27. November 2018

Das große Rad

Am Samstag gegen Hoffenheim war ich im Olympiastadion, bei der Mitgliederversammlung gestern Abend konnte ich hingegen nicht dabei sein. Es ist allerdings reizvoll, sich diese beiden Ereignisse einmal gemeinsam anzusehen - ein turbulentes 3:3 gegen einen Mitbewerber um die europäischen Plätze (wenn man Hertha in dieses Rennen einmal großzügig einbezieht), und ein geschäftlicher Ausblick, den man vielleicht in erster Linie so zusammenfassen muss: Hertha dreht jetzt an einem wirklich großen Rad.

Das Spiel am Samstag hat etwas bestätigt, was sich schon seit einer Weile angedeutet hat: Hertha hat ihren Charakteristika (das Phlegma fiel dieses Mal wegen des früheren Gegentors weg, die Kompaktheit war ohnehin nie eines, die Elastizität zeigte sich in enormem Maß) ein weiteres hinzugefügt: Naivität. Eine unsichere Ersatz-Innenverteidigung fand schwache Unterstützung durch die anderen Mannschaftsteile, die erste Hälfte hätte leicht schon mit einem Debakel enden können, in der zweiten Halbzeit ließ Hoffenheim nach, Hertha brauchte aber trotzdem einen Glücksschuss von Lazaro, um noch einen Punkt mitzunehmen.

Die Entwicklung der Mannschaft sieht also in etwa so aus: Ansätze zu einem ansehnlichen Offensivspiel sind zu erkennen, dafür ist die Grundlage verloren gegangen - 20 Gegentore nach 12 Spielen sind ein bedenklicher Wert.

In Geschäftsbetrieb gibt es keine direkte Analogie zu Gegentoren, aber auch da läuft nicht immer alles so, wie man es sich wünschen würde. Der Geschäftsführer Finanzen hat, nach allem, was ich den Tickern entnehmen konnte, bei der MV wie gewohnt eine wolkige Präsentation gegeben, die ich ungefähr so zusammenfassen würde: Hertha verschuldet sich ganz schön hoch, um wieder an 100 Prozent der Anteile zu kommen. Diese Schulden sollen dann auch nicht durch einen künftigen Investor beseitigt werden, denn dessen Geld wird ja für den Stadionbau gebraucht.

Ingo Schiller hat offensichtlich bewusst keine Summen genannt, wir dürfen also gespannt sein, wie hoch die Verbindlichkeiten von Hertha BSC mit Ende des Jahres sein werden - es sind ja schon welche vorhanden, dazu kommt dann eine nicht billige Anleihe, die aber nur etwas mehr als die Hälfte des Betrags abdeckt, den KKR bekommen wird. Ein wenig erstaunlich finde ich es schon, dass der Aufsichtsrat da nicht auf größere Klarheit drängt, andererseits muss man aber als Fan selbst darauf hoffen, dass nicht zu deutlich auffällt, wie sehr Hertha eigentlich ins Risiko geht.

Schließlich soll im ersten Quartal 2019 der Erbpachtvertrag für den Stadionbau abgeschlossen werden, und dafür muss politische Überzeugungsarbeit geleistet werden. Da sieht es nicht gut aus, wenn ein Unternehmen mit beträchtlichen Verbindlichkeiten ein umfangreiches Vorhaben auf den Weg bringen will, das irgendwo in den Bereich der Viertelmilliarde gehen wird.

Die Schlüsselaussage von Ingo Schiller war, dass seiner Meinung nach die Verbindlichkeiten, auf die Hertha sich derzeit einlässt, alle aus dem laufenden Betrieb zurückgeführt werden können. Das ist auf Grundlage des Umsatzwachstums bis zu einem gewissen Grad plausibel, allerdings ist schon die ebenfalls angeführte Kategorie der stillen Reserven ein klassischer Puffer, der im Grunde fiktional ist (richtig werthaltig wäre er ja nur, wenn Hertha für jeden verkauften Spieler einen gleichwertigen Gratisersatz aus dem eigenen Nachwuchs oder einen ablösefreien Spieler bekommen würde).

Wie der laufende Betrieb in drei, vier Jahren aussehen wird, ist dabei die entscheidende Frage. Der Betrieb der ersten Liga hat sich an deutlich wachsende Medieneinnahmen gewöhnt. Allerdings wird die Situation derzeit eher wieder unübersichtlicher, und es ist keineswegs gesagt, dass die DFL beim nächsten Abschluss - mit tendenziell verstärkter Fragmentierung durch neue Streaming-Anbieter - erneut einen Blockbustervertrag zustandebringt. Ganz zu schweigen von den Fans, denen das ja alles aufgeladen wird - wir zahlen ja mit immer neuen Monatsbeiträgen für Sky, DAZN and Eurosport jetzt schon satt, und wenn dann Amazon auch noch einsteigt, mal sehen.

Hertha geht also in einer spannenden Zeit in die Offensive, ist im Vergleich zu nicht wenigen Konkurrenten damit aber spät dran: im Grunde steht hier der letzte Stadionneubau in der ersten Liga an (und auch einer der wichtigsten). Ein wenig schummrig könnte einem bei all dem schon werden, dabei gilt aber auch immer schon eines der wichtigsten Gesetze in der Finanzwelt: man muss halt alles schönreden, sonst klappts schon gar nicht.

Eingestellt von marxelinho am 27. November 2018.

0 Kommentare

Kommentieren