01. April 2018

Fight Club

Eines der kleinen Charakteristika von Pal Dardai ist, dass er nach dem Spiel fast immer sofort zum Interview kommt. Ich deute das so, dass das einfach schnell hinter sich haben will, er weiß aber auch, das es wichtig ist, selbst Stichworte für die Interpretation des Geschehenen zu geben. Im Grunde läuft die ganze aktuelle Saison auf einen Begriff hinaus, auf den er gestern auch wieder verfiel: Das torlose Remis gegen Wolfsburg im Olympiastadion am Samstagabend zu ungewohnter Stunde war ein "Kampfspiel".

Es hörte sich an, als hätte er gern etwas anderes gesagt, aber es lief dann doch wieder auf etwas Vertrautes hinaus. Ein Kampfspiel ist für Pal Dardai ein Spiel, in dem die Mannschaft nicht so ins Spiel kommt, dass sie Qualitäten zeigen könnte, die sich sie sich erarbeiten könnte, wäre Hertha nicht als Ausbildungsverein derzeit noch - und anscheinend auf ungewisse Zeit - darauf angewiesen, das Spielen zurückzustellen und irgendwie anders zu einem Erfolg zu kommen, der angesichts der konsequent aufgeschobenen Ansprüche eben auch schon in einem torlosen Remis in einem Heimspiel bestehen kann.

Gestern fühlte sich das so an, als würde die Mannschaft am liebsten genau die Distanz zum Abstiegskampf halten wollen, die sie seit Wochen auch gegen alle weitergehenden Hoffnungen verteidigt. Hertha will mit dem Anstiegskampf nichts zu tun haben, sich aber jederzeit auf ihn berufen können - auf die sichere Distanz dazu, die entfiele, wenn man sich für das Geschehen im einstelligen Tabellenbereich interessieren würde.

Auf diese Weise kommen neutralisierte Nichtspiele wie das gegen Wolfsburg zustande. In Halbzeit eins gibt es noch den einen oder anderen Versuch, dann aber wird immer deutlicher, dass ein Punkt besser ist als keiner, und wenn dann ein Gegner so matt daherkommt wie gestern der VfL, dann entsteht eben ein elastischer Nichtangriffspakt, der zwischen den Strafräumen teilweise auch hartnäckig erfochten wird. Das gilt dann als Kampfspiel.

Der repräsentative Spieler für diesen Ansatz ist Fabian Lustenberger, der bei Pal Dardai höher im Kurs steht denn je (Lustenberger spielt derzeit immer), auch wenn seine Grundhaltung weiterhin der Blick und die Körperhaltung in Richtung Jarstein ist. Lustenberger übt eine Art mimetischer Macht aus. Darida wird ihm immer ähnlicher, gestern sah sogar der vielversprechende Arne Maier schon ein bisschen danach aus.

Weiter vorn hat Hertha offensichtlich kaum eingeübte Muster, außer ein paar utopische Andeutungen von einem brillant wuselnden Kurzpass- und Kreiselfußball (Leckie und Weiser, der nach dem Spiel durchblicken ließ, dass er gedanklich schon anderswo ist). Ob Selke oder Ibisevic oder gar Schieber spielt, macht keinen Unterschied, das Spiel erreicht sie kaum einmal.

Mit dem Punkt gegen Wolfsburg hat Hertha zum dritten Mal hintereinander das Resultat aus der Hinrunde wiederholt. Es ist also immer noch einiges drin in dieser Saison. Aber die Kultur der Verweigerung von Ansprüchen hat sich inzwischen tief eingeprägt, sie wird schwer zu überwinden sein. Sie hat wohl auch ursächlich mit dem Temperament von Pal Dardai zu tun, der sich eben doch in Lustenberger stärker wiederzuerkennen scheint als in - ja, in wem eigentlich? Es fällt schwer, in der Mannschaft jemand zu finden, der vom Temperament, von der Ambition, von der Individualität her eine  Alternative darstellt.

Das ist schon eine bemerkenswerte Nivellierung, die da stattgefunden hat. Bisher hat Pal Dardai sich schon aus einigen kritischen Situationen ganz gut herausmanövriert. Die aktuelle Situation ist deswegen besonders kritisch, weil man sie ohne Weiteres in einen Minimalerfolg umdeuten kann. Bei den noch ausstehenden sechs Spielen kommt es nun schon weniger auf die noch möglichen 18 Punkte an, als darauf, etwas anzudeuten, wohin Hertha sich entwickeln könnte - aber auch so schon deutet sich ein Sommer mit einem gröberen Kaderumbruch an, denn in der augenblicklichen Verfassung sieht man da viele Spieler, die anderswo besser (dran) wären. Hertha muss sich also auf Plünderungsversuche einstellen.

Davon ausgenommen sind sicher Fabian Lustenberger und Pal Dardai.


Eingestellt von marxelinho am 1. April 2018.
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