01. Oktober 2019

Doktorarbeit

Achim Beierlorzer wollte nach dem 4:0 von Hertha am Sonntag in Köln wissen, wer da das Drehbuch geschrieben hat. Wie immer im Fußball handelt es sich um ein Werk ohne Autor, zu dem jedoch viele Ärzte beigetragen haben. So ist das ja auch im Kino manchmal: damit ein Drehbuch wirklich gut wird, muss manchmal darum herumgedoktort werden.

Ante Covic hatte da auch die eine oder andere Idee im Köfferchen. Er hatte Darida statt Duda auf die 10 gestellt. Und er brachte den Vedator zu einem Zeitpunkt, als es galt, eine Entscheidung herbeizuführen.

Man muss wie immer Vorsicht walten lassen. Es hätte nämlich auch alles ganz anders laufen können. Hertha begann wie üblich passiv. Dieses Mal dauerte diese Phase aber nur etwa eine Viertelstunde, danach begann die Mannschaft vorsichtig, sich ein wenig von dem Spiel anzueignen. Dem Führungstreffer durch Dilrosun (Weitschuss, Spanndrall, verblüffende Flugbahn jedenfalls für Horn) ging Ballbesitz in der gegnerischen Hälfte voraus, konkret ein Pass durch Darida, der damit zum Spielgestalter wurde.

Darida war es auch, der wenig später einen haarigen Ball so erwischte, dass Merés Bewegung (ebenfalls an diesem Ball interessiert) zu einem dramatisch wirkenden Foul wurde. Eine rote Karte nach Intervention des VAR war die Folge.

In Halbzeit zwei gab es noch einmal eine kleine Andeutung von blauweißer Passivität, die Räume erwiesen sich aber als zu groß, als dass Hertha da nicht hineingehen hätte müssen. Und der Trainer brachte Ibisevic, der sich spektakulär einführte: ein mustergültiger Laufweg im Strafraum brachte ihn an das Ende einer Hereingabe von Klünter, der es an die Grundlinie geschafft hatte (wo Hertha in diesem Jahr noch selten war). Da war Selke gerade erst ausgewechselt worden.

Für den designierten Nachfolger von Ibisevic war es damit ein frustrierender Abend, denn er hatte sich aufgerieben, während der Joker gleich noch ein zweites Tor machte, also eine der Geschichten des Abends schrieb. Wir können gespannt sein, welche Folgerungen Covic aus dieser Sequenz (Selke startet, Ibisevic macht als Joker die Tore) zieht. Es muss ja nicht naheliegender Weise heißen, dass der Kapitän deswegen gegen Düsseldorf wieder in die Startelf kommt. Viele Fans werden es sich aber wünschen.

Immerhin gibt es nach dem zweiten Sieg in Folge erste Indizien dafür, dass Covic ein Team findet. Boyata und Stark spielen sich ein. Skjelbred gibt im Zentrum Sicherheit, wobei seine spieleröffnenden Versuche von der Liberoposition aus nicht der Weisheit letzter Schluss waren. Grujic hat immer noch so ein bisschen ein Beteiligungsproblem, oder man könnte auch sagen: ein Abwägungsproblem, wie weit er sein offensichtliches Eleganzbedürfnis den schmutzigen (und beschleunigenden) Aspekten des Spiels opfern will.

Dilrosun ist endlich wieder dort, wo wir ihn vor einem Jahr schon hingejubelt haben: er macht Unterschiede in einer Mannschaft, die genau das am wenigsten gewöhnt ist - einen Unterschied machen zu wollen.

Die Reihenfolge der Gegner bringt nun bis zum Spiel gegen den BVB lauter Herausforderungen, die gerade deswegen so tückisch sind, weil man drei Punkte in allen Fällen als Ziel ausgeben könnte - auch auswärts in Bremen, zum Beispiel. Man muss halt in jedem Fall den Drehbuchdoktor auf seine Seite bringen. Mit Abwarten geht das selten. Aber fürs Erste ist Hertha ja nun aus der gröbsten Passivität heraußen.

Eingestellt von marxelinho am 1. Oktober 2019.

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