09. Februar 2020

Ein Sonnendeck im Deckungsschatten

In einem Anfall von Pathos habe ich Jordan Torunarigha gestern vor dem Spiel gegen Mainz als Genie bezeichnet. Das war einerseits ernst gemeint, denn ich bin wirklich der Meinung, dass er weit überdurchschnittlich begabt ist. Andererseits war das aber auch eine Hyperbel, also ein Beispiel für das rhetorische Mittel der Übertreibung. Und zwar für einen guten Zweck: Wir wollten denen etwas entgegensetzen, die Rassismus in die Stadien tragen.

Im Spiel gegen Mainz hatte Torunarigha dann einen Moment, der zum Genie noch ein unschmückendes Beiwort erforderlich macht: gegen Onisiwo war er in der 82. Minute ein schlampiges Genie, er ließ sich düpieren, und Quaison entschied mit seinem zweiten Treffer das Spiel. Es war aber, wie der ganze Nachmittag, eine kollektive Angelegenheit, ein Moment, in dem sich wieder einmal einige Kollegen darauf verließen, dass ein ballnaher Spieler etwas tun würde, und sie sich auf das Zuschauen beschränkten, statt etwas von den Potentialitäten zu erspüren, die in Situationen liegen. Boyata und Wolf standen also passiv herum, während Quaison der Eventualität von Onisiwo eine Aktualität verlieh, indem er in den freien Raum lief. Er hatte spekuliert, während Herthas Verteidigung es sich in der Gegenwart eines Zweikampfs gemütlich machte, den Torunarigha gerade im Begriff war, zu verlieren.

Fußball ist ein schnelles Spiel, aber es gibt schnellere. Im Vergleich zu Basketball, Eishockey oder Handball haben Fußballer vergleichsweise viel Zeit. Sie haben auch mehr Platz, und sie haben mehr Kollegen. Es gibt also viele Möglichkeiten, sich das berühmte Päuschen zu gönnen, ohne dass man gleich als Legionär Gaius Faulus auffällt wie der Kollege im Asterix-Heft. Gestern fiel allerdings relativ dramatisch auf, wie schwach das Teamwork bei Hertha entwickelt ist.

Die Betreuer hatten (gegen einen direkten Gegner im Abstiegskampf) eine nominell sehr offensive Formation gewählt: es wirkte dann wie ein schlechtes Vorzeichen, dass bis knapp vor Anpfiff Verwirrung darüber herrschte, ob Grujic und Maier (vor Ascacibar) tatsächlich gemeinsam auflaufen würden. Vorne wieder Köpke und Piatek, als Außenläufer Wolf und Mittelstädt, hinten die Dreierkette mit Torunarigha, Boyata, Stark. Eine plausible Aufstellung, die allerdings auch mit sich bringt, dass im Zentrum viel Personal ist.

Mainz spielte von Beginn an sehr geschickt ein kluges Pressing in Verbindung mit vielen kleinen und größeren Läufen. Bei Hertha hingegen war viel Ballbesitz, den aber viele eigene Spieler bevorzugt im Deckungsschatten verbrachten. Sie liefen sich nicht frei (namentlich Maier und Grujic), auch wenn es immer wieder nur einiger weniger Schritte, keineswegs intensiver Läufe bedurft hätte. Es waren immer nur zwei, maximal drei Spieler potentiell in Situationen involviert. So kommt natürlich kein Spiel zustande.

Mainz lief gestern fünf Kilometer mehr, und man konnte es mit freiem Auge sehen, dass das in der Mehrzahl sinnvolle Läufe waren, auch wenn am Ende manchmal kein Ball dorthin kam, wo ein Spieler einen möglichen Passweg geöffnet hatte.

In der Pause wechselte Team Klinsmann die Taktik aus (namentlich traf es Grujic und Stark, beide verdientermaßen). Es folgte eine Phase mit circa zehn Minuten, in denen eine gewisse Intensität zu bemerken war, Mainz begann, ein bisschen Wirkung zu zeigen, als das allerdings relevant zu werden begann, schaltete Hertha zurück und ließ es wieder ein bisschen gemütlicher angehen. Insgesamt war es schließlich ein hochverdienter Auswärtssieg einer in jeder Hinsicht besser eingestellten und besser spielenden Mannschaft.

Damit ist der Abstiegskampf wieder näher gerückt, und nun ist die Lage schon ernster als in der Hinrunde, denn Paderborn und Köln, selbst Düsseldorf (das Neunpunktetrio, das Hertha im Herbst den Arsch rettete), sind deutlich kompetenter als noch damals. Hertha hingegen hat vor lauter Projekt weiterhin wenig Plan. Das Cupspiel in Gelsenkirchen lief eine Weile ganz gut, zeigte aber auch die Grenzen des Außenseitermodells auf.

Hertha bleibt sich auch unter Klinsmann treu: als eine Mannschaft ohne Eigenschaften. Grujic ist dafür nur ein Symptom: ein Spieler, dem man im Winter deutlich signalisierte, dass das Projekt mit ihm bereits vorbei ist, spielt nun wie einer, der sich für ein eigenes Projekt nicht mehr motivieren kann. Maier sucht erst wieder seine Rolle, gestern sollte er nach der Pause im Alleingang zwischen Libero und Zehner alles richten, das geht natürlich nicht.

Wir sollten uns kein Illusionen machen: Fußball ist ein Spiel, bei dem die Defizite mit den Ansprüchen steigen. Was Mainz gestern geschafft hat, hat Hertha auch schon gezeigt, zum Beispiel im Winter in Leverkusen. Sobald es aber darum geht, ein Spiel zu entwickeln, einen ganzen (in unserem Fall ja inzwischen auch: nicht mehr blligen) Kader auf eine kreative Reise mitzunehmen, wird es schwierig. Das zeigen die Exempla Kohfeldt, aber inzwischen auch David Wagner und Oliver Glasner. Adi Hütter erfängt sich gerade wieder.

Hertha hat seit dem Wiederaufstieg keinen Trainer gefunden, der wirklich eine Veränderung der Kultur im Verein gebracht hätte. In dieser Phase sind in der Liga aber auch nur ganz wenige relevante Protagonisten dazu gekommen: Nagelsmann, vielleicht Marco Rose, bei Niko Kovac gibt es schon Grund zur Skepsis. Bei Team Klinsmann spricht bereits alles dafür, dass sich am Prinzip Irgendwie nichts mehr ändern wird. Das ist das Prinzip, das sich im Abstiegskampf immer rechtfertigen lässt. Insofern ist Hertha jetzt da, wo sie hingehört.

Eingestellt von marxelinho am 9. Februar 2020.

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