28. Juni 2020

Die Labbadia-Tabelle

Die Schlusstabelle der Bundesliga-Saison 2019/2020 enthält eine kleine Big-City-Pointe: die Clubs aus der Hauptstadt liegen fast einträchtig mittendrinn, Schulter an Schulter, getrennt nur durch sieben Tore, die Union weniger erzielt hat (bei auch einem Gegentor weniger). Für die Eisernen ist das ein riesiger Erfolg, für Hertha ist es im Vergleich zu den Jahren davor eher business as usual, und verrät wenig von dem Chaos dieses Spieljahres.

Ein Rückblick wird sinnvollerweise zweizuteilen sein: die Wiederaufnahme des Spielbetriebs im Mai ging bei Hertha ja mit der Bestellung von Bruno Labbadia einher. Dessen Bilanz ist deutlich besser als die Gesamtsaison: 9 Spiele, 13 Punkte, Torverhältnis 18:11, Punkteschnitt 1,44 (zum Vergleich: 34 Spiele, 41 Punkte, 48:59, also minus 11, Punkteschnitt 1,2 unter Covic/Klinsmann/Nouri/Labbadia).

Labbadia hatte einen sehr guten Start mit einem 3:0 in Hoffenheim und einem 4:0 gegen Union, das im Endeffekt fast vollständig den gesamttabellarischen Unterschied zum Stadtrivalen ausmachte (hätte Hertha 1:0 gewonnen, wären die Teams, natürlich rein theoretisch, nur durch die Anzahl der erzielten Treffer getrennt). Das 2:0 gegen Leverkusen brachte noch eine reife Leistung zum Abschluss, die Niederlage gestern gegen Gladbach machte hingegen deutlich, wo Hertha steht - nämlich völlig zu Recht auf Platz 10 und schließlich doch deutliche acht Punkte von einem europäischen Bewerb getrennt.

Gladbach ist so etwas wie der Musterverein der Bundesliga: es gibt dort kein Finanzdoping, keine Standortvorteile, nur eine große Tradition und seit vielen Jahren sehr kompetente und vor allem auch kontinuierliche Arbeit. Das ist bemerkenswert, weil auch Max Eberl keineswegs alle Trainerentscheidungen perfekt gelingen. Gestern konnte man aber sehen, dass Gladbach unter Marco Rose gegenüber Hertha doch deutlich weiter ist. Denn in Sachen Spielgestaltung lief bis auf eine Phase in der zweiten Halbzeit bei Hertha nichts. Das passt zu dem Eindruck aus dem Leverkusen-Spiel, wo Hertha sich so richtig eingrub, und geschickt einem dem Ruf nach größeren Gegner die Luft ausließ.

Labbadia hat die Mannschaft für meine Begriffe vor allem mental offensichtlich gut erreicht. Er hat anfangs auf ein Gerüst aus Veteranen gesetzt, hat Pekarik, Skjelbred und Ibisevic (re)aktiviert, und hat Ansätze dafür geschaffen, dass die Mannschaft aus sich heraus funktioniert. Hertha ließ sich auch in diesem Jahr häufig fremdbestimmen, durch schwache Leistungen zu Beginn von Spielen, durch Abwarten, durch mäßige Konzentration. Labbadia hat wohl erste Ansätze geschaffen, dass die Mannschaft einen autonomen Kern findet, der sowohl in Spielen mit Außenseiterrolle (Leverkusen) wie mit Favoritenrolle (Union) funktioniert. Hertha hatte dabei auch Glück, dass die Eisernen im Derby eine ungewöhnlich schwache Leistung brachten.

Gegen Team wie Augsburg, Freiburg und Frankfurt zeigte sich, dass die Fortschritte fragil sind. Das kann nicht anders sein angesichts der außergewöhnlichen Umstände. Einige Schlüsse für die kommende Saison lassen sich aber schon ziehen.

Jordan Torunarigha: Der Innenverteidiger ist zum Glück langfristig (wenn auch ohne offiziell veröffentlichtes Enddatum) an Hertha gebunden. Es wäre eventuell sogar sinnvoll, seinen Vertrag dieses Jahr noch einmal anzupassen, also ihn aufzuwerten und auszudehnen. Sieht man von gelegentlichen Ungeschicktheiten wie beim Solo von Kamada gegen Frankfurt ab, ist er eine Säule. Mit ihm sollte man sehr spezifisch an den langen Pässen bei der Spieleröffnung arbeiten, da passen Intuition und Ausführung oft noch nicht zusammen. Und er ist auch mit seinen Läufen ein Faktor.

Arne Maier: Ich sehe ihn auf der Sechs und dort als Spielgestalter. Er kam zuletzt von der Bank, und hat, mit seiner Wendigkeit vor allem, und mit seinen Pässen immer einen Unterschied gemacht. Keinen großen, aber das wird noch. Ich weiß, dass mit Tousart ein Mann für diese Position kommt. Zuletzt hat sich gezeigt, dass Hertha mit einer flachen 6er-8er-Achse besser funktioniert. Stark war auch überraschend gut neben Grujic, der seinerseits insgesamt keine Argumente für eine weitere Saison bei Hertha gesammelt hat. Schade, denn man sieht auch immer noch das Potential.

Darida: Die Lunge der Liga funktioniert besser, wenn Cunha dabei ist. Denn eines der Erfolgsrezepte von Hertha zu Beginn der Labbadia-Spiele war die linke Offensivseite, die sehr flexibel bespielt wurde. Das ging mit den Problemen von Plattenhardt, Mittelstädt und Cunha bald wieder verloren, und Darida hatte danach so viel zu tun, dass er diese Integrationsrolle im linken offensiven Bereich nicht mehr so gut hinbekam bzw. ihm dafür die Partner fehlten. Im Grunde aber könnte man mit Darida als linksflexiblem defensiven Zehner und Cunha als freigeistigem Linksaußen durchaus ein spannendes Modul für die Mannschaft 20/21 sehen.

Lukebakio: Würde man Valentino Lazaro oder vielleicht sogar Mitchell Weiser fragen, ob sie vielleicht besser bei Hertha geblieben wären, was wäre die (ehrliche) Antwort? Auf jeden Fall hat Hertha auf der rechten Seite derzeit einen Hochkaräter, der immer wieder stutzig macht. Lazaro hatte sicher die insgesamt deutlich bessere, mannschaftstragende Bilanz, aber Lukebakio hat zuletzt angedeutet, dass er vielleicht doch auch in die Bereiche des Spiels hineinfindet, die als Mannschaft gespielt werden. Nebenbei: hat er jemals ein Dribbling gewonnen?

Hertha hat im aktuellen Kader das Patchwork für eine interessante Formation in einer kommenden Spielzeit, über die wir noch wenig sagen können. Die Labbadia-Tabelle deutet mindestens darauf hin, dass man nicht unbedingt teuer einkaufen muss, um kommendes Jahr um Platz 6 mitspielen zu können. Für Platz 3 oder 4 würde es sowieso einer längerfristigen Strategie bedürfen, und da wird sich dann auch von Labbadia zeigen, ob das in seinem Repertoire ist. Bisher war er mit Basics befasst, er hat eine wirre Saison halbwegs in Ordnung gebracht. Und er hat Hertha auch durch sein Auftreten gut getan.

Eingestellt von marxelinho am 28. Juni 2020.

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