04. Mai 2015

Das Schicksal ist ein Fadenwurm

Die bittere Heimniederlage gegen Lucien Favres Borussia Mönchengladbach würde ich auf folgende Formel bringen: Gladbach hat einen (ausgeglichenen) Kader, Hertha hat (nicht einmal so richtig) eine Elf. Dass Ibrahima Traore, ein Hertha-Reject, als "Joker" den entscheidenden Treffer erzielte, war ein ein winziges chemisches Ereignis irgendwo ganz hinten in dem Lachgasuniversum, das wir Fußballgott nennen. Deus sive FC Parzenona. Dass Genki Haraguchi dabei ausrutschen musste, war der Haken unter dem Ereignis. In der Szene war einfach der Wurm drin.

Ich würde mich wundern, wenn Favre, der sich offensichtlich über den Sieg freute, nicht auch heimlich ein wenig unzufrieden mit dem Spiel wäre. Denn Hertha gelang es immerhin, eine wesentlich offenere Begegnung zu provozieren, als es Gladbach in der Regel zulässt. Mit Schieber und Schulz, behaupte ich einfach einmal mit der Lizenz des Fans zum ungedeckten Konjunktiv, wäre sogar mehr drinnen gewesen. Zehn Tabellenplätze betrug der Klassenunterschied jedenfalls nicht.

Im Grunde war es ein schlechtes, gutes Spiel von beiden Mannschaften. Gladbach agierte teilweise wie der FC Bayern, Ballbesitzfußball mit schönen Passfolgen, guter Bewegung zwischen den Linien. Aber Hertha verteidigte - bis auf ein paar Momente - sehr gut, vor allem Lustenberger war stark. Leider scheint er für 90 Minuten Höchstbelastung nicht gemacht zu sein, er musste eine Viertelstunde vor Schluss aus dem Spiel.

Es lag vermutlich an dem schnellen Comeback von Hertha nach dem Führungstreffer durch Kruse (der Pokerkönig wechselt vermutlich für viel Geld zu der Mannschaft mit den wenigsten Fans in Deutschland), dass das Spiel so offen wurde. Die Bewegung ging von Stocker aus, Haraguchi setzte sich schön auf dem linken Flügel durch, Kalou köpfte an die Latte, und Stocker war wieder da, um abzustauben.

Insgesamt aber bleibt Kalou natürlich das derzeit zentrale Problem bei Hertha. Sein Spiel ist weitgehend sinnlos, der in einigen wichtigen Momenten begriffsstutzige Ndjeng ergänzte sich mit ihm ganz gut, also schlecht für das Vorhaben, zumindest einen Punkt zu holen. Der verdiente Luhukanier ist auf der Zielgeraden seiner Karriere bei Hertha, aber das ist nur ein Nebenaspekt. Wichtiger wäre, dass irgendjemand dem Superstar und CL-Sieger erklärt, dass die Bundesliga nicht die Major League Soccer ist. Er spielt wie einer im Ausgedinge, mit äußerst dosiertem Engagement und mit Selbstüberschätzung in wichtigen Momenten.

Genau genommen hat er so auch beim Africa Cup gespielt, dort flog er dafür wenigstens aus der Mannschaft, und gewann dann doch noch den Titel. Wie auch immer: drei Spiele noch, hoffentlich nicht fünf. Und dann muss dieses Missverständnis, dem ich auch unterlag, beendet werden. Katar, Russland, New York - in diese Richtung müsste es gehen, jedenfalls spielt Kalou so.

Für Hertha wird es langsam wieder eng. Die Qualität für einen Klassenerhalt aus eigener Kraft ist da, allerdings sind die Möglichkeiten auch weitgehend auf dieses Minimalziel limitiert. Es kann wirklich nur darum gehen, die Ziellinie irgendwie zu überschreiten, und dann beginnt das sommerliche Labyrinth zwischen den "Stellschrauben" oder "Baustellen". Dass Coach Pal jetzt schon an seine Grenzen stößt, wie es manche Fans meinen, halte ich für übertrieben. Das Spiel gegen Gladbach war sehenswert, Hertha spielte nicht wie ein Absteiger, es fehlt nur an entscheidendem Personal.

Gladbach wird Champion's League spielen, eine Mannschaft dafür haben sie nur in Ansätzen. So viel einfacher wird der Sommer beim Traditionsclub nicht, trotzdem hätte man natürlich lieber deren Sorgen.

PS Hätte ich beim Arsenal FC etwas zu sagen, ich würde Brooks kaufen.


Eingestellt von marxelinho am 4. Mai 2015.

4 Kommentare

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von Holger Breitner (am 04. Mai 2015)
Oh, vielen Dank für die absolut richtige Einschätzung über Kalou. Seit Monaten rege ich mich im Freundeskreis über diesen kompletten, spielerischen Fehleinkauf auf und immer wird mir versucht zu erklären, daß er nicht in Szene gesetzt wird. Er spielt wie ein Hemmschuh, er ist langsam im Denken, in seinen Bewegungen und er ist – das Schlimmste– sehr unglücklich. Zu großen Teilen kommt das aus seiner bizarren Fehleinschätzung seines fussballerischen Könnens. Er ist zudem eine Fehlstelle in der Mannschaft und gerade gegen Gladbach hatte ich mitunter das Gefühl, daß seine recht diszipliniert agierenden Mitspieler genervt waren, ob seiner Schusseligkeit und seiner aberwitzigen Fehlentscheidungen was mit dem Ball zu tun ist. Nein, nicht alles ist ihm anzulasten, aber mir fehlt sein Bemühen um eine Besserung. Lasst uns das Kapitel Kalou in der nächsten Saison in der 1. Liga!!! beenden.Bitte!
von Valdano (am 05. Mai 2015)
Die Mannschaft mit den wenigsten Fans dürfte aber doch der Club aus dem Kraichgau sein, oder? Gruß von Valdano
von Marxelinho (am 06. Mai 2015)
Wolfsburg oder Hoffenheim, ist ein enges Rennen
von Oliver (am 07. Mai 2015)
Immer wieder ein Jammer, wenn man daran erinnert wird, daß Gladbach wir sein könnten. Wir hatten da mal einen Trainer... Und einen Spieler, der wie Özil den Gegner in "franziskanischer" Schönheit zerlegt(vielen Dank noch für diesen Artikel über das wiederaufgeblühte Arsenal!) hatten wir mit Raffael auch. Ich mag natürlich auch Dardai und Widmayer ist auch ein sehr guter Trainer, aber Favre, was für ein Trainer! Wenn es unentschieden steht, wechselt er halt richtig ein und dann gewinnt er. Und daß Traoré das Tor gegen Hertha besonders will, weiss er natürlich auch.. Aber seis drum, wir bekommen die beiden nicht wieder, das wurde vor langer Zeit vermasselt. Jetzt nicht absteigen, dann Kalou loswerden, Cigerci, Baumjohann, Ben-Hatira und Schieber für die nächste Saison verlässlich fit bekommen. Das würde mir schon mal reichen. Wenn Dardai mit diesen Spielern hätte arbeiten können, müssten wir jetzt nicht mehr zittern. Toll zu sehen, wie Dardai und Widmayer die Mannschaft stabilisiert haben, aber eben komplett ohne kreative offensive Spieler spielen müssen. Und Stocker allein, den sie mental fit bekommen haben, reicht leider nicht.