17. Mai 2018

Doppelbelichtung

Die Übertragung aus dem Fußballpark Hohenbuschei in Dortmund am Mittwoch von dem U19-Spiel zwischen dem BVB und Hertha BSC war auch eine Übung in Perspektivwechsel. Wegen der niedrigeren Kameraposition sieht man so ein Spiel eher so wie die Beteiligten am Spielfeldrand, es gibt keinen Hochsitz wie den, von dem aus ich die Profis beobachte.

Hertha kam nach dem 4:0 im Hinspiel fast noch einmal ins Schwimmen. Die Formulierung liegt nahe angesichts zweier Unterbrechungen wegen Sturzregen, die zweite dauerte ziemlich lang, da stand es 2:0 für den BVB, und es waren noch ungefähr zehn Minuten offen. Dann fiel sogar noch das 3:0, und es fehlte nur noch ein Tor für ein Comeback, wie es im Jugendfußball keineswegs ungewöhnlich wäre.

Hertha hatte aber auch noch etwas zuzusetzen: Arne Maier kam ins Spiel und zog sofort die Fäden. Mit ein bisschen Glück brachte ein Konter schließlich das erlösende Tor durch Muhammed Kiprit. Hertha steht im Finale gegen Schalke 04 - gespielt wird am Sonntag nach dem CL-Finale in Oberhausen.

Als ich neulich von der S-Bahn Pichelsberg zum Hinspiel im Amateurstadion spazierte, da hörte ich ein paar Sätze aus einer Diskussion von Fans mit, die von einem Angebot des FC Liverpool für Kiprit wissen wollten. Heute schreibt der Kicker, dass Kiprit wohl das Angebot von Hertha annehmen wird, in den Profikader aufzurücken. Wir können wirklich gespannt sein, wie sich die Karrieren dieses Jahrgangs entwickeln werden. Und auf Michael Hartmann sollten wir auch ein Auge haben.

Die U19 hat zwar gestern drei Gegentore kassiert, ein Faktor war dabei aber wohl auch die Verletzung und Auswechslung von Florian Baak. Insgesamt aber hat diese Mannschaft einen sehr guten ganzheitlichen Ansatz: Das Heimspiel und nun auch das Rückspiel waren ja auch deswegen so begeisternd, weil der Nachwuchs die taktischen Vorbehalte noch nicht so stark berücksichtigen muss. Beide Spiele waren auf eine Weise offen, wie es bei den Profis nicht mehr möglich wäre.

Es ging munter hin und her, eigentlich war es ein ideales Fußballspiel, das tatsächlich von Strafraum zu Strafraum geführt wurde und nicht vorwiegend im mittleren Drittel. Ein taktisches Foul an Julius Kade war so ein Indiz für die Dynamik, mit der die U19 immer wieder herausspielt, die schnellen Flügelspieler sind sowieso ein Vergnügen, und es gab ein paar sehenswerte Passfolgen - interessanterweise scheinen die Jungen weniger eingeschränkt (oder selbstbeschränkt) in ihren Möglichkeiten am Ball, eine Facette, die Arne Maier auch bei den Profis schon erkennen lässt.

Das kleine Beobachtungsexperiment, das sich mit diesem Saisonausklangsgeschenk eines unerwarteten Finals verbindet (eine Art Doppelbelichtung, denn ich sehe die Jungen und die Profis vor dem geistigen Auge immer gleichzeitig), macht jedenfalls Lust auf den Sommer bei Hertha. Auf einen Sommer, in dem der Profikader mehr denn je durchlässig werden dürfte für den eigenen Nachwuchs. Wenn das eine Konsequenz aus dieser Saison ist, dann wäre das auf jeden Fall ein versöhnlicher Aspekt.


Eingestellt von marxelinho am 17. Mai 2018.
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