19. Oktober 2019

Deckungsschattenspiele

Zum dritten Mal beginnt heute die Saison in der Bundesliga von vorn. Für Hertha trifft dies in einem besonderen Maß zu. Bisher gab es sieben Spiele, das erste in München war das Freispiel, es lief dort ganz gut. Dann gab es drei Niederlagen, alle unnötig, in der Konsequenz aber verdient, denn Ante Covic reagierte auf die relativ unglückliche Niederlage gegen Wolfsburg falsch und stellte die Mannschaft auf eine Außenseitertaktik um. Die Spiele gegen Schalke und Mainz gingen nicht zuletzt aufgrund mangelnder oder zu später Initiative verloren.

Es folgten drei Siege, ein dürftiger gegen Paderborn, ein für die Verhältnisse von Hertha ekstatischer gegen Köln, und ein abgeklärter gegen eine sehr schwache Fortuna aus Düsseldorf. Der Blick auf die Tabelle ist deutlich: diese drei Mannschaften stehen ganz unten, es waren also absolute Pflichtsiege. Hertha hat sich gerade auch unter Pal Dardai mit solchen Pflichtsiegen immer schwer getan.

Für Ante Covic waren diese neun Punkte entscheidend. Nun wird sich zeigen, ob sie eine Grundlage für mehr sein können. Denn seine Aufgabe ist ja eigentlich, den Leistungsschnitt der Mannschaft gegenüber Pal Dardai zu heben. Zwar standen unter dem späten Pal (Coach) die Zeichen auf Abwärtskonsolidierung, und es wäre schon ein kleiner Fortschritt, wenn Covic die Hertha in Sichtweite zum umfangreichen Spitzenmittelfeld der Liga halten könnte.

De facto aber macht seine Bestellung nur dann Sinn, bzw. wird er nur dann zu einem maßgeblichen Hertha-Trainer, wenn er Hertha in der engen Liga im oberen Segment konkurrenzfähig machen kann: Eine Konsolidierung im Niemandsland der Tabelle ist in der "vielleicht spannendsten Phase in der Geschichte von Hertha" (Michael Preetz) nicht mehr als Erfolg zu vermitteln. Dazu sind die letzten Abstiege inzwischen zu weit weg, außerdem hat Tennor nicht investiert, um Hertha auf Platz 11 einzumauern.

Werder Bremen ist in dieser Situation der ideale Gegner. Nicht nur die Nachbarschaft in der Tabelle, auch viele andere Faktoren weisen auf Parallelen hin: Kohfeldt könnte für Covic in mancherlei Hinsicht ein Vorbild sein, vor allem was die Spielanlage betrifft. Werder habe ich kaum einmal mit einer reinen Außenseitertaktik gesehen. Covic wird hoffentlich heute den Fehler von Gelsenkirchen nicht wiederholen, als er alles auf einen damals noch indisponierten Lukebakio zuschnitt, was ihm die Mannschaft mit Passivität dankte.

Es könnte ein spannendes, offenes Spiel werden, bei dem Hertha vor allem weiter am Flügelspiel arbeiten muss. Mit Dilrosun, Lukebakio und Wolf stehen drei Kandidaten für zwei Plätze zur Verfügung, für Kalou wird es wohl schon schwer, für Leckie wohl auch. Dass manche, wie ich auch, noch vor wenigen Wochen auf mehr Chancen für Dennis Jastrzembski hofften, ist nahezu vergessen. So brutal ist das Geschäft.

PS Wie immer gefällt mir gut, wie Ante Covic über das Spiel spricht. In einigen Kleinigkeiten verrät er durchaus, woran gearbeitet wird: zum Beispiel, ein absolut wesentlicher Faktor im heutigen Fußball, dass man auch "gedeckte Spieler" anspielen kann, und die dann Lösungen finden, zum Beispiel Grujic. Auch da gibt es Nuancen, minimale Bewegungen aus der Deckung, die schon andeuten, dass es eine Lösung darüber hinaus geben kann. Das Spiel besteht eben nicht nur aus den "intensiven Läufen", sondern auch aus den intuitiven Schritten, die ein begabter Kollege im Augenwinkel (im peripheren Sehen) bemerkt und die ihm eine Passidee suggerieren können. Wäre doch toll, wenn Hertha sich allmählich besser zur "Entfaltung" (aktuelles Lieblingswort von Covic?) bringen könnte.


Eingestellt von marxelinho am 19. Oktober 2019.

0 Kommentare

Kommentieren