31. März 2019

Dosen sunt Omen

Ein Fußballtrainer hat viele Aufgaben: er muss eine Mannschaft aufstellen, vor allem aber muss er sie auch einstellen. Sie muss zum Anpfiff eines Spiels für eine spezifische Aufgabe bereit sein, sie muss eine Vorstellung haben, was auf sie zukommt, und wie damit umzugehen ist.

Es deutet viel darauf hin, dass Pal Dardai vor allem in diesem Bereich an sich arbeiten muss. Hertha ist in dieser Saison schon häufig entweder apathisch oder lethargisch in Spiele gegangen. Gestern gegen Leipzig wurde daraus eine gefährliche Konstellation: die Dosen sind (abgesehen von einem heroischen, allerdings für das Selbstverständnis der Mannschaft folgenlosen Auswärtsspiel vor eineinhalb Jahren) eindeutig der Angstgegner. Hertha war in einer Weise chancenlos, die ein Licht auf die ganze Saison wirft.

Da ist der Mythos von den starken Leistungen gegen "die Großen". Gladbach war zweimal bedenklich schwach gegen Hertha, und zeigt sich sowieso auf dem absteigenden Ast. Die Bayern sind in diesem Jahr insgesamt alles andere als unangefochten, und Hertha hat vor allem im Auswärtsspiel aus eigenem Versäumen nicht mehr geholt. Der BVB liegt Hertha, weil er ein offenes Spiel anbietet, aber so begeisternd das vor zwei Wochen anzusehen war, so deutlich verdient war letztlich auch diese Niederlage.

Bleibt als "große" (reiche) Mannschaft in Deutschland RB Leipzig. Hier wäre für Hertha wirklich ein Gradmesser, und hier zeigen sich Jahr für Jahr die Grenzen mehr als deutlich.

Das Debakel gestern hatte auch einen taktischen Aspekt. Hertha hat die Saison mit einer Dreierkette begonnen, das war damals eine interessante Variante, die sich seither weitgehend verstetigt hat, sich für meine Begriffe aber schon eine Weile deutlich als verfehlt erweist. Um es ganz einfach zu sagen: die fehlenden Doppelpositionen außen sind gravierender als der zusätzliche Mann in der Mitte, wenn erstens Lustenberger einen katastrophalen Tag hat wie gestern, viel wichtiger aber: wenn er eigentlich gar nicht gebraucht wird, weil die Gefahr an anderer Stelle beginnt.

Gestern war Lustenberger mehrfach ratlos, wo er eigentlich eingreifen sollte. Er wäre als Sechser gebraucht worden, dort gibt es aber seit längerem Abstimmungsprobleme zwischen Maier und Grujic - der Coach hat schließlich Maier abgestraft, was ich als unfair empfand, denn Grujic ist schon seit einiger Zeit defensiv anfällig. Der beste Mittelfeldspieler, den Hertha seit langem angeblich hat, hat sich auch als sehr irdisch erwiesen.

Ich habe das Spiel gestern nicht zuletzt unter dem Eindruck der Pressekonferenz vom Donnerstag gesehen, bei der vor allem Michael Preetz einen so verdrossenen und verdrießlichen Auftritt hingelegt hat, dass man sich über die Leistung der Mannschaft nicht mehr so stark wundern muss.

Hertha hängt im Moment ziemlich in der Luft: die Stadionpläne stoßen auf Widerstand (was inzwischen eher patzige Reaktionen bei Hertha provoziert), die Finanzen sind, ich sage es vorsichtig, momentan nur als gewagte Spekulation auf die stillen Reserven in einem immerhin spannenden Spielerkader zu vertreten, und sportlich ist die Saison nun tatsächlich vorbei. Da war das gestrige Spiel nur die logische Konsequenz aus einer Reihe von auffälligen "Ausfällen": gegen Leverkusen, gegen Wolfsburg, gegen Freiburg, selbst gegen Mainz in Halbzeit eins.

Die Frage der Einstellung zieht sich also durch alle Bereiche. Das positive Selbstbild, auf dem eine erfolgreiche Leistung beruht, fehlt. Stattdessen gibt es die üblichen Andeutungen, dass "von außen" etwas an den Club herangetragen wird, was Hertha nicht erfüllen kann oder will. Ich bin einer von außen, und ich kann nur sagen: als Fan stelle ich keine Ansprüche, aber ich sehe mich als kleiner Teil einer Clubkultur, an der ich positiv mitwirken will. Aber die negativen Vorzeichen waren an diesem Wochenende stärker, und die Verantwortlichen haben keine Mittel gefunden (zum Teil nicht einmal gesucht), um sie zu entschärfen.

Eingestellt von marxelinho am 31. März 2019.

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