23. Mai 2018

Der teilwissende Baske

Auf die Entscheidung, die heute bekannt gegeben wurde, habe ich seit Wochen inständig gewartet: Arsenal hat einen neuen Trainer. Unai Emery wechselt von Paris Saint Germain nach London, Thomas Tuchel wurde schon früher als Nachfolger von Emery in Paris bekannt gegeben. In den letzten Tagen hatte viele mit Mikel Arteta als Nachfolger von Arsene Wenger gerechnet, ob das eher ein Spin war, oder ob Emery tatsächlich kurzfristig den Vorzug bekam, lässt sich auch nach Lektüre der meisten britischen Zeitungen schwer sagen.

Eines aber ist jetzt doch klar: Arsenal hatte noch keinen Plan, als Arsene Wenger gefeuert wurde. Dass es eine Kündigung war, ist ziemlich eindeutig. Wenger selbst macht auch gar kein großes Geheimnis daraus. Es wurde also zuerst die eine Personalie geklärt, bevor die andere in Angriff genommen wurde.

Heimlich hatte ich ja doch eine Weile noch gedacht, dass es so etwas wie ein akkordiertes Vorgehen gibt: zuerst gibt es ausreichend Gelegenheit für einen würdigen Abschied von Wenger (das klappte ja dann auch ganz gut), dann wird die bereits vorbereitete Lösung präsentiert.

Es hätte sicher einen Moment gegeben, um auf Tuchel zuzugehen, allerdings wurde das durch das frühe Ausscheiden von PSG aus der Champions League erschwert. Anfang März konnte Ivan Gazidis, der CEO von Arsenal, noch nicht aus der Deckung, obwohl auch damals schon klar war, dass Wenger unbedingt abgelöst werden musste.

Tuchel wäre mein persönlicher Favorit gewesen, er hätte auch vom Typ her ideal in die Rolle des "Professors" gepasst. Zugleich hat er sich in den letzten Wochen beim BVB ja sehr klug von diesem Image entfernt, er zählt für mich neben Jürgen Klopp auch zu den interessantesten Persönlichkeitsdarstellern im heutigen Fußball. Mit diesem Wort will ich sagen, dass bei öffentlichen Figuren wie Klopp oder Tuchel natürlich immer die Inszenierung mitzubedenken ist. Beide sind ausgesprochene Talente in diesem Metier.

Arsenal hat also eine Weile gesucht, und ist nun bei einem dreifachen Europa League-Sieger fündig geworden. Emery wird es mit einer deutlich anderen Hierarchie als der allmächtige Wenger zu tun haben. Eine der großen Fragen für die Zukunft ist sicher, ob der Technokrat Gazidis nun Strukturen geschaffen hat, die Arsenal wieder wettbewerbsfähig machen. Offensiv erscheint mir die Personalsituation bei den Spielern eigentlich hinreichend, unklar ist vor allem, wie der Kern der Mannschaft verbessert werden kann: das Tor, die Innenverteidigung und das defensive Mittelfeld sind die neuralgischen Zonen.

Zum Beispiel interessiert mich sehr, wie Emery mit Xhaka umgeht. Ich könnte mir auch vorstellen, dass zwei neue Innenverteidiger kommen müssen, und für das Tor bringen die britischen Zeitungen schon Kevin Trapp in Stellung. Von Emery sagen viele, dass er Spieler individuell besser machen kann (wenn sie nicht, wie Neymar, meinen, schon alles zu können). Der Kader von Arsenal hat zahlreiche Spieler, die keineswegs am Limit gespielt haben: Da gäbe es also gut zu tun.

Gazidis hat mit der Ablösung von Wenger durch Gazidis nach Meinung der meisten Beobachter auch einen Machtkampf um die Initiative bei Arsenal gewonnen. Dabei ist durchaus unklar, ob er dabei überhaupt profilierte Gegner (mit einem eigenen Konzept der zumindest Vorstellungen) hatte. Trotzdem musste er natürlich moderieren. Der vorzeitige Abschied von Wenger war sein großer Move. Mit Emery spielt er nun ein bisschen auf Sicherheit. Trotzdem steckt in der ganzen Sache genügend Fantasie.

Hiermit sehe ich mich auch wieder offiziell als Gooner. Die Phase der Lethargie, die mit den langen Abschied vom allwissenden Elsässer kam, ist auch bei mir vorbei.


Eingestellt von marxelinho am 23. Mai 2018.

Kommentare