19. Mai 2018

Potemkinsches Stadion

Beim Pokalfinale heute Abend wird das Olympiastadion wieder einmal glänzen. Es wird ausverkauft sein, und man wird eine moderne Arena klassizistischen Zuschnitts erleben, die klug saniert wurde und weiterhin an das Gebäude erinnert, in dem 1936 das faschistische Deutschland sich feiern ließ.

Wenn Hertha im August die Saison eröffnen wird, dann wird es - wenn nicht gleich zu Beginn die Bayern kommen - wieder ein wenig anders sein: das Oly wird vermutlich halbleer sein, die Stimmung ist trotzdem meistens gut, wegen der Ostkurve, die allerdings auch nicht unverwüstlich ist.

Inzwischen kennen wir alle das Datum, auf das es im Zusammenhang mit dem Oly ankommt: 2025 hat Hertha BSC die Möglichkeit, den Spielort neu zu bestimmen, weil dann der Pachtvertrag mit dem Olympiastadion endet. Dieses Datum liegt lange genug in der Zukunft, um sich dafür grundsätzlich etwas zu überlegen. Zugleich ist es aber auch schon ganz schön knapp, wenn man bedenkt, dass wir vor einer Jahrhundertentscheidung für Hertha stehen.

Denn ein neues Stadion baut man nicht alle Tage, und ein neues Stadion soll es sein. Darauf hat sich Hertha festgelegt, und zwar völlig zu Recht. Gestern wurde im Sportausschuss des Berliner Abgeordnetenhaus darüber diskutiert. Das Protokoll von Uwe Bremer lässt erkennen, dass wir vor einer hoch delikaten Phase stehen, denn Hertha muss für seine Idee eine politische Mehrheit finden, und zwar auch bei Leuten, die - obwohl sie im Sportausschuss sitzen - nicht unbedingt so klingen, als wären sie fußballaffin.

Das kann man zum Beispiel aus einem Statement von Notker Schweikhardt (Grüne) heraushören: Er fragt, schreibt immerhertha, ob es nicht sinnvoller sei, in Spieler zu investieren, statt in Steine. Das ist sicher gutgemeint, verrät aber, dass der Mann keine Ahnung hat. Denn Hertha wird in den nächsten Jahren sowohl in Spieler wie in Steine investieren müssen. Schweikhardt spricht also von einer Scheinalternative.

Die Gratwanderung, die gestern quasi offiziell begonnen hat, besteht ja gerade darin, dass einerseits das Projekt Stadionneubau (auf dem Olympiagelände) der Berliner Politik verkauft werden muss, während es gleichzeitig im Hintergrund den (bisher unbekannten) Investoren verkauft werden muss, die dafür das Geld geben würden. Hertha spielt also gewissermaßen mit offenen Karten, auf denen aber noch nichts stehen darf. Oder anders gesagt: Hertha muss einen Bluff spielen, der erst noch mit einem Blatt unterlegt werden muss.

Die Berliner Politik hat, wie mich nicht überrascht, einen schlechten Kompromiss eingebracht. Ein Vertreter des Senats hat Pläne für einen Umbau des Olympiastadions vorgestellt, die es substantiell verändern würden. Mit Denkmalschutz hat das nichts mehr zu tun, im Gegenteil wäre das dann ein Mehrzweckfunktionsbau. Der Umbau würde im Oly dann der Normalzustand: Laufbahn rein, LED rauf, etcpipapo. Und eines der raren Beispiele in der Berliner Stadtgeschichte nach 1989 für einen gelungenen Kompromiss zwischen Architekturgeschichte und Funktionsnotwendigkeiten ginge verloren. Man hätte stattdessen ein Potemkinsches Stadion mit lauter Paravents.

Hertha hat sich festgelegt. Das nehmen manche Abgeordnete dem Club krumm. Aber der Lösungsvorschlag, den Hertha vorgelegt hat, ist nun einmal der beste. Und zwar nicht nur für Hertha, sondern auch für die Stadt. Im Idealfall würde Berlin einen Bundesligaverein bekommen, von dessen sportlichem Erfolg und internationaler Strahlkraft die Stadt enorm profitieren könnte.

Dafür müssten allerdings eine ganze Reihe von Wetten aufgehen. Aber dafür ist es eben auch notwendig, dass kleingeistige Parteipolitik (von der AfD ist nichts anders zu erwarten, aber die anderen Fraktionen könnten schon einmal ein bisschen aus dem Verwaltungsmodus in den Perspektivmodus umschalten) nicht einen Moment verdirbt, in dem es ums Ganze geht.

Natürlich wäre das alles leichter, wenn Hertha mit einer Begeisterung werben könnte, die auch eine sportliche Grundlage hat. Diese Grundlage hat die abgelaufene Saison deutlich unterminiert, aber auch davon muss man abstrahieren. Clubs wie Gladbach oder Mainz haben es längst hingekriegt, Stadien zu bauen, die ihnen angemessen sind. Hertha ist spät dran, man sollte den Bemühungen keine mit LED-Screens verhängte Muschelkalksteine in den Weg legen.

Geschrieben von marxelinho am 19. Mai 2018.

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17. Mai 2018

Doppelbelichtung

Die Übertragung aus dem Fußballpark Hohenbuschei in Dortmund am Mittwoch von dem U19-Spiel zwischen dem BVB und Hertha BSC war auch eine Übung in Perspektivwechsel. Wegen der niedrigeren Kameraposition sieht man so ein Spiel eher so wie die Beteiligten am Spielfeldrand, es gibt keinen Hochsitz wie den, von dem aus ich die Profis beobachte.

Hertha kam nach dem 4:0 im Hinspiel fast noch einmal ins Schwimmen. Die Formulierung liegt nahe angesichts zweier Unterbrechungen wegen Sturzregen, die zweite dauerte ziemlich lang, da stand es 2:0 für den BVB, und es waren noch ungefähr zehn Minuten offen. Dann fiel sogar noch das 3:0, und es fehlte nur noch ein Tor für ein Comeback, wie es im Jugendfußball keineswegs ungewöhnlich wäre.

Hertha hatte aber auch noch etwas zuzusetzen: Arne Maier kam ins Spiel und zog sofort die Fäden. Mit ein bisschen Glück brachte ein Konter schließlich das erlösende Tor durch Muhammed Kiprit. Hertha steht im Finale gegen Schalke 04 - gespielt wird am Sonntag nach dem CL-Finale in Oberhausen.

Als ich neulich von der S-Bahn Pichelsberg zum Hinspiel im Amateurstadion spazierte, da hörte ich ein paar Sätze aus einer Diskussion von Fans mit, die von einem Angebot des FC Liverpool für Kiprit wissen wollten. Heute schreibt der Kicker, dass Kiprit wohl das Angebot von Hertha annehmen wird, in den Profikader aufzurücken. Wir können wirklich gespannt sein, wie sich die Karrieren dieses Jahrgangs entwickeln werden. Und auf Michael Hartmann sollten wir auch ein Auge haben.

Die U19 hat zwar gestern drei Gegentore kassiert, ein Faktor war dabei aber wohl auch die Verletzung und Auswechslung von Florian Baak. Insgesamt aber hat diese Mannschaft einen sehr guten ganzheitlichen Ansatz: Das Heimspiel und nun auch das Rückspiel waren ja auch deswegen so begeisternd, weil der Nachwuchs die taktischen Vorbehalte noch nicht so stark berücksichtigen muss. Beide Spiele waren auf eine Weise offen, wie es bei den Profis nicht mehr möglich wäre.

Es ging munter hin und her, eigentlich war es ein ideales Fußballspiel, das tatsächlich von Strafraum zu Strafraum geführt wurde und nicht vorwiegend im mittleren Drittel. Ein taktisches Foul an Julius Kade war so ein Indiz für die Dynamik, mit der die U19 immer wieder herausspielt, die schnellen Flügelspieler sind sowieso ein Vergnügen, und es gab ein paar sehenswerte Passfolgen - interessanterweise scheinen die Jungen weniger eingeschränkt (oder selbstbeschränkt) in ihren Möglichkeiten am Ball, eine Facette, die Arne Maier auch bei den Profis schon erkennen lässt.

Das kleine Beobachtungsexperiment, das sich mit diesem Saisonausklangsgeschenk eines unerwarteten Finals verbindet (eine Art Doppelbelichtung, denn ich sehe die Jungen und die Profis vor dem geistigen Auge immer gleichzeitig), macht jedenfalls Lust auf den Sommer bei Hertha. Auf einen Sommer, in dem der Profikader mehr denn je durchlässig werden dürfte für den eigenen Nachwuchs. Wenn das eine Konsequenz aus dieser Saison ist, dann wäre das auf jeden Fall ein versöhnlicher Aspekt.

Geschrieben von marxelinho am 17. Mai 2018.

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16. Mai 2018

Zwangshaarschnitt

Hertha BSC in der Weltliteratur

In Berlin war politisch oft eine Menge los. Die heutige Gemütlichkeit passt gut zu den Vergleichen mit der Gründerzeit, also mit der wirtschaftlich erfolgreichen Zeit im späten 19. Jahrhundert, als auch Hertha gegründet wurde (wonach die Epoche dann benannt wurde). Ganz anders aber in den 1920er Jahren (Babylon Berlin) und dann wieder ab 1960. Da war Berlin eine Stadt der Revolte, so heißt es jedenfalls in dem Buch von Michael Sontheimer und Peter Wensierski. Von der Studentenbewegung bis zu den Hausbesetzern und bis zu den Dissidenten im Osten reicht hier der Bogen, von Ton Steine Scherben bis Wolf Biermann, vom SDS bis zum Bauhof.

An einer Stelle kommt auch Hertha BSC vor. Leider nicht sehr vorteilhaft. Es sind die Fans, an die sich ein Veteran der Gammlerbewegung erinnert. "Für Langhaarige war es echt gefährlich damals. Du bist von den Hertha-Fans fast gelyncht worden." So erzählt es Shortie Mährländer.

Sagen wir es vorsichtig: In der blauweißen Fankultur um 1966 dürfte es Gruppen gegeben haben, die gesellschaftspolitisch eher auf der konservativen Seite standen, und die wohl auch dem einen oder anderen handfesten Hinweis auf eine Anpassung an die allgemeine Norm (die sich gerade auflöste) nicht abgeneigt war.

Noch in den nuller Jahren musste ich, wenn ich mich in Berlin als Hertha-Fan zu erkennen gab, oft beteuern, dass sich die Fanszene stark verändert hat. Deutschland hat sich ingesamt stark verändert, das hat wesentlich mit 1968 zu tun. Die Springerpresse kann nicht mehr so unverblümt hetzen wie damals, und das Problem mit den Rechtsradikalen hat Hertha in den Griff bekommen.

Aber das Image ist nicht vollständig verschwunden: Hertha ist ein Provinzclub mit rabiaten Fans, die ihr Weltbild aus der Zeitung mit den vier Buchstaben beziehen. Leider tragen die meistens peinlichen Kampagnen, mit denen Hertha sich "ironisch" als balinernder Hauptstadtclub zeigen will, in der Regel dazu bei, dass das Gegenteil haften bleibt: Hertha ist und bleibt weltberühmt in Spandau.

Die Fans haben heute andere Gegner: Sie wenden sich nicht zuletzt gegen die Image-Industrie, die aus Hertha eine programmierte Marke machen möchte. Das ist eine Akzentverschiebung, die auch Bände spricht: heute müssten sich eher die geschniegelten Agenturtypen mit dem dezenten Undercut-Zitat vor den Ultras fürchten.

Michael Sontheimer / Peter Wensierski: Berlin Stadt der Revolte, Chr. Links Verlag 2018, 448 Seiten, 25 Euro

Geschrieben von marxelinho am 16. Mai 2018.

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13. Mai 2018

Auch Bullenhass braucht Argumente


In der Bundesliga gibt es grob gesprochen drei Kategorien von Saisonzielen. Das erste ist der einfache Klassenerhalt, mit möglichst wenig Drama einen Platz oberhalb des 16. zu erreichen. Das zweite ist die Teilnahme an einem europäischen Bewerb. Das dritte gilt für Mannschaften, die sich nicht sicher sicher sind, ob sie für die dicke Luft im Rennen um Europa ausreichend gerüstet sind - das Ziel ist dann entweder Top Ten oder der berühmte einstellige Tabellenplatz. (Ein viertes Saisonziel ist die Meisterschaft, aber dieser Bewerb muss erst wieder eröffnet werden.)

Hertha BSC hat sich vor dieser Saison für das Saisonziel des geringsten Widerstands entschieden, und es gestern mit einem 2:6 gegen Red Bull Lepizig vor eigenem Publikum auch erreicht: Platz 10, 43 Punkte, Tordifferenz 43:46 (also nach den beiden schwachen Spielen zum Schluss doch wieder negativ). Zum Vergleich: 2017 waren es sechs Punkte mehr, Tordifferenz minus 4 und Platz 6.

Gegen diese tabellarische Überbewertung im Sommer 2017 wollte Hertha sich mit dem vorsichtigen Saisonziel absichern. Aber wie es oft eben so ist: im Sport kommt der Erfolg auch von den Zielen, die man sich setzt. Hertha hatte in diesem Jahr als Ziel einen zweifachen Abstand: man wollte sowohl mit Inkompetenz wie auch mit Ambition nichts zu tun haben. Im Endeffekt ist die Mannschaft damit zu sich selbst auf Abstand gegangen. Sie wirkte selten so, als wüsste sie, was sie tun will. Es gab ab und zu Anzeichen eines Plans, aber wer nach Mustern suchen wollte, wird sich schwer tun, konstruktive zu finden.

Die letzten beiden Spiele in dieser Saison boten die Möglichkeit, einen Akzent zu setzen - für die Sommerpause, für die Transferperiode, auch für eine vereinspolitisch sehr wichtige Phase, denn irgendwann muss die Stadionfrage doch auf den Tisch, und so wie Hertha sich in diesem Jahr präsentiert hat, wird die sowieso nicht für mutige und kluge Entwürfe bekannte Berliner Politik sich leichter auf einen faulen Kompromiss wie den Umbau des Oly versteifen können.

Dass die Mannschaft sich von RB Leipzig so vorführen ließ, fällt auf Pal Dardai zurück. Schon die ganze Rückrunde hindurch gibt es so etwas wie ein Instruktionsdefizit: Hertha ist zu häufig in einer Position, in der die Mannschaft ein Spiel erst suchen muss. Üblicherweise verteilt sich das Verhältnis von Initiative und Reaktionsweisen ja nach Tabellenplatz, symbolischem Standing und taktischer Ordnung so halbwegs nach geläufigen Kriterien. Hertha allerdings hatte eine Vielzahl von unklaren Spielen, hatte nach vorn wenig Plan und war defensiv oft porös. 46 Gegentore sind eine Menge, auch wenn neun davon aus den letzten zwei Spielen stammen.

Im Vorjahr wurde Hertha mehr oder weniger in die Europa League gespült, in diesem Jahr verhält es sich ähnlich mit den Top Ten. Bremen, Augsburg, Hannover und die alte Dame bilden einen Block der Solidität, aus dem Hertha sich zum Ende hin tendenziell nach unten verabschiedete.

Die Ostkurve, die gegen die starke rote Präsenz im Westen des Oly zum Teil nur fundamentalistisch zu reagieren vermochte ("Bullenhass"), wird letztlich wissen, dass der Digitalbeauftragte nicht das Problem ist (auch wenn sich Hertha tatsächlich mit dessen Ideen immer wieder lächerlich macht). Die Auseinandersetzung mit den Wettbewerbsverzerrungen im deutschen Fußball muss sportpolitisch, vor allem aber sportlich geführt werden. Hertha hat im Dezember in Leipzig gezeigt, was eine Mannschaft, die etwas will, gegen die Dosen erreichen kann.

Von diesem großen Moment war in der Rückrunde nicht mehr viel zu erkennen. Hertha hat unter den eigenen Möglichkeiten gespielt, mit diesem Kader war mehr drin, und so beschränkt die Möglichkeiten im Vergleich zu dem angeschobenen Club aus Leipzig sind, es sind doch Möglichkeiten. Wir können nur hoffen, dass Pal Dardai die Kultur der Ausrede, die er in diesem Jahr etabliert hat, im Sommer durch eine Kultur der Ambition ersetzt. Ich spreche nicht von Europa oder irgendwelchen Tabellenplätzen, ich spreche von einer erkennbaren Bemühung um eine positive sportliche Identität. Dann könnte eines Tages das Ostderby, das gestern schon ziemlich genau die Zuschauerzahl hatte, die ein neues Stadion ungefähr ausverkauft hätte, ein echter Klassiker werden. Und man könnte den Bullen etwas anderes entgegensetzen als hilflosen Hass.


Geschrieben von marxelinho am 13. Mai 2018.

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Holger Breitner (am 14. Mai 2018)

Das werden wir nicht erleben, daß Dardai einen ambitionierten Fussball spielen lässt, sondern es wird sich immer weiter von Spiel zu Spiel gehangelt. Die Frage ist bei uns: Wollen wir nur hören, daß diese Mannschaft nicht mehr hergibt, oder wäre es nicht sehr viel erfreulicher eine mutige und inspirierte Mannschaft erleben zu dürfen und dann auch meinetwegen gegen den Abstieg zu spielen. Das ständige Reden über internationale Spiele hemmen uns ehr und sind schlichtweg kontraproduktiv. Die letzten Meldungen, daß sich vermehrt junge vielversprechende Talente für Berlin entscheiden, sollte genügend Anreiz sein auch dem Verantwortung zu tragen, indem ein Fußball gelehrt und gespielt wir, der Zukunft hat und der - u.a. von den Dosen gespielt wird...
10. Mai 2018

Der Geruch der Zukunft


Ich würde jetzt gern schreiben: Wir haben heute die Zukunft von Hertha BSC gesehen. Aber natürlich ist es besser, der Wahrheit die Ehre zu geben: Wir haben heute den Nachwuchs von Hertha BSC bei einer beeindruckenden Dominanzdemonstration gegen einen europäischen Spitzenclub unter hochsommerlichen Bedingungen gesehen. Vom BVB war auch die U19 nach Berlin gekommen, um im Halbfinale um die deutsche Meisterschaft gegen die U19 von Hertha zu spielen. Das ist der Jahrgang, der schon die ganze Zeit den Geruch der Profikabine in der Nase hat, und den zwar Michael Hartmann betreut, an dem Pal Dardai aber sehr nahe dran ist.

Hertha gewann mit 4:0, und der Sieg geht auch in dieser Höhe voll in Ordnung. Der Spielverlauf kam der Leistung entgegen, die Leistung sorgte für einen einseitigen Spielverlauf: zwei frühe Tore über links, beide besorgt von Nikos Zografakis, wiesen den Weg - auf dem Bild ist er unter der Traube.

Der Flügelstürmer war danach nicht mehr ganz so auffällig, dafür konnte man erkennen, warum Dennis Jastrzembski angeblich schon von Arsenal beobachtet wurde - und warum der aus Schleswig-Holstein stammende Mittelstürmer einen Profivertrag bekommen hat: seine Zielstrebigkeit ist gepaart mit einer auffälligen Athletik, und er scheint auch ein origineller Typ zu sein, jedenfalls interpretiert er den Frisurenwahnsinn im modernen Fußball ein wenig anders als die meisten Kollegen.

Wenn man bedenkt, dass die erste Elf von Hertha schon jetzt den Ausfall von Arne Maier (auch ein 99er, ein früher) kaum kompensieren kann, könnte man glatt auf blöde Gedanken kommen. Wir dürfen ihnen getrost noch bis morgen nachhängen, schon jetzt aber können wir uns bei der Hertha-Akademie bedanken, dass sie uns zum Ende dieser Saison hin noch einen solchen Höhepunkt beschert: am Mittwoch im Rückspiel hat Hertha die besten Chancen, und im Finale wartet dann vielleicht ein Klassiker, der auch in der Liga einmal einer werden sollte - gegen Gelsenkirchen. Ich eile den Tatsachen voraus, lasse mich aber bereitwillig von ihnen einholen.

(PS In der zweiten Halbzeit konnte ich neben Palko Dardai auch dem kleinen Rechtsverteidiger Max Mulack genauer zuschauen, er ist eher einer der unbesungenen Helden in dieser Mannschaft, hat mir aber sehr imponiert. Im übrigen ist es einfach großartig, an einem Fußballspiel dieser Qualität so nahe dran sein zu können wie im Amateurstadion.)


Geschrieben von marxelinho am 10. Mai 2018.

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06. Mai 2018

Ein Rätsel mit elf Stellen

Bei Hertha BSV herrscht die große Verständnislosigkeit. Der Trainer versteht die Mannschaft nicht, die Mannschaft versteht ihr Spiel nicht, die Fans verstehen das alles sowieso nicht. Wir können nur ratlos mitansehen, wie sich beim 1:3 in Hannover in einem wegweisenden Moment das Grundprinzip dieser Saison noch einmal durchgesetzt hat: Ambition ist für diese Mannschaft ein Fremdwort.

Mit einem Auswärtssieg hätte Hertha eine kleine Chance am Leben erhalten können, am Ende vielleicht noch Platz 7 zu erreichen. Ein frühes Gegentor durch Harnik reichte aber, um alle Matchpläne über den Haufen zu werfen. Danach spielte Hannover das, was Hertha vielleicht auch hätte spielen wollen: dominant und im guten Sinn aggressiv, mit dem Sinnbild des dritten Tors durch Füllkrug, das durch pure Wucht den Unterschied anzeigte.

Pal Dardai hatte im Interview vor dem Spiel von Spielfreude gesprochen, von Tempo und Umschalten. Anscheinend hatte Hertha mit vielen gerechnet, nur nicht mit der Möglichkeit, dass Hannover den gleichen Plan haben könnte - und ihn wirkungsvoller umsetzen würde. Mehrfach haben wir in dieser Saison gesehen, dass Hertha widerstandslos in schlechte Routine verfallen ist, wenn sich zeigte, dass der Gegner mehr vom Spiel wollte.

Zu analysieren gibt es gar nicht viel, wichtig ist nur, einen Aspekt hervorzuheben. Das Spiel passt in den Trend. Hertha hat in der Rückrunde viermal gewonnen, in allen Fällen waren es Siege, die nicht wirklich umkämpft waren, sondern die der Mannschaft mehr oder weniger zufielen. Hertha hat in dieser Rückrunde kein einziges Mal gegen einen Gegner gewonnen, der wirklich Widerstand geleistet hat - wie es bei Hannover der Fall war. Die Streitsportart Fußball, bei der es auch darum geht, sich durchzusetzen (und nicht nur relativ günstige Gelegenheiten zu nützen), wird von Hertha BSC nicht betrieben.

Das letzte Spiel gegen Leipzig steht nun unter dem ungünstigen Vorzeichen, dass es für die Dosen um viel geht, für Hertha aber nur noch um einen Akzent. Im Vorjahr gab es zum Ende den Akzent eines katastrophalen Spiels gegen Leverkusen - vor diesem Hintergrund kann man die aktuelle Saison als relativ erfolgreich sehen, denn Hertha hat solche Desaster eingehegt (das halbe gegen Hannover gestern wird leider niemand lange beschäftigen). Nur bei solcherart beschränkten Ansprüchen konnte ein ereignisloses Remis gegen schlaffe Bayern als "grandios" erscheinen, wie das tatsächlich geäußert wurde - eines von vielen Indizien für fehlende Maßstäbe.

Hertha war in diesem Jahr so "grandios" mittelmäßig, dass man eigentlich einen eigenen Tabellenplatz erfinden müsste: 10 minus. Das Minus kann mit einer starken Leistung gegen Leipzig noch gestrichen werden. Man fragt sich allerdings, woher diese Leistung kommen soll. Denn ein gutes Spiel beruht nun einmal auf gemeinsamem Verständnis, und daran fehlt es bei Hertha in diesem Jahr auf fast jeder Ebene.

Geschrieben von marxelinho am 06. Mai 2018.

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29. April 2018

Das Nichts, um das es nicht mehr geht


Die gute Nachricht zum Tag: Hertha BSC wird es nicht gelingen, sich zum dritten Mal hintereinander in einen europäischen Bewerb zu mogeln. Nach dem 2:2 gegen den FC Augsburg ist zwar Platz 7 immer noch möglich, aber zwei Unentschieden werden dafür nicht reichen. Und selbst zwei Siege würden die Fragen, die sich aus dieser Saison ergeben, nicht zum Verstummen bringen können.

Da wir Fußballspiele meistens vom Ende her betrachten, muss man nach dem Heimspiel gegen Augsburg zuerst einmal ein bisschen runterkommen. Die letzten zehn Minuten ging es nämlich hoch her. Pal Dardai warf sogar seinen Filius ins Gefecht, und der brachte sich besser ein als der glücklose Salomon Kalou. Von der gelb-roten Karte, die Palko mit einem sehenswerten Antritt provozierte, kann sich allerdings niemand etwas kaufen. Die Tore gehörten beide Davie Selke, bei dem Elfmeter, den er herausholte, ließ er dem eingewechselten Kapitän den Vortritt, bei dem zweiten revanchierte sich Ibisevic mit einer schönen Vorlage.

Da war plötzlich Hauruck und Intensität zu sehen, nachdem die Mannschaft zuvor 80 Minuten so spielte, als hätte sie seit Wochen nicht gemeinsam trainiert. Bei Ballbesitz fühlten sich jeweils ein bis zwei Spieler für eine Situation zuständig, Muster (Laufwege) für Raumgewinn waren nicht zu erkennen, Kombinationen begannen im Utopischen und endeten in der Sinnlosigkeit, die zu weiten Strecken das Charakteristikum dieser Spielzeit von Hertha ist.

Augsburg war die klar bessere Mannschaft in einem Spiel, in dem es natürlich keine deutlich sichtbare Überlegenheit gab. Es reichte schon, einen klaren Plan und ein bisschen Ruhe am Ball zu haben, um eine einmal mehr teilnahmslose Hertha zu düpieren.

Die Neutralisierungsduelle, die wir bisher von Hertha gegen Augsburg gewohnt waren (zwei Mannschaften wollen mit aller Nichtmacht ins graue Loch der Liga), sind vorerst Geschichte. Augsburg ist derzeit eine relativ kompetente Mittelmacht in der Liga, und Hertha versteckt sich weiter vor sich selbst.

Man könnte es auch, auf größere Zusammenhänge und auf den Regionalvergleich mit dem Schwabavaria-Konkurrenten umgelegt, so sehen: Berlin, eine provinziell geführte Weltstadt, hat einen Erstligaverein, der konsequent auf Kleinstadtniveau besteht. Wenn das so weitergeht, braucht Hertha kein neues Stadion, keinen neuen Investor und auch sonst nichts Neues, denn den Spandauer Wettbewerb um das uninteressanteste Projekt im deutschen Fußball gewinnt sie locker gegen sich selbst. Selbst die Ostkurve hat sich gelangweilt.

Und jetzt fange ich mit dem Runterkommen an.

Geschrieben von marxelinho am 29. April 2018.

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28. April 2018

Verwechslungsgefahr

Drei Spieltage vor Schlussbilanz hat Hertha gut Chancen auf das Erreichen von zwei speziellen Saisonzielen, die ich einmal formuliert habe: eine positive Tordifferenz und ein Tabellenplatz vor dem FC Augsburg. Der Vergleich mit dem Verein aus der bayerischen Kleinstadt erwies sich auch in diesem Jahr als sinnvoll, denn Augsburg stellt weiterhin so etwas wie einen funktionalen Mittelwert der Liga dar. Allerdings hat Hertha zuletzt alles getan, diese Position selbst einzunehmen. Hertha ist in diesem Jahr das neue Augsburg geworden.

Da trifft es sich gut, dass heute das Heimspiel gegen Augsburg ansteht. Da treffen also zwei Mannschaften mehr oder weniger auf sich selbst: auf eine nackte Überlebenspragmatik, die von der Teilnahme an der ersten Liga nicht mehr erwartet und zu ihr nicht mehr beiträgt als die minimalen Leistungen, die den Ausschluss (durch Abstieg) verhindern.

Es gibt allerdings einen Unterschied: Augsburg kann diese Erzählung aufgrund der lokalen Standortfaktoren auch dauerhaft verkaufen. Hertha wird aber kaum eine weitere Saison mit einer Erzählung durchkommen, dass (vorerst noch) der Zweck alle Mittel heiligt, nämlich ein extrem pragmatisches Vorgehen, das eigene Verantwortung für das Spiel und den Charakter der Liga zurückweist.

Die Personalie Mitchell Weiser ist ein Symptom dafür, dass die Erzählung schon dieses Jahr nicht mehr von allen akzeptiert wurde. Der Jungstar, der eine Geschichte beim FC Bayern in der Biographie hat, war Hertha im Grunde immer ein bisschen voraus. Er spielte vor zwei Jahren schon so, wie Hertha vielleicht künftig einmal spielen könnte - wenn man der Erzählung von Pal Dardai glauben darf.

Dieses Jahr lief zwischen Weiser und Hertha (und ich unterstelle aufgrund einiger öffentlicher Indizien: auch zwischen Weiser und Dardai) vieles schief. Einer der auffälligsten Vertreter der Gruppe der "stillen Reserven" wird aller Voraussicht nach relativ sang- und klanglos das Weite suchen. Er kann aktuell keine guten Leistungen vorweisen, kann das aber auch nicht ohne Grund auf Hertha schieben. Denn gute Leistungen waren in dieser Saison für die ganze Mannschaft kaum einmal das Ziel.

Der Vergleich mit Augsburg ist heute auch noch aus einem weiteren Grund interessant. Denn Augsburg war in dieser Saison unter Trainer Manuel Baum vielfach gar nicht Augsburg, sondern hat einen durchaus interessanten Fußball gezeigt, während Hertha vor allem im Olympiastadion einige typische frühere Augsburgiana gezeigt hat, trost- und freudlose Nullsummenspiele. Eine der schwächsten Saisonleistungen gab es (kleine Ironie) im Winter in Augsburg bei einem schmeichelhaften 1:1.

Im Vorjahr ging Hertha mit einem katastrophalen 2:6 gegen Leverkusen aus der Saison - und in den Europacup. Das war der Moment, in dem man eigentlich die tabellarische Überbewertung klar benennen hätte müssen, und in mancherlei Hinsicht ging die Kaderplanung auch darauf ein. Hertha hat heute einen interessanten, ausgeglichenen Spielerpool mit vielen Begabungen, von denen nur eines nicht ganz klar ist: wann sie beginnen werden, wirklich gemeinsam Fußball zu spielen.

Die drei Begegnungen gegen Augsburg, Hannover und Leipzig sind dazu eine herausragende Gelegenheit. Kein desolater Rasen, kein Druck durch mittelbare Abstiegsgefahr, und dazu noch zwei Gegner in der eigenen Preisklasse und ein symbolisch aufgeladener in einem abschließenden Heimspiel, das sogar noch ein direktes Duell (um Platz 8?) werden könnte: Hertha hat alle Möglichkeiten, dieser Saison noch einen Akzent zu geben. Und sich gegen Verwechslungsgefahr im Niemandsland der Liga zu wehren.

Geschrieben von marxelinho am 28. April 2018.

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27. April 2018

Ärenbemessungsgrundlagen

Der Rücktritt von Arsene Wenger hat ihm viele Sympathien eingebracht. Jetzt sieht man plötzlich überall Indizien dafür, wie schwer die Trennung von einem Mann fällt, der in den letzten Jahren eigentlich nur noch von Nimbus gelebt hat. Die Europa League wird nun in den letzten Wochen mit dem "allwissenden" Manager zu einer Standortbestimmung: Bleibt von der Ära Wenger vielleicht tatsächlich noch etwas anderes als der Umstand, dass sie eine Ära war, also lange gedauert hat?

Nach dem Hinspiel gegen Atletico Madrid sieht vieles danach aus, dass Wenger ohne einen großen Titel Abschied nehmen muss. Das 1:1 macht die Aufgabe im Auswärtsspiel jedenfalls sehr schwierig. Die Mannschaft von Diego Simeone zählt nach wie vor zu den interessantesten in Europa. Sie hat so viel Erfahrung, dass sie selbst eine frühe gelb-rote Karte gegen den rechten Außendecker Vrsjalko wettmachen konnte.

Spielverlauf und Ergebnis sind auch so etwas wie ein Sinnbild für die Probleme, die Arsenal in den letzten Jahren oft hatte: offensiv fehlt es gegen die schwierigen Gegner an Produktivität, und defensiv lässt sich die Mannschaft oft überrumpeln. Die Leistung gegen Atleti erinnerte mich an das diesjährige Heimspiel gegen Manchester United in der Premier League, in dem Arsenal drückend und begeisternd überlegen war, aber mit 1:3 verlor (wobei Mourinho inzwischen vor allem eine öde Kopie des immer interessanten Simeonismus im Sinn hat).

Abgesehen von dem verletzten Mkhitaryan und dem nicht spielberechtigten Aubameyang war das weitgehend die beste Elf, die Arsenal gegen Atletico aufbot: mit Lacazette im Zentrum, Welbeck auf dem Flügel, mit zwei extrem hohen Außendeckern (Monreal und Bellerin), sowie Ramsey, Wilshere und Özil vor Xhaka. Dahinter waren dann nur noch Koscielny und Mustafi, die beide spät noch eine wichtige Rolle spielten.

Nach einer Stunde gelang Arsenal ein Treffer: Wilshere bediente Lacazette mit einer schönen Flanke, Oblak hatte gegen den Kopfball keine Chance. Danach hätte vermutlich jeder vernünftige Trainer ein bisschen zur Vorsicht gerufen, aber Arsenal spielte mit Hurra auf ein zweites, und stand schließlich in der 82. Minute unnötig hoch, als Welbeck einen Ball verlor. Koscielny bewachte Griezmann an der Mittellinie.

Man kann in der Wiederholung sehen, dass der Stürmer einen Moment schneller reagiert, er suggeriert den langen Ball mit einer Bewegung, mit einem Umschalten im Kleinen, und Koscielny kommt zwar im Laufduell fast noch einmal zurück, hat dann aber Pech bei der Klärung. Ospina wehrt ab, aber der Ball bleibt im Spiel, und dass Mustafi dann ausrutscht (es "plattelt ihn auf", würden wir in Österreich sagen), passt als Symbolszene für eine ganze Saison.

Natürlich kann Arsenal auch in Madrid ein Tor erzielen oder zwei. Aber die jüngere Auswärtsbilanz macht skeptisch. Es sieht derzeit stark danach aus, als würde die Ära Arsene Wenger keinen krönenden Abschluss finden, sondern einen bezeichnenden.

Geschrieben von marxelinho am 27. April 2018.

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22. April 2018

Davie Longlegs strikes again

Hertha BSC ist auf dem besten Weg, das Gefälle zwischen Hin- und Rückrunde abzuschaffen. In den Jahren davor war das ein Markenzeichen gewesen, dass auf gute Hinrunden eine schwache Rückrunde folgte. In diesem Jahr war die Hinrunde passabel, und die Rückrunde läuft in etwa aufs Gleiche hinaus. Mit dem Auswärtssieg in Frankfurt wurde eine der unnötigsten Niederlagen aus dem Herbst kompensiert. Allerdings darf man keine zu großen Ansprüche an die Methode stellen.

Die Parallelen zum Auswärtssieg gegen Leverkusen sind augenfällig. Neuerlich ging es gegen eine Mannschaft, die nach einer englischen Woche angreifbar schien. Hertha griff allerdings zuerst einmal eine Halbzeit lang nicht an, sondern ließ sich von einer umsichtig pressenden Eintracht aus dem Spiel nehmen. Dazu präsentierten Leckie und Rekik dem Gegner zwei Großchancen - die ganze Partie war von Rutschgefahr geprägt, es rutschten aber fast nur Herthaner.

Das Gegentor fiel nicht, und nach der Pause begannen die Mittel zu wirken. Pal Dardai hatte vor dem Spiel von einer schnellen Mannschaft gesprochen, er hatte bei der Aufstellung auf Tempo wert gelegt, deswegen wohl auch Kalou auf der Bank gelassen. Von Duda bekam er aber zum Beispiel nichts in der gewollten Richtung. Von Davie Selke bekam er nach der Pause den gewünschten Effekt. Der Stürmer mit den langen Beinen (von Dardai extra erwähnt) holte sich im Strafraum einen umstrittenen Elfmeter.

Zwei Beobachtungen zu diesem Schlüsselmoment des Spiels. Selke war gestern das ganze Spiel hindurch eine Figur, die einen selbst Sandro Wagner wieder lieben lassen könnte. Er war fies und unangenehm, er fiel beim Elferfoul mit akrobatischem Pathos, er schoss den Elfer schlecht, traf aber trotzdem, und jubelte dann, als müsste er der ganzen Welt etwas zeigen. Ist wohl auch so, war auch wirkungsvoll, aber in Summe peinlich. Wenn das der Stil ist, auf den Hertha jetzt lossteuert, dann gibt es für uns keinen Grund, stolz zu sein.

Selke profitierte aber auch von einer schwachen Schiedsrichterleistung. Wobei da das VAR in Köln mitzuzählen ist. Dass man die Revision der Elfmeterentscheidung dem Schiedsrichter Stegemann überließ, ist Unsinn. Entweder es gibt in Köln Bilder, die das klarer entscheiden lassen, dann muss man das schnell kommunizieren, und den Referee auf dem Platz nimmt man damit aus der Kritik. Oder man schickt ihn zur Seitenlinie, wo er in so einem schwierigen Fall natürlich dazu neigen wird, nach Anhaltspunkten FÜR seine Entscheidung zu suchen. Das war für Hertha in diesem Fall gut. Für das VAR schlecht. Und damit für die Liga schlecht.

Das Foul von Selke später an Hasebe hätte er schon vor dem Ellbogenschlag des Japaners ahnden können, vor dem zweiten Tor gab es nicht genügend Kameras, um Leckies Position (mir kam vor: leicht im Abseits) zu erkennen, vor dem dritten Tor wurde ein Foul von Hertha nicht geahndet - da war Selke nicht mehr auf dem Platz, und Kalou zeigte Dardai, wie schnell er unter Umständen noch sein kann. Das war ein rarer Moment von Fußball in einem Spiel, von dem ein unbefangener Beobachter sicher nicht vermutet hätte, dass zum erweiterten Kampf um Europa gehörte. Es sah aus wie Abstiegskampf. Ich habe es allerdings nur im Fernsehen gesehen, es war wohl auch sehr heiß.

Punkte heiligen nicht alle Mittel. Hertha hat jetzt 18 in der Rückrunde, es könnten 25 oder sogar 27 werden. Das wäre natürlich toll. Ich würde mir trotzdem wünschen, dass sich die Mannschaft für die restlichen drei Spiele noch etwas anderes vornimmt, als irgendwie mitzunehmen, was halt so auf dem Weg liegt. Ein wenig Fußballkultur, ein kleiner Beitrag zu einer Liga, die etwas anderes ist als der gestrige Abnützungskampf, wäre wunderbar. Es wäre auch ein Zeichen, dass die Betreuer begreifen, dass dieses Jahr nicht der Weisheit letzter Schluss sein kann. Im Gegenteil: das war bisher ein statistisch halbwegs erfolgreiches, sportlich aber beschämendes Jahr.

Ich schreibe das jetzt bewusst noch einmal so hin, denn es könnte gut sein, dass Hertha aus dieser Saison noch ziemlich positiv hervorgeht. Und dann wird man die Umstände verdrängen. Im Idealfall gibt es am letzten Spieltag sogar noch so etwas wie ein Entscheidungsspiel - wenn schon nicht für Hertha, so doch gegen die Wettbewerbsverzerrer aus Leipzig. Hertha könnte gegen Augsburg, Hannover und RB ja noch versuchen, ein wenig Werbung für den (eigenen) Fußball zu machen.

Geschrieben von marxelinho am 22. April 2018.

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