15. Oktober 2019

Die allerkrummsten Beine


Am 24. April 1991 stand es kurz vor dem Ende des Spiels zwischen Roter Stern Belgrad und dem FC Bayern München 1:2. Champions League Halbfinale. "Wäre es beim 1:2 geblieben, hätte es Verlängerung gegeben. Vielleicht hätten die Bayern dann die besseren Beine und Ideen gehabt, um es ins Finale zu schaffen. Vielleicht wäre dann überhaupt alles anders gekommen, der Krieg nicht nach Bosnien, ich nicht zu diesem Text", schreibt Sasa Stanisic in seinem Buch Herkunft, das diese Woche mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde. Er schreibt weiter: "Das 2:2 habe ich nicht gesehen. Zu diesem Zeitpunkt - es lief die 90. Minute - standen alle, das ganze Stadion stand, vielleicht stand sogar das ganze Land ein letztes Mal gemeinsam hinter einer Sache." Das Land hieß Jugoslawien. Sasa Stanisic war damals 13 Jahre alt. Er hätte gern die krummsten Beine des Universums gehabt, krumm wie die von Darko Pancev, genannt Kobra.

Geschrieben von marxelinho am 15. Oktober 2019.

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05. Oktober 2019

Zweidrittelgesellschaft

Na also! Gestern Abend blieb Hertha nichts mehr anderes übrig, als ein Spiel zu machen. Sich gegen Fortuna Düsseldorf hinten reinzustellen und abzuwarten, das hätte bedeutet, dass der Schiedsrichter den Ball zwischen beiden Teams hin und her hätte tragen müssen, die ihn beide nicht wollten. Hertha aber wollte den Ball, hatte ihn auch oft, und machte etwas damit.

Sieht man von einer kleinen Verschnaufpause Mitte der ersten Halbzeit ab, in der die Fortuna dann auch gleich und sehr gegen die Tendenz des Spiels in Führung ging, hatte Hertha alles im Griff. Die drei Tore waren Resultat größerer Beweglichkeit, es gab ein initiativeres Flügelspiel, und es gab Vedad Ibisevic im Strafraum.

Ante Covic ist ja immer noch dabei, den Kader kennenzulernen. Das geht nun einmal nur unter Wettkampfbedingungen. Zwar hatte er Darida auch schon im Sommer wieder als potentiellen Stammspieler entdeckt, aber erst jetzt passt er so richtig in die Formation, da hinten Skjelbred absichert. Duda zahlt drauf.

Dilrosun, von vielen Blauweißen inzwischen Skillrosun genannt, hat auf der rechten Seite bei Wolf eine Reaktion bewirkt - der Neuzugang packte gestern auch den einen oder anderen Trick aus, brachte dann zwar nicht alle Bälle ideal an den Mitspieler, aber doch mehr als nur die eine Flanke, die es Ibisevic ermöglichte, den Rückstand rasch zu egalisieren.

Wolf zieht auch gern nach innen, wodurch sich für das Laufwunder Darida Räume auf dem Flügel öffnen - zum Beispiel bei der Flanke, bei der Dilrosun im Stafraum auftauchte: 2:1 noch vor der Pause.

Die Fortuna ist in diesem Jahr bisher deutlich von den Leistungen des Vorjahrs entfernt. Wir dürfen dabei allerdings nicht vergessen, dass es 2018/19 ausgerechnet Hertha war, die Funkels Elf erst belebte. Dieses Mal kam das Spiel früher, und es war ein Heimspiel, und es wurde eine klare Sache. Hertha hat sich den Erfolg auch erlaufen: Deutlich größere Beweglichkeit als so oft in den letzten Monaten war einer der Schlüssel zum Erfolg.

Nun kann man sich das Wochenende gelassen anschauen, aus einer Position ganz am Ende des dichten Pulks, der dieses Jahr die obere Tabellenhälfte ausmacht. Ob Hertha sich da inmitten aller dieser nahezu gleichwertigen Mannschaften längerfristig einreihen und vielleicht sogar noch ein paar Plätze gutmachen kann, ist natürlich ungewiss. Aber es gibt doch leise Anzeichen, dass die drei Siege zuletzt das Selbstverständnis in die richtige Richtung verändert haben: die Niederlage in Mainz hatte ja vor allem damit zu tun, dass Hertha dort wie ein Außenseiter aufgetreten war.

Nun hat die Mannschaft erste Erfahrungen mit dem Fußball gemacht, von dem Covic im Sommer sprach. Fortuna kam da gerade recht, vor allem in Halbzeit zwei hatte das manchmal schon den Charakter eines Trainingsspiels. Die Gegner der kommenden Wochen sind genau richtig, um die Einordnung weiter zu präzisieren: Bremen und Hoffenheim teilen mit Hertha augenblicklich die Rolle, beide sehen sich auch weiter oben, aber weiter oben ist es ungeheuer dicht: die erweiterte Tabellenspitze geht in diesem Jahr bis Platz 11 oder 12. Die Liga ist eine Zweidrittelgesellschaft. Und in dieser Konkurrenz kommt es sehr darauf an, dass Spiele gegen die wenigen verbliebenen Außenseiter gewonnen werden. Hertha hat gestern einen dieser "Pflichtsiege" geschafft. Das ist für die hiesigen Verhältnisse mehr, als man meinen würde.

Und wenn man dann noch in Rechung stellt, dass die drei Niederlagen zu Saisonbeginn auf klassischen Findungsproblemen beruhten (Defensivformation gegen Wolfsburg, Taktik gegen Schalke und Mainz), kann man die drei Siege seither durchaus als Schritte in die Richtung sehen, die über die Selbstbehinderung unter Pal Dardai vielleicht allmählich hinausführen könnte. Das war ja der Anspruch an Ante Covic. Sein erste "Krise" hat er jedenfalls bestanden.

Geschrieben von marxelinho am 05. Oktober 2019.

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01. Oktober 2019

Doktorarbeit

Achim Beierlorzer wollte nach dem 4:0 von Hertha am Sonntag in Köln wissen, wer da das Drehbuch geschrieben hat. Wie immer im Fußball handelt es sich um ein Werk ohne Autor, zu dem jedoch viele Ärzte beigetragen haben. So ist das ja auch im Kino manchmal: damit ein Drehbuch wirklich gut wird, muss manchmal darum herumgedoktort werden.

Ante Covic hatte da auch die eine oder andere Idee im Köfferchen. Er hatte Darida statt Duda auf die 10 gestellt. Und er brachte den Vedator zu einem Zeitpunkt, als es galt, eine Entscheidung herbeizuführen.

Man muss wie immer Vorsicht walten lassen. Es hätte nämlich auch alles ganz anders laufen können. Hertha begann wie üblich passiv. Dieses Mal dauerte diese Phase aber nur etwa eine Viertelstunde, danach begann die Mannschaft vorsichtig, sich ein wenig von dem Spiel anzueignen. Dem Führungstreffer durch Dilrosun (Weitschuss, Spanndrall, verblüffende Flugbahn jedenfalls für Horn) ging Ballbesitz in der gegnerischen Hälfte voraus, konkret ein Pass durch Darida, der damit zum Spielgestalter wurde.

Darida war es auch, der wenig später einen haarigen Ball so erwischte, dass Merés Bewegung (ebenfalls an diesem Ball interessiert) zu einem dramatisch wirkenden Foul wurde. Eine rote Karte nach Intervention des VAR war die Folge.

In Halbzeit zwei gab es noch einmal eine kleine Andeutung von blauweißer Passivität, die Räume erwiesen sich aber als zu groß, als dass Hertha da nicht hineingehen hätte müssen. Und der Trainer brachte Ibisevic, der sich spektakulär einführte: ein mustergültiger Laufweg im Strafraum brachte ihn an das Ende einer Hereingabe von Klünter, der es an die Grundlinie geschafft hatte (wo Hertha in diesem Jahr noch selten war). Da war Selke gerade erst ausgewechselt worden.

Für den designierten Nachfolger von Ibisevic war es damit ein frustrierender Abend, denn er hatte sich aufgerieben, während der Joker gleich noch ein zweites Tor machte, also eine der Geschichten des Abends schrieb. Wir können gespannt sein, welche Folgerungen Covic aus dieser Sequenz (Selke startet, Ibisevic macht als Joker die Tore) zieht. Es muss ja nicht naheliegender Weise heißen, dass der Kapitän deswegen gegen Düsseldorf wieder in die Startelf kommt. Viele Fans werden es sich aber wünschen.

Immerhin gibt es nach dem zweiten Sieg in Folge erste Indizien dafür, dass Covic ein Team findet. Boyata und Stark spielen sich ein. Skjelbred gibt im Zentrum Sicherheit, wobei seine spieleröffnenden Versuche von der Liberoposition aus nicht der Weisheit letzter Schluss waren. Grujic hat immer noch so ein bisschen ein Beteiligungsproblem, oder man könnte auch sagen: ein Abwägungsproblem, wie weit er sein offensichtliches Eleganzbedürfnis den schmutzigen (und beschleunigenden) Aspekten des Spiels opfern will.

Dilrosun ist endlich wieder dort, wo wir ihn vor einem Jahr schon hingejubelt haben: er macht Unterschiede in einer Mannschaft, die genau das am wenigsten gewöhnt ist - einen Unterschied machen zu wollen.

Die Reihenfolge der Gegner bringt nun bis zum Spiel gegen den BVB lauter Herausforderungen, die gerade deswegen so tückisch sind, weil man drei Punkte in allen Fällen als Ziel ausgeben könnte - auch auswärts in Bremen, zum Beispiel. Man muss halt in jedem Fall den Drehbuchdoktor auf seine Seite bringen. Mit Abwarten geht das selten. Aber fürs Erste ist Hertha ja nun aus der gröbsten Passivität heraußen.

Geschrieben von marxelinho am 01. Oktober 2019.

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22. September 2019

Draußenseitertaktik

Ante Covic hat es nicht leicht. Er wird an verschiedenen Faktoren gemessen. Erstens soll es mit ihm besser werden als mit Pal Dardai, und mit Pal Dardai war es ja nicht ganz schlecht, jedenfalls nicht nach den Maßstäben von 2009 oder 2011. Hertha war unter Pal nie in Abstiegsgefahr. Seine kleine Ära wird jetzt von nicht wenigen Fans schon ein wenig verklärt.

Zweitens wird Covic an Aussagen gemessen, die er im Sommer gemacht hat. Er hat da einen gestaltenden, initiativen Fußball versprochen (ich übersetze das jetzt ein wenig), einen Fußball, wie Hertha ihn übrigens vor einem Jahr, unter Pal Dardai, eine Weile gespielt hat, bevor er einer seltsamen Apathie wich. Gestern hatte Hertha gegen Paderborn ein gutes Drittel des Ballbesitzes, und war nur in kurzen Phasen die bessere Mannschaft.

Drittens wird Covic an den Tennor-Millionen gemessen, wobei dieser Faktor bisher nicht allzu stark ins Gewicht fällt. In Berlin herrscht bei Hertha weiterhin ein leicht provinzieller Alltag, nur jetzt eben mit dem Unterschied, dass dabei Dodi Lukebakio auf der Bank saß.

Alle drei Messungen sehen derzeit für Ante Covic nicht gut aus. Daran ändert der gestrige 2:1-Heimsieg gegen Paderborn nur wenig. In der Form und mit der Einstellung von gestern wäre zu befürchten, dass das der einzige Sieg in der Hinrunde bleibt. Auf eine Einzelleistung von Dilrosun, die den frühen Führungstreffer brachte, reagierte das Team mit kollektiv reduziertem Engagement, und der Trainer gab dann in der Pause auch gleich noch ein Auswechselsignal: Darida für Duda, das heißt in der (gewiss eindimensionalen) Übersetzung: Wir wollen das Einsnull halten.

Später bekräftigte Covic dieses Signal durch Mittelstädt, da stand es 2:1, nach einem neuerlichen Beitrag von Dilrosun, den Wolf verwertete. Damit standen die Zeichen auf Sieg, und das Team antwortete mit reduzierter Konzentration: Plattenhardt und Stark schenkten Paderborn den Anschlusstreffer.

In der Nachspielzeit gab es noch eine Kopfballchance auf den Ausgleich, die nicht genützt wurde. Das ergab in Summe einen glücklichen Sieg, der halt kein Glücksgefühl auslösen kann. Zu deutlich war, wie fragil das Team ist, wie wenig Autorität es ausstrahlt, wie dürftig die taktische Steuerung ist. Man muss ja nicht gleich von Pressing, gar Offensivpressing sprechen. Aber schon beim Zustellen in der gegnerischen Hälfte lässt Hertha vieles aus, was selbst oder gerade "schwächere" Mannschaften perfekt umsetzen.

Hertha stand gestern in der Regel sehr tief, spielte also gegen einen Außenseiter - wie steigert man Außenseiter: vielleicht wie ein Draußenseiter. So nimmt man sich nämlich aus dem Spiel. Immerhin sind nun die Erwartungen gegen Köln so niedrig, dass man dort auch etwas mutiger auftreten könnte. Die Zweifel sind allerdings schon groß, dass Ante Covic mit dieser Mannschaft noch einmal aus der Zaghaftigkeit herausfinden wird, die gestern herrschte.

Personalien: Covic sollte allmählich einen Kern für eine Stammelf finden. Boyata kommt dafür in Frage, Grujic natürlich, Selke würde ich weiterhin Ibisevic vorziehen, Dilrosun versteht sich von selbst, Maier wird dringend erwartet. Klünter und Wolf waren gestern in der ersten Halbzeit indiskutabel, vor allem, wenn man weiß, dass sie (zu zweit) Lazaro ersetzen sollen. Lukebakio wird wohl gegen Köln zurückkommen. Plattenhardt hatte vor vielen Jahren eine gute Saison, seither hat er es sich bequem gemacht. Mittelstädt sollte auf diese Position zurückkehren.

Geschrieben von marxelinho am 22. September 2019.

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von Jörg (am 22. September 2019)
Das waren drei wichtige Punkte, und es war früher schon des Öfteren so, dass die Mannschaft total verkrampfte, wenn es um wichtige Punkte ging. Gestern nicht, sie war im Vorfeld gut eingestellt. Eine Zeit lang empfand ich die Mannschaft gegen Paderborn auch durchaus als kompakt und im Vergleich zu den vorigen Spielen gut zusammenspielend. In den Spielen vorher gab es mehr als einmal Situationen, in denen Spieler nicht instinktiv genug zu wissen schienen, was sie tun sollen, in denen vor jeder Aktion ein kleines Zögern sichtbar schien, vielleicht weil sie das Konzept von Covic noch nicht verinnerlicht hatten. Ein gute taktische Maßnahme von Covic war zudem ein Flügelwechsel von Dilrosun und Wolf. Aber abgesehen davon, dass er Hertha-Urgestein ist und nett wirkt, ist Covic bisher nicht überzeugend, weder in der Fitness der Mannschaft, noch in den Aufstellungen, noch in der taktischen Spielvorgabe (so weit ich sie sehen kann), noch in den Auswechslungen oder in den Einflussnahmen während eines Spiels. Höchstens in der psychischen Einstellung der Mannschaft, sie verkrampft eben nicht. Am schmerzhaftesten war gestern, dass Paderborn sich mehrfach durchs defensive Mittelfeld hindurch mit drei, vier Doppelpässen in den Strafraum hinein kombinieren konnte. Dass Maier sich erneut verletzt hat ist extrem schade. Aber auch im Angriff lief wieder nicht viel zusammen, Selke läuft nicht gut, passt nicht gut und schießt eben keine Tore.
15. September 2019

Schlechte Erfahrungswerte

Sandro Schwarz hat gestern nach dem 2:1 von Mainz 05 gegen Hertha BSC ein paar einfache Worte gefunden: "Wir haben ein umkämpftes Spiel auf unsere Seite gezogen. Damit haben wir einen Erfahrungswert geschaffen." Zum Ergebnis zählt auch, dass Hertha nun - nach vier Spieltagen - am Ende der Tabelle steht. Wichtiger ist aber vielleicht: die Mannschaft hat einen Erfahrungswert bestätigt.

Und dieser reicht tief in die Ära von Pal Dardai zurück. Er besteht im wesentlichen darin, dass mit einer abwartenden ersten Halbzeit eine Grundlage dafür geschaffen wird, dass am Ende schon ein Remis irgendwie als Erfolg wirken kann. Und eine Niederlage wie die gestern immerhin als unglücklich erscheinen mag.

Sie war aber programmiert. Denn nach den zwei Niederlagen, die auf das Remis in München folgten, stellte Ante Covic die Mannschaft gegen die davor erfolgloseste Mannschaft in der neuen Saison so ein, als müsste sie sich mit einer Außenseitertaktik zum Erfolg mogeln. Auf den ersten Blick mag das ja plausibel sein: Mainz den Ball überlassen, eine Mannschaft, die auch unter Druck steht, spielen lassen, um ihr durch Konter die Luft auszulassen. Es hätte natürlich aufgehen können, aber wir kennen diesen Matchplan aus den letzten fünf Jahren zur Genüge, und er ging, zumal gegen vermeintlich schwächere Gegner, sehr häufig nicht auf.

Jordan Torunarigha ließ sich kurz vor der Pause aus der Fünferkette locken, verlor einen Kopfball, und damit kam Mainz zu einem Spielzug, den Marius Wolf auf der anderen Seite milde interessiert beobachtete. Dass er längst dessen Teil war, fiel ihm dann im Interview nach dem Spiel immerhin auf, wenn auch eher eindimensional: "Klar, das war mein Mann." Das träfe zu, wenn Fußball aus Paarlaufen bestünde. Er hätte besser von einem auch bei ihm feststellbaren umfassenderen Mangel an Konzentration gesprochen.

Der hat aber wohl mit der abwartenden Einstellung zu tun. Bei einer Fünferkette gibt es ja tendenziell eine defensive Überzahl, aus der man sich gelegentlich auch geistig abmelden kann, ohne dass es groß auffällt. Bis dann eben ein Tor fällt. Mainz hatte schon davor gefährliche Möglichkeiten.

Die Rhetorik, dass Hertha die besseren Chancen hatte, wäre also zu relativieren. Der Coach brauchte in der zweiten Halbzeit lang, um endlich auf eine naheliegende Alternative zu kommen: Mehr Ballbesitz verstand sich von selbst, zu einer gelungenen Vielfalt brauchte es aber Wege über die Flügel. Covic wollte aber hinten sehr lange keinen opfern, und brachte zuerst Kalou (wirkungslos) und zu spät Dilrosun (Flanke auf Grujic zum Ausgleich).

Covic überrascht mich bei den Interviews immer wieder mit einem interessanten Blick auf das Spiel. Er scheint manche Probleme durchaus richtig zu sehen, so wies er ausdrücklich auf die Szene vor dem schließlich entscheidenden Eckball hin, in der auch ich eine Schläfrigkeit von Plattenhardt beanstanden würde - das würde ich mir aber gern noch einmal philologisch ansehen.

Der Coach hat nun aber schon beträchtliche Schwierigkeiten, aus dem großen Kader etwas herauszuholen. Gestern war die Formation für meine Begriffe von Beginn an verkehrt, auch deswegen, weil Plattenhardt und Wolf nicht die Fußballer sind, die mit der Doppelrolle, die sie in der Fünferkette spielen müssen, zurechtkommen. Ein 4-4-2 oder noch besser ein 4-2-3-1 mit mehr Initiative von Beginn an und mit Selke in der Mitte wäre viel angemessener gewesen.

Niklas Stark ist zwar Nationalspieler, seine Form ist aber durchaus dazu angetan, ihn neben Rekik auf die Bank zu setzen. Boyata hatte zumindest einige Andeutungen von Autorität und auch Ansätze in der Spieleröffnung. Für ein vertikaleres Spiel fehlen aber auch deswegen die Möglichkeiten, weil Hertha hartnäckig wenig läuft. Auch das setzt sich seit Pal Dardai bruchlos fort. Und Ante Covic, der sich eigentlich von seinem verdienstvollen, aber schließlich zu limitierten Vorgänger absetzen wollte, beginnt, dessen Mittel zu kopieren.

Damit hat Hertha schon nach vier Spielen eine seltsame Trainerdiskussion: nicht wenige meinen, mit Dardai wäre alles besser geblieben. Das ist Unsinn. Hertha musste etwas Neues probieren, aber Ante Covic hat gestern das eine Spiel, das er vielleicht nur für einen Beweis von Eigenständigkeit und Innovation hatte, für eine schlechte Übung in Herkömmlichkeit genützt. Also nicht genützt.

PS Der teuerste Neuzugang, Dodi Lukebakio, stellt uns alle vor ein Rätsel: Was soll man mit ihm tun? Zwei Spiele hat er nun eine Ballbehandlung gezeigt, die ihn als Zielspieler unbrauchbar macht. Zudem ist unklar, ob er für einen kombinierenden Fußball wirklich geeignet ist. Es wäre eine traurige Ironie, wenn der für meine Begriffe gute Kaderplaner Michael Preetz mit den ersten zwanzig von den schäbigen Tennor-Millionen einen Fehleinkauf getätigt hätte.

Geschrieben von marxelinho am 15. September 2019.

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01. September 2019

Wandernemesis

Gestern Abend nach der Niederlage von Hertha in Gelsenkirchen und dem Sieg von Union gegen den BVB (für Schalke quasi auch noch ein indirekter Derbyerfolg) dämmerte mir für einen Moment, dass diese Saison auch das Potential für eine riesengroße Blamage enthält: Nicht auszudenken (aber es gehört nun einmal zu unserem Verhältnis zur Zukunft, uns auch solche Sachen auszudenken), wenn Hertha am Ende hinter Union stünde, oder (wenn schon, dann den haarsträubenden Gedanken auch zum fatalen Ende denken) wenn Hertha gar den Platz des vermeintlichen Fixabsteigers aus Köpenick einnehmen würde.

So weit sind wir natürlich noch lange nicht, und es besteht noch nicht einmal Grund, eine Trainerdebatte auszurufen - obwohl man auch da gestern das Gefühl haben konnte, dass es mit Ante Covic unter Umständen ganz schnell gehen könnte. Die morbiden Gedankenspiele hatten im wesentlichen ein Motiv: Dodi Lukebakio, den teuersten Neuzugang, den es bei Hertha jemals gab.

Im Vorjahr spielte er bei Fortuna Düsseldorf unter Friedhelm Funkel. Zweimal ließ Hertha sich von Funkel blamieren, stand schließlich in der Tabelle hinter dem designierten Absteiger aus Düsseldorf, und sah zweimal dämlich aus gegen einen Coach, der vor Jahren hilflos für Hertha eine Abstiegssaison mit Europacupreisen abmoderiert hatte.

Womit wir beim Spiel gegen Schalke gestern wären. Hertha verlor verdient (und peinlich) mit 0:3. Und zwar, ich spitze zu, weil Ante Covic sich von dem Königstransfer Lukebakio dazu verführen ließ, mit einer Funkel-Taktik anzutreten. Eigentlich hatte er ja den ganzen Sommer hindurch erzählt, dass er an einer anderen Hertha arbeitete: einer Ballbesitzmannschaft, die ein Spiel gestalten kann.

Nirgendwo sonst wäre ein solches Vorgehen näher gelegen als auf Schalke - bei einer Mannschaft, die seit gefühlten Ewigkeiten daheim nicht gewonnen hatte. Aber Hertha wollte lieber den kleinen Upset von München neulich wiederholen - gegen eine Mannschaft, die dadurch erst stark wurde. Schalke bekam mit jeder Minute mehr vom Ball, fand Gefallen an einer zu diesem Zeitpunkt noch wirkungslosen Dominanz, während Lukebakio ab und zu mit Bällen gefüttert wurde, die ihm nicht schmeckten.

Dass Herthas Defensive einen Hang ins Kabarettistische hat, wissen wir schon lange. Gestern fielen die beiden entscheidenden Tore kurz vor und kurz nach der Pause - im ersten Fall war es ein Kumulationseffekt: Hertha hatte Schalke solange das Spiel überlassen, bis der Gegner keine andere Möglichkeit mehr sah, als es zu übernehmen. Den entscheidenden Fuß hatte dabei wieder einmal Caligiuri im Spiel, die alte Wander-Nemesis.

Das vorentscheidende zweite dann gleich nach der Pause hatte zwei Facetten. Erstens eine jämmerliche Flanke von Marvin Plattenhardt (eine von zahlreichen unzureichenden "Hereingaben", beginnend mit einem grotesken Eckball von Lukebakio, aber auch Mittelstädt bekam in den Trinkpausen sicher kein Zielwasser). Zweitens einen weit aufgerückten Niklas Stark, der eine Art Parodie des Zweikampfs zeigte, mit dem David Luiz vor einer Woche in Liverpool sich gegen Mo Salah lächerlich machte.

Das war dann ein Faktor Naivität nach einer Halbzeit mit einer halb aufgegangenen halbgaren Taktik. Hertha kennt sich ja damit aus, erste Halbzeiten herzuschenken, und Comebacks kennt sie allenfalls aus den Rocky-Filmen. Verloren wurde das Spiel gestern letztendlich im Mittelfeld. Die Laufwege von Marco Grujic hatten etwas von einem Oberschiedsrichter, der immer nach der besten Beobachterposition am Rande des Getümmels sucht. Darida ist emsig, aber ist er ein guter Fußballer? Arne Maier ist jedenfalls ein besserer. Er fehlt sehr.

In zwei Wochen beginnnt die Saison zum zweiten Mal - für Hertha mit einem Kellerduell gegen Mainz. Wenn dort wieder alles auf den gestern fußtauben Ballmagneten am rechten Flügel ausgerichtet wird, werde ich mich schon mal diskret nach der Nummer von Otto Rehhagel umhören.

Geschrieben von marxelinho am 01. September 2019.

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26. August 2019

Die Macht der Gefühle

"Man hat sich das anders vorgestellt." Hertha BSC hat gestern das erste Heimspiel der Saison gegen den VfL Wolfsburg mit 0:3 verloren. Und Ante Covic hat in der ganz kurzen Pressekonferenz nach dem Spiel genau die richtigen Worte gefunden. Er sprach von Balance und von Gefühlswelten.

Er hätte auch sagen können: Gefühlswalten. Das Spiel hatte einen hektischen Beginn mit zwei Elfmeterszenen in den ersten zehn Minuten. Der erste, für Hertha, wurde zurückgenommen, der zweite, für Wolfsburg, wurde nicht überprüft, und wurde ausgeführt. In beiden Fällen gibt es bei ruhiger Betrachtung keine Einwände.

Ins Stadion allerdings gehen die Wenigsten wegen ruhiger Betrachtung. Das Publikum war aufgebracht. Zudem stand Schiedsrichter Winkmann nach der ersten Szene ungewöhnlich lange an der Seitenlinie. Ungewöhnlich nicht zuletzt angesichts einer Szene, die doch rasch zu durchschauen war. Fast schon hatte man das Gefühl, er genieße das Pfeifkonzert.

Weil es ein heißer Sonntag war, gab es zwei Trinkpausen, damit ein Match, das aus vier Vierteln statt aus zwei Halbzeiten bestand. In der ersten Trinkpause war Vedad Ibisevic dabei zu sehen, wie er immer noch mit dem Linienrichter über die Szene mit Karim Rekik diskutierte. Er war da wohl noch in der Gefühlswelt eines, der sich verschaukelt fühlte. Ob diese Ablenkung in der zweiten Halbzeit auch noch eine Rolle spielte, als er nach einem schönen Pass von Grujic die beste Szene in einem da schon deutlich festgefahrenen Spiel hatte, ist naturwissenschaftlich nicht zu eruieren. Ich unterstelle es einfach einmal.

Ibisevic blieb bis zum Ende auf dem Platz, Selke und Redan kamen noch hinzu, da war die Balance dann natürlich weg. Aber auch da wäre es für den ebenfalls eingewechselten Löwen durchaus möglich gewesen, den defensiven Zweikampf, der sich zwischen Stark und Brekalo abzeichnete, auch auf sich zu beziehen, und mit einem Sprint die Balance in dieser heiklen Szene zu verändern. Löwen hätte ohne Weiteres die Innenseite für Brekalo zulaufen können, eine Andeutung hätte wohl genügt, und Stark wäre von dem Dilemma erlöst gewesen, das ihn allein hilflos aussehen ließ.

Hertha lief keine 111 Kilometer gestern, fünf Kilometer weniger als Wolfsburg, die nach dem frühen Führungstreffer natürlich in erster Linie zuliefen. Der Matchplan von Oliver Glasner sah wohl ungefähr so aus, wie er dann aufging. Glasner kam vom LASK in die Bundesliga. Er war vermutlich die interessanteste (preisgünstige) neue Trainer-Aktie in dieser Bundesliga-Saison. Zumindest die ersten beiden Spiele scheinen das zu bestätigen.

Die paar Meter intensives Laufen, die Löwen vor dem 0:2 nicht für notwendig hielt, sparte sich auch Karim Rekik vor dem vorentscheidenden 0:1. Er machte lieber den Logenbesucher, der interessiert einen Zweikampf von Niklas Stark verfolgte, mal eben noch ohne den Gedanken, er könnte von dessen Ausgang betroffen sein. Gegen Klaus kam er folgerichtig deutlich zu spät.

Den Zuschauern im Olympiastadion könnte auch danach in Halbzeit eins noch das eine oder andere Scheunentor aufgefallen sein, das die Hertha-Defensive weit öffnete - Wolfsburg stand mehrmals mit drei oder vier Offensiven gegen die ungeordneten Zwei von Herthas hoch aufgerückter Innenverteidigung. Das waren Momente fehlender Balance.

Hertha verlor das Spiel aber wohl doch in erster Linie, weil die Gefühlswelten übermächtig waren. Die Mannschaft ließ sich frustrieren. Von Lukebakio kamen haarsträubende Hereingaben. Der Coach wurde auch ungeduldig und sorgte für Personalfülle im Zentrum. Das Publikum führte ein Privatduell mit Wolfsburgs Keeper um jede Sekunde beim Abstoß, und sorgte damit ebenfalls für Unruhe. Das ganze Oly war eine Gefühlswelt, aus der allmählich die Spielfreude entwich, und nach neunzig Minuten war Hertha BSC in der neuen Saison - in deren Alltag, der in München noch nicht begonnen hatte - angekommen.


Geschrieben von marxelinho am 26. August 2019.

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25. August 2019

Klare Sache

Das Spiel kam ein bisschen zu früh für Arsenal - das war verschiedentlich zu lesen nach dem 1:3 im Auswärtsspiel gegen den FC Liverpool gestern. Dritte Runde der Premier League, für viele Arsenal-Fans auch dritte Runde einer neuen Zeitrechnung. Denn der Transfersommer hatte manche ein wenig euphorisch werden lassen. Gegen die Mannschaft von Jürgen Klopp gab es auch das eine oder andere Hoffnungszeichen. Aber insgesamt war die Sache klar.

Im zweiten Jahr unter Unai Emery ist Arsenal von seiner einstigen Identität in Spitzenspielen doch ziemlich weit entfernt. Es hatte phasenweise groteske Züge, wie stark Liverpool zupacken konnte. Teilweise war das fast schon Grundlinienpressing. Der junge Spanier Dani Ceballos, für ein Jahr von Real Madrid ausgeliehen, wurde im Grunde an der Cornerfahne von ein paar Roten gestellt, und spielte in der Not einen Querpass auf den eigenen Elferpunkt, wo Mané nicht scharf genug verwertete.

Bis zu einem gewissen Grad war das extrem hohe Pressing von Liverpool aber auch durch die Taktik von Arsenal gewollt. Emery hatte nominell ein 4-3-3 gewählt, de facto war es ein 5-3-2, weil Guendouzi hinten rechts häufig neben Maitland-Niles gebunden war. Wie der Ball vom eigenen Sechzehner zu den (notabene: schnellen) Spitzen Aubameyang und Pepe kommen konnte, das wurde zwar ein paar Mal vorexerziert. Zu einem Tor reichte es aber nicht.

Kurz vor der Pause traf Matip nach einem Corner per Kopf. Es war eine Strafraumszene, die man gern in Superzeitlupe aus allen Winkeln studieren würde, denn es zeigte perfekt, wie sehr es bei Eckbällen auf Zentimeter ankommt - sowohl in Sachen "delivery", als auch beim Springen und Ringen. Das sind dann wirklich Durchsetzungsszenen, und Liverpool hat mit van Dijk da jemanden, der für Matip auch Raum schafft.

Die entscheidenden Gegentore nach der Pause gehörten David Luiz, neu verpflichtet von Chelsea. Besonders das dritte war für einen erfahrenen Profi eine Blamage, denn sich so nahe an der Mittellinie ohne Rückversicherung so unbedacht in einen Zweilkampf mit Mo Salah zu werfen, zeugt von wenig Verstand.

Dabei war Luiz ja ein entscheidendes Puzzlestück bei den Sommer-Bewegungen. Denn wenn man die Zugänge auf einen Nenner bringen wollte, wird deutlich, dass genau das taktisch Profil von gestern dabei im Hintergrund stand: Arsenal verzichtet auf das Spiel, will nur seine schnelle Frontlinie in gute Positionen bringen. Dafür steht auch Kieran Tierney (noch verletzt, aber so etwas wie ein Kolasinac mit besserem letzten Pass), dafür steht natürlich Rekordtransfer Pepe (gestern mit einer Großchance, bei der er einen anderen Spielverlauf in den Beinen hatte).

Mesut Özil spielt in diesen Plänen derzeit wieder einmal keine Rolle. Er war gestern nicht im Kader. Es sieht danach aus, dass Arsenal ihm deutlich zu verstehen gibt, sich mit dem Kontakt nach Washington seriös zu beschäftigen. Mit Ceballos steht sein Vertreter für diese Saison bereit, der junge Joseph Willock deutete gestern an, dass er ein neuer Ramsey werden könnte.

Bleibt die Frage der defensiven Stabilität. Mit der gestrigen Taktik hat Arsenal immerhin eine Waffe von Liverpool ausgeschaltet: hohe Bälle hinter die letzte Linie waren zuletzt oft gefährlich gewesen, das ging dieses Mal nicht, dazu stand Arsenal zu tief, erst nach dem 0:2 gab es Räume für Salah.

Für meine Begriffe fehlte Arsenal gestern auch ein Leader: Sokratis ist dafür zu einfältig, David Luiz fremdelte sichtlich, und Xhaka, der neue Kapitän, machte sich erst bemerkbar, als es schon 0:3 stand. Klopp hat viel Geld in eine absolute Säule investiert, und neben van Dijk wird nun auch Matip besser, dazu kommt mit Fabinho eine Reihe davor gleich eine weitere Säule. Bei Arsenal fehlt die Staffelung in der Mannschaft. Xhaka hätte da eine große Aufgabe, ich fürchte, auch ihm fehlt da etwas Entscheidendes: als Arsenal-Kapitän halte ich ihn für eine Notlösung. Es hat etwas Beunruhigendes, wie lange er diesen neuralgischen Posten jetzt schon mit genau der Qualität besetzt, die ihn immer wieder vor einem Austausch bewahrt, die aber doch im entscheidendem Bereich mangelhaft ist. Eine Art Niko Kovac (Spieler) auf etwas höherem Niveau.

Nächste Woche geht es jetzt gleich zu Tottenham. Das wird sicher ein offeneres Spiel. Das Rückspiel gegen Liverpool findet dann erst im Mai 2020 statt - in England ist der Spielplan auch ein Spektakel.

Geschrieben von marxelinho am 25. August 2019.

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17. August 2019

Emotionale Erkenntnisse

Dreimal habe ich Hertha jetzt schon in der Allianz-Arena in München gesehen. Gestern Abend war mit Abstand das beste dieser drei Erlebnisse. Mit dem Spiel und dem Ergebnis hat das nur bedingt zu tun, dazu war der Stadion-Effekt einfach zu stark. Für eine konzentrierte Wahrnehmung waren die Bedingungen nicht ideal. Dafür hatte ich eine Fan-Erfahrung par excellence: hoch oben am Rand des Hertha-Blocks, ein Bad in blauweißer Energie, und mit diesem Taktikblick, bei dem das Spiel auf dich zukommt oder sich von dir entfernt.

Beim ersten Mal vor vielen Jahren waren wir eine Stunde lang in der prallen Sonne gesessen und bekamen vom Spiel fast nichts mit. Beim zweiten Mal war ich allein an einem bitterkalten Winternachmittag und sah eine chancenlose Hertha. Gestern erst erlebte ich, was dieses Stadion kann: eine Komprimierung von Leidenschaft, die umso stärker ist, je höher oben man sitzt.

Natürlich habe ich vom Spiel dann doch eine Menge mitbekommen. Im Olympiastadion sitze ich mit Feldherrenblick in der Nähe der Mittellinie. Gestern spielten die Bayern in der der ersten Halbzeit auf unsere Hälfte, wir standen hinter Jarstein, und hinter einer Defensive, die manchmal vor unlösbaren Aufgabe zu stehen schien. Jedenfalls dann, wenn im Mittelfeld der Ball durch einen Hackentrick verloren geht.

Ich habe nachgesehen, und festgestellt, dass der Rasen in Berlin wie in München die gleichen Ausmaße hat: 105 x 68 Meter. Gestern wurde mir klar, wie breit so ein Feld ist. Obwohl Hertha mit einer Art Fünferkette antrat, gab es zahlreiche Koordinationsprobleme, aber auch viele tolle Momente, in denen im letzten Moment ein Tackling gelang.

Man kann wohl sagen, dass Hertha gestern eine strategische Selbstbescheidung gewählt hat: Unter Pal Dardai war vor allem das Auswärtsspiel vor wenigen Monaten ein Versuch, mit kultiviertem Ballbesitzspiel die Sache so weit zu beruhigen, dass ein gepflegter Abtausch von Chancen vielleicht zu einem Erfolg führen könnte. Ante Covic hingegen setzte auf lupenreinen Konterfußball, und ging doch hinten eine Menge Risiko. Denn gerade die linke Defensivseite von Hertha hatte mächtig zu kämpfen.

Das werde ich mir alles in den nächsten Tagen noch einmal in Ruhe ansehen. Wenn der erste Gegner in der Saison die Bayern sind, kann man mit "Erkenntnissen" gern noch ein wenig warten. Das war ein emotionaler Einstieg in die Saison 2019/2012. "Zum Rückspiel kommen wir dann mit Coutinho", texte gestern ein Freund. Ich könnte mir vorstellen, dass Lukas Klünter nach dem gestrigen Abend sich darauf freut.

Geschrieben von marxelinho am 17. August 2019.

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16. August 2019

Vor den Augen der Welt

Dieses Jahr passt es einfach: Auf dem Weg nach Österreich mache ich in München Station, und schaue Hertha live gegen den FC Bayern. Ein besonderes Spiel nicht nur für die beiden Mannschaften, sondern auch für die Liga: denn ein Klassiko in der ersten Runde (also Bayern - Dortmund) würde wenig Sinn machen, während Bayern - Hertha so etwas wie ein denkbarer Klassiko ist. Für die globale Reichweite ist das jedenfalls heute ein bedeutender Moment für "Berlins Fußballclub Nummer eins".

Im Vorjahr kam Bayern genau zum richtigen Zeitpunkt nach Berlin. Und Pal Dardais Hertha hatte noch genügend Schwung aus einer Vorbereitung, in der stark an offensiven Spielzügen gearbeitet wurde - so hatte es den Anschein. Die erste Halbzeit war jedenfalls ein Exempel für eine dynamische, dominante Hertha (mit Maier, mit Mittelstädt, mit Dilrosun, mit Duda). Natürlich kann man nicht immer so spielen, aber es war doch ein wenig rätselhaft, warum später in der Saison so viele lethargische erste Halbzeiten folgten.

Beim Auswärtsspiel wäre Bayern 2019 auch durchaus verwundbar gewesen, aber da war Pal Dardai bereits in dem Sicherheitsmodus, der ihn letztlich den Job gekostet hat. Hertha sollte sich nichts mehr trauen. So wurde es ein uninteressantes Nil-One.

Heute hat Hertha unter den Augen der Weltöffentlichkeit eine spannende Gelegenheit, sich zu präsentieren: Nicht so sehr als das neue Spekulantenvehikel mit den niedrig hängenden Früchten, sondern mit einer Mannschaft, die auf langjähriger, geschickter Kaderplanung beruht. Zur Erinnerung: 2014 kamen für insgesamt weniger als vier Millionen Euro Rune Jarstein, Salomon Kalou, Marvin Plattenhardt und Per-Ciljan Skjelbred. Nur der Keeper ist noch eindeutiger Stammspieler, aber alle vier spielen noch eine Rolle, und sie wurden seither ergänzt durch spannende Leute wie Mittelstädt (einer der Auffälligsten schon wieder im Pokal am vergangenen Wochenende), Maier (für den ich eine schwierige Saison erwarte) oder Dilrosun.

Dazu kommt heute vielleicht schon die auch symbolisch auffälligste aktuelle Verstärkung: Lukebakio, der Mann mit den drei Toren gegen den FC Bayern dahoam. Der wäre nicht dabei, wenn Tennor BV nicht bei Hertha eingestiegen wäre. Nun ist er der neue Königstransfer - er wird in dieser Rolle hoffentlich besser bestehen als Valentin Stocker, der 2014 in dieser Rolle zu Hertha kam, und den ich diese Woche beim FC Basel wiedergesehen habe. Er schied in der CL-Qualifikation gegen den LASK aus Linz aus, der Stadt, in der ich aufs Gymnasium ging.

Michael Preetz und Ingo Schiller haben diese Woche der SZ ein Interview gegeben, das ein interessantes Detail enthielt: es klang relativ deutlich durch, dass der Deal mit Windhorst ein wenig unter Zeitdruck zustandekam, weil die Millionen noch in die Bilanz per Ende Juni mussten, die dann auf der Mitgliederversammlung im Herbst präsentiert werden wird.

Die etwas merkwürdigen Umstände der Bekanntgabe des Deals wären damit ein bisschen besser verständlich. Bis heute hat man übrigens nicht den Eindruck, dass Hertha und Windhorst gut abgestimmt kommunizieren. Der Investor ließ es zu, dass sehr früh das Ausstiegsszenario eines Börsengangs in Umlauf kam - was nicht im Sinn des Vereins sein kann, denn das würde ja nichts anderes bedeuten als einen Handel von Vereinsanteilen, auf den Hertha keinen Einfluss mehr haben kann. Da wäre dann schnell klar, dass an einem 50+1 auch für die KGaA durchaus gelegen sein müsste.

Na ja. Das sind langfristige Sachen. Heute wird Ante Covic erste Hinweise geben, wie er mit dem umfangreichen Personal zu arbeiten gedenkt: Setzt er weiterhin auf den aktuell auch formstarken Kapitän, oder agiert er flexibel und zieht gegen den starken Gegner den unberechenbareren Selke vor? Bringt er Lukebakio von Beginn an? Folgende erste Elf wird es wohl werden: Jarstein. Mittelstädt/Torunarigha - Rekik - Stark - Klünter. Grujic - Darida - Duda. Lukebakio - Ibisevic - Kalou.

Geschrieben von marxelinho am 16. August 2019.

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