05. Juni 2018

Ein Mann in Watutinki

Hertha BSC 2017/2018: Wie gut waren die Spieler?

Marvin Plattenhardt wird für Deutschland nach Russland fahren, und das heißt: auch für Hertha BSC. Wir Herthaner werden einen Mann in Watutinki haben. Das ist ein willkommener Anlass, noch einmal auf die Bundesligasaison zurückzublicken und zu schauen, wie sich die Hertha-Spieler gezeigt haben. Im Vorjahr habe ich ein Einzelrating gemacht, dieses Jahr versuche ich es anders: es geht mir nicht so sehr darum, die Spieler jeden für sich zu bewerten (das sollen berufenere Experten tun), sondern ich möchte versuchen, ein wenig zu verstehen, wie sich in diesem Jahr Mannschaftsleistungen und invididuelle Leistungen zueinander verhalten.

Das eine ergibt sich ja immer aus dem anderen, auf eine geheimnisvolle Weise aber in beide Richtungen: die Mannschaft spielt nicht einfach dann besser, wenn jeder individuell brilliert, sondern auch die Einzelleistungen hängen sehr von dem Gesamtauftritt ab.

Wir können gut mit Plattenhardt einsteigen, von dem man auf den ersten Blick eigentlich sagen muss, dass er eine enttäuschende Saison gespielt hat. Jedenfalls vor dem Hintergrund der Leistungen ein Jahr davor. Sieben Assists in diesem Durchlauf, davon allerdings zwei sehr wichtige in der späten Phase (gegen Hamburg und Köln). Vor seinen Freistößen muss sich niemand mehr fürchten, im Aufbauspiel ist er wegen seines vollständig tauben rechten Fußes (mit dem er gelegentlich einen halboffensiven Pass ins Zentrum spielen könnte) beschränkt.

Was für den linken Außendecker gilt, gilt tendenziell für die meisten Spieler im Kader. Sie haben sich in diesem Jahr nicht weiterentwickelt - dies alles aber eben vor dem Hintergrund, dass die Mannschaft insgesamt ein Ambitionsproblem hatte, das sie wohl doch von Pal Dardai übertragen bekam. Nicht zufällig wurde Lustenberger zu einem der wichtigsten Spieler, vom Coach immer wieder hervorgehoben wegen seiner angeblichen guten "Antizipation", für mich die Symbolfigur eines (auch ganz buchstäblich) rückwärts gewandten Sicherheitsfußballs, der nicht einmal wirklich sicher war.

Im zentralen Mittelfeld gab es mit Arne Maier immerhin eine Spielerentdeckung, aus der eine andere Hertha hervorgehen könnte: eine Mannschaft mit einer Ballverarbeitung auf der Höhe des neueren Fußballs, dazu ein geschickter Zweikämpfer, in jeder Hinsicht ein integrierender Spieler. Skjelbred hatte seine besten Spiele neben Maier. Darida fügte das Spiel nur in Ansätzen zusammen, bei ihm ist auch unklar, wo er besser hinpasst - als Zehner ist er ja vor allem erster Anläufer, wobei Hertha ja durchwegs ein schwach definiertes Pressing spielte, auch in dieser Hinsicht nicht Fisch (Simeone) und schon gar nicht Fleisch (Guardiola).

Die zweite Entdeckung war Davie Selke. Er war zugleich der "Königstransfer", es wäre also eine Blamage gewesen, hätte er sich nicht gezeigt. Der Coach war sich bei ihm nicht immer ganz sicher, aber in beiden Runden machte er sich hinten heraus stark bemerkbar. Seine Aggressivität ist grenzwertig, und ein individuelles Entwicklungsthema, sein Laufstil ist schräg, aber er ist gefährlich und hat Charisma.

Das gilt auch für Salomon Kalou, der in diesem Jahr schon sehr deutlich Probleme mit dem Spiel hatte, der es aber (fast schon würde ich sagen: durch reine Aura) auf unglaubliche zwölf Tore und drei Assists brachte - eine Leistung, die sich wohl nicht wiederholen lassen wird, wenn Hertha hoffentlich im neuen Jahr einen konstruktiveren Fußball spielt. In gewisser Weise war Kalou unser "man of the season" - er war selten wirklich gut, aber er war zumindest oft da, wenn es darauf ankam.

Leckie und Lazaro, ebenfalls in ihrer ersten Hertha-Saison, waren beide zu unbeständig, um über Andeutungen hinauszukommen. Dass Lazaro Potential hat, ist klar, aber er ist noch nicht ideal integriert - kein Wunder bei der Mannschaft, die häufig aus Individualverwaltungen von Aufgabengebieten bestand, wo man sich ein Zusammenspiel erhoffen würde.

In der Defensive tauchte im zweiten Hallbjahr das Problem auf, dass links mit Torunarigha ein möglicherweise herausragendes Talent hinter dem weitgehend überzeugenden Neuzugang Karim Rekik auf Einsätze warten muss, während rechts eine der großen Saison-Enttäuschungen mehr oder weniger konkurrenzlos war. Es mag hart klingen, wenn ich Niklas Stark so negativ hervorhebe, aber er erschien mir als einer der neuralgischen Punkte einer Hertha, die defensiv keineswegs so kompakt war, wie man es ihr nachsagt (und wie sie sich selbst sieht), und die beim Spielaufbau so schwer in die Gänge kommt.

Das Dogma, dass ein Linksfuß nur links in der Innenverteidigung spielen darf (oder dass links in der Innenverteidigung nur ein Linksfuß spielen darf), wird zum Beispiel von Mats Hummel und vom FC Bayern widerlegt (wie auch von Der Mannschaft). Hummels und Boateng bevorzugen beide den rechten Fuß. Die Zurücksetzung von Torunarigha ist auch Ausdruck eines schlechten Dogmas bei Hertha: quer durch die Formation gibt es im Passrepertoire fußbedingte halbseitige Lähmungen, deswegen enden so viele Spielzüge im Dickicht an den Außenbahnen. Es wäre interessant, Torunarigha aus seiner Konditionierung auf links einmal herauszuholen, er könnte mittig in einer Dreierkette spielen oder sogar rechts statt Stark, es könnte auf die ganze Mannschaft ausstrahlen. Er hat Anzeichen für singuläres Talent gezeigt, man würde ungern in sechs, acht Jahren einen weiteren Herthaner (wie Jerome Boateng) die Champions League gewinnen sehen, den man hier zu früh ziehen lassen musste.

Bei Ondrej Duda ist nicht ganz klar, woran es haperte (am mangelnden Vertrauen des Trainers oder am mangelnden Angebot des Spielers), aber es haperte eindeutig, und es sieht viel danach aus, dass das nichts mehr wird. Der Vorgänger von Davie Selke in der Rolle des Königstransfers ist inzwischen ein Fehleinkauf. Auch dieses Problem hat einen systemischen Aspekt in der mangelnden Konzeption von Hertha, wo weder Ballbesitzfußball noch Umschaltspiel jemals so weit kultiviert wurden, dass die Mannschaft sich bei ihren Vollzügen wiedererkennten hätte können. Sie hat also nie wirklich Muster ausgebildet.

Damit bin ich auch schon bei meinem Hauptpunkt: der Hauptfaktor von Hertha BSC in der abgelaufenen Saison war Pal Dardai. Die Trainerdiskussion (die keine Trainerdiskussion sein soll) folgt dieser Tage.

Eingestellt von marxelinho am 5. Juni 2018.

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