bisher noch nicht einschätzen. Er hatte unzweifelhaft einen positiven Effekt auf die Spieler, inzwischen spürt man aber schon wieder regelmäßig das typische Arsenal-Phlegma. Granit Xhaka ist dafür das interessanteste Beispiel: er war mit Arsenal schon am Ende, hatte dann ein heroisches Comeback in einem spektakulären Derby gegen Chelsea, inzwischen ist er weitgehend der Spieler von vorher, spielt seinen Stiefel, gilt nun aber wieder als Stütze.

Aubameyang traf gegen Olimpiacos mit einem Fallrückzieher, es war ein großartiges Tor nicht nur für ihn, es war ein Ensemblekunststück. Umso mehr muss ihn getroffen haben, dass sein Erfolg sechs Minuten später durchgestrichen wurde, weil Arsenal eine Flanke nicht verteidigte. Den vorentscheidenden Fehler machte übrigens Bernd Leno, der einen keineswegs schwierigen Rückpass in einen Corner für Olimpiacos verwandelte. Seinen Stellvertreter Martinez, der gestern spielte, halte ich für keinen genügenden Ersatz. Im Grunde bräuchte Arsenal auch zwei neue Keeper.

Mesut Özil, der am meisten verdient, will bis 2021 bei Arsenal bleiben. Das ist aus seiner Sicht nur vernünftig, denn sportlich wird er es in keine Topmannschaft mehr schaffen, auch wenn sein Spiel zuletzt wieder interessanter wurde. Er bemüht sich, und Arteta schenkt ihm auch Vertrauen. Özil gehört nicht mehr zu den Top 100, aber er hat in guten Momenten immer noch die Ausstrahlung eines Weltstars. Und er spielt unnachahmlich. Im Moment zählt es also zu meinen kargen Freuden als Arsenal-Fan, den langsamen Abschied von Mesut Özil zu beobachten, oder, im Idealfall, das späte Glück.

Arsenal hat jetzt noch elf Spiele in der diesjährigen Premier League. Wenn es Arteta gelingt, das Personal gut auf diese Herausforderung einzustellen und die richtige Mischung aus Erfahrung und Talent zu finden, dann könnte er schon in seinem ersten Jahr bei Arsenal etwas Großes schaffen. Platz 4 wäre im Grunde eine Sensation. Es kann nun aber kein anderes Ziel geben.

Geschrieben von marxelinho am 03. März 2020.

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01. März 2020

Organisierte Praxis

Fußball ist ein einfaches Spiel, das durch das Auftreten einer gegnerischen Mannschaft kompliziert wird. An diesen berühmten Satz musste ich gestern wieder denken, als ich mir das 3:3 zwischen Hertha und Fortuna Düsseldorf (nachträglich) ansah. Nebenbei wollte ich zudem herausfinden, von dem denn diese treffende Bemerkung stammt. Und siehe da, es ist Jean-Paul Sartre: "En fait, dans un match de football, tout se complique du fait de la présence de l'équipe adverse." So steht es in der Kritik der dialektischen Vernunft, im zweiten Teil, der sich mit Gruppen in der Geschichte beschäftigt, und dort wiederum in einer Passage über "Organisierte Praxis und Funktion".

Alles kompliziert sich durch einen Gegner. So ist das normalerweise, aber bei Hertha hat sich in diesem Jahr fast alles ohne einen Gegner kompliziert. Wer nach einem Beispiel für einen Chaosclub sucht, wird beim Big City Club in Berlin fündig. Dabei ist auch hier alles ganz normal: eine Entscheidung folgt auf die andere, jede Entscheidung reagiert auf eine Situation, irgendwann sind es so viele Entscheidungen, dass man sie vielleicht besser einem Zufallsgenerator überlassen würde.

Der arme Alexander Nouri, der zur Zeit Cheftrainer von Hertha BSC ist, weil Michael Preetz nach dem überraschenden Abgang von Jürgen Klinsmann den deutlichen Schnitt vermeiden wollte, der eigentlich unumgänglich war, Nouri trifft also dauernd Entscheidungen. Zum Teil reklamiert er dabei Rückendeckung von Experten (den Torwartwechsel empfahl der Torwarttrainer, hieß es). Zum Teil probiert er halt einfach ein wenig herum: Dilrosun und Lukebakio wieder rein, zur Pause dann wieder raus.

Lukebakio wird das Klinsmann-"Dossier" vermutlich nicht gelesen haben, er spielte aber, als wäre ihm an schlechter Nachrede sehr gelegen. Watford, wo man für ihn keine Verwendung mehr hatte, hat gestern übrigens den FC LIverpool geschlagen. Jürgen Klopp betreut nun wieder eine Mannschaft von "Vincibles". Das ist das Schöne am Fußball in England: er ist voller adverser Equipen.

Düsseldorf hat sich deswegen einen Trainer aus England geholt, die Fortuna hat sich unter Uwe Rösler sofort zu einem Ligaverbleibskandidaten entwickelt, und sich dann am Freitag aber so über das Fehlen eines Gegners gewundert, dass Hertha sich in Halbzeit zwei plötzlich doch noch zu erkennen gab. Mit einer unorthodoxen Taktik, nämlich mit Torunarigha in einer offensiven Rolle (defensiv war ungefähr so wirksam gewesen wie Lukebakio), und mit Cunha an allen Ecken und Enden des Spiels.

Der Anschlusstreffer zum Anschlusstreffer war dann allerdings wieder so ein Späßchen vom Fußballgott, der wenig dafür übrig hat, wie sich das Spiel durch Kompetenz zunehmend in eine organisierte Praxis verwandelt. Er verhöhnt gern beide Mannschaften, in diesem Fall durch ein Eigentor, das der Torschütze wahrscheinlich noch immer nicht begreift. Er sah jedenfall sehr verdutzt aus. Der Fußballgott sieht ja schon länger seine Allmacht durch Systemtrainer bedroht. Insofern könnte man auch sagen, dass bei Hertha, wo noch nie ein System wirklich gegriffen hat, der Fußball noch als Religion betrieben wird. Vorwissenschaftlich, archaisch, abergläubisch (Geld kauft Europa), autoadvers.

PS Auch wenn der wesentliche Teil der aktuellen Probleme auf Entscheidungen zurückzuführen ist, nämlich auf eine Überdosis davon, muss Michael Preetz morgen früh einen Trainer präsentieren, also schon wieder eine Entscheidung treffen: Die Saison geht noch zehn Spiele, in denen vom Abstieg bis zu Platz 7 theoretisch jede Menge möglich ist. Alexander Nouri allerdings kann das nicht, das ist mehr als deutlich. Wir können davon ausgehen, dass es derzeit sehr schwierig ist, einen fähigen Mann für zehn Spiele nach Berlin zu lotsen. Erstens gibt es nicht viele von dieser Sorte, und zweitens ist die Aufgabe maximal unattraktiv. Trotzdem muss Preetz etwas tun. Er ist in einem Entscheidungsdilemma, das er nur auf eine Weise lösen kann: dezisionistisch, also durch entschiedenes Entscheiden.


Geschrieben von marxelinho am 01. März 2020.

1 Kommentare

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von arnfinn (am 02. März 2020)
Habe ich etwas verpasst? Wieso muss Preetz „morgen“ einen Trainer präsentieren? Ich vermute er hofft, dass sich Mannschaft irgendwie in den nächsten drei Spielen ins Ziel rettet, dann kann man die Saison zu Ende wurschteln…