06. August 2020

Prahlrechte

Die Verpflichtung von Alexander Schwolow durch Hertha BSC kann man naturgemäß so oder so sehen. Die einen freuen sich über eine vielversprechende neue Nummer 1 im besten Alter. Die anderen ärgern sich, dass ein vielversprechender Tormann im besten Alter nicht bei dem wichtigsten Verein der Welt unterschrieben hat (ihrem), sondern bei einem Konkurrenten, der im Moment finanziell und vielleicht sogar sportlich (ein bisschen) besser dasteht.

In meinem Twitter-Feed tauchten jedenfalls neulich ein paar unhöfliche Bemerkungen über Hertha und das Geld auf, dann wurde ich von einem Schalke-Fan blockiert, dem ich eigentlich gar nicht folgen wollte. Ich hatte mich zu einer Replik hinreißen lassen, die tatsächlich nicht ganz adäquat war: ich hatte darauf hingewiesen, dass Schalke seit 2007 von Gazprom gesponsert wird, was meiner Meinung nach Kritik an dem Investment von Windhorst bei Hertha zumindest zum Teil aufwiegt.

Ich möchte allerdings gar nichts aufwiegen. Mich interessiert, wie Erfolg zustandekommt, und ich freue mich über Erfolge mehr, die auch den Ansprüche genügen, die man in anderer als bloß sportlicher Hinsicht haben könnten. Da passt es leider derzeit weder bei Hertha noch bei Schalke optimal.

Schalke hat sich schon 2007 nicht zuletzt über Vermittlung des Tierschlachtungsindustriellen Tönnies mit Gazprom eingelassen, einem staatsnahen Unternehmen aus einem Staat, der in den Jahren danach intensiv daran gearbeitet hat, die auch in besseren Zeiten notdürftige "regelbasierte Ordnung" (Angela Merkel) der Staatengemeinschaft auszuhöhlen und zu verlassen. Russland ist heute ein destruktiver Pariastaat, und Gazprom hilft auch auf den Trikots von Schalke dabei, das zu beschönigen.

Hertha BSC wiederum hat die Umgehung der auch in besseren Zeiten notdürftigen 50+1-Regel für Clubs in der deutschen Bundesliga umgangen, indem man inzwischen 66,6 Prozent der KGaA an eine Gesellschaft veräußert hat, von der man nicht viel mehr weiß, als dass ein gewisser Lars Windhorst sie öffentlich vertritt. Das Problem dabei ist meiner Meinung nach, dass unklar ist, welches Geld Windhorst hier eigentlich investiert. Seine Geschäftstätigkeit ist, jedenfalls sieht das für Laien so aus, maximal darauf ausgerichtet, die Herkunft der eingesetzten Summen zu verdunkeln. Das ist, angesichts der gigantischen Summen an (ich sags mit einer vorsichtigen Verallgemeinerung:) abgezweigtem Geld in der ganzen Welt, keine Kleinigkeit.

Ich würde mir wünschen, dass Hertha BSC Geschäfte nur mit Partnern macht, die höchsten Ansprüchen an Transparenz genügen. Das ist ein frommer Wunsch, und Herrn Schiller sicher nicht zu vermitteln.

Das Engagement von Windhorst bei Hertha erweitert nun deutlich die Möglichkeiten von Hertha BSC in sportlicher Hinsicht, schränkt allerdings ein wenig die "Legitimität" ein. Hertha ist jetzt auch ein angeschobener Club, die Fans könnten nun gegen Hopp oder die Dosen nur noch singen, wenn sie einen Selbstwiderspruch in Kauf nehmen. Mir ist an moralischer Oberhoheit nicht gelegen, mir wäre nur lieber, Hertha hätte einen besseren Weg gefunden als dem Ausverkauf der Bundesliga an die zweifelhafteren Bereiche des internationalen Kapitalismus die Tür ein Stück weiter zu öffnen.

Als Fan freue ich mich über die Verpflichtung von Schwolow. Das Video anlässlich seiner Verpflichtung zeigt ihn mit Michael Preetz, das offizielle Signing-Foto auf Twitter zeigt den Geschäftsführer Sport gemeinsam mit dem Sportdirektor Arne Friedrich - ein subtiler Hinweis darauf, dass die 66,6 % aus der KGaA zumindest nicht ganz ohne Einfluss auf die nominell hundertprozentig unabhängige Tätigkeit der GmBH sein dürften. Wobei die Photo Opportunity mit Friedrich wahrscheinlich eher eine symbolische Konzession ist, denn der Schwolow-Transfer hat doch ganz die Anmutung eines klassischen Preetz-Moves: Fakten schaffen statt Gerüchte streuen.

In England spricht man von "bragging rights", wenn Fans von rivalisierenden Clubs aufeinander treffen. Wenn Arsenal ein Derby gegen Tottenham gewinnt, dann sind die Prahlrechte für eine Weile in Islington daheim. Das Wort sagt viel über die seltsame Existenz, die wir als Fußballfans führen: intensiv teilnehmend an etwas, was wir nur sehr beschränkt beeinflussen können. Derzeit ist auch das letzte Band gekappt: die physische Anwesenheit bei Spielen. Der Schalke-Fan, der mich auf Twitter blockiert hat, hat damit in etwa auch den Handlungsspielraum umrissen, den der moderne Fußball seinen Anhängern lässt.

Geschrieben von marxelinho am 06. August 2020.

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02. August 2020

Heiliges Kanonenrohr

Gestern Abend ging nun auch die Saison des zweiten Fußballvereins zu Ende, dem ich anhänge. Arsenal gewann das FA-Cup-Finale gegen Chelsea im Wembley-Stadion mit 2:1, durch zwei Treffer von Aubameyang. Es war ein ungeheuer wichtiger Erfolg, denn in der Liga kam Arsenal dieses Mal nur auf Platz 8. Der Titel im FA Cup bringt auch einen Startplatz in der Europa League mit sich - immerhin.

Arsenal begann die Saison mit Unai Emery, am 22. Dezember übernahm Arteta, dazwischen hatte eine Weile Freddie Ljungberg ausgeholfen. Die Gründe für das Scheitern von Emery werden wir im Detail nie erfahren, aber es war immer offensichtlich, dass der Faktor Sprache eine große Rolle spielte. Emery kam mit dem Englischen einfach nicht zurecht. Irgendwann "verlor" er die Kabine, soll heißen: er erreichte die Mannschaft nicht mehr.

Arteta, der viel besser Englisch spricht, hatte einen unmittelbaren Effekt, ganz offensichtlich weiß die Mannschaft unter seiner Leitung deutlich besser, was zu tun ist. Der Sieg gegen Chelsea ist auch als Ausdruck seines eigenen Lernprozesses zu sehen: er musste mit dem unrunden Kader erst zurechtkommen.

Am besten funktionierte in den letzten Wochen ein 3-4-3 bzw. 5-2-3, mit David Luiz hinten zentral, mit einem Mittelfeld-Duo Xhaka und Ceballos, und mit einer prominenten Angriffsformation, die ein bisschen nach Prunkstück aussieht: Aubameyang von links, Lacazette als erster Verteidiger zentral, und Pepe über rechts. Pepe wurde vor einem Jahr für sehr viel Geld verpflichtet, es hat sehr lang gedauert, bis halbwegs erkennbar wurde, ob er ein komplettes Missverständnis ist. Gestern war er stark, und das hat sich seit Wochen abgezeichnet. Er hat immer noch etwas Chaotisches in seinem Spiel, aber er ist nun deutlich besser integriert.

Die Geschichten des Finales haben alle Namen. Im Tor spielte Martinez, der ewige Ersatzmann, der nach einer Knieverletzung von Leno gegen Brighton aushelfen musste. Er erwies sich als sehr verlässlich, ist offensichtlich im Team auch sehr beliebt, und Arsenal hat nun das Problem, dass Martinez eigentlich zu gut ist, um als Nummer 2 in die nächste Saison zu gehen.

Im Mittelfeld erwies sich Dani Ceballos in den letzten Wochen als große Bereicherung. Er ist noch am ehesten so etwas wie ein Ballverteiler, in einer Formation, in der es keinen Zehner gibt. Vor zwei Wochen gegen Aston Villa (eine 0:1-Niederlage) ließ Arsenal erkennen, dass diese Formation auch in den Leerlauf geraten kann, mit Ballgeschiebe und links nach rechts und zurück. Doch Ceballos hat mit seiner Ballsicherheit und seinen vertikalen Bällen das Spiel von Arsenal belebt. (Seine kurzen Corner sind allerdings weiterhin ein Rätsel: Warum verzichtet Arsenal auf dieses probate Mittel? José Mourinho amüsiert sich darüber sicher köstlich. Tottenham schlug Arsenal kürzlich durch einen Kopfballtreffer nach Corner.)

Der Mann des Spiels aber war Aubameyang. Das entscheidende Tor erzielte er, indem er Zouma versetzte, eine Einzelleistung am Ende eines Spielzugs, der mit einem dynamischen Vorstoß von Bellerin begann. Aubameyang ist Kapitän, und er spielt wie einer: mannschaftsdienlich, effizient, inspirierend. Jetzt warten alle darauf, ob er seinen Vertrag verlängert. Selbst wenn er das nicht tut: Müsste man ihn unbedingt verkaufen? Er hat noch ein Jahr Vertrag, und seine Ablöse ist längst amortisiert. Nächstes Jahr wird er 32.

Aber die Vertragsangelegenheit hat natürlich stark symbolischen Wert. Wenn Arsenal Aubameyang diesen Sommer verkauft, dann gibt es im Kader keinen Superstar mehr. Außer Mesut Özil, der gestern nicht dabei war, wie auch Guendouzi, der unter Arteta anfangs viel gespielt hat, dem er dann aber das Vertrauen entzogen hat, und zwar offensichtlich endgültig. Özil ist nur für die Buchhaltung noch Arsenal-Spieler, und er wird es vielleicht noch ein Jahr bleiben.

Unabhängig von dem Spiel gestern war natürlich schon klar, dass die Arbeit von Arteta weitergehen soll. Er hat Arsenal bisher vor allem stabilisiert, zum Teil durch Aufwertung von Spielern, deren Grenzen auch weiterhin nicht zu übersehen sind (Mustafi, Xhaka, Luiz). Der Sieg im FA Cup ist ein wichtiger Akzent vor diesem Sommer mit einer kurzen Vorbereitung. Viel Geld für Verstärkungen wird es nicht geben. Immerhin haben Saka und Martinelli, zwei jugendliche Hoffnungsträger, sich langfristig an den Club gebunden.

Vor allem aber hat Arteta gezeigt, dass er mit einer instruierten Mannschaft auch individuelle Defizite aufwiegen kann. Arsenal ist derzeit weit davon entfernt, eine große Mannschaft zu sein. Aber es gibt Anzeichen dafür, dass das nächste Jahr interessant werden könnte.

Geschrieben von marxelinho am 02. August 2020.

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28. Juni 2020

Die Labbadia-Tabelle

Die Schlusstabelle der Bundesliga-Saison 2019/2020 enthält eine kleine Big-City-Pointe: die Clubs aus der Hauptstadt liegen fast einträchtig mittendrinn, Schulter an Schulter, getrennt nur durch sieben Tore, die Union weniger erzielt hat (bei auch einem Gegentor weniger). Für die Eisernen ist das ein riesiger Erfolg, für Hertha ist es im Vergleich zu den Jahren davor eher business as usual, und verrät wenig von dem Chaos dieses Spieljahres.

Ein Rückblick wird sinnvollerweise zweizuteilen sein: die Wiederaufnahme des Spielbetriebs im Mai ging bei Hertha ja mit der Bestellung von Bruno Labbadia einher. Dessen Bilanz ist deutlich besser als die Gesamtsaison: 9 Spiele, 13 Punkte, Torverhältnis 18:11, Punkteschnitt 1,44 (zum Vergleich: 34 Spiele, 41 Punkte, 48:59, also minus 11, Punkteschnitt 1,2 unter Covic/Klinsmann/Nouri/Labbadia).

Labbadia hatte einen sehr guten Start mit einem 3:0 in Hoffenheim und einem 4:0 gegen Union, das im Endeffekt fast vollständig den gesamttabellarischen Unterschied zum Stadtrivalen ausmachte (hätte Hertha 1:0 gewonnen, wären die Teams, natürlich rein theoretisch, nur durch die Anzahl der erzielten Treffer getrennt). Das 2:0 gegen Leverkusen brachte noch eine reife Leistung zum Abschluss, die Niederlage gestern gegen Gladbach machte hingegen deutlich, wo Hertha steht - nämlich völlig zu Recht auf Platz 10 und schließlich doch deutliche acht Punkte von einem europäischen Bewerb getrennt.

Gladbach ist so etwas wie der Musterverein der Bundesliga: es gibt dort kein Finanzdoping, keine Standortvorteile, nur eine große Tradition und seit vielen Jahren sehr kompetente und vor allem auch kontinuierliche Arbeit. Das ist bemerkenswert, weil auch Max Eberl keineswegs alle Trainerentscheidungen perfekt gelingen. Gestern konnte man aber sehen, dass Gladbach unter Marco Rose gegenüber Hertha doch deutlich weiter ist. Denn in Sachen Spielgestaltung lief bis auf eine Phase in der zweiten Halbzeit bei Hertha nichts. Das passt zu dem Eindruck aus dem Leverkusen-Spiel, wo Hertha sich so richtig eingrub, und geschickt einem dem Ruf nach größeren Gegner die Luft ausließ.

Labbadia hat die Mannschaft für meine Begriffe vor allem mental offensichtlich gut erreicht. Er hat anfangs auf ein Gerüst aus Veteranen gesetzt, hat Pekarik, Skjelbred und Ibisevic (re)aktiviert, und hat Ansätze dafür geschaffen, dass die Mannschaft aus sich heraus funktioniert. Hertha ließ sich auch in diesem Jahr häufig fremdbestimmen, durch schwache Leistungen zu Beginn von Spielen, durch Abwarten, durch mäßige Konzentration. Labbadia hat wohl erste Ansätze geschaffen, dass die Mannschaft einen autonomen Kern findet, der sowohl in Spielen mit Außenseiterrolle (Leverkusen) wie mit Favoritenrolle (Union) funktioniert. Hertha hatte dabei auch Glück, dass die Eisernen im Derby eine ungewöhnlich schwache Leistung brachten.

Gegen Team wie Augsburg, Freiburg und Frankfurt zeigte sich, dass die Fortschritte fragil sind. Das kann nicht anders sein angesichts der außergewöhnlichen Umstände. Einige Schlüsse für die kommende Saison lassen sich aber schon ziehen.

Jordan Torunarigha: Der Innenverteidiger ist zum Glück langfristig (wenn auch ohne offiziell veröffentlichtes Enddatum) an Hertha gebunden. Es wäre eventuell sogar sinnvoll, seinen Vertrag dieses Jahr noch einmal anzupassen, also ihn aufzuwerten und auszudehnen. Sieht man von gelegentlichen Ungeschicktheiten wie beim Solo von Kamada gegen Frankfurt ab, ist er eine Säule. Mit ihm sollte man sehr spezifisch an den langen Pässen bei der Spieleröffnung arbeiten, da passen Intuition und Ausführung oft noch nicht zusammen. Und er ist auch mit seinen Läufen ein Faktor.

Arne Maier: Ich sehe ihn auf der Sechs und dort als Spielgestalter. Er kam zuletzt von der Bank, und hat, mit seiner Wendigkeit vor allem, und mit seinen Pässen immer einen Unterschied gemacht. Keinen großen, aber das wird noch. Ich weiß, dass mit Tousart ein Mann für diese Position kommt. Zuletzt hat sich gezeigt, dass Hertha mit einer flachen 6er-8er-Achse besser funktioniert. Stark war auch überraschend gut neben Grujic, der seinerseits insgesamt keine Argumente für eine weitere Saison bei Hertha gesammelt hat. Schade, denn man sieht auch immer noch das Potential.

Darida: Die Lunge der Liga funktioniert besser, wenn Cunha dabei ist. Denn eines der Erfolgsrezepte von Hertha zu Beginn der Labbadia-Spiele war die linke Offensivseite, die sehr flexibel bespielt wurde. Das ging mit den Problemen von Plattenhardt, Mittelstädt und Cunha bald wieder verloren, und Darida hatte danach so viel zu tun, dass er diese Integrationsrolle im linken offensiven Bereich nicht mehr so gut hinbekam bzw. ihm dafür die Partner fehlten. Im Grunde aber könnte man mit Darida als linksflexiblem defensiven Zehner und Cunha als freigeistigem Linksaußen durchaus ein spannendes Modul für die Mannschaft 20/21 sehen.

Lukebakio: Würde man Valentino Lazaro oder vielleicht sogar Mitchell Weiser fragen, ob sie vielleicht besser bei Hertha geblieben wären, was wäre die (ehrliche) Antwort? Auf jeden Fall hat Hertha auf der rechten Seite derzeit einen Hochkaräter, der immer wieder stutzig macht. Lazaro hatte sicher die insgesamt deutlich bessere, mannschaftstragende Bilanz, aber Lukebakio hat zuletzt angedeutet, dass er vielleicht doch auch in die Bereiche des Spiels hineinfindet, die als Mannschaft gespielt werden. Nebenbei: hat er jemals ein Dribbling gewonnen?

Hertha hat im aktuellen Kader das Patchwork für eine interessante Formation in einer kommenden Spielzeit, über die wir noch wenig sagen können. Die Labbadia-Tabelle deutet mindestens darauf hin, dass man nicht unbedingt teuer einkaufen muss, um kommendes Jahr um Platz 6 mitspielen zu können. Für Platz 3 oder 4 würde es sowieso einer längerfristigen Strategie bedürfen, und da wird sich dann auch von Labbadia zeigen, ob das in seinem Repertoire ist. Bisher war er mit Basics befasst, er hat eine wirre Saison halbwegs in Ordnung gebracht. Und er hat Hertha auch durch sein Auftreten gut getan.

Geschrieben von marxelinho am 28. Juni 2020.

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10. Juni 2020

Neureich ohne Ölscheich

In den letzten Tagen habe ich mich zwischendurch ein wenig mit Firmenrecht befasst. Als Laie, und aus aktuellen Gründen. Über Hertha BSC war ja zu lesen, dass Tennor BV seine Anteile auf rund 60 Prozent erhöhen wird, dafür gibt es im Lauf des Jahres weiteres Geld: 150 Millionen Euro. Als Verstoß gegen die 50+1-Regel gilt das nicht, und zwar aus Gründen, die ich mir erst klar machen musste.

Seither weiß ich, was eine Komplementär-GmbH ist. Die Hertha BSC GmbH & Co KGaA besteht also de facto aus zwei Gesellschaften, von denen die GmbH der Co KGaA komplementär gegenübersteht. Beide haben allerdings denselben Unternehmenszweck, nämlich den (aus den Vereinsaktivitäten ausgegliederten) Profifußballbetrieb von Hertha BSC. Tennor BV kauft Anteile an der Co KGaA, Hertha BSC behält die Mehrheit in der GmbH.

Das erinnert ein bisschen an die Sache mit den zwei Öltanks.


Oder aber an den berühmten Kuchen, den man haben und zugleich auch essen kann. Die Sache mit den zwei Hochzeiten, auf denen man nicht tanzen kann, muss man hingegen abwandeln: Hertha tanzt auf einer Hochzeit, aber in zweierlei Gestalt. Und hält sich dabei an eine Regel, die man eigentlich als 150 minus eins bezeichnen müsste, denn so viel von den 200 Prozent der beiden Gesellschaften dürfte sie nach der 50+1-Regel wohl veräußern. Das wäre dann aber ein schönes Gewirr von Aufsichtsräten.

Hertha wird mit Tennors Millionen endgültig "neureich", schreibt der Tagesspiegel. Das Investment hat verschiedene Aspekte, ich will versuchen, sie mir ein wenig zu vergegenwärtigen.

Was bedeutet es für die 50+1-Regel in der Bundesliga? Sie wird natürlich immer deutlicher als eine Fassade erkennbar, die bei zunehmend mehr Vereinen nur noch der Form nach eingehalten wird. Es findet sich immer eine Form, wie man sie (zuletzt in Leipzig) "elegant und rechtskonform" ignorieren kann. Man muss sie gar nicht abschaffen, solange es Möglichkeiten wie die von Hertha genutzte gibt, sie zu umgehen. Zwar verbleibt die Geschäftsführung der GmbH bei Hertha, aber die 60 Prozent der Co KgaA sind dann eindeutig in der Hand von Tennor.

Sollte es zu einem Weiterverkauf kommen, hat Hertha im Grunde keinerlei Handhabe. Wenn Tennor BV sich also entschließen sollte (ich skizziere jetzt den schlimmsten, aktuell natürlich nicht unbedingt wahrscheinlichen Fall), seine Anteile nach Saudi-Arabien oder an einen Fonds irgendeiner anderen Rohstoff-Diktatur mit zweifelhafter Menschenrechtsbilanz zu veräußern, kann niemand etwas tun. Außer ein höheres Angebot machen. Hertha ist nun dem Weltmarkt des Kapitals ausgeliefert, und wir wissen alles, mit welchen Playern man es da zu tun hat.

Von der anderen Seite aus gesehen wird das Engagement eher rätselhafter. Was hat Lars Windhorst eigentlich vor? Wenn die Ankündigungen stimmen, dann wird er bis Ende des Jahres 400 Millionen Euro in einen Club in der notorisch ausgeglichenen deutschen Liga gesteckt haben. Das ist immerhin fast ein Drittel der Gesamtsumme der einzigen laufenden Tennor-Anleihe, von der man öffentlich etwas weiß: Sie beläuft sich auf 1,5 Milliarden Euro und wird in vier Jahren fällig. Tennor muss dann also 1,5 Milliarden plus fast sechs Prozent Zinsen auszahlen.

Windhorst spricht bei Hertha aber von einem Investment, das über 20, 30 Jahre laufen könnte. Das klingt so, als würde ihn die Sache tatsächlich interessieren. Und so mag es ja auch sein. Vielleicht hat er Feuer gefangen für den Fußball in seinen sportlichen und geschäftlichen Dimensionen. Im Kontext seiner Firma macht das Engagement bei Hertha so aber nicht wirklich Sinn. Denn er muss die 1,5 Milliarden bis 2024 ja irgendwie erwirtschaften. Bei Hertha ist in diesem Zeitraum auch mit sehr viel Optimismus nicht leicht eine Wertsteigerung denkbar, aufgrund derer die 400 eingesetzten Millionen dann vielleicht 600 oder 800 wert wären.

Das wird schon aus dem bisher Erreichten deutlich. Hertha wirtschaftet ja schon eine Weile mit dem Geld von Windhorst. Wir haben also erste Anhaltspunkte, was sich mit den genannten Summen erreichen lässt. Im Winter wurden Ascacibar, Piatek und Cunha verpflichtet. Im Frühling kam mit Bruno Labbadia ein neuer Trainer, der Ibisevic statt Piatek spielen ließ. Und Skjelbred erwies sich als der bessere Ascacibar. Das ist natürlich nur eine Momentaufnahme, aber sie sagt etwas über den Wirkungsfaktor Geld.

Auch die Transfers, die Michael Preetz im Sommer (noch vor Tennor) getätigt hat, künden nicht unbedingt davon, dass es auf Big Spending ankommt: Boyata kam ablösefrei und ist jetzt endlich eine Stütze. Lukebakio war für die Verhältnisse von Hertha relativ teuer, ist auch schnell und schießt ab und zu Tore, erwies sich aber als bemerkenswert dürftiger Fußballer. Bleibt also Cunha als echte Verstärkung.

Für Hertha kommt die Möglichkeit, sich grundlegend neu aufzustellen, in einer Zeit großer Ungewissheit. Für einen Financier wie Windhorst mag das wie eine gute Gelegenheit aussehen. De facto war es aber die Trainerpersonalie, auf die es in diesem Jahr bei Hertha am meisten ankam. Das bleibt die schwierigste Entscheidung, und sie hat mit Geld relativ wenig zu tun. Für den Moment hat Hertha da mit dem deutschen Mancini (Boyata über Labbadia) eine gute Wahl getroffen.

Schon im Sommer aber werden wir sehen können, ob die neuen Konstellationen bei Hertha einer vernünftigen Arbeit zuträglich sind. Für meine Begriffe waren schon die Transfers im Winter zum Teil von Aktionismus geprägt. Ein wenig Skepsis macht also durchaus Sinn.

Geschrieben von marxelinho am 10. Juni 2020.

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28. Mai 2020

Innendarstellung

Allmählich wird klarer, was es mit diesen Fußballspielen ohne Publikum hat. Am ersten Wochenende war ich einfach nur froh, wieder Bewegung auf einem Rasen zu sehen. Dann kam das Derby. Gestern spielte Hertha schließlich in Leipzig, gegen einen Club, gegen den es - abgesehen von einem heroischen Sieg - fast immer ernüchternde Pleiten gab.

Das leere Stadion hat einen naheliegenden Effekt. Es lässt das Spiel mit sich allein. Es ist gleichsam, als würde man es direkt Opta zum Fraß vorwerfen. Normalerweise empfinde ich die Massen im Stadion als Ablenkung, die mich von meinem konzentrierten Blick auf das Spiel trennt. Nun merke ich, dass sie eine schützende Hülle der Emotion sind, die nicht nur mich, sondern auch das Spiel vor zu viel Transparenz bewahren. Das Geisterspiel ist nackt.

Und ihm fehlt die Rückkopplung mit einer unmittelbaren Rezeption. Wir haben alle schon erlebt, was da für wundersame Dinge passieren können in einem vollen Stadion. Wie sich da etwas übertragen kann von der Mannschaft auf die Kurve, oder von den Rängen auf ein Team. Die Geisterspiele aber ernähren sich ausschließlich von sich selbst, sie sind wie Zellkulturen, denen nichts zugeführt wird, also ein Experiment im Leerlauf. Es sind Spiele zum Zweck der (Fernseh-)Übertragung, denen es aber genau daran mangelt: an der Übertragung, die normalerweise das resonante Oval erzeugt.

Natürlich habe ich mich trotzdem gefreut, dass Hertha die Sache gestern gut gemacht hat. Julian Nagelsmann berief sich nach dem 2:2 darauf, dass die Dosen zwei Tage weniger für die Regeneration hatten, so hatte es ihnen der dichte Spielplan beschert. Hertha ist unter Labbadia zu einer sehr homogenen Mannschaft geworden, das System hat nach dem Hoffenheim-Spiel mit Darida einen zusätzlichen Pressing-Faktor bekommen.

Gegen Union funktionierte allerdings die Balance zwischen Cunha und Darida besser. Der Brasilianer ist ja nicht wirklich ein Flügelspieler, Darida aber kam gegen die Eisernen viel über links, gestern war er klarerweise viel stärker defensiv gebunden. Beide Mannschaften boten einander wenig an. Ein Nachteil für Hertha war sicher das frühe Ausscheiden von Plattenhardt. Darida spielte danach (unverständlicherweise) eine Reihe von ruhenden Bällen kurz, und verschenkte damit einen der wichtigsten Faktoren in einem Spiel mit einer starken Tendenz zur bloßen Neutralisierung.

Mit den Dribblings von Cunha hatte Hertha schließlich das spielerisch bessere Mittel, während Leipzigs Tore (nach einem Eckball und nach einem sehr haltbaren Schuss) nicht gerade von dramatischer Dominanz zeugen. Hertha ließ Leipzig nicht zur Entfaltung kommen, die einstige Nemesis wirkte wenig bedrohlich.

In jedem Fall hat für Hertha die Saison unter Labbadia noch einmal mehr oder weniger von vorn begonnen. Die Mannschaft hat wieder ein Gefüge, und er hat offensichtlich auch das größte Defizit behoben: von der merkwürdigen Apathie, die schon unter Dardai oft zu verzeichnen war, ist derzeit nichts mehr zu sehen. Für die Verhältnisse eines Geisterspiels war Hertha gestern ausgesprochen lebendig.

Geschrieben von marxelinho am 28. Mai 2020.

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23. Mai 2020

Altherrenfußball

Thomas Müller hat das wohl anders gemeint, als er vergangene Woche nach dem Spiel bei Eisern Union von einem Fußball sprach, der ihn an Begegnungen zwischen alten Herren erinnert. Komisch, aber bei diesem Begriff muss ich immer an Hans "Buffy" Ettmayer denken, dem man schon in seiner aktiven Karriere den Stil eines älteren Herren nachsagte. Also so ein bisschen schillernd zwischen Genie und Päuschen.


Während der ersten Halbzeit des Geisterderbys zwischen Hertha und Union gestern hatte ich zum Teil das paradoxe Gefühl, ein Youtube-Video aus einer verblichenen Zeit des Fußballs zu sehen, dabei aber auf Ultra-HD-Auflösung herangezoomt. Später wurde mir noch eine andere Widersprüchlichkeit klar: bei diesen Spielen hören wir ganz genau, wie die Spieler den Ball treffen, das kenne ich so nur aus dem Amateurstadion, wo wir direkt dran sitzen. Die Übertragungen kombinieren also einen Effekt von Nähe, nämlich den von kleinen Fußballspielen, mit einem Effekt von Distanz, denn gespielt wird im und für das Fernsehen. Bis Ende Juni mag das eine vertretbare Lösung sein sein. Eine Perspektive ist es nicht.

Wie schon gegen Hoffenheim ließ Herha uns eine Halbzeit lang Zeit, das Spiel so halb konzentriert zu verfolgen und die Rundherumaspekte dieser melancholischen Veranstaltung zu bedenken. In Halbzeit zwei machte die Mannschaft dann Ernst, und erneut erwies sich der alte Herr in den Reihen als der entscheidende Mann. Vedad Ibisevic ist für Trainer Labbadia der Schlüssel zu einer funktionierenden Organisation, als Zielspieler wie als Verteiler. Dass der Führungstreffer fast wie eine Kopie des zweiten Treffers in Hoffenheim erscheinen muss, deutet auf Strukturen. Dass Lukebakio Gelegenheit bekam, sich für den eher mäßigen Auftritt in Sinsheim zu rehabilitieren, hat noch mehr mit diesen Strukturen zu tun.

Hätte das Derby vor ausverkauftem Haus stattgefunden, hätte es sicher eine Menge "Nebengeräusche " gegeben, denn schon im Herbst hatten es sich ja Fans, denen der Fußball im Grunde egal ist, nicht nehmen lassen, sich in den Vordergrund zu drängen. Nun fand das Derby vor verschlossenen Türen statt. Morgen findet die Mitgliederversammlung in Form einer digitalen Zusammenkunft statt. Unter außerordentlichen Bedingungen werden die Bedingungen für eine nächste Normalität geschaffen, die mit der vertrauten nicht so schnell wieder etwas zu tun haben dürfte. Liegt es daran, dass Ibisevic in diesem Tag wie ein Held aus der Zukunft wirkt?

Geschrieben von marxelinho am 23. Mai 2020.

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17. Mai 2020

Ellbogengesellschaft

Eine Weile habe ich gestern auf Sky das Fake-Audio mitlaufen lassen, heruntergedimmte Fangesänge aus der Konserve. Dann habe ich aber doch auf die andere Version umgeschaltet, um Hertha in Sinsheim zu sehen und auch ein bisschen zu hören. Das Spiel war eine Halbzeit lang ein wenig seltsam, in der zweiten Halbzeit wirkte es dann schon relativ normal, mit dem nicht ganz gewohnten Aspekt allerdings, dass Hertha mit drei Toren das Spiel klar für sich entschied.

Über die generellen Aspekte des Neustarts der Liga können wir diese Woche noch einmal in aller Ruhe ausführlich diskutieren. Ich habe mir natürlich auch die Stellungnahme der Harlekins angesehen, und weiß um die Streitpunkte in dieser Angelegenheit. Fußball hat aber immer diese beiden Ebenen - man kann mit seiner Entwicklung unzufrieden sein, und schaut doch die Spiele.

Ich habe also gestern dann letztendlich doch einfach ein Match gesehen. Eines, in das Hertha mit einem neuen Trainer ging: Bruno Labbadia. Er ist für mich fast schon so etwas wie ein Inbegriff der Bundesliga, zu einem größeren Engagement wird es wohl nie reichen (in England sehe ich ihn nicht), aber in der Riege der hier Tätigen ist er doch auf eine bemerkenswerte Weise beständig und professionell.

Er fand auch eine, wie sich zeigte, gute Mischung für die erste Elf. Schlüsselentscheidung war die für Ibisevic. Der Veteran spielte zugleich umsichtig und zielstrebig. Vor der großen Chance von Cunha in Halbzeit eins trat er den Gegner zwar übel, da hätte bei einem Tor sicher der Video-Referee intervenieren müssen. Aber das war nur eine von vier Szenen, in denen Herthaner vor der Pause zeigten, dass sie erst wieder in die Gänge kommen mussten. Bei Boyatas Foul hätte man auch härter sanktionieren können, aber es wurde wohl doch ein bisschen mitbedacht, dass da fehlende Matchpraxis ein Faktor war.

Das ging dann auch ziemlich schnell mit der Matchpraxis. Die zweite Halbzeit sah für mich schon sehr normal aus. Die Wendigkeit von Mittelstädt vor dem zweiten Treffer, der Fintenreichtum von Cunha vor dem dritten, das war guter Fußball. Der Sieg war in dem Maß verdient, in dem im Fußball ein Match oft nach einem Treffer eine Richtung bekommt. Hertha hatte diese Richtung zu diesem Zeitpunkt schon vorgegeben, aber der junge Hoffenheimer Beier hatte auch die Möglichkeit, das zu ändern.

Abends konnte man dann noch gelegentlich lesen, die Herthaner hätten ungebührlich gejubelt. Das ist idiotisch. Die Liga hat sich für diese besondere Situation ein paar besondere Regeln gegeben, einige dienen in erster Linie der Außendarstellung. Ich fände es besser, wenn das anders kommuniziert würde: Der Matchbetrieb versucht, für die restlichen Spieltage einen geschützten Raum zu schaffen, und er tut dies auch in einem öffentlichen Interesse, denn eine ganze Reihe von Teilbereichen der Gesellschaft suchen derzeit nach Formen, ihren Betrieb wieder aufzunehmen. Der Spitzenfußball probiert eben eine aus, die für ihn praktikabel scheint. Wenn ein Trainer auf drei Meter Abstand ein Interview gibt, muss er keine Maske tragen. Denn das müsste er auch im "richtigen" Leben nicht.

Der Neustart fällt in eine Zeit der Nervosität, denn es gibt erste Anzeichen von Alltag, und die meisten spüren doch, wie fragil das alles ist. Gestern habe ich keinen Exzess der Profitsucht, sondern eine Andeutung von Alltag erlebt. Es tat gut.

Geschrieben von marxelinho am 17. Mai 2020.

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16. Mai 2020

Strafraumszenen

Zwei Monate haben wir nun ohne neuen Fußball zugebracht. In dieser merkwürdigen Zeit hat mich kaum etwas mehr bewegt als die Bilder von Fans, die ich gelegentlich bei einem alten Spiel gesehen habe. Ich habe in alles ab und zu hineingeschaut, womit Sky die Leere zu überbrücken versuchte. Ich habe das Champions League Finale von 1997 noch einmal gesehen, bei dem ich besonders deutlich wahrgenommen habe, wieviel sich in meinem Leben seither verändert hat. Ich habe verschiedene Features gesehen, und dabei bemerkt, was ich eh wusste: Fußball interessiert mich nicht in Ausschnitten. Ganze Spiele aber vermögen mich sofort wieder zu fesseln, ich könnte also auch aus der Konserve halbwegs gut leben, sollte einmal keinerlei Aussicht auf aktuellen Spielbetrieb mehr bestehen.

Die Bilder von den Fans gingen mir deswegen so nahe, weil sie für eine Realität stehen, die Ende Februar noch selbstverständlich war, und wir verloren haben. Dass man sich mit wildfremden Menschen abklatscht, weil einer da unten ein Tor geschossen hat, das ist ein schräger Aspekt von Gemeinschaft, wie auch, wenn man mit unbekannten Menschen das Dunkel eines Kinosaals teilt, in dem ein Film unsere Konzentration auf sich zieht. Das eine ist mein Beruf, ich schreibe über solche Erlebnisse, derzeit sind die auch unterbunden.

Eine Mehrheit der Deutschen lehnt die Wiederaufnahme des Spielbetriebs der Bundesliga in der Form von "Geisterspielen" ab, habe ich heute morgen gelesen. Ich zähle nicht zu dieser Mehrheit. Ich meine dahinter einen billigen Reflex zu spüren. Der Fußball muss, wie alle anderen Bereiche der Gesellschaft und der Wirtschaft, eine Lösung finden, wie er weitermachen kann. Es steht ja keineswegs fest, dass zu Beginn einer neuen Saison dann wieder alles wie gehabt sein wird - eher müssen wir vom Gegenteil ausgehen, auch die kommende Spielzeit wird stark beinträchtigt sein.

Es kommt also darauf an, auszuprobieren, was möglich ist. Dass es dabei zuerst einmal vor allem um Fernsehgelder geht, sollte man nicht beanstanden. Ich bin seit 20 Jahren Kunde des Bezahlfernsehens, und trotz allen Ärgers, den Premiere, dann Sky, später auch DAZN uns immer wieder bereiten (und dann auch noch eine Kartellbehörde, der die Fußballfans egal sind), sind die Vorteile doch unbestreitbar: Dass man in Deutschland seit vielen Jahren alle Spiele der ersten beiden Ligen sehen kann, ist ein Luxus, der mit dem Gegenwert von, sagen wir, zwei Packungen Zigaretten pro Monat für meine Begriffe vertretbar abgegolten wird. Und für dieses System in erster Linie beginnt die Liga heute wieder.

Salomon Kalou hat mit seinem Video angeblich die ganze Sache noch einmal in Frage gestellt. Dabei hat er eigentlich in aller Arglosigkeit nichts anderes getan, als einige Widersprüche offen gelegt, die das Konzept der DFL enthält: denn es sind auch taktische Konzessionen an eine fragile Öffentlichkeit, wenn die Clubs in der Quarantäne auf Abstand miteinander essen, und einander nicht die Hand geben dürfen, während sie natürlich heute Nachmittag im Schweiß ihres Angesichts wieder die Fünfmeterräume bevölkern werden, wenn es einen Eckball gibt.

"Die Räume waren sehr groß", hat der neue Hertha-Trainer Bruno Labbadia über ein Testspiel erzählt, bei dem Hertha neulich gegen Hertha gespielt hat. Die Spieler kommen aus einer Wartezeit, in der ihre Gruppenkoordination nicht unbedingt besser geworden sein wird. Ich denke, wir müssen uns auf mäßige Spiele einstellen, vielleicht sogar auf grenzwertige. Vielleicht aber sind wir in einer Woche, wenn Hertha dann gegen Union das Derby spielt. schon ein Stück näher an einer zumindest sportlichen Normalität. Von einer gesellschaftlichen müssen wir vorerst nicht reden.

Geschrieben von marxelinho am 16. Mai 2020.

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von Natalie (am 16. Mai 2020)
Das mit dem Fragmentfußball geht mir ähnlich, sonst versteht man ein Spiel auch gar nicht. Man guckt einen Film ja auch komplett, sonst hat man den Film nicht gesehen, um in Deinem Bild zu bleiben. Mein Szenario kennst Du ein wenig. Jetzt Saisonabbruch, die Geisterspiele als Option um eine neue Saison zu starten. Daß es irgendwann irgendwie weitergehen würde, ist klar. Ich halte es einfach für zu früh. Auch und gerade vor dem gesellschaftlichen Hintergrund und weil es, wie Du richtig sagst, viel zuviel Widersprüche gibt. Da hast Du Kalou richtig eingeordnet, aber er hat zuvorderst sich selbst und uns Herthanern als Spottadresse Nr.1 damit einen Bärendienst erwiesen und gleichzeitig die Schwachstellen offengelegt. Menschen machen Fehler, dürfen sich allerdings keine leisten. Vor allem all jene im Alltag. Daß man bei den Geisterspielen voraussichtlich auf Schauspielerei verzichtet, ist durchaus ein Vorteil, aber es gibt viele Abers auf/ am Rasen: Wenn es doch zu Infektionen kommt, mögliche gesundheitliche Folgeschäden, Verletzungsgefahr, Abstiege/ Aufstiege, Gefälle/ Schere große/ kleine Clubs Kaderstärke noch größer, ggf Druck, der auf Spieler/ Vereine ausgeübt wird, Sonderbehandlung, ggf falsches Signal an Nachahmerstaaten, die größere Probleme mit Corona haben, europäische Ligen, UEFA... Der unverschleierte Blick auf das reine Produkt Fußball tut mir weh, auch, weil ich ganz egoistisch finde, daß Fußball ein Volkssport ist und die Gemeinschaft braucht als Teil seines Wesens. Ich brauche das als Teil meines Wesens.
15. Mai 2020

Wiesenballsport


Ich bin mit einem Bein schon bei den Amateuren, schrieb eine in meinen Kreisen prominente Herthanerin zuletzt gelegentlich. Sie hat für die bevorstehenden Geisterspiele nichts übrig. Zwei Monate lang habe ich diese Seiten einem Ansturm von Werbung für Potenz- und Diätmittel überlassen. Heute habe ich den Spam gelöscht. Ab morgen bin ich wieder dabei. (Für den Hinweis auf das Video: Dank an Valdano.)

Geschrieben von marxelinho am 15. Mai 2020.

2 Kommentare

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von Valdano (am 15. Mai 2020)
Und Valdano dankt Christian!
von Natalie (am 15. Mai 2020)
Darauf freue ich mich, und das Ringen mit mir selber wird substanziell. Etwas aufgeben zu müssen, das man liebt, ist schwer. Temporär? Muß man das überhaupt, wird man sich sonst untreu, wenn nicht? Das Ritual, die Freunde. Hertha und die Mitgliedschaft wird immer bleiben, aber boykottiere ich, boykottiere ich nicht und halte Papp-Protest hoch? Hertha mit und ohne Windhorst. Ich bin niedergeschlagen. Der Profi-Fußball ist schon lange Kommerz, aber seit Corona sehe ich fast nur noch die Fratze.
08. März 2020

Durchwinken und Abnicken

In diesen merkwürdigen Wochen entdeckt die Mannschaft von Hertha BSC neue Eigenschaften an sich: sie hat nun plötzlich Comeback-Qualitäten. Voraussetzung dafür sind aber natürlich beträchtliche Setback-Qualitäten. Gegen Bremen gab es schon wieder zwei Gegentore gleich zu Beginn, anders als gegen Köln wurden dann aber nicht fünf daraus, sondern ein 2:2, das immerhin im Kampf gegen den Abstieg hilfreich ist, auch wenn der karge Punkt jetzt nicht den großen Sprung in die gemütliche Zone bedeutet.

Gemütlich ist vielleicht auch nicht der richtige Ausdruck für die Einstellung vor allem von Klünter und Stark in den ersten Minuten. Ich würde eher von einer Indifferenz sprechen: Beide fanden eine Einstellung zum Spiel erst, als es schon wieder nach einer Katastrophe roch. Ich halte diese acht Tore, die Hertha zuletzt insgesamt in drei ersten Halbzeiten bekam, für ein Symptom der Gesamtsituation, die Michael Preetz erzeugt hat, indem er Alexander Nouri nach Klinsmanns Abgang weitermachen ließ.

Die Botschaft dieser Entscheidung ist ja deutlich: die Saison ist abgeschrieben, es reicht, wenn mit Gewurstel noch ein paar Punkte hereinkommen, die den Klassenerhalt sichern. Und zu diesem Gewurstel reicht es dann doch noch, weil der Kader ja nicht so schlecht besetzt ist. Gestern waren mit Cunha, Torunarigha, Darida, Mittelstädt und Wolf immerhin fünf Spieler zumindest deutlich bemüht. Energie und Intensität sind nun einmal ein Faktor im Fußball, und gestern hat Hertha zumindest in dieser Hinsicht etwas gezeigt.

Plan und Zusammenspiel sind dann schon eine andere Angelegenheit. Das Remis gegen Bremen hatte eher Aspekte von Anarchie. Cunha ist sowieso schwer in ein System zu bringen, er will das Spiel an seinen rechten Fuß ketten und es damit aufladen. Torunarigha bemerkte gestern irgendwann, dass Positionsspiel gegen die bald wieder verunsicherten Bremer wenig Sinn macht. Er war schon gegen Düsseldorf ein immenser Faktor.

Da aus dem Spiel gestern niemand groß Schlussfolgerungen ziehen muss, sollten die Fans sich eher allmählich überlegen, wie sie sich auf die Mitgliederversammlung im Mai vorbereiten. Denn es spricht einiges davor, es dieses Mal nicht mit Abnicken und Durchwinken bewenden zu lassen. Der Zeitpunkt war nie besser, ein paar grundsätzliche Sachen zu diskutieren.

Geschrieben von marxelinho am 08. März 2020.

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