13. Dezember 2020

Der Webmeister

Zwei Jahre und ein bisschen was ist es nun auch schon wieder her, dass ich Matteo Guendouzi zum ersten Mal spielen gesehen habe. Er wurde in einem Europa League-Match von Arsenal gegen Vorskla Poltava eingewechselt, für Lucas Torreira. An seiner Erscheinung hat sich seit damals nichts geändert: die Mähne ist einmalig, sein Engagement leuchtet in seinen Augen.

Für eine Weile war er bei Arsenal trotz seiner Jugend drauf und dran, ein prägender defensiver Mittelfeldspieler zu werden, box to box wie der nie vollwertig ersetzte Aaron Ramsey, und mit einem exzellenten Auge für den spannenden Pass. Niemand Unberufener weiß genau, was zwischen ihm und Mikel Arteta schief gegangen ist, wenngleich sich auch auf dem Platz das eine oder andere Krisensymptom bemerken ließ. Dass Guendouzi mit seinem Ehrgeiz auch ab und zu überreagiert, konnte man eine Weile als jugendliches Ungestüm abtun. Trotzdem blieb es rätselhaft, warum er mitten in der Corona-Zeit plötzlich nicht mehr berücksichtigt wurde.

Nun spielt er leihweise bei Hertha. Gestern erzielte er sein erstes Tor beim 1:1 gegen Gladbach. Vor allem aber hat er gestern die Mannschaftsteile auf eine Weise zusammengefügt, wie es nur sehr begabte Spieler können. Hochinteressant war das auch deswegen, weil Gladbach auf seiner Position eines der größten deutschen Talente der Gegenwart hat: Florian Neuhaus sorgte denn auch mit einer Chipflanke für den Ausgleich und für ein insgesamt dann korrektes Ergebnis.

Gegen Union hat Hertha das eine Halbzeit lang noch sehr deutlich zu spüren bekommen: für einen Spielaufbau braucht es mehr als nur das ewige zentrale Hinundhergeschiebe mit einem dann doch unweigerlichen Pass auf eine Seite. Es braucht Bewegung im Zentrum, und es braucht dort Spieler, die im engen Raum Lösungen finden: technische Lösungen, einen Gegner aussteigen lassen und dann ein paar Meter vor  sich haben, oder eine kleine, geschickte Ablage an einen Nebenmann, der vielleicht gerade ein bisschen Platz hat.

Guendouzi kann das alles. Er spielt meistens in der zweiten Halbzeit auffälliger, vielleicht auch riskanter. Dass er so weit vorn auftaucht wie beim Tor, wäre vor der Pause noch nicht ganz so wahrscheinlich gewesen. Er spielt natürlich auch häufig zurück, aber bei ihm hat man selten das Gefühl, dass er das aus Bequemlichkeit macht. Er spielt selten einen Alibipass, man hat noch bei einfachen Zuspielen oft das Gefühl, er wüsste auch schon, wohin der Nebenmann dann spielen könnte.

Mit einem Wort: Hertha hat einen sehr wertvollen Spieler zur Verfügung, bei dem auch - anders als bei Marko Grujic - sportliche und mentale Faktoren in einem guten Verhältnis stehen. Mit Guendouzi und Cunha hat Hertha jetzt zwei richtig spannende Dynamiker in der Mannschaft. Dass Niklas Stark gestern schon früh einmal im gegnerischen Strafraum auftauchte, rechne ich auch zum Teil Guendouzi zu, der die Kollegen anspornt und absichert.

Nicht auszudenken, Hertha hätte stattdessen, wie es kurz im Raum stand, im Winter viel Geld für Granit Xhaka ausgegeben: der sieht sich als Führungsspieler, spielt aber selten wie einer. Guendouzi ist immer noch ein Talent, spielt aber oft schon wie ein künftiger Webmeister - einer, der aus elf Spielern ein bewegliches Gefüge machen kann.

Wenn Hertha gestern nicht in manchen Momenten zu unkonzentriert in Ballbesitz gewesen wäre (Lukebakio!), wäre in Gladbach sogar mehr möglich gewesen.

PS Ich wiederhole mich, aber ich finde es schade, dass Arne Maier, der das alles auch kann, was Guendouzi kann, durch die Transfers des letzten Jahres (Ascacibar, Tousart) bei Hertha systematisch demontiert wurde und nun bei Bielefeld offensichtlich auf keinen grünen Zweig kommt.


Eingestellt von marxelinho am 13. Dezember 2020.

0 Kommentare

Kommentieren