17. Mai 2020

Ellbogengesellschaft

Eine Weile habe ich gestern auf Sky das Fake-Audio mitlaufen lassen, heruntergedimmte Fangesänge aus der Konserve. Dann habe ich aber doch auf die andere Version umgeschaltet, um Hertha in Sinsheim zu sehen und auch ein bisschen zu hören. Das Spiel war eine Halbzeit lang ein wenig seltsam, in der zweiten Halbzeit wirkte es dann schon relativ normal, mit dem nicht ganz gewohnten Aspekt allerdings, dass Hertha mit drei Toren das Spiel klar für sich entschied.

Über die generellen Aspekte des Neustarts der Liga können wir diese Woche noch einmal in aller Ruhe ausführlich diskutieren. Ich habe mir natürlich auch die Stellungnahme der Harlekins angesehen, und weiß um die Streitpunkte in dieser Angelegenheit. Fußball hat aber immer diese beiden Ebenen - man kann mit seiner Entwicklung unzufrieden sein, und schaut doch die Spiele.

Ich habe also gestern dann letztendlich doch einfach ein Match gesehen. Eines, in das Hertha mit einem neuen Trainer ging: Bruno Labbadia. Er ist für mich fast schon so etwas wie ein Inbegriff der Bundesliga, zu einem größeren Engagement wird es wohl nie reichen (in England sehe ich ihn nicht), aber in der Riege der hier Tätigen ist er doch auf eine bemerkenswerte Weise beständig und professionell.

Er fand auch eine, wie sich zeigte, gute Mischung für die erste Elf. Schlüsselentscheidung war die für Ibisevic. Der Veteran spielte zugleich umsichtig und zielstrebig. Vor der großen Chance von Cunha in Halbzeit eins trat er den Gegner zwar übel, da hätte bei einem Tor sicher der Video-Referee intervenieren müssen. Aber das war nur eine von vier Szenen, in denen Herthaner vor der Pause zeigten, dass sie erst wieder in die Gänge kommen mussten. Bei Boyatas Foul hätte man auch härter sanktionieren können, aber es wurde wohl doch ein bisschen mitbedacht, dass da fehlende Matchpraxis ein Faktor war.

Das ging dann auch ziemlich schnell mit der Matchpraxis. Die zweite Halbzeit sah für mich schon sehr normal aus. Die Wendigkeit von Mittelstädt vor dem zweiten Treffer, der Fintenreichtum von Cunha vor dem dritten, das war guter Fußball. Der Sieg war in dem Maß verdient, in dem im Fußball ein Match oft nach einem Treffer eine Richtung bekommt. Hertha hatte diese Richtung zu diesem Zeitpunkt schon vorgegeben, aber der junge Hoffenheimer Beier hatte auch die Möglichkeit, das zu ändern.

Abends konnte man dann noch gelegentlich lesen, die Herthaner hätten ungebührlich gejubelt. Das ist idiotisch. Die Liga hat sich für diese besondere Situation ein paar besondere Regeln gegeben, einige dienen in erster Linie der Außendarstellung. Ich fände es besser, wenn das anders kommuniziert würde: Der Matchbetrieb versucht, für die restlichen Spieltage einen geschützten Raum zu schaffen, und er tut dies auch in einem öffentlichen Interesse, denn eine ganze Reihe von Teilbereichen der Gesellschaft suchen derzeit nach Formen, ihren Betrieb wieder aufzunehmen. Der Spitzenfußball probiert eben eine aus, die für ihn praktikabel scheint. Wenn ein Trainer auf drei Meter Abstand ein Interview gibt, muss er keine Maske tragen. Denn das müsste er auch im "richtigen" Leben nicht.

Der Neustart fällt in eine Zeit der Nervosität, denn es gibt erste Anzeichen von Alltag, und die meisten spüren doch, wie fragil das alles ist. Gestern habe ich keinen Exzess der Profitsucht, sondern eine Andeutung von Alltag erlebt. Es tat gut.

Eingestellt von marxelinho am 17. Mai 2020.

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