15. April 2019

Ausstudierter Fußball

Das Auswärtsspiel in Hoffenheim ist mit einem erwartbaren Ergebnis absolviert worden. Hertha war, wie es mit diesem klangvollen englischen Wort heißt, "depleted", also in einem niedrigen Teilbereich der verfügbaren Kräfte, und hat bei dem 0:2 immerhin die rote Laterne in der Kategorie Laufleistung Mannschaft Jahreswertung an Schalke 04 abgegeben.

Konkret war es ein merkwürdiges Spiel, eine halbe Stunde flog es Hertha um die Ohren wie kein anderes in diesem Jahr, der Ball ging aber nur einmal ins Tor. Danach spielte Hertha mit, in Halbzeit zwei sogar spielgestaltend, ein Remis schien unter Umständen denkbar - bis zu einem Konter, den Reiss Nelson (von Arsenal geliehen!) verwertete.

Man kann bei diesem Beispiel nebenbei ein wenig über das Videoschiedsrichtern nachdenken, nämlich über dessen Grenzen: was nützen kalibrierte Linien, wenn die Kamera nicht auf Ballhöhe ist? Und wie dick sind eigentlich die Linien? Auf das Feld umgelegt, sind sie deutlich breiter als ein Schuh von Pekarik. Pal Dardai entfiel diesbezüglich jedenfalls eine im weitesten Sinn erkenntnisskeptische Bemerkung, für die er Zustimmung verdient.

Das Tor zählte aber, und damit war die Sache durch. Sie ist ja sowieso durch. Hertha hat diese Saison an anderen Tagen vermurkst, und nun geht es vor allem noch darum, in der Rückrundentabelle nicht mehr zu deutlich nach ganz unten zu rutschen.

Pal Dardai wird in der SZ noch mit einem bedeutsamen Satz zitiert: "Am Anfang der Saison haben wir einstudierten Fußball gespielt, nun sind wir nicht eingespielt, das muss man akzeptieren." Den letzten Satzteil sagt er sowieso gern: "Das muss man akzeptieren." Das ist fast schon die parallele rhetorische Figur zu seinem Lieblingstopos vom Vorwurf, zu dem es keinen Anlass gibt.

Tatsächlich haben wir in dieser Saison Hoffnungen gefasst, weil wir diesen einstudierten Fußball gesehen haben. Die Selbstreflexion muss also mit der Suche nach Gründen beginnen, warum dieses Vermögen verloren gegangen ist. Es taucht ja auch jetzt noch gelegentlich auf, aber es ist selten spielentscheidend - und genau darum geht es aber im Sport: Fähigkeiten (erworbene und geschenkte) entscheidend werden zu lassen.

Das ist ein Bereich, in dem Hertha am meisten zu arbeiten haben wird. Das sind Wachstumsbereiche, in denen es auch sehr auf Faktoren wie Identifikation und Perspektive ankommt - die Auswechslung von Lazaro kann man zumindest als ein kleines Indiz dafür nehmen, dass diese trübe Rückrunde schon Spuren in der Kaderstatik zu hinterlassen beginnt. Denn das ist nun einmal ein wichtiger Befund: sehr viele der Hertha-Spieler haben individuell eine gute Perspektive, der Club hat ihnen nur in diesem Jahr eine mögliche gemeinsame genommen. Durch das systematische Understatement des Trainers. Nun ist auch niemand mehr eingespielt.

Klünter und Mittelstädt wurden von Dardai eigens hervorgehoben. Ich finde auch, dass Mittelstädt immer mehr zum Herthaner der Saison wird. Er hat gestern keineswegs fehlerlos gespielt, aber er hat auch gezeigt, wie lernwillig er ist. Im Vergleich zu seinem direkten Konkurrenten, dem radikal einbeinigen Marvin Plattenhardt hat Mittelstädt aus sich einen relativ vielseitigen, tendenziell schon fast beidfüßigen Spieler gemacht, der das Spiel als permanten Lernprozess interpretiert. Er könnte zu einer Stütze der nächsten Hertha werden, jener Mannschaft, die nach dem Sommer von vorn anfangen muss - und die wir, ich bin mir sicher, kaum wiedererkennen werden.

Eingestellt von marxelinho am 15. April 2019.

1 Kommentare

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von Jörg (am 15. April 2019)
Im Fussball gibt es bei den meisten Mannschaften einen Zyklus von Erfolg und Krise. Gefühlt ist das jetzt die erste richtige Krise, erst recht wenn man auch noch gegen Hannover verlieren sollte. Wenn Preetz jetzt Fühler ausstreckt nach anderen Trainern finde ich das richtig, vorausgesetzt er schafft es, das nicht an die Öffentlichkeit kommen zu lassen. Kandidaten wie Breitenreiter oder Tedesco würde ich nicht als Verbesserung empfinden, Kandidaten wie Klinsmann lassen sich wahrscheinlich nicht realisieren. Hartmann hat viel zu wenig Erfahrung, auch wenn ich es schön finden würde, einen früheren Spieler interimsmäßig als Trainer wieder zu sehen. Vor einem Jahr hatte ich noch auf Niko Kovac als nächsten Hertha-Trainer gehofft, das hat sich ja inzwischen auch zerschlagen. Mit anderen Worten, ich glaube es ist schwer einen besseren als Dardai zu finden. Und: einen Trainer in der ersten richtigen Krise zu feuern, das kommt mir falsch vor. Dardais Stärken sind das Entwickeln junger Spieler, seine Medien-Arbeit und vielleicht auch seine Strategie. Seine Schwächen sind das konstante Pushen und Fordern im psychologischen Bereich sowie, anscheinend, eine Mannschaft über eine Saison eingespielt zu halten. Inwieweit da eine Aufgabenteilung mit Widmayer bestand, kann ich natürlich nicht beurteilen. Wenn Dardai bleibt, ist der nächste Widmayer die wichtigste Position in der nächsten Saison. Die zweitwichtigste ist das offensive Mittelfeld. Wenn Lazaro, Stark, Duda, Grujic gehen, sollte ordentlich Geld in die Kassen gespült werden. Preetz ist derzeit zwar nicht so gut wie Bobic, seine Einkaufspolitik war in der letzten Zeit aber schon ziemlich gut, und Dardai hat die Neuen immer sehr gut weiterentwickelt. Wenn man keinen Kevin-Prince fürs offensive Mittelfeld findet und keinen sehr guten Ersatz für Widmayer, würde vielleicht ein Modell funktionieren, in dem Dardai zum Sportdirektor ernannt würde?